Denn Herr Graumann hatte in knappen Zeiten ein Mittel erfunden gegen
Insektenstich.
"Man nehme", sprach er, "Urin und Brombeersäure, füge dazu ein
Fünftel Salzwasser, das durch die Kiemen von Klippfisch ging.
Schüttle das Ganze."
Reißend waren sie abgegangen, die dreißig Flaschen von je einem
halben Liter à zwei Franken fünfzig, die er an einem sonnigen Mittag
in Mußestunden verfertigt hatte am Ufer des Lago Maggiore, und die
den Vergleich aushielten mit jedem Salmiakpräparat.
Herr Graumann nahm eine Prise, reichlich mit Glas untermischt, damit
es die Schleimhäute redlich beize, und Raffaëla und Lydia drangen ihn,
sie zu photographieren zusammen mit Lottely.
Das war nun nicht leicht, weil Lotte sich fürchtete vor dem
zerfederten Eulengesicht des Herrn Graumann. Aber es ging. Ein
halbes Dutzend Visit. Ein halbes Dutzend Kabinett.
Und Herr Graumann griff nach Stativ und Kasten und sagte:
"Bitte, den Kopf etwas schief! Bitte die Hand etwas höher! Bitte
etwas freundlicher, sonst kann ich's nicht machen."
Und schrieb die Bestellung in sein Notizbuch und nahm eine lächerlich
kleine Anzahlung. Dann mußte er weiter.
"Kinder!" rief Raffaëla, "das wird ein Vergnügen! Der Mama schicke
ich eins! Eins meinem Männe ins Feld! Eins dem Farolyi!"
Doch als Herr Graumann gegangen war, kehrte die alte Langeweile
wieder.
Herr Engel, um eine Diversion zu haben, feierte den Namenstag seiner
Tante, indem er in fremden Lokalen für eigene Rechnung ausbrach und
sich entfesselte. Herr Schnepfe unterhielt sich mit seiner Frau über
Tunis, allwo Frau Schnepfe Köchin gewesen war.
Schnepfe konnte das gar nicht für wahr annehmen. Hotelköchinnen in
Tunis? Nach seiner, Herrn Schnepfes unmaßgeblicher Ansicht, waren
Hotels nicht angebracht in einer Himmelsregion, wo haarige Bestien
meckernd über die Wüste strichen; wo Totengerippe und Schädel die
Wege markierten. Frauenzimmer hatten dort nichts zu suchen.
Und da man allgemach nicht mehr ausgehen konnte--die Kälte riß einem
die Ohren vom Kopfe--, so suchte sich jeder zuhaus nach Neigung und
Temperament die Zeit zu vertreiben.
Bobby unternahm umfassende Korrespondenzen zwecks Wiederherstellung
vernachlässigter finanzieller Beziehungen. Seine Mußestunden widmete
er der Pflege der kleinen Lotte, schneuzte sie, tränkte sie, legte
sie trocken.
Engel gab Herrn Meyer sachdienliche Ticks für ein Apachenstück, das
Meyer zu Ehren Flamettis entwarf, und versenkte sich in das Studium
medizinischer Schriften aus des Herrn Meyer Handbibliothek. Auch
schrieb er die Sätze druckfertig ab, die sich aus dieses Meyer
strotzender Feder wölbten.
Jenny und Rosa, ein Stockwerk tiefer, schneiderten orangefarbene
Matrosenkostüme für ein neues Ensemble, die "Commis voyageusen".
Herr Leporello, Parterre, hatte vertrackte politische Disputationen
mit einem vierzigjährigen zelotischen Schriftsetzer, der
selbstverfaßte revolutionäre Verse voller ästhetischen Klangs jeden
Nachmittag, eh' er zur Arbeit ging, eine Viertelstunde lang,
zielbewußt rezitierte.
Weniger friedlich beschäftigten sich die Damen Raffaëla und Lydia.
Solange noch Aussicht war auf Einladungen und Unterhaltung, auf
Kavaliere und Konditorei, ging es an. Solange waren sie guter Laune
und Üppig.
Da ihnen Haushalt und Belletristik nicht lagen, gaben sie selbdritt
der kleinen Lotte französischen Unterricht.
"Lottely, sag': "Bon jour!" kreischte Raffaëla.
"Lottely, sag' "Rabenmutter"!" ärgerte sich Lydia und gab Raffaëla
einen Stoß.
"Lottely, sag' "Voulez-vous coucher avec moi?"!" stichelte Raffaëla
und schoß den Vogel ab.
"Gib das Kind her! Halt' doch deinen Mund!", entrüstete sich Lydia.
"Ich würde mich schämen! Was die dem Kind beibringt, diesem
unschuldigen Seelchen! Gib das Kind her, du Fetzen!"
Und sie zerrten das schreiende Lottely hin und her, daß Lottely
selbst nicht mehr wußte, wer da die Mutter war.
Am Abend indes bei der Vorstellung waren Mutter und Tante längst
wieder versöhnt.
übermütig und ausgelassen stocherten sie, wenn Bobby seinen Bogen
schlug, mit den Angelruten der "Nixen" durch die Kulissenwand nach
Bobbys Bäuchlein und knäbischer Druse.
In der Garderobe kneipten sie mit den Lockenscheren die sanftmütige
Rosa, daß diese, halb ausgezogen und mit beiden Händen den wertvollen
Busen schützend, laut kreischend, bis auf die Bühne rannte.
Als aber die Kavaliere ausblieben und sich auch sonst nichts regte,
wandte sich auch bei ihnen das Temperament mehr nach innen.
Das bißchen Vorstellung, die paar Tänze, der Schnack, das alles
resorbierte sie nicht. Der Zirkus beschäftigt mehr, fordert mehr
Kraftaufwand, bietet indes auch mehr Sensation und Belustigung.
Sie vermißten die nötige Reibung, den Zug, den Elan. Die
Verpflanzung bekam ihnen nicht. Die Stille reizte sie auf.
Als man am Mittagstisch saß, kamen zwei Briefe an: einer für Lydia,
einer für Raffaëla.
"Ein Brief von meiner Mama!" rief Lydia, riß das halbe Tischtuch mit,
als sie aufsprang, und las gierig, mit langem Gesicht.
"Ein Brief von meinem geliebten Männe!" schrie Raffaëla und tanzte,
den Brief in der Luft mit Küssen bedeckend, auf den Filzpantoffeln.
Leporello, neugierig, brachte seinen Kaumechanismus ins Stocken.
"Was schreibt se denn?" fragte er und schnitt auf dem Holztisch sein
Brot.
"Ach, unsre liebe Mama! Das ist eine gute Mutter!", schmachtete
Lydia. "Meine lieben Kinder! Seid ja recht artig und zankt euch
nicht!"..."
"Ach, mach' nicht so'n Getöse!" rief Raffaëla. "Du mit deinem
Geschmachte! Als wenn es nur deine Mutter wäre! Meine Mutter ist's
ebensogut!"
"An mich ist der Brief adressiert!"
"Weil du beständig den Hader bringst!"
"Ich?" kreischte Lydia, durchschaut. "Unverschämte Person!"
Und schon lagen sie sich in den Haaren.
Die Briefe von Mutter und Gatte vermischten sich unter dem Tisch.
Lottely, die soeben noch munter mit ihrem Zinnlöffel den Tisch
bearbeitet hatte, ließ ab von dieser Beschäftigung und suchte mit
einem resolut angesetzten, heulenden "Bäh!" die Aufmerksamkeit ihrer
Mutter von der sympathischen Lydia abzulenken.
Flametti schimpfte und Lepo zog unter dem Tisch sein Sprungbein an,
um einzugreifen, falls der Streit peinlichere Dimensionen annehmen
sollte.
Jenny allein beschwichtigte:
"Kinder, na setzt euch! Das Fleisch wird ja kalt!"
Es wurde schlimmer von Tag zu Tag. Die wahre, die Zirkusnatur kam
zum Vorschein.
Welch ein Schreck für das ganze Ensemble und auch für Herrn Schnepfe,
als eines Tags in der Vorstellung die Eisenstütze des Drahtseils, die
am Parkett des Herrn Schnepfe festgeschraubt war, ganz unvermittelt
herausbrach, samt einem halben Quadratmeter Parkett!
Raffaëla tanzte gerade den Matchiche. In fliederfarbenem
Satinröckchen, den einen Fuß vorschiebend über den "Telegraphendraht",
wie Flametti zu sagen pflegte, den andern Fuß nach rückwärts hoch in
die Luft geschlagen, den Japanschirm in gezierter Hand, hielt sie
bedacht die Balance, so heftig schaukelnd und mit dem Japanschirm
schlagend, daß die Petroleumhängelampen des Herrn Schnepfe in
blutiger Majestät sich verfinsterten.
Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht: da krachte der Boden.
Der Eisenträger neigte sich und das ganze Spektakel, Raffaëla im
Fliederkostüm, der Japanschirm, das vorgeschobene Bein und das
hochgeschlagene Bein, fielen auf dem geknickten Telegraphendraht
ineinander.
"Ach Gott, meine Schwester!" schrie Lydia, als stürzte ein Neubau
zusammen, "helft ihr doch! Zieht sie doch heraus! Ach, ihr lieben
Leute, helft ihr doch!"
Es war jedoch nicht viel passiert. Das Seil war nur ein Meter
achtzig hoch gespannt. Raffaëla lag wohl am Boden, der Schirm
daneben. Aber sie schien sich nur auszuruhen. Abgestürzt war sie
aus luftiger Höhe und dem Publikum bot sich Gelegenheit, ihre
Schenkel zu besehen, wie man eine Schwalbe besieht, die sich an
schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstieß und nun plötzlich,
den Blicken der Gaffer preisgegeben, ganz nahe am Boden liegt.
Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus. Immer fiel seit diesem
Begebnis Raffaëla irgendwo herunter.
Von der Bühne fiel sie herunter und hätte sich fast das Bein
gebrochen.
Von der Treppe fiel sie herunter; polternd kam sie angerutscht. Und
man mußte den Arzt holen.
Vom Draht, der jetzt der Länge nach durch das Lokal gespannt war,
fiel sie ein zweites Mal herunter, mitten auf einen mit Gästen
besetzten Tisch, wo sie, zwischen Biergläsern, verdutzt und verschämt
einen Augenblick lächelnd stehen blieb, eine bierschaumgeborene Venus.
Bösartig aber gebärdete sich Lydia.
Sie schimpfte aufs Essen, auf ihr kaltes Zimmer, auf die Männer, die
samt und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter, Tagediebe und
Unterdrücker seien, die kein Geld herausrückten.
Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn, ausgebrannt, ruiniert
und durchlöchert zurück.
Hin war der Respekt vor Flametti und seinen "Indianern".
Wenn sie Flametti sorgfältig sich schminken sah in der Garderobe,
schminkte sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen
Körperteil, von dessen Ausbeutung für Theaterzwecke selbst die Wilden
der Südsee sich nichts hätten träumen lassen.
"Wart' nur! Ich werd' es der Mama schon schreiben!" rief Raffaëla
verletzt und entrüstet.
Aber dann brach die empfindsam Lydia in heftige Tränen aus:
"Nicht einmal Spaß darf man machen! Was hat man denn noch vom Leben?
Aufhängen möchte man sich!"
Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm, mit Flametti
zusammen einen Rennstall zu besichtigen, brach zwischen Lydia und
Lepo ein solch abgründiger Haß aus, daß sich Herr Schnepfe genötigt
sah, noch spät in der Nacht mit seinem prämierten Wolfshunde
einzuschreiten.
"Judenverkäufer! Bandit! Unterdrücker! Schmierfink!" schrie Lydia,
von Raffaëla gezaust und von Lepo zerdroschen, daß es weithin den
Gang und das Haus durchgellte.
Sogar Jenny, die sich in Wahrheit aufopfernd benahm--sie lieh ihren
Protegés das halbe Boudoir aus, Brennschere, Seife, Nachttopf,
Benzin--, wurde in Mitleidenschaft gezogen.
"Du, Jenny", sondierte Raffaëla, als sie an Jennys Namenstag
traulichen Streuselkuchen zum Kaffee bekam, "Wie ist das denn mit der
Traute geworden? Schreibt er ihr noch? Der schreibt ihr doch sicher
noch! Meinst du nicht auch?"
"Nein, nein", meinte Jenny bedeutungsvoll, "der schreibt ihr nicht
mehr. Dem ist die Lust vergangen. Das hat sich ausgeschrieben."
Und einige Tage später: "Du, Jenny, der hat was mit der Soubrette.
Der Lepo auch. Gib mal acht, wenn sie singt! Ist dir denn das noch
nicht aufgefallen?"
"Geh'", sagte Jenny, "du träumst!" Aber sie nahm sich vor, auf der
Hut zu sein.
Und Raffaëla in ihrer Strohwitwenschaft, leistete sich's, mit
Flametti anzubändeln.
Sie hielt ihn nach alledem, was Jenny ihr anvertraut hatte, für einen
Naivling.
Schon duzten sie sich, trotz Flamettis erklärter Antipathie, als
eines Tags Jenny dahinterkam in der Garderobe.
"Was ist denn nun das?" schrie sie, hochrot und abgetrieben von
dieser ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her, "mit einer
verheirateten Frau fängst du auch noch an? Hast du noch nicht genug
mit dem einen Prozeß? Willst du uns ganz ruinieren?"
"Und du, Raffaëla, schämst du dich nicht?"
"Prozeß? Prozeß?" staunten Lydia und die Soubrette zugleich.
Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer.
Während Herr Engel, sein Sekretär, Fortschritte machte in der
druckfertigen Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstücks,
gönnte Herr Meyer seiner Inspiration nicht Ruhe noch Rast.
Tag und Nacht saß Herr Meyer, durchstreichend, was er geschrieben,
neu ordnend, was sich nicht fügen wollte. Ja, es konnte passieren,
daß die Inspiration ihn in Momenten heimsuchte, die in der rastlosen
Hingabe an Fräulein Laura gipfelten; daß es ihn aus dem Schlaf
auftrieb inmitten der Nacht. Dann schnellte er aus dem Bett mit
gesträubten Haaren, und nicht ließ er locker, bis daß der Gedanke
gefesselt war.
"Laura", sagte Flametti, als eines Tags Herr Meyer wieder mit völlig
gelähmten Augenlidern bei Tisch erschien, "sagen sie doch dem Meyer,
er soll sich nicht gar so quälen mit seinem Ensemble. Wissen Sie:
"Die Apachen"--offen gestanden--gefällt mir nicht recht. Verstehen
Sie wohl: gefällt mir schon. Aber es ist zu direkt. Das Publikum
stößt sich dran. Man muß Rücksicht nehmen. Außerdem wird es
nächstens bei uns entscheidende Veränderungen geben."
Fräulein Laura machte große Augen.
Sie hatte mit Engel bereits den "Apachentanz" einstudiert, der
zwischen Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel rüde
Körpergymnastik und mancherlei Aneinanderpressen der Hüftbecken mit
sich brachte.
"Veränderungen?"
"Ja, Veränderungen. Im Vertrauen gesagt: Mit den Zirkusleuten--das
geht so nicht mehr. Leporello--allen Respekt. Aber die
Weiber--unmöglich. Meine Frau hat sie engagiert. Wir brauchten
Ersatz für die Häslis. Gut. Aber jetzt ist es so weit, daß sie
selbst schon verrückt wird."
Und als Fräulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten
suchte:
"Der ganze Kram ist mir über. Es gibt keine Achtung mehr, keinen
Respekt in der Welt. Keine...."
"Grandezza", wollte er sagen. Er suchte das Wort, fand es nicht und
ersetzte es durch eine Geste.
"Nur Gemeinheit. Auch meine Frau: sie meint es ja gut. Aber vom
Höheren versteht sie halt nichts. Die Weiber haben das an sich: sie
sind gemein. Niederträchtig alle. Das ist es. Sie sind aus Prinzip
gegen das... das..."
Wieder blieb ihm das Wort aus.
"Sie sind aus Prinzip dagegen. Leer sind sie und dumm wie der Teufel.
Alles ziehen sie in den Dreck.--Sie hat mir den Zirkus ins Haus
gebracht. Wer weiß, warum. Vielleicht nur, weil sie's allein nicht
schaffen konnte. Man kommt auf den Hund."
Laura versuchte zu lächeln.
"Ach was! Depressionen!" rief sie und schwenkte den Lockenkopf.
"Geht vorüber. Sowie der Besuch sich hebt. Sowie der Erfolg
einsetzt. Müssen es denn gerade die "Indianer" sein? Es gibt doch
andere Nummern!"
Aber Flametti schüttelte den Kopf.
"Unverstand von der Jenny. Ah, diese ganze schäbige Wirklichkeit!
--Schad', daß der Türke hoch ging. Es war eine Beruhigung, so einen
Mann in der Welt zu wissen; solch eine Quantität von Opium, Kokain
und Haschisch."
Laura lächelte, gütig, bewundernd.
"Eine Freundin von mir, Russin, hat Kokain. Ich werde ihr schreiben..
."
Und eine zarte Sympathie entstand zwischen beiden, Anlaß zu manchem
Vertrauen.
Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonders niedergeschlagen.
Eine Vorladung war gekommen, vom Bezirksanwalt. "Mißbrauch und
Mißhandlung von Dienstpersonal, Verführung Minderjähriger". Traute
und Güssy hatten Anzeige erstattet.
"Was hast du gesagt?" bestürmte Jenny den Gatten, als er vom
Untersuchungsrichter zurückkam.
"Was hab' ich gesagt?" brummte Flametti, "das kannst du dir denken.
Es kommt zum Prozeß."