Kehrte dann zurück in die Quellenstraße und lenkte, am Luftgäßlein
vorbei, vorbei an dem kleinen, aber seiner Weine wegen berühmten
Gasthaus zu den "Drei Sternen", vorbei am Mordloch mit den
Gastwirtschaften "Hopfenzwilling" und "Jerichobinde", vorbei an der
Stutenreite, in die Obere Träufe.
Es war ein Gang voller angestrengter Gedankenarbeit. Im Gehen
pflegte Flametti zu denken. Bei scheinbarem Schlendern fand er die
besten Entschlüsse.
Zwei Herren kamen die Straße herunter, geradenwegs auf ihn zu.
Verflucht nochmal!
Der eine elegant, schwarzer Schnurrbart aufgekräuselt, glattes,
feistes Gesicht und glänzende Drehaugen. Der andere hager, fanatisch,
nervös: "Peter und Paul". Ein Schäferhund, leichte Patten, tief
wehender Hängeschwanz, folgte ihnen wippend auf dem Fuß.
Flametti steckte die Hände noch tiefer in seine Taschen, festigte
seinen Gang um ein Erhebliches und grüßte forciert: "Salü!"
Die beiden nahmen ihn scharf aufs Korn, musterten unauffällig mit
einem kurzen Blick seinen Anzug und gingen vorüber.
Herr Abraham Cohn stand unter der Tür seines Magazins "Zum
Chnusperhüsli". Er deutete mit dem Kopf nach den beiden sacht
gehenden Beamten.
Flametti benutzte die Gelegenheit, stehenzubleiben und meinte: "Die
Apostel gehen um!"
"Was wolln se?" meinte Herr Cohn, "mer muß se hamm. Wär mer sonst
sicher?"
Flametti trat ein und kaufte eine Tüte Leckerli.
Er ging weiter und kehrte ein im Gasthaus "Zum Vogel Strauß" wo die
ausgestopfte Gebirgsgemse und der balzende Auerhahn standen, rechts
und links vom Entrée.
Der Auerhahn trug die Fischkarte mit beigedruckten Preisen um den
Hals gehängt. Die Gebirgsgemse fletschte die Zähne, ganz
unnötigerweise, und sah todesmutig gen Himmel, ein Symbol ihrer
Heimat. Auf dem Sockel aus Felsen und Moos lagen zerstreut die Haare,
die sie gelassen hatte im Kampf mit der Scheuerbürste des
Hausknechts.
Flametti trat ein und überflog mit einem Adlerblick die drei Gäste,
die hier versammelt waren.
Verflucht nochmal! In der Ecke saß Kranemann! Kranemann, das
Moskitogesicht; Kranemann, die geschniegelte Niedertracht und
Korrektheit; Kranemann, Flamettis erbittertster Feind. Das war nicht
vorauszusehen.
Einen Moment überlegte Flametti. Sollte er umkehren? Soller tun,
als habe er sich im Lokal geirrt? Sollte er an den Hut fassen und
grüßen: "Salü! Komme später"?
Da stand aber Kranemann schon auf, kam auf ihn zu, wie von ungefähr,
und sagte: "Ah, Flametti!--was ist mit der Quittung? Wann wird sie
eingelöst? Höchster Termin!"
"Hoi, hoi, hoi!" bockte der und trat einen Schritt zurück. "Nur
langsam! Laß erst mal absitzen, damischer Kerl!" Und beschloß jetzt
zu bleiben.
"Nix da!" rief Kranemann und faßte ihn leicht beim Kragen, "heut ist
der letzte Termin! Zahlen!" und warf ein Zwanzig-Centimes-Stück auf
den Tisch.
Und wieder zu Flametti: "Den "damischen Kerl" werden wir uns merken.
Wir sprechen uns noch!" Schob seine Röllchen zurück und verschwand.
"Was hat's denn?" fragte der Wirt neugierig, drückte den schwarzen
Kneifer fester auf die Nase und kam näher. Auch die Gäste am
Kartentisch waren aufmerksam geworden.
"Na", sagte Flametti, "was hat's? Du kennst doch das damische Luder!"
Der Wirt schien das "damische Luder" durchaus nicht zu kennen.
"Ne Halbe?" rief die Kellnerin. Und Flametti nahm Platz.
"Du mußt nämlich wissen", vertraute er dem Wirt, "ich hab' doch die
Konkubinatsstrafe, weil wir nicht verheiratet waren. Nun hab' ich
doch inzwischen geheiratet und prozessiert. Und da haben sie
abgelehnt. Nun macht's mit den Prozeßkosten zusammen seine
hundertachtzig Stein. Und die wollen sie haben von mir. Und dieser
Kerl war doch früher Latrinenbesitzer. Dann ist er zur Polizei
übergegangen. Das ist dieser Kranemann. Und das dumme Luder meint
nun, er kann mich schikanieren.--Siehst du, er tut mir ja leid. Aber
es ist doch zu fad: wo man hinspuckt, stolpern einem diese traurigen
Kreaturen über die Füsse!"
"Ah, so so so so!" verstand jetzt der Wirt, "das ist der Kranemann.
Ja, so zahl' doch die paar Stein! Dann hast du doch Ruhe! Man immer
berappen!"
"Siehst du", kippte Flametti sein Bier, "jetzt erst recht nicht!
Jetzt sollen sie sich mal die Beine in den Leib laufen!"
"Tja", meinte der Wirt bedenklich, "die verstehen keinen Spaß. Da
ist's schon das Gescheitste, man gibt nach." Er lächelte schablonig
und strich sich die Hände.
"Maidche, komm her!" rief Flametti der Kellnerin und zog die Tüte mit
den Leckerli aus der Rocktasche. "Das ist für dich!" Und Maidche
nahm beschämt die Leckerli in Empfang.
"Ein Don Juan, dieser Flametti!" versicherte der Wirt seinen
schmunzelnd weitertrumpfenden Gästen.
"War der Mechmed da?" fragte Flametti die Kellnerin.
"Nein, bis jetzt nicht."
Flametti sah nach der Uhr, geschäftsmäßig, ohne indessen verabredet
zu sein. Nach der dritten Halben, als er eben gehen wollte, öffnete
sich die Tür und herein trat Mechmed.
Ali Mechmed Bei hieß der Türke. Er wohnte im Parkhotel und kam aus
Aleppo. Und darin hatte Jenny wohl recht, daß Flametti ein wenig
verdreht war im Kopf, seit er den Türken kannte.
Ali Mechmed Bei: schon der Name faszinierte Flametti. Eunuchen,
Sklaven und Harem wirbelten vor seinen aufleuchtenden Augen, wenn er
in heimlichen Stunden den Namen vor sich hinsprach.
Ali Mechmed Bei: enorme Gelder mußte er haben. Man wußte nicht recht,
was er eigentlich trieb. Aber er kam häufig in den "Vogel Strauß",
und dort hatte Flametti seine Bekanntschaft gemacht.
Ein großes Tier mußte er sein unter seinesgleichen. Denn er hatte
noble Allüren an sich. Dämonisch zog er die dichten, weißen
Augenbrauen hoch, wenn man ihn ansprach, und pflegte mit den Fingern
zu trommeln auf der Tischdecke. "Tja, mein lieber Freund!" sagte er
dann, nickte mit dem Kopfe in einer weltmännisch-gewitzigten Weise
und sah nach der Decke, wo er jede Fliege, jeden Schnörkel der
Tüncherarbeit eingehend verfolgte.
Tiefe kaffeebraune Tränensäcke hingen ihm unter den Augen, und diese
Augen selbst blickten in abgründiger Melancholie.
Horrende Trinkgelder gab er, besaß einen Geldbeutel aus Affenhaut und
roch, seiner orientalischen Herkunft gemäß, nach Zwiebel, Henna und
Kokosnuß.
Dieser Türke Mechmed trat jetzt ins Lokal, und Flametti verfolgte
jede seiner Bewegungen mit glühender, heißhungriger Sympathie.
Paletot und Regenschirm hing Herr Mechmed an den Kleiderhaken, und es
kann zugestanden werden, daß die kleine, untersetzte Gestalt, die
jetzt, zerfallen und morbid, aber freundlich lächelnd auf Flametti
zukam, den mysteriösen Gestus jener Leute hatte, die im Traum
wiederkehren. Jener Leute, die sehr wohl die Macht besitzen, ein
Varietéunternehmen zugrunde zu richten, dessen Direktor nicht
Zurückhaltung zu wahren weiß.
Dieser Türke Mechmed nämlich, dessen Smoking ölig glänzte, dessen
äußeres fadenscheinig war, besaß ein Opiumlager, hier am Platz, auch
Kokain und Haschisch, im beiläufigen Werte von vierzigtausend Franken,
nur prima reine, unverfälschte Ware, erste Qualität, das er--je nun!
--geschmuggelt hatte, und das er--verstehen Sie!--ohne Profit, nur
weil es ihn behinderte, bereit war, bei konvenierender Gelegenheit
abzustoßen.
Und da Flametti sozusagen Fachmann war--er rauchte Opium in der
Zigarette, nahm es wohl auch im Bier--, den Rummel verstand, ein Kerl
war, so sollte er, bei Gelegenheit, mal sehen, was sich tun ließ.
Man hat Bekannte, einen Arzt, einen Advokaten, einen Geschäftsfreund.
Ist ja 'ne Bagatelle, vierzig Mille, liegt ja auf der Straße, ist ja
gefunden, ist ja ein Dusel. So sollte er also mal sehen, ob man
nicht, unter der Hand, vielleicht einen Interessenten fände.
Und Flametti hatte sich auch umgesehen, seit acht Tagen--Geschäft ist
Geschäft! Spitzbuben gibt es hier wie dort!--und einen Interessenten
gefunden. Aber jetzt wollte er auch wissen, wofür.
"Siehst du, Mechmed", begann Flametti, als Mechmed Platz genommen,
die Nase geschneuzt und sich ein Helles hatte kommen lassen, das er
mit den Händen wärmte, "ist ja alles schön und gut. Wir kennen uns
jetzt seit vierzehn Tagen. Wir haben Brüderschaft getrunken. Aber
wir müssen doch jetzt einmal weiterkommen. Dein Paß ist
abgelaufen--wann?"
"Zweiundzwanzigsten."
"Zweiundzwanzigsten. Bis dahin mußt du das Quantum los sein."
Mechmed nickte, allem Anschein nach ganz vertrottelt und schläfrig.
Flametti rückte seinen Stuhl näher ran und zündete sich eine neue
Zigarette an.
"Hör' mal zu: ich bin doch kein dummes Luder, versteht sich."
Mechmed nickte.
"Du brauchst also innerhalb vierzehn Tagen einen Käufer.--Zwanzig
Prozent!"
Mechmed nahm die Zigarette aus dem Mund, hielt sie zwischen
Zeige--und Mittelfinger weit von sich weg, blies langsam den Rauch
aus und überlegte einen Moment.
"Zwanzig Prozent Provision?" sagte er dann und wiegte den Kopf, "gut!
Abgemacht! Was heißt?" und war sehr verwundert, wie man an seiner
Courtoisie zweifeln konnte.
"Langsam!" sagte Flametti. "Ich hab' den Käufer. Drei Tage
Bedenkzeit. Vierzig Mille bar auf den Tisch des Hauses."
Mechmed wurde plötzlich sehr lebendig. Mit einem Ruck fuhr er auf
seinem Stuhle herum. Sein Ellbogen auf der Stuhllehne stach spitz
gegen die Kellnerin, die mit einem geschickten Seitwärtsschwenken der
Hüften den Tisch passierte.
"Aber", sagte Flametti und kreuzte die Arme vor sich auf dem Tisch,
"ich muß nochmal Proben haben und zwei Mille Vorschuß." Wenn man
acht Mille Provision zu erwarten hatte, konnte man wohl zwei Mille
Vorschuß verlangen.
"Nix Proben!" lehnte Mechmed schwerfällig ab, die Hand am Ohr, um
besser folgen zu können.
Flametti lächelte.
"Sei mal vernünftig, Mechmed", begann er von vorne, "mein Geschäft
leidet. Seit acht Tagen bin ich nun unterwegs, dir einen Käufer zu
suchen. Rechne die Spesen! Man trifft sich im Café, zahlt die Zeche
standesgemäß. Verabredungen da und dort, hin und her. Du weißt
selbst, wie das ist--"
"Wie heißt der Käufer?" fragte Mechmed, ohne den Kopf zu drehen.
Flametti wich aus. "Wie heißt er? Tut nichts zur Sache. Prima
prima. Kassa. Zahnarzt." Es handelte sich also um den Zahnarzt,
der Jennys Goldkronen geliefert hatte, einen Herrn von
unzweifelhafter Solvenz, gewiß, der aber bis dato weder von des Herrn
Mechmed Opiumlager, noch von Flamettis Hoffnung und Agentur die
leiseste Ahnung hatte.
"Tja, mein lieber Freund!" trommelte Mechmed auf der Tischkante und
sah zur Decke, "wird sich nicht machen lassen. Sieh mal her!" und er
entnahm seinem Portefeuille einen ganzen Pack fremdartig kuvertierter
Briefe, mit denen er eine Hausse aller orientalischen Narkotika und
die gierige Nachfrage nach diesen Artikeln spielend belegte.
"Was heißt das?" stutzte Flametti, ein wenig rauh.
"Das heißt--:"--der Türke gähnte, schüttelte den Kopf und bestellte
einen Zwiebelsalat--"läßt sich nicht machen. Unter fünfzig Mille
ausgeschlossen. Offerten: Papierkörbe voll." Und er zog die Briefe
aus den Kuverts.
Flametti sah den Türken in blaue Fernen entschwinden. Perdu. Futsch.
Aus. Ihm schwindelte. Aber er versuchte, der Situation gewachsen
zu sein.
"Mechmed", sagte er, räsonnabel genug, "du bist kein Filz und ich bin
kein Ganeff. Ich weiß: es kommt dir nicht darauf an, wenn du siehst,
daß was läuft. Gut: ich verzichte auf die Proben. Macht fünfzig
Franken. Weg damit! Aber die zwei Mille Vorschuß--man muß sich
bewegen, auftreten können. Nimm doch Vernunft an! Das ist ja nicht
so! Wir sind doch gut Freund! Du verstehst schon!"
Mechmed verstand. Er nickte. Aber dann schüttelte er ablehnend den
Kopf--er schluckte dabei den Zwiebelsalat--: "Nicht zu machen.
Gefährliche Sache." Und musterte jenen mit einem profunden Blick.
"Varieté", meinte er, "Weiber, Feuer, Indianer: ja. Ja, ja. Aber
Opium--." Er schüttelte.
"Mein lieber Freund", sagte er väterlich, "schwierige Sache.
Diffizile Sache. Nicht zu machen." Und dabei verblieb er. Den
Daumen hatte er in den Hosenbund eingehängt. Den linken Arm ließ er
über die Stuhllehne herunterbaumeln. Er schien darüber nachzudenken,
wen er zum Nachfolger ernennen könnte.
"So?" rief Flametti erbost, "das sagst du mir heut? Nach acht Tagen?
Das hätt'st du mir wohl auch acht Tage früher sagen können."
"Nix Proben!" schüttelte Mechmed versunken den Kopf und suchte den
Zahnstocher in seiner Westentasche.
"Ah, ich pfeif' dir auf deine Proben! Hier und hier und hier, wenn
du sie wieder haben willst." Aus der inneren Rocktasche brachte
Flametti dreimal je eine kleine Papiertüte, Haschisch-, Opium--und
Kokainprobe zum Vorschein, die er heftig in einer Reihe nebeneinander
auf den Tisch schlug und dem Mechmed zuschob.
Aber Mechmed hatte die überlegene Geste des père noble. "Merci, mon
cher ami, c'est pour bonhomie!" und schob Flametti, ohne einen Blick
darauf zu werfen, die Pulvertüten wieder zu. "Zahlen!" rief er und
schlug den Geldbeutel aus Affenhaut, den er an einer Ecke gefaßt
hielt, grandenhaft auf den Tisch.
Flametti raffte die Proben zusammen, steckte sie ein und sprang auf.
"Wieso Merci? Wieso Proben? Weißt du, Mechmed, das ist--das ist--"
Seine Augen funkelten. Er schien zu Tätlichkeiten geneigt. "Also
weißt du--"
Aber Mechmed hatte sich, etwas schwach auf den Waden, schon zum
Kleiderhaken begeben, nahm Paletot, Hut und Regenschirm herunter;
sagte, mit einer einzigen, großen, zauberhaften Handbewegung über den
Tisch und Flametti wegsegnend zur Kellnerin: "Deux francs, l'addition.
Bonjour die Herrn!" und wandte sich wackelnd zum Ausgang.
Flametti stand gebannt und entwaffnet. Und da er die Blicke der
Gäste auf sich gerichtet sah, ließ er seinen ärger in ein
entschuldigendes Lächeln übergehen, setzte sich wieder hin und drehte
an seinen Ringen.
Zu dumm, diese ganze Affäre! Was würde Jenny dazu sagen? Was war
nun das Resultat von vierzehn Tagen? Drei Tüten Niespulver.
Er mußte lächeln, wenn er an den alten Knacker dachte, der es
verstanden hatte, ihn hinzuhalten. Aber es war ein Lächeln, das
saurer wurde, je länger es währte.
Eigentlich hatte er gehofft, der Türke würde ihm aus der Klemme
helfen. Und mehr:
Beim brasilianischen Konsulat hatte er vorgesprochen zwecks
Auskünften. Auszuwandern gedachte er, wenn die acht Mille vom Türken
erst flüssig würden.
Sich in der Schweiz mit den Lölis placken? Man ist doch kein Narr.
Die brasilianische Regierung stellt Land zur Verfügung, soviel man
haben will. Baut einen Rancho. Zwanzig Jahre Kredit. Jenny wird
Kaffee pflanzen. Max Sumpfhühner schießen. Ein Pferd kostet dreißig
Franken. Eine Kuh zwanzig. Ein Kalb zehn. Und man atmet in freier
Luft; Brust an Brust mit den Botokuden.
"Das machen Sie gut!" unterbrach sich Flametti mit einer Floskel aus
seinem Varietéjargon, "freie Luft!"
Ihm fiel die Konkubinatsstrafe ein. Was wird nun damit geschehen?
Nachdem der Türke versagt hat? Kranemann wird keinen Pardon mehr
geben. In die Wohnung wird er kommen mit dem Arrestbefehl. Mit dem
Loch wird er drohen.
Er, Kranemann, ihn, Flametti arretieren! Flametti lachte. Zur
Treppe wird er ihn spedieren, den Herrn Kranemann. Vors Fenster wird
er ihn hängen, wie er die Möbel seiner ersten Frau, dieser Xanthippe,
vors Fenster gehängt hat: den Nachtstuhl, den Schrank, die Kommode,
alles hinaus vors Fenster, an langen Stricken. Da hol' dir's!
Das war ein Auflauf auf der Straße. Mit Fingern zeigten sie auf die
Hausfront.
Nun, man soll erst mal sehen, wenn die Detektivs draußen hängen!
Jeder am Rockkragen säuberlich zum Lüften aufgehängt. Ist's ein
Wunder? Geld hat man keins. Fürs Loch hat man keine Zeit. Und doch
wird man aufs Blut kuranzt...
Wenn man's bei Licht besieht: die sind doch die eigentlichen Apachen.
Mit diesem Beruf! Warum betreiben sie ihn? Aus Rechtlichkeit?
Ganz gewiß nicht. Aus Ordnungsliebe? Keine Spur. Raufbrüder sind
es, verkappte. Herausfordernde Protzen. Leisetreter. Drohnen der
Gesellschaft.
Auch diese Schäferhunde: das sind schon die rechten! So ein Vieh,
ansehen muß man's: entartete Bestien. Wirf ihnen einen Brocken hin:
sie schnuppern nicht einmal dran. Hochverräter an ihrer ganzen Rasse.
Leisetreter wie ihre Herrn.
In seinem, Flamettis Fall: wowohl, er hatte in Konkubinat gelebt.
Die Scheidung von seiner ersten Frau war noch nicht durchgeführt.
Wer beklagte sich drüber? Niemand. Macht hundertfünfzig Franken
Buße. Inklusive Prozeßkosten: hundertachtzig Franken. Sah man von
diesem Geld je etwas wieder? Wurde dafür die Fuchsweide verschönert?
Ein neuer Bahnhof gebaut? Flametti reiste wenig. Ihn interessierte
es nicht. Aber die hundertachtzig Franken, die interessierten ihn.
"Zahlen!" rief er laut und patzig.
Als er auf die Straße trat, fielen ihm Jenny und das Geschäft wieder
ein.
Hinüber lenkte er zur Filiale des "Tagblatt" und gab eine Annonce auf:
"Lehrmädchen gesucht. Kostenlose Aufnahme und Ausbildung.
Flamettis Varieté-Ensemble."
Kostete drei Franken achtzig. Er nahm die Quittung und seinen
Ausweis in Empfang und kehrte um. Seine Stimmung, so sehr er auch
grübelte, klärte sich auf.
Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Gerümpelauto. Ein Mechaniker in
blauem Arbeitsanzug flickte am Reifen. Eine Anzahl Kinder um ihn
herum. Die Verwegensten drückten verstohlen auf die Gummiblase der
Hupe, was einige grunzende, mißfarbige Laute zur Folge hatte.
Flametti stoppte und sah sich den Karren an.
"Panne?" fragte er den Chauffeur.
"Panne", erwiderte dieser, eifrig beschäftigt.
Der Schaden war rasch repariert. Die Kinder des Autobesitzers
stiegen auf. Der Chauffeur ebenfalls. Einige grunzende Laute der
Hupe und der Kraftwagen setzte sich unter dem lauten Johlen der
schmutzigen Kinderschar, die sich aus allen Löchern und Winkeln
eingefunden hatte, in Bewegung. Die Kinder des Besitzers spuckten
dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller Anstrengung
auf die Proletarierkinder, die sich hinten angehängt hatten und mit
geknickten Beinen, trompetend, nachschleppen ließen. Ein Auto in der
Fuchsweide, so früh am Abend, war ein Ereignis.
Die Quellenstraße wieder hinunter schritt Flametti, vorbei an Ismaëls
"Holländerstübli", vorbei an "Muselmanns Zigarettengeschäft", wo im
Schaufenster der Philipp saß, den roten Fes auf dem Kopf, Zigaretten
fabrizierend; vorbei am "Schlankeren Jacob" und an den
Geschäftslokalitäten der Heilsarmee, hinein ins "Krokodil".
"Salü!" grüßte er, setzte sich, kramte in seinen Taschen und brachte
zum Vorschein: ein altes Trambahnbillett und den in der Frühe
gekauften hellblauen Tschibuk.
"Ist der Beizer da?" Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt.
"Jawohl, kommt gleich!" sagte die Kellnerin. Die hieß Anna.
"Gut!" sagte Flametti und nahm einen kräftigen Schluck aus der
frischen Halben.
Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.
So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im "Krokodil"
engagiert zu werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die
Vorzüge seines Lokals zu gut, als daß er für jeden Schnorrer wäre zu
haben gewesen. "Centrale Lage" stand auf den Empfehlungskarten
seines Hotels. Und dem Krokodil, das über dem Eingang prangte, sagte
man nach, daß es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen getrieben,
allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Büchsenschuß
eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und
entkröst als Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu
verhelfen.
Nein, es war gar nicht leicht, im "Krokodil" anzukommen. Denn es war
eine Ehre.
Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen Herr
Schnabel auftreten ließ, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabel
vollzogener Kontrakt war ein Ausweis und Leumundszeugnis. Herr
Schnabel, mit Annahme und Ablehnung, teilte Zensuren aus.
Aber Flametti würde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und
hier ist es am Platz, zu sagen, daß Flametti keineswegs unvorbereitet
um eine Konferenz mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die
spielfreien Abende benützt: er hatte sich umgesehen. Mit Jenny im
"Germania-Cabaret": Stanislaus Rotter, Schnelldichter und
Conférencier--man hatte ihn seine Schmonzes vortragen hören; seinen
redegewandten Improvisationen nicht ohne Gewinn gelauscht. Er war es,
von dem Flametti das Heil erwartete.
Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgröße, würde
sich, nur für ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein
Ensemble zu schreiben, ein unerhörtes, ein buntes, nie dagewesenes
Gesangstableau: es würde die Kassen füllen, die Konkurrenz
totschlagen, und wäre ein voller Ersatz für den Türken.
Freilich: hingehen mußte man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten,
devotest, um soviel Güte. Aber wer weiß: vielleicht würde er's tun.
Ein gutes Ensemble von ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt,
brutal--und alles wäre in Ordnung. Herr Schnabel würde nicht Nein
sagen können: schon wegen der Konkurrenz. Die Konkubinatsstrafe
könnte beglichen werden. Die Schwierigkeit wäre behoben.
Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und
was war natürlicher, als daß er dabei an Ersatz für den Türken dachte?
"Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!" sagte er zur Kellnerin, die
neugierig den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das
Rohr des Tschibuks in den Mund, blies hindurch, probierte den Zug und
besah die Arbeit. Es war die erste stille Minute seit früh um halb
sechs.
"Ah, Flametti!" trat der Herr Wirt freundlich näher, "wie geht's, wie
steht's? Pfeife rauchen?"
"Mein neuer Tschibuk", renommierte Flametti, "fürs "Harem"."
"Neue Ausstattung?" meinte Herr Schnabel. Und mit Bezug auf den
Tschibuk: "Schönes Stück.--Echtes Stück?"
"Jawohl", bestätigte Flametti prompt und zuvorkommend. "Tschibuk aus
Aleppo. Echte Arbeit."
"Ah, von dem Mechmed", riet Herr Schnabel aufs Geratewohl. Flamettis
Beziehungen zum Türken waren ihm nicht unbekannt.
"Nix Mechmed!" beeilte Flametti sich, mit gesundeter Selbstironie
hausbacken zurückzuweisen. "Orientbazar. Sieben Franken fünfzig."
"Ist auch besser so", meinte Herr Schnabel leichthin und nur halb bei
der Sache. Er drehte die Hand in der Hosentasche, verfolgte mit
wachsamen Augen den Hausknecht, der zapfte; die Kellnerinnen, die
sich anschickten, den Saal fürs Konzert herzurichten, und entschwand
zum Büfett. Er hatte offenbar viel zu tun.
Flametti war in Verlegenheit. Was sollte er tun?
Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife.
Ein glücklicher Umstand kam ihm zu statten: Frau Schnabel erschien im
Lokal, freundlich lächelnd nach allen Seiten, eine aufgehende Sonne.
"Sie, Herr Schnabel!" rief Flametti vertraulich, winkte mit dem Kopfe
und griff in die Brusttasche: "Was sagen Sie dazu? Kennen Sie den?"
Und lächelte Madame Schnabel ein "Guten Abend" zu.
Herr Schnabel, abgelöst am Büfett, trat wieder näher. Aus Flamettis
Hand, zeremoniös umschlossen, stieg eine Photographie in
Postkartenformat, darstellend einen Herrn in den mittleren Jahren,
mit englisch gestutztem Schnurrbart, Schillerkragen und
Künstlerkrawatte.
"Das ist doch der--Rotter?" riet der Wirt. "Jerum, der Rotter!" rief
er erstaunt seiner Frau zu und beugte sich näher, um über Flamettis
Schulter hinweg die Photographie zu betrachten. Auch Frau Schnabel
trat näher.
"Ja, der Rotter", bestätigte Flametti und stand auf, um die
Photographie auch Madame zugänglich zu machen. "Wissen Sie, wo der
jetzt auftritt?" Er war ein wenig verwirrt, eine Supplikantenrolle
zu spielen, wurde verlegen und lächelte. "Als Schnelldichter im
Germania-Cabaret."
"So so!" meinte Frau Schnabel skeptisch und dünn, als habe sie den
Pips an der Zunge. Sie neigte den Kopf zur Schulter, drehte die Hand
in der Schürzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter
auf ihren Spangenschuh.
"Conférencier und Improvisator-Berühmtheit!" versicherte Flametti.
"Fünfhundert Franken Gage. Karrieremacher. Feiner Kerl!"
"Waren ja Freunde, ich und der Rotter", wandte er sich an Madame.
"Je Gott! Dort drüben"--er zeigte nach einer Nische--"nebeneinander
sind wir gesessen und haben Asti gezecht!"
Und wieder zu Herrn Schnabel: "Erinnern Sie sich? Und im
"Bratwurstglöckli" z'Basel: Sie kennen doch den Rotter, was der für
'nen Appetit hat!--Als der Kaiser nach Bern kam: wer hat das
Begrüßungsgedicht verfaßt? Erinnern Sie sich?"
Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt.
"Richtig!" fuhr er in großem Bogen von der Stirn weg in die Luft.
"Macht ja Karriere!" rühmte Flametti und schob klotzig den
Unterkiefer vor, um die brutal verdrängende Energie des Herrn Rotter
respektvoll zu charakterisieren. "Verdient ja ein Heidengeld!
Stadtgespräch!"
"Na und jetzt?" interessierte sich Herr Schnabel.
"Unnahbar. Nichts zu machen. Keiner kommt an ihn ran. Wie
abgeschnitten."
Und wieder mit unwiderstehlicher Großartigkeit zu Madame Schnabel:
"Ein Talent! Der Kerl schüttelt die Verse nur so aus dem ärmel.
Stundenlang. Phänomenal."
"So so!" lächelte Frau Schnabel wie oben, mit einem so liebenswürdig
knappen Mißtrauen, daß es Flametti die Glieder lähmte.
"Elegant!" schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte, mit einem
ermunternden Blick auch seine zurückhaltende Ehehälfte zu gewinnen.
"Tipp topp!" überbot Flametti. "Man muß ihn abends sehen, bei
Beleuchtung. Im Frack. "Elegant"! Das ist das Wort zu viel!" und
etwas wie Ironie und leise Verachtung mischte sich in Flamettis
unendlich überlegenes Interesse. Er war sich bewußt, seinen letzten
Trumpf auszuspielen. Jetzt oder nie.
"Siehst du, Flametti", sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte
sich an den Tisch, "so etwas müßtest du engagieren! Mich geht's ja
nichts an: aber laß doch den Kram mit dem Türken und such' dir 'nen
Schlager!"
Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus. Er bekam Oberwasser. Das
alte, vertrauliche "Du" des Herrn Schnabel ehrte ihn. Er steckte die
Photographie ein. "Jawohl! Und wieviel Draufgeld zahlst du mir?"
"Was Draufgeld! Je nachdem! Zweihundert Franken, dreihundert
Franken. Haben schon vierhundert gezahlt im Monat."
""Je nachdem"!" lächelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas
zwischen die Hände. "Ist ja Stuß. Aber ich will dir was sagen: Was
zahlst du, wenn er mir ein Ensemble schreibt?"
"Was zahl' ich?" gigampfete Herr Schnabel. "Kommt drauf an!" Und er
stieg mit der Stimme. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz und
strich sich den Schnauzbart.
Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten. Sie wußte: jetzt
kam's zum Geschäft. Sie zeigte ein Lächeln, das schon im voraus ihre
Zustimmung zu allen etwaigen Maßnahmen des Gatten zum Ausdruck
brachte. Ein Lächeln, das, drüber hinaus, Ermutigung zu bedeuten
schien für den glücklichen Kontrahenten, dem es gelungen war, das
Interesse ihres Gemahls, des Herrn Schnabel vom "Krokodil" zu erregen.
"Minimum!" rief Flametti, der nun einmal den Schnabel gefaßt hielt
und nicht gewillt war, ihn wieder loszulassen.
"Kommt darauf an, was ihr bringt!" schaukelte Herr Schnabel sich von
den Absätzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf
die Absätze.
Flametti zählte an den Fingern seine Mitglieder her: "Zehn Personen.
Drei Lehrmädel."
"Gut", sagte Schnabel, "wenn du was bringst von dem Rotter, und alles
anständig, dezent--: dreihundert Franken und am fünfzehnten könnt ihr
kommen."
"Abgemacht!" schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand
zu über den Tisch. "Anna, 'ne Halbe!"
Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen
reichen Tage nach Hause kam.
"Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?" Sie war sehr besorgt.
"Engagement im "Krokodil". Fünfzehnten fangen wir an."
Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn.
"Aber was spielen wir denn?"
"Morgen geh' ich zum Rotter."