Saal

Götz, Elisabeth, Georg, Knechte bei Tische.

Götz. So bringt uns die Gefahr zusammen. Laßt's euch schmecken,

meine Freunde! Vergeßt das Trinken nicht. Die Flasche ist leer.

Noch eine, liebe Frau. (Elisabeth zuckt die Achsel.) Ist keine mehr

da?

Elisabeth (leise). Noch eine; ich hab sie für dich beiseite gesetzt.

Götz. Nicht doch, Liebe! Gib sie heraus. Sie brauchen Stärkung,

nicht ich; es ist ja meine Sache.

Elisabeth. Holt sie draußen im Schrank!

Götz. Es ist die letzte. Und mir ist's, als ob wir nicht zu sparen

Ursach hätten. Ich bin lange nicht so vergnügt gewesen. (Schenkt ein.

) Es lebe der Kaiser!

Alle. Er lebe!

Götz. Das soll unser vorletztes Wort sein, wenn wir sterben! Ich

lieb ihn, denn wir haben einerlei Schicksal. Und ich bin noch

glücklicher als er. Er muß den Reichsständen die Mäuse fangen,

inzwischen die Ratten seine Besitztümer annagen. Ich weiß, er wünscht

sich manchmal lieber tot, als länger die Seele eines so krüppligen

Körpers zu sein. (Schenkt ein.) Es geht just noch ein mal herum. Und

wenn unser Blut anfängt, auf die Neige zu gehen, wie der Wein in

dieser Flasche erst schwach, dann tropfenweise rinnt (tröpfelt das

Letzte in sein Glas), was soll unser letztes Wort sein?

Georg. Es lebe die Freiheit!

Götz. Es lebe die Freiheit!

Alle. Es lebe die Freiheit!

Götz. Und wenn die uns überlebt, können wir ruhig sterben. Denn wir

sehen im Geist unsere Enkel glücklich und die Kaiser unsrer Enkel

glücklich. Wenn die Diener der Fürsten so edel und frei dienen wie

ihr mir, wenn die Fürsten dem Kaiser dienen, wie ich ihm dienen

möchte-Georg. Da müßt's viel anders werden.

Götz. So viel nicht, als es scheinen möchte. Hab ich nicht unter den

Fürsten treffliche Menschen gekannt, und sollte das Geschlecht

ausgestorben sein? Gute Menschen, die in sich und ihren Untertanen

glücklich waren; die einen edeln freien Nachbar neben sich leiden

konnten und ihn weder fürchteten noch beneideten; denen das Herz

aufging, wenn sie viel ihresgleichen bei sich zu Tisch sahen und nicht

erst die Ritter zu Hofschranzen umzuschaffen brauchten, um mit ihnen

zu leben.

Georg. Habt Ihr solche Herrn gekannt?,

Götz. Wohl. Ich erinnere mich zeitlebens, wie der Landgraf von Hanau

eine Jagd gab und die Fürsten und Herrn, die zugegen waren, unter

freiem Himmel speisten und das Landvolk all herbeilief, sie zu sehen.

Das war keine Maskerade, die er sich selbst zu Ehren angestellt hatte.

Aber die vollen runden Köpfe der Bursche und Mädel, die roten Backen

alle, und die wohlhäbigen Männer und stattlichen Greise, und alles

fröhliche Gesichter, und wie sie teilnahmen an der Herrlichkeit ihres

Herrn, der auf Gottes Boden unter ihnen sich ergetzte!

Georg. Das war ein Herr, vollkommen wie Ihr.

Götz. Sollten wir nicht hoffen, daß mehr solcher Fürsten auf einmal

herrschen können? Daß Verehrung des Kaisers, Fried und Freundschaft

der Nachbarn und Lieb der Untertanen der kostbarste Familienschatz

sein wird, der auf Enkel und Urenkel erbt? Jeder würde das Seinige

erhalten und in sich selbst vermehren, statt daß sie jetzo nicht

zuzunehmen glauben, wenn sie nicht andere verderben.

Georg. Würden wir hernach auch reiten?

Götz. Wollte Gott, es gäbe keine unruhige Köpfe in ganz Deutschland!

Wir würden noch immer zu tun genug finden. Wir wollten die Gebirge

von Wölfen säubern, wollten unserm ruhig ackernden Nachbar einen

Braten aus dem Wald holen und dafür die Suppe mit ihm essen. Wär uns

das nicht genug, wir wollten uns mit unsern Brüdern, wie Cherubim mit

flammenden Schwertern, vor die Grenzen des Reichs gegen die Wölfe die

Türken, gegen die Füchse die Franzosen lagern und zugleich unsers

teuern Kaisers sehr ausgesetzte Länder und die Ruhe des Reichs

beschützen. Das wäre ein Leben! Georg! wenn man seine Haut für die

allgemeine Glückseligkeit dransetzte. (Georg springt auf.) Wo willst

du hin?

Georg. Ach ich vergaß, daß wir eingesperrt sind--und der Kaiser hat

uns eingesperrt--und unsere Haut davonzubringen, setzen wir unsere

Haut dran?

Götz. Sei gutes Muts.

(Lerse kommt.)

Lerse. Freiheit! Freiheit! Das sind schlechte Menschen,

unschlüssige bedächtige Esel. Ihr sollt abziehen mit Gewehr, Pferden

und Rüstung. Proviant sollt Ihr dahintenlassen.

Götz. Sie werden sich kein Zahnweh dran kauen.

Lerse (heimlich). Habt Ihr das Silber versteckt?

Götz. Nein! Frau, geh mit Franzen, er hat dir was zu sagen.

(Alle ab.)

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand: Ein Schauspiel · 第 65 / 98 题