April

Meine Korrespondenz der letzten Wochen bietet wenig Bedeutendes; meine

Lage war zu verwickelt zwischen Kunst und Freundschaft, zwischen

Besitz und Bestreben, zwischen einer gewohnten Gegenwart und einer

wieder neu anzugewöhnenden Zukunft. In diesen Zuständen konnten meine

Briefe wenig enthalten; die Freude, meine alten geprüften Freunde

wiederzusehen, war nur mäßig ausgesprochen, der Schmerz des Loslösens

dagegen kaum verheimlicht. Ich fasse daher in gegenwärtigen

nachträglichen Bericht manches zusammen und nehme nur das auf, was aus

jener Zeit mir teils durch andere Papiere und Denkmale bewahrt, teils

in der Erinnerung wieder hervorzurufen ist.

Tischbein verweilte noch immer in Neapel, ob er schon seine

Zurückkunft im Frühling wiederholt angekündigt hatte. Es war sonst

mit ihm gut leben, nur ein gewisser Tik ward auf die Länge

beschwerlich. Er ließ nämlich alles, was er zu tun vorhatte, in einer

Art Unbestimmtheit, wodurch er oft ohne eigentlich bösen Willen andere

zu Schaden und Unlust brachte. So erging es mir nun auch in diesem

Falle; ich mußte, wenn er zurückkehrte, um uns alle bequem logiert zu

sehen, das Quartier verändern, und da die obere Etage unsers Hauses

eben leer ward, säumte ich nicht, sie zu mieten und sie zu beziehen,

damit er bei seiner Ankunft in der untern alles bereit fände.

Die oberen Räume waren den unteren gleich, die hintere Seite jedoch

hatte den Vorteil einer allerliebsten Aussicht über den Hausgarten und

die Gärten der Nachbarschaft, welche, da unser Haus ein Eckhaus war,

sich nach allen Seiten ausdehnte.

Hier sah man nun die verschiedensten Gärten, regelmäßig durch Mauern

getrennt, in unendlicher Mannigfaltigkeit gehalten und bepflanzt;

dieses grünende und blühende Paradies zu verherrlichen, trat überall

die einfach edle Baukunst hervor: Gartensäle, Balkone, Terrassen, auch

auf den höhern Hinterhäuschen eine offne Loge, dazwischen alle

Baum--und Pflanzenarten der Gegend.

In unserm Hausgarten versorgte ein alter Weltgeistlicher eine Anzahl

wohlgehaltener Zitronenbäume von mäßiger Höhe in verzierten Vasen von

gebrannter Erde, welche im Sommer der freien Luft genossen, im Winter

jedoch im Gartensaale verwahrt standen. Nach vollkommen geprüfter

Reife wurden die Früchte sorgfältig abgenommen, jede einzeln in

weiches Papier gewickelt, so zusammengepackt und versendet. Sie sind

wegen besonderer Vorzüge im Handel beliebt. Eine solche Orangerie

wird als ein kleines Kapital in bürgerlichen Familien betrachtet,

wovon man alle Jahre die gewissen Interessen zieht.

Dieselbigen Fenster, aus welchen man so viel Anmut beim klarsten

Himmel ungestört betrachtete, gaben auch ein vortreffliches Licht zu

Beschauung malerischer Kunstwerke. Soeben hatte Kniep verschiedene

Aquarellzeichnungen, ausgeführt nach Umrissen, die er auf unsrer Reise

durch Sizilien sorgfältig zog, verabredetermaßen eingesendet, die

nunmehr bei dem günstigsten Licht allen Teilnehmenden zu Freude und

Bewunderung gereichten. Klarheit und luftige Haltung ist vielleicht

in dieser Art keinem besser gelungen als ihm, der sich mit Neigung

gerade hierauf geworfen hatte. Die Ansicht dieser Blätter bezauberte

wirklich, denn man glaubte, die Feuchte des Meers, die blauen Schatten

der Felsen, die gelbrötlichen Töne der Gebirge, das Verschweben der

Ferne in dem glanzreichsten Himmel wieder zu sehen, wieder zu

empfinden. Aber nicht allein diese Blätter erschienen in solchem

Grade günstig, jedes Gemälde, auf dieselbe Staffelei, an denselben Ort

gestellt, erschien wirksamer und auffallender; ich erinnere mich, daß

einigemal, als ich ins Zimmer trat, mir ein solches Bild wie

zauberisch entgegenwirkte.

Das Geheimnis einer günstigen oder ungünstigen, direkten oder

indirekten atmosphärischen Beleuchtung war damals noch nicht entdeckt,

sie selbst aber durchaus gefühlt, angestaunt und als nur zufällig und

unerklärbar betrachtet.

Diese neue Wohnung gab nun Gelegenheit, eine Anzahl von Gipsabgüssen,

die sich nach und nach um uns gesammelt hatten, in freundlicher

Ordnung und gutem Lichte aufzustellen, und man genoß jetzt erst eines

höchst würdigen Besitzes. Wenn man, wie in Rom der Fall ist, sich

immerfort in Gegenwart plastischer Kunstwerke der Alten befindet, so

fühlt man sich wie in Gegenwart der Natur vor einem Unendlichen,

Unerforschlichen. Der Eindruck des Erhabenen, des Schönen, so

wohltätig er auch sein mag, beunruhigt uns, wir wünschen unsre Gefühle,

unsre Anschauung in Worte zu fassen: dazu müßten wir aber erst

erkennen, einsehen, begreifen; wir fangen an zu sondern, zu

unterscheiden, zu ordnen, und auch dieses finden wir, wo nicht

unmöglich, doch höchst schwierig, und so kehren wir endlich zu einer

schauenden und genießenden Bewunderung zurück.

überhaupt aber ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke,

daß sie uns in den Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die

sie hervorbrachten. Umgeben von antiken Statuen, empfindet man sich

in einem bewegten Naturleben, man wird die Mannigfaltigkeit der

Menschengestaltung gewahr und durchaus auf den Menschen in seinem

reinsten Zustande zurückgeführt, wodurch denn der Beschauer selbst

lebendig und rein menschlich wird. Selbst die Bekleidung, der Natur

angemessen, die Gestalt gewissermaßen noch hervorhebend, tut im

allgemeinen Sinne wohl. Kann man dergleichen Umgebung in Rom

tagtäglich genießen, so wird man zugleich habsüchtig darnach; man

verlangt, solche Gebilde neben sich aufzustellen, und gute Gipsabgüsse

als die eigentlichsten Faksimiles geben hiezu die beste Gelegenheit.

Wenn man des Morgens die Augen aufschlägt, fühlt man sich von dem

Vortrefflichsten gerührt; alles unser Denken und Sinnen ist von

solchen Gestalten begleitet, und es wird dadurch unmöglich, in

Barbarei zurückzufallen.

Den ersten Platz bei uns behauptete Juno Ludovisi, um desto höher

geschätzt und verehrt, als man das Original nur selten, nur zufällig

zu sehen bekam und man es für ein Glück achten mußte, sie immerwährend

vor Augen zu haben; denn keiner unsrer Zeitgenossen, der zum erstenmal

vor sie hintritt, darf behaupten, diesem Anblick gewachsen zu sein.

Noch einige kleinere Junonen standen zur Vergleichung neben ihr,

vorzüglich Büsten Jupiters und, um anderes zu übergehen, ein guter

alter Abguß der Medusa Rondanini; ein wundersames Werk, das, den

Zwiespalt zwischen Tod und Leben, zwischen Schmerz und Wollust

ausdrückend, einen unnennbaren Reiz wie irgendein anderes Problem über

uns ausübt.

Doch erwähn' ich noch eines Herkules Anax, so kräftig und groß, als

verständig und mild; sodann eines allerliebsten Merkur, deren beider

Originale sich jetzt in England befinden.

Halberhobene Arbeiten, Abgüsse von manchen schönen Werken gebrannter

Erde, auch die ägyptischen, von dem Gipfel des großen Obelisk genommen,

und was nicht sonst an Fragmenten, worunter einige marmorne waren,

standen wohl eingereiht umher.

Ich spreche von diesen Schätzen, welche nur wenige Wochen in die neue

Wohnung gereiht standen, wie einer, der sein Testament überdenkt, den

ihn umgebenden Besitz mit Fassung, aber doch gerührt ansehen wird.

Die Umständlichkeit, die Bemühung und Kosten und eine gewisse

Unbehülflichkeit in solchen Dingen hielten mich ab, das Vorzüglichste

sogleich nach Deutschland zu bestimmen. Juno Ludovisi war der edlen

Angelika zugedacht, weniges andere den nächsten Künstlern, manches

gehörte noch zu den Tischbeinischen Besitzungen, anderes sollte

unangetastet bleiben und von Bury, der das Quartier nach mir bezog,

nach seiner Weise benutzt werden.

Indem ich dieses niederschreibe, werden meine Gedanken in die frühsten

Zeiten hingeführt und die Gelegenheiten hervorgerufen, die mich

anfänglich mit solchen Gegenständen bekannt machten, meinen Anteil

erregten, bei einem völlig ungenügenden Denken einen überschwenglichen

Enthusiasmus hervorriefen und die grenzenlose Sehnsucht nach Italien

zur Folge hatten.

In meiner frühsten Jugend ward ich nichts Plastisches in meiner

Vaterstadt gewahr; in Leipzig machte zuerst der gleichsam tanzend

auftretende, die Zimbeln schlagende Faun einen tiefen Eindruck, so daß

ich mir den Abguß noch jetzt in seiner Individualität und Umgebung

denken kann. Nach einer langen Pause ward ich auf einmal in das volle

Meer gestürzt, als ich mich von der Mannheimer Sammlung in dem von

oben wohlbeleuchteten Saale plötzlich umgeben sah.

Nachher fanden sich Gipsgießer in Frankfurt ein, sie hatten sich mit

manchen Originalabgüssen über die Alpen begeben, welche sie sodann

abformten und die Originale für einen leidlichen Preis abließen. So

erhielt ich einen ziemlich guten Laokoons-Kopf, Niobes Töchter, ein

Köpfchen, später für eine Sappho angesprochen, und noch sonst einiges.

Diese edlen Gestalten waren eine Art von heimlichem Gegengift, wenn

das Schwache, Falsche, Manierierte über mich zu gewinnen drohte.

Eigentlich aber empfand ich immer innerliche Schmerzen eines

unbefriedigten, sich aufs Unbekannte beziehenden, oft gedämpften und

immer wieder auflebenden Verlangens. Groß war der Schmerz daher, als

ich, aus Rom scheidend, von dem Besitz des endlich Erlangten,

sehnlichst Gehofften mich lostrennen sollte.

Die Gesetzlichkeit der Pflanzenorganisation, die ich in Sizilien

gewahr worden, beschäftigte mich zwischen allem durch, wie es

Neigungen zu tun pflegen, die sich unsres Innern bemächtigen und sich

zugleich unsern Fähigkeiten angemessen erzeigen. Ich besuchte den

botanischen Garten, welcher, wenn man will, in seinem veralteten

Zustande geringen Reiz ausübte, auf mich aber doch, dem vieles, was er

dort vorfand, neu und unerwartet schien, einen günstigen Einfluß hatte.

Ich nahm daher Gelegenheit, manche seltenere Pflanzen um mich zu

versammeln und meine Betrachtungen darüber fortzusetzen, sowie die von

mir aus Samen und Kernen erzogenen fernerhin pflegend zu beobachten.

In diese letzten besonders wollten bei meiner Abreise mehrere Freunde

sich teilen. Ich pflanzte den schon einigermaßen erwachsenen

Piniensprößling, Vorbildchen eines künftigen Baumes, bei Angelika in

den Hausgarten, wo er durch manche Jahre zu einer ansehnlichen Höhe

gedieh, wovon mir teilnehmende Reisende zu wechselseitigem Vergnügen,

wie auch von meinem Andenken an jenem Platze, gar manches zu erzählen

wußten. Leider fand der nach dem Ableben jener unschätzbaren Freundin

eintretende neue Besitzer es unpassend, auf seinen Blumenbeeten ganz

unörtlich Pinien hervorwachsen zu sehen. Späterhin fanden

wohlwollende, darnach forschende Reisende die Stelle leer und hier

wenigstens die Spur eines anmutigen Daseins ausgelöscht.

Glücklicher waren einige Dattelpflanzen, die ich aus Kernen gezogen

hatte. Wie ich denn überhaupt die merkwürdige Entwicklung derselben

durch Aufopferung mehrerer Exemplare von Zeit zu Zeit beobachtete; die

überbliebenen, frisch aufgeschossenen übergab ich einem römischen

Freunde, der sie in einen Garten der Sixtinischen Straße pflanzte, wo

sie noch am Leben sind, und zwar bis zur Manneshöhe herangewachsen,

wie ein erhabener Reisende mir zu versichern die Gnade hatte. Mögen

sie den Besitzern nicht unbequem werden und fernerhin zu meinem

Andenken grünen, wachsen und gedeihen!

Auf dem Verzeichnisse, was vor der Abreise von Rom allenfalls

nachzuholen sein möchte, fanden sich zuletzt sehr disparate

Gegenstände, die Cloaca Massima und die Katakomben bei St. Sebastian.

Die erste erhöhte wohl noch den kolossalen Begriff, wozu uns Piranesi

vorbereitet hatte; der Besuch des zweiten Lokals geriet jedoch nicht

zum besten, denn die ersten Schritte in diese dumpfigen Räume erregten

mir alsobald ein solches Mißbehagen, daß ich sogleich wieder ans

Tageslicht hervorstieg und dort im Freien in einer ohnehin unbekannten,

fernen Gegend der Stadt die Rückkunft der übrigen Gesellschaft

abwartete, welche, gefaßter als ich, die dortigen Zustände getrost

beschauen mochte.

In dem großen Werke "Roma sotterranea, di Antonio Bosio Romano"

belehrt' ich mich lange Zeit nachher umständlich von allem dem, was

ich dort gesehen oder auch wohl nicht gesehen hätte, und glaubte mich

dadurch hinlänglich entschädigt.

Eine andere Wallfahrt wurde dagegen mit mehr Nutzen und Folge

unternommen: es war zu der Akademie S. Luca, dem Schädel Raffaels

unsre Verehrung zu bezeigen, welcher dort als ein Heiligtum aufbewahrt

wird, seitdem er aus dem Grabe dieses außerordentlichen Mannes, das

man bei einer baulichen Angelegenheit eröffnet hatte, daselbst

entfernt und hierher gebracht worden.

Ein wahrhaft wundersamer Anblick! Eine so schön als nur denkbar

zusammengefaßte und abgerundete Schale, ohne eine Spur von jenen

Erhöhungen, Beulen und Buckeln, welche, später an andern Schädeln

bemerkt, in der Gallischen Lehre zu so mannigfaltiger Bedeutung

geworden sind. Ich konnte mich von dem Anblick nicht losreißen und

bemerkte beim Weggehen, wie bedeutend es für Natur--und Kunstfreunde

sein müßte, einen Abguß davon zu haben, wenn es irgend möglich wäre.

Hofrat Reiffenstein, dieser einflußreiche Freund, gab mir Hoffnung und

erfüllte sie nach einiger Zeit, indem er mir wirklich einen solchen

Abguß nach Deutschland sendete, dessen Anblick mich noch oft zu den

mannigfaltigsten Betrachtungen aufruft.

Das liebenswürdige Bild von des Künstlers Hand, St. Lucas, dem die

Mutter Gottes erscheint, damit er sie in ihrer vollen göttlichen

Hoheit und Anmut wahr und natürlich darstellen möge, gewährte den

heitersten Anblick. Raffael selbst, noch jung, steht in einiger

Entfernung und sieht dem Evangelisten bei der Arbeit zu. Anmutiger

kann man wohl nicht einen Beruf, zu dem man sich entschieden

hingezogen fühlt, ausdrücken und bekennen.

Peter von Cortona war ehmals der Besitzer dieses Werks und hat solches

der Akademie vermacht. Es ist freilich an manchen Stellen beschädigt

und restauriert, aber doch immer ein Gemälde von bedeutendem Wert.

In diesen Tagen jedoch ward ich durch eine ganz eigene Versuchung

geprüft, die meine Reise zu verhindern und mich in Rom aufs neue zu

fesseln drohte. Es kam nämlich von Neapel Herr Antonio Rega, Künstler

und ebenfalls Kunsthändler, zu Freund Meyer, ihm vertraulich

ankündigend, er sei mit einem Schiffe hier angekommen, welches draußen

an Ripa grande liege, wohin er ihn mitzugehen hiedurch einlade, denn

er habe auf demselben eine bedeutende antike Statue, jene Tänzerin

oder Muse, welche in Neapel im Hofe des Palasts Caraffa Colombrano

nebst andern in einer Nische seit undenklichen Jahren gestanden und

durchaus für ein gutes Werk gehalten worden sei. Er wünsche diese zu

verkaufen, aber in der Stille, und frage deshalb an, ob nicht etwa

Herr Meyer selbst oder einer seiner vertrauten Freunde sich zu diesem

Handel entschließen könnte. Er biete das edle Kunstwerk zu einem auf

alle Fälle höchst mäßigen Preise von dreihundert Zechinen, welche

Forderung sich ohne Frage erhöhen möchte, wenn man nicht in Betracht

der Verkäufer und des Käufers mit Vorsicht zu verfahren Ursache hätte.

Mir ward die Sache sogleich mitgeteilt, und wir eilten selbdritte zu

dem von unsrer Wohnung ziemlich entfernten Landungsplatz. Rega hub

sogleich ein Brett von der Kiste, die auf dem Verdeck stand, und wir

sahen ein allerliebstes Köpfchen, das noch nie vom Rumpfe getrennt

gewesen, unter freien Haarlocken hervorblickend, und nach und nach

aufgedeckt eine lieblich bewegte Gestalt, im anständigsten Gewande,

übrigens wenig versehrt und die eine Hand vollkommen gut erhalten.

Sogleich erinnerten wir uns recht gut, sie an Ort und Stelle gesehen

zu haben, ohne zu ahnen, daß sie uns je so nah kommen könnte.

Hier nun fiel uns ein, und wem hätte es nicht einfallen sollen:

"Gewiß", sagten wir, "wenn man ein ganzes Jahr mit bedeutenden Kosten

gegraben hätte und zuletzt auf einen solchen Schatz gestoßen wäre, man

hätte sich höchst glücklich gefunden." Wir konnten uns kaum von der

Betrachtung losreißen, denn ein so reines, wohlerhaltenes Altertum in

einem leicht zu restaurierenden Zustande kam uns wohl niemals zu

Gesicht. Doch schieden wir zuletzt mit Vorsatz und Zusage, baldigste

Antwort vernehmen zu lassen.

Wir waren beiderseits in einem wahrhaften Kampf begriffen, es schien

uns in mancher Betrachtung unrätlich, diesen Ankauf zu machen; wir

entschlossen uns daher, den Fall der guten Frau Angelika zu melden,

als wohl vermögend zum Ankauf und durch ihre Verbindung zu

Restauration und sonstigen Vorkommenheiten hinlänglich geeignet.

Meyer übernahm die Meldung, wie früher die wegen des Bildes von Daniel

von Volterra, und wir hofften deshalb das beste Gelingen. Allein die

umsichtige Frau, mehr aber noch der ökonomische Gemahl lehnten das

Geschäft ab, indem sie wohl auf Malereien bedeutende Summen

verwendeten, sich aber auf Statuen einzulassen keineswegs den

Entschluß fassen könnten.

Nach dieser ablehnenden Antwort wurden wir nun wieder zu neuer

überlegung aufgeregt; die Gunst des Glückes schien ganz eigen; Meyer

betrachtete den Schatz noch einmal und überzeugte sich, daß das

Bildwerk nach seinen Gesamtzeichen wohl als griechische Arbeit

anzuerkennen sei, und zwar geraume Zeit vor Augustus hinauf,

vielleicht bis an Hiero II. geordnet werden könnte.

Den Kredit hatte ich wohl, dieses bedeutende Kunstwerk anzuschaffen,

Rega schien sogar auf Stückzahlung eingehen zu wollen, und es war ein

Augenblick, wo wir uns schon im Besitz des Bildnisses und solches in

unserm großen Saal wohlbeleuchtet aufgestellt zu sehen glaubten.

Wie aber denn doch zwischen einer leidenschaftlichen Liebesneigung und

einem abzuschließenden Heiratskontrakt noch manche Gedanken sich

einzudringen pflegen, so war es auch hier, und wir durften ohne Rat

und Zustimmung unsrer edlen Kunstverwandten, des Herrn Zucchi und

seiner wohlmeinenden Gattin, eine solche Verbindung nicht unternehmen,

denn eine Verbindung war es im ideell-pygmalionischen Sinne, und ich

leugne nicht, daß der Gedanke, dieses Wesen zu besitzen, bei mir tiefe

Wurzel gefaßt hatte. Ja, als ein Beweis, wie sehr ich mir hierin

schmeichelte, mag das Bekenntnis gelten, daß ich dieses Ereignis als

einen Wink höherer Dämonen ansah, die mich in Rom festzuhalten und

alle Gründe, die mich zum Entschluß der Abreise vermocht, auf das

tätigste niederzuschlagen gedächten.

Glücklicherweise waren wir schon in den Jahren, wo die Vernunft dem

Verstand in solchen Fällen zu Hülfe zu kommen pflegt, und so mußte

denn Kunstneigung, Besitzeslust und was ihnen sonst beistand,

Dialektik und Aberglaube, vor den guten Gesinnungen weichen, welche

die edle Freundin Angelika mit Sinn und Wohlwollen an uns zu wenden

die Geneigtheit hatte. Bei ihren Vorstellungen traten daher aufs

klarste die sämtlichen Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten an den Tag,

die sich einem solchen Unternehmen entgegenstellten. Ruhige, bisher

den Kunst--und Altertumstudien sich widmende Männer griffen auf einmal

in den Kunsthandel ein und erregten die Eifersucht der zu solchem

Geschäft herkömmlich Berechtigten. Die Schwierigkeiten der

Restauration seien mannigfaltig, und es frage sich, inwiefern man

dabei werde billig und redlich bedient werden. Wenn ferner bei der

Absendung auch alles in möglichster Ordnung gehe, so könnten doch

wegen der Erlaubnis der Ausfuhr eines solchen Kunstwerkes am Schluß

noch Hindernisse entstehen, und was alsdann noch wegen der überfahrt

und des Anlandens und Ankommens zu Hause alles noch für

Widerwärtigkeiten zu befürchten seien. Über solche Betrachtungen,

hieß es, gehe der Handelsmann hinaus, sowohl Mühe als Gefahr setze

sich in einem großen Ganzen ins Gleichgewicht, dagegen sei ein

einzelnes Unternehmen dieser Art auf jede Weise bedenklich.

Durch solche Vorstellungen wurde denn nach und nach Begierde, Wunsch

und Vorsatz gemildert, geschwächt, doch niemals ganz ausgelöscht,

besonders da sie endlich zu großen Ehren gelangte; denn sie steht

gegenwärtig im Museo Pio-Clementino in einem kleinen angebauten, aber

mit dem Museum in Verbindung stehenden Kabinett, wo im Fußboden die

wunderschönen Mosaiken von Masken und Laubgewinden eingesetzt sind.

Die übrige Gesellschaft von Statuen in jenem Kabinett besteht 1) aus

der auf der Ferse sitzenden Venus, an deren Base der Name des Bupalus

eingegraben steht; 2) ein sehr schöner kleiner Ganymedes; 3) die

schöne Statue eines Jünglings, dem, ich weiß nicht ob mit Recht, der

Name Adonis beigelegt wird; 4) ein Faun aus Rosso Antico; 5) der ruhig

stehende Discobolus.

Visconti hat im dritten, gedachtem Museum gewidmeten Bande dieses

Denkmal beschrieben, nach seiner Weise erklärt und auf der dreißigsten

Tafel abbilden lassen; da denn jeder Kunstfreund mit uns bedauern kann,

daß es uns nicht gelungen, sie nach Deutschland zu schaffen und sie

irgendeiner vaterländischen großen Sammlung hinzuzugesellen.

Man wird es natürlich finden, daß ich bei meinen Abschiedsbesuchen

jene anmutige Mailänderin nicht vergaß. Ich hatte die Zeit her von

ihr manches Vergnügliche gehört: wie sie mit Angelika immer vertrauter

geworden und sich in der höhern Gesellschaft, wohin sie dadurch

gelangt, gar gut zu benehmen wisse. Auch konnte ich die Vermutung

nähren und den Wunsch, daß ein wohlhabender junger Mann, welcher mit

Zucchis im besten Vernehmen stand, gegen ihre Anmut nicht

unempfindlich und ernstere Absichten durchzuführen nicht abgeneigt sei.

Nun fand ich sie im reinlichen Morgenkleide, wie ich sie zuerst in

Castel Gandolfo gesehen; sie empfing mich mit offner Anmut und drückte

mit natürlicher Zierlichkeit den wiederholten Dank für meine Teilnahme

gar liebenswürdig aus. "Ich werd' es nie vergessen", sagte sie, "daß

ich, aus Verwirrung mich wieder erholend, unter den anfragenden

geliebten und verehrten Namen auch den Eurigen nennen hörte; ich

forschte mehrmals, ob es denn auch wahr sei. Ihr setztet Eure

Erkundigungen durch mehrere Wochen fort, bis endlich mein Bruder Euch

besuchend für uns beide danken konnte. Ich weiß nicht, ob er's

ausgerichtet hat, wie ich's ihm auftrug, ich wäre gern mitgegangen,

wenn sich's geziemte." Sie fragte nach dem Weg, den ich nehmen wollte,

und als ich ihr meinen Reiseplan vorerzählte, versetzte sie: "Ihr

seid glücklich, so reich zu sein, daß Ihr Euch dies nicht zu versagen

braucht; wir andern müssen uns in die Stelle finden, welche Gott und

seine Heiligen uns angewiesen. Schon lange seh' ich vor meinem

Fenster Schiffe kommen und abgehen, ausladen und einladen; das ist

unterhaltend, und ich denke manchmal, woher und wohin das alles?" Die

Fenster gingen gerade auf die Treppen von Ripetta, die Bewegung war

eben sehr lebhaft.

Sie sprach von ihrem Bruder mit Zärtlichkeit, freute sich, seine

Haushaltung ordentlich zu führen, ihm möglich zu machen, daß er bei

mäßiger Besoldung noch immer etwas zurück in einem vorteilhaften

Handel anlegen könne; genug, sie ließ mich zunächst mit ihren

Zuständen durchaus vertraut werden. Ich freute mich ihrer

Gesprächigkeit; denn eigentlich macht' ich eine gar wunderliche Figur,

indem ich schnell alle Momente unsres zarten Verhältnisses vom ersten

Augenblick an bis zum letzten mir wieder vorzurollen gedrängt war.

Nun trat der Bruder herein, und der Abschied schloß sich in

freundlicher, mäßiger Prosa.

Als ich vor die Türe kam, fand ich meinen Wagen ohne den Kutscher, den

ein geschäftiger Knabe zu holen lief. Sie sah heraus zum Fenster des

Entresols, den sie in einem stattlichen Gebäude bewohnten; es war

nicht gar hoch, man hätte geglaubt, sich die Hand reichen zu können.

"Man will mich nicht von Euch wegführen, seht Ihr", rief ich aus, "man

weiß, so scheint es, daß ich ungern von Euch scheide."

Was sie darauf erwiderte, was ich versetzte, den Gang des anmutigsten

Gespräches, das, von allen Fesseln frei, das Innere zweier sich nur

halbbewußt Liebenden offenbarte, will ich nicht entweihen durch

Wiederholung und Erzählung; es war ein wunderbares, zufällig

eingeleitetes, durch innern Drang abgenötigtes lakonisches

Schlußbekenntnis der unschuldigsten und zartesten wechselseitigen

Gewogenheit, das mir auch deshalb nie aus Sinn und Seele gekommen ist.

Auf eine besonders feierliche Weise sollte jedoch mein Abschied aus

Rom vorbereitet werden; drei Nächte vorher stand der volle Mond am

klarsten Himmel, und ein Zauber, der sich dadurch über die ungeheure

Stadt verbreitet, so oft empfunden, ward nun aufs eindringlichste

fühlbar. Die großen Lichtmassen, klar, wie von einem milden Tage

beleuchtet, mit ihren Gegensätzen von tiefen Schatten, durch Reflexe

manchmal erhellt, zur Ahnung des Einzelnen, setzen uns in einen

Zustand wie von einer andern, einfachern, größern Welt.

Nach zerstreuenden, mitunter peinlich zugebrachten Tagen macht' ich

den Umgang mit wenigen Freunden einmal ganz allein. Nachdem ich den

langen Korso, wohl zum letztenmal, durchwandert hatte, bestieg ich das

Kapitol, das wie ein Feenpalast in der Wüste dastand. Die Statue Mark

Aurels rief den Kommandeur in "Don Juan" zur Erinnerung und gab dem

Wanderer zu verstehen, daß er etwas Ungewöhnliches unternehme.

Dessenungeachtet ging ich die hintere Treppe hinab. Ganz finster,

finstern Schatten werfend, stand mir der Triumphbogen des Septimius

Severus entgegen; in der Einsamkeit der Via Sacra erschienen die sonst

so bekannten Gegenstände fremdartig und geisterhaft. Als ich aber den

erhabenen Resten des Koliseums mich näherte und in dessen

verschlossenes Innere durchs Gitter hineinsah, darf ich nicht leugnen,

daß mich ein Schauer überfiel und meine Rückkehr beschleunigte.

Alles Massenhafte macht einen eignen Eindruck zugleich als erhaben und

faßlich, und in solchen Umgängen zog ich gleichsam ein unübersehbares

Summa Summarum meines ganzen Aufenthaltes. Dieses, in aufgeregter

Seele tief und groß empfunden, erregte eine Stimmung, die ich

heroisch-elegisch nennen darf, woraus sich in poetischer Form eine

Elegie zusammenbilden wollte.

Und wie sollte mir gerade in solchen Augenblicken Ovids Elegie nicht

ins Gedächtnis zurückkehren, der, auch verbannt, in einer Mondnacht

Rom verlassen sollte. "Cum repeto noctem!" seine Rückerinnerung, weit

hinten am Schwarzen Meere, im trauer--und jammervollen Zustande, kam

mir nicht aus dem Sinn, ich wiederholte das Gedicht, das mir teilweise

genau im Gedächtnis hervorstieg, aber mich wirklich an eigner

Produktion irre werden ließ und hinderte; die auch, später unternommen,

niemals zustande kommen konnte.

Wandelt von jener Nacht mir das traurige Bild vor die Seele,

Welche die letzte für mich ward in der römischen Stadt,

Wiederhol' ich die Nacht, wo des Teuren soviel mir zurückblieb,

Gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Träne herab.

Und schon ruhten bereits die Stimmen der Menschen und Hunde,

Luna, sie lenkt' in der Höh' nächtliches Rossegespann.

Zu ihr schaut' ich hinan, sah dann kapitolische Tempel,

Welchen umsonst so nah unsere Laren gegrenzt.--

Cum subit illius tristissima noctis imago,

Quae mihi supremum tempus in Urbe fuit;

Cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui;

Labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.

Iamque quiescebant voces hominumque canumque:

Lunaque nocturnos alta regebat equos.

Hanc ego suspiciens, et ab hac Capitolia cernens,

Quae nostro frustra iuncta fuere Lari.--

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Italienische Reise-Teil 2" von

Johann Wolfgang von Goethe.

*** x-header ***

Italienische Reise — Band 2 · 第 91 / 91 题