Auch habe ich das Kapitol wieder gesehen und einige andere Sachen, die
mir zurückblieben, vorzüglich Cavaceppis Haus, das ich immer versäumt
hatte zu sehen. Unter vielen köstlichen Sachen haben mich vorzüglich
ergötzt zwei Abgüsse der Köpfe von den Kolossalstatuen auf dem Monte
Cavallo. Man kann sie bei Cavaceppi in der Nähe in ihrer ganzen Größe
und Schönheit sehn. Leider daß der beste durch Zeit und Witterung
fast einen Strohhalm dick der glatten Oberfläche des Gesichts verloren
hat und in der Nähe wie von Pocken übel zugerichtet aussieht.
Heute waren die Exequien des Kardinal Visconti in der Kirche St. Carlo.
Da die päpstliche Kapelle zum Hochamt sang, gingen wir hin, die
Ohren auf morgen recht auszuwaschen. Es ward ein Requiem gesungen zu
zwei Sopranen, das Seltsamste, was man hören kann. NB. Auch dabei war
weder Orgel noch andere Musik.
Welch ein leidig Instrument die Orgel sei, ist mir gestern abend in
dem Chor von St. Peter recht aufgefallen, man begleitete damit den
Gesang bei der Vesper; es verbindet sich so gar nicht mit der
Menschenstimme und ist so gewaltig. Wie reizend dagegen in der
Sixtinischen Kapelle, wo die Stimmen allein sind.
Das Wetter ist seit einigen Tagen trübe und gelind. Der Mandelbaum
hat größtenteils verblüht und grünt jetzt, nur wenige Blüten sind auf
den Gipfeln noch zu sehen. Nun folgt der Pfirsichbaum, der mit seiner
schönen Farbe die Gärten ziert. Viburnum Tinus blüht auf allen Ruinen,
die Attichbüsche in den Hecken sind alle ausgeschlagen und andere,
die ich nicht kenne. Die Mauern und Dächer werden nun grüner, auf
einigen zeigen sich Blumen. In meinem neuen Kabinett, wohin ich zog,
weil wir Tischbein von Neapel erwarten, habe ich eine mannigfaltige
Aussicht in unzählige Gärtchen und auf die hinteren Galerien vieler
Häuser. Es ist gar zu lustig.
Ich habe angefangen, ein wenig zu modellieren. Was den
Erkenntnispunkt betrifft, gehe ich sehr rein und sicher fort, in
Anwendung der tätigen Kraft bin ich ein wenig konfus. So geht es mir
wie allen meinen Brüdern.
Rom, den 14. März.
Die nächste Woche ist hier nichts zu denken noch zu tun, man muß dem
Schwall der Feierlichkeiten folgen. Nach Ostern werde ich noch
einiges sehen, was mir zurückblieb, meinen Faden ablösen, meine
Rechnung machen, meinen Bündel packen und mit Kaysern davonziehn.
Wenn alles geht, wie ich wünsche und vorhabe, bin ich Ende Aprils in
Florenz. Inzwischen hört ihr noch von mir.
Sonderbar war es, daß ich auf äußere Veranlassung verschiedene
Maßregeln nehmen mußte, welche mich in neue Verhältnisse setzten,
wodurch mein Aufenthalt in Rom immer schöner, nützlicher und
glücklicher ward. Ja, ich kann sagen, daß ich die höchste
Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen
habe und nun wenigstens einen äußersten Punkt kenne, nach welchem ich
das Thermometer meiner Existenz künftig abmessen kann.
Diese Woche hat sich ungeachtet des üblen Wetters gut gehalten.
Sonntags hörten wir in der Sixtinischen Kapelle ein Motett von
Palestrina. Dienstag wollte uns das Glück, daß man zu Ehren einer
Fremden verschiedene Teile der Karwochsmusik in einem Saale sang. Wir
hörten sie also mit größter Bequemlichkeit und konnten uns, da wir sie
so oft am Klavier durchsangen, einen vorläufigen Begriff davon machen.
Es ist ein unglaublich großes simples Kunstwerk, dessen immer
erneuerte Darstellung sich wohl nirgends als an diesem Orte und unter
diesen Umständen erhalten konnte. Bei näherer Betrachtung fallen
freilich mancherlei Handwerksburschentraditionen, welche die Sache
wunderbar und unerhört machen, weg, mit allem dem bleibt es etwas
Außerordentliches und ist ein ganz neuer Begriff. Kayser wird
dereinst Rechenschaft davon ablegen können. Er wird die Vergünstigung
erhalten, eine Probe in der Kapelle anzuhören, wozu sonst niemand
gelassen wird.
Ferner habe ich diese Woche einen Fuß modelliert nach vorgängigem
Studio der Knochen und Muskeln und werde von meinem Meister gelobt.
Wer den ganzen Körper so durchgearbeitet hätte, wäre um ein gutes Teil
klüger; versteht sich in Rom, mit allen Hülfsmitteln und dem
mannigfaltigen Rat der Verständigen. Ich habe einen Skelettfuß, eine
schöne auf die Natur gegossene Anatomie, ein halb Dutzend der
schönsten antiken Füße, einige schlechte, jene zur Nachahmung, diese
zur Warnung, und die Natur kann ich auch zu Rate ziehen, in jeder
Villa, in die ich trete, finde ich Gelegenheit, nach diesen Teilen zu
sehen, Gemälde zeigen mir, was Maler gedacht und gemacht haben. Drei,
vier Künstler kommen täglich auf mein Zimmer, deren Rat und Anmerkung
ich nutze, unter welchen jedoch, genau besehen, Heinrich Meyers Rat
und Nachhülfe mich am meisten fördert. Wenn mit diesem Winde auf
diesem Elemente ein Schiff nicht von der Stelle käme, so müßte es
keine Segel oder einen wahnsinnigen Steuermann haben. Bei der
allgemeinen übersicht der Kunst, die ich mir gemacht habe, war es mir
sehr notwendig, nun mit Aufmerksamkeit und Fleiß an einzelne Teile zu
gehn. Es ist angenehm, auch im Unendlichen vorwärts zu kommen.
Ich fahre fort, überall herumzugehen und vernachlässigte Gegenstände
zu betrachten. So war ich gestern zum erstenmal in Raffaels Villa, wo
er an der Seite seiner Geliebten den Genuß des Lebens aller Kunst und
allem Ruhm vorzog. Es ist ein heilig Monument. Der Fürst Doria hat
sie akquiriert und scheint sie behandeln zu wollen, wie sie es
verdient. Raffael hat seine Geliebte achtundzwanzigmal auf die Wand
porträtiert in allerlei Arten von Kleidern und Kostüme; selbst in den
historischen Kompositionen gleichen ihr die Weiber. Die Lage des
Hauses ist sehr schön. Es wird sich artiger davon erzählen lassen,
als sich's schreibt. Man muß das ganze Detail bemerken.
Dann ging ich in die Villa Albani und sah mich nur im allgemeinen
darin um. Es war ein herrlicher Tag. Heute nacht hat es sehr
geregnet, jetzt scheint die Sonne wieder, und vor meinem Fenster ist
ein Paradies. Der Mandelbaum ist ganz grün, die Pfirsichblüten fangen
schon an abzufallen, und die Zitronenblüten brechen auf dem Gipfel des
Baumes auf.
Mein Abschied von hier betrübt drei Personen innigst. Sie werden nie
wieder finden, was sie an mir gehabt haben, ich verlasse sie mit
Schmerzen. In Rom hab' ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin
zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig
geworden, und als einen solchen haben mich diese dreie in
verschiedenem Sinne und Grade gekannt, besessen und genossen.
Rom, den 22. März.
Heute geh' ich nicht nach St. Peter und will ein Blättchen schreiben.
Nun ist auch die heilige Woche mit ihren Wundern und Beschwerden
vorüber, morgen nehmen wir noch eine Benediktion auf uns, und dann
wendet sich das Gemüt ganz zu einem andern Leben.
Ich habe durch Gunst und Mühe guter Freunde alles gesehen und gehört,
besonders ist die Fußwaschung und die Speisung der Pilger nur durch
großes Drängen und Drücken zu erkaufen.
Die Kapellmusik ist undenkbar schön. Besonders das "Miserere" von
Allegri und die sogenannten "Improperien", die Vorwürfe, welche der
gekreuzigte Gott seinem Volke macht. Sie werden Karfreitags frühe
gesungen. Der Augenblick, wenn der aller seiner Pracht entkleidete
Papst vom Thron steigt, um das Kreuz anzubeten, und alles übrige an
seiner Stelle bleibt, jedermann still ist, und das Chor anfängt:
"Populus meus, quid feci tibi?", ist eine der schönsten unter allen
merkwürdigen Funktionen. Das soll nun alles mündlich ausgeführt
werden, und was von Musik transportabel ist, bringt Kayser mit. Ich
habe nach meinem Wunsch alles, was an den Funktionen genießbar war,
genossen und über das übrige meine stillen Betrachtungen angestellt.
Effekt, wie man zu sagen pflegt, hat nichts auf mich gemacht, nichts
hat mir eigentlich imponiert, aber bewundert hab' ich alles, denn das
muß man ihnen nachsagen, daß sie die christlichen überlieferungen
vollkommen durchgearbeitet haben. Bei den päpstlichen Funktionen,
besonders in der Sixtinischen Kapelle, geschieht alles, was am
katholischen Gottesdienste sonst unerfreulich erscheint, mit großem
Geschmack und vollkommner Würde. Es kann aber auch nur da geschehen,
wo seit Jahrhunderten alle Künste zu Gebote standen.
Das Einzelne davon würde jetzt nicht zu erzählen sein. Hätte ich
nicht in der Zwischenzeit auf jene Veranlassung wieder stille gehalten
und an ein längeres Bleiben geglaubt, so könnt' ich nächste Woche fort.
Doch auch das gereicht mir zum besten. Ich habe diese Zeit wieder
viel studiert, und die Epoche, auf die ich hoffte, hat sich
geschlossen und geründet. Es ist zwar immer eine sonderbare
Empfindung, eine Bahn, auf der man mit starken Schritten fortgeht, auf
einmal zu verlassen, doch muß man sich darein finden und nicht viel
Wesens machen. In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn,
man muß sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.
Schöne Zeichnungen hab' ich von Neapel erhalten, von Kniep, dem Maler,
der mich nach Sizilien begleitet hat. Es sind schöne liebliche
Früchte meiner Reise und für euch die angenehmsten; denn was man einem
vor die Augen bringen kann, gibt man ihm am sichersten. Einige
drunter sind, dem Ton der Farbe nach, ganz köstlich geraten, und ihr
werdet kaum glauben, daß jene Welt so schön ist.
Soviel kann ich sagen, daß ich in Rom immer glücklicher geworden bin,
daß noch mit jedem Tage mein Vergnügen wächst; und wenn es traurig
scheinen möchte, daß ich eben scheiden soll, da ich am meisten
verdiente, zu bleiben, so ist es doch wieder eine große Beruhigung,
daß ich so lang habe bleiben können, um auf den Punkt zu gelangen.
Soeben steht der Herr Christus mit entsetzlichem Lärm auf. Das
Kastell feuert ab, alle Glocken läuten, und an allen Ecken und Enden
hört man Petarden, Schwärmer und Lauffeuer. Um eilf Uhr morgens.