Wenn man einmal zum Künstler geboren ist und gar mancher Gegenstand
der Kunstanschauung zusagt, so kam diese mir auch mitten unter dem
Gewühl der Fastnachtstorheiten und Absurditäten zu Gunsten. Es war
das zweite Mal, daß ich das Karneval sah, und es mußte mir bald
auffallen, daß dieses Volksfest wie ein anderes wiederkehrendes Leben
und Weben seinen entschiedenen Verlauf hatte.
Dadurch ward ich nun mit dem Getümmel versöhnt, ich sah es an als ein
anderes bedeutendes Naturerzeugnis und Nationalereignis; ich
interessierte mich dafür in diesem Sinne, bemerkte genau den Gang der
Torheiten und wie das alles doch in einer gewissen Form und
Schicklichkeit ablief. Hierauf notierte ich mir die einzelnen
Vorkommnisse der Reihe nach, welche Vorarbeit ich später zu dem soeben
eingeschalteten Aufsatz benutzte, bat auch zugleich unsern
Hausgenossen, Georg Schütz, die einzelnen Masken flüchtig zu zeichnen
und zu kolorieren, welches er mit seiner gewohnten Gefälligkeit
durchführte.
Diese Zeichnungen wurden nachher durch Melchior Krause von Frankfurt
am Main, Direktor des freien Zeicheninstituts zu Weimar, in Quarto
radiert und nach den Originalen illuminiert zur ersten Ausgabe bei
Unger, welche sich selten macht.
Zu vorgemeldeten Zwecken mußte man sich denn mehr, als sonst geschehen
wären unter die verkappte Menge hinunter drängen, welche denn trotz
aller künstlerischen Ansicht oft einen widerwärtigen unheimlichen
Eindruck machte. Der Geist, an die würdigen Gegenstände gewöhnt, mit
denen man das ganze Jahr in Rom sich beschäftigte, schien immer einmal
gewahr zu werden, daß er nicht recht an seinem Platze sei.
Aber für den innern bessern Sinn sollte doch das Erquicklichste
bereitet sein. Auf dem venezianischen Platz, wo manche Kutschen, eh'
sie sich den bewegten Reihen wieder anschließen, die Vorbeiwallenden
sich zu beschauen pflegen, sah ich den Wagen der Mad. Angelika und
trat an den Schlag, sie zu begrüßen. Sie hatte sich kaum freundlich
zu mir herausgeneigt, als sie sich zurückbog, um die neben ihr
sitzende, wieder genesene Mailänderin mir sehen zulassen. Ich fand
sie nicht verändert; denn wie sollte sich eine gesunde Jugend nicht
schnell wiederherstellen; ja, ihre Augen schienen frischer und
glänzender mich anzusehen, mit einer Freudigkeit, die mich bis ins
Innerste durchdrang. So blieben wir eine Zeitlang ohne Sprache, als
Mad. Angelika das Wort nahm und, indessen jene sich vorbog, zu mir
sagte: "Ich muß nur den Dolmetscher machen, denn ich sehe, meine junge
Freundin kommt nicht dazu, auszusprechen, was sie so lange gewünscht,
sich vorgesetzt und mir öfters wiederholt hat, wie sehr sie Ihnen
verpflichtet ist für den Anteil, den Sie an ihrer Krankheit, ihrem
Schicksal genommen. Das erste, was ihr beim Wiedereintritt in das
Leben tröstlich geworden, heilsam und wiederherstellend auf sie
gewirkt, sei die Teilnahme ihrer Freunde und besonders die Ihrige
gewesen, sie habe sich auf einmal wieder aus der tiefsten Einsamkeit
unter so vielen guten Menschen in dem schönsten Kreise gefunden."
"Das ist alles wahr", sagte jene, indem sie über die Freundin her mir
die Hand reichte, die ich wohl mit der meinigen, aber nicht mit meinen
Lippen berühren konnte.
Mit stiller Zufriedenheit entfernt' ich mich wieder in das Gedräng der
Toren, mit dem zartesten Gefühl von Dankbarkeit gegen Angelika, die
sich des guten Mädchens gleich nach dem Unfalle tröstend anzunehmen
gewußt und, was in Rom selten ist, ein bisher fremdes Frauenzimmer in
ihren edlen Kreis aufgenommen hatte, welches mich um so mehr rührte,
als ich mir schmeicheln durfte, mein Anteil an dem guten Kinde habe
hierauf nicht wenig eingewirkt.
Der Senator von Rom, Graf Rezzonico, war schon früher, aus Deutschland
zurückkehrend, mich zu besuchen gekommen. Er hatte eine innige
Freundschaft mit Herrn und Frau von Diede errichtet und brachte mir
angelegentliche Grüße von diesen werten Gönnern und Freunden; aber ich
lehnte, wie herkömmlich, ein näheres Verhältnis ab, sollte aber doch
endlich unausweichlich in diesen Kreis gezogen werden.
Jene genannten Freunde, Herr und Frau von Diede, machten ihrem werten
Lebensgenossen einen Gegenbesuch, und ich konnte mich um so weniger
entbrechen, mancherlei Art von Einladungen anzunehmen, als die Dame,
wegen des Flügelspiels berühmt, in einem Konzerte auf der
kapitolinischen Wohnung des Senators sich hören zu lassen willig war
und man unsern Genossen Kayser, dessen Geschicklichkeit ruchbar
geworden, zu einer Teilnahme an jenen Exhibitionen schmeichelhaft
eingeladen hatte. Die unvergleichliche Aussicht bei Sonnenuntergang
aus den Zimmern des Senators nach dem Coliseo zu mit allem dem, was
sich von den andern Seiten anschließt, verlieh freilich unserm
Künstlerblick das herrlichste Schauspiel, dem man sich aber nicht
hingeben durfte, um es gegen die Gesellschaft an Achtung und Artigkeit
nicht fehlen zu lassen. Frau von Diede spielte sodann, sehr große
Vorzüge entwickelnd, ein bedeutendes Konzert, und man bot bald darauf
unserm Freunde den Platz an, dessen er sich denn auch ganz würdig zu
machen schien, wenn man dem Lobe trauen darf, das er einerntete.
Abwechselnd ging es eine Weile fort, auch wurde von einer Dame eine
Lieblingsarie vorgetragen, endlich aber, als die Reihe wieder an
Kaysern kam, legte er ein anmutiges Thema zum Grunde und variierte
solches auf die mannigfaltigste Weise.
Alles war gut vonstatten gegangen, als der Senator mir im Gespräch
manches Freundliche sagte, doch aber nicht bergen konnte und mit jener
weichen venezianischen Art halb bedauernd versicherte, er sei
eigentlich von solchen Variationen kein Freund, werde hingegen von den
ausdrucksvollen Adagios seiner Dame jederzeit ganz entzückt.
Nun will ich gerade nicht behaupten, daß mir jene sehnsüchtigen Töne,
die man im Adagio und Largo hinzuziehen pflegt, jemals seien zuwider
gewesen, doch aber liebt' ich in der Musik immer mehr das Aufregende,
da unsere eigenen Gefühle, unser Nachdenken über Verlust und Mißlingen
uns nur allzuoft herabzuziehen und zu überwältigen drohen.
Unserm Senator dagegen konnt' ich keineswegs verargen, ja ich mußte
ihm aufs freundlichste gönnen, daß er solchen Tönen gern sein Ohr lieh,
die ihn vergewisserten, er bewirte in dem herrlichsten Aufenthalte
der Welt eine so sehr geliebte und hochverehrte Freundin.
Für uns andere, besonders deutsche Zuhörer blieb es ein unschätzbarer
Genuß, in dem Augenblicke, wo wir eine treffliche, längst gekannte
verehrte Dame, in den zartesten Tönen sich auf dem Flügel ergehend,
vernehmen, zugleich hinab vom Fenster in die einzigste Gegend von der
Welt zu schauen und in dem Abendglanz der Sonne mit weniger Wendung
des Hauptes das große Bild zu überblicken, das sich linker Hand vom
Bogen des Septimius Severus das Campo Vaccino entlang bis zum
Minerven--und Friedenstempel erstreckte, um dahinter das Koliseum
hervorschauen zu lassen, in dessen Gefolge man dann das Auge rechts
wendend, an den Bogen des Titus vorbeigleitend in dem Labyrinthe der
palatinischen Trümmer und ihrer durch Gartenkultur und wilde
Vegetation geschmückten Einöde sich zu verwirren und zu verweilen
hatte.
(Eine im Jahre 1824 von Fries und Thürmer gezeichnete und gestochene
nordwestliche übersicht von Rom, genommen von dem Turme des Kapitols,
bitten wir hiernächst zu überschauen; sie ist einige Stockwerke höher
und nach den neueren Ausgrabungen gefaßt, aber im Abendlichte und
Beschattung, wie wir sie damals gesehen, wobei denn freilich die
glühende Farbe mit ihren schattig-blauen Gegensätzen und allem dem
Zauber, der daraus entspringt, hinzuzudenken wäre.)
Sodann hatten wir in diesen Stunden als Glück zu schätzen, das
herrlichste Bild, welches Mengs vielleicht je gemalt hat, das Porträt
Clemens' XIII. Rezzonico, der unsern Gönner, den Senator, als Nepoten
an diesen Posten gesetzt, mit Ruhe zu beschauen, von dessen Wert ich
zum Schluß eine Stelle aus dem Tagebuch unseres Freundes anführe:
"Unter den von Mengs gemalten Bildnissen, da, wo seine Kunst sich am
tüchtigsten bewährte, ist das Bildnis des Papstes Rezzonico. Der
Künstler hat in diesem Werk die Venezianer im Kolorit und in der
Behandlung nachgeahmt und sich eines glücklichen Erfolgs zu erfreuen;
der Ton des Kolorits ist wahr und warm und der Ausdruck des Gesichtes
belebt und geistreich; der Vorhang von Goldstoff, auf dem sich der
Kopf und das übrige der Figur schön abheben, gilt für ein gewagtes
Kunststück in der Malerei, gelang aber vortrefflich, indem das Bild
dadurch ein reiches harmonisches, unser Auge angenehm rührendes Ansehn
erhält."