Februar

Wenn man einmal zum Künstler geboren ist und gar mancher Gegenstand

der Kunstanschauung zusagt, so kam diese mir auch mitten unter dem

Gewühl der Fastnachtstorheiten und Absurditäten zu Gunsten. Es war

das zweite Mal, daß ich das Karneval sah, und es mußte mir bald

auffallen, daß dieses Volksfest wie ein anderes wiederkehrendes Leben

und Weben seinen entschiedenen Verlauf hatte.

Dadurch ward ich nun mit dem Getümmel versöhnt, ich sah es an als ein

anderes bedeutendes Naturerzeugnis und Nationalereignis; ich

interessierte mich dafür in diesem Sinne, bemerkte genau den Gang der

Torheiten und wie das alles doch in einer gewissen Form und

Schicklichkeit ablief. Hierauf notierte ich mir die einzelnen

Vorkommnisse der Reihe nach, welche Vorarbeit ich später zu dem soeben

eingeschalteten Aufsatz benutzte, bat auch zugleich unsern

Hausgenossen, Georg Schütz, die einzelnen Masken flüchtig zu zeichnen

und zu kolorieren, welches er mit seiner gewohnten Gefälligkeit

durchführte.

Diese Zeichnungen wurden nachher durch Melchior Krause von Frankfurt

am Main, Direktor des freien Zeicheninstituts zu Weimar, in Quarto

radiert und nach den Originalen illuminiert zur ersten Ausgabe bei

Unger, welche sich selten macht.

Zu vorgemeldeten Zwecken mußte man sich denn mehr, als sonst geschehen

wären unter die verkappte Menge hinunter drängen, welche denn trotz

aller künstlerischen Ansicht oft einen widerwärtigen unheimlichen

Eindruck machte. Der Geist, an die würdigen Gegenstände gewöhnt, mit

denen man das ganze Jahr in Rom sich beschäftigte, schien immer einmal

gewahr zu werden, daß er nicht recht an seinem Platze sei.

Aber für den innern bessern Sinn sollte doch das Erquicklichste

bereitet sein. Auf dem venezianischen Platz, wo manche Kutschen, eh'

sie sich den bewegten Reihen wieder anschließen, die Vorbeiwallenden

sich zu beschauen pflegen, sah ich den Wagen der Mad. Angelika und

trat an den Schlag, sie zu begrüßen. Sie hatte sich kaum freundlich

zu mir herausgeneigt, als sie sich zurückbog, um die neben ihr

sitzende, wieder genesene Mailänderin mir sehen zulassen. Ich fand

sie nicht verändert; denn wie sollte sich eine gesunde Jugend nicht

schnell wiederherstellen; ja, ihre Augen schienen frischer und

glänzender mich anzusehen, mit einer Freudigkeit, die mich bis ins

Innerste durchdrang. So blieben wir eine Zeitlang ohne Sprache, als

Mad. Angelika das Wort nahm und, indessen jene sich vorbog, zu mir

sagte: "Ich muß nur den Dolmetscher machen, denn ich sehe, meine junge

Freundin kommt nicht dazu, auszusprechen, was sie so lange gewünscht,

sich vorgesetzt und mir öfters wiederholt hat, wie sehr sie Ihnen

verpflichtet ist für den Anteil, den Sie an ihrer Krankheit, ihrem

Schicksal genommen. Das erste, was ihr beim Wiedereintritt in das

Leben tröstlich geworden, heilsam und wiederherstellend auf sie

gewirkt, sei die Teilnahme ihrer Freunde und besonders die Ihrige

gewesen, sie habe sich auf einmal wieder aus der tiefsten Einsamkeit

unter so vielen guten Menschen in dem schönsten Kreise gefunden."

"Das ist alles wahr", sagte jene, indem sie über die Freundin her mir

die Hand reichte, die ich wohl mit der meinigen, aber nicht mit meinen

Lippen berühren konnte.

Mit stiller Zufriedenheit entfernt' ich mich wieder in das Gedräng der

Toren, mit dem zartesten Gefühl von Dankbarkeit gegen Angelika, die

sich des guten Mädchens gleich nach dem Unfalle tröstend anzunehmen

gewußt und, was in Rom selten ist, ein bisher fremdes Frauenzimmer in

ihren edlen Kreis aufgenommen hatte, welches mich um so mehr rührte,

als ich mir schmeicheln durfte, mein Anteil an dem guten Kinde habe

hierauf nicht wenig eingewirkt.

Der Senator von Rom, Graf Rezzonico, war schon früher, aus Deutschland

zurückkehrend, mich zu besuchen gekommen. Er hatte eine innige

Freundschaft mit Herrn und Frau von Diede errichtet und brachte mir

angelegentliche Grüße von diesen werten Gönnern und Freunden; aber ich

lehnte, wie herkömmlich, ein näheres Verhältnis ab, sollte aber doch

endlich unausweichlich in diesen Kreis gezogen werden.

Jene genannten Freunde, Herr und Frau von Diede, machten ihrem werten

Lebensgenossen einen Gegenbesuch, und ich konnte mich um so weniger

entbrechen, mancherlei Art von Einladungen anzunehmen, als die Dame,

wegen des Flügelspiels berühmt, in einem Konzerte auf der

kapitolinischen Wohnung des Senators sich hören zu lassen willig war

und man unsern Genossen Kayser, dessen Geschicklichkeit ruchbar

geworden, zu einer Teilnahme an jenen Exhibitionen schmeichelhaft

eingeladen hatte. Die unvergleichliche Aussicht bei Sonnenuntergang

aus den Zimmern des Senators nach dem Coliseo zu mit allem dem, was

sich von den andern Seiten anschließt, verlieh freilich unserm

Künstlerblick das herrlichste Schauspiel, dem man sich aber nicht

hingeben durfte, um es gegen die Gesellschaft an Achtung und Artigkeit

nicht fehlen zu lassen. Frau von Diede spielte sodann, sehr große

Vorzüge entwickelnd, ein bedeutendes Konzert, und man bot bald darauf

unserm Freunde den Platz an, dessen er sich denn auch ganz würdig zu

machen schien, wenn man dem Lobe trauen darf, das er einerntete.

Abwechselnd ging es eine Weile fort, auch wurde von einer Dame eine

Lieblingsarie vorgetragen, endlich aber, als die Reihe wieder an

Kaysern kam, legte er ein anmutiges Thema zum Grunde und variierte

solches auf die mannigfaltigste Weise.

Alles war gut vonstatten gegangen, als der Senator mir im Gespräch

manches Freundliche sagte, doch aber nicht bergen konnte und mit jener

weichen venezianischen Art halb bedauernd versicherte, er sei

eigentlich von solchen Variationen kein Freund, werde hingegen von den

ausdrucksvollen Adagios seiner Dame jederzeit ganz entzückt.

Nun will ich gerade nicht behaupten, daß mir jene sehnsüchtigen Töne,

die man im Adagio und Largo hinzuziehen pflegt, jemals seien zuwider

gewesen, doch aber liebt' ich in der Musik immer mehr das Aufregende,

da unsere eigenen Gefühle, unser Nachdenken über Verlust und Mißlingen

uns nur allzuoft herabzuziehen und zu überwältigen drohen.

Unserm Senator dagegen konnt' ich keineswegs verargen, ja ich mußte

ihm aufs freundlichste gönnen, daß er solchen Tönen gern sein Ohr lieh,

die ihn vergewisserten, er bewirte in dem herrlichsten Aufenthalte

der Welt eine so sehr geliebte und hochverehrte Freundin.

Für uns andere, besonders deutsche Zuhörer blieb es ein unschätzbarer

Genuß, in dem Augenblicke, wo wir eine treffliche, längst gekannte

verehrte Dame, in den zartesten Tönen sich auf dem Flügel ergehend,

vernehmen, zugleich hinab vom Fenster in die einzigste Gegend von der

Welt zu schauen und in dem Abendglanz der Sonne mit weniger Wendung

des Hauptes das große Bild zu überblicken, das sich linker Hand vom

Bogen des Septimius Severus das Campo Vaccino entlang bis zum

Minerven--und Friedenstempel erstreckte, um dahinter das Koliseum

hervorschauen zu lassen, in dessen Gefolge man dann das Auge rechts

wendend, an den Bogen des Titus vorbeigleitend in dem Labyrinthe der

palatinischen Trümmer und ihrer durch Gartenkultur und wilde

Vegetation geschmückten Einöde sich zu verwirren und zu verweilen

hatte.

(Eine im Jahre 1824 von Fries und Thürmer gezeichnete und gestochene

nordwestliche übersicht von Rom, genommen von dem Turme des Kapitols,

bitten wir hiernächst zu überschauen; sie ist einige Stockwerke höher

und nach den neueren Ausgrabungen gefaßt, aber im Abendlichte und

Beschattung, wie wir sie damals gesehen, wobei denn freilich die

glühende Farbe mit ihren schattig-blauen Gegensätzen und allem dem

Zauber, der daraus entspringt, hinzuzudenken wäre.)

Sodann hatten wir in diesen Stunden als Glück zu schätzen, das

herrlichste Bild, welches Mengs vielleicht je gemalt hat, das Porträt

Clemens' XIII. Rezzonico, der unsern Gönner, den Senator, als Nepoten

an diesen Posten gesetzt, mit Ruhe zu beschauen, von dessen Wert ich

zum Schluß eine Stelle aus dem Tagebuch unseres Freundes anführe:

"Unter den von Mengs gemalten Bildnissen, da, wo seine Kunst sich am

tüchtigsten bewährte, ist das Bildnis des Papstes Rezzonico. Der

Künstler hat in diesem Werk die Venezianer im Kolorit und in der

Behandlung nachgeahmt und sich eines glücklichen Erfolgs zu erfreuen;

der Ton des Kolorits ist wahr und warm und der Ausdruck des Gesichtes

belebt und geistreich; der Vorhang von Goldstoff, auf dem sich der

Kopf und das übrige der Figur schön abheben, gilt für ein gewagtes

Kunststück in der Malerei, gelang aber vortrefflich, indem das Bild

dadurch ein reiches harmonisches, unser Auge angenehm rührendes Ansehn

erhält."

Italienische Reise — Band 2 · 第 82 / 91 题