Rom, den 1. Februar.
Wie froh will ich sein, wenn die Narren künftigen Dienstag abend zur
Ruhe gebracht werden. Es ist eine entsetzliche Sekkatur, andere toll
zu sehen, wenn man nicht selbst angesteckt ist.
Soviel als möglich war, habe ich meine Studien fortgesetzt, auch ist
"Claudine" gerückt, und wenn nicht alle Genii ihre Hülfe versagen, so
geht heute über acht Tage der dritte Akt an Herdern ab, und so wäre
ich den fünften Band los. Dann geht eine neue Not an, worin mir
niemand raten noch helfen kann. "Tasso" muß umgearbeitet werden, was
da steht, ist zu nichts zu brauchen, ich kann weder so endigen noch
alles wegwerfen. Solche Mühe hat Gott den Menschen gegeben!
Der sechste Band enthält wahrscheinlich "Tasso", "Lila", "Jery und
Bätely", alles um--und ausgearbeitet, daß man es nicht mehr kennen
soll.
Zugleich habe ich meine kleinen Gedichte durchgesehen und an den
achten Band gedacht, den ich vielleicht vor dem siebenten herausgebe.
Es ist ein wunderlich Ding, so ein Summa Summarum seines Lebens zu
ziehen. Wie wenig Spur bleibt doch von einer Existenz zurück!
Hier sekkieren sie mich mit den übersetzungen meines "Werthers" und
zeigen mir sie und fragen, welches die beste sei und ob auch alles
wahr sei! Das ist nun ein Unheil, was mich bis nach Indien verfolgen
würde.
Rom, den 6. Februar.
Hier ist der dritte Akt" Claudinens"; ich wünsche, daß er dir nur die
Hälfte so wohl gefallen möge, als ich vergnügt bin, ihn geendigt zu
haben. Da ich nun die Bedürfnisse des lyrischen Theaters genauer
kenne, habe ich gesucht, durch manche Aufopferungen dem Komponisten
und Akteur entgegenzuarbeiten. Das Zeug, worauf gestickt werden soll,
muß weite Fäden haben, und zu einer komischen Oper muß es absolut wie
Marli gewoben sein. Doch hab' ich bei dieser wie bei "Erwin" auch
fürs Lesen gesorgt. Genug, ich habe getan, was ich konnte.
Ich bin recht still und rein und, wie ich euch schon versichert habe,
jedem Ruf bereit und ergeben. Zur bildenden Kunst bin ich zu alt, ob
ich also ein bißchen mehr oder weniger pfusche, ist eins. Mein Durst
ist gestillt, auf dem rechten Wege bin ich der Betrachtung und des
Studiums, mein Genuß ist friedlich und genügsam. Zu dem allen gebt
mir euern Segen. Ich habe nichts Näheres nun, als meine drei letzten
Teile zu endigen. Dann soll's an "Wilhelm" u. s. w.
Rom, den 9. Februar.
Die Narren haben noch Montag und Dienstag was Rechts gelärmt.
Besonders Dienstag abends, wo die Raserei mit den Moccoli in völligem
Flor war. Mittwochs dankte man Gott und der Kirche für die Fasten.
Auf kein Festin (so nennen sie die Redouten) bin ich gekommen, ich bin
fleißig, was nur mein Kopf halten will. Da der fünfte Band absolviert
ist, will ich nur einige Kunststudien durcharbeiten, dann gleich an
den sechsten gehn. Ich habe diese Tage das Buch Leonards da Vinci
über die Malerei gelesen und begreife jetzt, warum ich nie etwas darin
habe begreifen können.
O wie finde ich die Zuschauer so glücklich! die dünken sich so klug,
sie finden sich was Rechts. So auch die Liebhaber, die Kenner. Du
glaubst nicht, was das ein behägliches Volk, indes der gute Künstler
immer kleinlaut bleibt. Ich habe aber auch neuerdings einen Ekel,
jemanden urteilen zu hören, der nicht selbst arbeitet, daß ich es
nicht ausdrücken kann. Wie der Tabaksdampf macht mich eine solche
Rede auf der Stelle unbehaglich.
Angelika hat sich das Vergnügen gemacht und zwei Gemälde gekauft.
Eins von Tizian, das andere von Paris Bourdon. Beide um einen hohen
Preis. Da sie so reich ist, daß sie ihre Renten nicht verzehrt und
jährlich mehr dazu verdient, so ist es lobenswürdig, daß sie etwas
anschafft, das ihr Freude macht, und solche Sachen, die ihren
Kunsteifer erhöhen. Gleich sobald sie die Bilder im Hause hatte, fing
sie an, in einer neuen Manier zu malen, um zu versuchen, wie man
gewisse Vorteile jener Meister sich eigen machen könne. Sie ist
unermüdet, nicht allein zu arbeiten, sondern auch zu studieren. Mit
ihr ist's eine große Freude, Kunstsachen zu sehen.
Kayser geht auch als ein wackrer Künstler zu Werke. Seine Musik zu
"Egmont" avanciert stark. Noch habe ich nicht alles gehört. Mir
scheint jedes dem Endzweck sehr angemessen.
Er wird auch: "Cupido kleiner loser" etc. komponieren. Ich schicke
dir's gleich, damit es oft zu meinem Andenken gesungen werde. Es ist
auch mein Leibliedchen.
Der Kopf ist mir wüste vom vielen Schreiben, Treiben und Denken. Ich
werde nicht klüger, fordere zuviel von mir und lege mir zuviel auf.
Rom, den 16. Februar.
Mit dem preußischen Kurier erhielt ich vor einiger Zeit einen Brief
von unserm Herzog, der so freundlich, lieb, gut und erfreulich war,
als ich nicht leicht einen erhalten. Da er ohne Rückhalt schreiben
konnte, so beschrieb er mir die ganze politische Lage, die seinige und
so weiter. Über mich selbst erklärte er sich auf das liebreichste.
Rom, den 22. Februar.
Wir haben diese Woche einen Fall gehabt, der das ganze Chor der
Künstler in Betrübnis setzt. Ein Franzose namens Drouais, ein junger
Mensch von etwa 25 Jahren, einziger Sohn einer zärtlichen Mutter,
reich und schön gebildet, der unter allen studierenden Künstlern für
den hoffnungsvollsten gehalten ward, ist an den Blattern gestorben.
Es ist eine allgemeine Trauer und Bestürzung. Ich habe in seinem
verlassenen Studio die lebensgroße Figur eines Philoktets gesehen,
welcher mit einem Flügel eines erlegten Raubvogels den Schmerz seiner
Wunde wehend kühlt. Ein schön gedachtes Bild, das in der Ausführung
viel Verdienste hat, aber nicht fertig geworden.
Ich bin fleißig und vergnügt und erwarte so die Zukunft. Täglich wird
mir's deutlicher, daß ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und
daß ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf,
dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir
das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ. Von
meinem längern Aufenthalt in Rom werde ich den Vorteil haben, daß ich
auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht tue.
Angelika macht mir das Kompliment, daß sie wenige in Rom kenne, die
besser in der Kunst sähen als ich. Ich weiß recht gut, wo und was ich
noch nicht sehe, und fühle wohl, daß ich immer zunehme, und was zu tun
wäre, um immer weiter zu sehn. Genug, ich habe schon jetzt meinen
Wunsch erreicht: in einer Sache, zu der ich mich leidenschaftlich
getragen fühle, nicht mehr blind zu tappen.
Ein Gedicht, "Amor als Landschaftsmaler", schick' ich dir ehstens und
wünsche ihm gut Glück. Meine kleinen Gedichte hab' ich gesucht in
eine gewisse Ordnung zu bringen, sie nehmen sich wunderlich aus. Die
Gedichte auf Hans Sachs und auf Miedings Tod schließen den achten Band
und so meine Schriften für diesmal. Wenn sie mich indessen bei der
Pyramide zur Ruhe bringen, so können diese beiden Gedichte statt
Personalien und Parentation gelten.
Morgen frühe ist päpstliche Kapelle, und die famosen alten Musiken
fangen an, die nachher in der Karwoche auf den höchsten Grad des
Interesse steigen. Ich will nun jeden Sonntag frühe hin, um mit dem
Stil bekannt zu werden. Kayser, der diese Sachen eigentlich studiert,
wird mir den Sinn wohl darüber aufschließen. Wir erwarten mit jeder
Post ein gedrucktes Exemplar der Gründonnerstagsmusik von Zürich, wo
sie Kayser zurückließ. Sie wird alsdann erst am Klavier gespielt und
dann in der Kapelle gehört.