Philipp Neri, der humoristische Heilige

Philipp Neri, in Florenz geboren 1515, erscheint von Kindheit auf als

ein folgsamer, sittlicher Knabe von kräftigen Anlagen. Sein Bildnis

als eines solchen ist glücklicherweise aufbewahrt in des Fidanza

"Teste Scelte", Tom. V, Bl. 31. Man wüßte sich keinen tüchtigern,

gesündern, geradsinnigeren Knaben zu denken. Als Abkömmling einer

edlen Familie wird er in allem Guten und Wissenswerten der Zeit gemäß

unterrichtet und endlich, um seine Studien zu vollenden, man meldet

nicht, in welchem Alter, nach Rom gesandt. Hier entwickelt er sich

zum vollkommnen Jüngling; sein schönes Antlitz, seine reichen Locken

zeichnen ihn aus; er ist anziehend und ablehnend zugleich, Anmut und

Würde begleiten ihn überall.

Hier, zur traurigsten Zeit, wenige Jahre nach der grausamen Plünderung

der Stadt, ergibt er sich, nach Vorgang und Beispiel vieler Edlen,

ganz den übungen der Frömmigkeit, und sein Enthusiasmus steigert sich

mit den Kräften einer frischen Jugend. Unablässiges Besuchen der

Kirchen, besonders der sieben Hauptkirchen, brünstiges Beten zu

Herannötigung der Hülfe, fleißiges Beichten und Genuß des Abendmahls,

Flehen und Ringen nach geistigen Gütern.

In solch einem enthusiastischen Momente wirft er sich einst auf die

Stufen des Altars und zerbricht ein paar Rippen, welche, schlecht

geheilt, ihm lebenslängliches Herzklopfen verursachen und die

Steigerung seiner Gefühle veranlassen.

Um ihn versammeln sich junge Männer zu tätiger Sittlichkeit und

Frömmigkeit, sie erweisen sich unermüdet, die Armen zu versorgen, die

Kranken zu pflegen, und scheinen ihre Studien hintanzusetzen.

Wahrscheinlich bedienen sie sich der Zuschüsse von Haus zu wohltätigen

Zwecken, genug, sie geben und helfen immer und behalten nichts für

sich, ja, er lehnt nachher ausdrücklich alle Beihülfe von den Seinigen

ab, um dasjenige, was Wohltätigkeit ihnen zuweiset, an Bedürftige zu

wenden und selbst zu darben.

Dergleichen fromme Handlungen waren jedoch zu herzlich und lebhaft,

als daß man nicht hätte suchen sollen, sich zugleich auf eine

geistliche und gefühlvolle Weise über die wichtigsten Gegenstände zu

unterhalten. Die kleine Gesellschaft besaß noch kein eigenes Lokal,

sie erbat sich's bald in diesem, bald in jenem Kloster, wo dergleichen

leere Räume wohl zu finden sein mochten. Nach einem kurzen stillen

Gebet ward ein Text der Heiligen Schrift verlesen, worüber ein und der

andere sich, auslegend oder anwendend, in einer kurzen Rede vernehmen

ließ. Man besprach sich auch wohl hierüber, alles in bezug auf

unmittelbare Tätigkeit; dialektische und spitzfindige Behandlung war

durchaus verboten. Die übrige Tageszeit ward immerfort einer

aufmerksamen Versorgung der Kranken, dem Dienst in Hospitälern, dem

Beistande der Armen und Notleidenden gewidmet.

Da bei diesen Verhältnissen keine Beschränkung vorwaltete und man

ebensogut kommen als gehen konnte, so vermehrte sich die Zahl der

Teilnehmenden ungemein, so wie sich denn auch jene Versammlung ernster

und umgreifender beschäftigte. Auch aus den Leben der Heiligen ward

vorgelesen, Kirchenväter und Kirchengeschichte stellenweise zu Rate

gezogen, worauf denn vier der Teilnehmenden, jeder eine halbe Stunde,

zu sprechen das Recht und Pflicht hatten.

Diese fromme tagtägliche, ja familiär-praktische Behandlung der

höchsten Seelenangelegenheiten erregte immer mehr Aufmerksamkeit nicht

allein unter Einzelnen, sondern sogar unter ganzen Körperschaften.

Man verlegte die Versammlungen in die Kreuzgänge und Räume dieser und

jener Kirche, der Zudrang vermehrte sich, besonders zeigte sich der

Orden der Dominikaner dieser Art, sich zu erbauen, sehr geneigt und

schloß sich zahlreich an die sich immer mehr ausbildende Schar an,

welche durch die Kraft und den hohen Sinn ihres Anführers sich

durchaus gleich und, wenn auch geprüft durch mancherlei

Widerwärtigkeiten, auf demselben Pfade fortschreitend finden ließ.

Da nun aber nach dem hohen Sinne des trefflichen Vorgesetzten alle

Spekulation verbannt, jede geregelte Tätigkeit aber aufs Leben

gerichtet war, und das Leben sich ohne Heiterkeit nicht denken läßt,

so wußte der Mann auch hierin den unschuldigen Bedürfnissen und

Wünschen der Seinigen entgegenzukommen. Bei eintretendem Frühling

führte er sie nach San Onofrio, welches, hoch und breit gelegen, in

solchen Tagen die angenehmste örtlichkeit anbot. Hier, wo bei der

jungen Jahrszeit alles jung erscheinen sollte, trat nach stillen

Gebeten ein hübscher Knabe hervor, rezitierte eine auswendig gelernte

Predigt, Gebete folgten, und ein Chor besonders eingeladener Sänger

ließ sich erfreulich und eindringlich zum Schlusse hören, welches um

so bedeutender war, als die Musik damals weder ausgebreitet noch

ausgebildet gefunden ward und hier vielleicht zum erstenmal ein

religioser Gesang in freier Luft sich mitteilte.

Immer auf diese Weise fortwirkend, vermehrte sich die Kongregation und

wuchs, so wie an Personenzahl, so an Bedeutung. Die Florentiner

nötigten gleichsam ihren Landsmann, das von ihnen abhängige Kloster

San Girolamo zu beziehen, wo denn die Anstalt sich immer mehr

ausdehnte und auf gleiche Weise fortwirkte, bis ihnen endlich der

Papst in der Nähe des Platzes Navona ein Kloster als eigentümlich

anwies, welches, von Grund aus neu gebaut, eine gute Anzahl frommer

Genossen aufnehmen konnte. Hier blieb es jedoch bei der früheren

Einrichtung, Gotteswort, das will sagen heilig edle Gesinnungen dem

gemeinen Verstande sowie dem gemeinen Alltagsleben anzunähern und

eigen zu machen. Man versammelte sich nach wie vor, betete, vernahm

einen Text, hörte darüber sprechen, betete und ward zuletzt durch

Musik ergötzt, und was damals öfter, ja täglich geschah, geschieht

jetzt noch Sonntags, und gewiß wird jeder Reisende, der nähere

Kenntnis von dem heiligen Stifter genommen, sich künftighin, diesen

unschuldigen Funktionen beiwohnend, vorzüglich erbauen, wenn er

dasjenige, was wir vorgetragen haben und zunächst mitteilen, in Gemüt

und Gedanke vorüberwalten läßt.

Hier sind wir nun in dem Falle, in Erinnerung zu bringen, daß diese

ganze Anstalt noch immer ans Weltliche grenzte. Wie denn nur wenige

unter ihnen sich dem eigentlichen Priesterstande gewidmet hatten und

nur so viel geweihte Geistliche unter ihnen gefunden wurden, als nötig,

Beichte zu sitzen und das Meßopfer zu verrichten. Und so war denn

auch Philipp Neri selbst sechsunddreißig Jahre alt geworden, ohne sich

zum Priestertum zu melden, denn er fand sich, wie es scheint, in

seinem gegenwärtigen Zustande frei und weit mehr sich selbst

überlassen, als er sich mit kirchlichen Banden gefesselt, als Glied

der großen Hierarchie zwar hochgeehrt, aber doch beschränkt gefühlt

hätte.

Allein von oben her ließ man es dabei nicht bewenden, sein Beichtvater

machte es ihm zur Gewissenssache, die Weihe zu nehmen und in den

Priesterstand zu treten. Und so geschah es auch; nun hatte die Kirche

klüglich einen Mann in ihren Kreis eingeschlossen, der, unabhängigen

Geistes bisher, auf einen Zustand losging, worin das Heilige mit dem

Weltlichen, das Tugendsame mit dem Alltäglichen sich vereinigen und

vertragen sollte. Diese Veränderung aber, der übergang zur

Priesterschaft, scheint auf sein äußeres Benehmen nicht im mindesten

eingewirkt zu haben.

Er übt nur noch strenger als bisher jede Entäußerung und lebt in einem

schlechten Klösterchen mit andern kümmerlich zusammen. So gibt er die

bei großer Teurung ihm verehrten Brote einem andern Bedürftigern und

setzt seinen Dienst gegen Unglückliche immer fort.

Aber auf sein Inneres hat das Priestertum einen merkwürdig steigernden

Einfluß. Die Verpflichtung zum Meßopfer versetzt ihn in einen

Enthusiasmus, in eine Ekstase, wo man den bisher so natürlichen Mann

gänzlich verliert. Er weiß kaum, wohin er schreitet, er taumelt auf

dem Wege und vor dem Altare. Hebt er die Hostie in die Höhe, so kann

er die Arme nicht wieder herunterbringen; es scheint, als zöge ihn

eine unsichtbare Kraft empor. Beim Eingießen des Weins zittert und

schaudert er. Und wenn er nach vollendeter Wandlung dieser

geheimnisvollen Gaben genießen soll, erzeigt er sich auf eine

wunderliche, nicht auszusprechende schwelgerische Weise. Vor

Leidenschaft beißt er in den Kelch, indes er ahnungsvoll das Blut zu

schlürfen glaubt des kurz vorher gleichsam gierig verschlungenen

Leibes. Ist aber dieser Taumel vorüber, so finden wir zwar immer

einen leidenschaftlich wundersamen, aber immer höchst verständig

praktischen Mann.

Ein solcher Jüngling, ein solcher Mann, so lebhaft und seltsam wirkend,

mußte den Menschen wunderlich und mitunter gerade durch seine

Tugenden beschwerlich und widerwärtig vorkommen. Wahrscheinlich ist

ihm dieses in dem Laufe seines froherer Lebens oft begegnet; nachdem

er aber zum Priester geweiht ist und sich so eng und kümmerlich,

gleichsam als Gast in einem armseligen Kloster behilft, treten

Widersacher auf, die ihn mit Spott und Hohn unablässig verfolgen.

Doch wir gehen weiter und sagen, er sei ein höchst ausgezeichneter

Mensch gewesen, der aber das einem jeden dieser Art angeborne

Herrische zu beherrschen und in Entsagung, Entbehrung, Wohltätigkeit,

Demut und Schmach den Glanz seines Daseins zu verhüllen trachtete.

Der Gedanke, vor der Welt als töricht zu erscheinen und dadurch in

Gott und göttliche Dinge sich erst recht zu versenken und zu üben, war

sein andauerndes Bestreben, wodurch er sich und sodann auch seine

Schüler ausschließlich zu erziehen unternahm. Die Maxime des heiligen

Bernhard:

"Spernere mundum,

Spernere neminem,

Spernere se ipsum,

Spernere se sperni."

schien ihn ganz durchdrungen zu haben, ja vielmehr aus ihm frisch

wieder entwickelt zu sein.

ähnliche Absichten, ähnliche Zustände nötigen den Menschen, in

gleichen Maximen sich aufzuerbauen. Man kann gewiß sein, daß die

erhabensten, innerlich stolzesten Menschen sich zu jenen Grundsätzen

allein bequemen, indem sie das Widerwärtige einer dem Guten und Großen

immer widerstrebenden Welt vorauszukosten und den bittern Kelch der

Erfahrung, eh' er ihnen noch angeboten ist, bis auf den Grund zu

leeren sich entschließen. Grenzenlos und in ununterbrochener Reihe

machen jene Geschichtchen, wie er seine Schüler geprüft, deren viele

bis auf uns gekommen sind, jeden lebenslustigen Menschen, der sie

vernimmt, wirklich ungeduldig, so wie diese Gebote demjenigen, der

ihnen gehorchen sollte, höchst schmerzlich und nahezu unerträglich

fallen mußten. Deswegen denn auch nicht alle eine solche Feuerprobe

bestanden.

Eh' wir aber uns auf dergleichen wunderbare und dem Leser

gewissermaßen unwillkommne Erzählungen einlassen, wenden wir uns

lieber noch einmal zu jenen großen Vorzügen, welche die Zeitgenossen

ihm zugestehen und höchlich rühmen. Er habe, sagen sie, Kenntnisse

und Bildung mehr von Natur als durch Unterricht und Erziehung erhalten;

alles, was andere mühsam erwerben, sei ihm gleichsam eingegossen

gewesen. Ferner habe er die große Gabe zu eigen gehabt, Geister zu

unterscheiden, Eigenschaften und Fähigkeiten der Menschen zu würdigen

und zu schätzen; zugleich habe er mit dem größten Scharfsinn die

weltlichen Dinge durchdrungen, auf einen Grad, daß man ihm den Geist

der Wahrsagung zuschreiben müssen. Auch ward ihm eine entschiedene

Anziehungsgabe, welche auszudrücken die Italiener sich des schönen

Wortes "attrattiva" bedienen, kräftig verliehen, die sich nicht allein

auf Menschen erstreckte, sondern auch auf Tiere. Als Beispiel wird

erzählt, daß der Hund eines Freundes sich ihm angeschlossen und

durchaus gefolgt sei, auch bei dem ersten Besitzer, der ihn lebhaft

zurückgewünscht und durch mancherlei Mittel ihn wieder zu gewinnen

getrachtet, auf keine Weise verbleiben wollen, sondern sich immer zu

dem anziehenden Manne zurückbegeben, sich niemals von ihm getrennt,

vielmehr zuletzt nach mehreren Jahren in dem Schlafzimmer seines

erwählten Herrn das Leben geendet habe. Dieses Geschöpf veranlaßt uns

nun, auf jene Prüfungen, zu denen es selbst Gelegenheit gegeben,

zurückzukommen. Es ist bekannt, daß Hundeführen, Hundetragen im

Mittelalter überhaupt und wahrscheinlich auch in Rom höchst

schimpflich gewesen. In dieser Rücksicht pflegte der fromme Mann

jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu führen, auch mußten seine

Schüler dasselbe auf den Armen durch die Straßen tragen und sich auf

diese Weise dem Gelächter und Spott der Menge preisgeben.

Auch mutete er seinen Schülern und Genossen andere unwürdige

äußerlichkeiten zu. Einem jungen römischen Fürsten, welcher der Ehre,

für ein Ordensglied zu gelten, mitgenießen wollte, wurde angesonnen,

er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom

spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in

den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne überkleid und wieder

einen mit zerrißnen ärmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte

sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue ärmel an, die der Jüngling

ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und

tragen mußte. Beim Bau der neuen Kirche nötigte er die Seinen, gleich

Taglöhnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur

Hand zu langen.

Gleichermaßen wußte er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an

sich empfinden mochte, zu stören und zu vernichten. Wenn die Predigt

eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst

zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an

seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger fähigen

Schülern, ungesäumt hinaufzutreten und zu beginnen, welche denn, so

unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als je zu erweisen

das Glück hatten. Italienische Reise / 2. Röm. Aufenthalt / Philipp

Neri (2)

Man versetze sich in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts

und den wüsten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Päpsten wie

ein aufgeregtes Element erschien, und man wird eher begreifen, daß ein

solches Verfahren wirksam und mächtig sein mußte, indem es durch

Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten

Wollen des Menschen die große Gewalt verlieh, trotz allem äußern sich

zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es

befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen

und Schicklichen unbedingt zu entsagen.

Eine merkwürdige, obgleich schon bekannte Prüfungsgeschichte wird man

hier wegen ihrer besondern Anmut nicht ungern wiederholt finden. Dem

heiligen Vater war angekündigt, in einem Kloster auf dem Lande tue

sich eine wunderwirkende Nonne hervor. Unser Mann erhält den Auftrag,

eine für die Kirche so wichtige Angelegenheit näher zu untersuchen; er

setzt sich auf sein Maultier, das Befohlene zu verrichten, kommt aber

schneller zurück, als der heilige Vater es erwartet. Der Verwunderung

seines geistlichen Gebieters begegnet Neri mit folgenden Worten:

"Heiligster Vater, diese tut keine Wunder, denn es fehlt ihr an der

ersten christlichen Tugend, der Demut; ich komme durch schlimmen Weg

und Wetter übel zugerichtet im Kloster an, ich lasse sie in Eurem

Namen vor mich fordern, sie erscheint, und ich reiche ihr statt des

Grußes den Stiefel hin, mit der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen.

Entsetzt fährt sie zurück, und mit Schelten und Zorn erwidert sie

mein Ansinnen; für was ich sie halte! ruft sie aus, die Magd des Herrn

sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme, um knechtische

Dienste von ihr zu verlangen. Ich erhub mich gelassen, setzte mich

wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch, und ich bin überzeugt,

Ihr werdet keine weitere Prüfung nötig finden." Lächelnd beließ es

auch der Papst dabei, und wahrscheinlich ward ihr das fernere

Wundertun untersagt.

Wenn er aber sich dergleichen Prüfungen gegen andere erlaubte, so

mußte er solche von Männern erdulden, welche, gleichen Sinnes, den

nämlichen Weg der Selbstverleugnung einschlugen. Ein Bettelmönch, der

aber auch schon im Geruch der Heiligkeit stand, begegnet ihm in der

gangbarsten Straße und bietet ihm einen Schluck aus der Weinflasche,

die er vorsorglich mit sich führt. Philipp Neri bedenkt sich nicht

einen Augenblick und setzt die langhalsige Korbflasche, den Kopf

zurückbiegend, dreist an den Mund, indes das Volk laut lacht und

spottet, daß zwei fromme Männer sich dergestalt zutrinken.

Philipp Neri, den es ungeachtet seiner Frömmigkeit und Ergebung

einigermaßen durfte verdrossen haben, sagte darauf: "Ihr habt mich

geprüft, nun ist die Reihe an mir", und drückte zugleich sein

vierecktes Barett auf den Kahlkopf, welcher nun gleichfalls ausgelacht

wurde, ganz ruhig fortging und sagte: "Wenn mir's einer vom Kopf nimmt,

so mögt Ihr's haben." Neri nahm es ihm ab, und sie schieden.

Freilich dergleichen zu wagen und dennoch die größten sittlichen

Wirkungen hervorzubringen, bedurfte es eines Mannes wie Philipp Neri,

dessen Handlungen gar oft als Wunder anzusehen waren. Als Beichtiger

machte er sich furchtbar und daher des größten Zutrauens würdig; er

entdeckte seinen Beichtkindern Sünden, die sie verschwiegen, Mängel,

die sie nicht beachtet hatten; sein brünstiges ekstatisches Gebet

setzte seine Umgebungen als übernatürlich in Erstaunen, in einen

Zustand, in welchem die Menschen wohl auch durch ihre Sinne zu

erfahren glauben, was ihnen die Einbildungskraft, angeregt durchs

Gefühl, vorbilden mochte. Wozu denn noch kommt, daß das Wunderbare,

ja das Unmögliche, erzählt und wieder erzählt, endlich vollkommen die

Stelle des Wirklichen, des Alltäglichen einnimmt. Hierher gehört, daß

man ihn nicht allein verschiedentlich während des Meßopfers vor dem

Altare wollte emporgehoben gesehen haben, sondern daß sich auch

Zeugnisse fanden, man habe ihn, knieend um das Leben eines

gefährlichst Kranken betend, dergestalt von der Erde emporgehoben

erblickt, daß er mit dem Haupte beinahe die Decke des Zimmers berührt.

Bei einem solchen durchaus dem Gefühl und der Einbildungskraft

gewidmeten Zustande war es ganz natürlich, daß die Einmischung auch

widerwärtiger Dämonen nicht ganz auszubleiben schien.

Oben zwischen dem verfallenen Gemäuer der Antoninischen Bäder sieht

wohl einmal der fromme Mann in äffischer Ungestalt ein widerwärtiges

Wesen herumhupfen, das aber auf sein Geheiß alsogleich zwischen

Trümmern und Spalten verschwindet. Bedeutender jedoch als diese

Einzelheit ist, wie er gegen seine Schüler verfährt, die ihn von

seligen Erscheinungen, womit sie von der Mutter Gottes und andern

Heiligen beglückt worden, mit Entzücken benachrichtigen. Er, wohl

wissend, daß aus dergleichen Einbildungen ein geistlicher Dünkel, der

schlimmste und hartnäckigste von allen, gewöhnlich entspringe,

versichert sie deshalb, daß hinter dieser himmlischen Klarheit und

Schönheit gewiß eine teuflische, häßliche Finsternis verborgen liege.

Dieses zu erproben, gebietet er ihnen: bei der Wiederkehr einer so

holdseligen Jungfrau ihr gerade ins Gesicht zu speien; sie gehorchen,

und der Erfolg bewährt sich, indem auf der Stelle eine Teufelslarve

hervortritt.

Der große Mann mag dieses mit Bewußtsein oder, was wahrscheinlicher

ist, aus tiefem Instinkt geboten haben; genug, er war sicher, daß

jenes Bild, welches eine phantastische Liebe und Sehnsucht

hervorgerufen hatte, nun durch das entgegenwirkende Wagnis von Haß und

Verachtung unmittelbar in eine Fratze sich verwandeln würde.

Ihn berechtigten jedoch zu einer so seltsamen Pädagogik die

außerordentlichsten, zwischen den höchst geistigen und höchst

körperlichen schwebend erscheinenden Naturgaben: Gefühl einer sich

nahenden noch ungesehenen Person, Ahnung entfernter Begebenheiten,

Bewußtsein der Gedanken eines vor ihm Stehenden, Nötigung anderer zu

seinen Gedanken.

Diese und dergleichen Gaben sind unter mehreren Menschen ausgeteilt,

mancher kann sich derselben ein und das anderemal rühmen, aber die

ununterbrochene Gegenwart solcher Fähigkeiten, die in jedem Falle

bereite Ausübung einer so staunenswürdigen Wirksamkeit, dies ist

vielleicht nur in einem Jahrhundert zu denken, wo zusammengehaltene

unzersplitterte Geistes--und Körperkräfte sich mit erstaunenswürdiger

Energie hervortun konnten.

Betrachten wir aber eine solche nach unabhängigem grenzenlosen,

geistigen Wirken sich hinsehnende und hingetriebene Natur, wie sie

durch die streng umfassenden römisch-kirchlichen Bande sich wieder

zusammengehalten fühlen muß.

Die Wirkungen des heiligen Xaverius unter den abgöttischen Heiden

mögen freilich damals in Rom großes Aufsehen gemacht haben. Dadurch

aufgeregt, fühlten Neri und einige seiner Freunde sich gleichfalls

nach dem sogenannten Indien gezogen und wünschten mit päpstlicher

Erlaubnis sich dorthin zu verfügen. Allein der wahrscheinlich von

oben her wohl instruierte Beichtvater redete ihnen ab und gab zu

bedenken, daß für gottselige, auf Besserung des Nächsten, auf

Ausbreitung der Religion gerichtete Männer in Rom selbst ein

genugsames Indien zu finden und ein würdiger Schauplatz für deren

Tätigkeit offen sei. Man verkündigte ihnen, daß der großen Stadt

selbst zunächst ein großes Unheil bevorstehen möchte, indem die drei

Brunnen vor dem Tore St. Sebastian trüb und blutig seit einiger Zeit

geflossen, welches als eine untrügliche Andeutung zu betrachten sei.

Mag also der würdige Neri und seine Gesellen, hiedurch beschwichtigt,

innerhalb Roms ein wohltätiges wunderwirkendes Leben fortgesetzt haben,

so viel ist gewiß, daß er von Jahr zu Jahr an Vertrauen und Achtung

bei Großen und Kleinen, Alten und Jungen zugenommen.

Bedenke man nun die wundersame Komplikation der menschlichen Natur, in

welcher sich die stärksten Gegensätze bereinigen, Materielles und

Geistiges, Gewöhnliches und Unmögliches, Widerwärtiges und

Entzückendes, Beschränktes und Grenzenloses, dergleichen aufzuführen

man noch ein langes Register fortsetzen könnte; bedenke man einen

solchen Widerstreit, wenn er in einem vorzüglichen Menschen sich

ereignet und zutage tritt, wie er durch das Unbegreifliche, was sich

aufdringt, den Verstand irre macht, die Einbildungskraft losbindet,

den Glauben überflügelt, den Aberglauben berechtigt und dadurch den

natürlichen Zustand mit dem unnatürlichsten in unmittelbare Berührung,

ja zur Vereinigung bringt; gehe man mit diesen Betrachtungen an das

weitläufig überlieferte Leben unseres Mannes, so wird es uns faßlich

scheinen, was ein solcher, der beinahe ein ganzes Jahrhundert auf

einem so großen Schauplatze in einem ungeheuern Elemente

ununterbrochen und unablässig gewirkt, für einen Einfluß müsse erlangt

haben. Die hohe Meinung von ihm ging so weit, daß man nicht allein

von seinem gesunden, kräftigen Wirken Nutzen, Heil und seliges Gefühl

sich zueignete, sondern daß sogar seine Krankheiten das Vertrauen

vermehrten, indem man sie als Zeichen seines innigsten Verhältnisses

zu Gott und dem Göttlichsten anzusehen sich bewogen fand. Hier

begreifen wir nun, wie er schon lebend der Würde eines Heiligen

entgegenging und sein Tod nur bekräftigen konnte, was ihm von den

Zeitgenossen zugedacht und zugestanden war.

Deshalb auch, als man bald nach seinem Verscheiden, welches von noch

mehr Wundern als sein Leben begleitet war, an Papst Clemens VIII. die

Frage brachte, ob man mit der Untersuchung, dem sogenannten Prozeß,

welcher einer Seligsprechung vorausgeht, den Anfang machen dürfe,

dieser die Antwort erteilte: "Ich habe ihn immer für einen Heiligen

gehalten und kann daher nichts dagegen einwenden, wenn ihn die Kirche

im allgemeinen den Gläubigen als solchen erklären und vorstellen wird."

Nun aber dürfte es auch der Aufmerksamkeit wert gehalten werden, daß

er in der langen Reihe von Jahren, die ihm zu wirken gegönnt wurden,

funfzehn Päpste erlebt, indem er, unter Leo X. geboren, unter Clemens

VIII. seine Tage beschloß; daher er denn auch eine unabhängige

Stellung gegen den Papst selbst zu behaupten sich anmaßte und als

Glied der Kirche sich zwar ihren allgemeinen Anordnungen durchaus

gleichstellte, aber im einzelnen sich nicht gebunden, ja sogar

gebieterisch gegen das Oberhaupt der Kirche bewies. Nun läßt es sich

denn auch erklären, daß er die Kardinalswürde durchaus abschlug und in

seiner Chiesa nuova, gleich einem widerspenstigen Ritter in einer

alten Burg, sich gegen den obersten Schutzherrn unartig zu betragen

herausnahm.

Der Charakter jener Verhältnisse jedoch, wie sie sich am Ende des

sechzehnten Jahrhunderts aus den früheren, roheren Zeiten seltsam

genug gestaltet erhielten, kann durch nichts deutlicher vor Augen

gestellt, eindringlicher dem Geiste dargebracht werden als durch ein

Memorial, welches Neri kurz vor seinem Tode an den neuen Papst Clemens

VIII. ergehen ließ, worauf eine gleich wunderliche Resolution erfolgte.

Wir sehen hieraus das auf eine andere Weise nicht zu schildernde

Verhältnis eines bald achtzigjährigen, dem Rang eines Heiligen

entgegensehenden Mannes zu einem bedeutenden, tüchtigen, während

seiner mehrjährigen Regierung höchst achtbaren souveränen Oberhaupte

der römisch-katholischen Kirche. Memorial des Philipp Neri an Clemens

VIII.

"Heiligster Vater! Und was für eine Person bin ich denn, daß die

Kardinäle mich zu besuchen kommen, und besonders gestern abend die

Kardinäle von Florenz und Cusano? Und weil ich ein bißchen Manna in

Blättern nötig hatte, so ließ mir gedachter Kardinal von Florenz zwei

Unzen von San Spirito holen, indem der Herr Kardinal in jenes Hospital

eine große Quantität geschickt hatte. Er blieb auch bis zwei Stunden

in die Nacht und sagte so viel Gutes von Ew. Heiligkeit, viel mehr,

als mir billig schien; denn da Sie Papst sind, so sollten Sie die

Demut selber sein. Christus kam um sieben Uhr in der Nacht, sich mir

einzuverleiben, und Ew. Heiligkeit könnte auch wohl einmal in unsre

Kirche kommen. Christus ist Mensch und Gott und besucht mich gar

manchmal. Ew. Heiligkeit ist nur ein bloßer Mensch, geboren von

einem heiligen und rechtschaffenen Mann, jener aber von Gott Vater.

Die Mutter von Ew. Heiligkeit ist Signora Agnesina, eine sehr

gottesfürchtige Dame; aber jenes die Jungfrau aller Jungfrauen. Was

hätte ich nicht alles zu sagen, wenn ich meiner Galle freien Lauf

lassen wollte. Ich befehle Ew. Heiligkeit, daß Sie meinen Willen tun

wegen eines Mädchens, das ich nach Torre de' specchi schaffen will.

Sie ist die Tochter von Claudio Neri, dem Ew. Heiligkeit versprochen

hat, daß Sie seine Kinder beschützen will; und da erinnere ich Sie,

daß es hübsch ist, wenn ein Papst sein Wort hält. Deswegen übergeben

Sie mir gedachtes Geschäft, und so, daß ich mich im Notfall Ihres

Namens bedienen könne; um so mehr, da ich den Willen des Mädchens weiß

und gewiß bin, daß sie durch göttliche Eingebung bewegt wird, und mit

der größten Demut, die ich schuldig bin, küsse ich die heiligsten Füße."

Eigenhändige Resolution des Papsts, unter das Memorial geschrieben

"Der Papst sagt, daß dieser Aufsatz in seinem ersten Teil etwas vom

Geiste der Eitelkeit enthält, indem er dadurch erfahren soll, daß die

Kardinäle Dieselben so oft besuchen; wenn uns nicht etwa dadurch

angedeutet werden soll, daß diese Herren geistlich gesinnt sind;

welches man recht gut weiß. Daß Er nicht gekommen ist, Dieselben zu

sehen, darauf sagt Er, daß es Ew. Ehrwürden nicht verdienen, da Sie

das Kardinalat nicht haben annehmen wollen, das Ihnen so oft

angetragen worden. Was den Befehl betrifft, so ist Er zufrieden, daß

Dieselben mit Ihrer gewöhnlichen Befehlshaberei denen guten Müttern

einen tüchtigen Filz geben, die es Denenselben nicht nach Ihrem Sinne

machen. Nun befiehlt Er Denselben aber, daß Sie sich wahren und nicht

Beichte sitzen ohne seine Erlaubnis. Kommt aber unser Herr Dieselben

besuchen, so bitten Sie für uns und für die dringendsten Notdurften

der Christenheit."

Italienische Reise — Band 2 · 第 65 / 91 题