Rom, den 1. Dezember.
So viel versichre ich dir: ich bin über die wichtigsten Punkte mehr
als gewiß, und obgleich die Erkenntnis sich ins Unendliche erweitern
könnte, so hab' ich doch vom Endlich-Unendlichen einen sichern, ja
klaren und mitteilbaren Begriff.
Ich habe noch die wunderlichsten Sachen vor und halte mein
Erkenntnisvermögen zurück, daß nur meine tätige Kraft einigermaßen
fortkomme. Denn da sind herrliche Sachen und so begreiflich wie die
Flachhand, wenn man sie nur gefaßt hat.
Rom, den 7. Dezember 1787.
Diese Woche ist mit Zeichnen zugebracht worden, da es mit der Dichtung
nicht fort wollte; man muß sehen und suchen, alle Epochen zu nutzen.
Unsere Hausakademie geht immer fort, und wir sind bemüht, den alten
Aganthyr aus dem Schlafe zu wecken; die Perspektiv beschäftigt uns des
Abends, und ich suche immer dabei einige Teile des menschlichen
Körpers besser und sichrer zeichnen zu lernen. Es ist nur alles
Gründliche gar zu schwer und verlangt große Applikation in der
Ausübung.
Angelika ist gar lieb und gut, sie macht mich auf alle Weise zu ihrem
Schuldner. Den Sonntag bringen wir zusammen zu, und in der Woche sehe
ich sie abends einmal. Sie arbeitet so viel und so gut, daß man gar
keinen Begriff hat, wie's möglich ist, und glaubt doch immer, sie
mache nichts.
Rom, den 8. Dezember.
Wie sehr es mich ergötzt, daß dir mein Liedchen gefallen hat, glaubst
du nicht, wie sehr es mich freut, einen Laut hervorzubringen, der in
deine Stimmung trifft. Eben das wünscht' ich "Egmonten", von dem du
so wenig sagst und eher, daß dir daran etwas weh als wohl tut. O, wir
wissen genug, daß wir eine so große Komposition schwer ganz rein
stimmen können, es hat doch im Grunde niemand einen rechten Begriff
von der Schwierigkeit der Kunst als der Künstler selbst.
Es ist weit mehr Positives, das heißt Lehrbares und überlieferbares in
der Kunst, als man gewöhnlich glaubt; und der mechanischen Vorteile,
wodurch man die geistigsten Effekte (versteht sich immer mit Geist)
hervorbringen kann, sind sehr viele. Wenn man diese kleinen
Kunstgriffe weiß, ist vieles ein Spiel, was nach wunder was aussieht,
und nirgends glaub' ich, daß man mehr lernen kann in Hohem und Niedrem
als in Rom.
Rom, den 15. Dezember.
Ich schreibe dir späte, um nur etwas zu schreiben. Diese Woche hab'
ich sehr vergnügt zugebracht. Es wollte die vorige Woche nicht gehen,
weder mit einer noch andrer Arbeit, und da es am Montage so schön
Wetter war und meine Kenntnis des Himmels mich gute Tage hoffen ließ,
machte ich mich mit Kaysern und meinem zweiten Fritz auf die Beine und
durchging von Dienstag bis heute abend die Plätze, die ich schon
kannte, und verschiedene Seiten, die ich noch nicht kannte.
Dienstag abend erreichten wir Frascati, Mittwoch besuchten wir die
schönsten Villen und besonders den köstlichen Antinous auf Monte
Dragone. Donnerstag gingen wir von Frascati auf Monte Cavo über Rocca
di Papa, wovon du einmal Zeichnungen haben sollst, denn Worte und
Beschreibungen sind nichts; dann nach Albano herunter. Freitag schied
Kayser von uns, dem es nicht ganz wohl war, und ich ging mit Fritz dem
zweiten auf Aricia, Genzano, am See von Nemi her wieder auf Albano
zurück. Heute sind wir auf Castel Gandolfo und Marino gegangen und
von da nach Rom zurück. Das Wetter hat uns unglaublich begünstigt, es
war fast das schönste Wetter des ganzen Jahrs. Außer den immergrünen
Bäumen haben noch einige Eichen ihr Laub, auch junge Kastanien noch
das Laub, wenngleich gelb. Es sind Töne in der Landschaft von der
größten Schönheit, und die herrlichen großen Formen im nächtlichen
Dunkel! Ich habe große Freude gehabt, die ich dir in der Ferne
mitteile. Ich war sehr vergnügt und wohl.
Rom, den 21. Dezember.
Daß ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermögen
auf, statt es zu hindern; denn schreiben muß man nur wenig, zeichnen
viel. Dir wünsche ich nur den Begriff der bildenden Kunst mitteilen
zu können, den ich jetzt habe; so subordiniert er auch noch ist, so
erfreulich, weil er wahr ist und immer weiter deutet. Der Verstand
und die Konsequenz der großen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei
meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an,
wie neu erzogen zu sein.
Was ich bisher geschickt habe, sind nur leichtsinnige Versuche. Mit
Thurneisen schicke ich eine Rolle, worauf das Beste fremde Sachen sind,
die dich erfreuen werden.
Rom, den 25. Dezember.
Diesmal ist Christus unter Donner und Blitzen geboren worden, wir
hatten gerade um Mitternacht ein starkes Wetter.
Der Glanz der größten Kunstwerke blendet mich nicht mehr, ich wandle
nun im Anschauen, in der wahren unterscheidenden Erkenntnis. Wieviel
ich hierin einem stillen, einsam fleißigen Schweizer, namens Meyer,
schuldig bin, kann ich nicht sagen. Er hat mir zuerst die Augen über
das Detail, über die Eigenschaften der einzelnen Formen aufgeschlossen,
hat mich in das eigentliche Machen initiiert. Er ist in wenigem
genügsam und bescheiden. Er genießt die Kunstwerke eigentlich mehr
als die großen Besitzer, die sie nicht verstehen, mehr als andere
Künstler, die zu ängstlich von der Nachahmungsbegierde des
Unerreichbaren getrieben werden. Er hat eine himmlische Klarheit der
Begriffe und eine englische Güte des Herzens. Er spricht niemals mit
mir, ohne daß ich alles aufschreiben möchte, was er sagt, so bestimmt,
richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine Worte. Sein
Unterricht gibt mir, was mir kein Mensch geben konnte, und seine
Entfernung wird mir unersetzlich bleiben. In seiner Nähe, in einer
Reihe von Zeit hoffe ich noch auf einen Grad im Zeichnen zu kommen,
den ich mir jetzt selbst kaum denken darf. Alles, was ich in
Deutschland lernte, vornahm, dachte, verhält sich zu seiner Leitung
wie Baumrinde zum Kern der Frucht. Ich habe keine Worte, die stille,
wache Seligkeit auszudrücken, mit der ich nun die Kunstwerke zu
betrachten anfange; mein Geist ist erweitert genug, um sie zu fassen,
und bildet sich immer mehr aus, um sie eigentlich schätzen zu können.
Es sind wieder Fremde hier, mit denen ich manchmal eine Galerie sehe;
sie kommen mir wie Wespen in meinem Zimmer vor, die gegen die Fenster
fahren und die helle Scheibe für Luft halten, dann wieder abprallen
und an den Wänden summen.
In den schweigenden zurücktretenden Zustand mag ich einen Feind nicht
wünschen. Und wie sonst für krank und borniert gehalten zu werden,
geziemt mir weniger als jemals. Denke also, mein Lieber, tue, wirke
das Beste für mich und erhalte mir mein Leben, das sonst, ohne
jemanden zu nutzen, zugrunde geht. Ja, ich muß sagen, ich bin dieses
Jahr moralisch sehr verwöhnt worden. Ganz abgeschnitten von aller
Welt, hab' ich eine Zeitlang allein gestanden. Nun hat sich wieder
ein enger Kreis um mich gezogen, die alle gut sind, alle auf dem
rechten Wege, und das ist nur das Kennzeichen, daß sie es bei mir
aushalten können, mich mögen, Freude in meiner Gegenwart finden, je
mehr sie denkend und handelnd auf dem rechten Wege sind. Denn ich bin
unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die auf ihrem Wege schlendern oder
irren und doch für Boten und Reisende gehalten werden wollen. Mit
Scherz und Spott treib' ich's so lang, bis sie ihr Leben ändern oder
sich von mir scheiden. Hier, versteht sich, ist nur von guten, graden
Menschen die Rede, Halb--und Schiefköpfe werden gleich ohne Umstände
mit der Wanne gesondert. Zwei Menschen danken mir schon ihre
Sinnes--und Lebensänderung, ja dreie, und werden sie mir zeitlebens
danken. Da, auf dem Punkte der Wirkung meines Wesens, fühl' ich die
Gesundheit meiner Natur und ihre Ausbreitung; meine Füße werden nur
krank in engen Schuhen, und ich sehe nichts, wenn man mich vor eine
Mauer stellt.