Oktober

Zu Anfang dieses Monats bei mildem, durchaus heiterem, herrlichem

Wetter genossen wir eine förmliche Villeggiatur in Castel Gandolfo,

wodurch wir uns denn in die Mitte dieser unvergleichlichen Gegend

eingeweiht und eingebürgert sahen. Herr Jenkins, der wohlhabende

englische Kunsthändler, bewohnte daselbst ein sehr stattliches Gebäude,

den ehemaligen Wohnsitz des Jesuitergenerals, wo es einer Anzahl von

Freunden weder an Zimmern zu bequemer Wohnung, noch an Sälen zu

heiterem Beisammensein, noch an Bogengängen zu munterem Lustwandel

fehlte.

Man kann sich von einem solchen Herbstaufenthalte den besten Begriff

machen, wenn man sich ihn wie den Aufenthalt an einem Badorte gedenkt.

Personen ohne den mindesten Bezug aufeinander werden durch Zufall

augenblicklich in die unmittelbarste Nähe versetzt. Frühstück und

Mittagessen, Spaziergänge, Lustpartien, ernst--und scherzhafte

Unterhaltung bewirken schnell Bekanntschaft und Vertraulichkeit; da es

denn ein Wunder wäre, wenn, besonders hier, wo nicht einmal Krankheit

und Kur eine Art von Diversion macht, hier im vollkommensten

Müßiggange, sich nicht die entschiedensten Wahlverwandtschaften

zunächst hervortun sollten. Hofrat Reiffenstein hatte für gut

befunden, und zwar mit Recht, daß wir zeitig hinausgehen sollten, um

zu unseren Spaziergängen und sonstigen artistischen Wanderungen ins

Gebirg die nötige Zeit zu finden, ehe noch der Schwall der

Gesellschaft sich herandrängte und uns zur Teilnahme an

gemeinschaftlicher Unterhaltung aufforderte. Wir waren die ersten und

versäumten nicht, uns in der Gegend, nach Anleitung des erfahrenen

Führers, zweckmäßig umzusehen, und ernteten davon die schönsten

Genüsse und Belehrungen.

Nach einiger Zeit sah ich eine gar hübsche römische Nachbarin, nicht

weit von uns im Korso wohnend, mit ihrer Mutter heraufkommen. Sie

hatten beide seit meiner Mylordschaft meine Begrüßungen freundlicher

als sonst erwidert, doch hatte ich sie nicht angesprochen, ob ich

gleich an ihnen, wenn sie abends vor der Tür saßen, öfters nah genug

vorbeiging; denn ich war dem Gelübde, mich durch dergleichen

Verhältnisse von meinem Hauptzwecke nicht abhalten zu lassen,

vollkommen treu geblieben. Nun aber fanden wir uns auf einmal wie

völlig alte Bekannte; jenes Konzert gab Stoff genug zur ersten

Unterhaltung, und es ist wohl nichts angenehmer als eine Römerin der

Art, die sich in natürlichem Gespräch heiter gehen läßt und ein

lebhaftes, auf die reine Wirklichkeit gerichtetes Aufmerken, eine

Teilnahme mit anmutigem Bezug auf sich selbst in der wohlklingenden

römischen Sprache schnell, doch deutlich vorträgt; und zwar in einer

edlen Mundart, die auch die mittlere Klasse über sich selbst erhebt

und dem Allernatürlichsten, ja dem Gemeinen einen gewissen Adel

verleiht. Diese Eigenschaften und Eigenheiten waren mir zwar bekannt,

aber ich hatte sie noch nie in einer so einschmeichelnden Folge

vernommen.

Zu gleicher Zeit stellten sie mich einer jungen Mailänderin vor, die

sie mitgebracht hatten, der Schwester eines Kommis von Herrn Jenkins,

eines jungen Mannes, der wegen Fertigkeit und Redlichkeit bei seinem

Prinzipal in großer Gunst stand. Sie schienen genau miteinander

verbunden und Freundinnen zu sein.

Diese beiden Schönen, denn schön durfte man sie wirklich nennen,

standen in einem nicht schroffen, aber doch entschiedenen Gegensatz;

dunkelbraune Haare die Römerin, hellbraune die Mailänderin; jene braun

von Gesichtsfarbe, diese klar, von zarter Haut; diese zugleich mit

fast blauen Augen, jene mit braunen; die Römerin einigermaßen ernst,

zurückhaltend, die Mailänderin von einem offnen, nicht sowohl

ansprechenden, als gleichsam anfragenden Wesen. Ich saß bei einer Art

Lottospiel zwischen beiden Frauenzimmern und hatte mit der Römerin

Kasse zusammen gemacht; im Laufe des Spiels fügte es sich nun, daß ich

auch mit der Mailänderin mein Glück versuchte durch Wetten oder sonst.

Genug, es entstand auch auf dieser Seite eine Art von Partnerschaft,

wobei ich in meiner Unschuld nicht gleich bemerkte, daß ein solches

geteiltes Interesse nicht gefiel, bis endlich nach aufgehobener Partie

die Mutter, mich abseits findend, zwar höflich, aber mit wahrhaftem

Matronenernst dem werten Fremden versicherte, daß, da er einmal mit

ihrer Tochter in solche Teilnahme gekommen sei, es sich nicht wohl

zieme, mit einer andern gleiche Verbindlichkeiten einzugehen; man

halte es in einer Villeggiatur für Sitte, daß Personen, die sich

einmal auf einen gewissen Grad verbunden, dabei in der Gesellschaft

verharrten und eine unschuldig anmutige Wechselgefälligkeit

durchführten. Ich entschuldigte mich aufs beste, jedoch mit der

Wendung, daß es einem Fremden nicht wohl möglich sei, dergleichen

Verpflichtungen anzuerkennen, indem es in unsern Landen herkömmlich

sei, daß man den sämtlichen Damen der Gesellschaft, einer wie der

andern, mit und nach der andern, sich dienstlich und höflich erweise,

und daß dieses hier um desto mehr gelten werde, da von zwei so eng

verbundenen Freundinnen die Rede sei.

Aber leider! indessen ich mich so auszureden suchte, empfand ich auf

die wundersamste Weise, daß meine Neigung für die Mailänderin sich

schon entschieden hatte, blitzschnell und eindringlich genug, wie es

einem müßigen Herzen zu gehen pflegt, das in selbstgefälligem ruhigem

Zutrauen nichts befürchtet, nichts wünscht, und das nun auf einmal dem

Wünschenswertesten unmittelbar nahe kommt. Übersieht man doch in

solchem Augenblicke die Gefahr nicht, die uns unter diesen

schmeichelhaften Zügen bedroht.

Den nächsten Morgen fanden wir uns drei allein, und da vermehrte sich

denn das übergewicht auf die Seite der Mailänderin. Sie hatte den

großen Vorzug vor ihrer Freundin, daß in ihren äußerungen etwas

Strebsames zu bemerken war. Sie beklagte sich nicht über

vernachlässigte, aber allzu ängstliche Erziehung: "Man lehrt uns nicht

schreiben", sagte sie, "weil man fürchtet, wir würden die Feder zu

Liebesbriefen benutzen; man würde uns nicht lesen lassen, wenn wir uns

nicht mit dem Gebetbuch beschäftigen müßten; uns in fremden Sprachen

zu unterrichten, daran wird niemand denken; ich gäbe alles darum,

Englisch zu können. Herrn Jenkins mit meinem Bruder, Mad. Angelika,

Herrn Zucchi, die Herren Volpato und Camuccini hör' ich oft sich

untereinander englisch unterhalten mit einem Gefühl, das dem Neid

ähnlich ist: und die ellenlangen Zeitungen da liegen vor mir auf dem

Tische, es stehen Nachrichten darin aus der ganzen Welt, wie ich sehe,

und ich weiß nicht, was sie bringen."

"Es ist desto mehr schade", versetzte ich, "da das Englische sich so

leicht lernen läßt; Sie müßten es in kurzer Zeit fassen und begreifen.

Machen wir gleich einen Versuch", fuhr ich fort, indem ich eins der

grenzenlosen englischen Blätter aufhob, die häufig umherlagen.

Ich blickte schnell hinein und fand einen Artikel, daß ein

Frauenzimmer ins Wasser gefallen, glücklich aber gerettet und den

Ihrigen wiedergegeben worden. Es fanden sich Umstände bei dem Falle,

die ihn verwickelt und interessant machten, es blieb zweifelhaft, ob

sie sich ins Wasser gestürzt, um den Tod zu suchen, sowie auch,

welcher von ihren Verehrern, der Begünstigte oder Verschmähte, sich zu

ihrer Rettung gewagt. Ich wies ihr die Stelle hin und bat sie,

aufmerksam darauf zu schauen. Darauf übersetzt' ich ihr erst alle

Substantiva und examinierte sie, ob sie auch ihre Bedeutung wohl

behalten. Gar bald überschaute sie die Stellung dieser Haupt--und

Grundworte und machte sich mit dem Platz bekannt, den sie im Perioden

eingenommen hatten. Ich ging darauf zu den einwirkenden, bewegenden,

bestimmenden Worten über und machte nunmehr, wie diese das Ganze

belebten, auf das heiterste bemerklich und katechisierte sie so lange,

bis sie mir endlich unaufgefordert die ganze Stelle, als stünde sie

italienisch auf dem Papiere, vorlas, welches sie nicht ohne Bewegung

ihres zierlichen Wesens leisten konnte. Ich habe nicht leicht eine so

herzlichgeistige Freude gesehen, als sie ausdrückte, indem sie mir für

den Einblick in dieses neue Feld einen allerliebsten Dank aussprach.

Sie konnte sich kaum fassen, indem sie die Möglichkeit gewahrte, die

Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches so nahe und schon versuchsweise

erreicht zu sehen.

Die Gesellschaft hatte sich vermehrt, auch Angelika war angekommen; an

einer großen gedeckten Tafel hatte man ihr mich rechter Hand gesetzt,

meine Schülerin stand an der entgegengesetzten Seite des Tisches und

besann sich keinen Augenblick, als die übrigen sich um die Tafelplätze

komplimentierten, um den Tisch herumzugehen und sich neben mir

niederzulassen. Meine ernste Nachbarin schien dies mit einiger

Verwunderung zu bemerken, und es bedurfte nicht des Blicks einer

klugen Frau, um zu gewahren, daß hier was vorgegangen sein müsse und

daß ein zeither bis zur trockenen Unhöflichkeit von den Frauen sich

entfernender Freund wohl selbst sich endlich zahm und gefangen

überrascht gesehen habe.

Ich hielt zwar äußerlich noch ziemlich gut stand, eine innere Bewegung

aber gab sich wohl eher kund durch eine gewisse Verlegenheit, in der

ich mein Gespräch zwischen den Nachbarinnen teilte, indem ich die

ältere zarte, diesmal schweigsame Freundin belebend zu unterhalten und

jene, die sich immer noch in der fremden Sprache zu ergehen schien und

sich in dem Zustande befand desjenigen, der mit einem Mal, von dem

erwünscht aufgehenden Lichte geblendet, sich nicht gleich in der

Umgebung zu finden weiß, durch eine freundlich ruhige, eher ablehnende

Teilnahme zu beschwichtigen suchte.

Dieser aufgeregte Zustand jedoch hatte sogleich die Epoche einer

merkwürdigen Umwälzung zu erleben. Gegen Abend die jungen

Frauenzimmer aufsuchend, fand ich die älteren Frauen in einem Pavillon,

wo die herrlichste der Aussichten sich darbot; ich schweifte mit

meinem Blick in die Runde, aber es ging vor meinen Augen etwas anders

vor als das Landschaftlich-Malerische; es hatte sich ein Ton über die

Gegend gezogen, der weder dem Untergang der Sonne noch den Lüften des

Abends allein zuzuschreiben war. Die glühende Beleuchtung der hohen

Stellen, die kühlende blaue Beschattung der Tiefe schien herrlicher

als jemals in öl oder Aquarell; ich konnte nicht genug hinsehen, doch

fühlte ich, daß ich den Platz zu verlassen Lust hatte, um in

teilnehmender kleiner Gesellschaft dem letzten Blick der Sonne zu

huldigen.

Doch hatte ich leider der Einladung der Mutter und Nachbarinnen nicht

absagen können, mich bei ihnen niederzulassen, besonders da sie mir an

dem Fenster der schönsten Aussicht Raum gemacht hatten. Als ich auf

ihre Reden merkte, konnt' ich vernehmen, daß von Ausstattung die Rede

sei, einem immer wiederkehrenden und nie zu erschöpfenden Gegenstande.

Die Erfordernisse aller Art wurden gemustert, Zahl und Beschaffenheit

der verschiedenen Gaben, Grundgeschenke der Familie, vielfache

Beiträge von Freunden und Freundinnen, teilweise noch ein Geheimnis,

und was nicht alles in genauer Hererzählung die schöne Zeit hinnahm,

mußte von mir geduldig angehört werden, weil die Damen mich zu einem

späteren Spaziergang festgenommen hatten.

Endlich gelangte denn das Gespräch zu den Verdiensten des Bräutigams,

man schilderte ihn günstig genug, wollte sich aber seine Mängel nicht

verbergen, in getroster Hoffnung, daß diese zu mildern und zu bessern

die Anmut, der Verstand, die Liebenswürdigkeit seiner Braut im

künftigen Ehstande hinreichen werde.

Ungeduldig zuletzt, als eben die Sonne sich in das entfernte Meer

niedersenkte und einen unschätzbaren Blick durch die langen Schatten

und die zwar gedämpften, doch mächtigen Streiflichter gewährte, fragt'

ich auf das bescheidenste, wer denn aber die Braut sei. Mit

Verwunderung erwiderte man mir, ob ich denn das allgemein Bekannte

nicht wisse; und nun erst fiel es ihnen ein, daß ich kein Hausgenosse,

sondern ein Fremder sei.

Hier ist es freilich nun nicht nötig auszusprechen, welch Entsetzen

mich ergriff, als ich vernahm, es sei eben die kurz erst so

liebgewonnene Schülerin. Die Sonne ging unter, und ich wußte mich

unter irgendeinem Vorwand von der Gesellschaft loszumachen, die, ohne

es zu wissen, mich auf eine so grausame Weise belehrt hatte.

Daß Neigungen, denen man eine Zeitlang unvorsichtig nachgegeben,

endlich aus dem Traume geweckt, in die schmerzlichsten Zustände sich

umwandeln, ist herkömmlich und bekannt, aber vielleicht interessiert

dieser Fall durch das Seltsame, daß ein lebhaftes wechselseitiges

Wohlwollen in dem Augenblicke des Keimens zerstört wird und damit die

Vorahnung alles des Glücks, das ein solches Gefühl sich in künftiger

Entwickelung unbegrenzt vorspiegelt. Ich kam spät nach Hause, und des

andern Morgens früh machte ich, meine Mappe unter dem Arm, einen

weiteren Weg mit der Entschuldigung, nicht zur Tafel zu kommen.

Ich hatte Jahre und Erfahrungen hinreichend, um mich, obwohl

schmerzhaft, doch auf der Stelle zusammenzunehmen. "Es wäre wunderbar

genug", rief ich aus, "wenn ein wertherähnliches Schicksal dich in Rom

aufgesucht hätte, um dir so bedeutende, bisher wohlbewahrte Zustände

zu verderben."

Ich wendete mich abermals rasch zu der inzwischen vernachlässigten

landschaftlichen Natur und suchte sie so treu als möglich nachzubilden,

mehr aber gelang mir, sie besser zu sehen. Das wenige Technische,

was ich besaß, reichte kaum zu dem unscheinbarsten Umriß hin, aber die

Fülle der Körperlichkeit, die uns jene Gegend in Felsen und Bäumen,

Aufund Abstiegen, stillen Seen, belebten Bächen entgegenbringt, war

meinem Auge beinahe fühlbarer als sonst, und ich konnte dem Schmerz

nicht feind werden, der mir den innern und äußern Sinn in dem Grade zu

schärfen geeignet war.

Von nun an aber hab' ich mich kurz zu fassen; die Menge von

Besuchenden füllte das Haus und die Häuser der Nachbarschaft, man

konnte sich ohne Affektation vermeiden, und eine wohlempfundene

Höflichkeit, zu der uns eine solche Neigung stimmt, ist in der

Gesellschaft überall gut aufgenommen. Mein Betragen gefiel, und ich

hatte keine Unannehmlichkeiten, keinen Zwist außer ein einziges Mal

mit dem Wirt, Herrn Jenkins. Ich hatte nämlich von einer weiten

Berg--und Waldtour die appetitlichsten Pilze mitgebracht und sie dem

Koch übergeben, der, über eine zwar seltene, aber in jenen Gegenden

sehr berühmte Speise höchst vergnügt, sie aufs schmackhafteste

zubereitet auf die Tafel gab. Sie schmeckten jedermann ganz herrlich,

nur als zu meinen Ehren verraten wurde, daß ich sie aus der Wildnis

mitgebracht, ergrimmte unser englischer Wirt, obgleich nur im

verborgenen, darüber, daß ein Fremder eine Speise zum Gastmahl

beigetragen habe, von welcher der Hausherr nichts wisse, die er nicht

befohlen und angeordnet; es zieme sich nicht wohl, jemanden an seiner

eignen Tafel zu überraschen, Speisen aufzusetzen, von denen er nicht

Rechenschaft geben könne. Dies alles mußte mir Rat Reiffenstein nach

Tafel diplomatisch eröffnen, wogegen ich, der ich an ganz anderm Weh,

als das sich von Schwämmen herleiten kann, innerlichst zu dulden hatte,

bescheidentlich erwiderte, ich hätte vorausgesetzt, der Koch würde

das dem Herrn melden, und versicherte, wenn mir wieder dergleichen

Edulien unterwegs in die Hände kämen, solche unserm trefflichen Wirte

selbst zur Prüfung und Genehmigung vorzulegen. Denn wenn man billig

sein will, muß man gestehen, sein Verdruß entsprang daher, daß diese

überhaupt zweideutige Speise ohne gehörige Untersuchung auf die Tafel

gekommen war. Der Koch freilich hatte mir versichert und brachte auch

dem Herrn ins Gedächtnis, daß dergleichen zwar nicht oft, aber doch

immer, als besondere Rarität, mit großem Beifall in dieser Jahrszeit

vorgesetzt worden.

Dieses kulinarische Abenteuer gab mir Anlaß, in stillem Humor zu

bedenken, daß ich selbst, von einem ganz eignen Gifte angesteckt, in

Verdacht gekommen sei, durch gleiche Unvorsichtigkeit eine ganze

Gesellschaft zu vergiften.

Es war leicht, meinen gefaßten Vorsatz fortzuführen. Ich suchte

sogleich den englischen Studien auszuweichen, indem ich mich morgens

entfernte und meiner heimlich geliebten Schülerin niemals anders als

im Zusammentritt von mehrern Personen zu nähern wußte.

Gar bald legte sich auch dieses Verhältnis in meinem so viel

beschäftigten Gemüte wieder zurechte, und zwar auf eine sehr anmutige

Weise; denn indem ich sie als Braut, als künftige Gattin ansah, erhob

sie sich vor meinen Augen aus dem trivialen Mädchenzustande, und indem

ich ihr nun eben dieselbe Neigung, aber in einem höhern

uneigennützigen Begriff zuwendete, so war ich als einer, der ohnehin

nicht mehr einem leichtsinnigen Jüngling glich, gar bald gegen sie in

dem freundlichsten Behagen. Mein Dienst, wenn man eine freie

Aufmerksamkeit so nennen darf, bezeichnete sich durchaus ohne

Zudringlichkeit und beim Begegnen eher mit einer Art von Ehrfurcht.

Sie aber, welche nun auch wohl wußte, daß ihr Verhältnis mir bekannt

geworden, konnte mit meinem Benehmen vollkommen zufrieden sein. Die

übrige Welt aber, weil ich mich mit jedermann unterhielt, merkte

nichts oder hatte kein Arges daran, und so gingen Tage und Stunden

einen ruhigen behaglichen Gang.

Von der mannigfaltigsten Unterhaltung wäre viel zu sagen. Genug, es

war auch ein Theater daselbst, wo der von uns so oft im Karneval

beklatschte Pulcinell, welcher die übrige Zeit sein Schusterhandwerk

trieb und auch übrigens hier als ein anständiger kleiner Bürger

erschien, uns mit seinen pantomimisch-mimisch-lakonischen Absurditäten

aufs beste zu vergnügen und uns in die so höchst behagliche Nullität

des Daseins zu versetzen wußte.

Briefe von Haus hatten mich indessen bemerken lassen, daß meine nach

Italien so lang projektierte, immer verschobene und endlich so rasch

unternommene Reise bei den Zurückgelassenen einige Unruhe und Ungeduld

erregt, ja sogar den Wunsch, mir nachzufolgen und das gleiche Glück zu

genießen, von dem meine heitern, auch wohl unterrichtenden Briefe den

günstigsten Begriff gaben. Freilich in dem geistreichen und

kunstliebenden Kreise unserer Herzogin Amalie war es herkömmlich, daß

Italien jederzeit als das neue Jerusalem wahrer Gebildeten betrachtet

wurde und ein lebhaftes Streben dahin, wie es nur Mignon ausdrücken

konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt. Der Damm war endlich

gebrochen, und es ergab sich nach und nach ganz deutlich, daß Herzogin

Amalie mit ihrer Umgebung von einer, Herder und der jüngere Dalberg

von der andern Seite über die Alpen zu gehen ernstliche Anstalt

machten. Mein Rat war, sie möchten den Winter vorübergehen lassen, in

der mittleren Jahreszeit bis Rom gelangen und sodann weiter nach und

nach alles des Guten genießen, was die Umgegend der alten Weltstadt u.

s. w., der untere Teil von Italien darbieten könnte.

Dieser mein Rat, redlich und sachgemäß, wie er war, bezog sich denn

doch auch auf meinen eigenen Vorteil. Merkwürdige Tage meines Lebens

hatte ich bisher in dem fremdesten Zustande mit ganz fremden Menschen

gelebt und mich eigentlich wieder frisch des humanen Zustands erfreut,

dessen ich in zwar zufälligen, aber doch natürlichen Bezügen seit

langer Zeit erst wieder gewahr wurde, da ein geschlossener

heimatlicher Kreis, ein Leben unter völlig bekannten und verwandten

Personen uns am Ende in die wunderlichste Lage versetzt. Hier ist es,

wo durch ein wechselseitiges Dulden und Tragen, Teilnehmen und

Entbehren ein gewisses Mittelgefühl von Resignation entsteht, daß

Schmerz und Freude, Verdruß und Behagen sich in herkömmlicher

Gewohnheit wechselseitig vernichten. Es erzeugt sich gleichsam eine

Mittelzahl, die den Charakter der einzelnen Ergebnisse durchaus

aufhebt, so daß man zuletzt im Streben nach Bequemlichkeit weder dem

Schmerz noch der Freude sich mit freier Seele hingeben kann.

Ergriffen von diesen Gefühlen und Ahnungen, fühlte ich mich ganz

entschieden, die Ankunft der Freunde in Italien nicht abzuwarten.

Denn daß meine Art, die Dinge zu sehen, nicht sogleich die ihrige sein

würde, konnte ich um so deutlicher wissen, als ich mich selbst seit

einem Jahre jenen kimmerischen Vorstellungen und Denkweisen des

Nordens zu entziehen gesucht und unter einem himmelblauen Gewölbe mich

freier umzuschauen und zu atmen gewöhnt hatte. In der mittlern Zeit

waren mir aus Deutschland kommende Reisende immerfort höchst

beschwerlich; sie suchten das auf, was sie vergessen sollten, und

konnten das, was sie schon lange gewünscht hatten, nicht erkennen,

wenn es ihnen vor Augen lag. Ich selbst fand es noch immer mühsam

genug, durch Denken und Tun mich auf dem Wege zu erhalten, den ich als

den rechten anzuerkennen mich entschieden hatte.

Fremde Deutsche konnt' ich vermeiden, so nah verbundene, verehrte,

geliebte Personen aber hätten mich durch eignes Irren und

Halbgewahrwerden, ja, selbst durch Eingehen in meine Denkweise gestört

und gehindert. Der nordische Reisende glaubt, er komme nach Rom, um

ein Supplement seines Daseins zu finden, auszufüllen, was ihm fehlt;

allein er wird erst nach und nach mit großer Unbehaglichkeit gewahr,

daß er ganz den Sinn ändern und von vorn anfangen müsse.

So deutlich nun auch ein solches Verhältnis mir erschien, so erhielt

ich mich doch über Tag und Stunde weislich im ungewissen und fuhr

unablässig fort in der sorgfältigsten Benutzung der Zeit.

Unabhängiges Nachdenken, Anhören von andern, Beschauen künstlerischen

Bestrebens, eigene praktische Versuche wechselten unaufhörlich oder

griffen vielmehr wechselseitig ineinander ein.

Hiebei förderte mich besonders die Teilnahme Heinrich Meyers von

Zürich, dessen Unterhaltung mir, obgleich seltener, günstig zustatten

kam, indem er als ein fleißiger und gegen sich selbst strenger

Künstler die Zeit besser anzuwenden wußte als der Kreis von jüngeren,

die einen ernsten Fortschritt in Begriffen und Technik mit einem

raschen lustigen Leben leichtmütig zu verbinden glaubten.

Italienische Reise — Band 2 · 第 52 / 91 题