Zu Anfang dieses Monats bei mildem, durchaus heiterem, herrlichem
Wetter genossen wir eine förmliche Villeggiatur in Castel Gandolfo,
wodurch wir uns denn in die Mitte dieser unvergleichlichen Gegend
eingeweiht und eingebürgert sahen. Herr Jenkins, der wohlhabende
englische Kunsthändler, bewohnte daselbst ein sehr stattliches Gebäude,
den ehemaligen Wohnsitz des Jesuitergenerals, wo es einer Anzahl von
Freunden weder an Zimmern zu bequemer Wohnung, noch an Sälen zu
heiterem Beisammensein, noch an Bogengängen zu munterem Lustwandel
fehlte.
Man kann sich von einem solchen Herbstaufenthalte den besten Begriff
machen, wenn man sich ihn wie den Aufenthalt an einem Badorte gedenkt.
Personen ohne den mindesten Bezug aufeinander werden durch Zufall
augenblicklich in die unmittelbarste Nähe versetzt. Frühstück und
Mittagessen, Spaziergänge, Lustpartien, ernst--und scherzhafte
Unterhaltung bewirken schnell Bekanntschaft und Vertraulichkeit; da es
denn ein Wunder wäre, wenn, besonders hier, wo nicht einmal Krankheit
und Kur eine Art von Diversion macht, hier im vollkommensten
Müßiggange, sich nicht die entschiedensten Wahlverwandtschaften
zunächst hervortun sollten. Hofrat Reiffenstein hatte für gut
befunden, und zwar mit Recht, daß wir zeitig hinausgehen sollten, um
zu unseren Spaziergängen und sonstigen artistischen Wanderungen ins
Gebirg die nötige Zeit zu finden, ehe noch der Schwall der
Gesellschaft sich herandrängte und uns zur Teilnahme an
gemeinschaftlicher Unterhaltung aufforderte. Wir waren die ersten und
versäumten nicht, uns in der Gegend, nach Anleitung des erfahrenen
Führers, zweckmäßig umzusehen, und ernteten davon die schönsten
Genüsse und Belehrungen.
Nach einiger Zeit sah ich eine gar hübsche römische Nachbarin, nicht
weit von uns im Korso wohnend, mit ihrer Mutter heraufkommen. Sie
hatten beide seit meiner Mylordschaft meine Begrüßungen freundlicher
als sonst erwidert, doch hatte ich sie nicht angesprochen, ob ich
gleich an ihnen, wenn sie abends vor der Tür saßen, öfters nah genug
vorbeiging; denn ich war dem Gelübde, mich durch dergleichen
Verhältnisse von meinem Hauptzwecke nicht abhalten zu lassen,
vollkommen treu geblieben. Nun aber fanden wir uns auf einmal wie
völlig alte Bekannte; jenes Konzert gab Stoff genug zur ersten
Unterhaltung, und es ist wohl nichts angenehmer als eine Römerin der
Art, die sich in natürlichem Gespräch heiter gehen läßt und ein
lebhaftes, auf die reine Wirklichkeit gerichtetes Aufmerken, eine
Teilnahme mit anmutigem Bezug auf sich selbst in der wohlklingenden
römischen Sprache schnell, doch deutlich vorträgt; und zwar in einer
edlen Mundart, die auch die mittlere Klasse über sich selbst erhebt
und dem Allernatürlichsten, ja dem Gemeinen einen gewissen Adel
verleiht. Diese Eigenschaften und Eigenheiten waren mir zwar bekannt,
aber ich hatte sie noch nie in einer so einschmeichelnden Folge
vernommen.
Zu gleicher Zeit stellten sie mich einer jungen Mailänderin vor, die
sie mitgebracht hatten, der Schwester eines Kommis von Herrn Jenkins,
eines jungen Mannes, der wegen Fertigkeit und Redlichkeit bei seinem
Prinzipal in großer Gunst stand. Sie schienen genau miteinander
verbunden und Freundinnen zu sein.
Diese beiden Schönen, denn schön durfte man sie wirklich nennen,
standen in einem nicht schroffen, aber doch entschiedenen Gegensatz;
dunkelbraune Haare die Römerin, hellbraune die Mailänderin; jene braun
von Gesichtsfarbe, diese klar, von zarter Haut; diese zugleich mit
fast blauen Augen, jene mit braunen; die Römerin einigermaßen ernst,
zurückhaltend, die Mailänderin von einem offnen, nicht sowohl
ansprechenden, als gleichsam anfragenden Wesen. Ich saß bei einer Art
Lottospiel zwischen beiden Frauenzimmern und hatte mit der Römerin
Kasse zusammen gemacht; im Laufe des Spiels fügte es sich nun, daß ich
auch mit der Mailänderin mein Glück versuchte durch Wetten oder sonst.
Genug, es entstand auch auf dieser Seite eine Art von Partnerschaft,
wobei ich in meiner Unschuld nicht gleich bemerkte, daß ein solches
geteiltes Interesse nicht gefiel, bis endlich nach aufgehobener Partie
die Mutter, mich abseits findend, zwar höflich, aber mit wahrhaftem
Matronenernst dem werten Fremden versicherte, daß, da er einmal mit
ihrer Tochter in solche Teilnahme gekommen sei, es sich nicht wohl
zieme, mit einer andern gleiche Verbindlichkeiten einzugehen; man
halte es in einer Villeggiatur für Sitte, daß Personen, die sich
einmal auf einen gewissen Grad verbunden, dabei in der Gesellschaft
verharrten und eine unschuldig anmutige Wechselgefälligkeit
durchführten. Ich entschuldigte mich aufs beste, jedoch mit der
Wendung, daß es einem Fremden nicht wohl möglich sei, dergleichen
Verpflichtungen anzuerkennen, indem es in unsern Landen herkömmlich
sei, daß man den sämtlichen Damen der Gesellschaft, einer wie der
andern, mit und nach der andern, sich dienstlich und höflich erweise,
und daß dieses hier um desto mehr gelten werde, da von zwei so eng
verbundenen Freundinnen die Rede sei.
Aber leider! indessen ich mich so auszureden suchte, empfand ich auf
die wundersamste Weise, daß meine Neigung für die Mailänderin sich
schon entschieden hatte, blitzschnell und eindringlich genug, wie es
einem müßigen Herzen zu gehen pflegt, das in selbstgefälligem ruhigem
Zutrauen nichts befürchtet, nichts wünscht, und das nun auf einmal dem
Wünschenswertesten unmittelbar nahe kommt. Übersieht man doch in
solchem Augenblicke die Gefahr nicht, die uns unter diesen
schmeichelhaften Zügen bedroht.
Den nächsten Morgen fanden wir uns drei allein, und da vermehrte sich
denn das übergewicht auf die Seite der Mailänderin. Sie hatte den
großen Vorzug vor ihrer Freundin, daß in ihren äußerungen etwas
Strebsames zu bemerken war. Sie beklagte sich nicht über
vernachlässigte, aber allzu ängstliche Erziehung: "Man lehrt uns nicht
schreiben", sagte sie, "weil man fürchtet, wir würden die Feder zu
Liebesbriefen benutzen; man würde uns nicht lesen lassen, wenn wir uns
nicht mit dem Gebetbuch beschäftigen müßten; uns in fremden Sprachen
zu unterrichten, daran wird niemand denken; ich gäbe alles darum,
Englisch zu können. Herrn Jenkins mit meinem Bruder, Mad. Angelika,
Herrn Zucchi, die Herren Volpato und Camuccini hör' ich oft sich
untereinander englisch unterhalten mit einem Gefühl, das dem Neid
ähnlich ist: und die ellenlangen Zeitungen da liegen vor mir auf dem
Tische, es stehen Nachrichten darin aus der ganzen Welt, wie ich sehe,
und ich weiß nicht, was sie bringen."
"Es ist desto mehr schade", versetzte ich, "da das Englische sich so
leicht lernen läßt; Sie müßten es in kurzer Zeit fassen und begreifen.
Machen wir gleich einen Versuch", fuhr ich fort, indem ich eins der
grenzenlosen englischen Blätter aufhob, die häufig umherlagen.
Ich blickte schnell hinein und fand einen Artikel, daß ein
Frauenzimmer ins Wasser gefallen, glücklich aber gerettet und den
Ihrigen wiedergegeben worden. Es fanden sich Umstände bei dem Falle,
die ihn verwickelt und interessant machten, es blieb zweifelhaft, ob
sie sich ins Wasser gestürzt, um den Tod zu suchen, sowie auch,
welcher von ihren Verehrern, der Begünstigte oder Verschmähte, sich zu
ihrer Rettung gewagt. Ich wies ihr die Stelle hin und bat sie,
aufmerksam darauf zu schauen. Darauf übersetzt' ich ihr erst alle
Substantiva und examinierte sie, ob sie auch ihre Bedeutung wohl
behalten. Gar bald überschaute sie die Stellung dieser Haupt--und
Grundworte und machte sich mit dem Platz bekannt, den sie im Perioden
eingenommen hatten. Ich ging darauf zu den einwirkenden, bewegenden,
bestimmenden Worten über und machte nunmehr, wie diese das Ganze
belebten, auf das heiterste bemerklich und katechisierte sie so lange,
bis sie mir endlich unaufgefordert die ganze Stelle, als stünde sie
italienisch auf dem Papiere, vorlas, welches sie nicht ohne Bewegung
ihres zierlichen Wesens leisten konnte. Ich habe nicht leicht eine so
herzlichgeistige Freude gesehen, als sie ausdrückte, indem sie mir für
den Einblick in dieses neue Feld einen allerliebsten Dank aussprach.
Sie konnte sich kaum fassen, indem sie die Möglichkeit gewahrte, die
Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches so nahe und schon versuchsweise
erreicht zu sehen.
Die Gesellschaft hatte sich vermehrt, auch Angelika war angekommen; an
einer großen gedeckten Tafel hatte man ihr mich rechter Hand gesetzt,
meine Schülerin stand an der entgegengesetzten Seite des Tisches und
besann sich keinen Augenblick, als die übrigen sich um die Tafelplätze
komplimentierten, um den Tisch herumzugehen und sich neben mir
niederzulassen. Meine ernste Nachbarin schien dies mit einiger
Verwunderung zu bemerken, und es bedurfte nicht des Blicks einer
klugen Frau, um zu gewahren, daß hier was vorgegangen sein müsse und
daß ein zeither bis zur trockenen Unhöflichkeit von den Frauen sich
entfernender Freund wohl selbst sich endlich zahm und gefangen
überrascht gesehen habe.
Ich hielt zwar äußerlich noch ziemlich gut stand, eine innere Bewegung
aber gab sich wohl eher kund durch eine gewisse Verlegenheit, in der
ich mein Gespräch zwischen den Nachbarinnen teilte, indem ich die
ältere zarte, diesmal schweigsame Freundin belebend zu unterhalten und
jene, die sich immer noch in der fremden Sprache zu ergehen schien und
sich in dem Zustande befand desjenigen, der mit einem Mal, von dem
erwünscht aufgehenden Lichte geblendet, sich nicht gleich in der
Umgebung zu finden weiß, durch eine freundlich ruhige, eher ablehnende
Teilnahme zu beschwichtigen suchte.
Dieser aufgeregte Zustand jedoch hatte sogleich die Epoche einer
merkwürdigen Umwälzung zu erleben. Gegen Abend die jungen
Frauenzimmer aufsuchend, fand ich die älteren Frauen in einem Pavillon,
wo die herrlichste der Aussichten sich darbot; ich schweifte mit
meinem Blick in die Runde, aber es ging vor meinen Augen etwas anders
vor als das Landschaftlich-Malerische; es hatte sich ein Ton über die
Gegend gezogen, der weder dem Untergang der Sonne noch den Lüften des
Abends allein zuzuschreiben war. Die glühende Beleuchtung der hohen
Stellen, die kühlende blaue Beschattung der Tiefe schien herrlicher
als jemals in öl oder Aquarell; ich konnte nicht genug hinsehen, doch
fühlte ich, daß ich den Platz zu verlassen Lust hatte, um in
teilnehmender kleiner Gesellschaft dem letzten Blick der Sonne zu
huldigen.
Doch hatte ich leider der Einladung der Mutter und Nachbarinnen nicht
absagen können, mich bei ihnen niederzulassen, besonders da sie mir an
dem Fenster der schönsten Aussicht Raum gemacht hatten. Als ich auf
ihre Reden merkte, konnt' ich vernehmen, daß von Ausstattung die Rede
sei, einem immer wiederkehrenden und nie zu erschöpfenden Gegenstande.
Die Erfordernisse aller Art wurden gemustert, Zahl und Beschaffenheit
der verschiedenen Gaben, Grundgeschenke der Familie, vielfache
Beiträge von Freunden und Freundinnen, teilweise noch ein Geheimnis,
und was nicht alles in genauer Hererzählung die schöne Zeit hinnahm,
mußte von mir geduldig angehört werden, weil die Damen mich zu einem
späteren Spaziergang festgenommen hatten.
Endlich gelangte denn das Gespräch zu den Verdiensten des Bräutigams,
man schilderte ihn günstig genug, wollte sich aber seine Mängel nicht
verbergen, in getroster Hoffnung, daß diese zu mildern und zu bessern
die Anmut, der Verstand, die Liebenswürdigkeit seiner Braut im
künftigen Ehstande hinreichen werde.
Ungeduldig zuletzt, als eben die Sonne sich in das entfernte Meer
niedersenkte und einen unschätzbaren Blick durch die langen Schatten
und die zwar gedämpften, doch mächtigen Streiflichter gewährte, fragt'
ich auf das bescheidenste, wer denn aber die Braut sei. Mit
Verwunderung erwiderte man mir, ob ich denn das allgemein Bekannte
nicht wisse; und nun erst fiel es ihnen ein, daß ich kein Hausgenosse,
sondern ein Fremder sei.
Hier ist es freilich nun nicht nötig auszusprechen, welch Entsetzen
mich ergriff, als ich vernahm, es sei eben die kurz erst so
liebgewonnene Schülerin. Die Sonne ging unter, und ich wußte mich
unter irgendeinem Vorwand von der Gesellschaft loszumachen, die, ohne
es zu wissen, mich auf eine so grausame Weise belehrt hatte.
Daß Neigungen, denen man eine Zeitlang unvorsichtig nachgegeben,
endlich aus dem Traume geweckt, in die schmerzlichsten Zustände sich
umwandeln, ist herkömmlich und bekannt, aber vielleicht interessiert
dieser Fall durch das Seltsame, daß ein lebhaftes wechselseitiges
Wohlwollen in dem Augenblicke des Keimens zerstört wird und damit die
Vorahnung alles des Glücks, das ein solches Gefühl sich in künftiger
Entwickelung unbegrenzt vorspiegelt. Ich kam spät nach Hause, und des
andern Morgens früh machte ich, meine Mappe unter dem Arm, einen
weiteren Weg mit der Entschuldigung, nicht zur Tafel zu kommen.
Ich hatte Jahre und Erfahrungen hinreichend, um mich, obwohl
schmerzhaft, doch auf der Stelle zusammenzunehmen. "Es wäre wunderbar
genug", rief ich aus, "wenn ein wertherähnliches Schicksal dich in Rom
aufgesucht hätte, um dir so bedeutende, bisher wohlbewahrte Zustände
zu verderben."
Ich wendete mich abermals rasch zu der inzwischen vernachlässigten
landschaftlichen Natur und suchte sie so treu als möglich nachzubilden,
mehr aber gelang mir, sie besser zu sehen. Das wenige Technische,
was ich besaß, reichte kaum zu dem unscheinbarsten Umriß hin, aber die
Fülle der Körperlichkeit, die uns jene Gegend in Felsen und Bäumen,
Aufund Abstiegen, stillen Seen, belebten Bächen entgegenbringt, war
meinem Auge beinahe fühlbarer als sonst, und ich konnte dem Schmerz
nicht feind werden, der mir den innern und äußern Sinn in dem Grade zu
schärfen geeignet war.
Von nun an aber hab' ich mich kurz zu fassen; die Menge von
Besuchenden füllte das Haus und die Häuser der Nachbarschaft, man
konnte sich ohne Affektation vermeiden, und eine wohlempfundene
Höflichkeit, zu der uns eine solche Neigung stimmt, ist in der
Gesellschaft überall gut aufgenommen. Mein Betragen gefiel, und ich
hatte keine Unannehmlichkeiten, keinen Zwist außer ein einziges Mal
mit dem Wirt, Herrn Jenkins. Ich hatte nämlich von einer weiten
Berg--und Waldtour die appetitlichsten Pilze mitgebracht und sie dem
Koch übergeben, der, über eine zwar seltene, aber in jenen Gegenden
sehr berühmte Speise höchst vergnügt, sie aufs schmackhafteste
zubereitet auf die Tafel gab. Sie schmeckten jedermann ganz herrlich,
nur als zu meinen Ehren verraten wurde, daß ich sie aus der Wildnis
mitgebracht, ergrimmte unser englischer Wirt, obgleich nur im
verborgenen, darüber, daß ein Fremder eine Speise zum Gastmahl
beigetragen habe, von welcher der Hausherr nichts wisse, die er nicht
befohlen und angeordnet; es zieme sich nicht wohl, jemanden an seiner
eignen Tafel zu überraschen, Speisen aufzusetzen, von denen er nicht
Rechenschaft geben könne. Dies alles mußte mir Rat Reiffenstein nach
Tafel diplomatisch eröffnen, wogegen ich, der ich an ganz anderm Weh,
als das sich von Schwämmen herleiten kann, innerlichst zu dulden hatte,
bescheidentlich erwiderte, ich hätte vorausgesetzt, der Koch würde
das dem Herrn melden, und versicherte, wenn mir wieder dergleichen
Edulien unterwegs in die Hände kämen, solche unserm trefflichen Wirte
selbst zur Prüfung und Genehmigung vorzulegen. Denn wenn man billig
sein will, muß man gestehen, sein Verdruß entsprang daher, daß diese
überhaupt zweideutige Speise ohne gehörige Untersuchung auf die Tafel
gekommen war. Der Koch freilich hatte mir versichert und brachte auch
dem Herrn ins Gedächtnis, daß dergleichen zwar nicht oft, aber doch
immer, als besondere Rarität, mit großem Beifall in dieser Jahrszeit
vorgesetzt worden.
Dieses kulinarische Abenteuer gab mir Anlaß, in stillem Humor zu
bedenken, daß ich selbst, von einem ganz eignen Gifte angesteckt, in
Verdacht gekommen sei, durch gleiche Unvorsichtigkeit eine ganze
Gesellschaft zu vergiften.
Es war leicht, meinen gefaßten Vorsatz fortzuführen. Ich suchte
sogleich den englischen Studien auszuweichen, indem ich mich morgens
entfernte und meiner heimlich geliebten Schülerin niemals anders als
im Zusammentritt von mehrern Personen zu nähern wußte.
Gar bald legte sich auch dieses Verhältnis in meinem so viel
beschäftigten Gemüte wieder zurechte, und zwar auf eine sehr anmutige
Weise; denn indem ich sie als Braut, als künftige Gattin ansah, erhob
sie sich vor meinen Augen aus dem trivialen Mädchenzustande, und indem
ich ihr nun eben dieselbe Neigung, aber in einem höhern
uneigennützigen Begriff zuwendete, so war ich als einer, der ohnehin
nicht mehr einem leichtsinnigen Jüngling glich, gar bald gegen sie in
dem freundlichsten Behagen. Mein Dienst, wenn man eine freie
Aufmerksamkeit so nennen darf, bezeichnete sich durchaus ohne
Zudringlichkeit und beim Begegnen eher mit einer Art von Ehrfurcht.
Sie aber, welche nun auch wohl wußte, daß ihr Verhältnis mir bekannt
geworden, konnte mit meinem Benehmen vollkommen zufrieden sein. Die
übrige Welt aber, weil ich mich mit jedermann unterhielt, merkte
nichts oder hatte kein Arges daran, und so gingen Tage und Stunden
einen ruhigen behaglichen Gang.
Von der mannigfaltigsten Unterhaltung wäre viel zu sagen. Genug, es
war auch ein Theater daselbst, wo der von uns so oft im Karneval
beklatschte Pulcinell, welcher die übrige Zeit sein Schusterhandwerk
trieb und auch übrigens hier als ein anständiger kleiner Bürger
erschien, uns mit seinen pantomimisch-mimisch-lakonischen Absurditäten
aufs beste zu vergnügen und uns in die so höchst behagliche Nullität
des Daseins zu versetzen wußte.
Briefe von Haus hatten mich indessen bemerken lassen, daß meine nach
Italien so lang projektierte, immer verschobene und endlich so rasch
unternommene Reise bei den Zurückgelassenen einige Unruhe und Ungeduld
erregt, ja sogar den Wunsch, mir nachzufolgen und das gleiche Glück zu
genießen, von dem meine heitern, auch wohl unterrichtenden Briefe den
günstigsten Begriff gaben. Freilich in dem geistreichen und
kunstliebenden Kreise unserer Herzogin Amalie war es herkömmlich, daß
Italien jederzeit als das neue Jerusalem wahrer Gebildeten betrachtet
wurde und ein lebhaftes Streben dahin, wie es nur Mignon ausdrücken
konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt. Der Damm war endlich
gebrochen, und es ergab sich nach und nach ganz deutlich, daß Herzogin
Amalie mit ihrer Umgebung von einer, Herder und der jüngere Dalberg
von der andern Seite über die Alpen zu gehen ernstliche Anstalt
machten. Mein Rat war, sie möchten den Winter vorübergehen lassen, in
der mittleren Jahreszeit bis Rom gelangen und sodann weiter nach und
nach alles des Guten genießen, was die Umgegend der alten Weltstadt u.
s. w., der untere Teil von Italien darbieten könnte.
Dieser mein Rat, redlich und sachgemäß, wie er war, bezog sich denn
doch auch auf meinen eigenen Vorteil. Merkwürdige Tage meines Lebens
hatte ich bisher in dem fremdesten Zustande mit ganz fremden Menschen
gelebt und mich eigentlich wieder frisch des humanen Zustands erfreut,
dessen ich in zwar zufälligen, aber doch natürlichen Bezügen seit
langer Zeit erst wieder gewahr wurde, da ein geschlossener
heimatlicher Kreis, ein Leben unter völlig bekannten und verwandten
Personen uns am Ende in die wunderlichste Lage versetzt. Hier ist es,
wo durch ein wechselseitiges Dulden und Tragen, Teilnehmen und
Entbehren ein gewisses Mittelgefühl von Resignation entsteht, daß
Schmerz und Freude, Verdruß und Behagen sich in herkömmlicher
Gewohnheit wechselseitig vernichten. Es erzeugt sich gleichsam eine
Mittelzahl, die den Charakter der einzelnen Ergebnisse durchaus
aufhebt, so daß man zuletzt im Streben nach Bequemlichkeit weder dem
Schmerz noch der Freude sich mit freier Seele hingeben kann.
Ergriffen von diesen Gefühlen und Ahnungen, fühlte ich mich ganz
entschieden, die Ankunft der Freunde in Italien nicht abzuwarten.
Denn daß meine Art, die Dinge zu sehen, nicht sogleich die ihrige sein
würde, konnte ich um so deutlicher wissen, als ich mich selbst seit
einem Jahre jenen kimmerischen Vorstellungen und Denkweisen des
Nordens zu entziehen gesucht und unter einem himmelblauen Gewölbe mich
freier umzuschauen und zu atmen gewöhnt hatte. In der mittlern Zeit
waren mir aus Deutschland kommende Reisende immerfort höchst
beschwerlich; sie suchten das auf, was sie vergessen sollten, und
konnten das, was sie schon lange gewünscht hatten, nicht erkennen,
wenn es ihnen vor Augen lag. Ich selbst fand es noch immer mühsam
genug, durch Denken und Tun mich auf dem Wege zu erhalten, den ich als
den rechten anzuerkennen mich entschieden hatte.
Fremde Deutsche konnt' ich vermeiden, so nah verbundene, verehrte,
geliebte Personen aber hätten mich durch eignes Irren und
Halbgewahrwerden, ja, selbst durch Eingehen in meine Denkweise gestört
und gehindert. Der nordische Reisende glaubt, er komme nach Rom, um
ein Supplement seines Daseins zu finden, auszufüllen, was ihm fehlt;
allein er wird erst nach und nach mit großer Unbehaglichkeit gewahr,
daß er ganz den Sinn ändern und von vorn anfangen müsse.
So deutlich nun auch ein solches Verhältnis mir erschien, so erhielt
ich mich doch über Tag und Stunde weislich im ungewissen und fuhr
unablässig fort in der sorgfältigsten Benutzung der Zeit.
Unabhängiges Nachdenken, Anhören von andern, Beschauen künstlerischen
Bestrebens, eigene praktische Versuche wechselten unaufhörlich oder
griffen vielmehr wechselseitig ineinander ein.
Hiebei förderte mich besonders die Teilnahme Heinrich Meyers von
Zürich, dessen Unterhaltung mir, obgleich seltener, günstig zustatten
kam, indem er als ein fleißiger und gegen sich selbst strenger
Künstler die Zeit besser anzuwenden wußte als der Kreis von jüngeren,
die einen ernsten Fortschritt in Begriffen und Technik mit einem
raschen lustigen Leben leichtmütig zu verbinden glaubten.