Castel Gandolfo. Radierung von Mechau

Angelika ist auch hier und wohnt in der Nähe, dann sind einige muntere

Mädchen, einige Frauen, Herr von Maron, Schwager von Mengs, mit der

seinigen, teils im Hause, teils in der Nachbarschaft; die Gesellschaft

ist lustig, und es gibt immer was zu lachen. Abends geht man in die

Komödie, wo Pulcinell die Hauptperson ist, und trägt sich dann einen

Tag mit den bonmots des vergangnen Abends. Tout comme chez nous--nur

unter einem heitern, köstlichen Himmel. Heute hat sich ein Wind

erhoben, der mich zu Hause hält. Wenn man mich außer mir selbst

herausbringen könnte, müßten es diese Tage tun, aber ich falle immer

wieder in mich zurück, und meine ganze Neigung ist auf die Kunst

gerichtet. Jeden Tag geht mir ein neues Licht auf, und es scheint,

als wenn ich wenigstens würde sehen lernen.

"Erwin und Elmire" ist so gut als fertig; es kommt auf ein paar

schreibselige Morgen an; gedacht ist alles.

Herder hat mich aufgefordert, Forstern auf seine Reise um die Welt

auch Fragen und Mutmaßungen mitzugeben. Ich weiß nicht, wo ich Zeit

und Sammlung hernehmen soll, wenn ich es auch von Herzen gerne täte.

Wir wollen sehen.

Ihr habt wohl schon kalte, trübe Tage, wir hoffen noch einen ganzen

Monat zum Spazierengehn. Wie sehr mich Herders "Ideen" freuen, kann

ich nicht sagen. Da ich keinen Messias zu erwarten habe, so ist mir

dies das liebste Evangelium. Grüßt alles, ich bin in Gedanken immer

mit euch, und liebt mich.

Den letzten Posttag, meine Lieben, habt ihr keinen Brief erhalten, die

Bewegung in Castello war zuletzt gar zu arg, und ich wollte doch auch

zeichnen. Es war wie bei uns im Bade, und da ich in einem Hause

wohnte, das immer Zuspruch hat, so mußte ich mich drein geben. Bei

dieser Gelegenheit habe ich mehr Italiener gesehen als bisher in einem

Jahre, und bin auch mit dieser Erfahrung zufrieden.

Eine Mailänderin interessierte mich die acht Tage ihres Bleibens, sie

zeichnete sich durch ihre Natürlichkeit, ihren Gemeinsinn, ihre gute

Art sehr vorteilhaft vor den Römerinnen aus. Angelika war, wie sie

immer ist, verständig, gut, gefällig, zuvorkommend. Man muß ihr

Freund sein, man kann viel von ihr lernen, besonders arbeiten, denn es

ist unglaublich, was sie alles endigt.

Diese letzten Tage war das Wetter kühl, und ich bin recht vergnügt,

wieder in Rom zu sein.

Gestern abend, als ich zu Bette ging, fühlt' ich recht das Vergnügen,

hier zu sein. Es war mir, als wenn ich mich auf einen recht breiten,

sichern Grund niederlegte.

über seinen "Gott" möcht' ich gern mit Herdern sprechen. Zu bemerken

ist mir ein Hauptpunkt: man nimmt dieses Büchlein, wie andre, für

Speise, da es eigentlich die Schüssel ist. Wer nichts hineinzulegen

hat, findet sie leer. Laßt mich ein wenig weiter allegorisieren, und

Herder wird meine Allegorie am besten erklären. Mit Hebel und Walzen

kann man schon ziemliche Lasten fortbringen; die Stücke des Obelisks

zu bewegen, brauchen sie Erdwinden, Flaschenzüge und so weiter. Je

größer die Last oder je feiner der Zweck (wie z. E. bei einer Uhr),

desto zusammengesetzter, desto künstlicher wird der Mechanismus sein

und doch im Innern die größte Einheit haben. So sind alle Hypothesen

oder vielmehr alle Prinzipien.--Wer nicht viel zu bewegen hat, greift

zum Hebel und verschmäht meinen Flaschenzug, was will der Steinhauer

mit einer Schraube ohne Ende? Wenn L. seine ganze Kraft anwendet, um

ein Märchen wahr zu machen, wenn J. sich abarbeitet, eine hohle

Kindergehirnempfindung zu vergöttern, wenn C. aus einem Fußboten ein

Evangelist werden möchte, so ist offenbar, daß sie alles, was die

Tiefen der Natur näher aufschließt, verabscheuen müssen. Würde der

eine ungestraft sagen: Alles, was lebt, lebt durch etwas außer sich?

Würde der andere sich der Verwirrung der Begriffe, der Verwechslung

der Worte von Wissen und Glauben, von überlieferung und Erfahrung

nicht schämen? Würde der dritte nicht um ein paar Bänke tiefer

hinunter müssen, wenn sie nicht mit aller Gewalt die Stühle um den

Thron des Lamms aufzustellen bemüht wären; wenn sie nicht sich

sorgfältig hüteten, den festen Boden der Natur zu betreten, wo jeder

nur ist, was er ist, wo wir alle gleiche Ansprüche haben?

Halte man dagegen ein Buch wie den dritten Teil der "Ideen", sehe erst,

was es ist, und frage sodann, ob der Autor es hätte schreiben können,

ohne jenen Begriff von Gott zu haben? Nimmermehr; denn eben das Echte,

Große, Innerliche, was es hat, hat es in, aus und durch jenen Begriff

von Gott und der Welt.

Wenn es also irgendwo fehlt, so mangelt's nicht an der Ware, sondern

an Käufern, nicht an der Maschine, sondern an denen, die sie zu

brauchen wissen. Ich habe immer mit stillem Lächeln zugesehen, wenn

sie mich in metaphysischen Gesprächen nicht für voll ansahen; da ich

aber ein Künstler bin, so kann mir's gleich sein. Mir könnte vielmehr

dran gelegen sein, daß das Prinzipium verborgen bliebe, aus dem und

durch das ich arbeite. Ich lasse einem jeden seinen Hebel und bediene

mich der Schraube ohne Ende schon lange, und nun mit noch mehr Freude

und Bequemlichkeit.

Castel Gandolfo, den 12. Oktober 1787.

Italienische Reise — Band 2 · 第 49 / 91 题