August

Zu Anfang dieses Monats reifte bei mir der Vorsatz, noch den nächsten

Winter in Rom zu bleiben; Gefühl und Einsicht, daß ich aus diesem

Zustande noch völlig unreif mich entfernen, auch daß ich nirgends

solchen Raum und solche Ruhe für den Abschluß meiner Werke finden

würde, bestimmten mich endlich; und nun, als ich solches nach Hause

gemeldet hatte, begann ein Zeitraum neuer Art.

Die große Hitze, welche sich nach und nach steigerte und einer allzu

raschen Tätigkeit Ziel und Maß gab, machte solche Räume angenehm und

wünschenswert, wo man seine Zeit nützlich in Ruh' und Kühlung

zubringen konnte. Die Sixtinische Kapelle gab hiezu die schönste

Gelegenheit. Gerade zu dieser Zeit hatte Michelangelo aufs neue die

Verehrung der Künstler gewonnen; neben seinen übrigen großen

Eigenschaften sollt' er sogar auch im Kolorit nicht übertroffen worden

sein, und es wurde Mode, zu streiten, ob er oder Raffael mehr Genie

gehabt. Die Transfiguration des letzteren wurde mitunter sehr strenge

getadelt und die Disputa das beste seiner Werke genannt; wodurch sich

denn schon die später aufgekommene Vorliebe für Werke der alten Schule

ankündigte, welche der stille Beobachter nur für ein Symptom halber

und unfreier Talente betrachten und sich niemals damit befreunden

konnte.

Es ist so schwer, ein großes Talent zu fassen, geschweige denn zwei

zugleich. Wir erleichtern uns dieses durch Parteilichkeit; deshalb

denn die Schätzung von Künstlern und Schriftstellern immer schwankt

und einer oder der andere immer ausschließlich den Tag beherrscht.

Mich konnten dergleichen Streitigkeiten nicht irremachen, da ich sie

auf sich beruhen ließ und mich mit unmittelbarer Betrachtung alles

Werten und Würdigen beschäftigte. Diese Vorliebe für den großen

Florentiner teilte sich von den Künstlern gar bald auch den Liebhabern

mit, da denn auch gerade zu jener Zeit Bury und Lips Aquarellkopien in

der Sixtinischen Kapelle für Grafen Fries zu fertigen hatten. Der

Kustode ward gut bezahlt, er ließ uns durch die Hintertür neben dem

Altar hinein, und wir hauseten darin nach Belieben. Es fehlte nicht

an einiger Nahrung, und ich erinnere mich, ermüdet von großer

Tageshitze, auf dem päpstlichen Stuhle einem Mittagsschlaf nachgegeben

zu haben.

Sorgfältige Durchzeichnungen der unteren Köpfe und Figuren des

Altarbildes, die man mit der Leiter erreichen konnte, wurden gefertigt,

erst mit weißer Kreide auf schwarze Florrahmen, dann mit Rötel auf

große Papierbogen durchgezeichnet.

Ebnermaßen ward denn auch, indem man sich nach dem Altern hinwendete,

Leonard da Vinci berühmt, dessen hochgeschätztes Bild, Christus unter

den Pharisäern, in der Galerie Aldobrandini ich mit Angelika besuchte.

Es war herkömmlich geworden, daß sie Sonntag um Mittag mit ihrem

Gemahl und Rat Reiffenstein bei mir vorfuhr und wir sodann mit

möglichster Gemütsruhe uns durch eine Backofenhitze in irgendeine

Sammlung begaben, dort einige Stunden verweilten und sodann zu einer

wohlbesetzten Mittagstafel bei ihr einkehrten. Es war vorzüglich

belehrend, mit diesen drei Personen, deren eine jede in ihrer Art

theoretisch, praktisch, ästhetisch und technisch gebildet war, sich in

Gegenwart so bedeutender Kunstwerke zu besprechen.

Ritter Worthley, der aus Griechenland zurückgekommen war, ließ uns

wohlwollend seine mitgebrachten Zeichnungen sehen, unter welchen die

Nachbildungen der Arbeiten des Phidias im Fronton der Akropolis einen

entschiedenen und unauslöschlichen Eindruck in mir zurückließen, der

um desto stärker war, als ich, durch die mächtigen Gestalten des

Michelangelo veranlaßt, dem menschlichen Körper mehr als bisher

Aufmerksamkeit und Studium zugewendet hatte.

Eine bedeutende Epoche jedoch in dem regsamen Kunstleben machte die

Ausstellung der französischen Akademie zu Ende des Monats. Durch

Davids "Horatier" hatte sich das übergewicht auf die Seite der

Franzosen hingeneigt. Tischbein wurde dadurch veranlaßt, seinen

"Hektor, der den Paris in Gegenwart der Helena auffordert", lebensgroß

anzufangen. Durch Drouais, Gagneraux, Desmarais, Gauffier, St. Ours

erhält sich nunmehr der Ruhm der Franzosen, und Boquet erwirbt als

Landschaftsmaler im Sinne Poussins einen guten Namen.

Indessen hatte Moritz sich um die alte Mythologie bemüht; er war nach

Rom gekommen, um nach früherer Art durch eine Reisebeschreibung sich

die Mittel einer Reise zu verschaffen. Ein Buchhändler hatte ihm

Vorschuß geleistet; aber bei seinem Aufenthalt in Rom wurde er bald

gewahr, daß ein leichtes loses Tagebuch nicht ungestraft verfaßt

werden könne. Durch tagtägliche Gespräche, durch Anschauen so vieler

wichtiger Kunstwerke regte sich in ihm der Gedanke, eine Götterlehre

der Alten in rein menschlichem Sinne zu schreiben und solche mit

belehrenden Umrissen nach geschnittenen Steinen künftig herauszugeben

Er arbeitete fleißig daran, und unser Verein ermangelte nicht, sich

mit demselben einwirkend darüber zu unterhalten.

Eine höchst angenehme, belehrende Unterhaltung, mit meinen Wünschen

und Zwecken unmittelbar zusammentreffend, knüpfte ich mit dem

Bildhauer Trippel in seiner Werkstatt an, als er meine Büste

modellierte, welche er für den Fürsten von Waldeck in Marmor

ausarbeiten sollte. Gerade zum Studium der menschlichen Gestalt, und

um über ihre Proportionen als Kanon und als abweichender Charakter

aufgeklärt zu werden, war nicht wohl unter andern Bedingungen zu

kommen. Dieser Augenblick ward auch doppelt interessant dadurch, daß

Trippel von einem Apollokopf Kenntnis erhielt, der sich in der

Sammlung des Palasts Giustiniani bisher unbeachtet befunden hatte. Er

hielt denselben für eins der edelsten Kunstwerke und hegte Hoffnung,

ihn zu kaufen, welches jedoch nicht gelang. Diese Antike ist seitdem

berühmt geworden und später an Herrn von Pourtalès nach Neufchatel

gekommen.

Aber wie derjenige, der sich einmal zur See wagt, durch Wind und

Wetter bestimmt wird, seinen Lauf bald dahin, bald dorthin zu nehmen,

so erging es auch mir. Verschaffelt eröffnete einen Kurs der

Perspektive, wo wir uns des Abends versammelten und eine zahlreiche

Gesellschaft auf seine Lehren horchte und sie unmittelbar ausübte.

Das Vorzüglichste war dabei, daß man gerade das Hinreichende und nicht

zuviel lernte.

Aus dieser kontemplativ tätigen, geschäftigen Ruhe hätte man mich

gerne herausgerissen. Das unglückliche Konzert war in Rom, wo das

Hin--und Widerreden des Tags wie an kleinen Orten herkömmlich ist,

vielfach besprochen; man war auf mich und meine schriftstellerischen

Arbeiten aufmerksam geworden; ich hatte die "Iphigenie" und sonstiges

unter Freunden vorgelesen, worüber man sich gleichfalls besprach.

Kardinal Buoncompagni verlangte, mich zu sehen, ich aber hielt fest in

meiner wohlbekannten Einsiedelei, und ich konnte dies um so eher, als

Rat Reiffenstein fest und eigensinnig behauptete, da ich mich durch

ihn nicht habe präsentieren lassen, so könne es kein anderer tun.

Dies gereichte mir sehr zum Vorteil, und ich benutzte immer sein

Ansehn, um mich in einmal gewählter und ausgesprochener

Abgeschiedenheit zu erhalten.

Italienische Reise — Band 2 · 第 36 / 91 题