Euren lieben Brief Nr. 24 erhielt ich vorgestern, eben als ich nach
dem Vatikan ging, und habe ihn unterwegs und in der Sixtinischen
Kapelle aber--und abermals gelesen, sooft ich ausruhte von dem Sehen
und Aufmerken. Ich kann euch nicht ausdrücken, wie sehr ich euch zu
mir gewünscht habe, damit ihr nur einen Begriff hättet, was ein
einziger und ganzer Mensch machen und ausrichten kann; ohne die
Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen
anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag. Man hört und
liest von viel großen und braven Leuten, aber hier hat man es noch
ganz lebendig über dem Haupte, vor den Augen. Ich habe mich viel mit
euch unterhalten und wollte, es stünde alles auf dem Blatte. Ihr
wollt von mir wissen! Wie vieles könnt' ich sagen! Denn ich bin
wirklich umgeboren und erneuert und ausgefüllt. Ich fühle, daß sich
die Summe meiner Kräfte zusammenschließt, und hoffe noch etwas zu tun.
Über Landschaft und Architektur habe ich diese Zeit her ernstlich
nachgedacht, auch einiges versucht und sehe nun, wo es damit hinaus
will, auch wie weit es zu bringen wäre.
Nun hat mich zuletzt das A und O aller uns bekannten Dinge, die
menschliche Figur, angefaßt, und ich sie, und ich sage: "Herr, ich
lasse dich nicht, du segnest mich denn, und sollt' ich mich lahm
ringen." Mit dem Zeichnen geht es gar nicht, und ich habe also mich
zum Modellieren entschlossen, und das scheint rücken zu wollen.
Wenigstens bin ich auf einen Gedanken gekommen, der mir vieles
erleichtert. Es wäre zu weitläufig, es zu detaillieren, und es ist
besser zu tun als zu reden. Genug, es läuft darauf hinaus, daß mich
nun mein hartnäckig Studium der Natur, meine Sorgfalt, mit der ich in
der komparierenden Anatomie zu Werke gegangen bin, nunmehr in den
Stand setzen, in der Natur und den Antiken manches im ganzen zu sehen,
was den Künstlern im einzelnen aufzusuchen schwer wird, und das sie,
wenn sie es endlich erlangen, nur für sich besitzen und andern nicht
mitteilen können.
Ich habe alle meine physiognomischen Kunststückchen, die ich aus Pik
auf den Propheten in den Winkel geworfen, wieder hervorgesucht, und
sie kommen mir gut zu passe. Ein Herkuleskopf ist angefangen; wenn
dieser glückt, wollen wir weitergehen.
So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es
kommt mir recht wunderbar vor, wenn ich eine Zeitung lese. Die
Gestalt dieser Welt vergeht, ich möchte mich nur mit dem beschäftigen,
was bleibende Verhältnisse sind, und so nach der Lehre des *** meinem
Geiste erst die Ewigkeit verschaffen.
Gestern sah ich bei Ch. v. Worthley, der eine Reise nach Griechenland,
ägypten etc. gemacht hat, viele Zeichnungen. Was mich am meisten
interessierte, waren Zeichnungen nach Basreliefs, welche im Fries des
Tempels der Minerva zu Athen sind, Arbeiten des Phidias. Man kann
sich nichts Schöneres denken als die wenigen einfachen Figuren.
Übrigens war wenig Reizendes an den vielen gezeichneten Gegenständen;
die Gegenden waren nicht glücklich, die Architektur besser.
Lebe wohl für heute. Es wird meine Büste gemacht, und das hat mir
drei Morgen dieser Woche gekostet.
Den 28. August 1787.
Mir ist diese Tage manches Gute begegnet, und heute zum Feste kam mir
Herders Büchlein voll würdiger Gottesgedanken. Es war mir tröstlich
und erquicklich, sie in diesem Babel, der Mutter so vieles Betrugs und
Irrtums, so rein und schön zu lesen, und zu denken, daß doch jetzt die
Zeit ist, wo sich solche Gesinnungen, solche Denkarten verbreiten
können und dürfen. Ich werde das Büchlein in meiner Einsamkeit noch
oft lesen und beherzigen, auch Anmerkungen dazu machen, welche Anlaß
zu künftigen Unterredungen geben können.
Ich habe diese Tage immer weiter um mich gegriffen in Betrachtung der
Kunst, und übersehe nun fast das ganze Pensum, das mir zu absolvieren
bleibt; und wenn es absolviert ist, ist noch nichts getan. Vielleicht
gibt's andern Anlaß, dasjenige leichter und besser zu tun, wozu Talent
und Geschick bestimmt.
Die französische Akademie hat ihre Arbeiten ausgestellt; es sind
interessante Sachen drunter. Pindar, der die Götter um ein
glückliches Ende bittet, fällt in die Arme eines Knaben, den er sehr
liebt, und stirbt. Es ist viel Verdienst in dem Bilde. Ein Architekt
hat eine gar artige Idee ausgeführt, er hat das jetzige Rom von einer
Seite gezeichnet, wo es sich mit allen seinen Teilen gut ausnimmt.
Dann hat er auf einem andern Blatte das alte Rom vorgestellt, als wenn
man es aus demselben Standpunkt sähe. Die Orte, wo die alten
Monumente gestanden, weiß man, ihre Form auch meistens, von vielen
stehen noch die Ruinen. Nun hat er alles Neue weggetan und das Alte
wiederhergestellt, wie es etwa zu Zeiten Diokletians ausgesehen haben
mag, und mit ebensoviel Geschmack als Studium, und allerliebst gefärbt.
Was ich tun kann, tu' ich, und häufe so viel von allen diesen
Begriffen und Talenten auf mich, als ich schleppen kann, und bringe
auf diese Weise doch das Reellste mit.
Hab' ich dir schon gesagt, daß Trippel meine Büste arbeitet? Der
Fürst von Waldeck hat sie bei ihm bestellt. Er ist schon meist fertig,
und es macht ein gutes Ganze. Sie ist in einem sehr soliden Stil
gearbeitet. Wenn das Modell fertig ist, wird er eine Gipsform darüber
machen und dann gleich den Marmor anfangen, welchen er dann zuletzt
nach dem Leben auszuarbeiten wünscht; denn was sich in dieser Materie
tun läßt, kann man in keiner andern erreichen.
Angelika malt jetzt ein Bild, das sehr glücken wird: die Mutter der
Gracchen, wie sie einer Freundin, welche ihre Juwelen auskramte, ihre
Kinder als die besten Schätze zeigt. Es ist eine natürliche und sehr
glückliche Komposition.
Wie schön ist es, zu säen, damit geerntet werde! Ich habe hier
durchaus verschwiegen, daß heute mein Geburtstag sei, und dachte beim
Aufstehen: sollte mir denn von Hause nichts zur Feier kommen? Und
siehe, da wird mir euer Paket gebracht, das mich unsäglich erfreut.
Gleich setzte ich mich hin, es zu lesen, und bin nun zu Ende und
schreibe gleich meinen herzlichsten Dank nieder.
Nun möchte ich denn erst bei euch sein, da sollte es an ein Gespräch
gehen, zu Ausführung einiger angedeuteten Punkte. Genug, das wird uns
auch werden, und ich danke herzlich, daß eine Säule gesetzt ist, von
welcher an wir nun unsre Meilen zählen können. Ich wandle starken
Schrittes in den Gefilden der Natur und Kunst herum und werde dir mit
Freuden von da aus entgegenkommen.
Ich habe es heute nach Empfang deines Briefes noch einmal durchgedacht
und muß darauf beharren: mein Kunststudium, mein Autorwesen, alles
fordert noch diese Zeit. In der Kunst muß ich es so weit bringen, daß
alles anschauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe,
und ich zwinge es in diesem halben Jahre, auch ist es nirgends als in
Rom zu zwingen. Meine Sächelchen (denn sie kommen mir sehr im
Diminutiv vor) muß ich wenigstens mit Sammlung und Freudigkeit enden.
Dann zieht mich alles nach dem Vaterlande zurück. Und wenn ich auch
ein isoliertes, privates Leben führen sollte, habe ich so viel
nachzuholen und zu vereinigen, daß ich für zehn Jahre keine Ruhe sehe.
In der Naturgeschichte bring' ich dir Sachen mit, die du nicht
erwartest. Ich glaube dem Wie der Organisation sehr nahe zu rücken.
Du sollst diese Manifestationen (nicht Fulgurationen) unsres Gottes
mit Freuden beschauen und mich belehren, wer in der alten und neuen
Zeit dasselbe gefunden, gedacht, es von eben der Seite oder aus einem
wenig abweichenden Standpunkte betrachtet.