Weiter mag ich gar nichts sagen. Das ist wieder ein Gipfel irdischer
Dinge. Ein sehr komplizierter Fall in der Gegend bringt die
herrlichsten Wirkungen hervor.
Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weiter geholfen. Er
tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate
in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach
dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinen Arbeiten
haben. Ich sehe auch wohl, was und wie man studieren muß, um über
gewisse Schwierigkeiten hinauszukommen, unter deren Last man sonst
sein ganzes Leben hinkriecht.
Noch eine Bemerkung. Jetzt fangen erst die Bäume, die Felsen, ja Rom
selbst an, mir lieb zu werden; bisher hab' ich sie immer nur als fremd
gefühlt; dagegen freuten mich geringe Gegenstände, die mit denen
ähnlichkeit hatten, die ich in der Jugend sah. Nun muß ich auch erst
hier zu Hause werden, und doch kann ich's nie so innig sein als mit
jenen ersten Gegenständen des Lebens. Ich habe verschiednes bezüglich
auf Kunst und Nachahmung bei dieser Gelegenheit gedacht.
Während meiner Abwesenheit hatte Tischbein ein Gemälde von Daniel von
Volterra im Kloster an der Porta del Popolo entdeckt; die Geistlichen
wollten es für tausend Skudi hergeben, welche Tischbein als Künstler
nicht aufzutreiben wußte. Er machte daher an Madame Angelika durch
Meyer den Vorschlag, in den sie willigte, gedachte Summe auszahlte,
das Bild zu sich nahm und später Tischbein die ihm kontraktmäßige
Hälfte um ein Namhaftes abkaufte. Es war ein vortreffliches Bild, die
Grablegung vorstellend, mit vielen Figuren. Eine von Meyer darnach
sorgfältig hergestellte Zeichnung ist noch vorhanden.
Rom, den 20. Juni.
Nun hab' ich hier schon wieder treffliche Kunstwerke gesehen, und mein
Geist reinigt und bestimmt sich. Doch brauchte ich wenigstens noch
ein Jahr allein in Rom, um nach meiner Art den Aufenthalt nutzen zu
können, und ihr wißt, ich kann nichts auf andre Art. Jetzt, wenn ich
scheide, werde ich nur wissen, welcher Sinn mir noch nicht aufgegangen
ist, und so sei es denn eine Weile genug.
Der Herkules Farnese ist fort, ich hab' ihn noch auf seinen echten
Beinen gesehen, die man ihm nach so langer Zeit wiedergab. Nun
begreift man nicht, wie man die ersten, von Porta, hat so lange gut
finden können. Es ist nun eins der vollkommensten Werke alter Zeit.
In Neapel wird der König ein Museum bauen lassen, wo alles, was er von
Kunstsachen besitzt, das Herkulanische Museum, die Gemälde von Pompeji,
die Gemälde von Capo di Monte, die ganze farnesische Erbschaft,
vereinigt aufgestellt werden sollen. Es ist ein großes und schönes
Unternehmen. Unser Landsmann Hackert ist die erste Triebfeder dieses
Werks. Sogar der Toro Farnese soll nach Neapel wandern und dort auf
der Promenade aufgestellt werden. Könnten sie die Carraccische
Galerie aus dem Palaste mitnehmen, sie täten's auch.
Rom, den 27. Juni.
Ich war mit Hackert in der Galerie Colonna, wo Poussins, Claudes,
Salvator Rosas Arbeiten zusammen hängen. Er sagte mir viel Gutes und
gründlich Gedachtes über diese Bilder, er hat einige davon kopiert und
die andern recht aus dem Fundament studiert. Es freute mich, daß ich
im allgemeinen bei den ersten Besuchen in der Galerie eben dieselbe
Vorstellung gehabt hatte. Alles, was er mir sagte, hat meine Begriffe
nicht geändert, sondern nur erweitert und bestimmt. Wenn man nun
gleich wieder die Natur ansehn und wieder finden und lesen kann, was
jene gefunden und mehr oder weniger nachgeahmt haben, das muß die
Seele erweitern, reinigen und ihr zuletzt den höchsten anschauenden
Begriff von Natur und Kunst geben. Ich will auch nicht mehr ruhen,
bis mir nichts mehr Wort und Tradition, sondern lebendiger Begriff ist.
Von Jugend auf war mit dieses mein Trieb und meine Plage, jetzt, da
das Alter kommt, will ich wenigstens das Erreichbare erreichen und das
Tunliche tun, da ich so lange verdient und unverdient das Schicksal
des Sisyphus und Tantalus erduldet habe.
Bleibt in der Liebe und Glauben an mich. Mit den Menschen hab' ich
jetzt ein leidlich Leben und eine gute Art Offenheit, ich bin wohl und
freue mich meiner Tage.
Tischbein ist sehr brav, doch fürchte ich, er wird nie in einen
solchen Zustand kommen, in welchem er mit Freude und Freiheit arbeiten
kann. Mündlich mehr von diesem auch wunderbaren Menschen. Mein
Porträt wird glücklich, es gleicht sehr, und der Gedanke gefällt
jedermann; Angelika malt mich auch, daraus wird aber nichts. Es
verdrießt sie sehr, daß es nicht gleichen und werden will. Es ist
immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir.
Rom, den 30. Juni.
Das große Fest St. Peter und Paul ist endlich auch herangekommen;
gestern haben wir die Erleuchtung der Kuppel und das Feuerwerk vom
Kastell gesehn. Die Erleuchtung ist ein Anblick wie ein ungeheures
Märchen, man traut seinen Augen nicht. Da ich neuerdings nur die
Sachen und nicht wie sonst bei und mit den Sachen sehe, was nicht da
ist, so müssen mir so große Schauspiele kommen, wenn ich mich freuen
soll. Ich habe auf meiner Reise etwa ein halb Dutzend gezählt, und
dieses darf allerdings unter den ersten stehn. Die schöne Form der
Kolonnade, der Kirche und besonders der Kuppel erst in einem feurigen
Umrisse und, wenn die Stunde vorbei ist, in einer glühenden Masse zu
sehn, ist einzig und herrlich. Wenn man bedenkt, daß das ungeheure
Gebäude in diesem Augenblick nur zum Gerüste dient, so wird man wohl
begreifen, daß etwas ähnliches in der Welt nicht sein kann. Der
Himmel war rein und hell, der Mond schien und dämpfte das Feuer der
Lampen zum angenehmen Schein, zuletzt aber, wie alles durch die zweite
Erleuchtung in Glut gesetzt wurde, ward das Licht des Mondes
ausgelöscht. Das Feuerwerk ist wegen des Ortes schön, doch lange
nicht verhältnismäßig zur Erleuchtung. Heute abend sehen wir beides
noch einmal.
Auch das ist vorüber. Es war ein schöner klarer Himmel und der Mond
voll, dadurch ward die Erleuchtung sanfter, und es sah ganz aus wie
ein Märchen. Die schöne Form der Kirche und der Kuppel gleichsam in
einem feurigen Aufriß zu sehen, ist ein großer und reizender Anblick.
Rom, Ende Juni.
Ich habe mich in eine zu große Schule begeben, als daß ich geschwind
wieder aus der Lehre gehen dürfte. Meine Kunstkenntnisse, meine
kleinen Talente müssen hier ganz durchgearbeitet, ganz reif werden,
sonst bring' ich wieder euch einen halben Freund zurück, und das
Sehnen, Bemühen, Krabbeln und Schleichen geht von neuem an. Ich würde
nicht fertig werden, wenn ich euch erzählen sollte, wie mir auch
wieder alles diesen Monat hier geglückt ist, ja, wie mir alles auf
einem Teller ist präsentiert worden, was ich nur gewünscht habe. Ich
habe ein schönes Quartier, gute Hausleute. Tischbein geht nach Neapel,
und ich beziehe sein Studium, einen großen kühlen Saal. Wenn ihr
mein gedenkt, so denkt an mich als an einen Glücklichen; ich will oft
schreiben, und so sind und bleiben wir zusammen.
Auch neue Gedanken und Einfälle hab' ich genug, ich finde meine erste
Jugend bis auf Kleinigkeiten wieder, indem ich mir selbst überlassen
bin, und dann trägt mich die Höhe und Würde der Gegenstände wieder so
hoch und weit, als meine letzte Existenz nur reicht. Mein Auge bildet
sich unglaublich, und meine Hand soll nicht ganz zurückbleiben. Es
ist nur ein Rom in der Welt, und ich befinde mich hier wie der Fisch
im Wasser und schwimme oben wie eine Stückkugel im Quecksilber, die in
jedem andern Fluidum untergeht. Nichts trübt die Atmosphäre meiner
Gedanken, als daß ich mein Glück nicht mit meinen Geliebten teilen
kann. Der Himmel ist jetzt herrlich heiter, so daß Rom nur morgens
und abends einigen Nebel hat. Auf den Gebirgen aber, Albano, Castello,
Frascati, wo ich vergangene Woche drei Tage zubrachte, ist eine immer
heitre reine Luft. Da ist eine Natur zu studieren.