ich der Jüngste bin und derjenige, der zu den wenigsten Hoffnungen
berechtigt. Ein Bruder ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort
stiller und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. Jetzt muß
er sich schon ein wenig verändert haben, es ist über ein Jahr her, daß
ich ihn zuletzt gesehen habe, aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen
würden, bekämen Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich
abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, mit ihm zu tun zu
haben, er bestrickt, und das in einer Weise, daß man um seinetwillen
Torheiten begehen kann. Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein
Bruder, etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, nicht mein
Verständnis, das sich nur, angezogen von ihm, einigermaßen entfalten
konnte. Ich glaube, er trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen
ihm so natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man findet
es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet er, und er begehrt
auch, unter ihnen zu verschwinden, um ruhig arbeiten zu können. Früher
einmal hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler geschrieben, der
seine Schwingen breite über Felsenkanten und der sich über Abgründen am
wohlsten fühle, und ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und
Künstler müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar nichts,
umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen und frisch ans Werk
gehen. Er war damals noch ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er
nicht mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. Er heißt
Kaspar und ist als Schulknabe in der Schule und im elterlichen Hause
fortwährend für einen faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das
nur, und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes und mildes
war. Er wurde früh aus der Schule genommen, weil er darin nicht
reüssierte, und mußte Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam
er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den Menschen die
Achtung, die er verdiente, abzunötigen. Das ist einer meiner Brüder, ein
anderer heißt Klaus. Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den
besten und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, das
Bedenkentragen und das Nachdenken schauen ihm zu den Augen heraus. Er
ist ein tüchtiger Mensch, so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine
bescheidene, verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns Jüngere
aufwachsen und uns unsern Begierden und Leidenschaften nachhängen sehen,
er hat geschwiegen dazu und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und
des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, daß jeder seinen
eigenen Weg gehen muß, er hat nur Schlimmes zu verhüten gesucht, und das
Gute an einem hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden.
Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich weiß das ganz
genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt die Menschen und hat eine
sonderbar schüchterne Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen.
Obschon er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt einnimmt,
bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, die immer
mit Schüchternheit verbunden ist, daran schuld ist, daß er eine
nicht noch höhere bekleidet; denn er verdiente die höchste und
verantwortungsreichste. Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur
unglücklich ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die
Erinnerung von ihm an seine früheren Tage einem erzählen kann. Er ist
im Irrenhaus. -- Sollte ich das vielleicht vor Ihnen nicht offen haben
heraussagen dürfen? Sie haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun
schon dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr zuhören, alles
der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie
nicken und sagen mir damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich
den Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere und zugleich
herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. Dieser unglückliche Bruder
war wohl, ich darf es ruhig sagen, das Ideal eines jungen schönen
Mannes, und Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche
achtzehnte Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in unsere Zeit mit
den viel härteren und trockneren Anforderungen. Lassen Sie mich über
sein Unglück schweigen; denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und
zweitens und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt es sich
nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu ziehen, alle Feierlichkeit
wegzunehmen, alle schöne, verschleierte Trauer, die nur dann ist, wenn
man schweigt über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft
meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine einsame, in
einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene Schullehrerin, meine
Schwester Hedwig. Möchten Sie sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer
ganzen Empfindung Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein stolzeres
Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei volle Monate lang als
Müßiggänger bei ihr auf dem Lande, sie hat geweint, als ich ankam und
mich ausgelacht, als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich
Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und mir zugleich einen
Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, daß sie für mich nur eine leise, nicht
abzuwehrende Verachtung hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich
mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat mich bei ihr
geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter und frecher als ein
aufdringlicher Landstreicher, der sich nur seiner Schwester einmal
erinnerte, weil er dachte: »da kannst du hingehen, bis du wieder auf
zwei Füßen stehst«. -- Aber wir haben die drei Monate hindurch wie in
einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen gelebt. So etwas
kann man niemals vergessen. Wenn ich ausging und im Walde spazierte und
nicht wußte vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren
kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von dem Nächsten
und dem Fernsten zugleich. Sie war mir fern aus Ehrfurcht und nahe aus
Liebe. Sie war so stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ,
wie lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur gefreut, als ich
mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet hatte. Das dauerte bis zu der
letzten Stunde, den Abschied schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in
dem Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen würde. Als
ich, schon weggegangen, hinter mich den Hügel herabblickte, sah ich sie
mir mit der Hand nachwinken, so freundlich und einfach, als ginge ich
nur bis zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer Stunde wieder
zurück. Und doch wußte sie, daß sie allein in der Verlassenheit
zurückbleiben und die Aufgabe vorfinden würde, sich eines
Gesellschafters zu entwöhnen, was immerhin eine Aufgabe und ein Stück
innerlicher Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen,
das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit wieder rauschen
hören, wie das Kleid unserer Mutter auf dem Zimmerboden rauschte, wenn
sie den Kindern entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester Hedwig
ergeben in meinem Kopf immer ein innig verbundenes und zusammengewobenes
Bild. Hedwig hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und
gepflegt, wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken Sie: ein Kind
sieht seine Mutter zum Kinde werden und wird Mutter an der Mutter.
Welche seltsame Verschiebung der Gefühle. Meine Mutter war eine
hochgeachtete Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein
entgegenbrachte, war rein und kam aus dem Herzen heraus. Sie hat immer
den Eindruck des Ländlichen und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll
und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam und jede
Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres Gesichts bat und gebot zu
gleicher Zeit. Wie scharten sich die Damen in unserer Stadt um sie, und
wenn sie spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet.
Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit und wurde der
Gegenstand der Sorge und der Scham. Man schämt sich eben kranker
Familienglieder wegen und ist beinahe zornig, wenn man der Tage gedenkt,
wo man die Gesunde und ringsumher Achtunggebietende gesehen hat. Kurz
vor ihrem Tode, ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines
Mittags einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben Sie, sie wäre mit
ihrer wunderlich-schlanken Handschrift weiter gekommen als über die
Anrede hinaus? Nein, sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war
gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, da lag der
angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die Sonne schien draußen, und ich
beobachtete das alles. Eines Nachts dann klopfte Hedwig an meiner
Kammertüre: ich solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner
Lichtstrahl fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich zum Bett
hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen unglücklich und schlecht
bestellt gewesen. Sie kam aus dem abgelegenen Gebirge zu ihrer
Schwester, meiner Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste
verrichten mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit Schnee
bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben machte sie in einer
kleinen Stube, bei einem armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen
weh taten, weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. Ihre
Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die Schwermut kennen
und stand, als sie Mädchen war, eines Tages an ein Brückengeländer
angelehnt und dachte darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß
hinab zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her geschoben und
auf diese Art mißhandelt haben. Als ich als Knabe einmal von ihrer bösen
Jugend hörte, schoß mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und
haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner Großeltern. Für uns
Kinder hatte die Mutter, als sie noch gesund war, etwas beinahe
Majestätisches, vor dem wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie
krank im Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller Sprung,
so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht ins Mitleid
überspringen zu müssen. Was dazwischen lag: die Zärtlichkeit und
Vertraulichkeit zu ihr, war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß
unser Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene
stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich sie um so inniger
bemitleiden ließ. Alle Flegeleien fielen mir wieder ein und alles
unehrerbietige Betragen, und dann die Stimme der Mutter, mit der sie
einen schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher erfolgende,
handliche und wirkliche Abstrafung nur noch süßes, lächerliches
Zuckerzeug dagegen war. Sie hat solch eine Stimme anzuschlagen gewußt,
die einen im Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen ließ,
die heftig Gekränkte so schnell wie nur möglich wieder besänftigt zu
sehen. Ihre Sanftheit hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein
Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu empfindlich war
meine Mutter immer. Unsern Vater fürchteten wir alle lange nicht so, wie
die Mutter, wir fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan
haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten konnte. Er war ihr
gegenüber machtlos, eine Natur, die das Energische nicht so sehr liebte
wie das Sich-wohl-sein-lassen. Als munterer Gesellschafter war er gerne
gesehen, aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. Jetzt ist er
achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, so stirbt ein Stück
Stadtgeschichte mit ihm; die alten Leute werden ihren Kopf bedenklicher
und müder schütteln, wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen
Geschäften nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich rüstigen
Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein ziemlich wilder Geselle
gewesen, den das Stadtleben allmählich abschliff, aber auch zum
Wohlleben verführte. Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus
rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die schon damals
ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen im ganzen Lande einen
gemischten Ruhm genoß. Die Industrie blühte damals wie eine feurige
Pflanze auf und gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld
wurde verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis sechs Tage
gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges Wesen. Der Arbeiter lag
tagelang am sonnigen Flußufer und angelte Fische, wenn er nichts
Schlimmeres trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben,
arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er wieder müßig
gehen konnte. Der Handwerker verdiente vom Arbeiter, denn wenn die armen
Leute Geld haben, so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. Die
Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner mehr bekommen zu
haben, alles strömte aus dem umliegenden Lande herbei, in die Häuser,
die schon besetzt und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das
fertige Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und schmutzig sein, so
viel sie wollten. Die Bauunternehmer hatten eine prachtvolle Zeit, sie
brauchten nur immer bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als
es nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre Damen fuhren in
Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An
Festtagen tat sich die Stadt, wie keine andere, hervor und entfaltete
bei solcher Gelegenheit alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall
als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute konnten unter
solchen Umständen nicht klagen, die Schulkinder ebensowenig, nur einige
Einsichtsvolle, die nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden,
rosenbestreuten Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen.
In solche Verhältnisse hinein kamen meine Eltern, Mutter mit ihrer
empfindlichen Reizbarkeit und mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme,
und Vater mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für Kinder
ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber diese, die uns empfing,
war ihrer Lage nach für Kinder, die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen,
Höhlen, Flüsseufer, Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze zu
ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß man die ganze Gegend
spielend und Spiele erfindend, bis man aus der Schule kam. Ich wurde,
als die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. Im ersten Jahr
hielt ich mich vortrefflich; denn das Neue, das mir begegnete in dieser
Welt, jagte mir Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als
Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der Direktor in
Forma zum Teufel und behielt mich nur gnadenshalber aus Rücksicht auf
meinen Vater, dem er seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war
unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, die ich
nicht für würdig befand, mir Befehle zu erteilen. Es war etwas mir jetzt
Unbegreifliches in mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel,
jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu geworden, daß es
Zeit war, mich fortzuschicken, und man tat es. Man suchte mir eine
Stelle in einer entfernten Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch
nichts anzufangen war. So kam ich fort. -- Aber jetzt will ich nicht
mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr sprechen davon. Es ist
etwas Wunderbares, der frühen Jugend entronnen zu sein; denn sie ist
nicht das gar nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer
und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. Je mehr man gelebt
hat, desto sanfter lebt man. Wer heftig in der Jugend gelebt hat, der
mag sich später nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig
gebärden. Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer eines dem andern
nach, so durch mußten, durch den Irrtum und durch die jähe, schnelle
Empfindung hindurch, und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit so
viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit nicht so voreilig
als etwas Süßes preisen, und doch preisen; denn sie ist doch eine
kostbare Erinnerung. Wie schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und
behütende Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, das
ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche Phrase. Sie
wissen das übrigens besser; denn Sie sind eine Frau. Was mich betrifft,
so bin ich bis jetzt noch der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich
besitze nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen könnte,
daß ich einigermaßen mein Leben geordnet hätte. Sie erblicken nichts an
mir, das auf eine bestimmte Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch
immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig
Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel
zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt
nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, daß es ein Bettler ist,
der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und
Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt,
zu träumen, während ich warte. Das geht Hand in Hand, und tut wohl, und
man bleibt dabei anständig. Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe,
darnach frage ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber der
Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit gekommen, wie ich jetzt
bin. Was kümmert mich das! Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen
bewußt und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der Schwäche zu
prahlen. Ich biete einem jeden mein Wissen, meine Kraft, meine Gedanken,
meine Leistungen und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon machen
kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
vielleicht in einem solchen Falle heranhumpeln würde, ich aber springe,
sehen Sie, so wie der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf
alle Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. Die ganze
Welt saust mit, das ganze Leben! So ist es schön. Nur so! Nichts in der
Welt ist mein, aber ich sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne
keine Sehnsucht mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren
mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich verabscheute sie
bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie brauche und weil ich mich
zum Verbrauchen ihnen anbiete. Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt
zu mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir Arbeit geben!« Der
macht mich glücklich. Dann weiß ich, was Glück ist! Glück und Schmerz
sind vollständig verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher
geworden, sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe und Weh mit
ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn ich jemandem eine Dienst-Offerte
einzureichen habe, so weise ich immer auf meine Brüder und deute an,
daß, wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen
erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen sei, worüber ich
jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs bange, daß aus mir nicht auch
noch eine Form wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als
nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, ohne, daß man es
gerade beabsichtigte, kommen. Nun habe ich mir vorläufig ein paar grobe,
breite Schuhe anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen
schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich einer bin, der
etwas will und wahrscheinlich auch etwas kann. Erprobt zu werden, das
ist mir eine Lust! Kaum eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich
arm bin, was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist nur eine
kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, der mit ein paar
energischen Strichen abgeholfen werden kann. Es setzt höchstens einen
gesunden Menschen in Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in
keine Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht haben? Dann
wäre es schade; denn Ihr Lachen ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es
immer mein Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue diesem
romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum nicht bleiben, wo man ist!
Kann sich mir hier im Lande etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich
Gelegenheit haben will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren
Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust aufs Spiel zu
setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit froh, der Lust, meine Beine
und Arme nach Belieben zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir immer
noch sehr munter erscheint, dann endlich des aufreizenden Bewußtseins,
daß ich der Welt gegenüber als tief belasteter Schuldner dastehe, der
alle Ursache hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der Liebe der
Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! Wenn ich mir sagen müßte,
daß mich die Menschen gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da
müßte ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis versteifen.
Nein, die Sache steht anders, sie steht glänzend, wie sie glänzender für
einen angehenden Mann nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt
gekränkt hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte
Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt bin: das Antlitz der
Sühne fordernden, mütterlichen Erde! Ich zahle ab, was ich
vernachlässigt, verspielt, verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich
werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern dann
einmal, einer schönen, traulichen Abendstunde erzählen, wie ich es
gemacht habe, daß es gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es
kann Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel entzückender,
je längere und je schwerere Anspannung der Kräfte sie fordert. Jetzt
kennen Sie mich einigermaßen.«
Die Dame küßte ihn.
»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. Sonst, wenn das
geschähe, wäre es schade, schade für Sie. Sie dürfen niemals wieder so
verbrecherisch, so sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich
zu wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, gegen sich
selber so allzustreng vorzugehen. Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie
müssen es eine Zeitlang ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein
Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. Sie werden sonst
zu zart. Ich will Sie lehren; das alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie
lehren. Kommen Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den
brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen Sie, daß ich Ihre
arme, glückliche Gefangene bin? Kein Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen
Sie nur.« --
Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
sprach einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht. Er wußte es
weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn sie gedenken,
weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
Gewiß, mein Herr.«
»Gewiß, mein Herr.«
es?
es?«
erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.
erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht empfinden, er stört mich.«
gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre, es auch, um Erde zu schaufeln
gehe, um mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln
den Lorber, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen
im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen uud beinahe
im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe
meine Kulter eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer
»Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich
gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größen Freude neben ihn
gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn
wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redetete sich
wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich
namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennnoch
namentlich in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. Dennoch
Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.
ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zukungen allmählich sich
ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich sich
mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmmen. Ich bin ganz still,
mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich bin ganz still,
Schritte auf; dem er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
Schritte auf; denn er stieß immer wieder an Steine, die im Wege lagen,
sie, und wenn man ihre Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte
sie, und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte
nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahrene was an Erfahrung das Leben
nie in den Sinn. Ich hätte alles erfahren, was an Erfahrung das Leben
Bettstelle wurde auf einem breitem Schlitten in der Nacht vom nächsten
Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten
fröhlich miteiander.
fröhlich miteinander.
umgehe.« In der Tat, er ließ die Häfte davon stehen, bezahlte und
umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und
»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Fau.
»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.
man begangen hat; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler
man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler
offener Straße umhalsen und Tränen der Widersehensfreude weinen werden.
offener Straße umhalsen und Tränen der Wiedersehensfreude weinen werden.
aus der er schließlich erwachte.«
aus der er schließlich erwachte.
herumziehendie Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
herumziehenden Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam
grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karrossen rollten
grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten
viel früher, gesungen haben muße. Einer riß beständig Witze, es war ein
viel früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein
ein-, zwei- oder vierzehntätige Anstellung gefunden. Das war immer ein
ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein
will, Geld auf Dahrlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen
das gefiel im, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem guten
vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleien müßte. Ziehen Sie sich nur
vermute, daß Ihnen dann der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur
fragen, was er wünsche Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
fragen, was er wünsche. Aber es kam vorläufig keines. So blieb er denn
Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
»Entschuldigen Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte sie sich wieder zu
hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas vorkommenen Menschen,
hier bei Ihnen, einem ganz jungen, scheinbar etwas verkommenen Menschen,
sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke den man ihnen aus
sondern zu zweien! Immer! Das war der Hauptgedanke, den man ihnen aus
der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht war! Sie
der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst lieber gar nichts, nicht wahr! Sie
Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. Am
Kaleschen, während der alte Stadtadel die Nase dazu rümpfte. An
kann Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
kann. Streckt er den Finger aus und winkt mir, so ist einer, der
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