Die Grundlage aller Erdkunde ist und bleibt für alle Zeiten

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Kino und Erdkunde

Von Hermann Häfker

Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 7

Herausgegeben von der Lichtbilderei GmbH.

M.Gladbach 1914, Volksvereins-Verlag GmbH.

Inhalt

Einleitung: Was will dieses Buch? 3

I. Erdkunde und Kino 7

II. Wissenschaftliche Erdkunde 28

III. Schulerdkunde und Kino 42

IV. Kinoerdkunde im Theater und in der Öffentlichkeit 47

V. Zusammenschluß und Einrichtungen 54

Anhang: Ein Blick auf den gegenwärtigen Markt erdkundlicher

Filme und Lichtbilder 64

=Copyright 1914 by Volksvereins-Verlag GmbH., M.Gladbach=

Einleitung

_Was will dieses Buch?_

Vom Augenblick an, da die ersten Bewegungsbilder durch »Varietees« in

die Öffentlichkeit drangen, hat man daran begeisterte Hoffnungen für

die Verbreitung der Kenntnis der Erde und der Freude an ihr geknüpft;

von da an haben alle wohlwollenden Förderer immer wieder auf große

Naturaufnahmen als Höchstleistungen dieser Technik hingewiesen; und

die ganze Bewegung zur Hebung und Wiederberichtigung des Kinos,

besonders auch die, die es für Schule und Volksbildung nutzbar machen

wollen, kommen immer wieder auf »Kino und Erdkunde« als Kern- und

praktischen Ausgangspunkt zurück. Nichts entzückt jedermann so und

erscheint jedem als die ureigenste Aufgabe der Bewegungsbilderkunst

als die Wiedergabe von Landschaften und allem, was sich darin bewegt.

Nichts leistet die Kinematographie so verhältnismäßig vollkommen. Sie

bedarf dazu keiner künstlichen und ihr fremden Hilfsmittel, keiner

Bühne, Maschinen, Kulissen, keines künstlichen Lichtes. Niemand

braucht sich in Pose vor sie hinzustellen und durch unwahre Gefühle

ein unreines Interesse wachzurufen. Hier zeigt sie auch die Dinge in

ihrer ungefähr natürlichen Größe und Bewegung, so wie wir sie zu sehen

gewohnt sind; die Phantasie bedarf insofern keiner künstlichen

Nachhilfe. Es braucht auch keines Mikroskops und keiner sonstigen

Vorrichtungen; der Aufnahmegegenstand hält still und gibt sich

jederzeit in seiner ganzen erhabenen Wahrheit. »Unverfälschte

Wirklichkeitswiedergabe« -- die wir als _eigentlichen_ Beruf der

Kinematographie erkannten -- im höchsten Sinne, nämlich der

Wirklichkeit, die auch den unbewaffneten Menschensinnen so erscheint,

ihre _Heimat_ ist, leistet unsere Technik eigentlich nur hier. Und

endlich ist auch die große Natur das eigentliche Gebiet, auf dem sich

die »_Schönheit der Bewegung an sich_«, das Drama des freien und doch

von geheimen Gesetzen beherrschten Weltrhythmus am reinsten abspielt.

Auf der andern Seite ist gerade hier die Kinematographie zu Leistungen

befähigt, in denen keine _andere_ Kunst oder Technik mit ihr

wetteifern kann. So vieles Malerei und Dichtkunst, beschreibende

und wissenschaftliche Darstellung auch auf dem Gebiete der

Naturschilderungen vor dem Kino voraushaben und -behalten, in _einem_

müssen sie ihm doch den Rang lassen: in der _Genauigkeit_ und dem

_Reichtum_ der Einzelheiten, die _überhaupt_ das photographische Auge

erfaßt. _Hier_ ist der Menschheit -- trotz der unbelebten Photographie

-- in der Tat ein neuer künstlicher Sinn geschenkt, ein neues Werkzeug

zur Überwindung der Schranken von Raum und Zeit. Das kann man -- wenn

man den Begriff der »Erdkunde« so weit wie möglich faßt, und also

alles auf dem Hintergrunde der Großnatur vor sich Gehende darunter

versteht -- von den andern Gebieten des Kinos nicht in gleichem Maße

behaupten.

So strömen also auch hier gerade alle Erwartungen und Kräfte am

reichsten zusammen, die sich von andern Betätigungsgebieten der

Kinematographie unbefriedigt und abgestoßen fühlen, und die

mit ganzer Inbrunst nach einer Erhebung des Kinos zu einem

Menschheitsbildungsmittel hinstreben und dabei mittun wollen. Die

_Wissenschaft_ sucht sich des neuen Hilfsmittels für Forschung und

Fachunterricht zu bedienen, der _Weltreisende_ wünscht den Kino im

Gefolge zu haben. Die _Schulen_ fassen kinematographischen

Erdkundeunterricht ins Auge. Naturwissenschaftliche und

Volksbildungs_vereine_ hätten längst gern ihre erd- und

völkerkundlichen Darbietungen durch Bewegungsbilder bereichert, wenn

sie nur wüßten, _wie_. Weitblickende sähen gern solche Bilder zum

Nutzen von _Völkerverständigung_ und _Güteraustausch_, Kenntnis der

_Heimat_ und der _Kolonien_ verbreitet. _Künstler und Kunstfreunde_

sind in keinem Punkte dem Kino geneigter als in dem der Darbietung von

Großnaturbildern. Die _Kinotheater_, die halb der Not gehorchend, halb

dem eignen Triebe, sich mit Bestrebungen und Besucherkreisen

freundlich stellen möchten, denen doch vielleicht die Zukunft gehört

(und außerdem zum Teil doch vielleicht auch der auf die Dauer

zahlungsfähigere und -willigere Geldbeutel), haben den Ehrgeiz, vor

allem erdkundliche Filme einzufügen; und dementsprechend regt sich

auch in den großen _Filmfirmen_ ein lebhafterer Schaffenstrieb in

dieser Richtung. Aber mit dem bloßen Wollen und selbst mit noch so

viel »Kapital« allein ist's nicht geschehen. Hier muß man sorgfältig

und gewissenhaft arbeiten und vor allem mancherlei _wissen_, um mit

Herstellung und Vorführung der Filme den Kenner zu befriedigen, aber

auch den Laien ebenso und mehr zu begeistern, als mit -- Schunddramen.

Allen diesen, die in einer der genannten Weisen interessiert sind,

etwas über erdkundliche Bewegungsbilder, die Kunst ihrer Herstellung

und Vorführung, ihre Bezugsquellen und Bedingungen, die Möglichkeiten

und die Grenzen ihrer sachwürdigen Verwendung zu erfahren, will meine

Schrift dienen.

Sie will aber überdies und in nicht minderm Grade zweien dienen: der

_Kundschaft_ und der _Kritik_ der Kinotheater. Der Kundschaft, d. h.

jedermann in dem Sinne, daß er künftig kinematographische

Landschaftsvorführungen mit tiefer dringendem Verständnis und daher

wesentlich erhöhtem Genuß betrachte, wo immer er ihnen begegnet. Der

Kritik, d. h. wieder jedermann, insofern wir alle, die wir eine

Kinovorführung besuchen, auch ihre Kritiker, und zwar einflußreiche

sind. Denn es unterliegt doch keinem Zweifel, daß alle Kinogesundung

doch endlich nur von einem kritischen, d. h. verständnis-, aber auch

anspruchsvoll _urteilenden Publikum_ getragen werden kann, das gute

Vorführungen lobt, schlechte ablehnt. Loben und Ablehnen hat aber nur

dann Wert, wenn es nicht -- wie es jetzt selbst von öffentlichen

Vorkämpfern einer »Kinohebung« manchmal geschehen soll -- nur aus »der

Tiefe des Gemüts«, sondern aus vollem Eindringen in das Wesen der

technischen Bedingungen geschieht, unter denen der Kino arbeitet. Wir

verschmähen es doch auch nicht, uns liebevoll in die Technik der

Malerei und der Dichtkunst, der Radiernadel und des Modellierholzes

und in die ganzen äußern Lebensbedingungen der Künste zu vertiefen,

und wer das je getan hat, weiß, daß er erst an diesem Tage den Keim

zum eignen _Urteil_ und zu tieferm Genuß gelegt hat. Nicht anders ist

es mit der Kinematographie. Wer den Kino mit Genuß und Nutzen besuchen

will, muß sich in gewissem Grade zum »Kenner« ausbilden. Er wird davon

auch mannigfachen Nutzen für seine Bildung haben. Vor allem aber wird

er dadurch, und erst dadurch, ein wirkliches Gewicht auf der Wage

derer, die den Kino zu einem ernsthaften Kulturwerkzeug veredeln

wollen. Nicht Schriftsteller und Geistliche, Polizei und Lehrer können

den Kino heben, sondern nur ein anspruchsvolles Publikum.

Bei »Kritik« denke ich allerdings noch in ganz besonderm Grade an die

_Presse_. »An die Zeitungen«, sagte mir einmal ein einflußreicher

Verleger, »werden viel zu große Forderungen gestellt. Es ist nicht

unsere Aufgabe, uns mit der Hebung der Kinos zu befassen.« Ich will

nicht darüber grübeln, was _überhaupt_ die »Aufgabe« der Zeitungen

ist. Ich denke einfach, ihre Aufgabe ist jede, die sie sich selber

setzen, und zu deren Bewältigung sie imstande sind. Und dazu sollte

die Mitwirkung an der Hebung der Kinos nicht gehören? Sind nicht heute

längst _alle_ Zeitungen über den Rahmen reiner Berichterstattung

hinausgegangen und rühmen sich, Volks- und Kulturerzieher zu sein? Ist

der Schundkino nur der »Konkurrent« der Kunst_theater_ und muß seine

ungehemmte Verbreitung nicht auch eine Menge Leser der ernstern,

immerhin geistige Ansprüche stellenden _Zeitung_ in Stadt und Land

entfremden? Nun wohl, im eigensten, wenn nicht im allgemeinen

Interesse sollte jedes sich achtende Tageblatt den Kino -- nicht

_bekämpfen_, sondern zu _fördern_, seine Versuche, _höher_ zu kommen,

zu unterstützen suchen. Das kann nur durch verständnisvolle und

unabhängige Würdigung seiner bessern Leistungen, also vor allem seiner

erdkundlichen Darbietungen geschehen. Dazu gehört aber _Kenntnis_ der

Dinge -- und zu dieser Kenntnis einen Grund zu legen, soll meine

Schrift dienen.

Freilich kann ich hier nicht _alles_ auch nur zur Beurteilung

erdkundlicher Bewegungsbilder Nötige geben, sondern nur das, was

besonders mit dem Stoff zusammenhängt. Es ist geradezu unerläßlich,

zur Ergänzung auch meine grundlegende Schrift »_Kino und Kunst_«

(Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 2) zu lesen, deren _ganzer_ Inhalt für das

Nachfolgende die Voraussetzung bildet. Alle _allgemeinen_ Fragen aber

und einige besondere, die sich dem _Laien_ vor dem Kino aufdrängen,

behandle ich in der allgemeinen Schrift »_Das Buch vom Kino_«,

(Lichtbühnenbibliothek Nr. 8). Diese ergänzt das vorliegende

Heft auch in der Hinsicht, daß sie ausführlich die Technik der

_Liebhaber_aufnahmen behandelt, die naturgemäß zur Hälfte erdkundliche

sein werden.

I. Erdkunde und Kino

Um zu einer klaren Vorstellung davon zu gelangen, was uns die

Kinematographie in Beziehung auf Erdkunde sein und nutzen kann, müssen

wir uns zuerst Rechenschaft davon geben, was wir überhaupt von der

Erdkunde begehren, warum wir sie treiben, und welche Rolle sie im

Geisteshaushalt der Menschheit und des einzelnen spielt.

Unter Erdkunde verstehen wir alle diejenigen Wissenschaften, die uns

die Natur, wie sie unmittelbar unsern Sinnen erscheint, in ihrer

Beziehung auf die Erde kennen und verstehen lehren. In dieser

unmittelbaren Beziehung zu unsern Sinnen liegt ihre geheime Kraft,

liegt das Geheimnis des leidenschaftlich unwiderstehlichen Triebes,

den ihr die Menschheit zu allen Zeiten entgegengebracht hat, und der

in dem Maße gestiegen ist und sich über immer breitere Kreise

ausgedehnt hat, wie die aufgesammelten Erfahrungen der Menschheit und

ihre vervollkommneten Hilfsmittel jedermann ein immer weiter

eindringendes _Verständnis_ der Natur ermöglicht haben. Die Erdkunde

ist unter allen Naturwissenschaften die eigentlich »ästhetische«, d.

h. aus sinnlichem Bedürfnis hervorgegangene, auf seine Veredlung und

Durchgeistigung gerichtete, und deren eigentliches Werkzeug die Sinne

sind. Die Erdkunde ist die Wissenschaft, die uns die Erde zur _Heimat_

macht, dadurch, daß sie ihr ihre Schrecken nimmt, die in ihr waltenden

Allgesetze entschleiert und sie uns dadurch untertan macht. Erdkunde

ist undenkbar ohne die seltsame Anlage des Menschen, dem Un- und

Außermenschlichen eine leidenschaftliche _Liebe_ entgegenzubringen,

die eben die Heimatliebe ist; sie ist undenkbar ohne die

unerschöpfliche, der künstlerischen verwandte Freude an der

_Schönheit_ der Natur, worin sich wiederum ihr »ästhetisches« Wesen

zeigt. In dieser unerschöpflichen, mit Worten nicht auszuschöpfenden

Freude an der Erde Schönheit fließt der dunkle Drang des Ungelehrten

mit der nüchternen Arbeit des Forschers zusammen, und es hat keinen

großen Bahnbrecher der Erdkunde gegeben, der nicht auch ein Dichter,

wenn auch oft ein »geheimer« war.

Zur Heimat wird uns die Natur durch das, wodurch auch die Welt der

Kunst dem Eingeweihten zu einer Heimat im geistigen Sinne wird:

dadurch, daß wir mehr und mehr ihre Linien und Formen, ihre Farben und

Glanze, ihren Duft und Klang und alles, wodurch sie an unsere Sinne

brandet, als eine Sprache verstehen lernen, die der _Ausdruck_ eines

allem Lebenden und auch uns verwandten _Wesens_ ist. Dieses

Verstehenlernen beginnt bei der einfachen Entdeckerfreude des

Hirtenknaben, der Jahr für Jahr seine Eichenwälder am Rande der Äcker

in gleichen dunklen Formen rauschen, die gleichen Wolken und Wetter in

großen Rhythmen darüber hinziehen sieht, dem die Ahnung aufgeht, daß

hier ein geheimer lebendiger Wille alljährlich bestimmte, nicht

willkürliche Lebensversuche den feindlichen toten Elementen

entgegenschickt; und daß er selber mit Leben und Tod ein Ring in

dieser Kette, ein Ton in diesem Lied ist, unlösbar und glückhaft mit

diesem Ganzen verbunden. Es gipfelt -- über die stammelnden Versuche

von Dichtern und Malern hinweg -- in der sorgsam unermüdlichen Arbeit

eines Ringes von Wissenschaften, alle Einzelheiten, die zusammen das

Bild dieser Planetenoberfläche bilden, festzustellen, in ihre Teile

und Teilesteile zu zerlegen, ihre notwendigen und zufälligen

Zusammenhänge zu zergliedern, ihrer Ursache und Folge nachzugehen und

eine Sprache dafür zu finden, und endlich wieder sie in ihrer

_Gesamtheit_ zu überschauen. So muß die Erdkunde das Weltall ins Auge

fassen, um die Bewegungen dieses Einzelsterns zu begreifen, aus denen

für die Erde Tag und Nacht, Sommer und Winter werden. Von den

_Gestirnen_ nimmt sie die Linien her, um die Oberfläche in feste Orte

zu teilen und ihren Maßen auf die Spur zu kommen. Sie sucht etwas vom

_Innern_ dieses Körpers zu erahnen, dessen Ausbrüche rätselhafte

Striche und Flecken auf sein Äußeres zeichnen; sie muß aus vielen

Wissensgebieten die Fingerzeige aufspüren, die ein Bild von der

_Entstehungsgeschichte_ der Erde und besonders der Formen und Art

ihrer Oberfläche geben. Die Grundlage all ihrer Arbeit bildet das

Zusammentragen einer möglichst lückenlosen und von keinen

Sinnestäuschungen beeinflußten _Kenntnis_ aller Einzelheiten ihrer

Oberfläche; und die großen Gruppen dieser Einzelheiten begründen

wieder Wissenschaften an sich: Gesteins-, Gebirgs-, Wüsten-,

Süßwasser-, Meereskunde, Pflanzen-, Tier-, Menschenkunde usw. Nicht

minder muß die Erdkunde sich auf die Erforschung des Luftschleiers der

Erde ausdehnen: _Klima-_, _Wetterkunde_ usw. Es gilt, die Reiche der

lebendigen Natur in ihrer Beziehung zu den Erdgebieten, ihrer

Abhängigkeit davon zu betrachten: Tiere-, Pflanzen- und

Menschenerdkunde. Die letztere erst erschließt eine neue Welt von

Aufgaben: die _Völkerkunde_ im allgemeinen, die wir auch hier unter

den Begriff der Erdkunde einbeziehen, lehrt uns die Menschen als

Naturwesen wesentlich in ihrer _Abhängigkeit_ von der Erde kennen.

Dazu kommt dann die _politische Geographie_, die den Menschen als

Bildner von Gesellschaften, als Krieger, als Jäger, Hirten,

Ackerbauer, Handwerker, Techniker, Kaufmann, Industriellen, als

Errichter von Bauten und Verteiler von Verkehrsmitteln und zuletzt als

Künstler und Wanderer in seiner Eigenschaft als _Bezwinger_ und

_Gestalter_ der Erde zeigt.

Ebenso mannigfach wie die Beziehungen, unter denen der Mensch die Erde

zu erforschen strebt, ist die _Art_ der Erkenntnis, mit der er an sie

herantritt, und die Art der Befriedigung, die sie ihm gewährt. Zum

Begriff der Erdkunde gehören die Reisen des Odysseus, des edelsten

Urbildes aller Abenteurer, und die des Gilgamesch, des Urbildes

babylonischer Weisheit und aller Weisheitspilger ebensogut wie die der

heutigen Forscher von der Art Hedins und der Polreisenden. Der

Wanderer, der mit Rad und Rucksack langsam die nächste Heimat

durchfährt, um nichts als ein Gesundungsbad der Sinne in ihr

zu nehmen, treibt ebensogut Erdkunde wie der Mann auf dem

Hochschulkatheder, und der Landschaftsmaler ebensogut wie der Geometer

oder Landwirtschaftsschüler. Unendlich sind heute unsere _Interessen_

an einer gründlichen Kenntnis der Erde. Sie gehört zu jedermanns

unerläßlicher Vorbildung, ohne die man kaum noch einen Beruf

vollkommen beherrschen, geschweige denn das ganze geistige Leben der

Gegenwart in Kunst und Wissenschaft, ja auch nur seine tägliche

Zeitung verstehen kann. Aus der Erdkunde schöpfen nicht nur Wanderer,

Abenteurer, Weltreisende flüchtigen Sinnesgenuß und dauernde

Gesundheit; sie gibt auch all unsern Künsten -- Malerei, Dichtkunst,

Musik, Theater, Plastik -- Anregungen, will wenigstens von ihnen

achtungsvoll berücksichtigt sein (kein Dichter dürfte uns heute noch

von der »böhmischen Seeküste« fabulieren). Die Tatsache, daß wir

beginnen, wirklich die ganze Welt als »Heimat«, unsere Heimat zu

empfinden, findet in dem Bestreben des _Weltnaturschutzes_ Ausdruck.

Wir streben Weltschutzparke, Welttierreservate usw. an, ein

unverkennbares Zeichen für das an keinen Ort mehr gebundene

Verständnis für den Wert der unberührten Naturschönheit. Einen

mächtigen Ansporn für den Erwerb eingehender Erdkenntnis bildet ihre

heutige Ausnutzung: _Handel_, _Industrie_ und _Verkehr_ kennen keine

Orts-, keine Völkergrenzen mehr. Auch das gesellschaftliche

(politische) Interesse des letzten Arbeiters umfaßt heute bereits den

Erdball: Erdkunde als allgemeines Bildungsgut ist der Boden, auf dem

unsere Träume von gegenseitigem _Völkerverständnis_, vom Austausch

geistiger Güter und damit _Weltfriede_ gedeihen können. Die

Wissenschaft ist noch nicht am Ende ihrer Aufgabe, die letzten leeren

Flecke auf dem Globus zu beseitigen; noch kämpfen ihre kühnen

Bahnbrecher um die wissenschaftliche Eroberung der Pole, des

Innern Asiens, dunkler Gebiete Afrikas. Schon aber senkt die

Gedankenwissenschaft, die Philosophie, ihre Wurzeln in den reichen

Wissensboden, den ihr die heutige Erdkunde bereits zusammengetragen

hat, um daraus, in die Bahnen ihrer ältesten Vorbilder zurückkehrend,

die Grundlinien einer neuen naturwissenschaftlichen »_Weltanschauung_«

zu gewinnen, um das alte Menschenspiel der Vergleichung zwischen den

Gesetzen der Geisteswelt und den Erscheinungen unserer Sinnenheimat

fortzusetzen. Jener Gilgamesch, der aus der Heimat unseres

Geschlechtes an die Grenzen der damaligen Welt pilgerte, um Antwort

auf die Frage nach dem Wesen von Leben und Tod zu finden, das Urbild

aller »Pilger in die Wüste«, in die lebensvolle Wüste der Nur-Natur,

in der sie nichts suchten als Stille für ihren Geist -- er ist und

bleibt auch das erhabene Urbild aller, die sich um »Erdkunde« bemühen.

_Genuß_ -- _Nutzen_ -- _Wissen_ -- _Geistesklärung_ sind die vier

Sterne, die der Wissenschaft von der Erde voranschweben.

Welche Mittel hat nun der Mensch von heute, um diesem seinem Wissen

diejenige Tiefe und Vollständigkeit zu geben, durch die es allein

seine Ansprüche befriedigen, seinem Zeitgewissen genügen kann? Ein

Blick rings um unsere heutige Kultur sagt uns, daß diese Mittel seit

kaum einem Jahrhundert eine Ausdehnung und Vervollkommnung erfahren

haben, die sich keines der Geschlechter, die vor uns ins Grab gesunken

sind, je hat träumen lassen. Wir können sagen, daß erst die Fülle

dieser Mittel uns in den Stand zu setzen beginnt, die Erdkunde aus

einem zur Hälfte phantastischen »Traum vom Wissen« zu einer wirklichen

nutzbaren Wissenschaft, einer wirklichen Bereicherung der allgemeinen

Menschenbildung zu machen, sie aus einem »romantischen« in ihr

»klassisches« Zeitalter zu überführen.

Erdkunde ist ja nicht das Wissen von einem Teil der Erde als solchem,

sondern von ihrer _Ganzheit_. Erst die Möglichkeit, _alle_ Teile zu

vergleichen, alle unter dem Bilde einer Einheit zu sehen, von allen in

_einem_ Hirn auch eine der Wirklichkeit entsprechende »Anschauung« zu

vereinigen, erlaubt uns ja, überhaupt von »Erdkunde« zu sprechen. Die

Schwierigkeit, die jeder Erdkunde entgegenstand, war die _Überwindung

von Raum und Zeit_. Entferntes vergleichen, Vergangenes gegenwärtig zu

haben, mußte ermöglicht werden. Dazu reichte früher, ohne unsere

Hilfsmittel, kein Menschenleben aus. Heute ist es eine Möglichkeit für

jedermann geworden. Die Mittel, die es uns ermöglichen, gliedern sich

in zwei Gruppen: solche, die den körperlichen Verkehr erleichtern,

und solche, die den Gedankenaustausch, den Austausch von

Beschreibungen und Abbildungen der Erde ermöglichen: Werkzeuge des

körperlichen und Werkzeuge des geistigen Verkehrs. Es ist eine

wunderbare und nicht zufällige Fügung, daß die Entwicklung beider

gleichzeitig und gleich großartig vor sich gegangen ist: daß

wir auch heute imstande sind, sinnliche Anschauungen und

Anschauungsersatzmittel einander die Wage halten lassen zu können.

Eins ohne das andere hätte die menschliche Begriffswelt einseitig

beeinflußt.

Die Grundlage aller Erdkunde ist und bleibt für alle Zeiten das

unmittelbare Sinnenerlebnis, die körperliche Anschauung der Dinge, und

kein Hilfsmittel wird es je ersetzen, sondern immer nur ergänzen

können. Aber die Anschauung selber bedarf der Hilfsmittel, soll sie

sich in einem einzelnen Kopfe in annähernd genügender Vollständigkeit

ansammeln. Ich brauche nur leise zu erinnern, was wir in dieser

Beziehung heute zur Verfügung haben, heute zur Verfügung weniger, in

zwei, drei Jahrzehnten vielleicht zur Verfügung vieler -- wenn sie nur

aufwachen und es sich zunutze machen wollten! Über dem Gedanken an

Eisenbahn, Dampfschiff und Automobil, der uns zuerst einfällt, dürfen

wir nicht vergessen, was heute aus dem _Straßenwesen_ der Welt selber

geworden ist, wie es technisch und politisch, frei von Zöllen und

Gefahren, doch der Anfang und die Voraussetzung für alle Entwicklung

des Weltverkehrs war. Vor den Köpfen unserer Heerstraßen und

Eisenbahnen fliehen die Geister der Wildnis, richten sich die Ruinen

verfallener Paradiese wieder auf, lernen Wilde die Sprache der

Verständigung. Bald werden die Entfernungen durch elektrische und

Motorenbahnen, durch Wasser- und Luftflugapparate und Luftschiffe

abermals um die Hälfte und mehr verkleinert werden, immer wertvoller

wird unsere Lebenszeit, immer reicher die Fülle von Stoff, die wir uns

unmittelbar verschaffen können. Auch an dieser Stelle möchte ich aber

nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß das vollkommenste Werkzeug,

um die Erde wirklich betrachtend zu erleben, das eigentlichste

Arbeitswerkzeug unmittelbarer Erdkunde das _Fahrrad_ ist -- das

rechtmäßige Kind des heutigen Straßenwesens möchte ich es nennen, und

doch überall brauchbar, wo es nur die Spur einer Straße gibt; uns von

der Unzulänglichkeit der Fußwanderung befreiend, und doch all seine

Vorzüge steigernd; uns und beträchtliche Lasten schleppend und doch

ganz unabhängig von Nahrung, Betriebsmitteln, Kosten und

Abfahrtzeiten; unser Freund und Diener auch, wo wir es nicht fahren,

sondern neben ihm her gehen; das Reisen aufs äußerste verbilligend und

dabei es recht eigentlich erst ermöglichend. Ich habe diesen Gedanken

ausführlich in meiner Schrift »_Radzigeunerei_« (C. Ziehlke Verlag,

Liebenwerda, M 1.50) behandelt, auf die ich verweise. Allein nicht

um dieses Verweises willen spreche ich hier so dringlich davon. Es

liegt mir daran, hier wie überall darauf hinzuweisen, daß wir Menschen

vom Anfang des 20. Jahrhunderts _ganz allgemein gesprochen über das

Wesen und die Ausnutzung fast all der technischen Hilfsmittel, die uns

dieses kurze Zeitalter der künstlichen Sinnenvervollkommnung geschenkt

hat und bald noch schenken wird, noch nicht entfernt genug

nachgedacht, daß wir vor allem den Grundsatz, der in eisernen Lettern

an der Stirnseite unserer öffentlichen Bauten von heute, an der Wand

unserer Arbeitszimmer und auf der ersten Seite unserer Tagebücher

stehen sollte, noch nicht erfaßt, geschweige denn uns zu Fleisch und

Blut gemacht haben_: _daß alle unsere Gaben und ebenso alle Gaben

technischer Vervollkommnung die der Menschheit in den Schoß fallen,

uns nur und nur gegeben sind, um sie mit dem Aufgebot alles

Scharfsinns, aller Willenskraft und Selbstbeherrschung in den Dienst

unserer geistigen Vervollkommnung, unserer geistigen Weiterbildung zu

stellen, zu der Gesundheit, Körperkräfte und Maschinenkräfte einzig

und allein unentbehrliche, aber untergeordnete Mittel sind_. Das in

Beziehung auf eine _einzelne_ Technik nachzuweisen und immer wieder zu

betonen, und den Weg dazu finden zu helfen, ist im Grunde genommen der

einzige Zweck auch dieser unserer Lichtbühnen-Bändchen, wie es die

Seele und das A und O aller nicht in Redensarten stecken bleibenden

Kinobesserung ist.

Das zweite Hilfsmittel der Erdkunde, dem der unmittelbaren

Selbstsinnenbeobachtung nachgeordnet und von ihr abhängig, aber nicht

minder unentbehrlich, ist die Welt der _Anschauungsersatzmittel_. Sie

dienen dazu, uns erstens ein Bild von dem zu machen, was wir eben doch

nicht selber sehen können. Sie haben aber noch eine darüber

hinausgehende Bedeutung: sie ermöglichen uns auch, räumlich und

zeitlich Getrenntes nebeneinander oder in rascher Folge zu

_vergleichen_, das Flüchtige in größerer Ruhe und Bequemlichkeit und

so häufiger Wiederholung, wie wir wollen, zu betrachten und es zu

_messen_, ja sie erlauben uns unter Umständen und in gewisser Richtung

eine genauere sinnliche Wahrnehmung, eine gründlichere sinnliche

Vertiefung und darauf folgende geistige Verarbeitung als der Anblick

der Dinge selbst. Wenn sie diesem _vorangehen_, bilden sie auch eine

vortreffliche Vorbereitung, um sich von der Wirklichkeit weniger

überraschen und ihre kurzen Augenblicke desto trefflicher nutzen zu

können. Ein Teil dieser Hilfsmittel -- die schematischen

Veranschaulichungen z. B., aber im Grunde genommen jede Abbildung oder

Beschreibung -- ermöglicht uns noch dazu, uns Dinge zu versinnlichen,

die gar nicht unmittelbar sinnenfällig in der Wirklichkeit

hervortreten: die Unterscheidung von »Haupt«- und »Neben«-Sachen,

Kräftelinien usw. Jedes Bild _zerlegt_ zugleich das Veranschaulichte,

indem es einen »Augenblick« davon herausgreift und es uns so als eine

Kette von »Augenblicken« zu erfassen ermöglicht.

Unter all diesen Anschauungs-, Ersatz- und Ergänzungsmitteln der

Erdkunde leuchtet nun die Kinematographie mit ihrem Auftauchen als

»Stern der höchsten Höhe« hervor. Noch niemals vorher hat ein Mensch,

hatte die Menschheit das Aussehen der Natur in solcher Vollkommenheit,

solchem Reichtum und solcher unverfälschten Genauigkeit der

Einzelheiten im Bilde gesehen als damals, als zum ersten Male die

»lebensgroße« Photographie auf der Leinwand zu »leben« anfing, als

dort die Reize einfacher Blattaufnahmen vertausendfacht erschienen.

Und so, wie man im Traumesflügelschwingen wohl plötzlich, durch ein

unerklärliches und nun doch sofort ganz selbstverständlich

und natürlich erscheinendes Wunder sich _wirklich_ von der

Schwergefühlsangst, vom Gefühl ewig unzulänglichen Strebens erlöst,

und »wirklich« schwebend emporgetragen fühlt, wie man plötzlich leicht

und körperlich wie ein Vogel durch die Lüfte getragen wird (nicht mit

sprungbereitem Mißtrauen gegen einen, wenn auch noch so genial

erdachten Flugmechanismus) --, so sahen auch wir uns plötzlich leicht

und licht hinweggetragen über das stille Bedenken, das innere

bängliche Hemmnis, das wir unausgesprochen bis dahin vor jeder, auch

der vollendetsten Naturdarstellung gefühlt hatten, über die Frage:

»Wunder-, wunderschön -- _aber_ wieviel ist Menschenhand,

Menschenphantasie, und wieviel ist -- _Wahrheit_?!« Wer kennt nicht

die stille Selbstbescheidung, mit der der sehnsüchtig in die Ferne, in

die Wunder der Natur- und Menschenwelt Hinausdenkende, sein

illustriertes Geographiebuch zuklappte -- »die _Wirklichkeit_ -- wird

doch wohl noch anders sein«! Man denke anderseits an den Riesenerfolg,

den ein künstlerisch weniger bedeutender Zeichner, wie z. B. Allers,

mit seinen Reiseskizzen hatte, weil er in etwas dem Hunger aller Welt

nach _Wirklichkeitstreue_ an Stelle aller Künstlerträume entgegenkam.

Man erinnere sich ferner an die Einbuße, die die wirkliche Kenntnis

von Ländern und Völkern, die Geographie und Ethnographie als

_Wissenschaft_ infolge der Schwierigkeit, zu allgemeiner _Anschauung_

ihrer Gegenstände zu gelangen, bis in unsere Zeit erlitten hat.

Gerade hier versagt ja angesichts der tausendfachen lebendigen

_Mannigfaltigkeit_ der Dinge, die hier gerade eine Hauptsache ist, der

Zeichenstift und auch, was ihn vornehmlich ergänzen mußte, das

beschreibende Wort. Beide versagen, nicht nur, wo es gilt, dem

Reichtum und der Beweglichkeit der Erscheinungen gerecht zu werden,

sondern auch ihre Verhältnisse und ihre Bedeutung in gegenseitiger

Abmessung wirklichkeitsgetreu festzuhalten. Bezeichnend sind da die

bekannten »Prospekte« -- zeichnerische Wiedergaben von Landschafts-,

Städte-, Raum- und Menschenszenerien. Man lege einen alten Merianschen

Kupfer oder eine beliebige andere Städtedarstellung aus alter Zeit mit

Photographien zusammen, die das etwa heute noch erhaltene selbe

Stadtbild darstellen. Sofort hat man den Eindruck, als ob die Stadt zu

Zeiten Merians aus lauter dicht gedrängten, malerisch ragenden Kirch-

und Rathaustürmen, Burgen und Klöstern bestanden hätte, um die herum

die Wohnhäuser verschwinden. Auf der Photographie werden die Türme

klein und rücken weit auseinander, die Höhen werden unscheinbar, die

Häuser sind gewachsen. Der Zeichner sah eben vor allem, was ihn

_interessierte_: das _malerisch_ und das _gedanklich_ (z. B.

geschichtlich) Hervorragende; das wurde ihm unter dem Stift groß, und

das andere schrumpfte zusammen. Oder ein altes Platzbild: der Platz

selbst erscheint ungeheuer erweitert, aber auf ihm tummeln sich

Fußgänger, Reiter, Equipagen in solcher Größe und in so interessanten

Stellungen und Beschäftigungen, daß man alles andere darüber vergißt.

Die Photographie rückt die Maße ernüchternd zurecht. Diese

Darstellungsmängel alter Zeiten wirkten aber begriffsverwirrend.

Wesentlich mit durch sie glauben wir heute noch vielfach, das

Mittelalter sei so viel »malerischer« gewesen als die Gegenwart und

setzen auf unsern Bühnen das »malerische« Puppenspiel mit Fest- und

Prunkkleidern in jeder Alltagsszene fort. In architektonischen

Zeitschriften hat man manchmal Gelegenheit, ein und dasselbe Gebäude,

ein und dieselbe Platzanlage nebeneinander photographisch und als

zeichnerische (Architekten-) Skizze zu sehen. Selbst hier, wo

doch mit genauen Maßstäben gearbeitet und zur Erhöhung des

Wirklichkeitseindruckes sogar manchmal die photographische Technik

nachgeahmt wird, ist man oft verblüfft, den Unterschied in der Wirkung

zu sehen. Die Photographie ist -- selbst in gelegentlicher

perspektivischer Unstimmigkeit -- nüchterne Wirklichkeit, die

Zeichnung ein -- Künstlertraum. Woran liegt's? Kühn hinschweifende

Wolken, ideal gehaltene Alleen, kleine Weglassungen von

»Unwesentlichem« -- es läßt sich gar nicht aufzählen. Vor mir liegt

ein geographisches Buch über »Deutschland«. Die Umschlagzeichnung

(»Vom Fels zum Meer«) zeigt schneebedeckte Berge mit ausnahmslos nicht

unter 45° Steigung, daneben Dünen von der halben Höhe der

»Eisbedeckten«. Es _soll_ ja nur eine »dekorativ wirkende Skizze« sein

-- aber was für falsche Vorstellungen sie bei denen weckt, die die

Sache selbst nicht kennen, ist kaum nachzumessen. Wir alle erinnern

uns doch wohl, wie gründlich wir unsere selbst aus den besten

Abbildungen und Beschreibungen gewonnenen Vorstellungen haben

umarbeiten müssen, als wir zum ersten Male _wirklich_ »das Gebirge«,

»das Meer«, »die Tiefebene« sahen. Oder man versuche festzustellen,

welche Vorstellung verschiedene Personen etwa von ein und demselben

Schauplatz eines Ereignisses haben, nachdem sie dessen ausführliche

Schilderung in einem Roman, in einer Gerichtsakte gelesen haben.

Meistens nehmen wir in einem solchen Falle unbewußt die Zuflucht zu

einem möglichst ähnlichen, irgendwo einmal gesehenen Bilde,

bestenfalls zu einem ähnlichen, uns bekannten wirklichen Platze und

bleiben dabei. Vielleicht _ist_ er auch wirklich ähnlich -- aber

gerade Kleinigkeiten ändern hier das Bild sofort wesentlich! Die

Schwierigkeit der Anschauung, der Mangel an Darstellungsmitteln, die

Notwendigkeit, mit gedanklich abgeleiteten Vorstellungen

(Abstraktionen) und Schemen (Typen) zu arbeiten, war die Hauptursache,

weshalb eine ernst zu nehmende _allgemeinere_ geographische Bildung

kaum in leisen Anfängen im 18. Jahrhundert begann. Was hier bereits

die Anfänge der Kinetographie -- erst das einfache Lichtbild, dann

aber entscheidend das unendlich überzeugendere, unendlich breiter

wirkende Kinobild gebessert haben, ist gar nicht abzusehen.[1]

[1] Über Streben und Mängel der _literarischen_

Erdbeschreibung ist es interessant, eine zusammenhängende

Darstellung, z. B. »Die Naturschilderung bei (!) den

deutschen geographischen Reisebeschreibungen des 18.

Jahrhunderts« von Oertel (Leipzig 1899) nachzulesen.

Die Photographie allein bringt allerdings auch »Wirklichkeit«. Sie

_berichtigt_ unsere Vorstellungen, aber doch mehr auf dem Umwege über

den rechnenden Verstand. Was ihr fehlt, ist die sinnliche Frische.

Gewiß, ihre Landschaften, Häuser und Menschen sind »richtig« -- aber

sie sind auch, von Ausnahmeleistungen abgesehen, langweilig. Die

Photographie gibt zu _wenig_ von ihnen. Sie will uns einreden,

Menschen und Dinge seien bloß erstarrte Schatten. Infolge der

Kleinheit des Bildes sehen wir sie wie aus weiter Ferne. Was das

Künstlerbild zu sehr betonte, fehlt hier -- besonders bei

geographischen Bildern -- oft ganz: das Malerische, die Gedanken

anregenden, beziehungsreichen Einzelheiten. Das Stereoskopbild, das

die Plastik hinzufügt, wirkt um so beängstigender puppenhaft,

lufthaft, mitten in einem wirklichen Augenblick erstarrt.

Das kinematographische Bild ist ein Riesenschritt weiter. Echtes

Licht -- naturähnliche Größe -- zitterndes, schwelgendes

Bewegungsleben, und dadurch auch ein gewisser Ersatz der

Körperlichkeit -- das ist schon ganz etwas anderes! Da wird nicht nur

das Auge erregt -- ein Hauch vom fernen Leben selber umweht uns,

spannt all unsere Sinne, weckt Denken und Fühlen, weckt die eigne

_Mittätigkeit_, das Erfassen-, das Entdeckenwollen, und die

ununterbrochene Veränderung auf dem Schauplatz hält die Aufmerksamkeit

wach, läßt die Teilnahme nicht zur Ruhe kommen. Die zehnte Muse

-- »Illusion« -- spinnt von der Leinwand aus ihre Zauber: das Haus, die

Bänke, die Menschenköpfe und die Damenhüte, die roten Lichter und die

Schatten der Nischen werden unwirklich, das lebenwimmelnde Bild wird

allbeherrschende Wirklichkeit. »=We put the world before you=« nennt

ein englisches Filmhaus mit Recht seinen Wahlspruch -- »Wir bringen die

Welt zu euch her«. Wenn Mohammed nicht zum Berge kam, muß der Berg zu

ihm hin -- das Wunder ist geschehen! Wenn wir nicht zu den Wundern der

Welt hinaus kommen -- und wer wird sich je den lückenlosen Anblick von

ihnen _selber_ verschaffen können, welches Menschenleben wäre lang

genug dazu -- so muß nun die Welt, wo sie am schönsten ist, von ihrer

Oberfläche her ihre lichten Ätherwellen bis hinein zu euch in Schule,

Vortragssaal und Theater senden! Und damit es _jederzeit_ geschehen

kann, lassen wir die Wellen sich abdrücken in festem Stoff, packen sie

ein, versenden, bewahren sie und erwecken sie beliebig zu neuem Leben

-- so wie wir das Licht der Sonne, das sich vor hunderttausend Jahren

in Farrenwäldern verkörperte, heute als Kohle einpacken, versenden,

aufbewahren und im Ofen wieder zum Licht erwecken! Und mehr: damit es

auch _allerorten_ geschehen kann, vervielfältigen wir die

Ätherwellenspuren, so oft wir wollen. So sehen wir, was irgendwo

_ist_, an allen Orten, und was _war_ zu allen Zeiten! So scheint also

das Ideal der Schule, das Ideal der Welt von heute erfüllt: Anschauung

überall statt Begriffe, Wirklichkeit statt Phantasien, Wahrheit,

unverfälschte, auch hier als einzige Quelle unseres Wissens und

unserer Bildung; auch da, wo die persönliche Wahrnehmung versagt!

Ist es das wirklich? Wenn unsere Freude über das Gewonnene uns nicht

einen Streich spielen, nicht in Kürze in Enttäuschung und Überdruß

umschlagen, ja den Segen der Kinematographie für Wissenschaft und

Schule in sein Gegenteil wenden soll, so müssen wir mit demselben

Willen zur Ehrlichkeit, mit der wir ihre Vorzüge anerkennen, uns ihre

_Grenzen und Mängel_ vor Augen halten. Das ist ja _auch_ ein

allgemeines Kennzeichen der Gegenwart, dieser Überdruß, der angesichts

so vieler schöner Dinge zutage tritt -- nicht nur gegenüber

technischen Hilfsmitteln, wie Kino, Fahrrad u. dgl., sondern ebenso

und aus denselben Gründen gegen Theater, Illustrationswesen, Presse,

die ganze »ästhetische Kultur« -- dieser Überdruß gerade der Denkenden

und Gebildeten, der keine andere Ursache hat als die vorangegangene

Überschätzung und daher den Mißbrauch dieser Dinge zu Zwecken, denen

sie _nicht_ gewachsen sind, und in einer Art, die ihrem _Wesen_ nicht

entspricht. Wie käme es sonst, daß _trotz_ der zahlreichen und oft mit

Riesenkosten hergestellten erdkundlichen Filme und trotz des lebhaften

Wunsches von Wissenschaftlern, Lehrern, Volksbildungsvereinen usw.

weder diese Filme einzeln, noch die Kinematographie im allgemeinen

ernstlich auf den betreffenden Gebieten Fuß gefaßt hat? Es liegt außer

andern Ursachen, die wir untersuchen werden, daran, daß die

Kinematographie überhaupt und die erdkundliche ebenfalls nicht

innerhalb ihrer Leistungsmöglichkeiten und ihrem Wesen gemäß

angewendet wird, daß ihr Unmögliches abgefordert und darüber ihre

Höchstleistungen vernachlässigt werden. Es liegt von vornherein schon

in dem jeden, der die Sache ernst nehmen möchte, abstoßenden Leugnen

aller Mängel überhaupt, dem hirnlos uneingeschränkten Anpreisen der

Kinematographie, all dem Unwesen der geschmacklosen Reklame, von dem

sich auch viele ihrer nichtbezahlten Lobsprecher nicht freimachen

können. Die Kinematographie hat keine Feinde als die Ausbeuter, die

sachlich und moralisch an ihr Raubbau treiben!

Ich habe in meiner Schrift »Kino und Kunst« die der Kinematographie

überhaupt aus technischen und lebenswissenschaftlichen (physiologischen)

Gründen anhaftenden Mängel ausführlich dargestellt. Die Mängel

physiologischen Ursprungs liegen in unserm eignen Organismus.

Andere Bilder nehmen wir einfach mit den Augen auf; diese müssen

unsere Augen selber erst zu Bildern machen helfen. Ein kinematographisches

Bild ist eine Leistung zur Hälfte von Photographie und Projektionskunst,

zur andern Hälfte von sehenden Augen. Diese erst vollführen die

beträchtliche Arbeit, die aber Tausende von Bildern -- an 53 000

wurden für eine durchschnittliche Kinovorstellung berechnet! --,

die ihnen da abwechselnd mit ebensoviel Verdunklungsunterbrechungen

vorgesetzt werden, durch Überbrückung dieser Verdunklungen zu einer

sich scheinbar bewegenden Einheit zu verschmelzen. Gerade die

»Bewegung« des Bildes ist eine Arbeit nicht des Apparates, sondern

unserer Augen. Und sie haben diese Arbeit unter höchst erschwerenden

Umständen zu tun: aufs äußerste angestrengt durch den krassen und

ausschließlichen Gegensatz von Licht und Schatten und die Überwindung

einer Menge anderer Mängel, die wiederum von einem _unserer_ Organe

geleistet werden muß: der mitwirkenden _Phantasie_, der blitzschnellen

Denk- und eignen Vorstellungsarbeit, die ununterbrochen die in

Wirklichkeit bloß vorhandenen _Andeutungen_ des Bildes erfassen und

deuten und in ihnen die Vorstellung von Farbe, Plastik, Geräuschen,

Düften und Berührungen ergänzen muß, die das Bild doch erst zu dem

_machen_, als das es aufgefaßt sein möchte, als Wirklichkeitswiedergabe.

Erschwert wird diese Nerventätigkeit durch die Unvorbereitetheit und

Bruchstückhaftigkeit jedes Kinobildes. Dessen technische Mängel haben

wir aber zum Teil schon angeführt. Wir vergessen ja gewöhnlich ganz

(und das ist im Kino selbst auch recht gut, aber es fälscht das

Ergebnis), daß dieses Bild dennoch immer nur ein Schattenbild ist,

dem außer dem flächenhaften Schwarz-Weiß-Bestandteil des

Wirklichkeitsanblicks so gut wie alles fehlt, was uns den Eindruck

des _Lebens_ vermittelt: eben Farbe, Plastik, Geräusche, Düfte,

Berührungen. Und mehr: die Tiefenwirkung (»Perspektive«) ist mehr

oder minder falsch, daher auch ein Teil der Bewegungen unrichtig

wirkend; Querbewegungen kommen ruckweise usw. Der Apparat zeigt uns,

was er mit _einem_ Auge gesehen, wir sehen dies mit _zwei_ Augen,

daher wieder etwas _anders_, als es der Kino gesehen hat und meint

-- nicht die Wirklichkeit, sondern ein Bild, aber ein sich bewegendes;

aber nicht sich bewegende Körper, sondern sich bewegende

Flächenausschnitte -- Schatten. Unsere Nerven müssen fortwährend eine

angestrengte Übersetzungsarbeit -- aus dem Kinematographischen zurück

ins Wirkliche -- leisten, um so mehr, je mehr der Kino sich der

Wirklichkeit durch bestechende Ähnlichkeiten annähert; und diese

Übersetzungsarbeit ermüdet sie bald und sehr. Trotzdem versagen sie

_allein_ -- wenn wir nicht nachhelfen -- in der Hälfte ihrer Aufgaben;

sie versagen in vielen Fällen schon bei dem Bestreben, überhaupt zu

erkennen, _was_ das Bild wiedergeben will, besonders infolge des

Mangels an Farbe, Tiefe und Plastik, durch den sich oft vorn und

hinten kaum voneinander abhebt, Fremdes sich zu Lichtknäueln

zusammenballt und Zusammengehöriges bloß etwa durch verschiedene

Beleuchtung seiner Teile auseinanderreißt. Bei alledem habe ich nur

mehr _gute_, mit voller Beherrschung der Technik und an Kunstwerken

und Kunstdenken geübtem Geschmack hergestellte Bilder im Auge, wie ich

sie in »Kino und Kunst« beschrieben habe. Vor _andern_ Bildern

durchschnittlicher Art wachsen die Schwierigkeiten noch mehr. Selbst

die besten aber, das ist uns durch das Voraufgegangene hoffentlich

abermals klar geworden, sind für sich allein so gut wie ohne _jeden_

erdkundlichen Wert -- sie zeigen weniges nur bruchstückhaft,

schattenhaft, falsch und irreführend. Der Kinofilm -- jeder, ganz

besonders aber der erdkundliche -- bedarf der _Ergänzung_,

um _überhaupt_ etwas zu sein. Um dem einen von vornherein

unterscheidenden sprachlichen Ausdruck zu geben, habe ich die mit

allen nötigen Mitteln zu einem »Kunstwerk«, d. h. zu einer in sich

geschlossenen Darstellungs- und »Ausdrucks«-Einheit erhobene

Kinematographie -- mit welchem Wort wir künftig die Herstellung und

Vorführung von Bewegungsbildern _allein_ bezeichnen -- mit dem Worte

»_Kinetographie_« benannt. »Kinetographie« -- wie wir das Wort auch

hier anwenden wollen (über seinen sprachlichen und sachlichen Sinn

vgl. »Kino und Kunst«) -- bedeutet also ausschließlich die

_Vorführung_ von Bewegungsbildern im Rahmen einer zu einem

Gesamtkunstwerk erhobenen Vorstellung, ergänzt durch alles, was dazu

dient, das Bewegungsbild selbst seelisch richtig vorzubereiten, Sinne,

Nerven und Hirn auf das Wesentliche einzustellen, seine nervösen

Kraßheiten auszugleichen, und das, was der Film _nicht_ zeigen kann,

durch andere Mittel zur Anschauung und zum Verständnis zu bringen.

Zum allgemeinen Verständnis dieser Forderungen, soweit sie aus dem

_ästhetischen_ Bedürfnis, der »Schönheits«-Forderung im

durchgeistigten Sinne des Wortes, hervorgehen, muß ich abermals auf

meine mehrmals genannte Schrift verweisen. Hier aber ist Gelegenheit,

noch einmal von der _andern_ Seite her, nämlich aus unserm rein

sachlich-wissenschaftlichen Gesichtspunkt, die Forderung nach

Vollendung _jeder_ kinetographischen Vorführung zu begründen und zu

beleuchten. Es handelt sich nicht in erster Linie um den Wunsch,

der kinematographischen Landschaftsdarstellung an sich auch

künstlerische Werte abzugewinnen, etwa durch »malerische« Wahl des

Bildausschnittes und handarbeitliche Beeinflussung und Nachhilfe der

Herstellungsvorgänge. Sondern hier fordern wir die Anwendung

des geläutertsten Geschmacks und der gewissenhaftesten und

erfindungsreichen Erfüllung aller Schönheitsforderungen lediglich im

»ästhetischen«, d. h. (im Ursinne des Wortes) im Interesse der _Sinne_

unserer Zuschauerschaft, damit nämlich ihre Sinne geschont,

unterstützt, vervollkommnet und vor Irrschlüssen bewahrt werden. Nicht

um ihnen »Genuß« von außen her zu verschaffen, sondern um ihnen eigne

richtige Erkenntnisarbeit zu ermöglichen. _Nicht_: wissenschaftliche

oder Schulkinovorführungen dürfen _auch_ »künstlerisch« vollkommen

sein, sondern sie in erster Linie _müssen_ vollkommene Kunstwerke im

Sinne der Vollendung in ihrem eignen Wesen sein, wenn sie überhaupt

irgendwelchen -- erdkundlichen Lehrwert haben sollen.

Kino und Erdkunde Lichtbühnen-Bibliothek Nr. 7 · 第 1 / 8 段