Der Sabbat selbst ist von zahlreichen Autoren so lebendig beschrieben
worden, daß hier keine vollständige Darstellung gegeben werden muß. Für
unseren Zweck genügt es, die beiden wichtigsten Züge zu betonen, seine
im wesentlichen sexuelle Natur und die Parodie der religiösen
Zeremonien. Der Sabbat war kein ordnungsloses Durcheinander, sondern
bestand in einer Reihe mit mehr oder weniger Genauigkeit ausgeführter
Zeremonien.[509] Diese waren der Reihenfolge nach: Der Einzug und die
Prozession, die Huldigung vor Satan, die schwarze Messe, der Sabbat-Tanz
und schließlich die sexuelle Orgie, bei der inzestuöse Akte zwischen den
nächsten Verwandten ausgeführt wurden.[510] Das Inzest-Element tritt
also sowohl durch diese Tatsache als durch die Vereinigung mit dem
Teufel an die Spitze. Die Parodie der christlichen Riten ging bis ins
feinste Detail und wird von den meisten der alten Autoren mit unwilligen
Kommentaren versehen.[511] Grimm[512] führt dies auf den vom Neid
eingegebenen Wunsch des Teufels, Gott nachzuäffen, zurück, aber eine
tiefere Erklärung liegt darin, daß die symbolische Bedeutung der beiden
Gruppen von Zeremonien fast identisch ist; der Hauptunterschied ist der,
daß die zu Grunde liegenden Komplexe im Fall der Vereinigung mit dem
Teufel weit unmittelbarer dargestellt werden.
[Fußnote 506: Nyström. Christentum und freies Denken, 1909, S. 294.]
[Fußnote 507: Alpenburg. Mythen und Sagen Tirols, 1857, S. 256.]
[Fußnote 508: Maury. La magie et l'astrologie, 1860, 2. Partie, Ch. III.
»Les mystiques rapproches des sorciers.« Siehe insbesond. Pp. 405, 406,
410, 411. Ebenso Steingießer, »Das Geschlechtsleben der Heiligen«,
1908.]
Die im Mittelpunkte stehende Zeremonie der schwarzen Messe[513] kann als
im höchsten Grade symbolisch für diese Vereinigung angesehen werden, und
deshalb auch der Sabbat selbst. Bei dieser diente die jüngste und
schönste Hexe, die Königin des Sabbat, als Altar[514], nachdem sie mit
dem Urin des Teufels getauft worden war, wobei das Zeichen des Kreuzes
verkehrt und mit der linken Hand geschlagen wurde. Wenn sie sich dann
der Länge nach hingelegt hatte, wurde die heilige Hostie so bereitet,
daß auf ihrem Hintern ein Gemenge des ekelhaftesten Materials -- Faeces,
Menstrualblut, Urin und verschiedener Unrat -- durcheinander geknetet
wurde; dies stellte die berühmte _Confarreatio_ vor, die Nahrung der
schmachvollsten Liebe. Es ist nicht notwendig, in die Symbolik der
Einzelheiten dieses Vorganges einzugehen, denn dies würde uns zu einer
Erörterung der Bedeutung der Nekrophilie, Theophagie und anderer
Gegenstände, die mit unserem gegenwärtigen Thema nichts zu tun haben,
zwingen. Es möge genügen, daß diese Symbolik, die Pfister[515] in
Verbindung mit zwei Mystikern nachgewiesen hat, durchgängig sexuell ist.
[Fußnote 509: Michelet. La Sorcière, 3. Edition, 1863, Pp. 147-167.]
[Fußnote 510: Kiesewetter. Geschichte des Okkultismus, Band 2, S. 461.
De Lancre. Op. cit., P. 223.]
[Fußnote 511: Z. B. De Lancre. Op. cit., P. 460.]
[Fußnote 512: Grimm. Op. cit., S. 895.]
[Fußnote 513: Laurent und Nagous, Okkultismus und Liebe, Deutsche
Ausgabe, 1903, S. 135, 139, 246. Brévannes. Op. cit., Pp. 120-135.]
[Fußnote 514: Cox. The Mythology of the Aryan Nations, 1870, Vol. II,
Pp. 113 bis 121. Inman. Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism,
Second Edition, 1874, P. 74, und andere haben auf die weibliche Symbolik
des Altars im allgemeinen hingewiesen. Der weibliche Körper hat zu
verschiedenen Zeiten als Altar gedient, sogar, wie festgestellt wurde,
bei den ersten Christen (Brévannes. Op. cit., P. 38).]
Die Art der Hinreise zum Sabbat (Hexenfahrt) war eine Frage, welche die
Theologen des Mittelalters sehr beschäftigte. Es wurde allgemein
angenommen, daß sie als Flug durch die Luft ginge, doch die Meinungen
gingen darüber auseinander, ob der Leib selbst von einem Ort an den
anderen versetzt wurde oder nur die Seele. Schließlich entschied man
sich für die erste Annahme und schloß, daß der schlafende Leib, der
zurückblieb, nur ein Erzeugnis des Teufels zur Täuschung des Gatten der
abwesenden Hexe sei. Die Quellen des Glaubens an eine solche Nachtfahrt
sind mannigfaltig, doch sie stehen alle im engsten Zusammenhang mit den
Träumen und der Sexualität. Regius vom Prüm[516] sprach es sogar schon
im 10. Jahrhundert aus und Johann von Salisbury[517] im 12., daß der
Glaube eine durch die Traumerfahrung hervorgerufene Täuschung sei, und
dies war auch die Meinung Weiers und vieler anderer; sie wird auch
allein durch die Tatsache, daß die Nachtfahrt fast immer nur dann
vorkam, wenn die Person in tiefem Schlafe lag[518], sehr nahegelegt. Die
Übereinstimmung zwischen zahlreichen Beschreibungen der Hexenfahrt und
gewissen typischen Träumen ist so vollkommen, daß an der Richtigkeit
dieser Erklärung nicht der leiseste Zweifel bestehen kann.[519] Es ist
ebenso gewiß, daß der Sinn der fraglichen Träume sexueller Natur ist,
wie sogleich im Detail nachgewiesen werden soll.
[Fußnote 515: Pfister. Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf,
1910, S. 76, 77, 113.]
[Fußnote 516: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 80.]
[Fußnote 517: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 139.]
[Fußnote 518: Bodin. Op. cit., Pp. 184, 185.]
In dem in Rede stehenden Glauben sind drei verschiedene Vorstellungen
enthalten, jene des Reisens, Fliegens und Reitens. Die Psychoanalyse hat
gezeigt, daß _Reiseträume fast stets_ mit sexuellen Motiven assoziiert
sind. Als Beispiele dienen die Erkundung unzugänglicher Örtlichkeiten,
Todeswünsche gegen gehaßte Nebenbuhler, Flucht mit dem geliebten
Elternteil fort von dem rivalisierenden u. s. w.; der Gegenstand wurde
in den vorhergehenden Kapiteln bereits teilweise besprochen. Die
_Flugträume_ sind gleichfalls individuell determiniert und symbolisieren
verschiedene Wünsche, doch die letzte Quelle ist stets die sexuelle
Erregung durch gewisse Bewegungen (wiegen, hetzen u. s. w.) in der
frühen Kindheit.[520] Die Vorstellung, die am deutlichsten ihre sexuelle
Natur offenbart, ist das Reiten, das im Traum regelmäßig den
Beischlafsakt symbolisiert.[521] Manchmal kommt dies ganz offen zum
Ausdruck. So zitiert Delassus[522] folgendes Beispiel: »Martin d'Arles
raconte, dans son livre des superstitions, qu'une dame très pieux se
voyait souvent, en songe, chevauchant à travers la campagne avec un
homme, qui abusait d'elle, ce qui lui causait une très grande volupté.«
Ähnlich schreibt Jähns[523]: »So kam es vor, daß ehrbare Matronen ihren
Beichtvätern vertrauten: >sie fühlten, daß sie unwillkürlich Nachts über
Feld und Aue ritten; ja, wenn sie mit dem Roß über ein Wasser setzten,
so wohne irgend jemand ihnen mit dem vollen Lustgefühl des Aktes bei.<
Da war denn der offenbare Hexenritt und die offenbare Vermischung mit
dem Satan eingestanden.«
[Fußnote 519: Siehe Freimark. Okkultismus und Sexualität, S. 310. Brand.
Op. cit., P. 9. Die Ähnlichkeit wurde von Oldham im 17. Jahrhundert klar
ausgesprochen. (Werke, 6. Ausgabe, P. 254.)
»Wie Menschen, die bewegungslos im Schlafe liegen,
Im Traum zu steigen meinen und zu fliegen,
So glaubt die Hexe durch des Luftraums Weiten
Auf ihrem Zauberstab dahin zu reiten.«]
[Fußnote 520: Freud. Die Traumdeutung, 1911, S. 201-203.]
[Fußnote 521: Vergl. den Ausdruck für nächtliche Pollutionen: »es reiten
ihn die Hexen.« Auf die Ähnlichkeit zwischen dem Hexenreiten und dem
Alpdruck hat vor vielen Jahren Burton (Op. cit., P. 134) aufmerksam
gemacht, »auch bei solchen, die durch einen Inkubus belästigt oder von
den Hexen geritten sind (wie wir dies nennen); wenn sie auf ihren Rücken
liegen, meinen sie, ein altes Weib reite sie und sitze so schwer auf
ihnen, daß sie vor Atemnot fast ersticken.«]
[Fußnote 522: Delassus. Les Incubes et les Succubes, 1897, P. 35.]
Manchmal verwandelten Hexen einen Mann in ein Pferd, um darauf zum
Sabbat zu reiten[524] (Traum-Umkehrung der natürlichen Stellung),
manchmal reisten sie in Gesellschaft des Teufels -- der vorn auf dem
Stab ritt, während die Hexe hintenauf saß[525] --, doch am häufigsten
war der Teufel selbst das Reittier, entweder in Gestalt eines Pferdes
oder eines Bockes.[526] Das letztgenannte Tier war am beliebtesten und
ist auch mit Hinblick auf seine wohlbekannten Eigenschaften zum Ausdruck
sexueller Vorstellungen ausgezeichnet geeignet. Bei gewissen Anlässen
schob die Hexe einen Pflock in den Hinterteil des Bockes, von dem dann
entweder ihre Genossen[527] oder die Kinder[528], die sie zum Sabbat
mitbringen wollte, getragen wurden. Oft genügte auch der Pflock allein,
gewöhnlich in der Form eines Besenstiels, zur Reise. Jähns[529] hat
gezeigt, daß dieser ein Repräsentant des Pferdes oder eines anderen
Reittieres war; die phallische Bedeutung ist hier ebenso evident wie bei
den zahlreichen anderen Formen des Zauberstabes. Die Vorstellung der
Verwandlung menschlicher Wesen oder des Teufels in Tiere ist, wie
bereits mehreremal bemerkt wurde, besonders charakteristisch für den
Traum und im Jahre 1230 hat Wilhelm von Paris[530] bei Besprechung der
Hexenfrage sich ausdrücklich für diese Entstehungsweise erklärt.
[Fußnote 523: Jähns. Roß und Reiter, 1872, Band 1, S. 412.]
[Fußnote 524: Krauß. Slavische Volksforschungen, 1906, S. 49.]
[Fußnote 525: Grimm. Op. cit., S. 895.]
[Fußnote 526: Der Hexenhammer. Op. cit., Zweiter Teil, S. 44.]
[Fußnote 527: Jähns. Op. cit., S. 415.]
[Fußnote 528: Horst. Zauber-Bibliothek, 1821, Erster Teil, S. 216.]
[Fußnote 529: Jähns. Op. cit., S. 415, 416.]
Ein interessanter Nebenumstand bei der Fahrt durch die Luft war die
bekannte Hexensalbe, die dazu benötigt wurde. Sie mußte in den Körper
hineingerieben werden, insbesondere oberhalb des Abdomen, in den höheren
Teil der Oberschenkel und in die Füße, bis ein Gefühl der Erwärmung
verspürt wurde.[531] Auch der Besenstiel[532], der die Hexe zum Sabbat
trug, wurde damit eingerieben und Grimm[533] erzählt einen Fall, wo ein
Kalb zu diesem Zweck bestrichen wurde. Die Materialien, die bei der
Zusammensetzung der Salbe am liebsten verwendet wurden, scheinen die
Eingeweide und das Fett kleiner Kinder[534] gewesen zu sein, doch viele
andere Substanzen wurden gleichfalls benützt. Die Erklärung dieses
sonderbaren Vorganges ist keineswegs einfach. De Lancre[535] sagt: »Le
Diable use d'ongaens graisses et onctions, pour imiter nostre Seigneur,
qui nous a donné le sainct sacrement de Babtesme et celuy de la Saincte
onction.« Dies läßt außer manchem anderen offenbar auch die besondere
Verbindung zwischen Salbe und Luftreise unerklärt.
Der Akt des Salbens hat zu allen Zeiten eine besondere Bedeutung
besessen und war meist mit der Vorstellung der Übertragung einer
besonderen Macht auf gewisse Personen, Priester oder Könige, verknüpft;
bei mehreren religiösen Zeremonien spielt es eine ähnlich wichtige
Rolle. Ein vergleichendes Studium der Gelegenheiten, bei welchen die
Ölung vorgenommen wird, macht es höchst wahrscheinlich, daß der Akt eine
sexuelle Symbolik enthält und sein inniger Zusammenhang mit der
Hexenfahrt und dem Sabbat unterstützt diese Auffassung. Freimark[536]
bringt Beweise dafür bei, daß zu verschiedenen Zeiten die Ölungen
wirklich zur Hervorbringung wollüstiger Träume benutzt wurden, und
erwähnt eine Anzahl von Substanzen, von denen man annahm, daß sie im
stande seien, aphrodisische oder anästhesierende Wirkungen oder
Intoxikation hervorzurufen, die zu diesem Zweck gebraucht wurden.
Kiesewetter[537] machte an sich selbst Versuche, um den Tatbestand zu
erforschen, und konstatierte als Resultat verschiedene Reise- und
Flugträume; es ist seither bekannt geworden, daß kein Arzneimittel dies
direkt bewirken kann, es muß also die Einstellung der Erwartung dabei
mittätig gewesen sein (wobei noch eine toxische Wirkung in Rechnung
gezogen werden muß). Es ist auffallend, daß zwischen den Vorstellungen
der Einsalbung und der leichten Bewegung stets ein Zusammenhang
existiert hat, der zweifellos durch die physischen Qualitäten der
ersteren unterstützt wurde. Das englische Wort »grease« (Salbe) kommt
von den Gratiae (griechisch Charites), welche Aphrodite mit Öl zu
waschen pflegten, und das vedische Äquivalent der Charitinnen waren die
leuchtenden Rosse, die den Wagen Indras, der Sonne (= Phallos[538]),
zogen. Die am Tage liegende Beziehung von mucus und semen zu den
Koitusbewegungen ist zweifellos die Quelle der tieferliegenden
Sexualsymbolik und ich habe gezeigt[539], daß in der frühen Kindheit
sich eine ähnliche Assoziation zwischen den Vorstellungen der Bewegung
und exkretorischen Akten (die als Sexualbetätigung aufgefaßt werden)
bildet. Es ist daher begreiflich, daß der phallische Besenstiel, auf dem
die Hexe »ritt«, mit Salbe eingeschmiert werden mußte.
[Fußnote 530: Zitiert bei Hansen. Op. cit., S. 138.]
[Fußnote 531: Weier. Histoires, disputes et discours des illusions et
impostures des diables, Trad. Franc., 1577, P. 165. Grimm. Loc. cit.,
Laurent und Nagour, Op. cit., S. 122.]
[Fußnote 532: Hansen. Op. cit., S. 449. Weier. Loc. cit.]
[Fußnote 533: Grimm. Loc. cit.]
[Fußnote 534: Reginald Scot. The Discoverie of Witchcraft, 1589, Book
III. P. 40. De Lancre. Op. cit., Pp. 112, 119. Weier. Loc. cit.]
[Fußnote 535: De Lancre. Op. cit., P. 212.]
Diese Ansicht wird weiterhin durch die enge Verbindung zwischen dem Akt
des Salbens und dem des Genusses von Zaubertränken bestätigt. Die Hexe
trank nach geschehener Einsalbung eine derartige Flüssigkeit, um zur
Reise fähig zu sein.[540] Nun symbolisieren Zaubertränke, die wunderbare
Kräfte einflößen, regelmäßig den Samen[541], so das vedische Soma, das
griechische Ambrosia und der Nektar, das germanische odrörir. In der
Ilias wird geschildert, wie die _Göttin Hera ihren ganzen Leib mit
Ambrosia salbt_, so daß der Geruch Himmel und Erde erfüllt.
[Fußnote 536: Freimark. Op. cit., S. 306-316.]
[Fußnote 537: Kiesewetter. Op. cit., Band 2, S. 579.]
[Fußnote 538: Cox. Op. cit., Vol. I, P. 426. Vol. II, Pp. 2, 35.]
[Fußnote 539: Psychoanalytisches Jahrbuch, 1912, Band 4. Zentralblatt
für Psychoanalyse, Jahrgang 1.]
Abgesehen vom Sabbat und der Nachtfahrt hielt die _Hexe bei sich zu
Hause_ ihre Beziehungen zum Teufel auf verschiedene Weise aufrecht. In
erster Linie begleitete er oder einer der ihm untergeordneten Dämonen
sie stets als ihr »familiaris«, welche Vorstellung an den totemistischen
Glauben erinnert, der so allgemein, z. B. im norwegischen Folklore[542],
verbreitet ist. Der Familiaris nahm gewöhnlich die Gestalt eines
Katers[543] an. Bei den Zusammenkünften der ketzerischen Katharersekte
im 13. Jahrhundert erschien der Teufel als Kater und man nahm an, daß
der Name der Sekte von dieser Tatsache genommen sei. Katzen haben eine
besonders große Rolle in der Mythologie weiblicher übernatürlicher Wesen
gespielt. Die alten germanischen Zauberinnen verwandelten sich
gelegentlich in Katzen.[544] Katzen sind besonders mit der Vorstellung
des Reitens assoziiert und wurden bei der Hexenfahrt wirklich zu diesem
Zwecke benützt.[545] Dieser Glaube scheint vor allem aus der
germanischen Mythologie zu stammen. Roskoff[546] schreibt: »Freyja fährt
auf einem mit zwei Katzen bespannten Wagen, den Symbolen des starken
Zeugungstriebes .... Die der Freyja geheiligte Katze macht das
Mittelalter zum Tiere der Hexen und Nachtfrauen.« Dasselbe galt von dem
Gefolge der Holda[547], dem Prototyp der Nachtdämonenseite der Hexen. Im
Süden wurden die Katzen von ihren Verwandten, den Löwen, ersetzt; der
Wagen des Heraklos wurde z. B. von zwei Löwen gezogen. Außer dieser
symbolischen Begleitung der Hexen erschien ihnen der Teufel noch häufig
als Inkubus (siehe später).
[Fußnote 540: Freimark. Op. cit., S. 306, 308. Laurent und Nagour, Loc.
cit.]
[Fußnote 541: Siehe Abraham. Op. cit., S. 63.]
[Fußnote 542: Thorpe. Northern Mythology, 1851, Vol. I, P. 115.]
[Fußnote 543: Grimm, Op. cit., S. 891. Hansen. Op. cit., S. 229.]
[Fußnote 544: Grimm. Op. cit., S. 915.]
[Fußnote 545: Jähns. Op. cit., S. 415.]
[Fußnote 546: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 159.]
Der Gegenstand aber, der in dieser Beziehung die meiste Aufmerksamkeit
auf sich zog, war die Besessenheit durch den Teufel. Diese definiert
Graf[548] wie folgt: »Der Teufel konnte sich damit begnügen, den
Menschen nur äußerlich zu quälen, indem er die Angriffe und Bedrängungen
vervielfachte, oder auch innerlich peinigen, indem er in ihn einfuhr. Im
ersten Fall hatte man die eigentliche sogenannte Obsessio, im zweiten
die Possessio«. In der Sprache unserer Tage würde der Unterschied
zwischen den beiden Fällen wohl durch die Ausdrücke Zwangsneurose und
Hysterie gekennzeichnet werden; wie zu erwarten stand, waren dem
zweitgenannten Zustand hauptsächlich Frauen unterworfen. Die Merkmale
der Besessenheit durch einen Dämon sind zu gut bekannt, um hier
wiederholt zu werden.[549] Da das Vorkommnis noch immer keineswegs
selten ist, war Gelegenheit vorhanden, sie vom klinischen Standpunkt aus
zu untersuchen und nachzuweisen[550], daß sie als Symptom verschiedener
Geistesstörungen vorkommen kann. Müller[551] schreibt: »Was sich in den
Hexenprozessen durchgängig wiederholt, sind Entwicklungskrankheiten der
Jugend oder des Alters bei Weibern, die über die klimakterischen Jahre
hinaus sind, halb irre Zustände, Nervenkrankheiten, die so oft
Gegenstand einer abergläubigen, dem Zeitalter angemessenen Auslegung
waren, und endlich wirklich Buhlerei, und zwar, wie es scheint, oft mit
verkappten Personen oder mit bekannten Personen, in deren Gestalt gerade
jetzt einmal der Teufel erscheint.« Die Bedingung hat sich mit
besonderer Häufigkeit bei der Hysterie erfüllt gefunden und mit
Rücksicht auf unsere neuerworbene Kenntnis von der sexuellen Ätiologie
der Hysterie[552] -- die hysterischen Attacken mitinbegriffen, die den
Akt des Koitus[553] symbolisieren -- ist es wohl der Mühe wert, kurz den
Nachweis der Hysterie bei der Besessenheit der Hexen zu führen. Unter
die hysterischen Symptome, die dabei beobachtet wurden, gehören:
Bulimia, pica, anorexia nervosa, vomiren (häufig von Fremdkörpern, wie
Nadeln u. s. w.), globus hystericus, pseudocyesis, Zittern, koitusartige
Bewegungen, Mediumismus, Narcolepsie (Ohnmachtsanfälle), Somnambulismus,
Katalepsie, Amnesien, »Lügen«, Lebensüberdruß, feindselige Einstellung,
Zerspaltung in zwei oder mehrere Personen: kurz, alle jene Symptome, von
denen man neuerdings erklärt hat, daß sie niemals vorkommen, außer wo
sie durch die Suggestion der Ärzte aus der Schule der Salpetrière
künstlich erzeugt wurden. Die Beschreibung der konvulsiven Anfälle, wie
sie die besessenen Nonnen von Louviers[554] zeigten, stimmt mit allen
Einzelzügen genau mit der Beschreibung der hysterischen Anfälle überein,
wie sie unsere modernen medizinischen Lehrbücher geben; selbst der
Ausdruck _arc en cercle_ wird benützt. Von besonderem Interesse ist der
Umstand, daß der Exorzismus von dem Besessenen mit einer Flut von
»abscheulichen und schamlosen« Reden begleitet wurde, mit anderen
Worten, daß er durch den Prozeß des Abreagierens seine Wirkung übte.
[Fußnote 547: Jähns. Op. cit., S. 384.]
[Fußnote 548: Graf. Geschichte des Teufelsglaubens, Deutsche Ausg.,
1893, S. 137.]
[Fußnote 549: Maury. Op. cit., Seconde Partie. Ch. II., Pp. 256-338.
»Origine démoniaque attribuée aux Maladies nerveuses et mentales«.
Murisier. Les maladies du sentiment religieux, 1903, P. 148-151.]
[Fußnote 550: Kerner. Geschichten Besessener neuerer Zeit. Nevius. Demon
Possession and allied Themes, 1894. Pezet. Contribution à l'étude de la
Démonomanie, 1909.]
[Fußnote 551: Johannes Müller. Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen. 1826, S. 67.]
[Fußnote 552: Freud. Sammlung kl. Schr. z. Neurosenlehre, 1906, Kap. X,
XI, XIV.]
[Fußnote 553: Freud. Samml. Op. cit., Zweite Folge, 1909, Kap. VI.]
[Fußnote 554: Jean le Breton. De la défense de la vérité touchante la
possession des religieuses de Louviers, 1643, Esc. Traictè des marques
des possédés et la preuve de la véritable possession des religieuses de
Louvein, 1644.]
Aber nicht nur die Symptome der Hysterie waren bei den Hexen vorhanden,
sondern auch die Stigmata so häufig, daß auf das Vertrauen, welches man
in sie setzte, die bequemste und sicherste Methode, eine Hexe zu
erkennen, aufgebaut wurde. Scot[555] schreibt darüber: »Wenn sie ein
geheimes Zeichen unter der Schulter, unter dem Haar, unter der Lippe
oder an heimlichen Stellen trägt, so ist dies eine hinreichende
Vermutung für den Richter, um gegen sie vorzugehen und auf die
Todesstrafe zu erkennen.« Die Hauptprobe, die von den professionellen
»Hexensuchern« angewandt wurde, war die sogenannte épreuve du stylet.
Bezüglich der Verteilung und Natur dieser anästhetischen Stellen erzählt
uns Sinistrari[556]: »Sie ist auf den verborgensten Körperteilen
eingedrückt ...; bei Weibern ist sie meistens auf den Brüsten oder den
heimlichen Orten. Nun ist der Stempel, der diese Zeichen aufdrückt, kein
anderer als des Satans Klaue.« Wie es bei hysterischen stigmata
gewöhnlich der Fall ist, geben diese anästhetischen Stellen auf Stiche
kein Blut.[557] Freimark[558] hat darauf hingewiesen, daß diese Zeichen
auch als Merkmale verschiedener ketzerischer Sekten, welche der vollen
Entwicklung des Hexenglaubens vorhergingen, galten.
Die psychologische Erklärung der Phänomene der Besessenheit ist nicht
schwierig. Freimark[559] hat sie mit den folgenden Worten beschrieben:
»Tragen die Phänomene des Somnambulismus und Mediumismus in der Regel
nur ihren Entstehungsursachen nach sexuellen Charakter, so sind
diejenigen der Besessenheit durch und durch sexueller Natur ... Das
urteilende Ich, das alle nach der bestehenden Gesellschaftsordnung, nach
Religion, Moral und dem Milieu, in dem es sich entwickelt, als ungehörig
betrachteten Gefühle und Vorstellungen unterdrückte, in das
Unterbewußtsein zurückschob, wo sie sozusagen ein eigenes Leben führten,
wird von dem dort im Laufe der Zeit sich ausbildenden Gefühls- und
Vorstellungskomplex überrumpelt und die Bewußtseinsspaltung ist
vollzogen ... Einen ähnlichen Vorgang können wir im Traumleben
beobachten; und der Somnambulismus und auch der Mediumismus zeigen das,
was uns der Traum lehrt, in verstärktem Maße.«
[Fußnote 555: Reginald Scot. Op. cit., P. 15.]
[Fußnote 556: Sinistrari. Demoniality. (17. century.) Englische
Übersetzung, 1879, P. 27.]
[Fußnote 557: Santerre. Histoire des diables de Loudun, 1694, P. 318.]
[Fußnote 558: Freimark. Op. cit., S. 280.]
[Fußnote 559: Freimark. Op. cit., S. 54, 57. Siehe auch S. 62-69, 353
und Maury. Op. cit., P. 258.]
Wir gelangen nun zu dem _zweiten Problem_, nämlich, warum die
Hexenepidemie gerade zu jener Zeit ausbrechen mußte. Die Untersuchungen,
die über dieses Problem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von
Ennemoser[560], Michelet[561], Roskoff[562], Soldan[563] und
Wächter[564] angestellt worden waren, wurden in den letzten Jahren
verbessert und vertieft von Hansen[565], von Hoensbroech[566],
Längin[567], Lea[568], Lempens[569], Riezler[570] und anderen, und viele
Punkte sind nun völlig aufgeklärt. Die drei wichtigsten Schlüsse, die
aus diesen Forschungen gezogen werden können, sind:
1. Daß die Idee der Hexerei in ihrem strikten Sinne im Mittelalter
vollkommen neu war und daß die Hexenepidemie aus der Mitte des 15.
Jahrhunderts stammt;
2. daß die dazu beitragenden Faktoren außerordentlich ineinander
verschlungen sind und
3. daß die volle Verantwortlichkeit dafür ohne jede Einschränkung der
römisch-katholischen Kirche zur Last fällt.
Der Hexenglaube, so wie jener an den Teufel, wurde von der Kirche
sorgfältig aus disparatem, längst schon im Folklore vorhanden gewesenem
Material zusammengesetzt. Hansen[571] spricht das unzweideutig mit den
folgenden Worten aus: »Der Begriff vom Hexenwesen ... ist keineswegs aus
dem Spiel der Volksphantasie frei erwachsen, sondern wissenschaftlich,
wenn auch in teilweiser Anlehnung an Volksvorstellungen, konstruiert und
fest umschrieben worden; er ist in seinen Elementen durch die
systematische Theologie der mittelalterlichen Kirche entwickelt,
strafrechtlich in der Gesetzgebung von Kirche und Staat fixiert,
schließlich auf dem Wege des kirchlichen und weltlichen Strafprozesses,
und zwar zuerst durch die Ketzerinquisiton, zusammengefaßt worden.« Die
meisten dieser aus dem Volk stammenden Elemente sind durch Jahrhunderte
von der Kirche abgelehnt worden, die sich nur Schritt für Schritt zu
ihrer Annahme entschloß. Dabei wurden die Elemente immer mehr und mehr
zusammengepreßt, bis dann zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganz neue
Auffassung entstanden war und offiziell proklamiert wurde. Hansen[572]
sagt: »Wie bereits angedeutet wurde, erweisen sich die Verfasser der
literarischen Quellen des 15. Jahrhunderts, welche uns jenen
Kollektivbegriff der Hexe definieren, sämtlich als von der Überzeugung
durchdrungen, daß es sich bei der von ihnen geschilderten Art des
Hexenwesens um eine _neue_ Erscheinung ... handelt. Die beteiligten
Inquisitoren zeigen sich geradezu überrascht von der Existenz dieser
neuen Sekte.« Jühling[573] konstatiert ebenso emphatisch: »Es gab
freilich schon im Altertum den Begriff der Zauberinnen, aber die Hexe an
und für sich ist eine Ausgeburt spezifisch christlichen Aberglaubens.«
[Fußnote 560: Ennemoser. Op. cit., Vierter Abschnitt, Zweite Abteilung.]
[Fußnote 561: Michelet. Op. cit.]
[Fußnote 562: Roskoff. Op. cit., Band 2, Dritter Abschnitt.]
[Fußnote 563: Soldan. Op. cit.]
[Fußnote 564: Wächter. Die Hexenprozesse. Ein kulturhistorischer
Versuch, 1865.]
[Fußnote 565: Hansen. Op. cit., und: Quellen und Untersuchungen zur
Geschichte des Hexenwahns und der Hexenverfolgung im Mittelalter, 1901.]
[Fußnote 566: Von Hoensbroech. Das Papsttum in seiner sozialkulturellen
Wirksamkeit, Dritte Auflage, 1901, Band 1, S. 380-600.]
[Fußnote 567: Längin. Religion und Hexenprozeß, 1888.]
[Fußnote 568: Lea. History of the Inquisition in the Middle Ages, 1887.
History of the Inquisition in Spain, 1907.]
[Fußnote 569: Lempens. Geschichte der Hexen und Hexenprozesse, 1880.]
[Fußnote 570: Riezler. Geschichte der Hexenprozesse in Bayern, 1896.]
Es ist unmöglich, hier den Versuch zu machen, daß »vielverschlungene
Gewebe aus mannigfaltigen Fäden«, wie Roskoff den Hexenglauben sehr gut
genannt hat, zu entwirren, doch müssen einige Worte über die Geschichte
seiner hervorstechendsten Züge gesagt werden. Die Vorstellungen von
Ketzerei, Teufelsbündnissen und Sabbat sind hauptsächlich, wenn auch
keineswegs ausschließlich, religiöser Natur; der Glaube an das
Maleficium, an die Verwandlung in Tiere und an den Flug der Nachtdämonen
durch die Luft, die uns hier beschäftigen, haben in der Volks-Mythologie
ihre Quelle. Das Maleficium war immer ein strafbares Delikt gewesen, bei
den alten Römern sowohl wie bei den Germanen, nicht aber jene
Handlungen, die im Inkubus- und Striga-Glauben enthalten waren. Die
Geschichte der Entstehung der Hexerei ist die Geschichte, wie die Kirche
vorsichtig und geschickt im Laufe zweier Jahrhunderte eine neue
Vorstellung entwickelte und sie der ganzen zivilisierten Welt
aufnötigte. Die Haltung der ältesten Kirche war den rudimentären Formen,
in denen die Vorstellung damals vorkam, durchaus feindlich. Lehmann[574]
weist darauf hin, wie folgt: »Auf der Synode zu Paderborn 785 stellte
man folgenden Satz auf: _Derjenige, welcher_, durch den Teufel
verblendet, _nach Art der Heiden glaubt, daß jemand eine Hexe sein kann
und deshalb dieselbe verbrennt, wird mit dem Tode bestraft_.« Zu dieser
Zeit wird also nicht die Hexe, sondern der Glaube an dieselbe verfolgt
und bestraft. Diese Bestimmung wurde von Karl dem Großen bestätigt und
war in den folgenden Jahrhunderten die Richtschnur für die Stellung der
Kirche gegenüber allen Anklagen wegen Hexerei. Noch deutlicher tritt die
Auffassung der Kirche von Hexerei im sogenannten _Ancyranischen Kanon
Episcopi_ hervor, welche um das Jahr 900 entstand. Hier wird den
Bischöfen befohlen, »in ihren Gemeinden den Glauben an die Möglichkeit
dämonischer Zauberei und nächtlicher Fahrten zu und mit Dämonen als
reine Illusion energisch zu bekämpfen und alle diejenigen, welche einem
solchen Glauben huldigen, aus der kirchlichen Gemeinschaft auszustoßen.«
[Fußnote 571: Hansen. Op. cit., Vorwort, S. 6.]
[Fußnote 572: Hansen. Op. cit., S. 145.]
[Fußnote 573: Jühling. Die Inquisition, 1903, S. 299. Siehe auch
Ennemoser. Op. cit., S. 780, 781, und Roskoff. Op. cit., Band 2, S.
214-225.]
Im dreizehnten Jahrhundert aber veranlaßte die beunruhigende Zunahme und
die Macht der Ketzersekten[575] (Templer, Katharer und ihre Nachfolger,
die Waldenser) die Kirche zu den entschiedensten Maßregeln zu ihrer
Unterdrückung und sie verstand es, auf einfache Weise die Hilfe der
Laien zu gewinnen, indem sie die Vorstellungen von Hexerei und Ketzerei
miteinander vermengte. Das päpstliche Gericht, das Gregor IX. im Jahre
1227 errichtete, wurde der Nukleus der künftigen Inquisition und später
im selben Jahrhundert erklärte Alexander IV. in aller Form, daß Hexerei
und Ketzertum eines seien. Der große Einfluß des Thomas von Aquino zu
jener Zeit wurde ebenfalls in die Wagschale geworfen und war ein
wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Idee.[576] Von da an bis zum
15. Jahrhundert waren die Fortschritte verhältnismäßig gering.
[Fußnote 574: Lehmann. Aberglaube und Zauberei, Zweite deutsche Ausg.,
1908, S. 105. Siehe auch Sepp, Orient und Okzident, 1903, S. 140, 150.]
[Fußnote 575: Siehe Hansen. Op. cit., S. 212-216, 232.]
An dieser Stelle können wir die einzelnen Elemente des Hexenglaubens
mehr im Detail betrachten und erkennen, wie sie miteinander vermischt
wurden. Das erste, das von diesem Schicksal betroffen wurde, war das
Maleficium[577] und dies gab für das Volk den Ausschlag zur Verteidigung
der Kirche gegen die Ketzerei. Der volkstümliche Glaube an das
Maleficium, der die Kirche stets vom Standpunkt der Götzendienerei aus
interessierte, kam in Zusammenhang mit dem Teufelsglauben[578] und
dadurch auch mit der Ketzerei.[579] Dies erste Element erwies sich auch
als das ausdauerndste. Hansen[580] sagt: »Das Maleficium, mit Ausnahme
des Wettermachens, ist ohne alle Unterbrechung von der kirchlichen und
bis in das 17. Jahrhundert auch von der staatlichen Autorität als
Realität angenommen, seine Kraft ist nie ernstlich in Abrede gestellt
worden; es zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Geschichte der
strafrechtlichen Verfolgung.«
Es ist unmöglich, hier jene zahlreichen Legendentypen zu verfolgen, die
sich auf Frauen, _die bei Nacht_ _fliegen_,[581] beziehen, wie Ahnfrauen
u. s. w., da dies uns zu weit in das Gebiet der Mythologie führen würde,
obgleich von hier aus manches unterstützende Beweisstück für unsere
Hauptthese gefunden werden könnte; denn solche Geschichten hängen eng
mit den Erfahrungen des Alpdruckes zusammen und mit dem späteren
Sukkubus. Es möge genügen zu sagen, daß sie bei der Entwicklung des
Hexenglaubens eine bedeutende Rolle spielten. Beiträge kamen von der
griechischen Persephone (Würgerin)[582], der römischen Striga
(italienisch strega, schweizerisch Sträggeli)[583], den germanischen
Elfen[584] und den deutschen Waldfrauen und weißen Frauen (Bertha,
Holda)[585] -- den Abkömmlingen der nordischen Frigg. Es wurde
beispielsweise geglaubt, daß eine Hexe mit 40 Jahren eine Drude
wird[586], während es anderseits hieß: »aus jungen Druden pflegen alte
Hexen zu werden«[587]; nach Grimm[588] ist eine Drude eins mit einer
Mahre (Nachtmahr). Die Kirche war einige Jahrhunderte hindurch
entschieden abgeneigt, die Möglichkeit von Nachtflügen anzunehmen. Die
Idee wurde im 5. Jahrhundert durch den berühmten Caere episcopi[589]
zurückgewiesen, im Jahre 906 durch Regino von Prüm, im Jahre 1020 durch
Burkard von Worms, im 12. Jahrhundert von Johann von Salisburg und im
Jahre 1230 durch Wilhelm von Paris.[590] In dieser Frage wurde im 13.
Jahrhundert ausführlich und mit größtem Eifer hin und wider
gestritten[591] und erst um 1450 wurde der Glaube von der Kirche
allgemein angenommen.[592] Es erwies sich dann, daß gerade dieser Frage
für die endgültige Festsetzung des Hexenaberglaubens die entscheidende
Bedeutung zukam, vor allem durch den Zusammenhang mit dem Sabbat; es war
in der Tat der Fund der Inquisition, daß die Opfer so häufig Geschichten
von Luftflügen erzählten, durch den die Frage für die Kirche erledigt
und die Identität der ketzerischen Zusammenkünfte und des Hexensabbats
nachgewiesen wurde.[593]
[Fußnote 576: Soldan. Op. cit., Band 1, S. 180.]
[Fußnote 577: Siehe Hansen. Op. cit., S. 9-14.]
[Fußnote 578: Wundt. Völkerpsychologie. Zweiter Band, »Mythus und
Religion«, Zweiter Teil, 1906, S. 400. Hansen. Op. cit., S. 451.]
[Fußnote 579: Hansen. Op. cit., S. 23, 39, 239.]
[Fußnote 580: Hansen. Op. cit., S. 13.]
[Fußnote 581: Grimm. Op. cit., S. 907. Hansen. Op. cit., S. 15-18.]
[Fußnote 582: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 136.]
[Fußnote 583: Hansen. Op. cit., S. 14. Sepp. Op. cit., S. 120, 231.]
[Fußnote 584: Meyer. Op. cit., S. 135.]
[Fußnote 585: Graf. Op. cit., S. 266, 267. Grimm. Op. cit., S. 803-810.
Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 157-159. Wuttke. Op. cit., S. 29-31, 47.]
[Fußnote 586: Sepp. Op. cit., S. 122.]
[Fußnote 587: Grohmann. Aberglaube und Gebräuche aus Böhmen, 1864, Band
1, S. 23.]
[Fußnote 588: Grimm. Op. cit., S. 1042.]
[Fußnote 589: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 271.]
[Fußnote 590: Hansen. Op. cit., S. 80, 83-85, 134, 136.]
[Fußnote 591: Hansen. Op. cit., S. 191-209.]
Das verwandte Thema der Verwandlung von Menschen in Tiere, ebenfalls
eine alte Volks-Phantasie, verlief parallel mit jenem der Nachtfahrt.
Anfänglich von der Kirche entschieden geleugnet[594], die jene, welche
daran festhielten, ebenso streng bestrafte, wie im vorigen Fall, wurde
der Glaube zuerst hitzig bekämpft[595] und schließlich angenommen,
allerdings erst im Jahre 1525[596] mit allgemeiner Geltung.
Die Vorstellung des Sabbats wurde von der Kirche im Zusammenhang mit den
selbstverständlich geheimen Zusammenkünften der Ketzer eingeführt, bei
denen sie, wie man ihnen vorwarf, alle Arten von Orgien und Missetaten
verübten; denselben Vorwurf hatte sich bekanntlich in den Zeiten der
Römer die Kirche selbst gefallen lassen müssen.[597] Die erste
vollständige Darstellung erscheint in einem Hexen-Ketzer-Prozeß, der im
Jahre 1335 in Toulouse stattfand.[598] Die Idee wurde vermutlich durch
die germanischen Sagen von der wilden Jagd und dem wilden Heer
verstärkt. Die Erinnerung an die römischen Bacchanalia[599] und
Cotyttia[600] spielte zweifellos auch eine Rolle; sogar der Gebrauch des
Wortes Sabbat im Zusammenhang mit den Hexen wurde durch die Annahme
erklärt, daß eine von jüdischen Manichäern veränderte Form des Sabos
vorliege; unter diesem Namen, der von [Griechisch: sabazein] tanzen[601]
kommt, wurde nämlich der Kultus des Bacchos verrichtet. Die Erinnerung
daran wurde im Mittelalter durch das berühmte Narrenfest[602] frisch
erhalten, dessen wahrer Ursprung vorchristlich war.[603]
[Fußnote 592: Hansen. Op. cit., S. 303-306, 409, 455-458.]
[Fußnote 593: Hansen. Op. cit., S. 235, 238.]
[Fußnote 594: Hansen. Op. cit., S. 18, 83-87.]
[Fußnote 595: Hansen. Op. cit., S. 189, 190.]
[Fußnote 596: Hansen. Op. cit., S. 455.]
[Fußnote 597: Henne am Rhyn. Der Teufels- und Hexenglaube, 1892, S. 68.
Hansen. Op. cit., S. 21, 226, 227.]
[Fußnote 598: Lamothe-Langon. Histoire de l'inquisition en France, 1829,
T. III, P. 233.]
[Fußnote 599: Freimark. Op. cit., S. 279.]
[Fußnote 600: Hedelin. Des Satyres, brutes, monstres et démons, 1627,
1888 Edition, P. 124.]
Die schwarze Messe, der Mittelpunkt des Sabbats, ist sehr alter
Herkunft. Sexuelle Vereinigung in der Öffentlichkeit wurde sowohl in
alten[604] wie modernen[605] Religionen, bei kultivierten[606] wie bei
wilden[607] Völkern als geheiligte Zeremonie ausgeübt. Wir können die
Geschichte und die Bedeutung dieser Tatsache unbesprochen lassen und
verweisen nur darauf, daß die schwarze Messe als Perversion oder
Aberglaube noch fortgedauert hat, längst nachdem die Hexenepidemie zu
Ende war,[608] und bis zum heutigen Tage nicht ganz verschwunden
ist.[609]
Der Glaube an die _Buhlschaft_ zwischen Hexe und Teufel ist ebenfalls
ein verhältnismäßig später Bestandteil des Hexenglaubens. Die
Vorstellung eines solchen Verkehres zwischen menschlichen und
übernatürlichen Wesen war natürlich stets im Volke lebendig, wurde
jedoch von der Kirche heftig abgelehnt, e. g. von Burkard (900).[610]
Bis zum 12. Jahrhundert war sie von der Zauberei völlig geschieden[611]
und wurde nur durch die Zwischenglieder des Hexensabbats und der
Ketzerei damit in Verbindung gebracht (um 1250).[612] Sie wurde von
Gervasius von Tilbury im Jahre 1214[613] angenommen und im selben
Jahrhundert auch von Thomas Aquin[614]; der erste Fall, in dem die
Anklage in einem Hexenprozeß darauf basiert war, ereignete sich im Jahre
1275; damals wurde ein Weib wegen Verkehres mit dem Teufel
verbrannt.[615] Bis dahin behandelte man den Akt nicht als Sünde, da man
annahm, daß er, wenn überhaupt, nur gegen den Willen des Opfers
vorkomme.[616] Es war jedoch schwer, die letztere Ansicht aufrecht zu
erhalten, da die Anhänglichkeit der Verfolgten an ihren Inkubus-Teufel
klar zu Tage lag, sogar dort, wo es sich um Nonnen handelte.[617] Nach
der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gehörte der Glaube, wie
Hansen[618] es ausdrückt, zum festen Bestand theologischer Wissenschaft.
[Fußnote 601: Hermann. Genesis, Band 3, Bacchanalien und Eleusinien. 2.
Auflage, S. 103. Hedelin. Op. cit., P. 131.]
[Fußnote 602: Roskoff. Op. cit., Band 1, S. 363.]
[Fußnote 603: Bourke. Scatalogic Rites of all Nations, 1891, Cap. III,
Pp. 11-23.]
[Fußnote 604: Rocco. Sex Mythology, 1898, P. 46.]
[Fußnote 605: Dixon. Seelenbräute, Deutsche Übersetz., 1868, Band 1, S.
273-278.]
[Fußnote 606: Sellon. Annotations on the Sacred Writings of the Hindus,
1902 Edition, Pp. 26, 27.]
[Fußnote 607: Cook. An Account of a Voyage round the World, Vol. II, P.
127.]
[Fußnote 608: Legué. Médecins et Empoissonneurs, P. 185. Brévannes. Op.
cit., Pp. 180-233. Laurent und Nagour. Op. cit., S. 137, 142.]
[Fußnote 609: Bois. Le Satanisme et la Magie. Vergleiche Huysman, Là bas
und Schwalbé, Chez Satan.]
[Fußnote 610: Hansen. Op. cit., S. 83.]
Obwohl die verschiedenen Elemente des Hexenglaubens um das Jahr 1250
sich bereits zum größten Teil entwickelt hatten, kamen die Hexenprozesse
in einem Zeitraum von etwa zweihundert Jahren nur wenig in Aufnahme.
Dies war jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm, der als eine wahre
Hexenepidemie gegen das Ende des 15. Jahrhunderts ausbrach. Es waren
hinreichende Gründe sowohl für den Aufschub wie später für den Ausbruch
vorhanden. Inzwischen waren die Theologen eifrig damit beschäftigt, die
allgemeine Grundidee zu erörtern und auszuarbeiten, die, wie wir gesehen
haben, erst nach 1450 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt worden war.
Die Methode des gerichtlichen Verfahrens mußte auch erst ausgestaltet
werden und der Versuch, die Gewalt von der Laienschaft auf den Klerus zu
übertragen, stieß auf ernsten Widerstand. Die Laien-Gerichte hatten sich
nur mit dem Maleficium zu befassen und erst im Jahre 1400 ließen sie die
Teufelsbuhlschaft als Anklage gelten.[619] Soldan[620] meint, daß die
Erfahrungen der Kreuzzüge einen erheblichen Einfluß in dieser Richtung
übten, da sie das Volk mit der orientalischen Vorstellung vom Verkehre
zwischen menschlichen und übernatürlichen Wesen vertraut machten.
[Fußnote 611: Hansen. Op. cit., S. 19.]
[Fußnote 612: Ennemoser. Op. cit., S. 791, 845. Roskoff. Op. cit., Band
2, S. 216.]
[Fußnote 613: Hansen. Op. cit., S. 142.]
[Fußnote 614: Soldan. Op. cit., Band 2, S. 181.]
[Fußnote 615: Lamothe-Langon. Op. cit., T. II, P. 614.]
[Fußnote 616: Hansen. Op. cit., S. 180.]
[Fußnote 617: Steingießer. Op. cit., S. 44.]
[Fußnote 618: Hansen. Op. cit., S. 187.]
Von entscheidender Bedeutung war die Konzentration des allgemeinen
Hexenglaubens auf die Frauen. Die zwei Hauptfaktoren waren dabei der
soziale Zustand jenes Zeitalters, der Mangel an männlicher Bevölkerung
infolge der Kriege, der allerwärts Eifersucht und Unbefriedigtheit unter
den Weibern hervorrief, und die barbarische Haltung des Christentums
gegen die Frauen. Diese Haltung, die von modernen Autoren[621] oft
kommentiert wurde, läßt sich kaum voll erfassen, wenn man nicht die
betreffenden Erörterungen bei De Lancre[622], Bodin[623] und vor allem
im Hexenhammer[624] im Original gelesen hat. Das Benehmen der Kirche,
die den Frauen unwürdige Züge aller Art andichtete und sogar darüber
debattierte, ob das Weib eine Seele habe oder nur ein Tier sei, war ohne
Frage eine Folge ihrer entarteten Haltung gegen die Sexualität im
allgemeinen; es war ein Ausfluß der morbiden, misogynen Einstellung,
welche durch die aufs höchste getriebene Verdrängung erzeugt worden war.
Die ungewöhnlichen oder hysterischen Weiber früherer Epochen waren
Magierinnen, Wahrsagerinnen, Prophetinnen; im Mittelalter waren sie
Hexen. Wie Michelet[625] es epigrammatisch ausdrückt: »La Sibylle
prédisait le sort et la Sorcière le fait. C'est la grande, la vraie
différence.«
Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten zwei Ereignisse ein, welche
die Sache zur Reife brachten und die eigentliche Epidemie förmlich
inaugurierten; diese waren die Erlassung der berüchtigten päpstlichen
Bulle durch Innozenz VIII. im Jahre 1484 und die Veröffentlichung des
Hexenhammers im Jahre 1487. In der Bulle, einem Dokument, das »ein
Erzeugnis der Hölle« genannt wurde, wird der Teufelsbuhlschaft und der
Erzeugung von Impotenz mittels Maleficium besonderes Gewicht
beigelegt.[626] Im Hexenhammer wurden diese Fragen ebenso wie jene der
Nachtfahrt und des Sabbats bis in die feinsten Verzweigungen ausgeführt.
Ohne die heftige Sprache zu führen, in welcher Autoren wie
Ennemoser[627], Henne am Rhyn[628], Mannhardt[629] und Nyström[630] ihre
Anklagen vorbringen, kann man dies Buch billigerweise nur als ein Unikum
in den Annalen sophistischer Bigotterie und blinder Grausamkeit
beschreiben; wir müssen es hier nur als Grenzstein im Vorüberschreiten
kennen lernen, weil damit der Ausbruch der Epidemie gegeben ist. Es
folgte ihm in den nächsten hundert und fünfzig Jahren eine ganze Anzahl
ähnlicher Bücher, von denen jene von Bodin[631], Delrio[632],
Remigius[633], König James[634], Torreblanca[635], Carpzov[636] und
Glanvil[637] die bedeutendsten waren, und sogar eine Zeitschrift, die
bekannte Hexen- oder Druden-Zeitung[638] (im Jahre 1627).
[Fußnote 619: Hansen. Op. cit., S. 396.]
[Fußnote 620: Soldan. Op. cit., Band 1, S. 179.]
[Fußnote 621: Siehe z. B. Jühling. Op. cit., S. 319, 320.]
[Fußnote 622: De Lancre. Op. cit., Pp. 57, 58.]
[Fußnote 623: Bodin. Loc. cit.]
[Fußnote 624: Der Hexenhammer. Op. cit., Erster Teil, S. 92-106.]
[Fußnote 625: Michelet. Op. cit., Introduction, P. IX.]
Die Epidemie raste nun regellos drei Jahrhunderte lang über Europa. Die
Gesamtsumme aller Opfer wird nie bekannt sein. Voigts bekannte Schätzung
auf neun und eine halbe Million schießt gewiß über das Ziel, obgleich
auch Soldan[639] denkt, daß die Ziffer bis hoch in die Millionen stieg.
Nyström[640] berechnet, daß die Anzahl höher ist als die aller Getöteten
in allen europäischen Kriegen vom Beginn unserer Ära. Hauptsächlich
infolge der Tätigkeit der Inquisition -- die dort mehr gegen Ketzer als
gegen Hexen gerichtet war -- fiel die Bevölkerung Spaniens in zwei
Jahrhunderten von zwanzig Millionen auf sechs, wobei die tatsächlichen
Opfer 340.000 zählten. Torquemada allein soll 10.220 in achtzehn Jahren
verbrannt und 97.371 zur Galeerenstrafe verurteilt haben u. s. w.[641].
Fast jedes Land Europas litt. Am leichtesten kamen die Länder der
griechischen Kirche davon, dann Holland und -- mit Ausnahme der
schrecklichen Mora-Explosion im Jahre 1670[642] -- Schweden. Selbst das
entfernte Amerika hatte seine Epidemie.[643] Und obgleich die Ausdehnung
der Epidemie übertrieben sein mag, kann nichts den Schrecken der kalten
Grausamkeit überbieten, die wohl kaum in irgend einem Teile der Welt
ihre Parallele findet. Sepp[644] sagt richtig: »Nie haben die Menschen
blinder gegen einander gewütet, nie hat die Christenheit sich Angesichts
aller Welt mehr blamiert als in den Hexenprozessen.«
[Fußnote 626: Den vollständigen Text der Bulle gibt Roskoff. Op. cit.,
Band 2, S. 222-225.]
[Fußnote 627: Ennemoser. Op. cit., S. 812.]
[Fußnote 628: Henne am Rhyn. Op. cit., S. 87.]
[Fußnote 629: Mannhardt. Zauberglaube und Geheimwissen. Vierte Aufl.
1900, S. 240.]
[Fußnote 630: Nyström. Op. cit., S. 251.]
[Fußnote 631: Bodin. Op. cit.]
[Fußnote 632: Delrio. Inquisitiones magicae, 1599.]
[Fußnote 633: Remigius. Daemonolatria, 1595.]
[Fußnote 634: King James I. Daemonologia, 1616.]
[Fußnote 635: Torreblanca. Daemonologia, 1615.]
[Fußnote 636: Carpzov. Practica nova rerum criminalium, 1635.]
[Fußnote 637: Glanvil. Sadducismus Triumphatus, 1681.]
[Fußnote 638: Horst. Op. cit., Sechster Teil, S. 310. Mannhardt. Op.
cit., S. 243.]
Wenn wir für diesen außerordentlichen Zustand eine Erklärung suchen,
müssen wir stets im Auge behalten, daß er nicht auf eine unerklärliche
Verirrung des Menschengeistes zurückzuführen ist, wie es wohl den
Anschein haben möchte, sondern mit der geistigen Verfassung jener
Periode völlig übereinstimmte. Der Hexen-Aberglaube wurde in solchem
Ausmaße rationalisiert, daß er mit der landläufigen Vorstellung vom
Universum durchaus harmonierte.[645] In der Tat, vielleicht der
auffälligste Zug, z. B. im Hexenhammer und insbesondere in Glanvils
Sadducismus, ist nicht so sehr die Grausamkeit oder Dummheit, als
vielmehr die hervorragende geistige Subtilität, mit der die unsinnigsten
Thesen verteidigt werden. Die Faktoren, die den geistigen Zustand
verschuldeten, durch den der Aberglaube ausgebrütet wurde, sind
außerordentlich kompliziert[646]; die wichtigsten waren die sozialen
Bedingungen jener Zeit und die abnorme Haltung der Kirche gegen sexuelle
Dinge. Die kritische Periode war besonders das 14. Jahrhundert. Von
diesem sagt Gener[647] sehr gut: »Ce n'est pas un siècle normal, c'est
un siècle malade ..... Son histoire est tout entière contenue dans celle
de la pathologie. Il semble qu'il subisse les approches de l'agonie du
monde féodal et l'aurore d'une ère nouvelle. Dans ses souffrances il y a
quelque chose du râle de la mort et des douleurs de l'enfantement.
L'égarement de sa raison est celui de la sibylle avant la prophétie.«
Einige Züge der Zeit wurden im vorhergehenden Kapitel erwähnt, so daß
wir unsere Aufmerksamkeit hier den Kardinalfaktoren bei der Entwicklung
der Hexenepidemie schenken können. Der bedeutsamste war ohne Frage die
Machination der Kirche. Die drei Grund-Komponenten des Hexenglaubens
waren Maleficium, Teufelspakt und Ketzerei, die man die Haltung der Hexe
gegen Menschen, Teufel und Gott nennen kann. Das Vorgehen der Kirche
bestand darin, die erste zur Bestrafung der zweiten auszunützen, um
damit die dritte zu zerstören. Der schon vorhandene Glaube an das
Maleficium wurde dazu benützt, den Geist der Verfolgung zu entflammen,
der Beweis des Teufelspaktes, den Hysterie und Tortur lieferten, war das
bequemste Mittel, des Opfers habhaft zu werden, während das eigentliche
Motiv die Ausrottung der Ketzerei war. Der einmal so beschrittene Weg
nährte und entflammte zweifellos die menschlichen Urtriebe in ihrer
rohesten und niedrigsten Form. Sadismus und sexuelle Neugierde waren
unter diesen die sichtbarsten. Bezüglich der theoretischen Diskussionen
über die Hexerei sagt Bloch[648]: »Es gibt keine sexuelle Frage, die
nicht von den theologischen Kasuisten in subtilster Weise erörtert
worden ist, so daß ihre Schriften uns zugleich ein lehrreiches Bild der
Phantasietätigkeit auf geschlechtlichem Gebiete geben,« und Jühling[649]
hebt sogar noch schärfer die Lust des ehelosen Inquisitors am
Entkleiden, Untersuchen und Verhören seiner Opfer hervor. Kinder von
sieben[650] und Greisinnen von 85 Jahren[651] wurden zum Geständnis der
Teufelsbuhlschaft mit allen begleitenden Details gezwungen. Das ganze
Verfahren wurde, wie Roskoff[652] deutlich gezeigt hat, von den
Zeitgenossen in ausgedehntem Maße dazu benützt, Bosheit, Haß und Neid
durch falsche Anklagen der Feinde und Nebenbuhler zu befriedigen.
[Fußnote 639: Soldan. Op. cit., Band 1, S. 452, 453.]
[Fußnote 640: Nyström. Op. cit., S. 273.]
[Fußnote 641: Nyström. Op. cit., S. 230, 232.]
[Fußnote 642: Ennemoser. Op. cit., S. 814. Nyström. Op. cit., S.
279-281.]
[Fußnote 643: Siehe Conway. Demonology and Devil-lore, 1879, Vol. II, P.
314 bis 317, und Williams, The Superstitions of Witchcraft, 1865, P.
264.]
[Fußnote 644: Sepp. Op. cit., S. 130. Siehe auch im selben Zusammenhange
Stoll, Suggestion und Hypnotismus in der Völkerpsychologie, 2. Aufl.,
1904, S. 397, 398. Clodd. Myths and Dreams, 1891, P. 59, und Hansen. Op.
cit., S. 3, 5.]
[Fußnote 645: Eine vorzügliche Darstellung hievon gibt Walter Scott,
Letters on Demonology and Witchcraft (1829) Fourth Edition, 1898, P.
153.]
[Fußnote 646: Siehe Hansen. Op. cit., S. 328-331, und Roskoff. Op. cit.,
Band 2, S. 315-359.]
[Fußnote 647: Gener. La Mort et le Diable, 1880, P. 595.]
Das Ende der Hexenepidemie bedarf fast ebensosehr einer Erklärung wie
der Anfang, obgleich ihm bisher weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt
wurde. Die ausführlichste Schilderung davon gibt Soldan.[653] Die letzte
offizielle Exekution fand in England im Jahre 1682, in Schottland 1697,
in Frankreich 1726, in Sachsen 1746, im übrigen Deutschland 1749, in
Bayern 1775, in Spanien 1781, in der Schweiz 1782, in Polen 1793 statt.
Hexen wurden in England 1751 und 1863 (!) gelyncht, in Frankreich 1850,
in Deutschland 1836 und eine wurde in Mailand im Jahre 1891 vom Pöbel
fast getötet. Die Inquisition dauerte in Spanien bis 1834, in Italien
bis 1859. In Rußland waren Hexenprozesse, Verfolgungen und Pöbelunruhen
zu Ende des vorigen Jahrhunderts keineswegs selten und der Hexenglaube
ist heute noch im Schwunge[654]. In Südamerika war zwischen 1860 und
1877 eine förmliche Epidemie, bei welcher eine erhebliche Anzahl von
Hexen _offiziell verbrannt wurde_; eine wurde in Peru noch im Jahre 1888
öffentlich hingerichtet. Es ist sehr lehrreich, zu sehen, wie sich gegen
das Ende der Hexen-Epidemie der Aberglaube wieder in seine Bestandteile
auflöste und nicht als Einheit verblaßt. Zuerst verschwand der Glaube an
die Teufelsbuhlschaft und den Sabbat, von denen schon 1650
verhältnismäßig wenig zu hören ist. Der Glaube an die Nachtfahrt hielt
sich zähe und besteht sogar heute noch bei einigen Leuten.[655] Das
widerstandsfähigste Element war das älteste, nämlich das Maleficium und
in dem abgelaufenen Jahrhundert kam kaum ein anderer Punkt der Hexerei
zur Sprache.[656] Offiziell hält jedoch die römisch-katholische Kirche
an jedem einzelnen Elemente, von der Zauberkunst der Wettermacherei bis
zum Teufelspakt noch heute fest.[657]
[Fußnote 648: Bloch. Op. cit., S. 132.]
[Fußnote 649: Jühling. Op. cit., 321. Siehe auch Henne am Rhyn. Op.
cit., S. 97, und Williams. Op. cit., P. 215.]
[Fußnote 650: Nyström. Op. cit., S. 245.]
[Fußnote 651: Jühling. Op. cit., S. 323.]
[Fußnote 652: Roskoff. Op. cit., Band 2, S. 331-343.]
[Fußnote 653: Soldan. Op. cit., Band 2, S. 263-339. Siehe auch Henne am
Rhyn. Op. cit., S. 115-156.]
Das Verschwinden der Hexen-Epidemie wird gewöhnlich mit Berufung auf den
Wechsel der Weltanschauung erklärt, den der Aufstieg der Wissenschaft
verursachte, doch mehrere Erwägungen lassen es unwahrscheinlich
erscheinen, daß dieser Faktor, so wichtig er sein mag, der einzige war.
Vor allem kann er für die verhältnismäßig schnelle Abnahme des
Hexenglaubens in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts[658]
nicht ausreichen, denn die wissenschaftlichen Entdeckungen, die dabei so
entscheidenden Einfluß geübt haben sollen, waren um diese Zeit erst in
einen kleinen Kreis gedrungen. Außerdem hingen diese Entdeckungen z. B.
Harveys, Keplers, Newtons mit dem Thema der Hexerei nur _sehr_ indirekt
zusammen und waren mit diesem Aberglauben ebenso vereinbar wie mit
anderen, ebenso absurden, mit denen sie sich sehr wohl vertrugen; auch
kann nicht behauptet werden, daß die allgemeine wissenschaftliche
Haltung damals besonders hoch entwickelt war oder es heute ist. Die
ganze Erklärung scheint mir zu intellektualistisch zu sein, denn sowohl
die Entstehung wie der Ablauf eines solchen Aberglaubens sind vorwiegend
Gefühlssache, während die Wissenschaft im allgemeinen eher die Tendenz
zeigt, dem Umschwung in der Laienwelt zu folgen, als ihn einzuleiten;
die »Wissenschaften« der Nationalökonomie und Ethik, und im gewissen
Ausmaße auch die Psychologie sind bis zum heutigen Tage auffällige
Beweise dieses Satzes. Einen wichtigen Anhaltspunkt finden wir in dem
Umstande, daß der Hexenglaube abklang, weil das charakteristischeste
Element, der Glaube an die Teufelsbuhlschaft eliminiert wurde, und ich
möchte die folgende Erklärung dafür vorschlagen. Im siebzehnten
Jahrhundert, besonders um seine Mitte, fand eine bedeutende Zunahme des
Puritanismus statt und teils als Folge dessen, teils als Reaktion darauf
ging im allgemeinen Verhalten der Öffentlichkeit zur Sexualität ein
radikaler Umschwung vor.[659] Statt daß laut gegen sie gepredigt oder
ihre Sündhaftigkeit betont worden wäre, wurde sie mehr und mehr den
Augen der Öffentlichkeit entzogen. Ein heuchlerisches Kompromiß wurde
durchgesetzt, das noch jetzt aufrecht erhalten wird und dahin geht, daß
man ihre Existenz duldet, solange nicht allzu offen davon gesprochen
wird. Dies war aber mit der Fortdauer der Hexenepidemie völlig
unvereinbar, denn die Prozesse bestanden größtenteils in der
Ventilierung aller möglicher sexueller Angelegenheiten. Kurz und gut,
das Gefühl, daß die Taten der Hexen ein allzu unanständiges und
abstoßendes Thema für die öffentliche Besprechung seien, nahm allmählich
zu. Mit dieser Eliminierung der sexuellen Note (und den begleitenden
Ideen von Teufelspakt, Sabbat und Nachtfahrt) wurden die Hexenprozesse
mehr und mehr unmöglich. Der Hexenglaube löste sich deshalb in seine
Elemente auf und konnte nur in der alten Form des Maleficium weiter
bestehen. Dieses aber reichte für offizielle Verfolgungen trotz der
verzweifeltesten Anstrengungen[660] nicht aus und der Glaube wurde vom
Gebiete der Jurisprudenz auf jenes des Folklore übertragen, wo er mit
stets abnehmender Kraft bis zum heutigen Tage sich fortfristete.
Derselbe Faktor also, nämlich die übertriebene Sexual-Verdrängung, der
die Hexenepidemie einst möglich gemacht hatte, war vermutlich, nachdem
seine Entwicklung einen höheren Grad erreicht hatte, bei der Vernichtung
der eigenen Frucht mit größtem Erfolg tätig. Ein außenstehender
Beobachter hätte im 15. Jahrhundert voraussagen können, daß die Epidemie
aus inneren Gründen sich selbst ein Ende bereiten werde wie ein Fieber,
weil sie wie dieses, die Keime zu ihrer Heilung in sich trug.
[Fußnote 654: Stern. Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
Rußland, 1908, Band 1, S. 56, 81-92. Band 2, S. 288-290.]
[Fußnote 655: Siehe z. B. Sikes, British Goblins, 1880, Pp. 163, 164.]
[Fußnote 656: Wuttke. Op. cit., S. 155.]
[Fußnote 657: Göpfert. Moraltheologie, 1897, Band 1, S. 470; Hagen. Der
Teufel im Lichte der Glaubensquellen, 1899, S. 8; Lehmkuhl. Theologia
moralis, Band 1, Nr. 335, 879. Marc. Institutiones morales Alphonsianae,
1893, Band 1, S. 543. Pruner. Lehrbuch der katholischen Moraltheologie.
1875, S. 263. Henne am Rhyn. Op. cit., S. 153-157. Soldan. Op. cit., S.
340-346.]
[Fußnote 658: In England, wo ich die geläufigen Meinungen am
eingehendsten studiert habe, erfolgte der Umschwung am stärksten in den
letzten zwanzig Jahren.]
[Fußnote 659: Der Wechsel im Verhalten zur Sexualität, der im 17. und
18. Jahrhundert vorsichging, wurde von Fuchs sorgfältig studiert in
seinen wertvollen Werken: Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter
bis zur Gegenwart; Renaissance (mit Ergänzungsband) 1909, und Die
galante Zeit (mit Ergänzungsband) 1910.]
Wir gelangen nun zum _dritten Problem_, den Beziehungen des
Hexenglaubens zum Alptraum. Es besteht kein unmittelbarer Zusammenhang
zwischen dem Alptraum auf der einen Seite und dem Hauptantrieb bei der
Hexenverfolgung -- der Absicht, die Ketzerei auszurotten -- oder dem
Volksglauben an die Zauberei, der von der Kirche zu diesem Zwecke
ausgenützt wurde, auf der anderen, obgleich beide Themen indirekt mit
der Sexualität und insbesondere mit Inzestvorstellungen verwandt sind.
Ganz anders verhält es sich mit dem dritten Bestandteil, dem Glauben an
den Teufelsbund, der das ganze zu einer Einheit zusammenfügte und ohne
den die Epidemie nicht gedacht werden kann; dieser ist an jeder Stelle
mit den Erfahrungen der Alp- und anderer Angstträume im Innersten
verbunden. Dies wurde nie deutlicher bewiesen als durch den Geistlichen
Jehan de Meung in seinem merkwürdigen Roman de la Rose, anonym
publiziert im Jahre 1280 (!) und ist heute vollends unleugbar. Daß die
Vorstellungen, die sich um die Nachtfahrt gruppierten, im wesentlichen
aus dem Traum hervorgingen, wurde oben eingehend geschildert. Die
Teufelsbuhlschaft selbst ist unzweifelhaft eine Form des Inkubus und der
Glaube daran muß stark durch die Erfahrungen des Alptraums, die bei der
Hysterie[661] so häufig sind, mitbestimmt worden sein. Die
vorherrschende theologische Anschauung jener Tage half ihnen dann,
objektive Gestalt anzunehmen. Müller[662] sagt: »Ihren sinnlichen
Versuchungen und ihrer Furcht vor dem Versucher, vor dem sinnlichen
Teufel kann sie nicht entgehen. In den phantasiereichen Zuständen des
Halbwachens und Traums unterliegt sie der sinnlichen Erscheinung dessen,
was ihre Sinne wünschen und was die religiöse Vorstellung fürchtet. Das
Phantasiebild hat für sie Objektivität, sie kann die Anklage des
Teufelsumganges nicht von sich ablehnen.«
[Fußnote 660: Soldan (Op. cit., Band 2, S. 263) hat darauf hingewiesen,
daß in dem für den Hexenglauben so kritischen Zeitabschnitte von
1690-1718 nicht weniger als sechsundzwanzig Bücher veröffentlicht
wurden, die ihn verteidigten, seinen Verfall beklagten und zu
energischen Maßregeln gegen die Hexen aufforderten.]
Der Hexenglaube ist eine Projektion der unbewußten Gedanken des Mädchens
über sich und seine Mutter; dies ist einer der Gründe, warum die Hexen
meist entweder sehr alt und häßlich oder sehr jung und schön waren. Die
Teufelsbuhlschaft stellt also, wie im Zusammenhang mit dem Sabbat
bereits betont wurde, eine unbewußte Inzestphantasie dar.
Die Gemeinsamkeiten zwischen Inkubus, Teufel und Hexenglauben gehen so
weit, daß alle drei nur die verschiedenen Seiten desselben Themas
darstellen. Selbst in seinen Einzelheiten ist die Übereinstimmung sehr
auffällig, besonders zwischen der Hexe und dem populären Äquivalent von
Inkubus und Sukkubus, nämlich dem Alp und der Mahre. Zum Beispiel
glaubte man von den Hexen, ebenso wie vom Teufel, Alp und Mahre, daß sie
gespaltene Hufe (Drudenfuß)[663] und einen hohlen Rücken[664] hätten;
dieselben Amulette (Messer, Hufeisen, Salz u. s. w.) wurden zur Abwehr
der Hexen, des Teufels und des Alpdrucks benützt. Der Koitus mit ihnen
allen war unangenehm und genußlos[665]; der Alp, wie die Hexe, ritt auf
Pferden und flog wie ein Vogel[666] u. s. w.
[Fußnote 661: Über die Alpdruck-Erfahrungen der Hexen siehe Ennemoser,
Op. cit., S. 869, und Wuttke. Op. cit., S. 151.]
[Fußnote 662: Johannes Müller. Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen, 1826, S. 66.]
[Fußnote 663: Wuttke. Op. cit., S. 155.]
Die Beziehungen zwischen dem Hexenglauben und dem an Werwölfe und
Vampire waren nicht so innig, obgleich sie in beiden Fällen vorhanden
sind. Die Verfolgung und Hinrichtung angeblicher Werwölfe im 16. und 17.
Jahrhundert gründete sich hauptsächlich auf den Glauben, daß die Hexen
sich in Tiere verwandeln können. Hexen konnten sich selbst sowohl als
auch andere in Werwölfe verwandeln.[667] Von Interesse mit Hinblick auf
die Verbindung zwischen Hexensalbe, Nachtfahrt und Tierverwandlung
(siehe oben) ist der Umstand, daß die Verwandlung in Werwölfe durch
Salbung erfolgte. So wurde 1521 in Besançon ein Mann namens Michel
Verdon verbrannt, weil er sich selbst und einen Gefährten mittels
Einreibung mit einer Salbe in Werwölfe verwandelt hatte[668], und 1717
wurden die Angeklagten in einem Hexenprozesse genau derselben Tat
beschuldigt.[669] Die enge Assoziation zwischen Hexen und Katzen wurde
oben erwähnt und Grimm[670] zieht den alten Zauberglauben heran, daß
Männer in Wölfe und Weiber in Katzen verwandelt werden. Ein ähnlicher
Zusammenhang bestand zwischen der Mahre, der deutschen Vorläuferin der
Hexen, und dem Werwolf; ein siebentes Kind wurde, war es ein Knabe, ein
Werwolf, war es ein Mädchen, eine Mahre.[671]
[Fußnote 664: Grimm. Op. cit., S. 903. Henne am Rhyn. Op. cit., S. 38,
68.]
[Fußnote 665: Gener. Op. cit., P. 524. Henne am Rhyn. Op. cit., S. 68.]
[Fußnote 666: Laistner. Das Rätsel der Sphinx, 1889, Band 2, S. 82,
275.]
[Fußnote 667: Nynauld. De la Lycanthropie, 1615, Pp. 50, 52. Der
Hexenhammer, Op. cit., Erster Teil, S. 155-157.]
[Fußnote 668: Bosquet. Discours de Sorciers, 1608, P. 370. Leubuscher.
Der Wahnsinn, 1848, S. 68.]
[Fußnote 669: Riezler. Op. cit., S. 293.]
[Fußnote 670: Grimm. Op. cit., S. 915.]
[Fußnote 671: Siehe Kapitel V.]
Hexen hatten den Vampirendurst nach Menschenblut. Sie liebten es
leidenschaftlich, Blut zu trinken[672], insbesondere das von jungen
Menschen. Zweifellos liegt hier die Idee des Somnambulismus zu
Grunde.[673] Milton in seinem »Paradise Lost« (II, 662) bezieht sich auf
diesen Glauben:
»Kein häßlicheres Wesen denn die Nachtfrau,
Wenn sie, geheim gerufen, durch die Luft
Geritten kommt, von Kinderblut gelockt,
Zum Tanz mit Lapplands Hexenzunft.«
Fünf Hexen wurden 1604 in Lausanne verbrannt, weil sie in _Wolfsgestalt_
ein Kind geraubt haben sollten. Sie trugen es zum Teufel, der _aus der
großen Zehe_ das ganze Blut aussaugte und kochten dann den Leib, um
daraus Salbe zu gewinnen.[674] Ebenso waren die Hexen der harmloseren
Gewohnheit, Kühe zu melken, zugetan und sie waren im stande, aus einer
Spindel, einem Handtuch oder einem Beilgriff Milch herauszupressen.[675]
Der Sinn davon wird verständlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß
Milch ein unbewußtes Äquivalent für Samen ist. Der Alp saugte sowohl
Blut wie Milch aus[676] und Stoll[677] sagt, daß in Deutschland noch der
Aberglaube besteht, daß _Schlangen_ bei Nacht den Kühen die Milch
aussaugen; in Wales glaubte man, daß die Schlangen Milch aus den
weiblichen Brüsten saugen.[678] In Schottland und Wales war bis vor
kurzem der Glaube verbreitet, daß die Hexen sich in Hasen verwandeln, um
den Kühen durch Saugen an den Eutern die Milch zu entziehen[679]; in
Dänemark und Schweden gewinnen sie die Milch, indem sie Hasen zum
Vieh schicken.[680] In der Mythologie sind Hasen und Katzen
gleichbedeutend[681]; es ist daher verständlich, daß manchmal Hasen die
»Familiares« der Hexen waren[682], statt der gewöhnlichen Katzen. Selbst
die Revenant-Natur der Vampire ist in dem dänischen Glauben, daß Tote
sich in Hasen[683] verwandeln, angedeutet. Andere sonderbare
Zusammenhänge sind der russische Glaube, daß künftige Vampire bei
Lebzeiten an einer Hasenscharte kenntlich seien, und der osteuropäische,
daß ein Gestorbener ein Vampir wird, wenn eine Katze über sein Grab
läuft.[684] Ein anderer Vampirzug ist in den Ghul-Geschichten zu finden,
die bei mehreren Prozessen erzählt wurden[685], von Hexen, die die
Leichen von Zauberern aufgruben und fraßen. So wie die Hexen kann der
dalmatinische Koslak, der tatsächlich ein Vampir ist, das Wetter
vorhersagen und schneller reisen als andere Leute.[686] Der Hexenglaube
verschmilzt, so angesehen, an allen Punkten mit den bereits erörterten
Erscheinungen.
[Fußnote 672: Goerres. Christliche Mystik, 1842, Band 4, S. 2, 216.
Meyer. Indogermanische Mythen, 1883, Band 2, S. 528. Krauß. Op. cit., S.
79.]
[Fußnote 673: S. Laurent und Nagour. Op. cit., S. 208-227.]
[Fußnote 674: Nynauld. Loc. cit.]
[Fußnote 675: Grimm. Op. cit., S. 896, 897.]
[Fußnote 676: Laistner. Op. cit., Band 1, S. 61, Band 2, S. 82.]
[Fußnote 677: Stoll. Op. cit., S. 215.]
[Fußnote 678: Rhys. Celtic Folklore, 1901, P. 690.]
[Fußnote 679: Hertz. Der Werwolf, 1862, S. 113. (An versch. Orten.)]
[Fußnote 680: Thorpe. Op. cit., Vol. 2, P. 192.]
Wir können das gegenwärtige Kapitel mit einem Zitat aus _Hansen_[687],
der ersten Autorität für unser Thema, schließen: »Die Hexenverfolgung
ist ein kulturgeschichtliches Problem, das, wenn es auch als tatsächlich
abgeschlossen gelten darf, doch mit unserer Zeit noch enger
zusammenhängt, als man auf den ersten Blick zuzugeben geneigt sein
dürfte. Die Elemente des Wahns, auf denen sie sich aufgebaut hat, werden
noch heute fast ausnahmslos in den Lehren der geltenden religiösen
Systeme weitergeführt ..... Von der Verantwortung für seine Entstehung
wird die Menschheit sich aber doch erst dann ganz entlastet fühlen
können, wenn sie auch den kläglichen, noch nicht überwundenen Rest der
ihm zu Grunde liegenden Wahnvorstellungen ausgeschieden haben wird, der
trotz aller inneren Haltlosigkeit in den herrschenden religiösen
Systemen noch heute sein Dasein fristet.«
[Fußnote 681: Im Englischen bedeutet »puss« entweder Katze oder Hase.]
[Fußnote 682: Elton. Origins of English History, P. 297.]
[Fußnote 683: Thorpe. Loc. cit.]
[Fußnote 684: Mannhardt. Zeitschr. f. Deutsche Mythologie, Jahrg. 4, S.
260.]
[Fußnote 685: De Lancre. Op. cit., Pp. 199, 402.]
[Fußnote 686: Krauß. Op. cit., S. 125.]
[Fußnote 687: Hansen. Op. cit., Vorwort 7 und S. 538.]
VIII.
Schluß.
Es wird vielleicht von Nutzen sein, hier einen Rückblick auf die
charakteristischen Eigenschaften, die den fünf eben untersuchten
Erscheinungen gemeinsam sind, zu versuchen. In erster Linie stellen sie
alle Konstruktionen aus zahlreichen Elementen dar, die nicht nur vorher
im Glauben der europäischen Völker selbständig existierten, sondern auch
bis zum heutigen Tage in weit auseinander liegenden Teilen der Erde zu
finden sind. Für die Zusammensetzung der Bestandteile war jedesmal
die Kirche ursprünglich verantwortlich, in vier Fällen die
römisch-katholische Kirche und im fünften die griechische. Der Glaube an
diese Erscheinungen stand, nach ungefährer Annahme, drei Jahrhunderte
lang allgemein fest; nach Ablauf dieser Zeit verschwand er nicht,
sondern löste sich in seine ursprünglichen Elemente auf. Auch der voll
entwickelte Glaube fristet sich noch im ungebildeten Teile der
Volksgemeinschaft fort und, daß dies keineswegs selten der Fall ist,
wird dadurch bewiesen, daß der Schreiber dieser Zeilen selbst mit Leuten
zusammentraf, welche von der Wahrheit des Glaubens, wie er im
Mittelalter verbreitet gewesen ist, überzeugt waren. Der Glaube an die
einzelnen Elemente ist viel weiter verbreitet und kann in gewissen
Fällen auch bei gebildeten Leuten gefunden werden. Während des
Mittelalters hatte der Glaube an jene Erscheinungen die Neigung,
epidemische Formen anzunehmen, und gab dann meistens Anlaß zu
furchtbaren Leiden und einem fast ohne Parallele dastehenden Ausbruch
gemeinsamen Verfolgungsgeistes.
Die fünf Glaubensphänomene waren stark untereinander verschlungen und in
mehr als einer Hinsicht geht eines fast unmerkbar in das andere über.
Ihre psychologische Bedeutung hängt noch inniger zusammen als ihre
äußere Gestalt. Die tatsächliche Formulierung nach Erreichung der
vollständigen Entwicklung wurde durch eine Mehrheit von Faktoren
beeinflußt, die hauptsächlich sozialer und religiöser Natur waren,
weshalb ihre Analyse zunächst ein historisches Problem ist. Die
bedeutsamsten waren der Haß der Kirche gegen jede Art der
außerkirchlichen Anbetung, die ihr mit Ungehorsam gegen Gott
gleichbedeutend schien, ihre abnorm übertriebenen Anstrengungen im
Dienst der Sexualverdrängung und ihr besonderer Abscheu vor dem Inzest.
Die Elemente, aus denen sich die Erscheinungen zusammensetzten, waren
alle Projektionen des unbewußten verdrängten sexuellen Materials nach
außen. An diesem Material sind zwei Eigenschaften vor allem
bemerkenswert, das Hervortreten inzestuöser Wünsche und infantiler Züge.
Die Phänomene können psychologisch als Phobien bezeichnet werden, deren
latenter Inhalt verdrängte inzestuöse Wünsche bilden.
Ihre Beziehungen zum Alptraum sind besonders nahe. In der Intensität
ihres Angstaffektes werden sie von keiner anderen Erfahrung erreicht,
außer von jener der Alp- und verwandten Angstträume. In manchen ihrer
Züge enthalten sie eine für Angstträume höchst charakteristische
Symbolik; von diesen sei besonders erwähnt: die plötzliche Verwandlung
einer Person in eine andere oder in irgend ein Tier, das Vorkommen
phantastischer und unmöglicher Tierformen, die Schwankungen des
betreffenden Objekts zwischen höchstem Anreiz und stärkstem Abscheu, die
scheinbar gleichzeitige Existenz derselben Person an zwei verschiedenen
Orten, das Fliegen oder Reiten durch die Luft und die Wiedergabe
sexueller Akte als peinliche Angriffe. Der eigentliche Mittelpunkt des
latenten Inhaltes sowohl beim Alptraum als bei den fünf von uns
untersuchten Phänomenen wird durch die verdrängten inzestuösen Wünsche
gebildet. Bei vier der letzteren sind auch andere sexuelle Wünsche,
verschiedene Perversionen im latenten Inhalt vorhanden, ebenso im Falle
der Angstträume, die nicht zum Alpdruck-Typus gehören. Ferner trat auch
beim Alptraum manchmal die Neigung auf, wie jene epidemische Form
anzunehmen.[688] Die ausgedehnte Übereinstimmung, die zwischen dem
Alptraum und diesen Formen des Aberglaubens nicht bloß hinsichtlich
ihrer wesentlichen psychologischen Bedeutung, sondern auch an vielen
Punkten ihrer Oberfläche bestand, macht es sehr wahrscheinlich, daß die
wirkliche Traumerfahrung bei der Ermöglichung ihrer Konstruktion, für
welche sie ja die unerläßliche Basis abgab, von erheblichem Einfluß war.
[Fußnote 688: Siehe z. B. Laurent, zitiert bei Parent, Grand
Dictionnaire de Médecine, T. XXXIV, Art. Incubi.]
Eine enge Analogie kann zwischen unseren Erscheinungen und den
psycho-neurotischen Symptomen nachgewiesen, ja ihre Identität in weitem
Ausmaße konstatiert werden. Wie diese entstammen sie verdrängten
sexuellen Wünschen der frühen Kindheit, die verhältnismäßig unsichtbar
blieben, bis äußere Umstände die Annahme gewisser scharf umrissener
Äußerungsformen herbeiführten. Das allmähliche Verschwinden ging auch
auf dieselbe Art und Weise vor sich, wie bei neurotischen Symptomen eine
spontane Heilung eintritt; diese hängt nämlich teils von einer Erhöhung
der Verdrängung ab, teils davon, daß die zu Grunde liegenden Strebungen
einen neuen Abflußkanal ausfindig machen. Beide Vorgänge spielten bei
dem Verschwinden jener fünf Bildungen des Aberglaubens eine Rolle, wie
im vorigen Kapitel gezeigt wurde: erhöhte Schärfe des wissenschaftlichen
Denkens in Verbindung mit den intensiven Sexual-Verdrängungen lassen sie
als ungeeignete Ausdrucksform der begrabenen Wünsche erscheinen. Diese
Erwägungen lassen uns die künftige Entwicklung der hier behandelten
Vorgänge erraten. Die bei den Neurosen gesammelte Erfahrung zeigt, daß,
solange nicht die begründenden Faktoren gründlich beseitigt wurden --
was hier nicht der Fall gewesen ist --, das bloße Verschwinden der
Symptome keineswegs vor jeder künftigen Störung sichert; die Tendenz der
zu Grunde liegenden Strebungen, entweder durch Wiederaufnahme der alten
Symptome oder in anderen Ausdrucksformen Befriedigung zu suchen, bleibt
bestehen. Aus mannigfachen historischen Gründen muß die Annahme, daß ein
Rückfall in den alten Aberglauben möglich sei, zurückgewiesen werden und
dies wäre in unserer modernen Zivilisation auch kaum denkbar; eine
andere Gruppe von Auswegen muß deshalb gefunden werden. Welcher Art
diese sein werden, ist unschwer einzusehen; auf der einen Seite
religiöse und soziale Bigotterie und Intoleranz, auf der anderen die
Erzeugung von Psycho-Neurosen im engeren Sinne. Unsere gegenwärtigen
neurotischen und geistesgestörten Patienten sind in ausgebreitetem Maße
die Nachkommen der alten Hexen, Lykanthropen u. s. w. und ihre Symptome
sind, wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt wurde, in vieler
Beziehung gleich. Eine weitere wichtige Erwägung, die meist übersehen
wird, ist die, daß das so entstandene Leiden ebenso drückend und nicht
minder weit verbreitet ist wie die Schmerzen, welche die analogen
Vorgänge im Mittelalter verschuldeten. Man kann sich sehr ernstlich
fragen, ob ein Patient mit einer krankhaften Phobie, z. B. in bezug auf
Katzen, weniger leidet als ein Mensch, der sich vor dem Teufel fürchtet.
Dieser ist sogar in mancher Hinsicht in der besseren Lage, denn seine
Furcht wird von Freunden verstanden und als berechtigt anerkannt. Er ist
nicht gezwungen, sie geheim zu halten, um der Beschämung und dem
Schandmal zu entgehen, welches ihm durch das Bekanntwerden der Tatsache,
daß er Feigling und Weichling genug sei, seiner »eingebildeten Angst«
nachzugeben, aufgedrückt würde. Eine Furcht, die der von ihr Befallene
und seine Umgebung für vernünftig und richtig ansehen, ist leichter zu
ertragen, als eine völlig sinnlose und unvernünftige Angst vor harmlosen
Objekten, die mit den übrigen bewußten Gedanken nicht übereinstimmt und
sich sogar gegen die Überwachung durch das Bewußtsein auflehnt.
Daraus lassen sich hauptsächlich zwei Lehren ziehen, die sich auf die
Probleme der Verdrängung und der Urteilsfähigkeit beziehen. Die soziale
Seite der ersteren darf uns hier nicht beschäftigen; es wurde nur
versucht, an einem Beispiel zu zeigen, welch schreckliche Folgen die
übermäßig und unverständige Verdrängung menschlicher Triebregungen nach
sich zieht. Wir haben auch gesehen, daß es schwierig und Jahrhunderte
lang unmöglich ist, diese Konsequenzen auszurotten, wenn ihr wahrer Sinn
nicht aufgedeckt wird.
Die Beziehung unseres Themas zu dem Problem der Urteilsfähigkeit ist
ebenso bedeutsam. Für jemanden, der davon überzeugt ist, daß seine
Anschauung über einen gefühlsmäßig gefärbten, d. h. sozialen oder
religiösen Gegenstand unzweifelhaft die einzig richtige ist, läßt sich
keine gesündere Übung denken, als darüber nachzusinnen, daß die
fähigsten und schärfsten Denker des Mittelalters, Menschen, die ihm an
geistiger Begabung wahrscheinlich nicht nachstanden, ohne Zögern die
Wahrheit von Sätzen, die uns heute lächerlich vorkommen, anerkannten.
Bei der Besprechung einer Gruppe geringerer Irrtümer, die durch
unbewußte Einflüsse herbeigeführt wurden, bemerkte Freud[689] mit
Nachdruck: »Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht Grund hat, die
gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der ungleich
wichtigeren _Urteilsirrtümer_ der Menschen im Leben und in der
Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und ausgeglichensten
Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der wahrgenommenen äußeren
Realität vor der Verzerrung zu bewahren, die es sonst beim Durchgang
durch die psychische Individualität des Wahrnehmenden erfährt.« Eines
der Hauptziele der Wissenschaft und Kultur ist es, eine objektive
Anschauung von Kultur und Leben zu erringen. Die Hindernisse, die aus
bewußten Hemmungen kommend, sich der Erreichung dieses Zieles
entgegenstellen, wurden bis zu einem gewissen Grade überwältigt; wir
beginnen nun die schwierigere, aber wichtigere Arbeit, die aus dem
Unbewußten stammenden Hindernisse wegzuräumen. Der erste Schritt in
dieser Richtung ist die Bemühung, die Natur und Betätigungsform dieser
unbewußten Einflüsse, die das bewußte Urteil schädigen und verdrehen,
genau zu durchleuchten. Freud hat in vorbildlicher Weise einen Weg
gebahnt, den zu wandeln jetzt möglich ist; und wenn dies geschieht, wird
die Menschheit in Hinkunft weniger Entschuldigung haben für die
schwarzen Seiten, die das Buch ihrer Geschichte schänden, wie es die
hier untersuchten Formen des Aberglaubens tun.
[Fußnote 689: Freud. Zur Psychopathologie des Alltagslebens, Dritte
Auflage, 1910, S. 121.]