Ihr Vater war General, und die Mutter starb ihr früh. Seitdem wurde das
Haus meist von Herren besucht. Und der Vater erzog sie selber.
Sie ritt mit ihm aus, sah sich die Manöver an, wohnte Schauturnen bei,
machte Kontrollversammlungen mit.
Da der Vater unter allen, die in seinen Verkehrskreis kamen, den
höchsten Rang einnahm, bezeigten ihm alle eine Ehrerbietung, wie sie
Ebenbürtige einander niemals bezeigen. Und da sie die Tochter des
Generals war, erwies man ihr die gleiche Ehre wie dem Vater. Sie hatte
den Rang eines Generals und sie fühlte es.
Im Flur sass immer eine Ordonnanz, die sich mit furchtbarem Gerassel
erhob, wenn sie kam und wenn sie ging. Auf den Bällen wurde sie immer
von Majoren zum Tanz aufgefordert; einen Hauptmann hielt sie für eine
niedrige Menschenklasse, und die Leutnants waren für sie unartige
Jungen.
So gewöhnte sie sich daran, die Menschen nach der Rangliste zu
beurteilen; Zivilpersonen waren für sie „Fische“, dürftig gekleidete
Menschen Lumpen, arme Leute Pack.
Aber über dieser Rangskala standen die Damen. Der Vater, der alle Männer
unter sich hatte und mit Ehrenbezeigungen begrüsst wurde, sobald er sich
sehen liess, stand doch immer vor einer Dame auf, sie mochte jung oder
alt sein, küsste bekannten Damen die Hand, bediente jede Schönheit.
Dadurch bekam sie früh hohe Gedanken von der Überlegenheit des
weiblichen Geschlechts und gewöhnte sich daran, Männer für niedrigere
Wesen zu halten.
Wenn sie ausritt, hatte sie immer einen Reitknecht hinter sich. Wenn es
ihr gefiel, Halt zu machen, um sich die Landschaft anzusehen, machte er
Halt. Er war ihr Schatten. Aber wie er aussah, ob er jung oder alt war,
das wusste sie nicht. Wenn man sie gefragt, was für ein Geschlecht er
habe, hätte sie es nicht sagen können; sie hatte nie daran gedacht, dass
der Schatten auch ein Geschlecht haben könne; wenn sie in den Sattel
stieg und dabei mit ihrem kleinen Stiefel auf seine Hand trat, so war
die für sie ein gleichgültiges Ding; und sie konnte dann ihr Kleid etwas
anheben, als sei niemand zugegen.
Diese eingeborenen Rangvorstellungen durchdrangen ihr ganzes Leben. Sie
konnte mit den Töchtern des Majors oder des Hauptmanns nie vertraut
werden, denn deren Väter standen unter ihrem Vater. Auf einem Ball hatte
ein Leutnant einmal gewagt, sie aufzufordern. Um seine Vermessenheit zu
bestrafen, antwortete sie nicht, als er zwischen den Tänzen sich
unterhalten wollte. Nachher aber erfuhr sie, es sei einer der Prinzen
gewesen: da war sie untröstlich. Sie, die den Rangunterschied der
Offiziere wusste, die alle Orden und Titel kannte, sie hatte einen
Prinzen nicht erkannt. Das war zuviel.
Sie war schön, aber der Stolz gab ihren Zügen eine Starrheit, die jeden
Anbeter abschreckte. Sich zu verheiraten, daran hatte sie nie gedacht.
Die jungen Leute waren dazu nicht qualifiziert, und die Alten, die den
Rang hatten, waren zu alt. Wenn sie sich mit einem Hauptmann verheiratet
hätte, würde sie ja bei Tisch hinter allen Majorsfrauen gesessen haben,
sie, die Tochter des Generals. Das wäre ja eine Degradierung gewesen.
Übrigens wollte sie durchaus kein Anhang oder eine Salonzierde für einen
Mann sein. Sie war gewohnt zu befehlen, gewohnt, dass man ihr gehorchte;
sie konnte keinem gehorchen. Das freie männliche Leben unter Männern
hatte ihr ausserdem einen entschiedenen Widerwillen gegen weibliche
Beschäftigung eingeflösst.
Spät erwachte ihr geschlechtliches Leben. Da sie zu einer alten Familie
gehörte, die väterlicherseits durch seelenloses Soldatentum, durch
Zechen und durch Schlemmen mit ihrer Kraft schlecht hausgehalten,
mütterlicherseits die Fruchtbarkeit unterdrückt hatte, um das Vermögen
nicht teilen zu müssen, schien die Natur bei Bestimmung ihres
Geschlechts in letzter Stunde gezögert zu haben; oder hatte vielleicht
nicht Kraft genug besessen, um sich für Fortsetzung der Rasse zu
entschliessen. Ihrer Gestalt fehlte das bestimmte weibliche Gepräge, wie
eine gesunde Natur es für ihre Zwecke erzeugt, und sie tat auch nichts,
um den Mängeln durch Kunst abzuhelfen.
Ihre wenigen weiblichen Kameraden fanden sie kalt, gleichgültig gegen
alles, was das Verhältnis der Geschlechter betraf. Sie selber sprach
sich geringschätzig darüber aus, hielt es für unsauber, konnte nicht
begreifen, wie sich ein Weib einem Manne hingeben könne. Die Natur war
unrein für sie und Tugend bestand für sie in reiner Wäsche, gestärkten
Röcken und heilen Strümpfen. Arm sein bedeutete für sie schmutzig und
lasterhaft sein.
Im Sommer wohnte sie mit ihrem Vater auf dem Landgut.
Das Land liebte sie nicht. Draussen in der Natur wurde sie klein; der
Wald war ihr unheimlich, der See machte sie schauern, das hohe Gras der
Wiese barg Gefahren. Die Bauern waren eine Art arglistige Tiere, und
unsauber dazu. Auch hatten sie so viele Kinder, und Burschen wie Mädchen
waren für sie lasterhaft.
Bei grossen Festen wie Mittsommer und Geburtstag des Generals wurden sie
jedoch auf den Herrenhof geladen, um wie der Chor in der Oper zu
fungieren, Hurra zu schreien, und zu tanzen, wie die Figuren auf einem
Gemälde.
* * * * *
Es war wieder Frühling. Helene war allein auf ihrer Rassestute
ausgeritten und weit hinaus ins Land gekommen. Sie wurde müde und sass
ab; band die Stute an eine Birke, die an einer umzäunten Waldweide
stand. Dann trat sie an den Rand des Grabens, um einige Orchideen zu
pflücken. Die Luft war warm, und Birken und Rasen dampften. Im Wasser
des Grabens plumpsten die Frösche.
Plötzlich wieherte die Stute, und Helene sah das schlanke Tier seinen
Hals über den Zaun strecken und mit aufgerissenen Nüstern die Luft
einsaugen.
– Alice, rief sie, still mein Mädchen!
Und dann fuhr sie fort, einen Strauss aus diesen schüchternen Blumen
zusammenzusetzen, die so sorgfältig ihre Geheimnisse hinter den
hübschsten und nettsten Gardinen verstecken, die gedrucktem Kattun
gleichen.
Aber die Stute wieherte wieder. Aus den Haselbüschen der Waldweide
antwortete ein anderes Wiehern, das aber stärker und tiefer war. Der
sumpfige Boden der Waldweide dröhnte, die Sterne rasselten unter
gewaltigen Hufschlägen, und heran trabte ein schwarzer Hengst. Der Kopf
war stark, der Hals gespannt, und die Muskeln lagen in Wulsten unter der
glänzenden Haut. Die Augen leuchteten, als sie die Stute erblickten.
Zuerst machte er Halt und streckte den Hals, als ob er gähnte; zog die
Oberlippe in die Höhe und zeigte die Zähne. Dann galoppierte er über das
Gras und näherte sich dem Zaun.
Helene raffte ihr Kleid und lief hin, um die Kandare zu fassen, aber die
Stute hatte sich losgerissen und setzte jetzt über den Zaun. Dann begann
das Freien.
Helene stand draussen und lockte, aber das wilde Tier hörte nicht mehr.
Drinnen jagten sich die Pferde und die Situation begann heikel zu
werden. Der Hengst schnob weissen Schaum, der wie Rauch aus den Nüstern
kam.
Helene wollte fliehen, denn die Szene flösste ihr Entsetzen ein. Sie
hatte noch nie gesehen, wie die Naturmacht in lebendigen Körpern rast.
Bis zum äussersten war sie erregt über diesen unverhüllten Ausbruch.
Sie dachte hinzulaufen und ihre Stute zu holen, aber sie fürchtete den
wilden Hengst. Sie wollte forteilen und um Hilfe rufen, aber dann hätte
sie ja Zeugen erhalten. Sie kehrte dem Auftritt den Rücken und beschloss
zu warten.
Da war Pferdegetrappel auf der Landstrasse zu hören. Ein Wagen rollte
heran.
Helene konnte nicht fliehen, und sie schämte sich zu bleiben. Aber es
war zu spät, denn die Kalesche fuhr langsamer und stand unmittelbar vor
ihr still.
– Aber das ist schön, sagte die eine Dame, die im Wagen sass, und nahm
ihre goldene Lorgnette, um sich das Naturschauspiel, das jetzt in vollem
Gang war, anzusehen.
– Aber warum halten wir denn, schrie die andere Dame. Fahren Sie doch
weiter!
– Ist das nicht schön? antwortete die ältere Dame.
Der Kutscher lächelte in seinen grossen Bart und trieb die Pferde an.
– Du bist so prüde, meine liebe Amalie, sagte die erste Stimme. Für mich
ist es wie ein Gewitter oder eine Sturzsee ...
Mehr konnte Helene nicht hören. Sie war ganz vernichtet von Ärger,
Scham, Entsetzen.
Da kam ein Bauernknecht des Weges. Helene eilte ihm entgegen, um ihn
nicht das Schauspiel sehen zu lassen und zugleich um seine Hilfe zu
bitten. Aber er war bereits zu weit heran gekommen.
– Ich glaube, das ist der Schwarze des Müllers, sagte er mit ernster
Miene. Dann ist das Beste, zu warten, bis es vorbei ist, denn mit dem
ist nicht zu spassen. Wenn Fräulein nach Haus gehen wollen, werde ich
den Gaul nachbringen.
Froh, aus der Sache herauszukommen, eilte Helene davon.
Als sie nach Haus kam, war sie krank.
Die Stute wollte sie nicht wieder sehen. Die war unrein.
* * * * *
Dieses unbedeutende Ereignis hatte einen grösseren Einfluss auf Helenes
seelische Entwicklung, als zu erwarten war. Der brutale Ausbruch eines
Naturtriebes, dessen unverhüllte Darstellung einem Menschen Gefängnis
einbringt, verfolgte sie, als habe sie einer Hinrichtung beigewohnt. Er
störte ihre Gedanken am Tage und ihre Träume bei Nacht. Er steigerte
ihre Furcht vor der Natur, und sie brach mit ihrem früheren
Amazonenleben. Schloss sich ein und begann zu lesen.
Es war eine Bibliothek auf dem Gut vorhanden. Aber das Unglück wollte,
dass sie seit dem Tode des Grossvaters nicht vermehrt worden war. Alle
Bücher waren also ein Menschenalter zu alt, und Helene fand veraltete
Ideale. Zuerst fiel ihr „Corinna“ von Frau von Staël in die Hände. Der
Band war so in ein Fach hineingestellt, als sei er zu besonderer
Benutzung bestimmt, und das war er auch. In Grün und Gold gebunden, mit
abgegriffenem Schnitt, mit Bemerkungen und Unterstreichungen versehen,
die von der verstorbenen Mutter herrührten, wurde das Buch für die
Tochter ein geistiger Verkehr mit der Toten, deren Bekanntschaft das
erwachsene Mädchen damit erneuerte. Es war eine ganze Seelengeschichte,
diese Aufzeichnungen mit Bleistift. Das Missvergnügen mit der Prosa des
Lebens und der Roheit der Natur feuerte die Phantasie an, sich eine
Traumwelt zu bauen, in der die Seelen ohne Körper lebten. Diese Welt war
aristokratisch, denn sie verlangte wirtschaftliche Unabhängigkeit, nur
um der Seele Gedanken schenken zu können. Es war das Evangelium der
Reichen, diese Gehirnentzündung, die Romantik genannt wird und die
lächerlich wurde in ihrer Kläglichkeit, als sie zur Unterklasse hinunter
drang.
Aus Corinna machte Helene nun ein Ideal: die Dichterin, die Eingebungen
von oben erhielt, die gleich der Nonne des Mittelalters das Gelübde der
Keuschheit ablegte, um ein reines Leben zu führen, die natürlich von
einer glänzenden Menge bewundert wurde, erhob sich über die kleinen
Sterblichen des Alltags. Es war nichts anderes als das Generalideal, nur
übertragen: Ehrenbezeigen, Gewehrrufe, erster Platz. Dass Frau von Staël
selber das Corinnaideal überlebte und erst von Bedeutung wurde, als sie
sich mit der Wirklichkeit befasste, wusste Helene nicht.
Sie gab jede Beschäftigung mit der äusseren Welt auf, zog sich in sich
selber zurück und grübelte über ihr Ich. Das Erbe, das die Mutter ihr in
den posthumen Anmerkungen hinterlassen, begann zu keimen. Sie
identifizierte sich mit Corinna und mit der Mutter und verwendete viel
Zeit darauf, über ihren Beruf nachzudenken. Dass sie von der Natur für
das Geschlecht bestimmt sei, dass sie die Pflicht habe, für das Keimen
und Wachsen des Eies zu sorgen, das die Natur in ihren Körper
niedergelegt, das wies sie weit von sich. Die Menschheit darüber
aufzuklären, was Frau von Staëls Corinna vor fünfzig Jahren gedacht
hatte, das war ihr Beruf; aber sie bildete sich ein, es seien ihre
eigenen Gedanken, die nach Ausdruck rangen.
Sie begann zu schreiben. Eines Tages versuchte sie es mit Versen. Es
gelang. Die Zeilen wurden gleich lang und die letzten Worte reimten
sich. Da ging ihr ein Licht auf: sie war zur Dichterin geboren. Blieben
nur noch die Gedanken, und die konnte sie aus „Corinna“ nehmen.
So entstanden eine Menge Gedichte.
Nun sollte aber auch die Welt damit beglückt werden, und das konnte nur
durch den Druck geschehen. Eines Tages sandte sie ein Gedicht mit dem
Titel „Sappho“ an die Illustrierte Zeitung und zeichnete Corinna. Mit
klopfendem Herzen trug sie den Brief zur Post, und als sie ihn in den
Kasten legte, betete sie leise zu „Gott“.
Die vierzehn Tage, die folgten, waren furchtbar. Sie ass nicht, schlief
kaum und suchte die Einsamkeit.
Am ersten Sonnabend, als die Zeitung kam, zitterte sie wie bei einem
Fieber; und als sie ihr Poem weder gedruckt sah, noch ein Wort im
„Briefkasten“ fand, fiel sie zusammen.
Am nächsten Sonnabend, als sie wenigstens eine Antwort bestimmt erwarten
konnte, nahm sie die Zeitung, ohne sie aufzumachen, mit in den Wald.
Dort, tief in einem Dickicht, zog sie das Blatt heraus, nachdem sie sich
nach allen Seiten umgesehen, ob auch niemand auf der Lauer stehe; dann
schlug sie die Zeitung auf und liess das Auge über die Spalten gleiten.
Da stand ein einziges Gedicht, das hiess „Bellmanstag“. Dann aber glitt
das Auge zum Briefkasten hinunter. Beim ersten Blick, den sie auf die
Zeilen in kleinem Druck warf, fuhr sie zusammen, ihre Finger packten die
Zeitung, rollten sie zu einem Ball und warfen den ins Gebüsch. Dann
starrte sie unablässig auf den weissen Fleck, den das Papier im Gebüsch
bildete. Diese Beschimpfung war die erste, die sie in ihrem Leben
empfangen hatte. Sie war auch ganz aus dem Sattel geworfen. Dieser
unbekannte Zeitungsschreiber hatte gewagt, was noch niemand gewagt: er
hatte ihr eine Unhöflichkeit gesagt. Sie hatte ihre Verschanzungen
verlassen und sich auf ein Feld begeben, auf dem die Rangliste wenig
bedeutete, auf dem die Naturmacht siegte, die Talent genannt wird. Vor
diesem Talent beugte sich selbst die Macht, wenn sie es nicht länger
leugnen konnte. Aber der Unbekannte hatte sie auch als Weib verletzt. So
hatte er sich zu schreiben erlaubt:
– Corinna von 1807 hätte Essen gekocht und Kinder gewiegt, wenn sie nach
1870 gelebt hätte. Aber Sie sind keine Corinna!
Da hörte sie zum ersten Mal _den_ Feind, den Erzfeind, den Mann. Kochen
und wiegen! Der sollte mal sehen!
Helene ging nach Haus. Sie fühlte sich so vernichtet, dass die Muskeln
kaum den schlaffen Nerven gehorchten.
Als sie aber ein Stück gegangen war, kehrte sie ganz plötzlich um. Wenn
einer die Zeitung fände! Dann wäre sie verraten. Sie ging zurück, nahm
eine Gerte, zog das Blatt aus den Büschen hervor und glättete es. Dann
hob sie eine Moosscholle auf, versteckte das Blatt darunter und rollte
einen Stein darauf. Es war eine Hoffnung, die da begraben wurde, aber
auch ein Beweis. Dass sie schuldig war? Ja, so fühlte sies! Als habe sie
ein Unrecht getan. Als habe sie sich vor dem andern Geschlecht
entblösst!
Nach diesem Tage begann sie einen neuen Kampf mit sich selber. Der
Ehrgeiz und die Furcht vor der Öffentlichkeit kämpften miteinander, ohne
dass es zu einer Entscheidung kam.
* * * * *
Im Herbst starb der Vater. Da er nachts Karten gespielt hatte, ohne
Glück zu haben, hinterliess er Schulden. Da er aber General war, so
machte das nichts aus. Helene brauchte sich nicht in einen Zigarrenladen
zu stellen, sondern wurde von einer bisher unsichtbaren Tante
aufgenommen.
Doch trat mit dem Tod des Vaters eine völlige Veränderung in ihrem Leben
ein. Alle Ehrenbezeigungen hörten von selber auf; die Offiziere des
Regiments begannen ihr onkelhaft zuzunicken, und die Leutnants wagten
sie auf den Bällen zum Tanz aufzufordern. Jetzt merkte sie selbst, dass
ihre Hoheit nicht in ihrem persönlichen Wert gelegen, sondern geliehen
war. Sie fühlte sich degradiert und empfand eine lebhafte Sympathie für
alle Subalternen; ja sie fühlte, wie eine Art Hass in ihr wuchs gegen
alle, welche die Vorrechte des Ranges genossen, den sie früher
bekleidet. Damit wuchs auch das Bedürfnis, persönliche Anerkennung zu
erringen, einen Rang zu erreichen, der jeden andern übertraf, wenn er
auch nicht in der Rangliste stand.
Sie wollte sich auszeichnen, durchdringen, und, warum nicht, herrschen.
Sie besass ein Talent, das sie auszuüben gewagt, obwohl sie es noch
nicht über den Durchschnitt erhoben hatte: sie spielte Klavier. Jetzt
begann sie Harmonie zu studieren und sprach von der G-mollsonate und der
Fis-dursymphonie, als habe sie sie selber geschrieben. Und damit begann
sie Tonkünstler zu fördern.
Ein halbes Jahr nach dem Tode des Vaters wurde ihr eine Stellung als
Hoffräulein angeboten. Sie nahm an. Damit stellten sich wieder
Trommelwirbel und Gewehrrufe ein, und Helene begann ihre Sympathien für
Subalterne zu verlieren. Aber der Sinn ist unbeständig wie das Glück,
und Helene bekam mit neuen Erfahrungen neue Ansichten.
Sie entdeckte nämlich eines Tages, und zwar recht bald, dass sie
Dienerin war. Die Herzogin und sie sassen im Schlossgarten. Die Herzogin
häkelte.
– Ich finde, diese Blaustrümpfe sind dumm, sagte die Herzogin.
Helene wurde aschgrau im Gesicht und fixierte ihre Herrin. Darauf
antwortete sie:
– Das finde ich nicht.
– Ich habe nicht zu wissen verlangt, was Sie finden, antwortete die
Herzogin und liess ihr Knäuel auf den Weg rollen.
Helene zitterten die Beine, sie sah Zukunft und Stellung in einem Zuge
an sich vorbei sausen. Dann ging sie, um das Knäuel zu holen. Es krachte
in der Taille, als sie sich niederbeugte, und sie war flammend rot, als
sie das Knäuel zurückgab, ohne einen Dank zu erhalten.
– Sind Sie böse? fragte die Herzogin und sah das Opfer mit einer
impertinenten Miene an.
– Nein, Königliche Hoheit, log Helene.
– Man hat gesagt, Sie seien ein Blaustrumpf, fuhr die Herzogin fort. Ist
das wahr?
Helene fühlte sich entkleidet und antwortete nichts.
Das Knäuel fiel wieder. Helene stellte sich, als sehe sie nichts, und
biss sich in die Lippe, um die Tränen des Ärgers zurückzuhalten.
– Bitte, reichen Sie mir mein Knäuel, sagte die Herzogin.
Helene richtete sich auf, sah der Despotin ins Auge und sagte:
– Nein, das will ich nicht.
Und damit ging sie. Der Sand knirschte unter ihren Stiefeln, und die
Schleppe wirbelte Staubwölkchen auf. Sie lief beinahe die Treppe
hinunter und verschwand.
Damit war ihre Laufbahn am Hof zu Ende. Aber ein Stachel blieb sitzen.
Helene musste jetzt fühlen, was es heisst, in Ungnade gefallen zu sein;
und noch deutlicher wurde ihr, was es heisst, seine Stellung aufzugeben.
Die Gesellschaft liebt es nicht, dass man seine Stellung wechselt, und
niemand konnte verstehen, wie sie aus freiem Willen den Sonnenschein des
Hofes hatte verlassen können. Sie war natürlich „fortgejagt“. Das war
der Ausdruck: Fortgejagt! Das war die grösste Demütigung, die sie
erlitten; das war eine Beschimpfung. Sie kam sich wie eine Deklassierte
vor; sie sah, wie sich Verwandte von ihr zurückzogen, als fürchteten
sie, die Ungnade werde sie anstecken. Sie sah, wie Freundinnen bei der
Begegnung kühl wurden und die Begrüssung auf ein Minimum beschränkten.
Andererseits aber wurde sie mit einer rührenden Vertraulichkeit von der
Mittelklasse aufgenommen, der sie sich von ihrer früheren Höhe näherte.
Doch verletzte sie deren Freundlichkeit zuerst mehr als die Kälte der
andern; schliesslich aber fand sie es besser, dort unten die Erste als
dort oben die Letzte zu sein: Sie ging also zu einer Gruppe von
Zivilbeamten und Universitätslehrern über, von der sie mit offenen Armen
empfangen wurde. Bei der abergläubischen Ehrfurcht, welche die
Mittelklasse vor dem Schloss hat, wurde sie sofort Gegenstand von
Huldigungen. Sie ward selber General und beeilte sich, eine Truppe zu
bilden. Eine Reihe junger Gelehrter nahm sofort Sold, und sie begann
Vorlesungen für Frauen zu veranstalten. Alter akademischer Plunder wurde
zusammengelesen, abgestaubt und als neue Ware verhökert. In einem
ausgeräumten Speisesaal wurde über Plato und Aristoteles gelesen vor
einem Publikum, das natürlich nicht die Schlüssel zu diesem
Heiligenschrein von Weisheit besass.
Helene fühlte sich der unwissenden Aristokratie überlegen, als sie diese
Freimaurergeheimnisse eroberte. Diese angebliche Überlegenheit gab ihrem
Auftreten eine Sicherheit, die imponierte. Die Männer verehrten sie
wegen ihrer Schönheit und Unnahbarkeit; sie aber empfand nie etwas
Beunruhigendes in der Gegenwart von Männern. Deren Huldigung nahm sie
als Tribut hin, den sie der Frau schuldig waren, und eine Achtung vor
diesen Bedienten, die von ihrem Sitz aufsprangen und sich in Positur
stellten, wenn sie vorbeikam, konnte sie nicht empfinden.
Aber ihre Stellung als Unverheiratete war auf die Dauer nicht
befriedigend, und sie sah mit Neid, welche Freiheit die verheirateten
Frauen genossen. Sie konnten sich frei auf der Strasse bewegen, mit
jedem Herrn sprechen, abends ausbleiben, solange sie wollten, und immer
hatten sie den Gatten als Bedienten, der sie abholte. Auch hatte eine
Frau mehr Rang, mehr Macht. Wie herablassend behandelten doch die
Matronen alle diese jungen Mädchen. Wenn sie aber ans Heiraten dachte,
tauchte das Abenteuer mit der Stute wieder auf, und ein Entsetzen
überkam sie, das sie krank machte.
Als das zweite Arbeitsjahr begann, erschien in Helenes Kreis eine
Professorenfrau aus Uppsala, die mit ihrer Stellung körperlichen Reiz
vereinigte. Helenes Stern erbleichte, und alle ihre Anbeter fielen ab,
um die neue Sonne zu verehren. Da Helene nicht mehr ihren früheren
gesellschaftlichen Rang besass und der Duft vom Hofe verdunstet war wie
das Parfüm von einem Taschentuch, wurde sie geschlagen. Der Einzige, der
ihr treu blieb, war ein Dozent der Ethik, der sich bisher nicht
vorzudrängen gewagt hatte. Jetzt war seine Zeit gekommen. Seine
Aufmerksamkeit wurde gut aufgenommen, und seine strenge Ethik flösste
ihr ein unbegrenztes Vertrauen ein. Da er ihr fleissig den Hof machte,
fingen die Leute an zu klatschen; daran kehrte sich Helene aber nicht;
darüber war sie erhaben.
Eines Abends sassen sie in dem ausgeräumten Speisesaal auf ihren
Rohrstühlen, nachdem der Dozent gegen freie Reise und einen Händedruck
diesen Vortrag gehalten hatte:
Das ethische Moment in der ehelichen Liebe
oder
Die Ehe als Manifestation der absoluten Identität.
– Sie meinen also, fuhr Helene fort, dass die Ehe ein
Koexistenzverhältnis zwischen zwei identischen Ichs ist?
– Ich meine, wie ich schon die Ehre gehabt habe, in meinem Vortrag
auszusprechen, dass das Sein nur unter dem Relationsverhältnis zweier
kongruenter Identitäten in ein Werden von höherer Potenz konfluieren
kann.
– Was ist ein Werden? fragte Helene und errötete.
– Das ist die Postexistenz zweier Vitalitäten in einem neuen Ich.
– Was? Sie meinen, dass die Kontinuität des Ich, die durch die
Kohabitation zweier analoger Sein sich notwendig in einem Werden
inkorporieren wird ...
– Nein, mein Fräulein, ich wollte nur sagen, dass die Ehe, um die
profane Sprache zu benutzen, nur unter der Kompatibilität der Seelen ein
neues geistiges Ich durch Reciprocität erzeugen wird, das nicht als
Sexus differentiiert werden kann. Ich will sagen, dass das neue Wesen,
das in der Ehe geboren wird, ein Konglomerat von Mann und Frau sein
wird; ein neues Wesen, in dem beide ihre Persönlichkeit aufgegeben
haben, eine Einheit in der Vielheit, ein, um einen bekannten Ausdruck zu
gebrauchen, ein homme-femme. Der Mann wird aufhören Mann zu sein und das
Weib Weib zu sein.
– Das ist die Verbindung der Seelen! rief Helene aus, froh an den
schweren Klippen vorbei gekreuzt zu haben.
– Das ist die Harmonie der Seelen, von der Plato spricht. Das ist die
wahre Ehe, so wie ich sie geträumt habe, die ich aber leider, hm, unter
dieser Form kaum verwirklicht sehen werde. Hm!
Helene sah nach der Decke hinauf und sagte flüsternd:
– Warum sollten Sie nicht, als ein Elitegeist, diesen Traum verwirklicht
sehen?
– Weil die, welche meine Seele anzieht, nicht an die, hm, Liebe glaubt.
– Das ist ja noch nicht entschieden.
– Wenn sie es täte, würde sie immer von dem Verdacht gequält werden, das
Gefühl sei nicht aufrichtig. Übrigens, es gibt keine Frau, die mich
lieben würde. Keine!
– Doch, sagte Helene und sah ihm in sein Emailauge. (Er hatte nämlich
ein Emailauge, das sehr gut gemacht war.)
– Sind Sie davon überzeugt?
– Ja, sagte Helene. Denn Sie sind nicht wie andere Männer! Sie
verstehen, was die Liebe der Seelen ist! Der Seelen!
– Wenn es die Frau gäbe, würde ich doch keine Ehe mit ihr schliessen.
– Warum nicht?
– Im selben Zimmer hausen!
– Das ist nicht notwendig! Frau von Staël wohnte nur in derselben
Wohnung wie ihr Mann.
– Wirklich?
– Was ist das für ein interessantes Gespräch, in das sich die
Herrschaften vertiefen? fragte die Professorin, die in diesem Augenblick
aus dem Salon trat.
– Wir sprachen von Laokoon, antwortete Helene und stand auf, verletzt
von dem überlegenen Ton, den die Professorin anschlug. Und damit war ihr
Entschluss gefasst.
Acht Tage später wurde die Verlobung zwischen dem Dozenten und Helene
verkündigt. Sie wollten im Herbst heiraten und sich in Uppsala
niederlassen.
* * * * *
Man hatte dem Dozenten der Ethik ein glänzendes Bankett gegeben, um
seinen Abschied vom Junggesellenleben zu feiern. Es war unerhört
getrunken werden, und der einzige Künstler der Stadt, der Zeichenlehrer
an der Domschule, hatte in gewaltigen Kartons das bisherige
Geschlechtsleben des Opfers historisch geschildert. Das war der
Glanzpunkt des Festes. Die Ethik war ein Lehrstoff und eine Milchkuh wie
viele andere, aber für das bürgerliche und private Leben hatte sie keine
Bedeutung. Der Dozent war kein Heiliger gewesen, sondern hatte wie alle
andern seine Abenteuer hinter sich; die waren allgemein bekannt, weil er
keine Veranlassung gehabt, sie geheim zu halten. Mit ungezwungenem
Lächeln sah er daher zu, wie sie, in Kohle und Farbe dargestellt, sich
abrollten, von lustigen Versen begleitet. Als jedoch zuletzt seine
nahende Seligkeit in einfachen aber kräftigen Zügen geschildert wurde,
fühlte er sich tief verlegen, und wie ein Blitz durchfuhr es sein
Gehirn: Wenn Helene das sähe!
Nach dem Bankett, auf dem er nach alter ehrlicher Sitte acht Glas
Branntwein getrunken hatte, war er so berauscht, dass sich seine
Befürchtungen in vertraulichen Mitteilungen äusserten. Unter den
Gastgebern war auch ein verheirateter Mann, und an den wendete sich der
Verbrecher, um Rat und Auskunft einzuholen. Da sie alle beide betrunken
waren, wählten sie als geheimen Ort der Beratung zwei Stühle, die mitten
im Saal unter dem Kronleuchter standen. Sie waren denn auch bald von
einer lauschenden Menge umringt.
– Hör mal! Du bist ein verheirateter Mann, begann der Dozent und schrie
möglichst laut, um, wie er glaubte, von den Umstehenden nicht gehört zu
werden. Du musst mir ein Wort sagen, aber nur eins, denn ich bin heute
abend ausserordentlich empfindlich, besonders in dieser Frage.
– Ich will dir, Bruder, nur ein Wort sagen, nur eins, schrie der Freund
und legte seinen Arm um den Hals des andern, um zu flüstern; dann fuhr
er laut schreiend fort: Jede Handlung, hoc est jeder Actus, zerfällt in
drei Momente, mein Bruder, Progressus, Culmen, Regressus. Über den
Progressus will ich sprechen, vom Culmen spricht man nicht. Ja, siehst
du, die Initiative, um sie so zu nennen, die kommt dem Mann zu, die ist
dein Teil! Du musst also die Initiative ergreifen, du musst
einschreiten, verstehst du!
– Wenn aber die andere Partei die Initiative nicht billigt?
Der Freund sah den Novizen verdutzt an; stand auf und kehrte ihm mit
einem verächtlichen Blick den Rücken.
– Narr! sagte er.
– Danke! war alles, was der dankbare Schüler antworten konnte.
Jetzt war ihm die Sache klar.
Am nächsten Tage hatte er Feuer im Leib von all den starken Getränken,
die er vertilgt; er ging hin und nahm ein warmes Bad, denn er sollte
sich am dritten Tag verheiraten.
* * * * *
Die Hochzeitsgäste waren gegangen, die Dienstboten hatten im Esssaal
abgedeckt, sie waren allein.
Helene war verhältnismässig ruhig, er aber war recht nervös. Ihre
Verlobungszeit war in ernsten Gesprächen hingegangen; nie waren sie wie
andere Verlobte gewesen, hatten einander nicht umarmt, einander nicht
geküsst. Jedes Mal, wenn er sich ihr hatte nähern wollen, hatten Helenes
kalte Blicke ihn entwaffnet. Aber er liebte sie, wie ein Mann eine Frau
liebt: sowohl körperlich wie seelisch.
Sie gingen auf dem Teppich des Salons auf und ab und suchten nach einem
Gesprächsstoff. Aber ein eigensinniges Schweigen herrschte. Die Lichter
der Krone waren niedergebrannt, und das Stearin tropfte in langen
Tropfen über die Manschetten. Das Zimmer war von dem Geruch der Speisen
und den Dünsten der Weine erfüllt, und auf dem Spiegeltisch lag das
Bukett Helenes und sandte betäubende Düfte von Nelke und Heliotrop aus.
Schliesslich blieb er vor ihr stehen, streckte die Arme aus und sagte in
gekünsteltem Ton, der ungezwungen klingen sollte:
– Und jetzt bist du mein Weib!
– Was willst du damit sagen? war Helenes schroffe Antwort.
Er wurde ganz entwaffnet und liess die Arme sinken. Dann aber ermannte
er sich und sagte mit verlegenem Lächeln:
– Ich will damit sagen, dass wir Mann und Weib sind.
Helene sah ihn an, als sei er berauscht, und antwortete:
– Erkläre dich!
Das konnte er eben nicht. Alle Hilfsmittel der Philosophie und der Ethik
versagten; er stand einer kalten und höchst unangenehmen Wirklichkeit
gegenüber.
Sie ist schamhaft, dachte er; das ist ihr Recht, aber ich muss
einschreiten und meine Pflicht tun.
– Hast du mich missverstanden? fragte Helene und die Stimme zitterte
ihr.
– Nein, gewiss nicht, aber, liebes Kind, hm, wir, hm ...
– Was ist das für eine Sprache? „Liebes Kind?“ Für was hältst du mich?
Und was sind deine Absichten? Albert, Albert! fuhr sie fort, ohne eine
Antwort abzuwarten, die sie nicht haben wollte. Sei gross, sei edel, und
lerne im Weibe etwas Höheres sehen als nur ein Weib! Tue das und du
wirst glücklich und gross werden!
Albert war besiegt! Von Scham vernichtet und zornig auf den falschen
Freund, der ihm einen schlechten Rat gegeben, fiel er auf seine Kniee
und stammelte:
– Verzeih, Helene! Du bist edler als ich, reiner, besser, du bist eine
bessere Natur, und du wirst mich erheben, wenn ich in die Materie
versinken will!
– Steh auf und sei stark, Albert, sagte Helene mit dem Tonfall einer
Prophetin; geh in Frieden und zeig der Welt, dass die Liebe etwas
anderes ist, als die niedrige tierische Begierde. Gute Nacht!
Albert stand auf und sah unschlüssig seiner Frau nach, wie sie in ihr
Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
Von den reinsten Gefühlen und edelsten Absichten erfüllt, ging Albert
ebenfalls in sein Zimmer. Er warf den Frack ab und steckte eine Zigarre
an. Es war ein Junggesellenzimmer, das er sich eingerichtet hatte. Ein
Bettsofa, ein Schreibtisch, einige Büchergestelle, eine Waschtoilette.
Als er sich ausgekleidet hatte, rieb er sich mit dem nassen Handtuch
kalt ab. Dann legte er sich auf sein Sofa und schlug die Abendzeitung
auf. Während er seine Zigarre rauchte, wollte er lesen. Er las einen
Artikel über Schutzzoll. Nachdem er durch diese Lektüre seine Gedanken
in ihren normalen Lauf zurückgeführt hatte, begann er über seine
Stellung nachzudenken.
War er verheiratet oder war er ein Junggeselle? Er war Junggeselle wie
vorher, nur mit dem Unterschied, dass er einen weiblichen Pensionär
hatte, der aber nicht für sich bezahlte. Der Gedanke war unangenehm,
aber er sagte die Wahrheit. Die Köchin besorgte den Haushalt und das
Hausmädchen räumte die Zimmer auf. Was sollte Helene denn tun? Sich
entwickeln! Ach, das ist ja Unsinn, dachte er, und er fand sich
lächerlich. Aber, dachte er, wenn der Freund recht hätte, wenn es nur
die gewöhnliche alberne Art der Frauen war? Sie konnte nicht gut zu ihm
kommen, also musste er wohl zu ihr gehen. Ging er nicht, so würde sie
ihn morgen vielleicht auslachen, ja, was schlimmer war, sich verletzt
fühlen. Ja, ja, die Frauen sind unbegreiflich, und der Versuch muss
gemacht werden.
Er sprang auf, warf den Schlafrock über und ging in den Salon. Mit
zitternden Knieen lauschte er, ob ein Laut aus Helenes Zimmer zu hören
sei.
Nichts! Da fasste er sich ein Herz und trat an die Tür. Blaue Blitze
funkelten ihm vor den Augen, als er klopfte.
Keine Antwort. Er zitterte am ganzen Körper und der Schweiss rann ihm
über die Stirn.
Darauf klopfte er noch ein Mal, und mit einer Fistelstimme, wie sein
trockener Mund sie nur hervorbringen konnte, sagte er:
– Ich bin es nur!
Keine Antwort! Da überkam ihn die Scham, und er kehrte wieder in sein
Zimmer zurück, verdutzt und abgekühlt.
Es war also Ernst!
Er kroch ins Bett und griff wieder zu der Zeitung.
Lange hatte er noch nicht gelesen, als er unten auf der Strasse Schritte
hörte, die allmählich langsamer wurden und schliesslich verstummten.
Dann erklangen leise musikalische Laute, und ein Doppelquartett begann:
– Integer vitae scelerisque purus ...
Er fühlte sich gerührt! Das war schön! Purus! Er fühlte sich über die
Materie erhoben. Im Zeitgeist also lag diese Mahnung, höhere Forderungen
an die Ehe zu stellen; die Jugend war von dem ethischen Strom, der die
Epoche durchdrang, ergriffen worden ...
– Nec venenatis ...
Wenn Helene geöffnet hätte!
Er nickte leise den Takt und fühlte sich so gross, so edel, wie Helene
ihn hatte haben wollen.
– Fusce pharetra!
Sollte er das Fenster öffnen und der studierenden Jugend im Namen seiner
Gattin danken.
Er stand auf!
Ein vierfaches schallendes Hohngelächter schmetterte gegen die
Fensterscheiben, gerade als er die Schnur der Rollgardine ziehen wollte.
Ja, wirklich, man lachte!
Ausser sich taumelte er ins Zimmer zurück und stiess gegen den
Schreibtisch. Er war lächerlich. Ein leiser Hass gegen die Frau, die
diese demütigende Szene verschuldet, begann in ihm zu keimen, aber seine
Liebe sprach sie wieder frei. Dann warf er sich über die schelmischen
Spassvögel, die er vor den Senat bringen wollte. Doch immer kam er auf
sich selber zurück, und er war wütend, dass er sich hatte nasführen
lassen.
Bis gegen Morgen ging er im Zimmer auf und ab, dann fiel er auf sein
Bett und schlief ein, in bitterer Trauer über ein solches Ende seines
Hochzeitstages, des schönsten Tages seines Lebens, der auch der seligste
hätte werden sollen.
* * * * *
Am nächsten Tage traf er Helene am Kaffeetisch. Sie war kalt und vornehm
wie gewöhnlich. Albert wollte sich natürlich von der Serenade nichts
merken lassen. Helene sprach von grossen Plänen für die Zukunft,
besonders über die Aufhebung der Prostitution. Albert war
entgegenkommend und versprach, zu tun, was in seiner Macht stehe. Die
Menschen müssten keusch werden, denn nur die Tiere seien unkeusch.
Dann ging er in seine Vorlesung. Da er durch die Serenade misstrauisch
geworden war, glaubte er beim Auditorium allerlei Mienenspiel zu
bemerken, und die Kollegen schienen ihm auf eine Art zu gratulieren, die
ihn kränkte.
Ein grosser, fetter, lebensfreudiger Kollege stellte sich ihm im Flur
der Bibliothek in den Weg, packte ihn beim Kragen und fragte mit
kolossalem Grinsen:
– Nun?
– Schäme dich! war das einzige, was er antworten konnte, indem er sich
losriss und auf der Treppe verschwand.
Als er nach Haus kam, war das Heim voll von Freundinnen. Frauenröcke
schlugen Albert um die Beine, und als er sich in einen Sessel setzte,
verschwand er hinter Frauenkleidern.
– Sie hatten ja ein Ständchen gestern abend, sagte die Professorin.
Albert erblasste, aber Helene nahm das Wort:
– Das war ja nicht zu viel, aber sie hätten wenigstens nüchtern sein
können. Diese Trunksucht unter der studierenden Jugend ist doch ganz
fürchterlich.
– Was haben sie denn gesungen? fuhr die Professorin fort.
– Es waren die gewöhnlichen Lieder: „Mein Leben ein Meer“ und andere,
sagte Helene.
Albert sah sie erstaunt an, musste sie aber bewundern.
Der Tag verging unter Geschwätz und Erörterungen. Albert empfand ein
gewisses Gefühl von Müdigkeit. Nach der Arbeit des Tages einige
Abendstunden mit Frauen plaudern, war ja ganz angenehm; dies war aber zu
viel. Und dann musste er zu allem ja sagen. Machte er einen Versuch, zu
widersprechen, wurde er sofort zurechtgewiesen.
Es wurde Abend, und man musste schlafen gehen. Die Gatten sagten sich
gute Nacht, und jeder ging in sein Zimmer.
Wieder begannen Zweifel und Unruhe ihn anzufechten. Er glaubte einen
zärtlichen Blick bei Helene bemerkt zu haben, und er war nicht ganz
sicher, ob sie ihm nicht die Hand gedrückt. Dann steckte er eine Zigarre
an und nahm die Zeitung. Fing er nur an von der Wirklichkeit zu lesen,
so schienen ihm die Augen aufzugehen.
– Verrückt, sagte er halblaut, indem er die Zeitung hinwarf.
Er zog den Schlafrock an und ging in den Salon.
Er hörte, dass sich in Helenes Zimmer etwas rührte.
Er klopfte.
– Sind Sie es, Luise? wurde von innen gerufen.
– Nein, ich bins nur, flüsterte er, halb den Atem im Halse.
– Was ist? Was willst du?
– Ich möchte mit dir sprechen, Helene, antwortete er beinahe bewusstlos.
Der Schlüssel im Schloss wurde umgedreht. Albert traute seinen Ohren
nicht. Die Tür wurde geöffnet.
Helene stand da, noch angekleidet.
– Was willst du? fragte sie. Da aber sah sie, dass er nur den Schlafrock
anhatte und dass seine Augen seltsam glänzten.
Mit ausgestrecktem Arm schob sie ihn zurück und schlug die Tür zu.
Er hörte einen Körper zu Boden fallen und gleich darauf ein lautes
Weinen.
Wütend, aber beschämt, kehrte er in sein Zimmer zurück. Es war also
ernst! Aber das war bestimmt nicht normal!
Er durchwachte die Nacht unter Grübeleien, und am Morgen musste er
allein Kaffee trinken.
Als er mittags nach Haus kam, empfing Helene ihn mit einer schmerzlichen
und ergebenen Miene:
– Warum hast du mir das getan? sagte sie.
Er bat um Verzeihung, aber recht kurz. Dann reute seine Kürze ihn und er
gab klein bei.
So war sein eheliches Leben ein halbes Jahr lang. Zwischen Zweifel, Wut,
Liebe wurde er hin und her geworfen, blieb aber immer an der Kette.
Sein Gesicht wurde grau, und seine Augen erloschen. Er war oft
schlechter Laune, und unter einem kalten Äussern siedete stets eine
dumpfe Wut.
Helene fand ihn verändert und despotisch, weil er zu opponieren anfing
und oft die Sitzungen verliess, um ausser dem Haus Verkehr zu suchen.
Eines Tages wurde er aufgefordert, sich um eine Professur zu bewerben.
Da er seine Mitbewerber für überlegen hielt, machte er keinen Versuch,
aber Helene bestürmte ihn so lange, bis er die Bedingungen erfüllte. Er
wurde gewählt. Warum, wusste er nicht, aber Helene wusste es.
Um dieselbe Zeit sollte ein Reichstagsabgeordneter gewählt werden. Der
neue Professor, der nie davon geträumt hatte, an öffentlichen
Angelegenheiten teilzunehmen, war ganz bestürzt, als er sich als
Kandidat aufgestellt sah. Noch mehr bestürzt war er, als er gewählt
wurde. Er dachte abzulehnen, aber Helenes Vorstellungen, wie schön es
sei, die Kleinstadt gegen die Hauptstadt vertauschen zu können,
veranlassten ihn, die Wahl anzunehmen.
Sie zogen also nach Stockholm.
Während dieses halben Jahres hatte der neue Professor und
Reichstagsabgeordnete in der Welt der Junggesellen die neuen Ideen
kennen gelernt, die von England kamen und die alte Gesellschafts- und
Moral-Lehre umschaffen wollten. Dabei fühlte er, dass der Augenblick
kommen werde, in dem er mit seiner „Pensionärin“ brechen müsse. In
Stockholm, wo neue Geister ihm Mut machten, diese Lehren, die er
innerlich schon anerkannt, auch zu bekennen, lebte er auf.
Helene dagegen witterte Konjunktur im Gegenstrom und warf sich auf die
kirchliche Seite. Da aber wurde es Albert zu viel, und er bäumte sich
auf. Seine Liebe war erkaltet, und er hielt sich „ausser dem Hause“
schadlos. Seiner Frau glaubte er dadurch nicht untreu zu werden, denn
sie hatte in einem Verhältnis, das gar nicht existierte, niemals Treue
verlangt.
Durch den Verkehr mit dem andern Geschlecht erwachte das Gefühl seiner
Männlichkeit, und bald sah er den Zustand der Erniedrigung, in dem er
lebte, ein.
Helene merkte, wie er sich von ihr löste. Ihr Zusammenleben wurde
ungemütlich, und jeden Augenblick war eine Katastrophe zu erwarten.
Es war nicht mehr lange bis zur Eröffnung des Reichstages. Helene sah
unruhig aus und schien ihren Sinn geändert zu haben. Ihr Tonfall war
weicher als früher, und ihr schien daran zu liegen, ihm alles recht zu
machen. Sie sorgte dafür, dass die Dienstmädchen das Haus in Ordnung
hielten und dass das Essen pünktlich auf den Tisch kam.
Er wurde misstrauisch und wunderte sich, beobachtete sie und hielt sich
bereit auf das, was kommen sollte.
Eines Morgens beim Kaffee sah Helene verlegener als gewöhnlich aus. Sie
zupfte an der Serviette und hustete einige Male leise und trocken.
Schliesslich fasste sie sich ein Herz und rückte mit ihrem Anliegen
heraus.
– Albert, begann sie, du wirst doch mir und der Sache, der ich diene,
einen Dienst tun?
– Was ist das für eine Sache? fragte er kurz und trocken, denn jetzt
hatte er die Oberhand.
– Du wirst doch etwas für das unterdrückte Weib tun? Nicht wahr?
– Wo ist das unterdrückte Weib?
– Was, du hast unsere grosse Sache verlassen? Du lässt uns im Stich?
– Was ist das für eine Sache?
– Die Frauenfrage!
– Die kenne ich nicht.
– Die kennst du nicht? O! Du! Ist nicht die Frau aus dem Volke in einer
ganz bedrückten Lage?
– Nein, ich kann nicht sehen, dass sie sich in einer schlimmeren Lage
befindet als der Mann aus dem Volke. Befreie ihn von seinen Ausbeutern,
und sein Weib wird auch befreit sein.
– Aber die Unglücklichen, die sich verkaufen müssen ... und die elenden
Männer ...
– Die so elend sind, dass sie bezahlen! Hat sich je ein Mann für ein
Vergnügen, das beide geniessen, bezahlen lassen?
– Darum handelt es sich nicht! Es handelt sich vielmehr darum, ob das
Gesetz nicht ungerecht ist, da es die eine aber nicht den andern
bestraft.
– Das ist keine Ungerechtigkeit. Die eine hat sich zu einer Quelle der
Ansteckung erniedrigt, deshalb behandelt der Staat sie wie einen tollen
Hund. Wenn du einen Mann triffst, der sich so tief erniedrigt, gut, dann
stelle ihn auch unter polizeiliche Aufsicht. Ach, ihr reinen Engel, die
ihr den Mann als ein unreineres Tier verachtet! Was willst du von mir?
Was soll ich tun?
Er sah, dass sie ein Schriftstück in der Hand hatte, das sie vom Büfett
genommen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er es ihr fort und las.
– Einen Antrag für den Reichstag! Ich soll der Strohmann sein und diesen
Antrag einbringen! Ist das moralisch? Hältst du das, streng genommen,
für ehrlich?
Helene erhob sich, brach in Tränen aus und warf sich auf das Sofa.
Er stand auf und näherte sich ihr. Er nahm ihre Hand, um den Puls zu
untersuchen und nachzusehen, ob ihr Anfall irgendwie gefährlich sei. Sie
ergriff konvulsivisch seine Hand und drückte sie gegen ihre Brust.
– Geh nicht von mir, schluchzte sie; verlass mich nicht, sondern bleib
und lass mich an dich glauben.
Zum ersten Mal sah er einen Ausbruch ihrer Gefühle. Dieser feine Körper,
den er bewundert und geliebt hatte, konnte also Leben bekommen. Es
rollte also warmes Blut in diesen Adern! Blut, das Tränen destillieren
konnte. Er streichelte ihre Stirn.
– O, sagte sie, es ist schön, wenn du mich so streichelst. O, Albert, so
müsste es immer sein!
– Ja, antwortete er, warum ist es nicht so gewesen? Warum nicht?
Helene schlug die Augen nieder und wiederholte nur:
– Warum nicht?
Ihre Hand blieb in seiner, und er fühlte, wie eine schöne Wärme von dem
sammetweichen Glied ausging; alle seine alten Gefühle für sie flammten
wieder auf, jetzt aber nicht mehr ohne Hoffnung.
Schliesslich erhob sie sich.
– Verachte mich nicht, sagte sie; hörst du, verachte mich nicht.
Und sie ging in ihr Zimmer.
Was ist das? fragte Albert sich, als er in die Stadt ging. Macht sie
eine Krisis durch? Beginnt ihr Leben als Frau jetzt erst?
Er blieb den ganzen Tag in der Stadt. Ging abends ins Theater. Man gab
„Die Welt, in der man sich langweilt“. Wurde er böse, als er die
platonische Liebe, die Verbindung der Seelen, entlarvt und belächelt
sah? Nein, er wurde durchaus nicht böse. Es war ihm, als werde ein
Schleier aus feingewebten Lügen von seinem guten Verstand fort gezogen;
er lächelte über das liebenswürdige Tier, das seinen Kopf unter den
Kartonflügeln der Theaterengel hervorsteckte; er lächelte beinahe Tränen
über seinen langen, langen Selbstbetrug; er lachte über seine Torheit.
Welche Fäulnis lag doch hinter dieser lügnerischen Moral, dieser
wahnsinnigen Sucht, sich von der gesunden Natur emanzipieren zu wollen;
die asketischen Lehren des Idealismus und des Christentums hatten diesen
Keim dem neunzehnten Jahrhundert eingepflanzt.
Wie er sich schämte! Dass er sich so lange hatte dupieren lassen!
Als er nach Haus kam, sah er noch Licht in Helenes Zimmer. Er ging so
leise, wie er konnte, an ihrer Tür vorbei. Drinnen wurde gehustet.
Er ging in sein Zimmer und legte sich zu Bett. Las seine Zeitung und
rauchte seine Zigarre. Er hatte sich gerade in einen Artikel über die
Wehrpflicht vertieft, als plötzlich die Tür von Helenes Kammer aufgeht
und Schritte und Geschrei im Salon zu hören sind. Er springt auf, um
nachzusehen, was es gibt, im Glauben, Feuer sei ausgebrochen.
Im Salon steht Helene, im Nachtkleid. Als sie ihren Mann erblickt,
schreit sie auf und eilt bis an ihr Zimmer zurück; dort bleibt sie
stehen, den Kopf vorgestreckt.
– Verzeih, Albert! Du bist es, ich wusste nicht, dass du noch auf warst,
und glaubte, es seien Diebe! Verzeih!
Und die Tür schliesst sich.
Was bedeutete das? Liebte sie ihn?
Er ging in sein Zimmer und trat vor den Spiegel. Konnte eine Frau ihn
lieben? Er war ja hässlich! Aber die Seelen lieben einander, und so
mancher hässliche Mann hatte eine schöne Frau bekommen. Dann aber war
der Mann fast immer reich und mächtig gewesen!
Sollte Helene ihre falsche Stellung eingesehen haben? Oder hatte sie
gemerkt, dass er sie verlassen wollte, und hatte sie die Absicht, ihn
wieder zu erobern?
Am nächsten Morgen, als sie sich beim Kaffeetisch trafen, war Helene
überaus sanft. Der Professor bemerkte, dass sie einen neuen Morgenrock
trug, der mit Spitzen besetzt war und ihre Schönheit bedeutend hob.
Als er sich Zucker nehmen wollte, trafen sich ihre Hände zufällig.
– Verzeih, lieber Mann, sagte sie mit einer Miene, die er noch nie
gesehen hatte und die an ein junges Mädchen erinnerte.
Sie sprachen über gleichgültige Dinge.
Am Vormittag wurde der Reichstag eröffnet.
Helene blieb bei ihrer nachgiebigen Art und wurde von Tag zu Tag
gefühlvoller.
Die Frist, in der Anträge eingebracht werden mussten, ging zu Ende.
Der Professor kam eines Abends, nachdem er im Klub gewesen, ungewöhnlich
aufgeräumt nach Haus. Er ging in sein Zimmer und legte sich wie
gewöhnlich mit seiner Zigarre und seiner Zeitung zu Bett. Nach einer
Weile hörte er, wie Helenes Tür geöffnet wurde. Dann blieb es einige
Minuten still. Schliesslich klopfte es an seine Tür.
– Wer ist da? rief er.
– Ich bin es, Albert! Zieh dich an und komm heraus, ich muss mit dir
sprechen.
Er zog sich an und kam in den Salon. Helene hatte einen Kronleuchter
angesteckt und sass auf dem Sofa, in ihren Spitzenmorgenrock gekleidet.
– Verzeih mir, sagte sie, aber ich konnte nicht schlafen. Mein Kopf ist
so sonderbar. Setz dich her und sprich mit mir.
– Du bist nervös, mein Kind, sagte Albert und nahm ihre Hand. Du musst
ein Glas Wein trinken.
Er ging in den Esssaal und holte eine Karaffe voll Wein und zwei Gläser.
– Auf dein Wohl, Geliebte, sagte er.
Helene trank, und ihre Wangen fingen Feuer.
– Was ist dir? fragte er und legte seinen Arm um ihren Leib. Du fühlst
dich unharmonisch?
– Ja, ich bin nicht glücklich!
Er hörte wohl, dass die Worte trocken und gesucht kamen, aber seine
Leidenschaft war geweckt, und ihm war alles recht.
– Weisst du, warum du unglücklich bist? fragte er.
– Nein, das ist mir selber nicht klar. Aber eins weiss ich: dass ich
dich liebe.
Albert nahm sie in seine Arme, drückte sie an sich und küsste ihr
Gesicht.
– Bist du mein Weib oder bist du es nicht? flüsterte er.
– Ich bin dein Weib, hauchte Helene, und ihr Körper fiel zusammen, als
seien alle Nerven zersprungen.
– Ganz und gar? flüsterte er, während er sie mit seinen Küssen
paralysierte.
– Ganz und gar, ächzte sie, während sich ihr Körper in unbewussten
Konvulsionen wand, als wolle sie sich im Traum gegen eine Gefahr wehren.
* * * * *
Als Albert am nächsten Morgen erwachte, erwachte er klar, ausgeschlafen,
bei vollem Bewusstsein. Seine Gedanken waren stark und bestimmt wie nach
einem guten tiefen Schlaf. Das Ereignis des gestrigen Tages stand ihm
lebendig vor Augen. Der wahre Sachverhalt trat vor, unbestechlich,
nüchtern, bestimmt.
Sie hatte sich verkauft!
Gegen drei Uhr hatte er, berauscht, blind, wahnsinnig, wie er war,
versprochen, ihren Antrag im Reichstag einzubringen.
Und der Preis! Ruhig, kalt, unbeweglich hatte sie ihn empfangen.
Wer war die erste Frau, die erfand, das sie ihre Gunst verkaufen kann?
Und welche Frau entdeckte, dass der Mann kaufen will? Diese Frau hat die
Ehe und die Prostitution gestiftet. Und man behauptete, Gott habe die
Ehe gestiftet!
Er sah seine Erniedrigung und ihre! Sie wollte über ihre Freundinnen
triumphieren, dass sie die erste Frau sei, die in die Gesetzgebung
eingegriffen; um diesen Triumph zu erreichen, hatte sie sich verkauft.
Aber er wollte sie entlarven. Er wollte ihr zeigen, wer sie war. Er
wollte ihr sagen, die Prostitution könne nicht abgeschafft werden,
solange die Frau ihren Vorteil dabei finde, sich zu verkaufen.
Und mit dem Entschluss kleidete er sich an.
Als er in den Esssaal kam, musste er eine Weile warten. Er dachte sich
aus, was folgen würde, und ermannte sich, ihr zu begegnen.
Dann kam sie! Ruhig, lächelnd, triumphierend; aber schöner, als er sie
je gesehen. Ein dunkles Feuer brannte in ihrem Auge, und er, der
erwartet, sie werde wie eine Neuvermählte die Blicke niederschlagen und
erröten, war vernichtet. Sie, sie spielte die siegreiche Verführerin und
er war der schüchterne Verführte.
Die Worte, die er hatte sagen wollen, kamen nicht über seine Lippen; er
stand auf, besiegt, ging ihr demütig entgegen und küsste ihr die Hand.
Sie konversierte wie gewöhnlich, ohne anzudeuten, dass ein neues Moment
in ihr Leben eingetreten war.
Als er dann ihr Schriftstück in den Reichstag trug, raste er innerlich,
aber der Gedanke an die künftige Seligkeit beruhigte ihn wieder.
Als er dann abends ganz kühn an Helenes Tür klopfte, war sie
verschlossen.
Sie blieb drei Wochen geschlossen. Wie ein Hund kroch er vor ihr,
gehorchte jedem Wink von ihr, tat alles, was sie wünschte, vergebens.
Da brach seine Empörung los, und er sagte ihr alles. Sie antwortete
scharf. Als sie aber sah, dass sie zu weit gegangen war, dass er seine
Kette abfeilte, ergab sie sich ihm.
Und er trug seine Kette. Er biss in sie, er riss an ihr, aber sie hielt.
Bald lernte sie, wie weit sie gehen durfte, und wenn es ihm zuviel zu
werden schien, gab sie nach.
Er bekam eine fanatische Sehnsucht, sie als Mutter zu sehen. Das wird
sie vielleicht zum Weib machen, dachte er; das wird die gesunde Natur
hervorlocken.
Aber sie wurde nicht Mutter.
Hatte der Ehrgeiz, der selbstsüchtige Brand des Individuums, die Quelle
des Lebens verzehrt? Das konnte er nicht wissen.
Eines Tages teilte sie ihm mit, sie müsse auf einige Tage zu Verwandten
reisen.
Als Albert abends nach ihrer Abreise heimkehrte und das Haus leer sah,
überfiel ihn ein grausames Gefühl der Leere, der Sehnsucht. Jetzt wurde
ihm klar, wie sein ganzes Wesen von Liebe zu ihr durchwebt war. Die
Zimmer waren öde; es war wie nach einem Begräbnis.
Ihr Platz am Tisch war leer, und er ass beinahe nichts.
Nach dem Abendbrot steckte er die Krone im Salon an. Er setzte sich auf
ihren gewöhnlichen Platz ins Sofa; er nahm ihre zurückgelassene
Handarbeit – eine Kinderjacke, für ein unbekanntes Kind in einer
neugegründeten Kinderkrippe bestimmt. Da sass noch die Nadel. Er stach
sich damit in den Finger, als wolle er fühlen, wie süss der Schmerz sei.
Darauf steckte er ein Licht an und ging in ihr Schlafzimmer. Er hielt
die Hand vors Licht, als er eintrat, wie wenn er ein Verbrechen begehe.
Aber der Raum glich nicht dem Schlafzimmer einer Frau. Ein schmales Bett
ohne Umhang. Ein Sekretär, ein Büchergestell, ein Nachttisch, ein Sofa.
Ganz wie in seinem Zimmer. Kein Toilettentisch, nur ein kleiner
Wandspiegel.
Dort hing ihr Kleid. Er sah, wie die dicke durchwirkte Serge die Formen
ihres Körpers abgedrückt hatte. Er fuhr mit der Hand über den Stoff und
legte sein Gesicht an die Halskrause; dann schlang er den Arm um die
Taille, aber das Kleid fiel wie ein Schemen zusammen.
– Und man sagt, die Seele sei ein Geist, dachte er. Aber dann muss sie
wenigstens ein körperlicher Geist sein.
Er näherte sich dem Bett, als erwarte er, eine Erscheinung zu sehen. Er
berührte alles, nahm alles in die Hand.
Schliesslich, als habe er etwas gesucht, etwas, das ihm ein Rätsel lösen
sollte, begann er an den Handgriffen der Sekretärschubladen zu ziehen;
sie waren alle verschlossen. Dann zog er wie zufällig die Schublade des
Nachttisches auf. Stiess sie aber schnell wieder zu. Hatte jedoch schon
den Titel einer Broschüre lesen und den Zweck einiger ungewöhnlicher
Gegenstände ahnen können.
Das war es also! „Fakultative Sterilität!“ Was für die Unterklasse, der
man die Existenzmittel genommen, eine Rettung von der Armut sein sollte,
war das Werkzeug des Egoismus, der letzten Konsequenz des Idealismus,
geworden. War die Oberklasse degeneriert, da sie sich nicht mehr
vermehren wollte, oder war sie moralisch verfault? Wohl beides, da sie
es für unmoralisch hielt, uneheliche Kinder zu gebären, und für niedrig,
eheliche zu gebären.
Aber er wollte Kinder haben! Er hatte die Existenzmittel dazu, und er
hielt es sowohl für eine Pflicht wie für einen berechtigten Genuss, sein
Wesen in ein neues Dasein übergehen zu lassen. Das war des wahren, des
gesunden Egoismus natürlicher Weg zum Altruismus. Sie aber ging einen
anderen Weg und arbeitete Jacken für fremde Kinder. War das schöner? Es
sollte nach etwas aussehen! Aber es war nur die Furcht vor der Last der
Mutterschaft, und es war billiger und weniger mühsam, auf dem Sofa eines
Salons eine Jacke zu arbeiten, als das arbeitsreiche Leben einer
Kinderstube durchzumachen.
Es war eine Schande geworden, Weib zu sein, Geschlecht zu haben, Mutter
zu werden.
Darin lag es. Arbeiten für den Himmel, für höhere Interessen, für die
Menschheit, so hiess es; aber für die Eitelkeit, für die Selbstsucht,
für die Öffentlichkeit, das war es.
Und er hatte sie noch beklagt, er hatte bedauert, dass er über ihre
Unfruchtbarkeit unwillig gewesen. Er hatte sich einmal die Verachtung
„guter und rechtschaffener“ Menschen zugezogen, weil er nicht mit der
Achtung, die man dem Unglück schuldet, von den unfruchtbaren Frauen
gesprochen: die seien heilig, weil sie von dem grössten Unglück
getroffen seien, das ein Weib treffen könne.
Und für was arbeitete diese Frau? Für den Fortschritt? Für die Rettung
der Menschheit?
Nein, gegen den Fortschritt, gegen Freiheit und Aufklärung. Hatte sie
nicht kürzlich einen neuen Antrag, die Religionsfreiheit zu beschränken,
niedergeschrieben? Hatte sie nicht eine Broschüre über die
Zuchtlosigkeit der Dienstboten verfasst? Arbeitete sie nicht für die
Verschärfung der Militärgesetze? Unterstützte sie nicht die Agitation,
welche die Mädchen durch dieselbe elende Erziehung, welche die Knaben
erhalten, verderben will.
Er hasste ihre Seele, denn er hasste ihre Gedanken! Und doch liebte er
sie? Was liebte er denn bei ihr?
– Wahrscheinlich, antwortete er sich, indem er es nicht unterlassen
konnte, auf die Philosophie zu kommen, wahrscheinlich, den Keim zu einem
neuen Wesen, den sie trägt, den sie aber ersticken will!
Was konnte es sonst sein?
Was aber liebte sie an ihm? Seinen Titel, seine Stellung, seine Macht!
Und mit diesen alten Menschen sollte man an dem Aufbau der neuen
Gesellschaft arbeiten!
Er wollte ihr all das sagen, wenn sie nach Haus kam; aber er wusste,
dass er es nicht tun werde. Er wusste, dass er vor ihr kriechen und um
ihre Gunst betteln werde; dass er ihr Sklave bleiben und immer wieder
seine Seele verkaufen werde, wie sie ihren Körper verkaufte. Er wusste,
dass er das tun werde, denn er liebte sie.