Musste

Punkt halb neun Uhr abends im Winter steht er in der Tür zur Glasveranda

des Restaurants. Während er mit mathematischer Genauigkeit die

Kastorhandschuhe auszieht, guckt er über die angelaufenen Gläser erst

nach rechts, dann nach links, ob Bekannte da sind. Dann hängt er den

Überrock an seinen Haken, den rechts vom Kamin. Der Kellner Gustav, der

ein Schüler des Lehrers gewesen ist, hat, ohne eine Ordre abzuwarten,

die Brotkrumen von _dessen_ Tisch gefegt, die Senfdose umgerührt, das

Salzfass geharkt und die Serviette umgedreht. Darauf holt er, ohne dass

es ihm erst gesagt zu werden braucht, eine Flasche Medhamra, macht eine

halbe Flasche Vereinsbier auf, überreicht dem Lehrer, nur des Scheins

wegen, die Speisekarte und fragt, mehr der Form wegen als um zu fragen:

– Krebse?

– Weibliche Krebse! sagt der Lehrer.

– Grosse weibliche Krebse, sagt Gustav, geht nach der Küchenklappe und

ruft: Grosse weibliche Krebse, für den Herrn Lehrer, und viel Dill!

Dann holt er eine Garnitur Butter und Käse, schneidet zwei Scheiben

Pumpernickel und stellt alles auf den Tisch des Lehrers. Der hat in der

Veranda eine Razzia nach den Abendzeitungen gehalten, aber nur die

offizielle „Postzeitung“ gefunden. Zum Ersatz nimmt er das „Tageblatt“,

mit dem er mittags nicht fertig geworden ist, und setzt sich hin, um es

zu lesen, nachdem er die Postzeitung aufgeschlagen, umgefaltet und links

neben sich auf den Brotkorb gelegt hat. Dann streicht er mit dem Messer

einige geometrische Butterfiguren auf den Pumpernickel, schneidet aus

dem Schweizerkäse ein Rechteck, giesst den Schnaps zu drei Vierteln ein

und führt ihn bis zur Höhe des Mundes: dort macht er eine Pause, als

zögere er vor einer Medizin, wirft den Kopf zurück und sagt huh!

Das hat er nun zwölf Jahre getan und wird es tun bis zu seinem

Sterbetage.

Als die Krebse, sechs Stück, angelangt sind, untersucht er deren

Geschlecht, und da nichts einzuwenden ist, geht er an den genussreichen

Akt. Die Serviette wird mit der einen Ecke hinter den Kragen gesteckt,

zwei Brotscheiben mit Käse werden neben den Teller bereit gestellt, und

er giesst sich ein Glas Bier und einen halben Schnaps ein. Darauf nimmt

er das kleine Krebsmesser und beginnt die Schlacht. Nur er allein kann

in Schweden Krebse essen, und wenn er einen andern Krebse essen sieht,

sagt er: Du kannst nicht Krebse essen. Zuerst macht er einen Schnitt um

den Kopf des Krebses, und nachdem er das Loch für den Mund bekommen hat,

saugt er.

– Das ist das Feinste, sagt er.

Dann löst er den Thorax vom Untergestell, ritzt Blutadler, wie er es

nennt, setzt die Zähne an den Rumpf und saugt mit tiefen Zügen; darauf

schlürft er die kleinen Beine wie Spargel. Dann isst er eine Prise Dill,

trinkt einen Schluck Bier, beisst in den Pumpernickel. Nachdem er die

Klauen genau geschält und die feinsten Kalkröhren ausgesogen hat,

verzehrt er das Fleisch, um dann zum Schwanz überzugehen. Als er drei

Krebse gegessen hat, nimmt er einen halben Schnaps und liest die

Ernennungen in der Postzeitung. So hat er es zwölf Jahre gemacht und so

wird er es immer machen.

Er war zwanzig Jahre alt, als er in diesem Lokal zu essen anfing, jetzt

ist er zweiunddreissig, und Gustav ist zehn Jahre Kellner hier! Der

Lehrer ist der Älteste hier, er ist älter als der Wirt, denn der hat den

Betrieb erst seit acht Jahren! Er hat viele Reihen von Mittagsgästen

gesehen; einige hielten ein Jahr, zwei Jahre, fünf Jahre aus; dann

verschwanden sie, gingen nach einem andern Lokal, zogen nach einem

andern Ort, oder verheirateten sich. Er fühlte sich sehr alt, und doch

zählte er nur zweiunddreissig Jahre! Dies ist sein Heim, denn in seinem

möblierten Zimmer schläft er nur.

Die Uhr wird zehn. Da erhebt er sich und geht in den kleinen Saal, wo

sein Grog auf ihn wartet. Jetzt kommt der Buchhändler. Sie spielen

Schach oder sprechen über Bücher. Um halb elf kommt die zweite Geige vom

Dramatischen Theater. Es ist ein alter Pole, der nach 64 nach Schweden

floh und sich nun sein Leben damit verdienen muss, was ihm früher ein

Vergnügen gewesen. Der Pole und der Buchhändler haben die fünfzig

erreicht, aber sie gedeihen mit dem Lehrer, als sei er vom gleichen

Alter.

Hinter dem Ladentisch sitzt der Wirt. Er ist ein alter Schiffskapitän,

der sich in die Restauratrice verliebte und beschloss, sein Schicksal

mit dem ihren zu vereinen. Sie herrscht jetzt in der Küche und hält

immer die Klappe offen, um ein Auge auf den Alten zu haben, damit er

sich nicht etwa ein Räuschchen antrinkt, ehe die Gäste gehen. Wenn aber

das Gas gelöscht und das Bett gemacht ist, kriegt der Alte einen Napf

mit Grog von Rum als Schlaftrunk.

Um elf Uhr beginnen die jungen Herren zu kommen, die vorsichtig an den

Ladentisch herantreten und den Wirt flüsternd fragen, ob eine Treppe

hoch ein „Privatzimmer“ frei sei; und dann hört man das Rauschen von

Röcken, die durch den Flur schlüpfen, um ungesehen die Treppe

hinaufzukommen.

– Nun, sagt der Buchhändler, der ein Gesprächsthema gratis bekommen hat,

wirst du nicht daran denken, dich fortzupflanzen, alter Blom?

– Ich habe nicht die Mittel dazu, sagt der Lehrer. Warum verheiratest du

dich nicht selber?

– Jetzt nimmt mich keine mehr, sagt der Buchhändler, nachdem mein Kopf

einem alten Seehundskoffer gleich geworden ist. Übrigens habe ich ja

meine alte Stafva.

Stafva war eine mystische Person, an die niemand glaubte. Sie war die

Verkörperung der nicht erfüllten Träume des Buchhändlers.

– Aber Herr Potocki? wandte der Lehrer ein.

– Er ist ja verheiratet gewesen; das ist doch genug, sagt der

Buchhändler.

Der Pole nickt wie ein Taktmesser und sagt:

– Ja, ich bin glücklich verheiratet gewesen. Huh!

Und damit trinkt er seinen Grog aus.

– Ja, sagt der Lehrer, wenn sie nicht solche Gänse wären, diese Frauen,

dann könnte man an die Sache denken; aber es sind verdammte Gänse.

Der Pole nickt wieder und lächelt, denn als Pole versteht er das Wort

„Gänse“ nicht.

– Ich bin sehr glücklich verheiratet gewesen – huh!

– Und dann hat man Kindergeschrei und saure Kleider am Ofen, fuhr der

Lehrer fort, und dann Mägde und Küchengeruch. Nein, danke! Und dann kann

man vielleicht nachts nicht schlafen.

– Huh! vollendete der Pole.

– Herr Potocki sagt huh, fiel der Buchhändler ein, mit der gewöhnlichen

Schadenfreude des Junggesellen, der einen Verheirateten sich

unvorteilhaft über die Ehe äussern hört.

– Was sagte ich? fragte der Witwer erstaunt.

– Huh, ahmte der Buchhändler ihm nach, und das Gespräch löste sich in

ein gemeinsames Grinsen und eine Tabakswolke auf.

So wird es zwölf. Das Klavier, das eine Treppe hoch einen gemischten

Chor männlicher und weiblicher Stimmen begleitet hat, schweigt. Der

Kellner hört auf, von der Küchenklappe nach der Veranda zu laufen; der

Wirt trägt in die Kladde die letzten Champagnerflaschen ein, die eine

Treppe hoch bestellt sind; die drei Freunde erheben sich und gehen,

jeder heim zu seinem „keuschen Junggesellenbett“, aber der Buchhändler

heim zu seiner Stafva.

* * * * *

Lehrer Blom hatte im Alter von zwanzig Jahren seine Studien auf der

Universität Uppsala unterbrochen und war nach der Hauptstadt Stockholm

gekommen, um als Hilfslehrer sein Brot zu verdienen. Da er ausserdem

noch Privatstunden gab, kam er ganz gut aus. Er verlangte nicht viel vom

Leben. Ordnung und Ruhe war alles. In seinem möblierten Zimmer, das er

von einer alten Mamsell gemietet hatte, fand er mehr, als ein

Junggeselle zu verlangen pflegt; er fand Pflege und Freundlichkeit; all

die Zärtlichkeit, welche die Natur bei dieser Frau für ein neues

Geschlecht aus ihrem Blut bestimmt hatte, fiel ihm gratis zu. Sie

besserte seine Kleider aus und sorgte für ihn. Er hatte aber früh seine

Mutter verloren und war daher nicht gewohnt, dergleichen umsonst zu

bekommen; deshalb nahm er das Geschenk als einen Eingriff in seine

Freiheit hin, nahm es aber an! Die Kneipe war jedoch sein Heim. Dort

bezahlte er für alles und blieb nichts schuldig.

In einer Provinzstadt des mittleren Schweden geboren, war er ein

Fremdling in Stockholm. Besuchte niemand! Verkehrte nicht in Familien

und traf nur seine Bekannten in der Kneipe, plauderte mit ihnen,

schenkte ihnen aber nicht sein Vertrauen und hatte auch keins zu

verschenken. Da er in der Schule nur in der dritten Klasse

unterrichtete, hatte er ein Gefühl, als sei er im Wachstum

zurückgeblieben. Er hatte ja einmal die dritte Klasse bis zur siebenten

durchgemacht und war Student geworden; nun sass er doch wieder in der

dritten, hatte zwölf Jahre dort gesessen und kam nicht weiter. Er lehrte

das zweite und dritte Buch des Euclid, das war der Kursus der Klasse.

Das ganze Leben zeigte sich also für ihn nur als ein Fragment; als ein

Fragment ohne Anfang oder Ende: das zweite und dritte Buch. In freien

Stunden las er Altertumskunde und Zeitungen. Altertumskunde ist eine

moderne Wissenschaft, eine Krankheit der Zeit, kann man sagen. Und sie

ist gefährlich, denn sie zeigt in den meisten Fällen, dass die

menschliche Albernheit ziemlich konstant gewesen ist.

In den Zeitungen sah er nur eine Partie Schach; die Politik war für ihn

ein interessantes Spiel – um den König, nichts weiter, denn er war

erzogen wie alle andern: es war für ihn ein Glaube, was in der Welt

geschieht, gehe uns nichts an, dafür sorgten die, denen Gott die Macht

gegeben habe. Diese Art, die Dinge zu sehen, gab seiner Seele eine

grosse und stille Ruhe; er beunruhigte niemanden und wurde von nichts

beunruhigt. Wenn er zuweilen fand, etwas sei besonders töricht, tröstete

er sich damit, dass es eben nicht zu ändern sei! Die Erziehung hatte ihn

zum Egoisten machen müssen, und der Katechismus hatte ihn gelehrt: wenn

jeder seine Pflicht tut, so geht alles gut, was uns auch zustösst. Er

tat seine Pflicht auch musterhaft in der Schule; kam nie zu spät; war

niemals krank. Auch in seinem Privatleben war er ohne Tadel; bezahlte

seine Miete auf den Tag, ass nie auf Kredit und ging zu „Frauen“ ein Mal

in der Woche (er sagte nie, dass er zu „Mädchen“ gehe). Sein Leben zog

dahin wie ein Zug auf blanken Schienen, nach dem Sekundenzeiger, durch

die bestimmten Stationen, und als kluger Mann vermied er jeden

Zusammenstoss. Die Zukunft, an die dachte er nicht, denn ein wahrer

Egoist denkt nicht so weit, aus dem einfachen Grund, weil die Zukunft

sein nicht mehr ist als höchstens zwanzig, dreissig Jahre.

So verging sein Leben!

* * * * *

Es war Mittsommermorgen, strahlend, sonnig, wie er sein soll. Der Lehrer

lag in seinem Bett und las über die Kriegskunst der Egypter, als Mamsell

Auguste mit dem Kaffee herein kam. Sie hatte dem Tage zu Ehren

Safranbrot geschnitten und Fliederblüten auf die Serviette gelegt. Schon

am Abend vorher hatte sie einige Birkenzweige hinter den Ofen gesteckt,

reinen Sand mit einigen Schlüsselblumen in den Spucknapf getan und ein

Glas mit Maiblumen auf den Spiegeltisch gestellt.

– Nun, werden Sie nicht auch heute eine Vergnügungstour unternehmen,

Herr Blom? fragte die Alte und liess die Augen über die Ausschmückung

schweifen, die sie für die kleine Kammer angewandt hatte, um ein Wort

der Anerkennung oder des Dankes zu erhalten.

Aber Herr Blom hat die Ausschmückung gar nicht bemerkt, sondern

antwortete ganz trocken:

– Nein, das wissen Sie doch, Mamsell Auguste, dass ich nie

Vergnügungstouren mache, weil ich von der Menge nicht gestossen noch von

Kindern totgeschrien werden will.

– Aber an solch einem schönen Mittsommertag kann man doch nicht in der

Stadt bleiben. Wenigstens in den Tiergarten werden Sie doch gehen?

– Das wäre wohl das letzte für mich, besonders heute, wo alle möglichen

Leute dort sind. Nein, ich habe es hier in der Stadt so gut, und diese

Faxen mit den Feiertagen werden doch einmal ein Ende nehmen.

– Lieber Herr Blom, wandte die Alte ein, viele Menschen finden, es sind

noch viel zu wenig Feiertage in dem schweren Arbeitsjahr. Wollen Sie mir

aber bitte sagen, ob Sie noch etwas wünschen; meine Schwester und ich

wollen eine Dampferfahrt machen, von der wir nicht vor zehn Uhr abends

zurückkommen?

– Viel Vergnügen, Mamsell Auguste, ich brauche nichts und sorge schon

selber für mich! Die Portierfrau kann das Zimmer in Ordnung bringen,

wenn ich gegen Mittag ausgehe.

Und er blieb allein mit seinem Kaffee. Als er getrunken hatte, steckte

er sich eine Zigarre an und blieb im Bett liegen mit seiner ägyptischen

Kriegskunst. Das Fenster, das offen stand, riss an seinem Haken bei

einem schwachen Südwind. Um acht Uhr läutete die nächste Kirche mit

allen ihren Glocken, grossen und kleinen, und die anderen Kirchen von

Stockholm, Katharina, Maria und Jakob, fielen ein; es bimmelte und

bammelte, dass es einen Heiden zur Verzweiflung bringen konnte. Als das

Läuten schwieg, begann ein Kanoniersextett auf der Kommandobrücke eines

Dampfers eine Française aus dem Theaterstück „Die schwache Seite“. Der

Lehrer wand sich auf dem Laken seines Bettsofas und hätte sich gern die

Mühe gemacht, aufzustehen und das Fenster zu schliessen, wenn es nicht

zu warm gewesen wäre. Und dann waren Trommelwirbel zu hören, die aber

unterbrochen wurden von einem neuen Messingquintett, das auf einem

anderen Dampfer den Jägerchor aus dem „Freischütz“ spielte. Aber die

unglückverheissenden Trommelschläge näherten sich. Das waren die

Scharfschützen, die aufs freie Feld hinauszogen und die Strasse

passieren mussten. Jetzt hörte er den Scharfschützenmarsch sechs Male,

dazwischen die Pfiffe, die Glocken, die Messingmusik der Dampfer, bis

diese Töne schliesslich mit den Schraubenschlägen verklangen.

Er stand um zehn Uhr auf und setzte das Rasierwasser auf seinen

Spirituskocher. Das gestärkte Hemd lag auf der Kommode so weiss und so

steif wie ein Brett. Er brauchte eine Viertelstunde, um die Knöpfe in

die Knopflöcher zu stecken. Dann rasierte er sich eine halbe Stunde.

Kämmte sich sorgfältig, als führe er eine äusserst wichtige Verrichtung

aus. Als er die Hosen anzog, hielt er das untere Ende hoch, damit es auf

dem Boden nicht staubig werde.

Sein Zimmer war einfach, äusserst einfach und ordentlich. Es war

unpersönlich, abstrakt wie ein Hotelzimmer. Und doch hatte er dort zwölf

Jahre gewohnt. Bei den meisten Menschen pflegen sich während eines

solchen Zeitraums eine Menge Kleinigkeiten anzusammeln: Geschenke,

kleine Überflüssigkeiten, Zierat, Luxusgegenstände. Nicht eine Gravüre

hing hier an der Wand, die als Beilage einer illustrierten Zeitung eine

Gefühlssaite angeschlagen; keine Decke, von freundlichen Schwestern

gehäkelt, lag auf den Stühlen; keine Photographie eines lieben Gesichts

stand, kein gestickter Federwischer lag auf dem Schreibtisch. Alles war

zum besten Preis gekauft, um unnötige Ausgaben zu ersparen, welche die

Unabhängigkeit des Besitzers beeinträchtigt hätten.

Er legte sich ins Fenster, um auf die Strasse und über den

Artillerieplatz hinweg bis zum Hafen zu sehen. In dem Haus, das schräg

gegenüber lag, sah er eine Frau im Korsett ihre Toilette machen. Er

wandte sich fort, wie von etwas Hässlichem, oder von etwas, das seine

Ruhe stören konnte. Unten im Hafen flaggten alle Segelschiffe und

Dampfer, und das Wasser glitzerte im Sonnenschein. Zur Kirche hinauf

wanderten einige alte Frauen mit Gesangbüchern in den Händen. Vor dem

Hof der Artillerie ging der Posten mit seinem Säbel und sah missvergnügt

aus, dann und wann nach der Turmuhr blickend, um nachzusehen, wie weit

es noch zur Ablösung sei. Sonst lagen die Strassen leer, grau, heiss da.

Er sah wieder zu der Frau hinüber, die sich ankleidete. Sie hatte eine

Puderquaste genommen und puderte sich die Nasenwinkel vor dem Spiegel

mit einer Miene, die sie einem Affen ähnlich machte. Er stand vom

Fenster auf und setzte sich in den Schaukelstuhl.

Er machte sein Programm für den Tag, denn er hatte nun einmal eine

dunkle Furcht vor der Einsamkeit. Am Alltag hatte er die Schuljugend um

sich, und obwohl er diese wilden Tiere nicht liebte, die er zähmen, das

heisst die schwere Kunst der Verstellung lehren sollte, fühlte er doch

eine gewisse Leere, wenn er nicht bei ihnen war. Jetzt während der

Sommerferien hatte er eine Ferienschule eingerichtet, aber auch deren

Besucher hatten kurze Mittsommerferien, und er war nun mehrere Tage

allein gewesen, die Stunden der Mahlzeiten ausgenommen, in denen er

immer auf den Buchhändler und die zweite Geige rechnen konnte.

– Um zwei Uhr, dachte er, wenn die Parade vorbei ist und der Volksstrom

sich aufgelöst hat, gehe ich in meine Kneipe und esse zu Mittag; dann

nehme ich den Buchhändler mit mir nach Strömsborg; dort ist es heute

still und leer, und dort trinken wir Kaffee und Punsch, bis es Abend

wird, dann kehren wir nach Rejners (so hiess seine Kneipe am

Berzeliuspark) zurück.

Punkt zwei nahm er seinen Hut, bürstete sich sorgfältig und ging.

– Ich möchte wissen, ob es heute gedämpfte Barsche gibt, dachte er. Und

soll man sich heute Spargel leisten, da es Mittsommer ist!

So spazierte er seinen Weg, längs der hohen Mauer der Staatsbäckerei. Im

Berzeliuspark sassen Arbeiterfamilien mit Kinderwagen auf denselben

Bänken, auf denen an Alltagen die Bonnen der Vornehmen zu sitzen

pflegten. Er sah, wie eine Mutter ihrem Kind die Brust gab. Eine grosse

volle Brust, in die das Kind mit seinem fleischigen Händchen so tief

hineingriff, dass das Händchen zur Hälfte verschwand. Der Lehrer wandte

sich mit Ekel ab. Es störte ihn, diese Fremden in _seinem_ Park zu

sehen. Das war für ihn Dienerschaft im Salon, wenn die Herrschaft fort

ist, und er konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie hässlich waren.

Er kam an die Glasveranda und wollte die Hand auf die Türklinke legen,

noch ein Mal an die schönen Barsche denkend, „mit viel Petersilie“, als

er an der Glasscheibe ein weisses Papier sieht, auf dem etwas

geschrieben steht. Er braucht es nicht zu lesen, denn er weiss, was es

enthält: dass die Kneipe über Mittsommer geschlossen ist; aber er hat es

vergessen! Es war, als sei er mit dem Kopf an einen Laternenpfahl

gestossen! Er war wütend. Zuerst auf den Wirt, dass er geschlossen

hatte; dann auf sich selbst, dass er vergessen, dass heute geschlossen

werden sollte! Er fand es so ungeheuerlich, dass er etwas so Wichtiges

hatte vergessen können, dass er es nicht glauben wollte, sondern nach

einem andern suchen musste, der schuld war, dass er es hatte vergessen

können. Das war natürlich der Wirt. Er war entgleist, zusammengestossen,

vernichtet. Er setzte sich auf eine Bank und hätte vor Wut beinahe

geweint.

Pardauz! Da kam ein Ball und traf ihn direkt auf das gestärkte Vorhemd.

Wie eine gereizte Wespe flog er auf und wollte den Schuldigen

ausbringen, als ein hässliches Mädchengesichtchen ihm in die Augen

lachte und hinter ihr ein Arbeiter in Festtagsanzug und Panamahut

auftauchte, der das Kind lächelnd bei der Hand nahm und fragte, ob es

weh getan habe; und dann erblickte er eine ganze Menge Dienstboten und

Soldaten, die lachten. Er sah sich nach einem Schutzmann um, denn er

fühlte sich in seinen Rechten als Mensch verletzt. Als er den Schutzmann

aber im vertraulichen Gespräch mit der Mutter des Kindes sah, verlor er

die Lust, Lärm zu schlagen, sondern ging direkt zum nächsten

Droschkenhalteplatz, um einen Wagen zu nehmen und zum Buchhändler zu

fahren, denn jetzt konnte er nicht länger allein sein.

Als er in der Droschke sass, fühlte er sich einigermassen geschützt, und

nun wischte er mit dem Taschentuch sein Vorhemd ab, das vom Ball staubig

geworden.

Als er in die Gotenstrasse des Südens kam, verabschiedete er den

Kutscher, da er sicher war, den Buchhändler zu Hause anzutreffen. Wie er

aber die Treppen hinaufstieg, wurde er ängstlich! Wenn er nicht zu Hause

wäre!

Er war nicht zu Hause! Niemand von den Bewohnern des Hauses war daheim.

Es klang so leer, als er an die Türe klopfte, und er hörte das Echo

seiner Schritte.

Als er schliesslich einsam auf der Strasse stand, wusste er nicht, wohin

er sich wenden solle. Potockis Adresse kannte er nicht, und heute, wo

alle Läden geschlossen waren, ein Adressbuch aufzutreiben, hielt er für

unmöglich!

Er ging, ohne zu wissen, wohin, die Strasse hinunter, am Hafen entlang,

über die Brücke. Nicht ein bekanntes Gesicht traf er, und er fühlte sich

verletzt von dieser Volksmenge, welche die Stadt während der Abwesenheit

der Herren eingenommen hatte, denn er war, wie wir alle, in den Schulen

des Staates zum Aristokraten erzogen.

Der Hunger, der sich bei der ersten Aufwallung gelegt hatte, begann

wieder zu erwachen. Da kam ein neuer furchtbarer Gedanke über ihn, den

er aus Feigheit nicht auszudenken gewagt: wo soll ich zu Mittag essen?

Er war mit seinen Essmarken ausgegangen, und seine ganze Kasse bestand

nur aus einer Krone fünfzig Öre. Die Marken galten ja nur bei Rejners,

und eine Krone hatte er verfahren.

Er kam wieder in den Berzeliuspark. Dort sassen die Arbeiterfamilien und

assen aus ihren Esskörben: gekochte Eier, Krebse, Pfannkuchen! Und die

Polizei sagte nichts! Dort stand sogar ein Schutzmann, der ein

Butterbrot in der einen und ein Glas Bier in der andern Hand hatte. Was

ihn am meisten reizte, war, dass diese Menschen, die er verachtete, ihm

augenblicklich überlegen waren! Aber warum konnte er nicht in eine

Milchhandlung gehen und seinen Hunger stillen? Warum nicht? Ja! Die

Antwort darauf liess er von sich gehen wie ein Aufstossen.

Schliesslich ging er an den Hafen hinunter, um nach dem Tiergarten

hinüberzufahren. Dort musste er Bekannte treffen, von denen er, so

unangenehm es ihm war, Geld leihen konnte, um zu Mittag zu essen. Dann

aber auch fein im vornehmsten Restaurant „Haselhöhe“.

* * * * *

Auf dem Dampfer waren so viel Menschen, dass Lehrer Blom neben der

Maschine stehen musste; die heizte ihm den Rücken und spritzte

geschmolzenen Talg auf seinen Gehrock, während er einer Köchin auf den

Zopf gucken und deren ranzige Pomade riechen musste. Aber nicht ein

bekanntes Gesicht!

Als er in das Tiergarten-Restaurant trat, machte er sich so gerade wie

möglich und versuchte ein distinguiertes und freies Wesen anzunehmen.

Der Platz vor dem Gasthaus glich dem Zuschauerraum eines Theaters und

schien die gleiche Bestimmung zu haben: nämlich ein Ort zu sein, wo man

sich trifft und sich zeigt. Oben sassen die Offiziere, blau im Gesicht

von Essen und Trinken; neben ihnen einige Vertreter der fremden Mächte,

ergraut und mitgenommen von der anstrengenden Arbeit, für betrunkene

Landsmänner, die sich am Hafen geschlagen, einzutreten oder

Galaschauspielen, Kindtaufen, Hochzeiten und Begräbnissen beizuwohnen.

Aber damit war es auch aus mit dem feinen Publikum. Denn mitten auf dem

Platze entdeckt Herr Blom den Schornsteinfeger seines Viertels, den Wirt

einer kleinen Winkelkneipe, den Provisor einer Apotheke und andere mehr.

Um sie herum geht der grüne Jäger mit silbernen Tressen und einem

vergoldeten Stab und wirft verächtliche Blicke auf die Gesellschaft, als

frage er, was sie hier zu tun haben. Der Lehrer fühlt sich schrecklich

geniert von den vielen Blicken, die zu sagen scheinen: seht, dort geht

er und sucht nach seinem Mittagessen. Aber er muss weiter. Und er kommt

in die Veranden hinauf, wo man Barsche und Spargel isst, wo man

Sauternes und Champagner trinkt. Und eins, zwei, drei fühlt er eine

freundliche Hand auf seiner Schulter und als er sich umwendet, sieht er

das strahlende Gesicht des Kellners Gustav, der ihm die Hand drückt und

unverstellt ausruft:

– Nein, sind Sie hier, Herr Blom! Wie gehts?

Und der Kellner Gustav, der so erfreut ist, sich einen Augenblick auf

gleicher Höhe mit seinem Herrn zu fühlen, hält einen steifen Holzkloben

in seiner warmen Hand und trifft ein paar Blicke, die aus einem Brief

Stecknadeln genommen sind. Und diese harte Hand drückte ihm gestern noch

so warm einen Zehnkronenschein in die seine, und dieser Mann dankte ihm

für ein halbes Jahr Dienst und Aufmerksamkeit, wie man einem Freund

dankt. Und der Kellner Gustav geht zurück und setzt sich unter seine

Kameraden, verlegen und traurig. Aber Herr Blom geht mit Bitterkeit im

Herzen wieder hinaus, durch die Volksmenge hindurch, als höre er höhnend

hinter sich flüstern: Er hat kein Mittagessen gekriegt!

Er kommt hinaus auf die Tiergartenebene. Dort steht der Kaspar und

kriegt Schläge von seiner Frau. Dort steht ein Seemann und zeigt im

„Glücksstern“ Dienstmädchen, Kanonieren, Gardisten und Gesellen den oder

die Zukünftige. Alle haben zu Mittag gegessen und sehen froh aus, und er

glaubt einen Augenblick, er sei schlechter als sie; dann aber erinnert

er sich, dass sie nicht wissen, wie das egyptische Lager befestigt

wurde; da fühlt er sich wieder obenauf, und er kann nicht verstehen, wie

die Menschen so tief sinken können, dass sie an einem solchen Tand

Vergnügen finden!

Er hatte indessen die Lust verloren, andere Lokale zu untersuchen und

ging an Tivoli vorbei weiter in den Tiergarten hinein. Dort im grünen

Gras tanzte die Jugend zu einer Geige; ein Stückchen davon hatte sich

eine Familie unter einer Eiche niedergelassen; der Familienvater stand

auf seinen Knien, in Hemdsärmeln, mit blossem Kopf, ein Bierglas in der

einen und ein Butterbrot mit Mettwurst in der andern Hand; sein feistes,

fröhliches Gesicht, um den Mund gut rasiert, glänzte von Freude und

Wohlwollen, als er seine Gäste, die deutlich aus Frau, Schwiegereltern,

Schwägern, Ladendienern und Dienstmädchen bestanden, aufforderte, zu

essen und zu trinken und fröhlich zu sein, denn heute sei Mittsommer,

den ganzen Tag. Und der frohe Mann machte Witze, dass sich die ganze

Gesellschaft unter den aufrichtigsten Lachsalven im Grase wand. Und als

der Pfannkuchen aufgetischt und mit den Fingern gegessen wurde und die

Portweinflasche herumging, hielt der älteste Ladendiener eine Rede, bald

so herzlich, dass die Frauen die Taschentücher hervorholten und der

Familienvater den einen Zipfel seines Backenbarts in den Mundwinkel

steckte; bald so lustig, dass Bravorufe und Gelächter den Redner

unterbrachen.

Da wurde der Lehrer finster; aber er ging nicht seiner Wege, sondern

setzte sich hinter einer Kiefer auf einen Stein, um sich „die Tiere“

anzusehen.

Als die Rede aus war und man Hausvater und Hausmutter hatte leben

lassen, und zwar mit Hurrarufen und Fanfaren auf einer Handharmonika und

allen Tellern und Tassen, die frei waren, stand die Gesellschaft auf, um

das Bewegungsspiel „den Dritten abschlagen“ zu spielen. Und

Schwiegermutter geht hinter einen Haselbusch, um das Kleinste

abzuhalten, und Mutter selbst knöpft dem Halbgrossen die Hosen auf.

– Welche Tiere, dachte der Lehrer und wandte sich ab, denn das

Natürliche war für ihn unschön, da das Schöne das Unnatürliche war; die

Gemälde „anerkannter“ Meister im Nationalmuseum ausgenommen.

Und nun sah er, wie die jungen Männer die Röcke auszogen und die Mädchen

ihre Manschetten auf die Hagedornbüsche hingen, und dann stellten sie

sich auf und nun liefen sie.

Und die Mädchen hoben die Röcke so hoch, dass die Strumpfbänder zu sehen

waren, rote und blaue Topfbänder, die man im Spezereiladen kauft; und

wenn der Kavalier seine Dame gefangen hatte, nahm er sie in die Arme und

drehte sich so mit ihr im Kreis herum, dass sie bis zu den Kniekehlen zu

sehen war; und dann lachten Alte und Junge, dass es im Walde

widerhallte.

– Ist das Unschuld oder Korruption? fragte sich der Lehrer.

Aber sicher wusste die Gesellschaft nicht, was das gelehrte Wort

Korruption bedeutet, und darum waren sie fröhlich.

Als sie des Bewegungsspiels müde wurden, war der Kaffee fertig. Und der

Lehrer konnte nicht verstehen, wo die Kavaliere es gelernt hatten, so

artig gegen die Damen zu sein, denn sie krochen auf allen Vieren, um den

Mädchen Zuckerdose und Brotkorb zu reichen; dabei sahen die

Schnallenbänder an den mit Schweiss getränkten Westen wie Anfasser aus.

– Das sind die Männchen, die sich vor den Weibchen brüsten, dachte der

Lehrer. Aber wartet nur!

Dann aber sah er, wie der Vater, die fröhliche Seele, dem Schwiegervater

und der Schwiegermutter höflich servierte, ja sogar seiner Frau und

allen Ladendienern und Dienstmädchen; und wenn einer sein Anerbieten mit

den Worten „Der Herr nehme sich doch selber“ ablehnen wollte, antwortete

der, dazu komme er auch noch.

Und dann sah er, wie der Schwiegervater dem kleinen Jungen Weidenpfeifen

abzog; wie die Schwiegermutter gleich einer Magd daran ging, alles

aufzuwaschen! Da fand der Magister, die Selbstsucht sei ein sonderbares

Ding, da sie so menschliche Formen annehmen, so verteilt werden konnte,

dass es aussah, als gäben und nähmen alle gleich viel; denn es war

Selbstsucht, das war klar!

Und sie spielten Pfänderspiele, und sie lösten jedes einzige Pfand mit

Küssen ein, regelrechten Küssen auf den Mund, dass es nur so schmatzte;

und wenn der fröhliche Buchhalter „im Brunnen stand“ und die grosse

Eiche küssen musste, tat er das auf ganz verrückte Art, umfasste mit den

Armen den dicken Stamm, ganz wie man ein Mädchen liebkost, wenn niemand

es sieht; da wurde laut gelacht, denn alle wussten wohl, wie man es tut,

ob auch niemand es tun will, wenn es gesehen wird.

Der Lehrer, der anfangs das Schauspiel von seinem hohen Standpunkte

kritisch betrachtet hatte, wurde schliesslich so in ihre Freude

hineingezogen, dass er beinahe glaubte, zur Gesellschaft zu gehören. Er

konnte bei den Witzen der Ladendiener sogar den Mund verziehen, und der

Familienvater hatte in einer Stunde seine Sympathie gewonnen. Und der

war auch ein Spassmacher ersten Ranges. Er konnte „Katze schinden“,

„Krebsgang gehen“, auf Baumstämmen „liegen“, Münzen verschlingen, Feuer

essen und alle möglichen Vogellaute nachahmen. Und als er ein

Safranbrötchen aus dem Mieder eines jungen Mädchens nahm und es dann im

rechten Ohr verschwinden liess, da lachte der Lehrer so, dass sein

leerer Magen hüpfte.

Dann begann der Tanz. Der Lehrer hatte in Rabes Grammatik die Weisheit

gelesen: „Nemo saltat sobrius, nisi forte insanit“ und hatte immer

gedacht, Tanz sei ein Ausbruch von Wahnsinn. Er hatte allerdings junge

Hunde und Kälber tanzen sehen, wenn sie fröhlich waren, aber er glaubte

nicht, dass Cicero seine Maxime bis auf die Tiere hätte ausdehnen

können, und zwischen Tier und Mensch hatte der Lehrer einen dicken

Strich ziehen gelernt. Als er aber nun diese jungen Menschen, die

nüchtern, aber satt und ohne Durst waren, sich nach den schleppenden,

aber taktmässigen Klängen der Harmonika herum schwenken sah, war es, als

sei seine Seele in eine Schaukel gekommen, die von seinen Augen und

Ohren in Schwung gesetzt wurde, und er konnte sich nicht erwehren, dass

sein rechter Fuss gegen das Moos leise den Takt trat.

Als drei Stunden vergangen waren, stand er auf. Aber es fiel ihm beinahe

schwer, fortzugehen; es war, als breche er von einem fröhlichen Gelage

auf, denn er glaubte mit ihnen zusammen gewesen zu sein; aber er war

milder geworden und empfand einen Frieden und eine angenehme Müdigkeit,

als habe er sich vergnügt.

Der Abend war gekommen. Einige lackierte Wagen schleppten Damen, die in

ihren weissen Theatermänteln wie eingehüllte Leichen auf den Rücksitzen

lagen, denn es war damals Mode, so auszusehen, als sei man ausgegraben.

Der Lehrer, dessen Gedanken eine neue Richtung eingeschlagen hatten,

dachte, diese Damen müssten sich langweilen, und er empfand nicht eine

Spur von Neid. Aber unterhalb der grossen Landstrasse, draussen auf dem

Meer kamen jetzt die Dampfer mit Flaggen und Musik von ihren

Vergnügungsfahrten zurück; man hurrate und spielte und sang auf ihnen,

dass es noch in den Bergen des Tiergartens zu hören war.

Niemals in seinem Leben hatte sich der Lehrer so allein gefühlt wie in

diesem Volksgewimmel; er glaubte, die Menschen blickten ihn mit

Teilnahme an, wie er da allein gleich einem Einsiedler ging, und er

selber fand, es sei schade um ihn. Er wäre gern auf den ersten Besten

zugegangen, nur um zu sprechen und seine Stimme wieder zu hören, denn er

fand in seiner Einsamkeit, er habe einen Fremden neben sich. Und jetzt

erwachte sein böses Gewissen. Er erinnerte sich an den Kellner Gustav,

der seine Freude, ihn wiederzusehen, nicht hatte zügeln können. Jetzt

war er soweit gekommen, dass er wünschte, irgend jemand komme ihm

entgegen und zeige seine Freude, ihn zu sehen! Aber es kam niemand.

Doch, als er auf der Dampfschaluppe sass, kam ein Hühnerhund, der seinen

Herrn verloren, und legte den Kopf auf seine Knie. Der Lehrer mochte

Hunde sonst nicht leiden, aber er jagte ihn jetzt nicht fort; es war ein

so weiches und warmes Gefühl am Knie, und das verlassene Tier sah ihm in

die Augen, als bitte es ihn, seinen Herrn ausfindig zu machen.

Als sie aber ans Land stiegen, lief der Hund seiner Wege.

– Er brauchte mich nicht länger, dachte der Lehrer, und dann ging er

nach Hause und legte sich nieder.

* * * * *

Diese unbedeutenden Ereignisse des Mittsommertages hatten dem Lehrer

seine Sicherheit genommen. Er sah nämlich ein, dass alle Vorsorge, alle

Voraussicht, alle kluge Berechnung dem Menschen nicht genug sei. Er

fühlte eine gewisse Unsicherheit um sich herum. Sogar die Kneipe, sein

Heim, war so wenig zuverlässig, dass es jeden Augenblick geschlossen

werden konnte. Eine gewisse Kühle von Gustavs Seite begann auch störend

auf ihn einzuwirken. Der Kellner war ebenso höflich wie früher,

aufmerksamer als sonst, aber die Freundschaft war fort, das Vertrauen

war gebrochen. Das machte den Lehrer bedenklich, und jedes Mal, wenn er

ein trockenes Stück Fleisch oder zu wenig Kartoffel bekam, dachte er

immer:

– Haha! Er rächt sich an mir!

Der Sommer war schlimm für den Lehrer: die zweite Geige verreiste und

der Buchhändler hielt sich meistens auf der „Moseshöhe“ auf, dem

hochgelegenen Gartenrestaurant seines Viertels.

An einem Herbstabend sassen der Buchhändler und die zweite Geige in der

Stammkneipe und tranken ihren Grog, als der Lehrer eintrat, unterm Arm

ein Paket tragend, das er sorgfältig in einem leeren Flaschenkorb

verbarg, in der Kammer, in die man Gerümpel fortstellte. Der Lehrer war

mürrisch und ungewöhnlich nervös.

– Nun, alter Junge, begann der Buchhändler wohl zum hundertsten Mal,

wirst du dich nicht doch noch verheiraten?

– Der Teufel mag sich verheiraten! Man hat doch genug Sorgen! Und warum

verheiratest du dich nicht? wies ihn der Lehrer ab.

– Oh, ich habe ja meine alte Stafva, antwortete der Buchhändler, der

eine Menge Antworten auf eine Menge Fragen stereotypiert hatte.

– Ich bin glücklich verheiratet gewesen, sagte der Pole. Aber meine Frau

ist jetzt tot, huh!

– Ist sie das, ahmte der Lehrer ihm nach; und der Herr ist Witwer, wie

reimt sich das?

Der Pole verstand die Wendung nicht, nickte aber beifällig. Der Lehrer

fand, dass die beiden anfingen, ihn zu ermüden. Das Gespräch drehte sich

immer in derselben Richtung, um dieselben Dinge; und er konnte ihre

Antworten auswendig.

Als er aufstand, um sich eine Zigarre aus seinem Überrock, der draussen

im Flur hing, zu holen, eilte der Buchhändler nach der Rumpelkammer und

holte das Paket des Lehrers. Da es nicht versiegelt war, hatte er es

bald aufgemacht, und rollte nun ein prächtiges amerikanisches Nachthemd

auf; das hängte er sorgfältig über den Stuhl des Lehrers.

Huh! sagte der Pole und grinste, als habe er etwas Garstiges gesehen.

Der Wirt, der einen guten Scherz liebte, legte sich auf den Ladentisch

und lachte laut; der Kellner blieb im Saal stehen, und bald steckte eine

Köchin den Kopf durch die Klappe.

Als der Lehrer wieder hereinkam und den Scherz sah, wurde er blass vor

Wut; er hatte sofort den Buchhändler in Verdacht; als er aber Gustav in

einer Ecke stehen und lachen sah, kam ihm wieder eine fixe Idee: Er

rächt sich! Und ohne ein Wort zu sagen, riss er das Hemd an sich, warf

Geld auf den Ladentisch und ging!

Von diesem Tage an liess sich der Lehrer nicht mehr bei Rejners sehen.

Der Buchhändler wollte wissen, dass er in einem Restaurant seines

Viertels ass. Das tat er auch! Aber er war tief missvergnügt! Das Essen

war ja nicht schlecht, aber es war nicht so zubereitet, wie er es

gewohnt war. Die Kellner waren nicht aufmerksam. Oft dachte er nach

Rejners zurückzukehren, aber sein Stolz verbot es ihm. So war er aus

seinem Heim hinausgeworfen; so war eine vieljährige Bekanntschaft in

fünf Minuten gebrochen worden.

Im Herbst kam ein neuer Schlag. Mamsell Auguste hatte in der Provinz

eine kleine Erbschaft gemacht und wollte Stockholm am ersten Oktober

verlassen. Der Lehrer musste ziehen.

Da ihm aber nichts mehr recht gemacht werden konnte, zog er jeden Monat

um. Das eine Zimmer war nicht schlechter als das andere, aber es war

nicht dasselbe! Er war so gewohnt, seine alten Strassen zu gehen, dass

er sich oft vor der Tür seiner früheren Wohnung befand, ehe er seinen

Irrtum entdeckte. Mit einem Wort, er war ganz verloren.

Schliesslich ging er in ein Pensionat, obwohl er das immer gehasst und

einen Schrecken davor gehabt hatte. Und da verloren die Bekannten seine

Spur.

Eines Abends sitzt der Pole in der Stammkneipe, allein, rauchend,

trinkend, nickend, mit des Orientalen Fähigkeit, in Gedankenlosigkeit zu

versinken. Da kommt der Buchhändler wie ein Gewitter angestürmt und

schlägt den halb zerquetschten Hut gegen die Tischscheibe, indem er

ausruft:

– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört?

Der Pole erwacht aus seinem Kognak- und Tabaknirwana und rollt die

Augen.

– Himmelkreuzdonnerwetter! Hat man so etwas gehört? Er hat sich verlobt!

– Wer hat sich verlobt? fragt der Pole, ganz erschrocken von dem

Hinwerfen des Hutes und dem üppigen Fluchen.

– Lehrer Blom!

Und der Buchhändler verlangt einen Grog, als Ersatz für die Bewirtung,

die er gegeben. Und der Kellermeister muss vom Ladentisch aufstehen und

zuhören.

– Hat sie Geld? fragt er gerieben.

– Nein, das glaube ich nicht, sagt der Buchhändler, der jetzt ein Held

ist und seine Gaben stückweise verkauft.

– Ist sie schön? fragt der Pole. Meine Frau war so schön, huh!

– Nein, sie ist auch nicht schön, sagt der Buchhändler. Aber sie sieht

nett aus!

– Haben Sie sie denn gesehen? fragt der Wirt. Ist sie alt?

Und er blickt nach der Küchenklappe.

– Nein, sie ist jung!

– Und ihre Eltern? fährt der Wirt fort.

– Der Vater soll Gelbgiesser in Örebro sein!

– Nein, solch ein Schelm! meint der Wirt.

– Ich habs ja immer gesagt, der Mann war geboren zum heiraten, sagt der

Buchhändler.

– Das sind wir wohl alle, sagt der Wirt; und glauben Sie mir, glauben

Sie mir, niemand entgeht seinem Schicksal!

Mit dieser Weisheitsregel schliesst er das Gespräch und geht wieder an

den Ladentisch.

Nachdem man sich damit beruhigt hat, dass es keine Geldheirat ist,

stellt man Betrachtungen darüber an, „wovon sie leben werden“. Und der

Buchhändler schätzt den Gehalt des Lehrers ab, und „was er an Stunden

verdienen kann“.

Nachdem diese Frage entschieden ist, will der Wirt Einzelheiten wissen.

– Wo hat er sie getroffen? Ist sie blond oder dunkel? Liebt sie ihn?

Die letzte Frage liegt durchaus nicht aus dem Wege, und der Buchhändler

„glaubt es“, denn er hat gesehen, wie sie vor einem Schaufenster an

seinem Arm hing.

– Ja, aber dass er, der so hölzern war, sich verlieben konnte! Das ist

doch ganz unglaublich!

– Aber was für ein Ehemann er werden wird!

Der Wirt weiss, dass ers mit dem Essen „verflucht“ genau nimmt, und das

dürfe man nicht, wenn man sich verheiratet (ein Blick nach der

Küchenklappe)!

– Und dann will er gern einen Grog abends trinken; aber man kann doch

nicht jeden Abend einen Grog trinken, wenn man verheiratet ist? Und dann

mag er Kinder nicht leiden! Das geht nicht gut, flüstert er. Glauben Sie

mir, das geht nicht gut. Und dann noch eine Sache, meine Herren (hier

stand er auf, sah sich um und fuhr flüsternd fort), ich glaube, hol mich

der Teufel, er hat ein kleines Verhältnis gehabt, der alte Heuchler.

Erinnern Sie sich nicht jenes Abends, meine Herren, mit dem – hihihihi!

– Nachthemd? Den finden Sie nicht wieder, wo Sie ihn gelassen haben!

Passen Sie auf, Frau Blom, nehmen Sie sich in acht! Aber ich will nichts

gesagt haben!

Die Tatsache stand jedenfalls fest, dass der Lehrer verlobt war und dass

er in zwei Monaten heiraten wollte.

Wie es weiter ging, das gehört nicht zur Geschichte, und schwer ist es

ausserdem, wirklich zu wissen, was hinter den Klostermauern der

Häuslichkeit geschieht, wenn das Gelübde des Schweigens gehalten wird.

Sicher ist so viel, dass der Lehrer seitdem nie mehr in einer Kneipe zu

sehen war.

Der Buchhändler, der ihn eines Abends allein auf der Strasse traf,

musste eine lange Vorlesung anhören, dass er sich verheiraten solle. Ja,

der Lehrer war gegen Junggesellen losgezogen und hatte gesagt, sie seien

Egoisten, die sich nicht fortpflanzen wollten; man müsse eine hohe

Steuer auf diese Kuckucke legen, denn alle indirekten Steuern träfen am

meisten den Familienvater; ja, er ging so weit, dass der

Junggesellenstand durch das Gesetz „als ein Verbrechen gegen die Natur“

bestraft werden müsse.

Der Buchhändler, der ein gutes Gedächtnis hatte, sprach seine Bedenken

aus, ob man sein Schicksal mit einer „Gans“ vereinigen solle. Da

antwortete der Lehrer, _seine_ Frau sei die intelligenteste Dame, die er

kenne.

Zwei Jahre später hatte der Pole den Lehrer mit seiner Frau im Theater

gesehen und gefunden, „dass sie glücklich aussahen, huh!“

Drei Jahre später war der Wirt an einem Mittsommertag auf einer

Vergnügungstour durch den Mälarsee nach Mariefred gefahren. Dort

draussen auf dem grünen Rasen, vor dem Schloss Gripsholm, schob der

Lehrer Blom einen Kinderwagen und trug einen Korb mit Speisen, während

ihm eine ganze Karawane Herren und Damen folgten, die „vom Land zu sein

schienen“. Der Lehrer sang nach dem Mittagessen Lieder und sprang Bock

mit den jungen Herren. Er sah zehn Jahre jünger aus und war wie ein

richtiger Kavalier gegen die Damen.

Der Wirt, der sich der Gesellschaft ganz nahe befand, hatte während des

Mittagessens einen kleinen Dialog zwischen Herrn Blom und seiner Frau

angehört. Als die Frau eine Schüssel Krebse aus dem Speisekorb nahm, bat

sie Albert, nicht verdriesslich zu werden, aber es sei ihr ganz

unmöglich gewesen, weibliche Krebse zu bekommen, obwohl sie den ganzen

Markt abgesucht habe. Da fasste der Lehrer sie um die Taille, küsste sie

und sagte, er esse ebenso gern männliche Krebse und er sei ganz

zufrieden. Als dann das Kind im Wagen zu schreien anfing, hob der Lehrer

es auf seine Arme und trug es, bis es still wurde.

– Nun, das sind ja alles Kleinigkeiten, aber wie die Menschen als

Verheiratete leben können, während sie kaum als Junggesellen zu leben

haben, das ist ein Rätsel. Aber es sieht aus, als bringen die Kinder

Essen mit, wenn sie zur Welt kommen, so sieht es aus!

Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten · 第 8 / 26 题