Als die Mutter starb, war er dreizehn Jahre alt. Es war ihm, als habe er
einen Freund verloren, denn während des Jahres, in dem die Mutter krank
zu Bett lag, hatte er ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, was Eltern
und Kinder so selten tun. Er war nämlich früh entwickelt und hatte einen
guten Kopf; er las viel mehr als die Schulbücher, denn sein Vater, der
Professor der Botanik an der Akademie der Wissenschaften war, besass
eine gute Bibliothek. Doch die Mutter hatte keine Erziehung genossen,
sondern war in ihrer Ehe die erste Haushälterin des Mannes gewesen und
die Pflegerin der vielen Kinder. Als sie jetzt mit neununddreissig
Jahren bettlägerig wurde, nachdem sie ihre Kräfte durch die vielen
Geburten und die vielen Nachtwachen (sie hatte seit sechzehn Jahren
keine Nacht mehr durchgeschlafen) erschöpft hatte, und sich mit dem
Haushalt nicht mehr befassen konnte, machte sie die Bekanntschaft ihres
zweiten Sohnes; der älteste war Kadett und nur Sonntags zu Hause.
Da sie aufgehört hatte, Hausmutter zu sein und nur noch Patientin war,
verschwand dieses altmodische Verhältnis der Disziplin, das sich immer
zwischen Eltern und Kinder stellt. Der dreizehnjährige Sohn sass fast
immer an ihrem Bett, wenn er nicht in der Schule war und nicht an
Schulaufgaben arbeitete, und las ihr dann vor. Viel hatte sie zu fragen
und viel hatte er zu erklären; dadurch fielen zwischen ihnen diese
Gradzeichen, die Alter und Stellung errichten; sollte einer durchaus der
Überlegene sein, so war es der Sohn. Aber die Mutter hatte aus ihrem
vergangenen Leben viel zu lehren, und so waren sie abwechselnd Lehrer
und Schüler. Sie konnten schliesslich über alles sprechen. Und der Sohn,
der sich im Anfang der Mannbarkeit befand, erhielt über das Mysterium
der Fortpflanzung manche Aufklärung, und zwar mit der Feinfühligkeit der
Mutter und der Schamhaftigkeit des andern Geschlechts. Er war noch
unschuldig, hatte aber in der Schule viel gehört und gesehen, das ihn
anwiderte und empörte. Die Mutter erklärte ihm alles, was erklärt werden
konnte; warnte ihn vor dem gefährlichsten Feind der Jugend und nahm ihm
ein heiliges Versprechen ab, dass er sich niemals werde verleiten
lassen, schlechte Frauen zu besuchen, nicht ein Mal aus Neugier, denn
niemand könne sich in solchen Fällen auf sich verlassen. Und sie verwies
ihn auf eine mässige Lebensweise und auf den Verkehr mit Gott im Gebet,
wenn die Versuchung an ihn herantrete.
Der Vater ging ganz auf im selbstsüchtigen Genuss seiner Wissenschaft,
die für seine Frau ein verschlossenes Buch war. Er hatte, gerade als die
Mutter im Sterben lag, eine Entdeckung gemacht, die seinen Namen in der
gelehrten Welt unsterblich machen sollte. Er hatte nämlich auf einem
Abladeplatz vor den Toren Stockholms eine neue Art Gänsefuss gefunden,
die geneigte Haare auf dem sonst geradhaarigen Blütenkelch hatte. Er
pflog gerade Verhandlungen mit der Berliner Akademie der Wissenschaften,
um die Spielart in die „Flora Germanica“ aufnehmen zu lassen; jeden Tag
erwartete er den Bescheid, ob die Akademie ihn unsterblich machte, indem
sie der Pflanze den Namen Chenopodium Wennerstroemianum gab. Am
Sterbebette seiner Frau war er geistesabwesend, beinahe unfreundlich,
denn er hatte gerade die bejahende Antwort der Akademie erhalten, und es
grämte ihn, dass er sich, und noch weniger seine Frau, nicht mit der
grossen Neuigkeit erfreuen konnte. Denn sie dachte nur an den Himmel und
an ihre Kinder. Ihr jetzt mit einem krummhaarigen Blütenkelch zu kommen,
erschien ihm selber lächerlich; aber, verteidigte er sich, es handelte
sich nicht um einen krummhaarigen oder geradhaarigen Blütenkelch,
sondern um eine wissenschaftliche Entdeckung; und, was mehr war, um
seine Zukunft, um die Zukunft seiner Kinder, da ja die Ehre des Vater
für sie Brot war.
Als seine Frau am Abend starb, weinte er sehr; seit vielen, vielen
Jahren hatte er nicht geweint. Er fühlte die ganze furchtbare
Gewissensqual über begangenes, wenn auch noch so kleines Unrecht, denn
er war ein exemplarischer Ehemann; er empfand Reue und Scham über seine
Unfreundlichkeit, seine Geistesabwesenheit des gestrigen Tages; und in
einem Augenblick der Leere gingen ihm die Augen auf, wie kleinlich
selbstsüchtig seine Wissenschaft sei, die, wie er sich eingebildet, für
die Menschheit arbeite. Aber diese Regungen dauerten nicht lange: wenn
man eine Tür öffnet, die eine Feder hat, so schlägt sie gleich wieder
zu. Am nächsten Morgen, nachdem er die Todesanzeige aufgesetzt, schrieb
er eine Dankadresse an die Berliner Akademie der Wissenschaften. Darauf
ging er wieder an seine Arbeit.
Als er zum Mittagessen nach Haus kam, wollte er zu seiner Frau hinein
gehen, um ihr seine Freude zu erzählen, denn sie war ihm stets die
treueste Freundin im Leid gewesen, der einzige Mensch, der auf seine
Erfolge nicht neidisch war. Jetzt fühlte er, wie sehr er diese Freundin
vermisste, hatte er doch immer auf Zustimmung bei ihr rechnen können;
hatte sie ihm doch nie widersprochen, denn sie wusste nicht, was sie
dagegen sagen solle, da er ihr nur die praktischen Ergebnisse seiner
Forschungen mitteilte. Einen Augenblick dachte er daran, mit dem Sohn
Bekanntschaft zu schliessen, aber sie kannten einander zu wenig, und der
Vater befand sich seinem Sohn gegenüber in der Stellung, die ein
Offizier seinem Soldaten gegenüber einnimmt. Sein Rang verbot ihm eine
Annäherung, und der Sohn war ihm übrigens auch etwas verdächtig, weil er
einen schärferen Kopf als der Vater besass, weil er eine ganze Menge
neuer Bücher gelesen hatte, die der Vater nicht kannte; ja, es konnte
zuweilen der Fall eintreten, dass der Vater, der Professor, seinem Sohn,
dem Gymnasiasten, gegenüber wie ein Unwissender dastand. Bei solchen
Gelegenheiten musste der Vater entweder seine Verachtung über die neuen
Dummheiten äussern, oder auch ein Machtwort sprechen, indem er den
Schüler auf seine Schulaufgaben verwies. Da konnte es geschehen, dass
der Sohn damit antwortete, dass er ein Lehrbuch vorzeigte; dann geriet
der Professor ausser sich und wünschte die neuen Lehrbücher zur Hölle.
So kam es, dass sich der Vater in seine Herbarien vertiefte, und der
Sohn seine eigenen Wege ging.
Sie wohnten in der Nordzollstrasse links von der Sternwarte. Ein kleines
einstöckiges Backsteinhaus, umgeben von einem ausgedehnten Garten; der
hatte früher ein Mal der Gärtnergesellschaft gehört und war durch
Erbschaft dem Professor zugefallen. Da er aber die beschreibende Botanik
studierte, ohne sich um die weit interessantere Pflanzenphysiologie und
Pflanzenmorphologie zu kümmern, die in seiner Jugend noch in den Windeln
lagen, war ihm die lebendige Natur beinahe fremd. Er liess daher den
Garten mit seinen vielen Herrlichkeiten zuwachsen und verfallen;
verpachtete ihn schliesslich an einen Gärtner unter der Bedingung, dass
er und seine Kinder gewisse Freiheiten behielten. Der Sohn benutzte den
Garten als Park, freute sich an dessen Natur, so wie sie war, ohne sich
die Mühe zu machen, sie wissenschaftlich aufzufassen.
Sein Charakter war wie ein schlecht gearbeitetes Kompensationspendel: zu
viel von dem weichen Metall der Mutter, zu wenig von dem harten des
Vaters. Daher Reibungen und ungleichmässiger Gang. Bald äusserst
gefühlvoll, bald hart und skeptisch. Der Mutter Tod packte ihn sehr. Er
betrauerte sie so, dass er sie in seiner Erinnerung als Inbegriff alles
Guten, Schönen und Grossen vergötterte.
Den Sommer, der auf den Tod folgte, brachte er mit Grübeleien
und Romanlesen zu. Aber die Trauer, und nicht zuletzt die
Beschäftigungslosigkeit, hatten sein ganzes Nervenleben erschüttert und
seine Phantasie in Tätigkeit gesetzt. Die Tränen waren ein warmer
Aprilregen gewesen, der die Obstbäume so früh weckt, dass sie sich zum
Blühen verlocken lassen, um dann zu erfrieren: ehe die Befruchtung
vollendet ist, kommt der Maifrost.
Er war fünfzehn Jahre alt, also an dem Zeitpunkt angelangt, an dem der
Kulturmensch mannbar wird und reif ist, einem neuen Geschlecht Leben zu
geben, davon aber abgehalten wird, weil ihm die Nahrung für die Jungen
fehlt. Er war also im Begriff, in das mindestens zehnjährige Martyrium
einzutreten, das der junge Mann im Kampf gegen die übermächtige Natur
durchzumachen hat, ehe er daran denken kann, das Gesetz der Natur zu
erfüllen.
* * * * *
Es ist um die Pfingstzeit an einem warmen Nachmittag. Die Apfelbäume
prangen in ihren weissen Blüten, welche die Natur mit verschwenderischer
Freigebigkeit über sie ausgestreut hat. Der Wind schüttelt die Kronen
und der Blütenstaub wirbelt in der Luft umher; ein Teil kommt zu seiner
Bestimmung und erweckt Leben, ein Teil fällt auf die Erde und vergeht.
Was kümmert sich die unendlich reiche Natur um eine Handvoll Blütenstaub
mehr oder weniger! Und wenn die Blüte befruchtet ist, lässt sie ihre
zarten Blätter fallen, die bald auf dem Gange verwelken und beim
nächsten Regen verfaulen, sich auflösen, Erde werden, um einmal wieder
durch den Saft aufzusteigen und wieder Blüte zu werden und dieses Mal
vielleicht Frucht. Jetzt aber beginnt der Kampf: die so glücklich
gewesen sind, an die Sonnenseite zu kommen, die gedeihen; der
Fruchtknoten schwillt, und wenn kein Frost eintritt, wird er bald
fruchtbar. Die aber nach Norden geraten sind, die armen Dinger, die im
Schatten der andern sitzen und nie die Sonne sehen, die welken und
fallen ab; der Gärtner harkt sie zusammen und fährt sie in der
Schiebkarre nach dem Schweinestall.
Jetzt steht der Apfelbaum da, die Zweige mit halbreifen Früchten
beladen, kleinen runden goldgelben Äpfeln mit rosenroten Backen. Ein
neuer Kampf bricht aus: bleiben alle leben, so brechen die Zweige von
der Schwere und der Baum stirbt. Darum kommt der Sturm. Da muss man
starke Stiele haben, um sich fest halten zu können; wehe den Schwachen,
denn sie sind zum Untergang verdammt.
Dann kommt der Apfelblütenstecher! Der hat auch Leben erhalten und hat
eine Pflicht gegen sein künftiges Geschlecht! Und die Larven
durchfressen den Apfel bis zum Stiel, und dann fällt er auf den Weg
hinunter. Aber die Larve hat Geschmack und wählt die stärksten und
gesundesten, denn sonst würde es zu viele Starke im Leben geben, und
dann würde der Kampf gar zu lebhaft werden.
Aber in der Abendstunde, wenn die Dunkelheit kommt, beginnen die dunkeln
Begierden der Tiere zu erwachen. Die Nachtschwalbe legt sich auf das
frisch gegrabene warme Gartenbeet und lockt ihren Gatten. Welchen? Das
mögen die Männchen entscheiden!
Die Hauskatze schleicht satt und warm aus ihrer Ecke am Herd, nachdem
sie ihre frischgeseihte Abendmilch getrunken, und tritt vorsichtig
zwischen Narzissen und gelbe Lilien, bange, vom Tau feucht und zottig zu
werden, ehe der Liebhaber kommt. Sie riecht an dem eben aufgesprungenen
Lavendel, und dann lockt sie. Vom Zaun des Nachbarn kommt der schwarze
Kater, breit im Rücken wie ein Marder, und antwortet auf den Lockruf; da
aber kommt der dreifarbige Kater des Gärtners vom Kuhstall, und nun
entbrennt der Kampf. Die schwarze, weiche Humuserde wird aufgewirbelt,
und eben gesähte Radieschen und Spinatpflanzen werden aus ihrem stillen
Schlaf und ihren Zukunftträumen gerissen. Der Stärkste siegt, und das
Weibchen wartet neutral ab, bis sie die phrenetischen Umarmungen des
Siegers empfängt. Der Besiegte flieht, um einen neuen Kampf zu suchen,
in dem er der Stärkere bleibt.
Und die Natur lächelt, zufrieden, denn sie kennt keine andre
Treulosigkeit als die gegen ihr Gebot, und sie gibt dem Stärkeren sein
Recht, denn sie will starke Kinder haben, wenn sie auch das „unendliche“
Ich des kleinen Individuums dabei tötet. Und keine Prüderie, keine
Bedenken, keine Furcht vor den Folgen, denn die Natur gibt allen zu
essen – nur dem Menschen nicht.
Er ging in den Garten, als das Abendessen zu Ende war, während sich der
Vater ans Fenster der Schlafstube setzte, um eine Pfeife zu rauchen und
die Abendzeitungen zu lesen. Er ging durch die Wege und fühlte alle
diese Düfte, welche die Pflanze nur verbreitet, wenn sie in Blüte steht;
das feinste und stärkste Destillat ätherischer Öle, die in sich die
ganze Kraft des Individuums verdichten sollen, um sich zum Vertreter der
Art zu erheben. Er hörte, wie die Mücken über den Linden ihr
Hochzeitslied sangen, das unserm Ohr wie eine Trauerklage lautet; er
hörte die spinnenden Locktöne der Nachtschwalbe; das brünstige Schreien
der Katzen, das klingt als zeuge der Tod und nicht das Leben; das Summen
des Mistkäfers, das Flattern des Nachtschmetterlings, das Pipsen der
Fledermäuse.
Er blieb vor einem Narzissenbeet stehen, brach eine Blüte ab und roch
daran, bis ihm die Schläfen klopften. Noch nie hatte er sich diese Blüte
genauer angesehen. Aber im letzten Schuljahr hatte er in Ovid gelesen,
wie der schöne Jüngling in eine Narzisse verwandelt wurde. Einen
weiteren Sinn hatte er in dieser Mythe nicht gefunden. Ein Jüngling, der
aus unbeantworteter Liebe diese Brunst gegen sich selbst wenden muss und
schliesslich von der Flamme verzehrt wird, als er sich in sein eigenes
Bild verliebt, das er in der Quelle sieht! Wie er jetzt diese weissen
Kelchblätter betrachtet, diese Becherblätter, wachsgelb wie die Wangen
eines Kranken, mit diesen feinen roten Streifen, wie man sie bei einem
Lungenkranken sieht, bei dem das Blut unter dem Druck eines wiederholten
Hustens in die äussersten feinsten Gefässe der Haut getrieben wird,
denkt er an einen Schulkameraden, einen jungen Edelmann, der im Sommer
Seekadett war: der hatte dieses Aussehen.
Als er lange an der Blume gerochen hatte, verschwand der starke
Nelkengeruch und hinterliess einen ekligen, seifenartigen Gestank, der
ihm Übelkeit verursachte.
Er wanderte weiter, bis der Weg nach rechts unter eine gewölbte Allee
einbog, die aus Ulmen ausgehauen war. In dem Halbdunkel sah er ganz
hinten in der Perspektive die grosse grüne Strickschaukel sich auf und
ab bewegen. Auf dem hinteren Brett stand ein Mädchen und setzte die
Schaukel in Gang, indem sie die Knie beugte und den Körper nach vorne
warf, während sie sich mit hochgehobenen Armen an den Seitenstangen
hielt. Das war die Tochter des Gärtners, die Ostern konfirmiert worden
war und eben lange Kleider bekommen hatte. Heute abend aber hatte ihre
Mutter sie ein halblanges anziehen lassen, das sie zu Hause auftragen
sollte.
Als sie den jungen Herrn erblickte, wurde sie zuerst verlegen, dass ihre
Strümpfe zu sehen waren, aber sie blieb doch stehen. Herr Theodor trat
vor und sah sie an.
– Stellen Sie sich nicht dorthin, Herr Theodor, sagte das Mädchen, indem
es die Schaukel in vollen Schwung brachte.
– Warum denn nicht, antwortete der Jüngling, der den Zug von ihren
flatternden Röcken um seine heissen Schläfen wehen fühlte.
– Pfui nein, sagte das Mädchen.
– Lass mich einsteigen, so werde ich dich schaukeln, Auguste, sagte Herr
Theodor und warf sich schnell in die Schaukel.
So stand er in der Schaukel ihr gegenüber. Und wenn die Schaukel in die
Höhe ging, schlug ihr Kleid um seine Beine; und wenn die Schaukel in die
Tiefe ging, stand er über sie gebeugt und sah ihr gerade in die Augen,
die von Bangigkeit und Behagen leuchteten. Ihre dünne baumwollene Jacke
schloss sich dicht um die jungen Brüste, die sich unter dem gestreiften
Kattun scharf abzeichneten; ihr Mund stand halb offen und die weissen
gesunden Zähne lächelten ihm zu, als wollten sie ihn beissen oder ihn
küssen.
Immer höher ging die Schaukel, bis sie gegen die höchsten Zweige des
Ahorns schlug. Da stiess das Mädchen einen Schrei aus und fiel in seine
Arme; er musste sich auf die Bank setzen. Als er den weichen warmen
Körper zucken und sich zugleich gegen seinen drücken fühlte, ging es wie
ein elektrischer Schlag durch sein ganzes Nervensystem; ihm wurde
schwarz vor den Augen, und er hätte sie losgelassen, wenn er nicht ihre
linke Brust an seinem rechten Oberarm gefühlt hätte.
Die Schaukel ging langsamer. Sie sprang auf und setzte sich auf die
andere Bank, ihm gegenüber. Und sie sassen da und sahen auf die Erde
nieder und wagten einander nicht ins Gesicht zu sehen.
Als die Schaukel anhielt, stieg das Mädchen aus und stellte sich, als
antworte sie jemand, der sie gerufen. Herr Theodor blieb allein. Das
Blut lief durch seine Adern. Er fühlte seine Lebenskraft verdoppelt.
Aber er wusste nicht klar, was geschehen war. Er stellte sich dunkel
vor, er sei ein Elektrophor, dessen positive Elektrizität sich bei einer
Entladung mit der negativen vereinigt habe. Und zwar während einer
geringen, äusserlich keuschen Berührung mit einem jungen Weib. Ähnliches
hatte er nicht empfunden, wenn er zum Beispiel beim Ringen auf dem
Turnplatz Kameraden fest umschlungen gehalten. Er hatte also die
entgegengesetzte Polarität des Weiblichen gespürt, und er fühlte nun,
was es heisst, Mann zu sein. Und er war Mann. Nicht ein Frühreifer, der
durch Vergewaltigung der Natur vor der Zeit ausschlug, denn er war ein
starker, abgehärteter, gesunder Jüngling.
Als er jetzt durch die Wege wanderte, stiegen neue Gedanken in ihm auf.
Das Leben schien ihm ernster zu werden, das Gefühl der Pflicht trat an
ihn heran. Aber er war erst fünfzehn Jahre alt. Er war noch nicht
konfirmiert, konnte erst nach vielen Jahren in die Gesellschaft
eintreten, also nicht daran denken, sich selber zu ernähren, geschweige
denn Weib und Kind. Sein ernster Sinn liess ihn nämlich nicht an ein
lockeres Leben denken, sondern das Weib war ihm etwas fürs Leben, sein
anderer Pol, seine Ergänzung. Jetzt war er geistig und körperlich reif,
um in die Welt hinauszutreten und sich Brot zu schaffen. Was hinderte
ihn daran? Seine Erziehung, die ihn nichts Nützliches gelehrt; seine
soziale Stellung, die ihm verbot, ein Handwerk zu betreiben. Die Kirche,
die seinen Eid nicht darauf bekommen, der Priesterschaft treu zu sein;
der Staat, der seinen Eid nicht darauf erhalten, Bernadotte und Nassau
treu zu sein; die Schule, die ihn noch nicht soweit dressiert hatte,
dass er für die Universität reif war; der geheime Ordensbund, den die
Oberklasse gegen die Unterklasse geschlossen. Ein ganzer Berg von
Albernheiten lag auf ihm und seiner Jugend. Jetzt da er fühlte, dass er
ein Mann war, schien ihm die ganze Erziehung eine Anstalt zu sein, in
der er erst kastriert werden sollte, ehe man ihn in den Harem zu lassen
wagte, wo eine Mannbarkeit gefährlich sein konnte; einen anderen Sinn
konnte er in all dem nicht entdecken. So versank er wieder in seinen
jetzigen Zustand der Unmündigkeit. Er glaubte eine Pflanze
Bleichsellerie zu sein, die man zusammenbindet und unter einen
Blumentopf legt, damit sie so weiss und mürbe wie möglich wird, damit
sie im Sonnenlicht keine grünen Blätter treibt, nicht in Blüten
ausschlägt, noch, am wenigsten von allem, Samen ansetzt.
Während er diesen Gedanken nachhing, wanderte er auf den Gartenwegen hin
und her, bis die Uhr der nächsten Kirche zehn schlug. Da wollte er ins
Haus gehen, um sich schlafen zu legen. Aber die Haustür war schon
geschlossen. Er musste ans Fenster der Mädchenstube klopfen. Das
Hausmädchen kam im Unterrock, um zu öffnen, und er konnte über dem Hemd,
das herabgeglitten war, ihre blossen Schultern sehen. Alle Schwärmerei
verschwand in einem Nu, er wollte sie festhalten, ihre Brüste drücken,
sich paaren mit einem Wort, denn jetzt war das Weib nur Weibchen für
ihn. Aber das Mädchen war schon wieder hineingehuscht und schlug die Tür
hinter sich zu. Da schämte er sich und ging in seine Kammer hinauf.
Als er glücklich oben war, öffnete er die Fenster, tauchte den Kopf ins
Waschbecken und steckte seine Lampe an.
Als er im Bett lag, griff er zu Arndts „Geistlichen Morgenstimmen“, die
er von seiner Mutter geerbt hatte und von denen er abends immer ein
Stück las, mehr der Sicherheit wegen, denn morgens war die Zeit knapp.
Das Buch erinnerte ihn an das Versprechen der Keuschheit, das er der
Mutter gegeben, und er hatte ein böses Gewissen. Eine Fliege, die ans
Lampenglas kam und mit verbrannten Flügeln um den Nachttisch summte,
brachte seine Gedanken auf etwas anderes, Unbestimmtes; er legte Arndt
fort und steckte sich eine Zigarre an. Er hörte, wie sich unter ihm im
Erdgeschoss der Vater die Stiefel auszog; wie er am Kranz des
Kachelofens die Pfeife ausklopfte; ein Glas Wasser aus der Karaffe
eingoss und sich bereit machte, ins Bett zu gehen. Er dachte, wie einsam
dieser Mann jetzt sein müsse, da seine Frau fort sei. Früher hatte er
durch die Zwischendecke hören können, wie sie mit halber Stimme
vertraulich plauderten, von Dingen, über die sie immer einig waren;
jetzt aber war keine Stimme mehr zu hören, nur die toten Laute, wie ein
Mensch seine Person bedient und besorgt; Laute, die wie die Figuren in
einem Rebus zusammengestellt werden müssen, um etwas Lebendiges aus
ihnen zu machen.
Schliesslich legte er die Zigarre fort, löschte die Lampe und betete
leise das Vaterunser, kam aber nicht weiter als bis zur fünften Bitte:
da schlief er ein.
Mitten in der Nacht erwachte er aus einem Traum. Er hatte das Mädchen
des Gärtners in seinen Armen gehabt. Wo und wann, daran erinnerte er
sich nicht, denn er war ganz betäubt, und er schlief sofort wieder ein.
Am nächsten Morgen war er schwermütig und hatte Kopfschmerzen. Dachte
wieder an die Zukunft, die schwer auf ihm lag und sein ganzes Dasein
bedrückte. Mit Bangen sah er, wie der Sommer verging, denn das Ende der
Ferien brachte ihn wieder in den Erniedrigungszustand, den die Schule
ihm bot: jeder seiner Gedanken sollte da von fremden Gedanken getötet
werden; die Selbständigkeit half nichts, da nur eine bestimmte Anzahl
Jahre ihn ans Ziel führen konnten. Es war wie eine Reise auf einem
Güterzug; die Lokomotive musste so und so lange auf der Station stehen,
und wenn der Dampfdruck aus Mangel an Kraftverbrauch zu stark wurde,
musste man das Sicherheitsventil öffnen. Das Betriebsamt hatte den
Fahrplan aufgestellt, und man durfte nicht zu früh nach den Stationen
kommen. Das war die Hauptsache!
Der Vater sah, dass der Sohn blass und mager wurde, glaubte aber, er
trauere um die Mutter.
* * * * *
Der Herbst kam. Zuerst mit der Schule. Theodor hatte während des
Sommers, als er durch die Romane mit erwachsenen Menschen verkehrte und
ihr Leben und ihre Kämpfe kennen lernte, sich daran gewöhnt, sich als
Erwachsenen zu betrachten. Jetzt kamen die Lehrer und duzten ihn.
Kameraden, Jungen, welche die körperliche Freiheit noch nicht achteten,
erlaubten sich Handgreiflichkeiten, die ihn zu ähnlichen nötigten. Und
diese Bildungsanstalt, die ihn für die Gesellschaft veredeln sollte, was
lehrte sie und wie veredelte sie? Die Lehrbücher waren ja samt und
sonders unter der Kontrolle der Oberklasse geschrieben und liefen alle
darauf hinaus, die Unterklasse dazu zu bringen, die Oberklasse zu
verehren. Die Lehrer sprachen oft mit Erregung zu den Schülern, wie
undankbar sie seien; sie wüssten nicht, welche Vorteile ihre Eltern
ihnen gewährten, indem sie ihnen diese Bildung schenkten, die so viele
Arme entbehren müssten. Nein, wahrhaftig, die Jungen waren noch nicht
verdorben genug, um diese grenzenlose Betrügerei und deren Vorteile zu
durchschauen.
Gab der Unterricht den Schülern irgend ein Mal eine reine Freude durch
den Lehrstoff selber? Nein! Darum mussten die Lehrer unaufhörlich an die
niedrigen Leidenschaften der Schüler appellieren: an die Ambition (das
war ein besserer Name für den kleinlichen Ehrgeiz, höher geschätzt zu
werden als die andern), an das Interesse, an die Vorteile.
Welch elende Maskerade diese Schule! Nicht ein einziger von den
Jünglingen glaubte an den Segen, der darin lag, verhasste Könige
aufzuzählen, unbrauchbare Sprachen zu lernen, Axiome zu beweisen,
Selbstverständlichkeit zu definieren, die Staubbeutel der Pflanzen und
die Gelenke an den Hinterbeinen der Insekten zu zählen, um schliesslich
nicht mehr zu wissen, als dass sie so und so auf lateinisch heissen.
Wieviel lange Stunden wurden nicht darauf verwandt, um vergeblich einen
Winkel in drei gleiche Teile zu teilen, während es „unwissenschaftlich“
(das heisst praktisch) in einer Minute mit einem Gradmesser gemacht
wird.
Wie verachtet wurde alles, was nützlich war! Die Schwestern, die
Ollendorffs französische Grammatik lernten, konnten nach zwei Jahren
französisch sprechen; die Gymnasiasten konnten nach sechs Jahren noch
nicht ein Wort sagen. Und mit welchem Mitleid sprachen sie den Namen
Ollendorff aus! Das war der Inbegriff alles Dummen, das man verbrochen
hatte, seit die Welt erschaffen worden.
Wenn aber die Schwestern eine Erklärung verlangten und fragten, ob die
Sprache nicht dazu da sei, die Gedanken des Menschen auszudrücken, so
antwortete der junge Sophist mit einer Phrase, die er von einem Lehrer
borgte, der sie wieder als Talleyrands Worte zitiert gesehen: Nein, die
Sprache ist dazu da, die Gedanken des Menschen zu verbergen. Das konnte
ein junges Mädchen natürlich nicht begreifen, denn die Männer verstehen
ihre Infamien zu verbergen, sondern glaubte, der Bruder sei furchtbar
gelehrt, und disputierte nicht weiter.
Und dann die verfälschende Ästhetik, die ihren Schleier aus geborgtem
Glanz und falscher Schönheit über alles warf. Man lernte von der
„Ritterwache des Lichtes“ singen! Welche Ritterwache? Mit Adelsbriefen,
Studentenzeugnissen; falschen Attesten, wie sie selber einsehen konnten.
Des Lichtes? Das heisst der Oberklasse, die ihr grösstes Interesse daran
hatte, die Unterklasse durch Schule und Religion in der Dunkelheit zu
halten. „Und vorwärts, vorwärts auf der Bahn des Lichts!“
Immer wurde das Ding bei verkehrtem Namen genannt! Kam dann einer aus
der Unterklasse mit Licht, so war alles vorbereitet, um es zu Dunkelheit
machen zu können. Du junge, „gesunde“ Kämpferschar! Wie gesund sie
waren, alle diese Jünglinge, die von Beschäftigungslosigkeit,
unbefriedigten Trieben, Ehrgeiz entnervt waren, die jeden verachteten,
der nicht die Mittel hatte, Student zu werden! O die Poeten der
Oberklasse, wie haben sie so schön gelogen! Waren sie Betrüger oder
Betrogene?
Wovon sprachen alle diese Jünglinge gewöhnlich? Von ihren Studien?
Niemals! Höchstens von einem Zeugnis! Sie sprachen von Liederlichkeit.
Vom Morgen bis zum Abend! Von Verabredungen mit Mädchen; von
Billardspiel und Punsch; von Geschlechtskrankheiten, über die sie ältere
Brüder hatten sprechen hören. Sie gingen mittags los und „nahmen die
Parade ab“, und wer am weitesten gekommen war, konnte den Namen des
Leutnants nennen und erzählen, wo dessen Mädchen wohnte.
Einmal waren zwei von der „Ritterwache des Lichtes“ ganz naiv mit zwei
prostituierten Mädchen an einem Sommertag in das vornehme Restaurant
„Haselhöhe“ im Tiergarten gegangen, um dort in der offenen Veranda zu
Mittag zu essen. Wegen dieser Naivität wurden sie von der Anstalt
gejagt. Wegen ihrer Naivität, nicht wegen ihrer Lasterhaftigkeit, denn
ein Jahr später bestanden sie ihr Examen für die Universität, gewannen
also ein ganzes Jahr; und als sie ihre Studien in Uppsala beendet
hatten, wurden sie in eine Hauptstadt von Europa geschickt, um dort in
der Gesandtschaft die vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen zu
vertreten.
In einer solchen Umgebung verbrachte Herr Theodor seine beste Jugend. Er
hatte den Betrug durchschaut, konnte aber nicht mit ihm brechen! Wie
soll ich das machen? fragte er sich oft, erhielt aber keine Antwort. Er
wurde natürlich mitschuldig und lernte schweigen.
Die Konfirmation wurde für ihn ein Spektakel, wie die Schule es gewesen.
Ein junger Hilfsprediger, der Pietist war, sollte ihn in vier Monaten
Luthers Kathechismus lehren, ihn, der Theologie, Exegetik, Dogmatik
gehabt und das Neue Testament auf Griechisch gelesen hatte! Aber der
strenge Pietismus, der Wahrheit in Handel und Wandel forderte, musste
auf ihn Eindruck machen.
Es war ein Novembermorgen, als sie in den Kirchensaal gerufen wurden, um
eingeschrieben zu werden. Herr Theodor befand sich ganz unerwartet in
einem ganz andern Kreis, als er täglich in der Schule um sich hatte. Wie
er in das Versammlungszimmer eintrat, begegnete er den Blicken von wohl
hundert Augen, die ihn alle wie einen Feind ansahen. Da waren
Tabaksbinder, Schornsteinfegerjungen, Lehrlinge von allen Handwerken.
Sie schienen auch Feinde unter einander zu sein, denn sie warfen sich
gegenseitig Schimpfnamen zu; aber diese Feindschaft zwischen den
Handwerken war mehr gelegentlich; und wie sie sich auch zankten, sie
hingen doch zusammen. Eine seltsame erstickende Luft schlug ihm
entgegen, und in dem Hass, mit dem er sich begrüsst fühlte, lag auch
eine Verachtung, die Kehrseite eines gewissen Respektes oder Neides. Er
sah sich vergebens nach einem Kameraden um, einem Gleichgesinnten, einem
Gleichgekleideten. Es war keiner da. Die Gemeinde war arm, und die
Reichen sandten ihre Kinder in die Deutsche Kirche, die damals in Mode
war. Es waren Kinder des Volkes; es war die Unterklasse, mit der er
jetzt vor den Altar des Herrn als Gleich und Gleich treten sollte. Er
fragte sich, welcher Abgrund ihn eigentlich von diesen Kindern trenne?
Waren sie körperlich nicht ebenso begabt wie er? Ja, besser vielleicht,
denn alle verdienten bereits ihr Brot, und einige konnten sogar ihren
alten Eltern helfen. Waren sie schlechter ausgerüstet in der
Intelligenz? Das konnte er nicht behaupten, denn er hörte, wie sie bei
ihren Stichelreden mit den schärfsten Beobachtungen um sich warfen; sie
konnten radikale Witze aussprechen, die er gern mit einem Lachen belohnt
hätte, wäre er dazu nicht zu hochmütig gewesen. Wenn er an all die
Dummköpfe dachte, die er zu Kameraden in der Schule hatte, konnte er
keinen bestimmten Strich zwischen sich und ihnen ziehen. Der war aber
vorhanden! Waren es die schäbigen Kleider, die hässlichen Gesichter, die
groben Hände? Ja, zum Teil war es wohl das! Besonders fühlte er sich von
ihrer Hässlichkeit abgestossen! Aber waren sie deshalb schlechter, weil
sie hässlich waren?
Er hatte ein Florett bei sich, da er nachher in die Fechtstunde wollte.
Er stellte es in eine Ecke, damit es sich keine unangenehme
Aufmerksamkeit zuzog. Aber es war schon bemerkt werden. Niemand wusste
eigentlich, was es für ein Ding sei, aber sie verstanden, dass es eine
Waffe vorstellte. Einige der Kühnsten machten sich in der Ecke zu
schaffen, um es zu untersuchen. Sie befingerten die Umwindung des
Heftes, kratzten mit den Nägeln auf dem Stichblatt, bogen die Klinge,
befühlten den kleinen Ball aus Handschuhleder. Es war, als schnüffelten
Hasen an einer Flinte, die sie im Walde gefunden. Sie verstanden nicht,
wozu es anzuwenden sei, aber sie fühlten, es war etwas Feindliches, das
einen verborgenen Zweck hatte. Schliesslich trat ein Gürtlerlehrling,
dessen Bruder zur Leibgarde gehörte, an die Neugierigen heran und
entschied die Frage sofort: Könnt ihr nicht sehen, dass es ein Säbel
ist, ihr Kaulbarsche! Und damit warf er einen respektvollen Blick auf
Herrn Theodor; doch lag in diesem Blick auch ein geheimes
Einverständnis, das bedeutete: Wir verstehen das! Aber ein Seilerjunge,
der einmal bei der Artillerie gewesen war, um Trompeter zu werden, hielt
sich beim Fällen des Urteils für übergangen, konnte den Mund nicht
halten, sondern erklärte: man könne ihn in den Rücken beissen, wenn das
nicht ein Degen sei! Die Folge war eine Schlägerei, die den ganzen
Kirchensaal in einen einzigen grossen Hundehof verwandelte, der von
Staub rauchte und mit Geheul erfüllt war.
Da wird die Tür geöffnet und der Hilfsprediger steht da. Ein junger,
blasser, magerer Mann, der Ausschlag im Gesicht und wässerige blaue
Augen hat. Er schrie die Jungen zuerst an. Die wilden Tiere hörten auf,
sich zu schlagen. Darauf liess er sich aus über Jesu teueres Blut und
die Macht, die das Böse über die Herzen hat. Schliesslich brachte er die
hundert Jungen dazu, sich auf Bänke und Stühle zu setzen. Bis dahin war
er aber ganz ausser Atem gekommen und das Zimmer war voll von
aufgewirbeltem Staub. Er warf einen Blick nach dem Fensterventil und
sagte mit matter Stimme: Öffnet die Klappe! Damit weckte er aber den
Sturm wieder. Fünfundzwanzig Knaben stürzten hin und stiessen beim
Fenster auf einen Haufen zusammen, um die Schnur zum Ventil zu fassen.
– Geht und setzt euch! schrie der Geistliche von neuem und lief nach dem
Stock.
Für einen Augenblick herrschte Ruhe. Der Geistliche dachte sich eine
praktischere Art aus, um ohne Schlacht die Klappe zu öffnen.
– Du, sagte er und zeigt auf einen eingeschüchterten armen Teufel, geh
und öffne die Klappe.
Der Kleine trat ans Fenster und suchte die zusammengezogene Schnur zu
lösen. In atemlosen Schweigen warteten die versammelte Schar das
Ergebnis ab, als ein grosser Bursche im Seemannsanzug, der eben mit der
Brigg Carl Johan heimgekehrt war, die Geduld verlor:
– Nun sollt ihr mal sehen, hol mich der Teufel, was ein Junge kann,
sagte er; im Nu hatte er den Rock abgeworfen, das Fensterbrett geentert,
sein Messer gezogen und die Schnur durchgeschnitten.
– Kappen Bakstag! konnte er noch sagen, als der Geistliche einen neuen
Schrei ausstiess, wie ein hysterisches Weib, und damit den Seemann
buchstäblich hinunterscheuchte. Der beteuerte:
– Das Fall hatte sich so vertüdert, dass nichts anderes zu machen war,
als kappen.
Der Pastor war ganz ausser sich. Er kam aus einer stillen Provinz und
hätte nicht geglaubt, dass eine Jugend so tief verdorben sein könnte, so
in Unsittlichkeit und Sünde versunken, so weit vorgeschritten auf dem
Weg der Verdammnis. Und er erzählte ihnen lang und breit von Jesu teuerm
Blut.
Keiner verstand, was er sagte, denn sie hatten keinen Begriff davon,
dass sie gesunken seien, da sie nie oben gewesen. Die Jungen zeigten
daher eine gleichgültige Kälte.
Der Geistliche sprach weiter von Jesu teuern Wunden; aber niemand bezog
es auf sich, denn niemand hatte einen Jesus verwundet. Da versuchte er
es mit dem Teufel; der war aber so in ihre tägliche Sprache eingegangen,
dass er auch keinen Eindruck machte. Schliesslich kam er auf das Rechte!
Er sprach von der auf den Frühling festgesetzten Konfirmation. Er
erinnerte sie an die Eltern, die ihre Kinder ins Leben hinausführen
wollten; und als er auf die Brotherren zu sprechen kam, die niemand
anstellten, der nicht konfirmiert sei, da wurde er unwiderstehlich, und
alle verstanden die tiefe Bedeutung der Konfirmation. Jetzt war er
aufrichtig, und da begriffen ihn alle die jungen Gemüter; sogar die
Wildesten wurden zahm.
Die Einschreibung begann! Wie viele Kirchenscheine waren mangelhaft! Wie
sollten sie zu Jesus kommen, wenn ihre Eltern nicht getraut waren? Wie
sollten sie an den Gnadentisch des Sünders gelangen, wenn der Vater
schon bestraft war? Was für Sünder!
Herr Theodor wurde tief erschüttert von all diesem öffentlichen Schimpf,
der ausgeteilt wurde. Er wollte ein Auge zudrücken, konnte es aber
nicht. Als er schliesslich selber mit seinem Kirchenschein vortrat und
der Prediger las: Sohn Theodor, an dem und dem Tage geboren; Eltern:
Professor und Ritter ... da fuhr ein schwacher Sonnenschein über das
Gesicht des Geistlichen, und er nickte ihm freundlich zu, als er fragte:
Wie geht es dem Herrn Papa? Und dann zog ein Schleier von Wehmut über
seine weissgelben Züge, als er sah, dass die Mutter gestorben war (was
er schon wusste): Sie war ein Kind Gottes, sagte er, wie zu sich selber,
mit überfreundlicher, beklagender, weinerlicher Stimme, mit einem
gewissen Vorwurf gegen den Herrn Papa, der nur Professor und Ritter war.
Dann konnte Herr Theodor gehen.
Als er hinauskam, meinte er etwas erlebt zu haben, das er nicht für
möglich gehalten hätte. Waren diese Jünglinge so tief gesunken, weil sie
Flüche und grobe Worte benutzten, wie alle seine Kameraden, sein Vater,
sein Oheim und die ganze Oberklasse sie zuweilen benutzten! Von was für
einer Sittenverderbnis war hier die Rede? Sie waren wilder als andere
verwöhnte Kinder, weil sie stärker waren. Dass ihre Kirchenscheine
Mängel hatten, war nicht die Schuld der Kinder. Sein Vater hatte nicht
gestohlen, aber man braucht auch nicht zu stehlen, wenn man sechstausend
Kronen Gehalt hat und tun und lassen kann, was man will. Es wäre ja
lächerlich oder abnorm gewesen, wenn er gestohlen hätte.
Und Herr Theodor ging wieder in die Schule und da fühlte er, was es
heisst, eine Erziehung erhalten zu haben: hier wurde niemand wegen eines
kleinen Schnitzers schikaniert, hier wurden die eigenen Schwächen wie
die der Eltern ziemlich in Frieden gelassen, hier war man unter
seinesgleichen und hier verstanden alle einander.
Nach der Schule „nahm man die Parade ab“; schlich in ein Café, um einen
Likör zu trinken; schliesslich ging man in den Fechtsaal. Und wenn er
hier vom Leutnant mit Herr angeredet wurde, alle diese Jünglinge mit
geschmeidigen Gliedern, freiem Benehmen und heiteren Mienen sah, alle
sicher, dass zu Hause ein gutes Mittagessen auf sie warte, fühlte er,
dass es zwei Welten gibt, eine obere und eine untere. Dann packte es ihn
wie ein böses Gewissen, wenn er an den dunkeln Kirchensaal und die
tristen Menschenkinder dachte; deren sämtliche Wunden und heimliche
Mängel wurden unbarmherzig mit dem Vergrösserungsglas gemustert, damit
die Unterklasse der wahren Demut teilhaftig würde, ohne welche die
Oberklasse ihre liebenswürdigen Schwächen nicht in Frieden geniessen
konnte. Damit war etwas Unharmonisches in sein Leben gekommen.
* * * * *
Wie auch Herr Theodor zwischen seinem natürlichen Verlangen nach den
halbbekannten Lockungen des Lebens und seiner neuerworbenen Lust, dem
ganzen Leben den Rücken zu kehren und seinen Sinn auf den Himmel zu
richten, hin und her geworfen wurde, das Gelübde, das er der Mutter
gegeben, brach er nicht. Die häufigen Konfirmationsstunden in der
Kirche, mit den Kameraden und unter dem Geistlichen, verfehlten nicht,
auf ihn Eindruck zu machen. Er war oft düster und grübelte, hatte ein
Gefühl, das Leben sei nicht so, wie es sein müsse. Es war ihm, als sei
einmal ein unerhörtes Verbrechen begangen werden, das jetzt durch
massenhafte Betrügereien verhüllt werde; er glaubte eine Fliege zu sein,
die in das Netz der Spinne geraten war und sich bei jedem Versuch, ein
Loch zu reissen, immer mehr verwickelte, um schliesslich erstickt zu
werden.
Eines Abends, denn der Geistliche benutzte alle Effekte, um den harten
Köpfen der jungen Burschen zu imponieren, hatten sie im Chor der Kirche
Unterricht gehabt. Es war im Januar. Zwei Gasflammen erleuchteten das
Chor und zeigten die Marmorfiguren des Altars in verzerrten
Proportionen. Die ganze grosse Kirche mit ihren beiden einander
kreuzenden Tonnengewölben lag im Halbdunkel. Im Hintergrund sah man die
blanken Zinnpfeifen der Orgel, welche die Gasflammen des Chores schwach
reflektierten; darüber bliesen die Engel zum jüngsten Gericht ihre
Posaunen, sahen jetzt aber nur wie finstere, drohende, übernatürlich
grosse Menschenfiguren aus. Die Kreuzgänge endeten in vollständiger
Dunkelheit.
Der Geistliche hatte das sechste Gebot ausgelegt. Er hatte von Unzucht
in und ausserhalb der Ehe gesprochen. Wie Unzucht zwischen Ehegatten
getrieben wird, das konnte er nicht auseinandersetzen, trotzdem er
selber verheiratet war; aber ausserhalb der Ehe, da wusste er Bescheid.
Dann kam er zum Kapitel der Selbstbefleckung. Als er das Wort nannte,
ging es wie ein Rauschen durch die Jünglingsschar, und mit weissen
Wangen und hohlen Augen starrten sie ihn an, als sähen sie ein Gespenst.
Solange er von den Strafen der Hölle sprach, waren sie ziemlich ruhig;
als er aber aus einem Buch Berichte vorlas, wie Jünglinge im Alter von
fünfundzwanzig Jahren an Rückenmarkschwindsucht gestorben waren, da
sanken sie auf den Bänken zusammen und fühlten den Boden unter sich
wanken! Schliesslich erzählte er die Geschichte von einem Jungen, der im
Alter von zwölf Jahren in ein Irrenhaus kam, um mit vierzehn Jahren zu
sterben, im Glauben an seinen Erlöser. Da war es ihnen, als sähen sie
hundert gewaschene Leichen an Stangen aufgestellt. Nur ein Heilmittel
gegen dieses Übel gebe es: Jesu teure Wunden. Doch wie die gegen zu
frühe Mannbarkeit anzuwenden seien, das zeigte er nicht. Aber man solle
weder tanzen noch ins Theater gehen noch Spielstuben besuchen, vor allem
aber sich des Weibes enthalten: das heisst das Gegenteil tun von dem,
was man in Wirklichkeit tun müsste. Dass dieses Laster dem sozialen
Gesetz, der Mann sei erst mit einundzwanzig Jahren mannbar, bis zur
Vernichtung widerspricht, wurde mit Schweigen übergangen. Ob dieses
Laster durch frühe Ehen verhindert werden kann, indem man allen ein
notdürftiges Essen verschafft, statt wenigen Schmäuse, wurde
dahingestellt. Das Resultat war: man solle sich Jesu in die Arme werfen,
das heisst in die Kirche gehen und die Sorge um die Welt der Oberklasse
überlassen.
Nach dieser Zurechtweisung bat der Geistliche die fünf Ersten auf der
ersten Bank, dazubleiben; er wolle mit ihnen allein sprechen; nach und
nach werde er es mit allen so machen. Die fünf Ersten sahen aus, als
seien sie zum Tode verurteilt. Ihre Brust fiel in den Rücken, weil sie
nicht Atem holen konnten; und wenn man genauer nachgesehen, hätte man
gefunden, dass sich ihr Haar einige Zentimeter auf den Wurzeln in die
Höhe gerichtet und feucht über den Schädel einer Leiche lag. Alles Blut
war aus den Augenbetten gewichen; wie zwei runde Glaskugeln, in
Handschuhleder eingenäht, sahen die Augen aus, unbeweglich, nicht
wissend, ob sie zu einem Bekenntnis herauskriechen oder sich mit einer
kühnen Lüge verbergen sollten.
Das Gebet wurde gesprochen und das Lied von Jesu Wunden gesungen; heute
abend aber wurde es von Lungenkranken angestimmt und hörte zuweilen ganz
auf oder wurde von einem trocknen Husten, gleich dem von Durstigen,
unterbrochen. Dann begannen sie zu gehen. Einer von den fünf versuchte
hinauszuschleichen, wurde aber vom Geistlichen zurückgerufen.
Es war ein furchtbarer Augenblick. Herr Theodor, der auf der ersten Bank
sass, gehörte zu den fünf. Ihm war unangenehm zu Mut. Nicht weil er eine
Sünde in diesem Sinne begangen, sondern weil er es in seinem Innersten
als eine Kränkung für einen Mann empfand, sich so entkleiden zu müssen.
Die vier andern setzten sich weit von einander. Der Gürtler, der unter
ihnen war, versuchte zu scherzen, aber der Witz blieb ihm im Halse
stecken. Sie sahen vor sich Polizei, Gefängnis, Hospital, und im
Hintergrund das Irrenhaus. Sie wussten nicht, was ihnen bevorstand, dass
es aber eine Art Stäupung war, das fühlten sie wohl. Ein Trost, der
einzige in der Betrübnis war, dass _er_, Herr Theodor, dabei war. Sie
wussten nicht, warum es ein Trost war, aber sie fühlten es in der Luft,
dass ihm, dem Sohn eines Professors, nichts Böses geschehen könne.
– Kommen Sie, Wennerström, sagte der Geistliche, der das Gas in der
Sakristei angesteckt hatte.
Wennerström ging und die Tür wurde geschlossen. Die vier sassen da,
jeder auf seiner Bank, und versuchten alle möglichen Stellungen, um den
Körper zur Ruhe zu bringen; aber es ging nicht.
Schliesslich kam Wennerström wieder heraus, verweint, aufgeregt, und
ging sofort durch den Korridor davon.
Als er auf den Kirchhof, der ganz eingeschneit war, hinauskam, nahm er
schnell noch ein Mal durch, was drinnen vorgefallen war. Der Geistliche
hatte gefragt, ob er gesündigt habe. Nein, das habe er nicht. Habe er
Träume? Ja! Träume sind ebenso sündig, denn sie zeigen, dass unser Herz
böse ist, und Gott sieht auf das Herz. Er prüft die Nieren und wird uns
ein Mal für jeden sündhaften Gedanken verurteilen, und die Träume sind
Gedanken. Gib mir, mein Sohn, dein Herz, sagt Jesus. Geh zu Jesus, bete,
bete, bete. Was keusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus! Jesus
von Anfang bis zum Ende, Jesus mein Alles, mein Leben, meine Seligkeit!
Kasteiet das Fleisch und seid fest im Gebet, sagt Jesus! Geh in Jesu
Namen und sündige hinfort nicht mehr!
Er war empört, aber auch vernichtet. Er konnte es nicht ändern, dass er
vernichtet war, und in der Schule hatte er noch nicht soviel gesunde
Vernunft gelernt, um sie gegen die jesuitische Sophistik anzuwenden. Den
Satz, dass die Träume Gedanken sind, musste er allerdings, mit der
Psychologie, die er gelernt, dahin modifizieren, dass sie Phantasien
sind; aber Gott sieht nicht auf Worte! Seine Logik sagte ihm, es liege
etwas Naturwidriges in dieser frühen Brunst. Mit sechzehn Jahren konnte
er sich nicht verheiraten, da er keine Frau versorgen konnte. Aber den
nächsten Gedanken, warum er keine Frau versorgen könne, obwohl er
mannbar war, konnte er nicht zu Ende denken; wenn er es auch wollte, so
hätte er doch vor dem Gesellschaftsgesetz, das von der Oberklasse
gemacht war und von Bajonetten beschützt wurde, Halt machen müssen. Also
war die Natur auf irgend eine Art verletzt worden, da die Mannbarkeit
früher eintrat als die Fähigkeit, Brot zu schaffen. Das war Entartung!
Seine Phantasie war entartet, und er wollte sie reinigen durch
Entsagungen, Gebet, Kampf.
Als er nach Hause kam, sass der Vater mit den Geschwistern bei Tisch.
Theodor schämte sich vor ihnen, als sei er unrein. Der Vater fragte wie
gewöhnlich, wann sie konfirmiert würden. Das wusste Theodor nicht. Er
ass nichts und schätzte Unwohlsein vor; die Wahrheit aber war, dass er
abends nicht zu essen wagte. Er ging auf seine Kammer und setzte sich
hin, um eine Schrift von Schartau zu lesen, die er vom Geistlichen
erhalten hatte. Sie handelte von der Eitelkeit der Vernunft. Hier,
gerade an dem letzten Punkt, wo er aus dem Unklaren herauszukommen
glaubte, da erlosch das Licht. Die Vernunft, die ihm zuweilen die
schwache Hoffnung gab, sich aus den dunkeln Bergen herausfinden zu
können, auch die war Sünde; mehr Sünde als alles andere, denn sie erhob
sich gegen Gott, wollte begreifen, was man nicht begreifen sollte! Warum
man „es“ nicht begreifen sollte, stand nicht da; aber es war wohl darum:
sobald man „es“ begriffen, war der Betrug entdeckt.
Er empörte sich nicht länger, sondern ergab sich! Ehe er zu Bett ging,
las er zwei Morgenstimmen aus Arndt, das ganze Sündenbekenntnis, das
Vaterunser und „Der Herr segne uns“. Er war sehr hungrig, das empfand er
aber mit einer gewissen Schadenfreude, als leide sein Feind etwas Böses.
So schlief er ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte geträumt, er sei
ausgewesen, habe für zwei Reichstaler zu Abend gegessen und Champagner
getrunken und schliesslich sei er mit einem Mädchen in ein besonderes
Zimmer gegangen. So stand der ganze furchtbare Abend wieder vor ihm!
Er sprang aus dem Bett, warf Laken und Unterbett auf den Boden, legte
sich auf die blosse Rosshaarmatratze und deckte sich nur mit einer
dünnen Decke zu. Er fror und war hungrig, aber der Teufel musste getötet
werden. Er betete noch ein Mal das Vaterunser, indem er auf eigene Hand
einige Zusätze machte. Das Gehirn wird nach und nach umnebelt, die
strengen Züge in seinem Gesicht lassen nach, der Mund lächelt:
liebliche, heitere Gestalten, leichtes Gemurmel, ersticktes Lachen,
Takte aus einem Walzer, funkelnde Gläser und offne, lebenslustige
Gesichter mit freien Blicken, die seinen begegnen; da öffnet sich eine
Türgardine: zwischen rotseidenen Vorhängen blickt ein Köpfchen, der Mund
lächelt und die Augen leben, bloss ist der Hals bis zu den Steigungen
der Brüste, die Schultern rund wie von einer weichen Hand modelliert;
die Kleider fallen ab vor seinen Blicken und er hat das Weib in seinen
Armen.
Als er erwachte, schlug die Uhr drei. Er war wiederum besiegt. Jetzt
riss er auch noch die Matratze aus dem Bett. Auf die Steine vorm
Kachelofen fiel er auf die Knie und betete mit eigenen Worten ein
brennendes Gebet zu Gott um Rettung; denn jetzt fühlte er, dass er mit
dem Teufel selber im Kampf lag. Er legte sich dann auf den blossen
Bettboden und empfand mit einem eigenartigen Genuss, wie die Gurte in
Arme und Schienbeine schnitten.
Am Morgen erwachte er in vollem Fieber.
* * * * *
Sechs Wochen lag er zu Bett. Als er endlich wieder aufstand, war er
gesunder als er je gewesen. Die Ruhe, die ausgewählte Kost, die Medizin
hatten seine Kräfte gesteigert, und daher wurde der Kampf nun doppelt so
stark. Aber er kämpfte.
Im Frühling wurde er konfirmiert. Der erschütternde Auftritt, in dem die
Oberklasse der Unterklasse auf Christi Leib und Blut den Eid abnimmt,
dass die letzte sich nie mit dem befasse, was die erste tut, blieb lange
in ihm haften. Dass des Weinhändlers Högstedts Piccardon à 65 Öre die
Kanne und des Bäckers Lettströms Maisoblaten à 1 Krone das Pfund vom
Geistlichen fälschlich für das Fleisch und Blut des vor 1800 Jahren
hingerichteten Volksaufwieglers Jesus von Nazareth ausgegeben wurden,
darüber dachte er nicht nach, denn man dachte damals nicht nach, sondern
man bekam „Stimmungen“.
Ein Jahr später machte er sein Abiturientenexamen. Die Studentenmütze
war ihm eine grosse Freude; ohne sich dessen bewusst zu werden, fühlte
er, dass er als Oberklasse einen Freibrief erhalten habe. Etwas bildeten
sich er und seine Kameraden auch auf ihr Wissen ein, und die Lehrer
hatten sie darin für „reif“ erklärt. Wenn alle diese hochmütigen
Jünglinge wenigstens den Unsinn gekonnt hätten, mit dem sie prahlten!
Hätte man sie auf dem Studentenschmaus gehört, wie sie beteuerten, sie
könnten nicht fünf Prozent von jedem Lehrbuch, in dem sie das Zeugnis
erhalten; wie sie versicherten, es sei ein Wunder, dass sie die Prüfung
bestanden: ein Uneingeweihter hätte es ihnen kaum geglaubt. Auf
demselben Studentenkommers hörte man einige der jüngeren Lehrer jetzt,
da der Zunftunterschied aufgehoben und keine Verstellung mehr nötig war,
offen mit halbberauschten Gebärden darauf schwören, im ganzen Kollegium
sei kein Lehrer, der im Examen nicht durchfallen würde. Ein Nüchterner
musste glauben, das Studentenexamen sei eine Schnur, die man nach
Belieben zwischen Oberklasse und Unterklasse spannen könne; dann kam ihm
das Wunder wie ein grosser Betrug vor.
Ja, es war ein Lehrer, der bei der Bowle behauptete, man müsste ein
Idiot sein, um sich einzubilden, ein Gehirn könne gleichzeitig
auffassen: die dreitausend Jahreszahlen, welche die Geschichte enthält;
die Namen der fünftausend Städte, die es auf der Erde gibt, die Namen
von sechshundert Pflanzen und siebenhundert Tieren; die Knochen im
menschlichen Körper, die Steine in der Erde, alle theologischen
Lehrkämpfe, eintausend französische Vokabeln, eintausend englische,
eintausend deutsche, eintausend lateinische, eintausend griechische,
eine halbe Million Regeln und Ausnahmen; fünfhundert mathematische,
physikalische, geometrische, chemische Formeln. Er wolle nachweisen, das
Gehirn müsse, um das zu können, so gross sein wie die Kuppel der
Sternwarte von Uppsala. Humboldt habe schliesslich nicht mehr das
Einmaleins gekonnt, und der Professor der Astronomie in Lund habe zwei
sechsstellige ganze Zahlen nicht dividieren können. Die neuen Studenten
glaubten sechs Sprachen zu können, und doch könnten sie nicht mehr als
fünftausend Worte höchstens von den zwanzigtausend, die ihre eigene
Sprache enthalte. Und er habe ja gesehen, wie sie mogelten. Oh, er kenne
alle Kniffe! Er habe gesehen, wie sie Jahreszahlen auf die Nägel
geschrieben, wie sie die Bücher unter dem Tisch gehabt, und wie sich
zugeflüstert! Aber, schloss er, was soll man machen? Wenn man nicht ein
Auge zudrückt, bekommt man überhaupt keine Studenten mehr.
Während des Sommers blieb Theodor zu Hause im Garten. Er dachte viel an
seine Zukunft; was er werden solle. In die grosse Jesuitenkongregation,
die unter dem Namen der Oberklasse die Gesellschaft gestiftet, deren
Geheimnisse er nicht durchschauen konnte, hatte er soviel Einblick
gewonnen, dass er mit dem Leben unzufrieden war und Geistlicher werden
wollte, um sich vor der Verzweiflung zu retten. Aber die Welt lockte
ihn. Sie lag so hell und klar vor ihm, und sein starkes gärendes Blut
rief nach Leben. Er rieb sich auf in seinem Kampf, und die
Beschäftigungslosigkeit quälte ihn noch mehr.
Theodors zunehmende Düsterkeit und abnehmende Gesundheit begannen den
Vater zu beunruhigen. Der sah wohl ein, wie es um ihn stand, konnte es
aber nicht über sich gewinnen, mit dem Sohn in einer so delikaten Sache
zu sprechen.
An einem Sonntagnachmittag hatte der Professor seinen Bruder, den
Pionieroffizier, bei sich. Sie sassen im Garten und tranken Kaffee.
– Hast du gesehen, wie verändert Theodor ist? fragte der Professor.
– Ja, seine Zeit ist gekommen, antwortete der Hauptmann; ich glaube, sie
ist es längst.
– Willst du nicht mit ihm sprechen; ich kann es nicht.
– Wenn ich Junggeselle wäre, würde ich die Rolle des Oheims spielen,
sagte der Hauptmann; aber ich werde Gustav zu ihm schicken! Der Junge
muss Mädchen haben, sonst verkommt er. Starke Rasse, diese
Wennerströmsche. Was?
– Ja, sagte der Vater, ich war mit fünfzehn Jahren soweit; aber ich
hatte einen Kameraden, der nicht konfirmiert wurde, weil er mit dreizehn
Jahren einer Konfirmandin ein Kind gemacht hatte.
– Sieh Gustav an: das ist ein Kerl! Der Teufel soll mich holen, wenn er
nicht so breit über die Lenden ist und solche Schenkel hat wie ein alter
Hauptmann! Er macht sich!
– Ja, ich weiss wohl, was es kostet, aber das ist immer noch besser, als
sich anstecken, sagte der Vater. Willst du Gustav bitten, Theodor
mitzunehmen, um ihn etwas aufzurütteln.
– Ja, das will ich tun, sagte der Hauptmann.
Und damit war die Sache klar.
* * * * *
Eines Abends im Juli, als es am allerwärmsten war und alles im höchsten
Flor stand; während der Schwangerschaft der Natur, als alles, das im
Frühling befruchtet war, Frucht werden wollte, sass Herr Theodor auf
seiner Kammer und wartete. Er hatte an die Wand ein „Komm zu Jesus“
angeschlagen, das „Lass uns nicht disputieren“ bedeuten sollte, dem
Bruder Leutnant gegenüber, der dann und wann aus der Kaserne für einen
Augenblick nach Hause kam. Gustav war ein heiteres Gemüt, das sich immer
„machte“, wie der Onkel sagte; er dachte nicht daran, an den Lauf der
Welt Grübeleien zu verschwenden. Für heute abend hatte er Theodor
versprochen, ihn um sieben Uhr abzuholen; sie wollten dann besprechen,
wie des Vaters Geburtstag zu feiern sei. Theodors geheimer Plan war, den
Bruder zu überrumpeln, um ihn auf bessere Gedanken zu bringen. Aber
Gustavs geheimer Plan war, Theodor zur Vernunft zu bringen.
Punkt sieben hielt eine Droschke (Herr Leutnant kam immer in einer
Droschke) vorm Hause, und gleich darauf hörte Theodor auf der Treppe
Sporen klirren und einen Säbel rasseln.
– Guten Tag, alter Maulwurf, grüsste der ältere Bruder.
Es war eine junge kräftige Gestalt. Man sah die prächtigsten Waden unter
den blanken Schäften seiner Stiefel; und unter dem langen Schoss des
Überrocks zeichneten sich die Lenden eines Percheronpferdes ab. Das
goldene Kartuschenbandelier machte die Brust breiter und das Säbelkoppel
hing an einem Paar Hüften, auf denen man sitzen konnte!
Er warf einen Blick auf „Komm zu Jesus“, grinste, sagte aber nichts
darüber.
– Komm, Theodor, wir fahren nach Bellevue zum Gärtner und bestellen
alles für den Geburtstag des Alten. Zieh dich an und komm, alter Baruch.
Theodor wollte Einwendungen machen, aber der Bruder nahm ihn unterm Arm,
setzte ihm die Mütze verkehrt auf den Kopf, steckte ihm eine Zigarre in
den Mund und öffnete die Tür. Theodor fühlte sich lächerlich und aus
seiner Rolle gerissen, ging aber mit.
– Jetzt fährst du nach Bellevue, sagte der Leutnant zum Kutscher, aber
fahr so, dass deine Vollblut wie Riemen auf den Strassensteinen liegen.
Theodor musste über die Sicherheit des Bruders lachen. Niemals wäre es
ihm in den Sinn gekommen, einen Kutscher, einen ältern verheirateten
Mann, du zu nennen.
Auf dem Wege plauderte und schwatzte der Leutnant von allem Möglichen,
und alle Mädchen, die er traf, sah er an.
Sie kamen an einem heimkehrenden Leichenzug vorbei.
– Hast du gesehen, sagte Gustav, was für ein verflucht hübsches Mädchen
im letzten Wagen sass.
Nein, Theodor hatte es nicht gesehen und wollte es nicht sehen.
Und dann begegneten sie einem Omnibus, in dem lauter Kellnerinnen
sassen. Da stand der Leutnant in der Droschke auf und warf ihnen
Kusshände zu, mitten auf der Strasse. Er war zu verrückt.
Sie richteten ihre Sache in Bellevue aus. Auf dem Heimweg bog der
Kutscher ohne weitere Ordre nach der Gastwirtschaft „Stallmeisterhof“
ab.
– Wir wollen etwas essen, sagte Gustav und stiess den Bruder aus der
Droschke.
Theodor war wie betört. Ein Gelübde der Nüchternheit hatte er nie
abgelegt und er sah nichts Sündhaftes darin, in ein Wirtshaus zu gehen,
wenn er es auch nicht von selber tat. Er folgte, allerdings mit dem Atem
im Halse.
Im Flur wurde der Leutnant von zwei Mädchen empfangen, die im nächsten
Augenblick an seiner Brust lagen.
– Guten Tag, meine Tauben, begrüsste er sie und küsste beide auf den
Mund. Hier habt ihr meinen gelehrten Bruder, er ist noch jungfräulich;
das bin ich aber nicht mehr, was, Jossa?
Die Mädchen sahen schüchtern Theodor an, der nicht wusste, wohin er sich
wenden solle, so beispiellos frech, beinahe naiv kam ihm die Sprache des
Bruders vor.
Als sie eine Treppe hinaufgingen, trafen sie ein kleines schwarzes
Mädchen mit verweinten Augen, das manierlich aussah und einen guten
Eindruck auf Theodor machte.
Der Leutnant küsste sie nicht, zog aber sein Taschentuch und trocknete
ihr die Augen. Dann befahl er einen kolossalen Schmaus.
Es war ein heller, heiterer Raum, mit Spiegeln und Klavier, zu
Bacchanalen eigens eingerichtet. Der Leutnant öffnete den Deckel des
Klaviers mit dem Säbel, und ehe Theodor sichs versah, sass er auf dem
Stuhl und hatte die Hände auf der Klaviatur.
– Jetzt spielst du einen Walzer, sagte der Bruder.
Und siehe, Herr Theodor spielte einen Walzer. Und der Leutnant schnallte
den Säbel ab und tanzte mit seiner Jossa einen furchtbaren Walzer, dass
die Sporenräder in Stuhlbeine und Tischfüsse hieben. Dann warf er sich
auf ein Sofa und schrie:
– Kommt her, Sklavinnen, und fächelt mir Kühlung zu.
Theodor ging in Mollakkorde über und war bald in Gounods Faust. Er wagte
sich nicht umzudrehen.
– Geht und gebt ihm einen Kuss, flüsterte der Bruder.
Das getraute sich aber keins von den Mädchen. Nein, sie hatten beinahe
Furcht vor ihm und seiner düstern Musik.
Aber die Kühnste trat ans Klavier heran, um etwas zu sagen:
– Ist das nicht Freischütz?
– Nein, antwortete Theodor höflich, das ist Faust!
– Er sieht so ordentlich aus, dein Bruder, sagte die kleine schwarze,
die Rieke hiess. Der ist anders als du, du alter Schlingel!
– Er will ja auch Geistlicher werden, flüsterte der Leutnant.
Das machte einen tiefen Eindruck auf die Mädchen, und sie küssten den
Leutnant nur noch heimlich, und nach Theodor sahen sie so verlegen und
so scheu wie Hühner nach einem Kettenhund.
Das Abendessen wurde aufgetragen. So viel Speisen! Es waren achtzehn
Schüsseln, dazu die warmen Gerichte.
Gustav goss die Schnäpse ein.
– Prosit, alter Pfaffe, sagte er.
Theodor musste den Branntwein kosten. Der wärmte so gut, und es fiel ein
dünner warmer Schleier über seine Augen, und die Esslust raste wie ein
wildes Tier in seinen Eingeweiden. Der frische Lachs mit seinem halb
angegangenen Geschmack und der Dill mit seinem betäubenden narkotischen;
die Radieschen kratzten die Kehle und verlangten Bier; die kleinen
Beefsteaks mit süsser portugiesischer Zwiebel rochen wie ein tanzendes
Mädchen; der geschmorte Hummer duftete nach dem Meer; die ersten
Pressgurken mit dem Geschmack des giftigen Grünspans knirschten so schön
zwischen den Zähnen; und das Küken, das mit Petersilie ausgestopft war,
erinnerte an den Gärtner. Der Porter rann wie warme Lavaströme durch
seine Adern; aber auf die Erdbeeren da knallte der Champagner, und das
Mädchen kam mit dem brausenden Getränk, das wie eine Quelle rann. Auch
das Mädchen musste sich ein Glas nehmen. Und dann sprachen sie von allem
Möglichen.
Theodor sass da wie ein Baum, der in neuem Saft steht; das Essen gärte
so in seinem Körper, dass er sich wie ein Vulkan fühlte. Neue Gedanken,
neue Gefühle, neue Ansichten, neue Gesichtspunkte flatterten wie
Schmetterlinge um seine Stirn. Er setzte sich ans Klavier; aber was er
spielte, wusste er nicht. Die Tangenten waren unter seinen Fingern ein
Haufen harter Knochenstücke, aus denen sein Geist Leben pressen wollte:
er ordnete, sammelte sie, um sie dann zu zerbrechen, aufzulösen.
Er wusste nicht, wie lange er spielte, als er aber aufhörte und sich
umdrehte, kam der Bruder ins Zimmer. Er sah glücklich aus wie ein
höheres Wesen, und sein Gesicht strahlte von Leben und Kraft. Und dann
kam Rieke mit einer Bowle, und gleich danach kamen alle Mädchen herauf.
Und der Leutnant brachte Gesundheiten auf sie aus, auf die eine nach der
andern. Und Theodor fand, es sei alles so, wie es sein sollte, und er
wurde schliesslich so kühn, dass er Rieke auf die Schulter küsste. Sie
entzog sich ihm aber und sah gekränkt aus, und dann schämte sich
Theodor.
Als die Uhr eins war, mussten sie gehen.
Als Theodor auf seine Kammer in die Einsamkeit kam, war er ganz auf den
Kopf gestellt. Er riss „Komm zu Jesus“ herunter, nicht weil er an Jesus
nicht mehr glaubte, sondern weil er es für eine Prahlerei hielt. Er war
erstaunt, dass seine Religion so lose sass, wie ein Festtagsrock, und er
fragte sich, ob es nicht unpassend sei, die ganze Woche in
Sonntagskleidern zu gehen. Er fand in sich einen einfachen
Alltagsmenschen, den er gut leiden mochte, und er glaubte mehr in
Frieden mit sich selber zu sein, wenn er sich so einfach, anspruchslos,
ungeschraubt gab.
Nachts schlief er einen schweren, guten Schlaf ohne Träume.
Als er am nächsten Morgen aufstand, waren seine blassen Wangen etwas
voller und er fühlte eine frohe Lebenslust. Er ging spazieren, und wie
er so ging, kam er zur Stadt hinaus. Wenn ich nach der Gastwirtschaft
ginge, dachte er, und nachsähe, wie es den Mädchen geht.
Er trat in den grossen Saal; dort sassen Rieke und Jossa allein im
Morgenrock und putzten Stachelbeeren. Und ehe er es sich versah, sass er
an ihrem Tisch, nahm eine Schere und putzte ebenfalls Stachelbeeren. Und
sie plauderten über den gestrigen Abend und über den Bruder und freuten
sich, dass es so lustig hergegangen. Man sprach nicht ein unanständiges
Wort. Theodor fand, es sei wie in einer Familie, und das konnte nicht
sündhaft sein.
Später trank er Kaffee und lud die Mädchen dazu ein. Und dann kam die
Wirtin und las ihnen aus der Zeitung vor: es war ganz, als sei er bei
sich zu Hause gewesen.
So kam er wieder. An einem Nachmittag ging er eine Treppe hoch zu Rieke.
Sie sass oben und nähte an einem Hohlsaum. Theodor fragte, ob er sie
belästige. Nein, keineswegs, im Gegenteil, antwortete sie. Und sie
sprachen über den Bruder. Er war im Manöver und sollte erst in zwei
Monaten zurückkommen. Schliesslich tranken sie Punsch und duzten
einander.
Ein anderes Mal traf Theodor sie im Hagapark. Sie pflückte Blumen. Und
beide setzten sich ins Gras. Sie hatte ein leichtes Sommerkleid an, das
war so dünn, dass er sah, wie die Spitzen ihrer Brüste zwei helle
Erhebungen bildeten, mit einer dunklen Senkung dazwischen. Er fasste sie
um den Leib und küsste sie. Sie küsste ihn wieder, und es wurde ihm
schwarz vor den Augen. Da zog er sie an sich, als wolle er sie
ersticken; sie aber riss sich los und sagte recht ernst, er müsse artig
sein, sonst könnten sie sich nie wieder treffen.
Zwei Monate trafen sie sich. Theodor war in sie verliebt. Er hielt
lange, ernste Gespräche über die höchsten Aufgaben des Lebens, über die
Liebe, über die Religion, über alles, und dazwischen machte er seine
Angriffe auf ihre Tugend, wurde aber immer mit seinen eigenen Worten
zurückgeschlagen. Dann schämte er sich furchtbar, dass er von einem
unschuldigen Mädchen so niedrig denken könne. Seine Leidenschaft ging
schliesslich in hohe Bewunderung über für dieses arme Mädchen, das sich
mitten in den Versuchungen rein erhalten konnte. Er hatte sich den
Geistlichen aus dem Sinn geschlagen, wollte den Doktor machen und – wer
weiss – sich vielleicht mit Rieke verheiraten. Er las ihr jetzt Poesie
vor, während sie nähte. Küssen durfte er sie, soviel er wollte, sie an
sich drücken, zudringlich sein; mehr aber erlaubte sie nicht.
Schliesslich kam der Bruder nach Haus. Sofort gab er ein Festessen im
„Stallmeisterhof“, und Theodor wurde dazu eingeladen. Aber er musste
ihnen vorspielen, unaufhörlich spielen. Er war mitten in einem Walzer,
nach dem niemand tanzte, als er sich umsah: er war allein. Da stand er
auf und ging in den Flur. Kam in eine lange Reihe von kleinen Zimmern,
schliesslich in ein Schlafzimmer. Da hatte er einen Anblick, dass er
sofort hinausstürzte, seinen Hut nahm und in die Nacht verschwand.
Erst gegen Morgen befand er sich wieder zu Hause auf seiner Kammer,
allein, vernichtet, jedes Glaubens beraubt, ans Leben, an die Liebe und
ans _Weib_ natürlich, denn es gab für ihn nur ein Weib in der Welt, und
das war Rieke vom Stallmeisterhof.
Als der fünfzehnte September kam, fuhr er nach Uppsala, um Theologie zu
studieren.
* * * * *
Die Jahre vergingen. Sein guter Verstand erlosch so allmählich unter all
den Dummheiten, die er jetzt täglich und stündlich seinem Gehirn
eintrichtern musste. Wenn aber die Nacht kam und der Widerstand
aufhörte, brach die Natur los und nahm mit Gewalt, was der
aufrührerische Mensch ihr streitig machen wollte. Er wurde kränklich.
Sein Gesicht fiel so ein, dass man alle hervortretenden Knochen des
Schädels sehen konnte; die Haut wurde gelbweiss wie die einer in
Spiritus gelegten Leibesfrucht und sah immer feucht aus; und zwischen
den dünnen Bartsträhnen traten Finnen auf. Das Auge war erloschen; die
Hände so mager geworden, dass alle Gelenke durch die Haut guckten. Er
sah aus wie das Bild zu einer Tendenzarbeit über die menschlichen
Laster, und doch war er rein.
Eines Tages bat ihn der Professor der Moraltheologie, der ein
verheirateter, aber strenger Mann war, um ein Gespräch unter vier Augen.
Der Professor fragte so diskret wie möglich, ob er etwas auf dem Herzen
habe; dann solle er sich erleichtern. Nein, er habe keine Sünde zu
gestehen, aber er sei unglücklich. Der Professor ermahnte ihn, zu wachen
und zu beten und stark zu sein.
Vom Bruder hatte er einen langen Brief erhalten, in dem dieser ihn bat,
jene bewusste Bagatelle nicht so ernst zu nehmen. Es sei dumm, ein
Mädchen ernst zu nehmen! Bezahlen und gehen, sei seine Philosophie, und
mit der stehe er sich gut. Spielen, solange man jung sei; der Ernst
komme immer noch früh genug. Die Ehe sei eine bürgerliche Einrichtung,
um die Kinder aufzuziehen, weiter nichts. Wenn wir älter geworden,
sollten wir uns verheiraten ...
Hierauf antwortete Theodor in einem langen, von wahrem christlichen
Geist durchdrungenen Brief, der unbeantwortet blieb.
* * * * *
Nachdem Theodor im Frühling das erste Examen gemacht hatte, musste er im
Sommer nach Sköfde fahren, um eine Kaltwasserkur durchzumachen. Im
Herbst kehrte er nach Uppsala zurück. Aber die neuen Kräfte, die er
erworben hatte, waren natürlich nur neues Material fürs Feuer.
Es wurde immer schlimmer und schlimmer mit ihm. Sein Haar war jetzt so
dünn, dass die Haut durchschien. Seine Schritte waren schleppend, und
wenn Kameraden ihn auf der Strasse sahen, schauderte ihnen wie vor einem
lasterhaften Menschen. Er begann es selbst zu merken und wurde scheu.
Ging nur abends aus. Wagte nachts nicht im Bett zu schlafen. Das Eisen,
das er im Übermass eingenommen, hatte seine Verdauung verdorben. Im
nächsten Sommer wurde er nach Karlsbad geschickt.
Im folgenden Herbst durchlief ein Gerücht die Universitätsstadt, ein
garstiges Gerücht, das wie eine dunkle Wolke über den Horizont zog. Es
war, als habe man vergessen, eine Kloakenklappe zu schliessen, und ein
furchtbarer Gestank erinnerte plötzlich daran, dass die Stadt, die
herrliche Schöpfung der Kultur, auf einem Untergrund von Fäulnis ruhte,
der jeden Augenblick die Röhren sprengen und die ganze Gesellschaft
vergiften konnte. Man flüsterte, Theodor Wennerström habe in einem
Wutanfall einen Kameraden in seiner Wohnung überfallen und ihm
schändliche Anträge gemacht. Dieses Mal hatte das Gerücht die Wahrheit
geflüstert.
Der Vater kam nach Uppsala und beriet sich mit dem Dekan der
theologischen Fakultät. Der Professor der Pathologie wurde zugezogen.
Was war zu machen? Der Arzt schwieg. Schliesslich wurde er gefragt.
– Da ich gefragt werde, muss ich wohl antworten, sagte er; aber, meine
Herren, Sie wissen doch ebenso gut wie ich, dass es nur ein Mittel gibt.
– Und das ist? fragte der Theologe.
– Müssen Sie wirklich noch fragen, wodurch die Natur geheilt wird,
antwortete der Arzt.
– Ja, das muss man wirklich, sagte der Theologe, der verheiratet war;
denn es ist nicht Natur, dass der Mensch unzüchtig sein soll.
Der Vater sagte, er wisse wohl, dass nur der Verkehr mit einer Frau
helfen könne, aber er wolle seinem Sohn nicht solchen Rat geben, denn er
könne sich dabei eine Krankheit holen.
– Dann ist er ein Esel, wenn er sich nicht in acht nehmen kann,
antwortete der Arzt.
Der Dekan ersuchte, ein so aufregendes Gespräch an einem Ort zu führen,
der besser dazu geeignet sei. Hinzuzufügen habe er nichts.
Und dabei blieb es.
Da Theodor Oberklasse war, wurde die Sache totgeschwiegen. Nach einigen
Jahren machte er das zweite theologische Examen und wurde nach Spaa
geschickt. Das Chinin, das er eingenommen, hatte sich in die Knie
gesetzt, und er musste zwischen zwei Stöcken gehen. In Spaa erschreckte
er sogar Kranke mit seinem furchtbaren Aussehen.
Aber eine fünfunddreissigjährige unverheiratete Deutsche schien Mitleid
mit dem Unglücklichen gefasst zu haben. Sie sass bei ihm in einer
einsamen Laube im Brunnenpark und sprach über die höchsten Fragen des
Lebens. Sie gehörte zu einer grossen evangelischen Vereinigung, welche
die Sitten verbessern wollte. Sie hatte Prospekte zu Zeitungen und
Zeitschriften, welche die Unsittlichkeit zwischen Unverheirateten
abschaffen, besonders die Prostitution aufheben wollten.
– Sehen Sie mich an, sagte sie, ich bin fünfunddreissig Jahre alt und
bei voller Gesundheit! Was sprechen die Toren davon, dass die
Unsittlichkeit ein notwendiges Übel ist. Ich habe gewacht und gebetet,
und ich habe einen guten Kampf gekämpft des Herrn Jesu Christi wegen.
Der junge Geistliche sah sie an, ihren vollen Busen und ihre hohen
Hüften, und dann sah er sich selber an und dachte:
– Wie verschieden es doch mit Menschen und Menschen in dieser Welt
bestellt ist!
Im Herbst waren Prediger Theodor Wennerström und die tugendsame Jungfrau
Sophia Leidschütz verlobt.
– Gerettet, seufzte der Vater, als er die Nachricht in seinem Haus zu
Stockholm empfing.
– Wollen sehen, wie es geht, dachte der Bruder in seiner Kaserne. Wenn
mein lieber Theodor nur nicht einer „jener Asra ist, die sterben, wenn
sie lieben“.
Theodor Wennerström verheiratete sich. Neun Monate später brachte seine
Frau einen rachitischen Sohn zur Welt. Dreizehn Monate darauf war
Theodor Wennerström tot.
Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, schüttelte den Kopf, als er
die üppige hochgewachsene Frau weinend an dem kleinen Sarg stehen sah,
in dem das Skelett des zwanzigjährigen jungen Mannes ruhte.
– Das Plus war zu gross und das Minus zu klein, dachte er; darum ass das
Plus das Minus auf.
Aber der Vater, der die Todesnachricht an einem Sonntag empfing, setzte
sich hin, um eine Predigt zu lesen. Als er die beendet, dachte er:
– Die Welt muss sehr verkehrt sein, wenn die Tugendhaften solch einen
Lohn erhalten.
Und die tugendsame Witwe, geborene Leidschütz, verheiratete sich noch
zwei Male und bekam acht Kinder; schrieb Aufsätze über Überbevölkerung
und Unsittlichkeit. Aber der Schwager sagte, sie sei eine verfluchte
Frau, die ihren Männern das Leben nehme.
Aber der nicht tugendhafte Leutnant verheiratete sich und bekam sechs
Kinder, wurde Major und war glücklich bis ans Ende seiner Tage.