Renate bekam an ihrem Geburtstage ein großes Schreiben mit Jasons ganz
kleiner, schwarzer und überaus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner
Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:
Liebe Renate:
Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen
Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können,
also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er
sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in
den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte --
insbesondere eine von ihr nicht gehörte -- aufgeschrieben zu
bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges
von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen
beteiligten -- wie Du sehen wirst -- mit festhalten zu können:
sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht
des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl
trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere
sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein
pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.
Herzliche Grüße sendet
Jason
Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief
zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher
und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons
Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem
Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:
Orest und die Eumenide
(eine Legende im Rahmen)
Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend
wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam.
Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast
bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die
schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die
reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über
ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den
hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch
der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob
und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die
wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß
jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur
Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme
der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden
Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen
war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt,
groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das
Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war,
licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die
ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln
und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der
Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und
bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze
Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in
seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden,
wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war,
merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab
und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason
al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend,
gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause,
aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar
Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt
und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der
Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich
hinüberwendend, ein leises: »Nun, und?«
»Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir
alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen«, sagte
Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu
sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es
gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede
darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. »Und nun, --
was gab es Besonderes zu sehen?« --
Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für
sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der
Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:
»Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika
ähnlich sah, -- wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen
sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes
Gesicht fällt. -- Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter
Gips, aber dennoch ...«
Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank
sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören
und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte
sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.
»Seht ihr, das ist sie!« sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen
Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) »Sie schläft.
Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in
geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist
recht ernst, dies Profil, -- die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf
die Seite gesunken ist!« Er sah zu Magdas und Bogners -- der war
hinzugetreten -- Gesichtern auf, lächelte und fragte: »Was meint ihr,
wer ist es?«
»Muß es jemand sein?« fragte der Maler.
»Ja,« erwiderte Jason, »diese Griechen machten immer etwas, das etwas
war.«
»Also vielleicht die Gorgo«, schlug Bogner vor. -- Esther, die den Kopf
nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit
zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.
»Nun, nun,« meinte Jason, »du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an
das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse
sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr
Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie
schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich
will es euch sagen,« fuhr er fort, »denn ich selber hielt sie für die
Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide
ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das
wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet
hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich
draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.«
Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme
verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und
Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an
ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich
über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen
Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich
auflösend in die goldene Luft.
»Das finde ich nun schön,« sagte Jason leiser: »auch die Erinnye schläft
einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das
Quälende bedarf des Schlafs.«
Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit
beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in
das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der
Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben
auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:
»Das ist -- --, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft
... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie --«
Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete
aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das
Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als
ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:
»Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.« Da nickte sie
zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.
»Das sagst du so,« meinte Jason, »daß ich nun erzählen soll. Freilich
ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt.
Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.«
Er winkte zu Magda und Bogner, und während dieser sich wieder in sein
Dunkel zurückzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers
Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen
neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger
gleiten ließ, fing an.
* * * * *
»Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne
Unterlaß bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider,
das Zischen der Nattern und die halblauten, höhnischen und gehässigen
Gespräche der drei Schwestern gehört -- er hörte sie nur, sie waren
fort, wenn er sich wandte --, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein
Bündel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um
seinen Hals, ihren giftigen Atem über seinem Gesicht gespürt hatte,
schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, -- am siebenten Abend
taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und
Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam,
gewahrte er, daß er im Eingange eines Tempels lag, eines großen,
dämmrigen Raums hinter einer Säulenreihe, der wie eine leere Höhle, wie
eine Lichtung in Wäldern von unzählbaren, grauweißen Säulen lag,
zwischen denen Gänge erschienen; Säulen, riesige, breite, stumme,
bedrohliche, ernste überall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf
einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes
aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war.
Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch
die beiden kleinen Vogelflügel an seinen Schläfen. Es war der Gott des
Schlafs.
»Orest, Atem schöpfend, sah jetzt nach draußen aus dem breiten Tor, an
dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen
führten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war,
baumlos, hügellos, glatt und grau bis zum Rauch des düstern, geröteten
Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber löste sich alsbald
eine graue Gestalt, gerötet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen.
Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und
ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch
die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der
Wirbel seiner rasenden Füße hinter sich gelassen hatte, und er stöhnte
leise, stand auf, und ihm fiel ein, daß hier eine Zuflucht sei, wie er
es wußte aus den Legenden von Übeltätern, die er in seiner Kindheit
gehört, -- nun war er selber solch einer. Er sah, daß seine Füße blutig
waren, und schlich mühselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen
Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht,
legte die Hände zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlürfte er
eilig zur Türe zurück, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die
großen Bronzeflügel einen nach dem andern zu bewegen und
zusammenzuschlagen.
»Nun stand er im Finstern, schwankend auf unerträglich brennenden Füßen,
todmüde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Säulen. Im
selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch
einmal öffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein
im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines
Lämpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel
droben aus dem Schatten der Wölbung auftauchenden Häupter der Säulen und
sah bei aller Müdigkeit doch, wie schön und feierlich das war, da links
und rechts Säulenpaar um Säulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und
hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden
wie in weißen Gewändern, während schon neue Säulen dunkelten, bereit,
hervorzutreten, und auch diese erglühten und strahlten, alle ernsthaft
von droben herunterblickend auf die kleine weiße, daherwandelnde
Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von
gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.
»Jetzt, nahe dem letzten Säulenpaar drüben, blieb sie stehn, erhob die
Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herüber und fragte -- es war ein
Mädchen -- mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? --
»Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen
am Boden klebten, und stieß ein paar rauhe Worte hervor. Das Mädchen
zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe
gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte.
Du suchtest wohl Obdach? -- fragte sie freundlich. -- Er bemerkte seine
aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hände, die sie gerade
betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn,
habgierig, und: Was für Hände! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist
auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mußt
entsetzlich müde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort,
aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin
von ihm, erklärte sie errötend, hier hab ich die Milch für die
Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hörte nichts und stürzte zu
Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den
spiegelnden Estrich, riß Streifen von seinem Mantel, löste die Riemen
der zerfetzten Sandalen, wusch die Füße nach kurzem Zögern mit der
heiligen Milch und verband sie. Schließlich nahm sie den Mantel unter
ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.
»Er richtete sich nun auf, starrte mit blöden Augen in das Licht, lachte
ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weißt du, wer ich bin? -- fragte er
plötzlich. -- Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du
bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mußte in ihr ernstes, ruhiges
Gesicht blicken, bemerkte, daß die Augen schön braun waren und auch das
Haar, wollte sich wieder legen und hörte im gleichen Augenblick draußen
Geräusch von Füßen und Stimmengewirr. Er sprang auf.
»Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand,
gespannten Nackens, wütend, mit geballten Fäusten, wartend, lauschend
mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schläge fielen gegen das
Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weiße seiner Augen, das Mädchen
wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tür zurück mit von
sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig
versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! -- Ist das
gewiß? schrie er laut. Wie willst du's denn wissen? Weißt du denn, wer
ich bin? Ich bin Orest! Weißt du, wer die draußen sind? Weißt du, was
sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? -- Er
brüllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr könnt! Hört doch, ich
bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! -- Draußen
erscholl Geschrei, die ehernen Flügel zitterten und bewegten sich, es
krachte im Gebälk. Vor der im Lichtschein glühenden Erzwand stand das
Mädchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins
Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Füßen des Flüchtlings auf den
Fließen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tür
vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie
jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein
Knäuel von Panthern und Schlangen! -- Das Mädchen packte seine Hände und
rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an
ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schließlich erlahmte der Mann und fiel
langsam zusammen, während sie mit fliegenden Gliedern zur Tür
zurückjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte preßte, schlank wie ein
Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam
auch zu Boden und hockte dort, großäugig.
»Nur die Stöße seines Atems waren hörbar, auch draußen war es still.
Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen
Leuchte. Plötzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu
einem roten, glimmenden Funken, und während ein unendlich leises
Flügelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch
oben eine ernste, klare, langmütige Stimme hernieder und verhallte in
alle Fernen des Hauses:
Schlaf, Mensch, so schlaf! Auch die Verfolgerin,
Auch die Erinnye schläft.
»Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die
Arme überm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das
Mädchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschläge lang
wieder in ihrer früheren Größe aufgerichtet stand, aber nun langsam
erblaßte, denn die Torflügel falteten sich langsam auseinander, und
draußen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneeweiß, die
Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der
Höhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, daß neben der ersten
Säule der Vorhalle über den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten
hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite
mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die
dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.
»Orest stützte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als
ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit
schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rücken
gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche
Müdigkeit magisch seine Glieder; sie lösten sich auf in Wonne der
Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein
vergehender Schaum, -- so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank
tiefer in sich, er öffnete noch einmal die Lider, als müsse irgendwo
etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als
einen nächtigen Lichtschein, dann -- ging ein Schritt, rauschte Gewand?
-- nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher
zwischen dunklen Wänden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei
dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen
Antlitzes und ein bläuliches Lächeln von Augen. Da fielen ihm die seinen
zu, und er schlief.«
* * * * *
Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im höchsten der
offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bäume rauschten
im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der
Drei, ganz weiß das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein
wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar über den
andern. Wie Jasons Hände im Schoß ausruhten, so auch Esthers linke,
während ihre rechte die Hand der Freundin gefaßt hielt, die über ihre
Schulter herabhing. --
»Soll ich Licht machen?« fragte Magda nach langer Zeit. Niemand
antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler
klopfte seine Pfeife aus. --
»Es ist doch nicht zu Ende?« fragte Esther.
»Ich weiß nicht.« Jasons Schultern bewegten sich. »Das Antlitz der
Eumenide erzählt eigentlich nicht mehr. Oder doch?«
»Und wie kam das Mädchen in deine Geschichte?«
Der Maler sagte aus dem Dunkel: »Sie haben von Schlangen gesprochen.
Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?«
»Vielleicht,« erwiderte Jason leicht, »obgleich ich persönlich überzeugt
bin, daß die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden
Kraft. Überdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schläft,
und schließlich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es
aber weiter?«
»Ich sehe noch etwas«, fuhr er leise fort. »Ich sehe dies Marmorhaupt
der Schläferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, muß es gesehn
haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah
denn er es?« Esther schlug vor: »Morgens früh, als er weiterging.«
»Sieh, Esther, was für richtige Sachen du denkst! Ja, da muß er es
gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestärkt. Die
Ebene lag unter weißen Nebeln wie eine stille See, und --« »Und das
Mädchen, die Priesterin?« fragte Magda. »Sie ist fortgegangen. Orest
will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, daß
die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er
vorüberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er
unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf,
und er sieht ihr Gesicht, und daß sie braunes Haar hat, das ihn an
andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise
glänzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schön, die
Brauen streng und groß, und daß sie unschuldig ist, wenn sie schläft,
trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fuß, trotz des Dolches, den sie
an die Brust drückt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise
Worte in die Höhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der
schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flüstern wohl
eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so
daß die Wände der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glänzen, oder
vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung
inmitten des dämmerweißen Säulenhains. Plötzlich -- was erschrickst du?«
Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schüttelte abwehrend den
Kopf und sagte: »Nur die Fledermaus ... nur weiter!«
»Plötzlich«, fuhr Jason fort, »erblickt er den kleinen Kopf einer Viper,
die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt
bei der Wärme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.«
»Und dann?« fragte Esther.
»Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich
zurück und sieht, daß sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und
lächelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, öffnen sich
schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glüht über und über vom
Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, fröstelt,
tastet nach einem Gewandzipfel und entschläft.«
Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an
ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern
der Stadt, darüber die ersten, weißlichen Sterne im Raum. Vernehmlich
rauschte das Wehr in der Ferne.
Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander
genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich
glättend mit dieser und jener Hand darüber und sagte endlich:
»Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier
am Tage ist, und -- ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie
auf Böcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die
Blumenböschungen schlängelt, herab von einem Hügel unter großen,
schattigen Bäumen. Und dort liegt Orest und --« sie stockte.
»Nun?« mahnte Jason in guter Langmut, »was tut er dort? Ja, das weißt du
nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.«
»Oder auch nur, weil es so schön dort ist ...« sagte Esther mit einem
kleinen Seufzer.
Über ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr
gütig: »Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe
gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen
Nächten, und das war gut. Freilich,« setzte sie mit dunklerer Stimme
hinzu, »sie stehn immer hinter uns.« Und fast hart: »Sie sind ja die
Unentrinnbaren.«
Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:
»Ich glaube, daß er wartet. Er hat sich des Lächelns der Einen erinnert
und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Füßen hinwerfen
und bitten, daß sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, daß sie das
nicht werden abschlagen können. Er fühlt sich so neu, kräftig und zu
allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.
»Und dann kommen sie nun. Ihm gegenüber ist der Tannenwald, aus dem der
Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jüngste geht voran. Er hält sich
hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander
hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von
ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum
Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und
lächelt sich an. Da übermannt es ihn, und er tritt hervor.
»Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren
Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da
erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick
des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich
aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar
und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen
seltsam, und sie muß lächeln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und
stammelt etwas, und -- was geschieht nun?
»Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede
Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den
Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es
durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar
ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lächeln, wie etwas Erdrosseltes,
stirbt, sie öffnet die Lippen, will schreien, da fühlt sie, daß sie
hinunter muß, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch,
sie ringt sich noch ein Lächeln ab, erfaßt eine Strähne ihres braunen
Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein
Gesicht hin, das ihr noch glänzt. Langsam nun, blaß und blässer, wie ein
farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell;
ihre Füße, ihre Hüften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr
schmerzliches Gesicht, lächelnd mit einer späten Qual über dem
Schwarzen, und erlischt darin.
»Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen
den Haß und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und
er --
»Er warf sich über die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die
Flut und -- nun, Esther?«
»Er faßte -- er erfaßte die großen Büschel schwarzer Iris, die rund
herum aufgeschossen waren, und --«
»Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort
aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden
Schwestern aufgestellt, gleichmütig, gegürtet, abwartend.
»Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot
glänzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berührt und
zurückbebt und davon und wieder heran und über seine Stirn hin und
wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine
ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin
schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an
einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig
lächelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will
zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame
Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend,
dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet,
und er folgt.«
Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und
bedenke die kommenden Worte. Schließlich fragte die Stimme des Malers
aus dem Finstern: »Ist das alles?«
»Die Erinnyen sind ja fort«, sagte Jason, während gleichzeitig Esther
ein tief ungläubiges »Oh nein!« hervorstieß.
Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: »Kinder! Was denkt ihr
denn nun?«
Esthers Gesicht, der weiße Schein davon, war verschwunden; an ihrer
Stimme konnten die Andern hören, daß ihre Hände davor waren; sie bat:
»Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder
aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!«
Und auch Magda erklärte mitleidvoll: »Er war doch unschuldig. Daß er die
Mörderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Götter wollten
es. Ich meine --« sie rang mit den Worten, »es giebt Sünde und Sühne,
Bös und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im
Andern, und Orestes büßte lange und wurde schließlich befreit -- wenn
ich mich recht erinnere ...« schloß sie zaudernd.
»Es kommt vor,« hörten sie den Maler von fern, »wenn ich ein Bild machen
will, daß ich meine, es müßten zwei gemalt werden. Nicht wegen der
Stimmung in der Natur oder so, sondern --, etwa, wenn ich einen Kranken
malen wollte, so müßte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht,
was all das heißt. Allerdings,« setzte er, sich räuspernd, hinzu, »das
darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschließen
konnte, denn«, schloß er bedachtsam, »Kunst ist für sich und giebt
Gesetze.«
»Orest kam nun,« fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, »Orest
kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer
Treppe und zu einem Tempel. Schön leuchteten sie beide von weit, Stufen,
Säulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle
Wunden brannten wieder, auch die Füße, und oft mußte er stehen bleiben,
wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hören glaubte, auch
begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt
einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das
Mädchen, das auf der untersten Stufe saß, gebückt, als betrachte sie
etwas in ihrem Schoße. Wie er näher kam, schaute sie auf, und da sah er
den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er
augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die
still saß und ganz wenig lächelte.
»Was tust du hier?« fragte er, indem er bemerkte, daß sie ihre
Silberschale voll Milch mit beiden Händen im Schoß hielt. »Still!« sagte
sie, »bleib ruhig stehn! Sie müssen gleich kommen.« Und sie pfiff ganz
leise zwischen den Zähnen. Alsbald raschelte es im Gebüsch neben dem
linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die
eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten
herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor
und begannen von der Milch zu schlürfen. »Erkläre mir dieses!« sagte
Orest.
»Dies«, erklärte das Mädchen, »sind die heiligen Schlangen. Zwei
Schlangen trägt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die
giftige träufelt bösen Seim auf das Herz der Bösen, die gute aber
ringelt sich über dem Herzen der Guten zusammen und macht es kühl.«
»Oh,« sagte er enttäuscht, »so giebt es doch Böse und Gute!«
»Jeder,« sagte sie leise, »jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.«
»Und eine von diesen ist also giftig?« fragte er.
»Diese nicht,« sagte sie lächelnd, »sie stellt ja nur eine giftige vor.«
Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zückte ihr Kopf
empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der
Linken in das Haar des Mädchens, bog ihren Kopf zurück und schrie:
»Jetzt erkenne ich dich! Du bist --« Da er einhielt, sagte sie leise,
den Kopf zurückbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: »Wer soll ich
denn sein?« Und während er noch, heftig atmend, die Zähne in der Lippe,
in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu ähnlich dem andern schien, das
versank, hörte er sie, auf die Schlange deutend, flüstern: »Sieh doch,
sie saugt ja!« Plötzlich fühlte er eine rieselnde Erleichterung durch
seine Glieder strömen; wonnig aufgelöst stand er und blickte auf das
Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu
sehn, wie die Wunden seiner Füße sich schlossen, seine Brust sich
schloß, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine
Worte von vorhin: »Erkläre mir dieses, Kind!«
Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurück und sprach:
»Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie
gehört, daß alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst
eine Schwester und habs nicht gewußt. Ja, vielleicht bin ich eine
Schwester von der, die du -- sieh!« unterbrach sie sich.
Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen
Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich
zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei
und legte sich schön darüber, so lang wie sie war.
»Ich glaube,« schloß Jason mit Bedacht, »Orest konnte jetzt zu der
Gottheit hineingehn, um zu zeigen, daß er rein war.«
* * * * *
Lange Zeit saßen sie schweigsam. Dann hörten sie, daß der Maler aufstand
und gegen etwas im Dunkel stieß. Und dann hörten wohl nur Magda und
Esther Jason sprechen, kaum vernehmbar leise:
»Wenn wir jetzt Licht machen, und jemand, der vielleicht unten steht, so
ein Orest, sieht den sanften grünen Schein unseres Fensters hier oben,
der weiß nichts von den drei Gesichtern und von den Leben und den
Schicksalen, die wir sind. Der denkt nur: Dort oben muß es schön sein
...«
Seine Stimme erlosch, und als sie ihn gleich darauf wieder sprechen
hörten, schienen es ihnen Verse zu sein, doch vernahmen sie, ein jeder
in sich selber versunken, nicht mehr davon als eine ferne Musik ohne
Worte. Bald darauf stand Magda auf, ging zwischen Esther und Jason
hindurch zur Wand und drehte die Kurbel für das Licht; als es
aufflammte, kniffen sie Alle geblendet die Augen zu, und Esther sagte,
die Handrücken gegen die Lider drückend: »Aber Jason, nun sind es doch
vier Schwestern gewesen, davon drei böse und nur eine gut!« Indem ging
Magda schon durch das Zimmer, öffnete die Tür, wandte sich noch einmal,
grüßte müde und gütig und verschwand. Auch Jason schien zu lächeln,
sagte aber nichts, und so trat denn Maler Bogner, der älter war als sie
Alle, auf das Mädchen zu, legte eine Hand auf ihren Kopf und sagte
freundlich:
»Das Gute, Esther, ist doch immer in der Minderzahl.«
Sprachs, nickte und ging hinaus. Esther folgte still, als letzter Jason,
der das Licht wieder löschte.
* * * * *
Die Verse aber, die er gesprochen hatte, lauteten folgendermaßen:
O Nacht! O Tiefe! Drunten auf den Stufen,
Du weißt es, schläft die Eumenide nun ...
Noch ist die Gottheit leise anzurufen,
So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
Die Säule klingt; die dunkle Wölbung schwindet;
Gestirne wandern über Wäldern fort. --
Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort,
Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine
Dunkelheit, sondern nur die Dämmerung um sich her zu finden, die vom
ohnehin trüben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Während
ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer größer den fernen gotischen
Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefüllt vom
unendlichen Grün einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine
schwarze Gestalt -- Josef --, die mit rasender Geschwindigkeit
daherfuhr, ohne jedoch größer zu werden, und Renate empfand, daß die
Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern außerhalb ihrer
dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber spürte sie, daß sie an ihrem
eigenen Blick hing, daß der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und
Willen, zog mit ganzem Dasein, -- allein die Gestalt blieb so klein, wie
sie war, und auf einmal war da das Fenster.
War es wieder da? fragte Renate sich betäubt. Aber so war es doch nie?
War doch immer nur -- Erscheinung? Wann hätte ich je selber
hineingegriffen? -- Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, daß
sie ihn einlasse, überfiel sie mit solcher Gewalt, daß sie sich kaum
halten konnte im Stuhl, gequält vom Reiz, das Fenster zu öffnen, was ja
nicht möglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun ließen.
Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?
Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn
kein Herz hat für den Vater, -- was könnte dann auch sein Kommen
auswirken? -- Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder
auf den Schluß der Legende, über den sie schon, ganz im Gedanken an
Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: >Das Gute ist doch
stets in der Minderzahl< und dann die Verszeilen:
>Gestirne wandern über Wäldern fort. --
Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort ...<
Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zur Tür herum, zitterte und
strauchelte im Stehn. Da war nichts. Ihr Herz jagte. Nach endlosem
Warten hörte sie Schritte im Treppenhaus, trat, unfähig länger
auszuhalten, zur Tür und öffnete. Unten, wo die Treppe sich wendete,
erschien die weiße Tolle des Hausmädchens, dann sie selber ganz im rosa
Waschkleid und weißer Schürze, blieb Renate erkennend stehn, lächelte
und sagte: »Frau Tregiorni ist gekommen. Und Herr Saint-Georges ist
schon lange da.«
»Ich komme«, erwiderte Renate heiser und zog die Tür zu, nur um zu
verbergen, daß sie nicht aufrecht bleiben konnte. Minuten später hatte
sie sich wieder gewonnen und verließ den Raum.
Hier enden des sechsten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
Monate.