Wiedersehn

Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt

durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen,

verließ den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei

Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die große

Halle, doch heimatlich berührt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in

eines der Portale, sah nachmittäglichen Sonnenschein auf dem alten

Platz, es war warm und roch nach März. Da! Esther! durchfuhrs ihn, --

aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen saß, nein, Esther

war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem süßen,

schwärzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war ähnlich blaß und

zart, wie es häufig das Esthers gewesen war. Diese saß im Rücksitz des

weiten Kaleschwagens -- ein großes schwarzes Pferd stand stämmig und

ruhig davor -- tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die

Spitze ihrer Nase war zarter und hochmütiger gekrümmt als Esthers Nase;

sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe,

postillionartig, und vor ihr, einen Fuß auf dem Wagentritt, stand ein

Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und

Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend groß die Augen mit sehr

langen Wimpern von --? -- Gott, wie hieß sie denn noch? -- Schley, Virgo

Schley! -- Ein Träger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der

Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverändert

hervor, unverändert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung

darin, -- und nun er selber, er dachte nichts mehr, fühlte nur und

erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte -- -- dauerte --

--. Jetzt wandte der Herr sich um -- war er ihrem Blick gefolgt? --

Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley.

-- Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: »Georg, lieber

Junge, seh ich dich wieder?«

Überrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht

tropfen. Sie schüttelten sich die Hände. Die Frau im Wagen hatte sich

aufgerichtet und sah herüber.

»Ja, wie ist es denn mit dir?« fragte Georg, »du mußt entschuldigen, ich

weiß nichts Rechtes, ich habe so für mich gelebt ...«

Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem

guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.

»Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?«

»Jawohl, jawohl, für den Fortschritt, vorläufig, jetzt will ich eben

nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich -- ah, du kennst ja

meine Frau!«

Er zog Georg zum Wagen und sagte: »Hier ist der Prinz Trassenberg, du

erinnerst dich wohl? Ja, hör mal, Georg --«

Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:

»Damals sahen Sie aber hübscher aus, -- was haben Sie denn für Falten

bekommen? Daß wir Brüderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!«

Hatten sie Brüderschaft getrunken? -- »Schade,« meinte Georg, »aber ich

verdiene es wohl nicht -- für damals.«

Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. -- Wie seltsam

ängstlich ihre Augen waren. -- Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es

würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten

Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher

vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach

drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe

ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte

Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes,

der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt,

drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort.

Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit

offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen

herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein

Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am

Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend

überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die

alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und

vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.

Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die

Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, -- der Vater des Freiherrn hatte

sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht

viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der

doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die

andre Straßenseite und hielt gleich darauf.

»Ach,« hörte er sie leise sagen, »hier ist ja der Obstladen ... ich

wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.«

Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin,

sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von

den Knien, erhob sich, -- und Georg konnte nun die leichte Schwellung

ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten,

straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend,

stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie

unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben,

Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der

Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen

saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich

selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er

Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese

und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen

Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der

Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten,

gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von

Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks

mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte,

die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über

allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern

von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf

japanischen Holzschnitten.

Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm

trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. -- Da bist

du nun ... hatten ihre Augen gesagt -- da bist du nun -- da bist du nun

... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich

hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie

hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der

Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch

entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie

aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die

Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei

Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen.

Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach

hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! -- Ich will sie in mein

Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. -- Er sah sie wieder

an und sagte sich: Ich werde sie lieben -- so wie Esther --, ich kann

nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je

zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und

beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen

hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen,

sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die

Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.

»Bitte, halten Sie«, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der

kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. »Ach, bitte, kommen Sie nun

mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...«

»O, wie gerne!« sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es

ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit

kleinen, leichten Schritten neben ihm her. --

Lächelnd erschien der blasse Egon. -- Das Zimmer war vorbereitet, Blumen

in allen Vasen -- alles war wie einst. -- Sie sah sich neugierig um, den

Kopf drehend. »Wie hübsch ist es hier!« meinte sie; sonderbar, das hatte

doch noch niemand gesagt! -- »Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? --

Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur

Verse.«

Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und

er von ihr -- -- ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht

zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn

das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen

Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde

empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von

allen Seiten -- o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig,

ohne Ring, ohne alles! -- küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger

einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges

Gesicht hatte.

»Ja, was machen Sie denn?« hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein

stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt,

aber der Mund lächelte -- lächelte atemberaubend.

»Soll ich nicht?« fragte er.

»Ach, warum nicht,« meinte sie achselzuckend, »wenn es Freude macht.

Aber nun muß ich sitzen.«

Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank

sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender

Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er

sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. »Aber nicht

vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!« rief sie leicht und lachte in

sich hinein.

Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind -- und Mutter -- -- und hieß

Virgo? -- Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im

Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten

Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los --

es sei ihr alles zu schwer --, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das

kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand;

im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht

weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun

nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam

herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es

deutlich, -- es erinnerte ihn an -- an ein Kind, das sich im Schlaf

bewegt, aufatmet und tiefer schläft.

»Heißen Sie wirklich Virgo?« fragte er. Sie nickte lächelnd.

»Komisch, nicht?« Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch

nicht ohne -- ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie:

»Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau

nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.«

»Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?« fragte Georg, sich dunkel

erinnernd, »und Pfeife zu rauchen?«

Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich,

und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra

geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte

sie süß und ganz langsam: »Georg ist ein schöner Name!« --

Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel,

diese Wiederholungen! -- Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er

glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel

und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das

weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange,

so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger

schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:

»Ich habe mich immer« -- jetzt ward ihre Stimme ganz tief -- »so

namenlos gefürchtet vor -- dem Kind. Am meisten vor Wolfgang --« Die

Stimme wechselte wieder und tönte hell: »-- nun bei Ihnen ist es gut,

und ich kann alles vergessen.«

Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja,

glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er

glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es

seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf

an, wie sie es empfand? -- So löste er die Hand aus der ihren, legte

dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich

tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind -- wie

kann sie mich empfinden? -- So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die

Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher

werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren

jeder -- Georg sprach es sich aus -- in einem Reich für sich -- aber

doch hielten sie einander und spürten Wohltat. -- Als es fast dunkel im

Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie

würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie

setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein

Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.

Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: »Ich komme bald

wieder.«

»Morgen?« fragte Georg.

Sie lachte hell und kindlich: »Morgen früh! Los, Krischan!« rief sie dem

Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der

Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein

leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen.

Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung

schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den

Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen.

So --! Ihr Ring -- natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand

ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen,

glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur

Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des

Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. -- Georg wog den Ring in

der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr

bringen, dann seh ich sie gleich -- --, aber er entschlug sich des

Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte

er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das

Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von

oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit

Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in

der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. -- Er lachte

schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das --? Richtig, in jenem

Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen,

und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für

welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. -- Georg zertrat

den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu

glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken

gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen

sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...

Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine

Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt

tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben.

-- Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und

dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen,

langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer

noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? -- Wer noch so jung

ist wie du -- Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf,

legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift

und den Notizblock und schrieb:

Wer noch so jung ist wie du,

Fühlt noch der Schmerzen Gewalt;

Später wird alles gelinde,

Gram und die Lust und der Tod.

Geh auf die Flamme nur zu ...

Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:

Blasse, geliebte Gestalt.

Flamme verzehrt nur ...

Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja!

Und er schrieb:

Flamme verzehrt nur die Rinde,

Aber du bleibst unbedroht.

Damit war es aus. Laß ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an,

aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wütend den Stift

hin und hätte sich mit Entzücken selber auf den Kopf gespien. Das

verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte

Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rührt; unten tropfen die

Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurück als Schale und Satz,

und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem

Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll bloß aus mir

werden! --

Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Geräusch des blassen

Egon im Eßzimmer, der den Tisch für den Abend deckte. Er sprang auf,

trat zur Gartentür, öffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In

der kalten Stille stand das Gesträuch und das Geäst der Bäume

regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weiße Sterne waren.

Kommt nun wieder das Frühjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer

neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz,

lieblich tönend im leichten Raum, und kommt das große Sprießen über die

Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wären sie

gewachsen im Gezweig? Kommt wieder über das empfindungslose Herz der

allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewölk, die Musik der

Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?

>Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, hörte er tonlos sagen.

Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurück, trat an die Bücherwand und

suchte Carossas Doktor Bürger. >Und so verbürgt es die Form der

Sonnenblume<, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hieß es ganz? Das

Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand

Egon in der Tür.

»Weiß Herr Prager, daß ich zurück bin?« Egon zuckte die Achseln. Er habe

für ihn gedeckt. -- Georg ging nach nebenan, hörte aber jetzt das

Telephon anwecken, ging wieder zurück, hob den Hörer auf und sagte:

»Georg Trassenberg.«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 102 / 124 题