Wirrnis

Georg saß und schrieb:

Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf

dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche,

gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut,

stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die

Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog

in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz

hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: >Möbliertes

Zimmer!< angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...

Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt

dessen:

... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und

zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße.

Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite,

in dessen Fenster das >Möbliertes Zimmer!< wiederum auf einer Papptafel

zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine

Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der

Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich,

versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich

gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und

sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches

Gesicht zu machen. Er sagte: »Hier ist ein Zimmer zu vermieten?« Die

Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie

»missen«), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann,

mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem

breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren

von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer

Tür empor -- sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso

schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem

verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen

zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze -- öffnete sie und ging

weiter -- der Mensch ihr nach -- in einen schmalen, dämmrigen Gang

hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben

in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die

zweite -- die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür --

halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die

Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.

Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier

Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein

gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des

Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen

Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank -- wie sein neuer

Besitzer ihn nannte -- aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber

Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen,

bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm

-- er stand halb davor -- war das Fenster mit sehr breiter Bank, die

Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune

Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter,

hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe

und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an

rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem

Bett gegenüber an der andern Wand -- keinen Meter breit war der

Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden,

bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte -- stand

ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen

seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter

Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus

gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. -- Über dem Bett

hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine

Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte.

Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte

Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig

Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse

Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.

Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte,

sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun,

und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete!

-- Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den

Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war

glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand

sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den

Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der

Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht!

beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der

Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb

weiter:

Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er

der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch

die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an

Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau

bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen

Widerwillen gegen die Nähe vieler -- und so zusammenhangloser --

menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung

des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt

mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm

zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am

genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht

mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue,

sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und

schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des

Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm

betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.

Herr Topf -- dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute

aufzudecken in der Lage sind -- begann am Winter, an der Stadt Berlin,

an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen,

kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er

lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das

große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die

beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die

kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus

Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen

beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald

seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber

dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten,

halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen

Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit

der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem

Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter

erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet

war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und

las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der

Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße

Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die

Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines

Bildhauerateliers ...

Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht -- und schrieb

weiter:

... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist

bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in

der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief

eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es

dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es

früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar

nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme

der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein

Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe

aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher,

morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun

konnte er verschiedenes unternehmen.

Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben -- von dem er beiläufig

nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum

Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar

scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern -- und dort konnte sich

wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige

Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend

nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht

überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen

Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der

Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von

Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer --, all dies konnte sich zu

einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.

An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten

Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue

Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten

Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig

beleuchteter und funkelnder Gegenstände --

Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah:

Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel,

Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller

gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren,

rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne

Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles

herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht

auf --

... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr

konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten,

die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum

Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit

der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am

Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem

Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz

deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde

seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche

Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, --

doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von

deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und

manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die

jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde.

Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos,

einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen,

verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß,

in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach

allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung,

dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem

Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen

der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein

Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief

hervorkommt, -- an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit

dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich

die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, -- und

währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den

Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von

glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und

roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten

Bahnkörpers dahinzog, -- und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor,

freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche

Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu

entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die

Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit

ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals

aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann --

wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr --, die leer gewordenen Wagen bis

zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos

hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer

Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein

(welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen,

als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...

Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung

mußte ich doch noch anbringen.

... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet,

fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten

Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn

es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit

tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes

erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors

hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und

vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder

sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel

tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen

verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen,

Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu

betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was

dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen

standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.

Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer

war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt

konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig

die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte

er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer,

den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung

zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles,

was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:

Und wie sonderbar traf m-- (dies m strich Georg durch, suchte

Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen --)

einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit

Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen

die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd

entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle,

gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern,

Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der

Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der

Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter

verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es

scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie

häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof,

mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade

in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie

im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb

schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert,

als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die

traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein

trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und

mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der

Überführung schwindet, -- und wie totenstill kann es dann sein! -- Oh,

und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig

strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben,

Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront

emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker

Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.

Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf

einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau.

Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum

zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger

aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen

Schild das Wort >Südring< in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward

aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und

statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, >auf allen Seiten

Hintergrund<: >Potsdam< in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen

Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen,

dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge

voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen

Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll

verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren

Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an

Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte -- in den

Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den

schlagenden Schweifen --, -- und ganze Städte zogen vorüber in den

Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum,

Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und

Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und

fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt,

verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute

den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge

unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz

eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines

Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts

zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die

grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches

Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom

Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo

lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und

Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und

darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie

festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm

ausstoßend, hin und her.

O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner

Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde

von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer

Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel:

Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel,

ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große

Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden

Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die

hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die

Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen,

Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden

Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm

aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften

Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen

hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die

Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit

Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit

der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im

Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, -- und hoch

über all dem, hoch in der braunen Nacht -- der Tausendfuß, der

brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich

zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen,

an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der

brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert

...

Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von

Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das

Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere

Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er

überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das

ist wieder so ein lyrischer Anlauf! -- Aber es müßte einem doch

gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt

nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte

sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er

schrieb in Gedanken liegend weiter:

Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater,

für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so

pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg

ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz

fort: -- ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend,

rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa,

gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren

Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis

-- wie er es nannte -- des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran

geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich

wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im

Umfange von vierzehn Verszeilen fand. -- Richtig, es ist erstaunlich,

dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von

seelischen Entladungen ist. -- Jetzt packte ihn wiederum der

Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie

über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:

So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn

automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war

greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ...

Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr

fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte

man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig,

Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des

Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht,

mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem

Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse

ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm

selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet,

allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem

Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und -- so schloß das Sonett:

Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. -- Andermals: welch

sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen

Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen,

Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen

und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber,

aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und

funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe

darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu

sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher,

wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener

Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher

Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei

es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.

Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter

Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo

er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie --

also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse,

opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend,

dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die

Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite

Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem

fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit

buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege

ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! -- Und er erinnerte sich

erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in

halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher

trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...

Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das

Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der

Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend

gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß

burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus

dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das

Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal

alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn

er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir

aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn

ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner

Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und

schrieb:

Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von

schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare

Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn

Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während

sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg

oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie

gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der

Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle

Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern,

sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch

am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit

dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines

Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein!

in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem

Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser

Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von

Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich,

aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut

und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ...

Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte

Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen?

Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde

hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.

Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.

Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und

Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem

zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte

er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er

hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine

Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es

einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte,

oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete

Kette von Augenblicken -- deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer

übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte,

sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur

drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon

wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte --, daß da nur ein

Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er

dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und

zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und

drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer

vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das

wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber

doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der

Beklemmung wuchs.

Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von

sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die

Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die

Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er

verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein

Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich!

ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein

und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen

Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist

hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es

nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der

ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir

eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht,

viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes,

verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig

von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum

begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein

Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich

eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit

dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der

Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen

häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben,

mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei

Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens

wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die

Butter, -- die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen

Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld

schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht

rechtzeitig ausweiche, aus -- aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich

hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß

ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das

ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.

Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht

in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist

da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich

unternehme Dinge, die -- deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen

Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht,

was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige

Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich -- auf diesen

Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche

Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht

halten.

Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es

kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett,

öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der

Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem

Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib

Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte

mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen

Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und

trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte

sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos

kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.

Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse --

nicht Wissen -- mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit

aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit,

Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren.

Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal

Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne

sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, -- ja, wir, sage ich da

recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja

niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir

leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn -- er

lächelte kränklich --: In den Ozean schifft mit tausend Masten der

Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.

Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich

war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte

mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte

mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht

-- wie wir eben Alle -- mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens,

des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer

Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden,

damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden,

Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur

außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen

meines Denkens, Empfindens, meines Seins, -- ja zwischen all dem, was

sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist

Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei,

dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte

Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und

nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal

drückte mirs in die Hand, -- ich ließ es fallen.

Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig,

stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte

sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. -- Sie

war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, -- von

welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten

schon gelebt.

Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?

Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er

sich trübe, vielleicht -- --. Also löschte er die Lampe, trat auf den

Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am

Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am

Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er

nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein!

und trat ein.

Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja,

da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf -- er

und ein andrer Mensch saßen essend daran --, stellte sich mit

geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in

seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: »Ah, der Herr Positiv

tritt herein! wie überaus angenehm!« und dergleichen mehr, während

Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa

erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser

standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem

zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus

herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand,

während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den

Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.

Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um

Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher

und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose

mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg

eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte

sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts.

Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd

den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne

Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle

und weiche fragte sehr ruhig: »Glauben Sie damit der Menschheit zu

nützen?«

Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: »Nein, nein,

Gott bewahre, ich finde mich selber --, ich bin froh, wenn ich mir

selber keinen Schaden zufüge!«

»Unser alter Streit«, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. »Sollen

denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie

nicht Ihren Dostojewski über alles? Und -- da wir guten Deutschen --«

jubelte er hoch hinaus -- »wenn wir von uns selber reden, stets Goethe

als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe --«

Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem

Zitat sammelte: »Goe--the sagt alles.«

Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die

Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die

Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die

Konsonanten um einen Hauch gedrängt, -- es klang entzückend, kein

Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.

»Ich liebe ihn,« sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, »und ich

verstehe ihn su lesen; für andre ist er -- das Gift. Ich muß sugebben,«

fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend -- während er mit

der Zigarette im Aschbecher rührte --, so daß Georg das Herz zitterte

vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen

-- »ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn

sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter

Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die

Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts

als das: Sie lieben -- der Mensch, da steht -- der Mensch, Sie sehen

ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen -- sein Leid, und er

iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist

fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die

Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist -- Su--ro--gat, aber es

macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es

nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht

sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr

böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz

ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie

scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne

nicht viele deutschen Schrift--stellers, aber ich kenne Goethe, ich

kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen -- -- er ist

sehr schwer! -- Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen

nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die

Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich

so viel um sich selber und um der Welt ...«

Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: »Ja, gewiß, aber ist

das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine --«

Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die

Rede ab:

»Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus--se, er denkt; er denkt an

Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen,

Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich,

daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt

er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach

sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er

muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,« fuhr

er eifriger und gütiger fort, »ich glaube an der deutsche Land,« -- er

lächelte, »was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie

gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich

deutscher Nation, das haben gemacht -- die Kaiser, gemacht hat es: die

Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das

hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert

Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon

und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es

dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines

Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,« lächelte er erst Georg, dann Herrn

Töpfer an, »es wird immer denken lang--sam weiter bis in ein deutsches

Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser,

un Gönig.«

Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in

das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die

Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange

Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte

nichts zu sagen. Ein leises Gefühl -- wie Scham -- bohrte in seiner

Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen

seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel,

das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder

und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme

unter dem Tisch, anmutig lächelnd:

»Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin

vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen,

geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein -- wie heißt

es? -- ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, -- er wird

schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich -- schreibt: Ich

lie--be! Der Russe, er schreibt, -- er besinnt sich, er schreibt: Ich

sün--di--ge ... Der Deutsche, -- nun, Sie wissen serr genau, was er

schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde

schreiben ...«

Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter

scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah

Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: »Sie

missen unterschreiben, Herr Topf, -- ein Brief für Sie!«

Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den

sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu

entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange

mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des

Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf,

ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah

schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift -- das Hofmarschallamt, ein

unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:

»... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ...

Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange

verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art

scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der

Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich

sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür

zuständige Stelle ...«

Was war das für ein Unsinn? -- War das Hohn? Was hieß das?

Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen

Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh

ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister

Anton bei Hebbel ...

Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie

sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir

sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die

Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es

besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum

Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm

entgegenfunkelte -- -- drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die

Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel

und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür -- mit dem Gefühl, er

schlösse eine Tür vor einem Menschen -- das Glas noch dahinter sehend

--, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.

Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt

und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an.

Töpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal

auf, lächelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und

sang:

»Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber

fabelhaft interessant! Also -- oder muß ich schweigen?«

Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: »Herr Topf, denken Sie,

giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum

Trassenberg und dem jetzigen Großherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange

des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre

kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem

Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, daß

dies nur für hundert Jahre der Fall sein, daß danach Trassenberg wieder

selbständig ...«

Er brach ab, während in seinen Zügen das gleiche Lächeln aufbrach wie im

Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung

gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lächelnd und den Kopf

wiegend: »Sehr interessant!« las da und dort und gab Georg das Papier

zurück.

»Ich habe gehört,« sagte er, »von diesem Herzog Traßberg. Man nennt ihn:

der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter

Mensch. Wenn wären alle Fürsten ihm gleich, wir hätten längst -- der

soziale Staat.«

»Ja, und nun,« sagte Georg ungeduldig, »was meinen Sie eigentlich von so

einem Vertrag?« Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem

Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: »Ich meine: gilt

er heutzutage oder ...?«

Die Beiden lächelten wieder, und Töpfer sang hoch auf:

»Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Händen haben, so sehen

Sie ja, was es wert sein mag!« Georg, zornig, als könnte er ihm doch das

Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der

Tasche und gabs hin. Töpfer entfaltete es achtsam, las die Überschrift,

stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg,

lächelnd wider Willen: »Na ja, also ich bin der da!«

Töpfer sprang auf, schlug die Hände zusammen, merkte aber alsbald die

Unordnung seiner radikalen Gefühle, ward hochrot und krähte:

»Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier

ist der Prinz Trassenberg!«

Der Pole lächelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und

versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.

»Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt?« verwunderte Herr Töpfer sich

höchlich. »Aber da wundert es mich doch sehr, daß Ihr Herr Vater Ihnen

nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in

Deutschland -- bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O

lieber Herr Top-- verzeihen Sie nur! -- Herr -- glauben Sie, daß

Preußen, daß irgendein anderer Staat einwilligen würde, daß eine

Gegenstimme in den Bundesrat gerät? Da müßten denn doch schon sehr

schwerwiegende Gründe, sehr schwerwiegende, das heißt im Sinne der

Fürstenversammlung schwerwiegende Gründe vorliegen, wenn etwas

Derartiges ...« Die Stimme überschlug sich und zwang ihn, still zu

schweigen.

Georg sagte: »So!« Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.

»Ja, nun sagen Sie aber bloß,« sang hinter ihm Herr Töpfer, »warum

wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch

jung und denken sich das so.«

Da Georg keine Antwort fand, lange Erklärungen scheute, so begütigte

Töpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im

Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg

gänzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat,

leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren,

ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole

aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg

ganz einhüllend in die tiefe Wärme und Gutherzigkeit seiner Augen:

»Ich sehe, Sie sind ein Aris--tograt, ich habe gern Aristograten des

Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn

Vater, junger Prinz, grüsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist

nicht su stolz bei meinem Gruß, sagen Sie ihm, daß er Sie soll lernen zu

sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glück

und Segen für eine Menge Volk. Leben Sie wohl!« Er drückte ihm innig die

Hand, und Georg ging. --

Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder

nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so daß

Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und riß

das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Kälte, aber

der Rußflockenregen war unerträglich, er löschte die Lampe, ging hinaus,

nahm den Überzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Straße.

>... als nicht existent im Eigensinn -- bürgerlicher Konvention -- in

und aus ...< Was war das? Von Morgenstern. >An die Bezirksbehörde in

...< Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah

den Bürgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von

Fußspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte

Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drähten. >Untig

angefertigte Person -- -- als nicht existent im Eigensinn ...< Georg sah

den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom

Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen

Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort

Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas

ganz anderes empfand als ... >als nicht existent im Eigensinn ...< Georg

kam nicht los von dem Unsinn ... >bürgerlicher Konvention<, redete es in

ihm fort. >Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff

...< Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht,

immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn,

Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den

Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hörte Töpfer sagen: -- daß

Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. -- >Untig angefertigte ...< Ein

Rätsel, ein reines Rätsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! --

Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstraße, fand sich

unfähig, hinüberzugehn, fröstelte, drehte sich im Winde und machte

kehrt. Schwer mit dem Winde kämpfend, ging er zurück.

Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe

in der Tür leuchtete nicht unbehaglich. Die da saßen, waren gute

Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale

und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er

sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung

glühte noch immer die Luft. Er schloß das Fenster, machte Licht, fand,

daß Tisch, Bett, Papier, alles mit Ruß bedeckt war, und streckte sich

auf dem Sofa aus.

Also es war nichts mit den Sternen ...

>Korff erhielt vom Polizeibüro< --, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab

nach und fuhr fort: >-- ein geharnischt Formular -- Wer er sei, und wie,

und wo.< -- Da riß es wieder ab; er tastete ... >Ob ihm überhaupt

erlaubt, hier zu wohnen ...<

>Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.< --

Wieder zu Ende.

>... und

Drunter stand: Borwosky, Heck.

Korff erwidert schlicht und rund ...

... meldet laut persönlichem Befund

Untig angefertigte Person

Als nicht existent im Eigensinn

Bürgerlicher Konvention ...

... vor und aus und zeichnet, wennschonhin

Tief bedauernd nebigen Betreff ...<

Nein, jetzt kam:

>... vor und aus. An die Bezirksbehörde in --.

Staunend liests der anbetroffne Chef.<

Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. >Als

nicht exist-- --< na, nun wars schon genug! -- Plötzlich fuhr er hoch

und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. -- Ich verstehe

Vater nicht, dachte er kopfschüttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat

ihn mir doch selber gegeben? -- Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus,

und damit gut, gut, gut!

Georg glaubte zu verkommen an Überdruß über sich selbst. Zum Weinen

verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlässigte ich sie über

Esther. (Ach, ich glaube, ich hätte Esther heiraten sollen!) Dann

bildete ich mir ein, ich weiß nicht mehr, weshalb, ich dürfte erst

wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich

wollte ihr ja das Herzogtum zu Füßen legen. So gehörte sichs. Ah, dazu

führten nun meine nationalökonomischen Studien! Keine Ahnung, daß ein

Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin müde und will

schlafen, dachte er, sich ergebend, knöpfte die Weste auf und trat an

den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette,

Feuerzeug, Brieftasche, Schlüsselbund, Taschentuch. Da lagen die Blätter

über die Zustände von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie

in die Lade. Da mußte er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit

ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl

darin befunden. Gegen früher war nichts verändert. Er gähnte, dachte an

Helenenruh, an grüne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten

Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im

Zimmer, draußen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krähende Hahn,

ganz fern die jungen Hähne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem

Fenster, damals, als ich noch im Nordflügel wohnte, auf die Felder

hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dächer vom Dorf, der

Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen,

scharrten mit dem Fuß, sahen links und rechts und gingen weiter ...

Und daß alles dies eigentlich gar nicht mir gehört ...

Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und

hängte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hängte sie fort,

setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten

niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnsüchtig. Vielleicht

liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trübe. Er zog den zweiten

Stiefel vom Fuß, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurück und

holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen

Schlafanzügen zurückkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre

ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater.

Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, daß sein Vater nicht

sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von

sich, streifte das Nachthemd über, blies hastig die Lampe aus, merkte,

daß er noch in Unterhosen und Strümpfen war, streifte sie ab, warf sie

aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 100 / 124 题