Sylvester

Georg, zerdrückt, zersetzt und mißgefärbt, wie er sich aus Berlin

mitgebracht hatte, wanderte gegen halb zwölf Uhr in der Neujahrsnacht

vor der Reihe der sechs vom Erdboden aufsteigenden Fenster des langen

Saales in Trassenberg auf und nieder. Dabei hatte er außerhalb der

Fenster das schwarze Nichts, die Nacht mit einem oder zwei roten

Lichtern im unsichtbaren Grunde des Landes; innerhalb den

langgestreckten Saal, aus dessen drei Wänden, aus den drei Steinkaminen

der Flammenschein herausschlug. Die Kamindächer hingen steil und düster

wie gewaltige Brauen über den Feueraugen, deren Flackerblick die beiden

mannsdicken, in der Höhe verästeten Holzpfeiler im Schatten ließen,

welche, ein paar Schritt weit voneinander entfernt, die Saaldecke

trugen. In der Dunkelheit der Wände oben ließ sich von Georgs irrendem

Blick hier und dort aus den verblichenen und verrußten Wandmalereien

eine Gestalt ergreifen, steif in Umrißlinien und Falten des zwölften

Jahrhunderts, ein Schwert, ein verhangenes Roß oder die seltsam

verschobene Figur einer Frau, hintenübergezogen vom spitzen Kopfputz und

hangenden Schleier.

Georg blickte auf die Uhr, ohne die Zeit zu sehn, und erwartete seinen

Vater. Ihn fröstelte; deutlicher empfand er die beiden Toten in der

Nähe, Cordelias ewig triumphierendes Lächeln und die Gestalt seiner

Mutter; diese manchmal hinter sich, an einem der Fenster, vereinsamt

dastehend wie eine Verbannte, -- und dann verspürte er wieder ihren

Kopfschmerz, als könne der noch immer nicht vergangen sein ...

Diese Mutter ... Er zwang sich, zu vergessen, daß sie nicht die seine

war, sich zu erinnern, wie es hier früher in dieser Nacht gewesen. Dann

saßen erst er und sein Vater dort beim Punsch vor dem mittleren Kamin.

Zehn Minuten vor Mitternacht erschien die Helene, Diener mit

Windlichtern, die ein paar Fenster und die Glastür zum kleinen Altan

öffneten -- dem Einzug des neuen Jahrs. Sie sagte ein paar heitere

Worte. Dann gingen sie zusammen zur Altantür und standen dort im kalten

Atem der Winternacht und erwarteten den Glockenschlag. Er kam,

feierlicher als jeder Stundenschlag im ganzen Jahr. Dann wurde in der

Tiefe, vor der Kirche im Dorf der Holzstoß entzündet; sie sahen von hoch

oben den roten Flammenschein, Gestalten, Portal und weiße Wand des

Kirchturms im Schein, und im Kreis um das Feuer die Bläser mit ihren

Messinginstrumenten. Nun läuteten die Glocken, der Choral stieg

vernehmlich zu ihnen empor: Bis hierher hat mich Gott gebracht ... Beim

zweiten Vers traten sie in den Saal zurück und ...

Jahrein -- jahraus -- zehn, elf Male hatte er das erlebt. Immer eine

feierlich leichte, schöne Stunde ... Mein Gott, ist es anders geworden!

Sie ist nicht mehr dabei, und ich selber bin --, nein, ich soll ...

soll? Hier ein Fremder sein, ein Eindringling ...

Ratlos auf den nächsten Pfeiler zutretend, wie im Verlangen nach einer

Stütze, fühlte Georg unter der tastenden Hand die Hunderte der Kerben,

die den Stamm bedeckten. Hier hatten sie sich eingeschnitten, die einmal

die Seinen waren, bei jedem Bankett, jeder Jagdtafel, sie und ihre

Gäste, burggeseßne, erb- und schloßgeseßne Herren, später Grafen,

Markgrafen, Herzöge ... Auf einem der Böden mußten noch mehr solche

Stämme liegen, nachdem die ersten vollgeschrieben waren bis obenhin, --

es war wohl mehr als ein Arm gebrochen, wenn sie Stühle auf Tische

setzten in ihrer Berauschtheit, um höher hinaufzulangen, und an einem

Pfeiler oben stand: Heint hab ich, Hugo Remmele, den -- soundso -- fast

zu Tode gestochen, sintmal ich b'soffen von oben stürzte mit dem Säufang

... Oder so ähnlich ... Als Junge, sann Georg, konnte ich stundenlang um

die Stämme rutschen, um die Namen zu entziffern, die Wahlsprüche und das

Lateinische. Drei Kreuze, dacht ich, bedeuteten Tote ... Merkwürdig viel

Kreuze ...

Georg sah aus Knabenkleinheit, in die er sich versetzt, geisterhaft

umher. Die drei Kyklopenaugen glotzten, die Flammen züngelten in

Buchenkloben, es war still ... Nein! nein! er nicht dazu gehören? Nein,

davon empfand nie und nimmer etwas sein Herz! Nur unsäglich traurig war

alles geworden. Traurig? Warum nur, warum? Nun hatte die Zeit auch

Cordelias Lächeln fast getilgt, dies allzutriumphierende Lächeln ...

Georg, längst wieder am Fenster stehend, die erst kalte Scheibe warm

geworden an seiner Stirn, hörte ein Geräusch und wandte sich. Ein Flügel

der Tür zur Linken in der langen Wand war aufgeschlagen, und daneben

stand im Schein des Armleuchters, den er selber hochhielt, Egloffstein,

schwarz in Frack und Kniehosen, das faltige Gesicht unterm weißen Haar

schief geneigt wie immer. Die Schritte und die Stöcke des Herzogs wurden

hörbar, er kam zum Vorschein, im Frack, -- ja, das war nun auch anders,

denn er ging, er ging ganz gut, schon ziemlich grade, machte richtige

Schritte, -- erstaunlich, was sein Wille in ein paar Monaten zustande

gebracht hatte! -- Georg ging ihm entgegen, nur mit einem ernsten,

schnellen Blick von ihm ins Auge gefaßt. Hinter ihm Leopold und Egbert

in ihren blauen Livreen trugen, der eine das Brett mit dem Bowlengefäß

und Gläsern, der andre eine kleine Truhe, und setzten beides auf den

alten Holztisch vor dem Mittelkamin. Georg hörte Egloffstein seinen

Vater etwas fragen und »Halb eins« aus der Antwort, während er Egbert

zusah, der den Fuß eines Baumstamms zum Feuer trug und hineinlegte; die

Flammen duckten sich, leckten mit körperlosen Zungen daran empor,

unterhalb knisterten dunkelrote Funken in der schneller anglimmenden

Rinde. Georg gingen die Augen über im Hinsehn, bis ein leises Klirren

ihn veranlaßte, sich umzudrehn. Sein Vater, jetzt allein, stellte eben

den Löffel in die Bowle zurück, reichte dann Georg sein Glas. »Ach, du

trinkst ja wohl nicht ...« sagte er, sich erinnernd, und lächelte. Georg

antwortete mit einem Lächeln und setzte sich am andern Ende des Tisches

den Fenstern gegenüber. In dem Glase dampfte der goldenbraune Punsch,

Schwaden zogen sich um die Flammen des Leuchters. Ja -- dies war wie

immer ... Auch dies, wie sein Vater das Glas gegen die Lichter hob, dann

kostete. Auch Georg nahm einen Schluck; die flüssige Glut verschlug ihm

den Atem, er mußte hüsteln.

Und dann folgte er mit den Augen den langsamen Bewegungen seines Vaters,

mit denen er seine Zigarrentasche hervorholte, eine herausnahm, nachdem

er mehrere hinter den Klappen gelüpft und gedreht, sie auf den Tisch

legte, die Tasche schloß, dann wieder aufklappte und Georg mit einem

Lächeln hinhielt. »Dir zu Gefallen«, sagte Georg, eine nehmend, biß wie

sein Vater die Spitze ab, aber das mißlang natürlich, er mußte das

Deckblatt festlecken und vergaß darüber, seinem Vater den Leuchter zu

reichen. Plötzlich sah er ihn aufrecht dasitzen, eine Hand auf der

Tischplatte, die Zigarre im Munde, den Leuchter erwartend ...

Er hatte sich aber noch kaum nach den ersten Zügen zurückgelehnt, als

die kleine, stets Minuten vorgehende Uhr auf dem Kaminsims zum Schlag

aushob. Sie nickten sich zu, der Herzog hob seine Stöcke, sie gingen zur

Glastür, Georg öffnete, eisig schlug die Nachtluft über sie hinweg. Da

-- in der Tiefe rechts brannte schon der Holzstoß, Schatten bewegten

sich umher, die Bläser stellten sich im Kreis, Messing blitzte, die

Dörfler drängten sich herum, beleuchtete Gesichter waren zu sehn. Dann

klang der erste Glockenschlag, die Mitternacht schwebte vernehmlich in

klaren Tönen herauf, der Choral setzte ein. Georg spürte auf seiner

Schulter eine schwere Last, die Hand seines Vaters.

Zudritt mit der Unsichtbaren standen sie in der nächtigen Höhe. Georgs

Herz schlug schwer, -- er sah das Vorjahr, die Vorjahre ... sah sie und

ihn und sich selber wieder in den Saal zurückgekehrt ... Doktor Birnbaum

war schon da mit seiner großen Truhe auf einem Stuhl und Fräulein von

Rabenau mit ihrem Arm voll weißer Narzissen. Die Saaltüren standen weit

offen. Sie waren lustig. Draußen war der Rücken des Kantors sichtbar,

taktschlagend mit beiden Armen, und der Kinderchor klang. Dann kamen sie

herein, der Kantor, die Kinder, dahinter das ganze Gesinde, von

Egloffstein geführt, bis hinunter zum letzten Stallknecht und

Hütejungen, Knechte, Mägde und die Dienerschaft. Zogen vorbei, und jeder

bekam dreierlei: vom Herzog einen goldenen Händedruck aus der Truhe, von

Georg einen einfachen, von Helene eine Narzisse. Und hundert Stimmen,

tief und hoch, heiser und hell -- der Neujahrswunsch. Seit er stehen

konnte, im weißen Kleidchen, hatte er seine kleine Hand hinhalten

müssen, seinen Diener gemacht und in die großen fremden Züge über ihm

gesehn ... Die Mägde machten heilige Gesichter, wenn sie ihre Narzisse

hatten, trugen sie hinaus wie ein Altarlicht, und manche weinten trotz

strengen Verbots. Und Mama ... Manchmal war sie am Umsinken vor

Schmerzen. Dann stand sie, die Augen fielen ihr zu, die Finger der

Linken preßten die Schläfenader, nahm eine Blume nach der andern aus der

Hand des alten Fräuleins, reichte sie hin und lächelte dazu. Jeder bekam

seine Blume und sein Lächeln. Dann hauchte sie Gutenacht und lief

hinaus.

Georg brannte der Kopf. War dies nicht schon der dritte Vers des

Chorals? -- Da wußte er, daß sein Vater sich fürchtete -- wie er selber

-- vor dem Sichumdrehn und dem, was hinter ihnen war ... Aber im

nächsten Augenblick fühlte er sich von der Hand auf seiner Schulter

herumgedreht, sein Blick streifte dabei über das angespannte,

entgeisterte Gesicht seines Vaters. Da war der leere Saal ...

Heiser hörte Georg ihn fragen:

»Und nun, Georg, wie ist es: fühlst du dich -- zu Hause?«

Georg verstand, senkte den Kopf, hob ihn wieder und sagte in den Saal

hinein: »Es ist nicht wie früher. Es -- -- mir ist glaub ich so wie

einem, der sich jahrelang herumgetrieben hat und -- als hätte er nun

kein Recht mehr ... so ungefähr.«

»Armer Junge«, hörte er murmeln. Sein Vater drückte ihn liebevoll an

sich; er blickte in seine Augen und murmelte, seine Hand suchend,

schamvoll: »Wenn ich nur dich habe ...« Sein Vater drückte die seine

kurz und hart, ging dann durch den Saal zum Tisch, öffnete den Deckel

der Truhe und nahm ein zusammengefaltetes Papier hervor, aus dem an

seiner Schnur ein großes Wachssiegel herausfiel. -- Georg wußte, was es

war, und begann im Augenblick heftig zu zittern.

»Dies,« sagte sein Vater, den Bogen langsam aufschlagend und

hineinsehend, »dies ist der Vertrag.«

Er legte ihn wieder zusammen und in den Kasten zurück, den er schloß.

»Du kannst ihn an dich nehmen und Gebrauch davon machen. Später -- wenn

du meiner Hülfe bedürfen solltest ...«

Er brach ab, nickte ein paar Male vor sich hin, setzte sich dann.

Georg spürte die hinter ihm hereinströmende Kälte, wandte sich, warf das

bitter schmeckende Ende seiner Zigarre hinaus und schloß die Tür. Dann

zündete er sich eine Zigarette an und begann, alles umher vergessend,

wieder vor den Fenstern auf und ab zu gehn.

Jetzt, während alle Gedanken in ihm, dem Kommenden zustrebend, doch

angstvoll vor unsichtbaren Widerständen zurückprallten, tastete seine

angereizte Phantasie nach der Schmerzgestalt der Mutter; die aber entzog

sich, schwand, und statt ihrer sah er zum ersten Male Cordelia.

Alles sah er. Ein Zimmer. Auf einem ovalen Tisch eine brennende

Petroleumlampe; davor einen Berg Wäsche; und daneben -- sie, an einem

glänzenden Kleide nähend, das über ihren Schoß hin lag, und sie trug ein

niegesehenes, loses, morgenrockartiges Kleid, unordentlich; und vor dem

Wäscheberg lag ein aufgeschlagenes, vom Zusammenrollen verbogenes Heft,

aus dem sie lernte, -- ja, er sahs, alles, und nur eins sah er nicht,

obgleich er sich bemühte: ihr Gesicht, -- nur das Braun vom Haar,

undeutlich. Aus der Erscheinung aber glühte es ihn an, daß ihm heiß

wurde und heißer: ihr Leben, ihre Tage und Nächte, der endlose Kampf,

die brennende Sehnsucht, die Hülflosigkeit am Abend, immer wieder

Unverzagtheit am Morgen, immer Hoffnung, Hoffnung, Erwartung, heute,

wieder heute, hundert, tausend Heute der gleichen Mühsal, und immer

Enttäuschung, immer Entsagung, Verzweiflung, Ratlosigkeit, neue Kraft,

neuer Wille, und wieder umsonst, und Arbeit, Arbeit, nächtelanger Fleiß,

die ganze unselige Inbrunst, die rasende Erwartung, das

Nichtmehrwartenkönnen, das verzweifelte Weinen, der Jammer grenzenlos.

Er sah ihre zerbrochene Seele, daliegend entstellt wie eine ausgerissene

Pflanze. Alles einst Strahlende, innerst immer noch mit wütender Glut

sich Wehrende, in trostlosen Zimmern zerstampft, verschüttet, -- ein

ewig währender Schmerz in der Brust, wie die Andre ihn im Kopfe trug,

wandelnd Beide mit feuergefüllten Becken im lebendigen Fleisch ... Und

wieder sah er sie eintreten in das schöne Tor, in das leuchtende Schloß,

betäubt von Ehrfurcht, zum Kinde geworden vor unsäglichem Staunen, --

doch schob sich selbstwillig ein andres Bild dazwischen, das sich nicht

verdrängen ließ: die erste Nacht, ihre fast unheimliche Scheu, die dann

jählings umschlug in überschwängliche Wonne, Tränen der Wonne --

weshalb? Er wußte es nun, verstand nun die Verzweiflung der jahrelang

verfälschten Lust, die zum ersten Mal doch endlich sie selber sein

durfte, hinströmend in der Umarmung des Geliebten. -- Der Brief, ihr

Brief mit ihrem Leben brannte auf seiner Brust, und plötzlich, alles

Denken fortkrampfend, riß er ihn heraus, ging auf seinen Vater zu, sah

ihn ihm entgegenblicken und blieb zaudernd stehn.

»Nun, mein Junge, was hast du?« fragte er weich.

»Ich? -- Ich, Vater, ich hatte -- zwei Tote in diesem Jahr. Und -- --

wenn du dies vielleicht lesen möchtest ...« Er gab ihm die Briefe, den

kurzen und den lebenslangen, setzte den Leuchter näher herzu, warf sich

dann selber in den Sessel am Ende des Tisches, legte den Kopf in die

Hand und schloß die Augen.

Er wollte nicht denken. Er ließ Wortgebilde, Begriffe, Sätze, Bildstücke

in sich herumlaufen, sinnlos und leer, immer wieder zurückprallend mit

der inneren Woge von den Briefblättern, die er hin und wieder leise

knistern hörte, immer wieder hineingezogen, zu dieser Stelle, zu jener,

an welcher sein Vater jetzt halten mochte ...

Sie war glücklich das Halbjahr, dachte er, und doch hatte sie noch eine

Hoffnung über das Glück hinaus, mußte noch immer hoffen -- hoffte,

fruchtbar zu sein -- ein Kind ... War es diese Sehnsucht, die sie

dermaßen befeuerte, die Nächte so glühend machte, Nächte -- jede wie

eine Traube, und jede Beere eine Zelle von Rubin, in der sich Götter

umarmten, daß die ganze Traube erdröhnte ... Ach, nein, ihre Hoffnung

war leise, blühte auf in den stillsten Stunden des Einsamseins, war ein

Duft, ein Glück über dem Glück, denn nur _das_ Glück ist ganz süß durch

und durch, über dem noch ein andres Glück schwebt ...

Georg wartete noch, wartete, wieder leer, ertrug es endlich nicht mehr

und sah nach seinem Vater. Der saß groß, aufrecht zurückgelehnt. Die

Blätter lagen auf dem Tisch. Nun kam sein Blick herüber, Georg sah die

nahstehenden Augen, verschleiert, sehr weich, und der Blick durchschmolz

seine Brust, so daß er sich plötzlich schämte und die Augen abwandte.

»Sie ist tot?« hörte er fragen.

Georg nickte. »Ich habe sie gesehn«, sagte er dann. »Sie lächelte. Es

läßt sich nicht sagen. Aber -- sie war ganz drüben -- und wußte --

alles.«

Es war still.

»So ist es überall das gleiche«, sagte der Herzog langsam. »Abgrund.

Dich dachte ich nicht so nahe daran. Aber -- du hast es überstanden?«

Georg konnte nur den Kopf neigen, wieder und tiefer beschämt, als werde

er belohnt für eine Leistung, die ein Andrer ihm abgenommen hatte ...

Ich habe ja nichts getan! dachte er.

Indem vernahm er wieder die Stimme seines Vaters.

»Siehst du, -- einmal ... du warst noch ganz klein -- standen wir dort,

zu Zweien, in der Neujahrsnacht. Und da --« Er stockte, räusperte sich,

hustete und fuhr fort: »Hast du je empfinden können, was sie gelitten

hat? Später wurde es ja wohl besser, das Dunkel tat wohl, die Gewohnheit

... Aber dies Dasein! Ihr Geist, ihre vielen Gaben -- so verurteilt!

Aber -- der Anfang! Sie schloß sich ein des Nachts. Ich konnte nicht zu

ihr. Da habe ich -- nächtelang -- vor ihrer Tür gelegen und gehorcht.

Und sie wimmerte, sie -- kannst du dir das -- denken? Ich glaubte, ich

könnte ihre Zähne aufeinander schlagen hören. Ich hörte sie hin und her

irren und leise jammern, minutenlang, Worte stammeln, schnell, immer

schneller, bis es immer lauter wurde und sie aufweinte. Dann wurde es

wieder leiser, hörte ganz auf. Und dann fing es wieder an. Und endlos.

Heulen hab ich sie gehört. Sie, diese --, sie ...

»Und dann -- einmal -- standen wir dort. Der Vorbeizug war vorüber, sie

taumelte auf mich zu, wir waren allein, sie bohrte ihre Stirn gegen mich

und schrie: Ich kann nicht mehr! -- Dann riß sie sich los und lief auf

den Altan. Ich weiß nicht, wie ich sie noch einholen konnte, und dann,

-- dann wollten wir Beide hinunter. Ich -- ich war jung, und gelähmt,

und dazu sie ... Ich wollte auch nicht mehr können. Plötzlich sah sie

mich an, ihr verzerrtes Gesicht glättete sich sonderbar. Sie sagte:

Merkwürdig ... nun ist es weg. -- So stand sie lange, lauschte und

wartete, schüttelte den Kopf und wiederholte: der Schmerz sei weg. Wir

weinten wohl zusammen und dachten eine Weile, er sei wirklich und für

immer verschwunden. Ich weiß noch: sie lächelte wieder und meinte, es

wäre wohl wie beim Zahnarzt: wenn man die Treppe zu ihm hinaufstiege,

sei der Schmerz fort. Ich hielt sie noch, und dann merkte ich auf

einmal, daß sie schlief. Ich hab bei ihr gesessen, sie schlief bis zum

Morgen. Da war der Schmerz wieder da ...«

Georg hatte zugehört, in Siedehitze getaucht vom Kopf zu den Füßen;

seine Hand war feucht, als er sie von der Stirn löste, doch hörte er nun

ein Geräusch, wandte sich und sah Egloffstein gedämpft hereinkommen und

sich dem Herzog zeigen, worauf er wieder verschwand. Sie erhoben sich

Beide, der Herzog murmelte, es sei Zeit für ihn, -- ob er noch sitzen

bleiben wolle ... drückte Georg nur heftig die Hand und ging hinaus.

Als Georg dann wieder im Stuhle saß, sah er die Zukunft vor sich stehn,

unentrinnbar. Er fühlte, daß nichts sich hatte ändern lassen, er hatte

weiter und weiter gehen müssen auf diesem Weg, nun nur noch wenig

Schritte, und das Ziel war da. Trotz der Angst aber, die es ihm

einflößte -- oder war das nicht es? -- schien ihm alles sehr leer, oder

leicht, oder -- sinnlos. Das Wirkliche, dachte er, ist doch ganz wo

anders. Dies gehört zum Dasein, jenem, in dem man sich kleidet und ißt,

arbeitet, einen Beruf hat, Umgang mit Andern, Pflichten. Es ist nicht

das Leben.

Und da war es ihm, als befände er selber sich weder hier noch dort. Er

lächelte; saß er nicht in der einsamen Nacht zwischen dem ersten Tag des

neuen und dem letzten des alten Jahrs? -- Er mußte eine Bewegung mit den

Händen machen, wie um nach rechts zu tasten und links, das Dasein zu

fühlen, dort, und hier das Leben. Da war aber nirgend etwas. Nur die

Luft. Es ward totenstill. Und in der Leere konnte er sein Herz sehn wie

einen schwarzen Klöppel, der ohne Glocke hing, sinnlos, im Schwarzen der

Nacht.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 95 / 124 题