Frühe

Georg erwachte im Finstern und hörte den Donner rollen, blieb aber so

sehr in der Verschüttung des Schlafs, daß er sich einbildete, er träume,

nur aufseufzte und sich streckte. Dann war aber ein Mensch im Zimmer,

und mit gelindem Erschrecken erschien ihm in einem schwachen

Blitzleuchten Cordelias weißes Gesicht und das glänzende Schwarz ihres

Mantels. Indem er noch murmelte, was sie denn wolle, fühlte er ihre Hand

auf seinen Augen, die sie zudrückte, und am Einsinken der Matratze, daß

sie neben ihm kniete. Dann hörte er sie den festen Laden, über ihn

hingebeugt, zart umlegen und verriegeln, endlich auch das Schiebefenster

langsam, fast geräuschlos herabziehn. Im Begriff, etwas Dankbares zu

murmeln, schlief er wieder ein.

Als er dann wieder zu sich kam, war es dämmrig, fast noch dunkel im

Raum, doch hingen unmittelbar über ihm an seiner Linken Lichtfäden im

Laden, und schon hellwach und frisch sich zurücklegend, sah er die

beiden ausgeschnittenen Herzen im Holz oben matt leuchtend schweben. --

Es regnet wohl, dachte er, schade! in schwacher Erinnerung an ein

Gewitter bei Nacht. Ach, sieh an, wie wundervoll ich jetzt schlafe,

selbst bei Donner und Blitz! -- Und die Arme mit geballten Fäusten

ausstoßend und beugend, fühlte er sich krachen und strotzen von grüner

Gesundheit.

Aber ich hab mir doch über etwas klar werden sollen über Nacht, fiel ihm

ein, und im Augenblick auch schon der homerische Vers: [Griechisch:

Polla d'ho g'en] ... der dritte der Odyssee, über den sie gehadert

hatten miteinander, bis ihnen die Augen zufielen, weil Cordelia gesagt

hatte, es sei der prachtvollste Vers aller Dichter und Völker, worauf

aber er sich anheischig gemacht hatte, ihn nichtsdestoweniger in sein

geliebtes Deutsch zu übertragen, aber war sie vielleicht

zufriedenzustellen? Nun, er selber wars auch nicht, aber nun wollte er

es gleich noch einmal versuchen ..

_Polla d'ho g'en ponto pathen algea hon kata thymon ..._

Ah nein, was waren es auch für Worte, was war es für ein Rollen und

Knattern, eine strotzende Vollheit im Wohlklang der wechselnden O- und

A-Laute, und hinter dem köstlich geschmeidigen _algea_ das schroff

gesetzte _hon_, dann das kalt schmetternde _kata_ und endlich -- ihre

ganze Wonne -- nach all den dunkelklaren und großoffenen Lauten das

tiefe, hinziehend glühende: _thymon_ ...

Voll des Grames da ward vom Meere die Seele des Kühnen ...

Nein, sie hatte recht, es war nichts. Kühnen hatte sie freilich als

schön erfunden zugeben müssen, da _thymos_ ja nicht nur Seele hieß

sondern auch Mut, -- aber wo waren die vielen O und A? Den Ersatz durch

die zwei prachtvollen E-en konnte Georg jetzt auch nicht mehr

aufrechterhalten und begann, nach As und Os zu suchen, wälzte sich umher

und bekam endlich nach vieler Mühe zusammen:

Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.

Freilich zu wenig A-en waren es immer noch, aber es klang doch sehr

schön: Zornvoll, gramesvoll ward ... Wie spät war es eigentlich? schon

fünf und Zeit zum Aufstehn? -- Aber die Uhr vom Nachttisch ertastend,

erkannte er, daß es noch nicht halb fünf war. Ah dann konnte er einmal

die Sonne aufgehn sehen!

Das kaum fußhoch über seiner Matratze eingesetzte Fenster hochgeschoben,

den Laden auseinandergeschlagen, empfing Georg den erstaunlichen Anblick

einer dunklen Welt, in der es schon Tag war. Nicht Tag, -- es war

seltsam verhangen, aber schon hell, die Sonne noch nicht aufgegangen.

Kein Vogellaut ließ sich hören, Totenstille war umher, der Himmel oben

grau, aber siehe da -- gerade drüben überm unermeßlich dämmernden Land,

blitzend in güldener Weiße, stand der Morgenstern in klarem Raum, einsam

in unendlicher Kühle. Nun begriff Georg auch den Schauer der Stille im

eigenen Herzen, die von dem großen Stern ausging. Heilig stand er, ein

silberner Erzengel, gebieterisch, ein Herold des Ewigen, nicht fürstlich

bei aller Hoheit, ein Diener des Fürstlichen, und hinter ihm -- das

undurchdringliche Fernengrau der Leere, die dämmernd bläuliche

Unendlichkeit voller Straßen, die sich, alle zusammenlaufend, ins

Unermeßliche verloren: Alle diese bleiben euch unzugänglich, sagte er

ernst. -- Georg konnte die Augen nicht wegwenden von der strahlenden

Hoheit, und als er es endlich wagte und in den Garten hinabsah, war es

ihm, als brenne der Stern seinen Blick durchdringend auf seine Stirne

ein.

Stille unter ihm lag die halbkreisförmige kleine Plattform aus gelbem

Kies, von der, unter der Rosenhecke hinweg, der grüne Rasen nach allen

Seiten abfloß; still in der Mitte die roh gefügte Steintreppe, von

Moosen und Staudengewächsen und schönen Gläsern bedrängt, ruhig

hinabsteigend zum großen, rechteckigen Becken gründurchwachsenen

Wassers, das kaum glänzte, die gemauerten Ränder überwuchert von Binsen,

Schilf und _Iris sibirica_. Seitlich stiegen die Böschungen sacht an zum

wagrechten Wiesenboden, der sich unter Buschwerk und Bäume verlor, an

unzählbaren Stellen besetzt mit den großen weißen und farbigen Flecken

der Blumen und Staudengewächse, die, jetzt matt scheinend, alle

überleuchtet wurden von den mannshohen Pfeilern des Edelrittersporns,

bekleidet rundum mit dem kalten und tiefen Blau der großen Blüten. Wie

aber war die ganze Senke eingeschlossen in regungslose, betrachtende

Erwartung des kommenden Lichts! Wie unsäglich stille verhielten sich die

beblätterten Ranken der Crimsonrose mit schweren Blütenbüscheln, die

jenseits des Wasservierecks vom pfeilergetragenen Balken hingen! und

ringsumher wagte kein Hauch sich zu regen in den Sträuchern, den Hügeln

der großen Aspiräen, den umschließenden alten Bäumen, durch deren breite

Lücke und über die hinweg Georgs Blick nun mit Andacht hinauswanderte in

das stille Morgenland, über die Weideflächen seiner Ebene im farblosen

Licht, bis hin zu den Schatten der Wälder.

Wieder ausgestreckt, auf den linken Ellenbogen gestützt, erwartete auch

Georg den Tag.

Langsam erst jetzt, unmerklich vorquellend, drang die Morgenfrische zu

ihm herein, so unbeweglich war die Luft. Georg schloß die Augen und ließ

es rieseln um sein Gesicht. -- Sie schlief wohl noch unter ihm, die arme

Seele. Arme Seele -- wie sie sich in ihren Briefen, auch im kindlichen

Geplauder mitunter nannte -- und die reicher war, tausendmal reicher als

er. War sie nicht wieder im Zimmer gewesen diese Nacht? Freilich -- das

Gewitter -- sie hatte es nahen hören und war gekommen, sein Fenster zu

schließen. Aber schon früher einmal hatte er, erwachend, sie neben sich

kniend gefunden, dem Fenster zugewandt. Was sagte sie noch? Ich gab mir

doch Mühe, es zu bewahren, aber wer behält all ihre Einfälle? man müßte

Jasons Gedächtnis haben. -- Richtig: was machst du denn da? fragte ich,

und sie sagte, den Finger hebend, andächtig: Da zähl ich die Sterne. Ja,

da zähl ich und zähl ich, und immer verzähl ich mich. Sprachs und legte

sich enge zu ihm, und das war wohl ihr Nachtgebet, die Sterne über ihm

zu zählen ... Aber dann erzählte sie noch etwas, ja, er hörte sie leise

lachen und sagen: Rübezahl, das war aber ein dummer Geist, der wo die

Rübsen hat zählen sollen und net können. Na, so eine Dummheit, die ollen

Rübsen zählen und sich verzählen. Nein, weißt, einer war -- der hat

>Sternezahl< geheißen, auch so ein dumms Luder von an himmlischen Engel,

der wo gsagt hat zum Herrgott: die Stern, und die zählt er ihm schon

lang auf, so vüll sans denn do net! Hats aber net können. Sondern hat

dagstanden eine ganze Ewigkeit lang und gezählt und gezählt und hat sich

verzähln müssen olleweil. Weils halt -- zu -- viel san. Da is er trauri

geworn, schloß sie kleinlaut. --

Aber weißt -- sie freute sich wieder -- den lob i mir, i! Net den dummen

... Sprachs, sagte: schlaf wohl! und war verschwunden.

Georg atmete dankbarlich auf und öffnete die Augen. Der helle Stern war

tiefer gesunken und verblaßt, der Himmel sanft bläulich geworden und

weiß, ein Wolkenrand, ein Hauch kleiner, silberweißer Bogen war lieblich

hingemalt auf die kühle, schon leuchtende Wand. Da krähte ferne ein

Hahn. Es wurde immer feierlicher umher; Georg schlug das Herz. Nichts,

das sich regte, -- doch -- im Wasser unten gluckste es, ein Ring zeigte

sich und dehnte sich blinkend aus; es ward heller. Auf einmal wehte ein

kühler Atem so lebendig Georg an, so menschenhaft, daß es ihn überlief.

Plötzlich hatten die Blätter der großen Akazie dort hinten sich bewegt,

erwachend, nur an einem großen Ast, und überall knisterte es nun leise,

Häupter bewegten sich, Schläfer, die ihre Lage wechseln wollten, wachten

auf, Zweige rauschten sanft, die hohen Königskerzen bewegten sich

gemessen, Binsen beugten sich und rauschten, unbeweglich standen die

Irisstauden am Wasserrand scharenweis. Und nun wartete alles in

Ergebenheit.

Georg erschrak. Was war das? Etwas Fremdes war über die Erde gekommen!

Lautlos wie ein Geist war der rote Rand einer gewaltigen Kuppel in der

Nebelferne erschienen.

Georg kniete im Bett. Die Hände willenlos zusammenlegend, sah er, ganz

nah, die Gewaltige heraufsteigen, die rote, göttliche Riesin,

unleuchtend, stumm, ungeheuerlich, unnahbar einsam, so erhob sie das

mächtige Haupt und sah in die erschrockene Welt. -- Er mußte die Stirn

auf den Rahmen des Fensters vor ihm legen, sprachlos, quellenden

Herzens.

Als er wieder aufzusehn wagte, war es Tag. Die Ebene hatte sich mit

ziehenden Schwaden von Nebel bedeckt, die sichtbar über die glühende

rote Scheibe wogten, die jetzt an einzelnen Stellen golden zu brennen

begann. Von hundert Orten umher zwitscherte es nun und zirpte, in den

Lüften flog Gold, ah und wie schwer hing alles Laubwerk und blitzte vom

Guß des Gewitters! Schon entstieg zarter Dampf, kleine, weiße

Rauchsäulen erhoben sich schwebend über der Wasserfläche, alles

leuchtete und ließ sich besonnen.

Georg sprang aus dem Bett, öffnete die merkwürdige Luke am Boden, die

Cordelia für ihn hatte machen lassen, und stieg die Leitertreppe

hinunter ins Badezimmer.

Von dort erfrischt und sauber zurückgekehrt, kleidete er sich eilig in

ein wunderbares Hemd von gelber Rohseide mit offenem Halskragen, weiche,

vom Ledergurt gehaltene Flanellbeinkleider, Strümpfe von der Hemdfarbe,

und schlich, die braunen Schuh in der Hand, die noch dunkle Treppe

hinunter ins Freie, dann an der Hinterseite des Hauses, so leise er

konnte, an Cordelias offenen Fenstern vorbei über den Kies -- ah wie die

Rosen dufteten am Rande! -- setzte sich auf die Treppe oben und zog

seine Schuhe an. Langsam schlenderte er darauf von Stufe zu Stufe,

tauchte die Hand in den tropfenbesäten Hügel der weißen Aspiräen und

lächelte, den ganzen Blumenflor überschauend, von dessen tausend Namen

er jeden Tag ein paar hatte lernen müssen, -- nun war alles längst

unrettbar durcheinander in ihm. Das da hinten an der Böschung war

Schleierkraut, aber wie hieß es lateinisch? Und daneben die brennende

Liebe? _Lychnis_ -- ja, _Lychnis chalzedonia_ und mit _robusta_ noch

etwas ... Volksversammlungen der handtellergroßen Margueriten blickten

nach ihm hin, merkwürdig, wie die Menschen auf alten Bildern.

_Leucanthemum maximum_ -- das war der Name. Georg balancierte behutsam

auf dem Mauerstreifen um das Becken zwischen Trollius und Schwertlilien.

Die ansteigende Wiesenböschung zu seiner Rechten war mit prangenden

gelben und blauen Farben bedeckt, große Beete des Phlox, blaue, rote,

weiße Blüten flammten oben, und dort standen, regungslos, die kostbaren,

die Königskerzen, ganze Bäume mit aufstrebenden Ästen, mit den

scheibenartigen Blüten, isabellengelb, zartlila und goldenblaß, -- wie

hießen sie? _Delfinum_ -- ah nein, das war ja der erstaunliche

Edelrittersporn, drüben von der andern Seite flammten die großen

schwarzblauen Blüten, _Delfinum hybridum_ -- ists richtig, Cordelia? Die

Königskerze aber hieß -- hieß -- _Verbascum_, jawohl, _Verbascum

vernale_, ein glänzender Name! -- Es war ein Paradiesgarten und sie der

Gärtnerengel darin!

Georg rauschte im Vorjahrlaub die kleine Böschung durch das

Birkenwäldchen hinunter und glitt unten ins schon trockne und

sonnenwarme Gras, wo er die Aussicht über die ganze grüne Ebene frei

hatte, über die Landstraße, Haidestreifen, kleine Birken- und

Tannenschläge -- ins Unendliche hinein, über dem die goldene, brennend

brodelnde Sonne kochte im Wolkenlosen.

Sanft ist sie, dachte er, auf den Rücken gestreckt, ins Blaue nach oben

schauend, sanft wie die Sonne am Morgen und doch feurig. Das ist das

Wundervolle an ihr. Alle schönen Frauen müßten so sein, so -- sanft;

nicht weich, hülflos, ohne Feste, sondern im Gegenteil -- fest, aber

zart, glühend innen, seelenvoll ...

Sanft halt, würde sie selber gesagt haben.

Georg setzte sich auf. Die Grashalme neben ihm verschwammen vor seinen

Augen, so bedrängte, fast angstvoll, ihn ein unsinniges Glücksempfinden.

Nun bist du ja gesund, Georg, murmelte er, und glücklich. Sag dirs,

Georg, daß du's weißt, daß du's behältst und nicht vergißt: glücklich,

ganz glücklich, und wenn du dich fragst, wem dankst du all dies,

Gesundheit, Freude, Arbeitskraft, Unermüdlichkeit --, alles, alles, dem

seltsamen, dem erstaunlichen Wesen, das dich in Liebe hüllt, wie -- wie

...

Sich zurückwerfend wieder, die Augen schließend, fühlte er sich

umschlossen von ihr mit einer noch nie so lauteren, so klaren Lust, die

ihn von ihr träumen ließ. Er sah sich am Spätnachmittag den Hügel zum

Hause hinansteigen, und dann erschien sie schon unter der kleinen

Vorhalle, entweder in köstlich phantastischen Kleidern oder meist ruhte

nur ihr dunkler, brauner Kopf über der mächtigen Glocke des ärmellosen

Mantels von schwarzer schwerer Seide, in dessen weitem Faltenwurf es

grünlich und bräunlich glänzte. Dann warf sie ihn auseinander, dann

stand sie darunter, eine schlanke, gerundete Leibesform in türkisblauem

Trikot, oder in feuerfarbenem, oder an den heißen Tagen in gar keinem

marmorweiß, -- ach, die Erstaunliche! Und es begann der Abend! begannen

die langen Stunden stiller Wanderung im Garten umher, in den

zierlichsten oder tiefsinnigsten Gesprächen, denn -- oh sie war

wandelbar wie die Natur selber durch Tages- und Jahreszeiten, sie blühte

morgendlich heiter, sie verschattete sich ernst, sie rauschte, leicht

windbewegt, sie konnte gewitterhaft flammen, und lächeln, lächeln immer

wieder, und nie erlosch am Grund ihres Wesens die reine Farbe, der tiefe

Glanz der Heiterkeit, aus der Zaubervögel ihres Lächelns in immer neuen

Flügen, einzeln und scharenweis, Süße und Himmelsinnigkeit herüber

trugen. Kam das Abendbrot, so fand es immer wo anders statt, nur bei

schlechtem oder kaltem Wetter im kleinen Eßzimmer, sonst auf dem

winzigen Viertelkreis des Balkons, auf der Plattform hinterm Hause oder

in irgendeinem Dickicht, an der Erde, und Hesekiel mußte rennen und

verlor zwanzigmal die Stelle aus dem Gedächtnis. Sie essen zu sehn, war

allein die Mahlzeit wert. Sie liebte es, mit aufgestützten Ellenbogen zu

sitzen, irgend etwas zwischen den Fingern, Brot, das sie zerbröckelte

und das nachher säuberlich aufgescharrt wurde für die Spatzen, plaudernd

unaufhörlich, zwischenhinein irgend etwas vertilgend, was kaum gesehen

verschwunden war. Oh sie war eine Schauspielerin, natürlich, das wußte

er ja, -- ach, von denen vielleicht eine, die im Leben alles und doch

nichts Rechtes können auf der Bühne, weil es ihrem Können -- vielleicht

am Letzten -- vielleicht nur an einem Tropfen richtigen Theaterbluts

fehlt, an der Wonne zu verkörpern, Fremdes darzustellen vor fremden

Augen; sie haben die Gabe, sich zu steigern, alles aus sich zutage zu

fördern, aber sie können sich nicht zu anderm vervielfältigen und

bleiben stets sie selber. Immer spielte sie ja, aber es war doch so, daß

diese Kunst ihr nur dienen durfte, Vorhandenes vollkommen zu gestalten,

ohne leeres Spiel zu sein, sondern Feuer nur und Schwung im treibenden

Rade des Herzens. Ihre Einfälle waren unzählbar, sie schien sich geladen

zu haben tagsüber mit Schnurren und Geschichten wie der vom Sternezahl,

sie holte eine Anekdote aus der Gießkanne und Legenden aus Bäumen und

Sternen. Dann kamen die Abende, in denen langsam die Liebesstunde sich

vorbereitete, in denen, je dunkler die Stunde, ihr Herz und ihr

befeuerter Geist um so höheres Leuchten begannen, und sie schöpfte das

Füllhorn ihrer Brust aus nach Weisheit und Gedichten aller Zeiten und

Sprachen, bis es stiller und stiller wurde, bis zuletzt immer der

gleiche Augenblick da war, in dem sie, dastehend allein, den Mantel von

sich gleiten ließ, ernst wie ein Gebilde ...

Die Nächte, oh diese Nächte! Den seltsamen Marmor ihrer Brust mit

tausend Küssen immer wieder zum Glühen zu bringen -- welch

unerschöpfliche Wonne! Dann war sie miteins zur lohen Fackel geworden,

und sie -- oh sie umtanzte seinen Leib mit flammendem Reigen ihrer

Liebkosungen und Umschlingungen, bis --

Georg setzte sich trunken auf, blinzelte geblendet, von innen und außen

glühend erhitzt, in das sprühende Gold und versuchte, inständig zu

denken: Hab ich nicht einmal behauptet, man liebte nicht im Augenblick

der Liebe? -- Ist das wahr? Sie -- ich liebe sie vielleicht nicht

einmal, nicht mit ganzem Dasein jedenfalls, oh -- es ist ja

gleichgültig, aber doch -- ich fühlte Liebe zu ihr auch in der äußersten

Verzückung; und wenn ich nun wahrhaftig liebte, müßte es nicht geschehn,

daß es aus der seelischen Glut auch in die leibliche Flamme überströmte

zu tieferem Lodern?

Er sank wieder zurück und lächelte. Arme Seele, ich liebe dich

wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du

Verzaubernde! -- Die Abendfahrten über Land fielen ihm ein, im

Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stücke

Landschaft, Haidhügel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie

Geschichten erfand, und wars nur eine trübsinnige Henne in einer

schmutzigen Kate, -- und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer

Herzlichkeit und Frische, die den härtesten Bauernschädel knackte, jeden

Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins

Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte

das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen

Brille, der Orgel auf dem Rücken, ins Gedächtnis kam, der sich am

Straßengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun

aufgeladen wurde in den königlichen Rücksitz allein, und wie sich dann

weiß Gott wie herausstellte, daß der Kerl sah! Herr du meines Lebens,

das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar

wie ein Windgott, und über die Brüstung mit geballten Fäusten auf die

Kanaille im Rücksitz loswetterte, und ich davonraste und plötzlich

anhielt, und sie über die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem

Wagen wie der exorzisierte Satan. -- Gott im Himmel, Georg, wann wirst

du jemals wieder so glücklich sein!

Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs,

Zeit zum Frühstück. Um sechs saß er doch sonst immer an der Arbeit.

Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei

Stunden Arbeit von zehn bis zwölf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit

bis Zwölf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der

Liebe ...

Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und

sich dehnend, daß es krachte, klomm er die Böschung wieder hinan, ein

wenig beschwert in der Brust, denn -- sagte er sich -- kann man ein

solches Kleinod jemals aus den Händen lassen? Eine Prinzessin von

solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich

nicht, welch ein Jammer!

Aber Renate. Renate mußte -- bei aller Hoheit gegen Fremde -- ihr doch

ähnlich sein, wenn -- wenn sie liebte. Nun, Renate -- es machte

Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines

Lebens. Jedenfalls aber -- -- noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam

-- der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate,

das stand fest.

Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hörte Georg bereits das

Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen

Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frühstückstisch vor den Leib geklemmt,

und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten äußerst

verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele

im Innern betrat, an der Tür des Badezimmers klopfte und den Kopf durch

den Spalt steckte. Natürlich, der Raum war undurchsichtig von

Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn über der eingelassenen

Wanne im Boden, und Georg unterließ nicht, ihr zum hundertsten Male

bedeutende Vorhaltungen zu machen.

»Ja, was willst denn überhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hörst, das ist

überhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich

komm gleich!«

»Ja, ich geh ja schon! Übrigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers

jetzt!«

»Na?«

»Es heißt: Gramvoll -- nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der

Wogen der Kühne.«

Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Ach, Georg, was bist du für

ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward --« sie bauschte die Worte

im Munde -- »ja, und wie heißt es im Griechischen? -- Viel -- im Meer --

litt er Schmerzen im Gemüt -- die allersimpelsten Worte, -- geh, mach,

daß d' weiter kimmst mit dein' Bombast, mit dein' Donner der Wogen!«

Georg klappte die Tür zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der

herüberflog, und stieg in äußerster Kümmernis über seine Dummheit ins

kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald

glückselig die Augen zufielen.

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 82 / 124 题