Renate schrieb in ihrem Zimmer am späten Abend:
»Hellwach wie ich bin, will ich gleich suchen, Einiges von diesem Abend
festzuhalten.
Nachmittags gegen sechs Uhr fuhr ich zu Irene hinaus (ich mußte es
einmal wagen; Saint-Georges versprach, auf Onkel achtzugeben, und es ist
nichts geschehn). Es war so warm, daß ich unterwegs das Verdeck
zurückschlagen ließ, und so war es schön, durch den weiten Frühling zu
fahren, zwischen den unendlichen, tiefgrünen, saatgrünen Flächen, auf
den Himmel zu, den weit fernen, bläulich weißen, goldgestreiften von der
tiefen Sonne, an den kleinen Gehöften vorüber, die stets schräg mit der
Stirnseite zur Straße stehn, unter Bäumen, kaum ergrünten. Einzelne
Primeln waren auf den Wiesen zu sehn, und alle Rinder waren schon
draußen, grasten fromm der untergehenden Sonne nach, oder standen still
an einer Planke, einem Graben, den sie im Vorsichhinweiden erreichten,
hörten mit Käuen auf und sahen nach dem schwarzen Ungetüm, in dem ich,
hoch sitzend, dahinrollte; lange Schatten warfen sie, wie alles umher.
Unterwegs griff ich noch Jason auf; mit einmal sah ich ihn ein paar
hundert Meter vor mir am Rande der weißen Straße dahinwandern, ein wenig
krumm und die Hände auf dem Rücken. So läuft er, dacht ich, um die ganze
Welt fürbaß in seinem schwarzen Anzug, da hielt auch schon der Wagen
neben ihm still, es war wie Zauberei, als ob er es befohlen und ihn mit
dem Rücken gesehn hätte, -- aber Reinhold, der ihn kannte, hielt
natürlich von selber. Dann saß er zufrieden in seiner Wagenecke, blickte
stolz umher und sagte: Der gute Mensch trifft immer Wagen, die ihn zu
schönen Orten tragen.
Wo er so lange gewesen sei, fragte ich ihn, denn ich hatte ihn beinah
drei Wochen nicht gesehn. In Schleswig, sagte er, bei der Familie des
Kreisphysikus Liegel, Odysseus Liegel, ja, so heiße er richtig. Eine
zahlreiche Familie sei das, vier Söhne, drei Töchter, Eltern, Großmutter
und Urgroßmutter, in einem kleinen Hause Alle beisammen, und sie
fürchteten sich samt und sonders vor spitzen Gegenständen, besonders die
Urgroßmutter, die könnte überhaupt nichts Spitzes sehn, ohne furchtbare
Zustände zu kriegen, bei den Andern sei es verschieden, der eine
reagiere nur auf Taschenmesser, ein andrer auf Nähnadeln, wieder eine
habe Angst vor Löffelstielen oder Hutnadeln, und sie ärgerten sich Alle
fortwährend gegenseitig damit, das heißt zum Spaß, sie meinten es nicht
böse, und nur der Vater freilich, der sei immun, auf den würde überhaupt
nicht geachtet. Eigentlich sei er wohl immer leise betrunken von
holländischem Likör, das dufte gar nicht so unangenehm, und meist sitze
er ja in seinem Zimmer oder machte Krankenbesuche, wo er dann immer
zwei, drei kleine Schnäpse trinke, das mache schon ein paar Dutzend am
Tag. Die Söhne aber seien große Kerle, blond und bärtig, der eine
Lloydoffizier, einer Kaufmann, und zwei Studenten; die hätten die ganze
Kraft der Familie an sich gerissen, gingen schallend umher und schubsten
alles beiseite; Gott sei Dank seien selten mehr als einer oder zwei
anwesend. Die Töchter seien alle Drei ein bischen welk und kümmerlich,
mit viel Heiratsplänen behangen und sehr arbeitsam. Ja, die Mutter sei
das Tüchtigste dieser Familie. Ganz klein sei sie, habe ein Gesicht wie
eine Backbirne und eine lahme Hüfte, oder eigentlich seien es zwei; kein
Mensch wisse, wie sie es eigentlich fertigbringe, zu gehn, sie gehe
aber, und zwar immer ganz schnell. Als sie alt genug gewesen war, zu
heiraten, hatte sie es darauf angelegt, diesen Odysseus Liegel zu
heiraten, und es gelang ihr auch. Darauf gründete sie ihm eine Praxis,
in der sie viele Jahre immer am Hungertuche her lebten; auch jetzt hänge
es noch immer in einer Ecke und verstaubte niemals gänzlich. Eines Tages
hatte sie von einer Freundin gehört, daß es in gewissen kleinen Städten
Stipendien, Legate gäbe, ausgesetzt von verstorbenen Wohltätern für
Knaben, in der Stadt geborene, um ihnen ein Studium zu ermöglichen, und
die brave Frau soll es fertigbekommen haben, durch Herumreisen in diesen
Städten zur Zeit, wenn sie ein Kind erwartete, dreien ihrer Söhne je ein
Legat zuzuschieben. Oh es sei eine ganz herrliche Familie, sagte Jason.
Die Mutter würde verherrlicht von Allen, sie wäre ganz ungeheuer geizig,
sie hatte immer nur einen einzigen Groschen auf der Tischkante liegen
sehn, und wenn man ihr etwas mitbrächte, dürfe man nie unterlassen, zu
sagen, was es koste, denn erst wenn sie das wisse, könnte sie sich
freun. Aber nur Kleinigkeiten dürften es sein. Was ist das? sagte sie
dann wohl, mit braunen Fingern und kurzsichtigen Augen zugreifend, eine
Banane? Oh herrlich! Was kost die? Zehn Pfennig. Nun sieh mal einer,
zehn Pfennig für solch eine herrliche Frucht. Und dann wollte jedes von
ihren zehn Kindern die Banane haben ... Zehn, Jason? -- Sie machten noch
für viel mehr Lärm, sagte er vergnüglich, du solltest sie einmal hören.
--
Auf dem Weg durch den Gemüsegarten kam uns die kleine Nora entgegen,
Dora Vehms Tochter, langsam und ernsthaft wie immer, nur mit den
vergrößerten Augen sich freuend, nicht im geringsten mich, sondern ganz
allein Jason unerschütterlich anblickend. Als der aber fragte: Wo ist
denn dein Vater? -- sagte sie mit ihrer tiefen, langsamen Stimme: Der
sitzt auf dem Klosett. -- Wie peinlich für ihn! sagte Jason, nun wollen
wir bloß nicht nach ihrer Mutter fragen. Da kam Irene, blond und
lieblich wie immer, uns auf dem Gartensteig entgegen, so entzückend
anzusehn, daß mir das Herz lachte: wie eine versehrte Blume, nämlich in
einer engen grünen Taille, Filetguipure am Halsausschnitt und den halben
Ärmeln, kleine Falten quer über der Brust und mit vier spitzen Schößen,
vorn, hinten und über den Hüften, gleich den grünen Kelchblättern einer
Blume, aus denen die große schwarze Tulpenglocke des seidenen Rockes
nach unten schwoll und abstand, -- und während so ihr Kleid und Körper
eine Blume darstellte, war es ihr ganz glühend rosiges und von Haar
goldenes Gesicht, das blühte. Sie erzählte, es sei gerade ein Freund
ihrer Schwägerin gekommen, ein Dr. Ägidi aus Stuttgart, Journalist, den
ihr Mann durch Doras Vermittelung für seine neue Zeitschrift gewonnen
habe. Da die Beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und jetzt in der
Halle saßen, gingen wir in die >Hecke< und trafen dort Georg, der im
Grase lag und mit Doras Pallu spielte. Eigentlich heißt er Paul, aber
das konnte er nicht sagen und taufte sich Pallu.
Wir aßen dann oben in Irenens Zimmer zu Abend, ein wenig eng in der Ecke
neben dem Kamin, zu eng vor allem, wie mir schien, für die Stimmung
unter uns. Irene war völlig geistesabwesend; sie hat es sich ja nun so
angewöhnt, sich zu erlauben, was ihr gefällt. Ich merkte aber, daß diese
Abgekehrtheit irgendwie mit ihrer Schwägerin und mit Dr. Ägidi
zusammenhängen mußte, die mir auch wieder heißer und röter schienen, als
selbst ein Wiedersehn nach zwei Jahren -- -- doch was geht das
eigentlich mich an? Ja, insofern wohl, als eben diese Stimmung auch mich
ergriff und mich, ängstlich, unsicher und sonderbar, wie ich Onkels
wegen an sich schon bin, mit dunklen Empfindungen bewegte. Es wäre
vielleicht noch sonderbarer gewesen ohne Jason, der wohl alles haargenau
wußte, freilich keine Miene verzog und keine Geste zeigte, sondern nur
viel sprach, in dieser unendlich hinfließenden Art, und so sehr jeden,
den er anblickt, mit Augen fesselnd, daß man selber zu reden glaubt, --
nun, ich werde das nie beschreiben können. Übrigens war Doras Mann nicht
anwesend; er hat ein Darmleiden, und zudem ist er noch lungenkrank und
schon halb auf dem Wege nach Arosa.
Schön, dunkel und funkelnd sah diese Dora aus (und übrigens in einer
prächtigen Tunika, die ich mir merken muß, aus einem dunkelblauen,
lockern Seidenstoff mit eingewebtem, gleichfarbigem Blumen- und
Rankenmuster, die sie über den Kopf gezogen hatte; braune Pelzstreifen
an den offenen Ärmeln und am Halsausschnitt). Ihre tägliche
Arbeitsleistung, von der Georg mir erzählte, ist ja erstaunlich. Ich
glaube wohl, sie möchte noch viel mehr Kinder haben. Ihr Mann sah auf
einer Photographie still, fremd, abgeschlossen aus; ein sehr zartes
Gesicht mit tiefen Augen, sehr spitzem Kinn und einem seltsam
übertriebenen dunklen Schnurrbart wie der Nietzsches, doch tiefer
hängend. -- Wenn ich sie ansehe, muß ich sie für eine schlechterdings
glückliche Frau halten. Aber ob sie nicht mich ebenfalls -- --? Was
wissen wir?
Ich wollte mir doch einiges von dem merken, was gesprochen wurde? Ach,
nein, die Geschichte, die Jason der kleinen Nora erzählte, als sie im
Bett lag, muß ich doch wieder zusammenbringen. Sie hieß, glaube ich: Der
liebe Gott und das kümmerliche Telephon, oder so ähnlich und fing an:
Prrrrr! machte das Telephon. Kruzitürken, sagte der liebe Gott und nahm
den Hörer auf, was ist denn das schon wieder! Hat man denn keinen
Augenblick Ruhe? -- Du, Onkel Jason, sagte Pallu von gegenüber her, der
liebe Gott flucht aber wüst. -- Türken, versicherte Jason, wären Heiden
und darum würden sie geflucht. Da hörte der liebe Gott ein kleines
Mädchen ganz unten auf der Erde ins Telephon piepen: Hier ist das
Knasterlein und hat so furchtbare Bauchschmerzen. (Das Knasterlein soll
zu allem gut sein in Jasons sämtlichen Geschichten.) Ha, da hat sie
Zwetschenkuchen gegessen, dachte der liebe Gott und sagte: Aber liebes
Kind, du mußt doch nun nicht bei jeder Kleinigkeit ... Sprechen Sie
noch? sagte das Fräulein am Amt. Pallu stellte sich auf den Kopf und
sagte: Kruzitürken, die kommt ümmer dazwischen, ümmer. -- Jawohl,
Fräulein, ich spreche noch, sagte der liebe Gott, -- ja, da hast du wohl
zu viel Zwetschenkuchen gegessen? -- Ja, sagte das Knasterlein. -- Ist
denn der Doktor schon dagewesen? -- Och, lieber Gott, mein Papa ist doch
selber Doktor! -- Hier entspann sich, glaube ich, ein großer Streit
zwischen Nora, ihrer Mutter und Jason wegen der ungenauen Kenntnis des
lieben Gottes, wobei er sich, fürcht ich, damit ausredete, der liebe
Gott habe das verwechselt. Also der Doktor war jedenfalls dagewesen, und
der liebe Gott war sehr erstaunt, was Knasterlein denn nun noch von ihm
wollte. Was zum Einschlafen, sagte es, es könnte doch nicht schlafen.
Das wollen wir gleich haben, sagte der liebe Gott und murmelte: Abadra,
kadrabra, maleborus, maleborus, widdewiddewitt fi--na--le! -- Sprechen
Sie noch? fragte das Amt. Scht! machte der liebe Gott und legte ganz
leise den Hörer hin, worauf sich denn Knasterlein in Nora verwandelte,
die sich mit tief ernstem Gehorsam umdrehte, die Decke bis an die Augen
zog und nach einem großen Seufzer und unerschütterlich auf Jason
gerichtetem Blick sich augenblicks einzuschlafen bemühte. -- --
Wovon sprachen wir noch beim Essen? Richtig, Jason, -- da er alle
Menschen kennt, so kannte er auch Ägidi, von irgendeiner Universität her
--, nein, zuerst war ja von Herzbruchs' Zeitschrift die Rede, von der
Sozialdemokratie und -- ich weiß nicht mehr, wie das so kam, --
jedenfalls äußerte Jason gleich eine Meinung, die dann zu einer ganzen
Rede wurde. Die Sozialdemokratie, sagte er, hätte zwei Fehler, und der
eine sei die mangelnde Schulbildung. Wenn ich zum Beispiel, fuhr er
munter fort, einen Reichstagsbericht lese, was fällt mir auf? Ein großer
Mangel an Lebensart, nicht etwa bei der Sozialdemokratie allein, nein,
bei den Angehörigen sämtlicher Parteien ganz gleichmäßig. Nun aber ist
die sozialdemokratische Partei die einzige, bei deren Vertretern dieser
Mangel sich auf den genannten, nämlich die fehlende Schulbildung
zurückschieben läßt, was denn jedenfalls fleißig von allen andern Seiten
geübt wird, und hinwieder kann man den andern Parteien bei gutem
Gewissen diesen Vorwurf nicht machen, da sie ja alle über eine ganz
vortreffliche Schulbildung verfügen. Also, sagte er, die
Sozialdemokraten hätten somit nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als
sich diese Schulbildung zu erwerben, womit sie ja gleichzeitig alle
übrigen Parteien auch an Lebensart übertreffen müßten, oder das
Gegenteil würde der eben aufgestellten und bewiesenen Behauptung vor den
Kopf stoßen, daß eben in der mangelnden Schulbildung ... Hier legte ihm
wohl Herzbruch die Hand auf den Arm und veranlaßte ihn wohlwollend, zu
dem zweiten Mangel überzugehn. Ja, das sei nun wieder ein Überfluß, fing
er frisch an, nämlich ein nicht hoch genug zu veranschlagender Überfluß
an Sanftmut. Drei Mittel nämlich, erklärte er, hätte die Internationale
an der Hand, um ihre Ziele durchzusetzen, ohne doch nur ein einziges zur
Anwendung zu bringen, nämlich erstens das ein wenig veraltete des
allgemeinen und gleichen Revolutionierens, mit Barrikaden, Kopfab und
allen Schikanen, aber, was ihn angehe, so schalte bei seiner angeborenen
Abneigung gegen alles Blutvergießen dieses Mittel für ihn aus. Das
nächste sei der Generalstreik natürlich, wogegen er wenig mehr
einzuwenden habe, als daß ihm das dritte Mittel besser gefalle, zudem
auch dem angedeuteten sanftmütigen Charakter dieses Menschenschlages am
meisten zu entsprechen scheine ... nämlich die passive Sabotage. --
Denkt euch, sagte er, einen nach dem andern von uns mit überredenden
Blicken ins Auge fassend, denkt, welche Zeit anbrechen würde. Passive
Sabotage ohne Generalstreik. Alle Arbeiter würden in der Arbeit bleiben,
und vielleicht sogar ein wenig Überstunden machen. Alsbald würden sich
die Erzeugnisse der Industrie und Waren aller Art in den Speichern, den
Fabriken und Silos häufen, sie bis zum Rande füllen und überquellen, und
die Lebensmittel würden zu erstaunlichen Preisen herabsteigen, ja
womöglich verschenkt werden, und man könnte sich wohl denken, daß
jemand, der ein Ei kaufen wolle, eine Dreschmaschine oder ein Karussell
als Zugabe erhielte. Und nun aber, bei allgemeiner Einigkeit und
Zufriedenheit, welche Stille in Stadt und Land! Vom festgesetzten
Uhrenschlage an verließ kein Schiff die Rheede, kein Brief den Kasten,
kein Telegramm den Drahtkorb des Beamten, kein Postwagen die Remise,
kein Eisenbahnzug den Bahnhof. Auf den von Automobilen, Geschäftsrädern,
Autobussen und Trambahnen herrlich leeren, breiten, befreiten Straßen
ergösse sich eine festlich gekleidete Menge, von deren heiteren
Antlitzen jede Spur des alten Hastens und Jagens miteins verschwunden
sei. Fröhliche Scharen von Post- und Telegraphenbeamten mit ihren
munteren, rotgestreiften Mützen veranstalteten singende Umzüge unter
Entfaltung ihrer schön gestickten Innungsfahnen, und die Straßenkehrer
hingen unter Absingung fröhlicher und patriotischer Lieder ihre Besen
und Gummirechen an den Kreuzen längst erloschener Laternen auf. Was sei
aber all dies gegen die wunderbare Stille draußen im ländlichen Land. Da
wandre sichs leicht, die mitgenommenen Butterstullen in die letzte
Zeitung eingeschlagen, auf der unverlierbaren Linie der mit sanftem
Grase überwachsenen Bahndämme, wo die Wärter vor ihren Häuschen mit Frau
und Tabakspfeife behaglich feierten, wo die Weichengestelle bald unter
üppig wucherndem Ginster verschwanden, die Schlagbäume und Signalmaste
schon vom weiten den munteren Wallern ihre bunten Fahnen von
Hopfenranken und blühenden Glyzinien entgegenschwenkten, während zu
beiden Seiten aller Straßen Eppich, Crimsonrosen, Bohnenblüte und
rankende Winde aus den Telegraphenstangen und ihren Drähten farbige
Triumphgirlanden, gleichsam über Nacht, geschaffen hätten; an den
Straßen übrigens, auf den die wieder hervorgeholten schönen alten
Planwagen, mit welchen die bäurische Bevölkerung die mühelosen
Erzeugnisse ihres Bodens zur Stadt führten, um sie gegen geringes
Entgelt einzutauschen, -- auf ihnen erzähle nur selten die bereits
überrankte und moosbewachsene Ruine eines Opel- oder Horchwagens vom
bestraften Frevelmut seines Besitzers, der ohne Mechaniker eine
verzweifelte Geschäftsreise zu unternehmen gewagt habe. Und schließlich,
da inzwischen auch die Arbeit aus Überfluß an allen Dingen eingestellt
sei, so hetze sich nunmehr niemand ab, als einzig an ihren
Schreibtischen die nimmermüden Erfinder, emsig bemüht, Ideen zu
entwickeln zur Ausnützung des Überflüssigen, also zum Beispiel ein
Verfahren, aus schlecht gewordenem Schweinefleisch gut sitzende Anzüge
zu verfertigen ...«
Mitternacht. Leichtfüßig erschreckte Renate der silberne Schlag der
kleinen Uhr hinter ihr im stillen Zimmer. Sie wandte sich halb, warf
einen Blick über ihre Schulter in die dämmrige Tiefe der Wände und
verhaltenen Möbel und schrieb weiter:
»Ich mußte mich umsehn, die Stille gewahren in diesem sanften Raum, in
diesem ganzen, schlafenden Hause. Ach, es tat wohl, einmal draußen,
einmal weit weg gewesen zu sein, im immer wieder zauberhaften
Menschenwald, wo auf den stillsten Lichtungen -- große Spinnen in den
Silberrädern ihrer Netze -- die Geschicke weben, ach, zum Heil oder
Unheil, ich wills nicht wissen, denn jedes, jedes, das weiß ich, ist
besser als nichts. Aber weiß ich denn, ob nicht das meine schon längst
über mir schwebt, mich zu umschlingen und zu binden, ob ich nicht längst
schon ergriffen vielleicht, gehalten und -- abgetan bin? Denn vom Himmel
-- wir wissen es doch -- vom Himmel stürzt kein jählichster Blitz, der
nicht in einem kleinen Korn auf Erden gesät und draus aufgegangen wäre,
und der Schlag, der heute das Haupt trifft, zu ihm war ausgeholt, als
noch unsre Mutter nicht von uns träumte.
Wacher und wacher sehe ich in die vergangenen Stunden zurück. Wieder um
den runden Tisch sehe ich uns sitzen, enge beisammen in der Ecke am
Kamin, sehe an der Hängelampe vorüber das tief und tiefere, seltsame
Blau der Dämmerung draußen, die nur im Vorfrühling so leuchtet, sehe die
bleichen Vorhänge sacht auffliegen und empfinde die leichten Atemstöße
des hereingeneigten Windes. Unsre beleuchteten Gesichter kann ich sehn,
das hübsche, schmale, blasse des Doktor Ägidi mit kleinem, kurzem und
schwarzem Schnurrbart, das selten aufsieht zu dem unaufhaltsam
plätschernden Jason; rechts von ihm das Doras, bräunlich, gerötet, mit
starken Brauen und feurigem Auge, und Herzbruchs Hornbrille daneben,
hinter der hervor er ab und an auf Irene oder sonst jemand einen
unbestimmt und halb abwesenden Blick schießt, und sein massives
Gelehrtengesicht kraust sich häufig und häufiger im verhohlenen Gähnen
zusammen; und dort Irenens ganz rosiges Gesicht, und dort das schlanke,
überaus ehrliche Georgs, der von Allen allein ganz bei der Sache
scheint, lacht und auf Jason schaut, während die Augen aller Übrigen
meist auf den Teller gesenkt sind. Herzbruch nur aus Müdigkeit, aber
Alle waren sie froh über Jasons Phantasmagorien, und als er schwieg,
lachten sie wohl ein wenig, waren aber dann sämtlich still. Auch mir
fiel nicht gleich etwas ein, ich vergaß die Übrigen, glaubte wohl im
weiten Lande draußen Fragmente von Jasons bunter Vision unterm Hauche
des Abends dahingleiten und entleuchten zu sehn, und ich weiß nicht
mehr, ob ich selber es war, die ihn nun fragte, er habe vorhin auch die
Ziele der Sozialdemokratie erwähnt, ob er nicht auch davon eine ähnliche
Rede halten möchte, aber er winkte ab. Nein, das will ich nicht, sagte
er, ich habe so schon Ägidis Neigung verscherzt, freilich aus
Mißverstand, da ich doch nicht seine Partei, sondern im Gegenteil die
Anwesenden ganz sanft verspottet habe. -- Wieso denn das? fragte Irene
laut und verständnislos, aber er sagte erst nach einer Weile, und
nachdem er eine ganze Sprotte gehäutet und zerlegt hatte, und mit einem
fast kalten Ernst auf einmal: Taucht nur immer euer allabendliches
Butterbrot in Tränenwasser vom Tartaros; es kommt einmal der Tag, wo die
es euch nicht gedenken werden, die unter Brückenbogen der Themse
schlafen, die in verfaulten Speichern ihre Kinder zur Welt bringen, die
zwischen Betten der Liebeskrankheit aufwachsen, und die, Stück für Stück
ihres ausgemergelten Leibes, zwischen den Zähnen der Maschine aufgezehrt
werden. Nicht gedenken werden sie es euch, daß ihre Seele zersprang wie
ein schlechter Topf, derweil ihr plaudertet von ihren Zielen. --
Irene fuhr rot, zornig und verlegen auf mit einem zerdrückten: Man kann
doch reden ... Wir andern schwiegen, Herzbruch brummte zustimmend, und
Dora und Ägidi -- -- sahen nach den Fenstern, als sähen sie sich an.
Es gebe ja aber andre Sachen in Hülle und Fülle, von denen zu reden
wäre, fing Jason wieder an, und wie wäre es zum Beispiel mit einem
Vortrag von Irene über den Vorzug des Einzelschlafzimmers vor dem
gemeinsamen? Statt des Tellers, wie sie gern gemocht hätte, warf sie ihm
nun ihre Serviette an den Kopf, sprang auf und stammelte, wir wären wohl
fertig mit Essen. -- --
Nun werde ich doch ein wenig müde. -- Aber ich will nun nicht aufhören,
ehe ich auch das Letzte von diesem Abend geschrieben habe, denn solange
ich schreibe, glänzen mir seine Farben noch reich; dann wird es wieder
für lange still und eintönig werden ...
Später war Jason auf einmal verschwunden, Herzbruch mit Ägidi im
Rauchzimmer nebenan, um sich geschäftlich mit ihm zu besprechen, Dora
hinunter zu ihrem Mann. Ich hatte am großen Vogelbauer der armen Esther
das übergehängte Tuch gelüftet, um darunter zu schaun, und sah, wieder
fortblickend, Irene unter den Blumenstöcken des breiten Fensters auf dem
schwarzen Roßhaarsofa sitzen. In ihrem ausgebreiteten schwarzen
Faltenrock, das heiße, rote Gesicht in die Hand gestützt, den Ellbogen
auf dem Knie, sah sie wieder so fein und lieblich aus, daß ich zu ihr
ging, ihr Gesicht in die Hände nahm und sagte: Du bist heut so unwirsch,
Irene! Sie sah mich verloren an, streifte meine Hände weg, ihren Rock
glatt und sagte endlich -- es klang recht komisch bei ihrer
Ernsthaftigkeit --: Es ist alles so symbolisch ... Ich antwortete
nichts, dachte, sie würde schon von selber anfangen, und setzte mich in
die Sofaecke. Richtig fing sie nach einer Weile an.
Am Nachmittag sei Ägidi gekommen. Eine halbe Stunde vorher, da sie
selber gerade auf der Treppe gewesen sei, habe sie ihre Schwägerin aus
der Stadt kommen hören und sei, um sie zu erschrecken, mit einem Schrei
ins Zimmer gesprungen, Dora sei aber ganz ruhig geblieben, denn sie habe
sie im Spiegel kommen sehn. -- Das fand ich schon so symbolisch, --
weißt du -- ich sagte es auch Dora --. Man sollte immer solch einen
Spiegel bei sich haben, -- alles trifft einen immer so schrecklich
unvorbereitet, -- ja, ich dachte das nun mal, und eine Zeit später, als
wir schon von ganz andern Sachen geredet hatten, sagte Dora, es sei viel
tüchtiger, unvorbereitet und doch beschirmt zu sein, den Panzer
zusammenzureißen im Augenblick, sagte sie, glaub ich. Ja, und nun -- --
gerade bevor du kamst -- Ägidi war ja nun da -- war ich so beim
Herumschlendern im Garten halb die Treppe der kleinen Vorhalle
hinaufgeraten, von wo man durchs Fenster in die große Halle sehn kann,
und da sah ich die Beiden. Dora saß, und er auf der Lehne ihres Stuhls
hielt ihre Hand, und so sprachen sie, und -- nun jedenfalls: es _war_
etwas in ihrer Haltung, das andere als -- ja. Du weißt wohl gar nicht,
-- sie waren Freunde, sonst nichts, ich weiß es bestimmt von Dora, die
nicht lügt, -- sie haben sich kaum einmal im Leben gesehn, aber
jahrelang in fast täglichen Briefen zusammen gelebt, und ob nun das
Wiedersehn, -- jedenfalls -- -- Irene brach hier ab, stand auf und
sagte: Einen Augenblick, bevor wir Alle zum Essen hinaufgingen, war ich
allein mit ihr. Ich hielts für aufrichtig, ihr zu sagen, daß ich sie
gesehn hatte, und: Was war denn das? fragte ich. Sie schwieg eine ganze
Weile, sagte dann sehr ernst: Ich glaube, -- das war unvorbereitet.
Sonst nichts, und das -- genügt ja wohl auch. --
Wie sie nun im Zimmer stand, die Hände gefaltet, nachdenklich und so
anmutig, war es wieder die alte Irene, die draußen am Zaun stand und
meine Orgel hörte und symbolische Träume träumte. -- Sie setzte sich
dann zu mir und fing an, von ihrer Schwägerin zu erzählen, was sie von
Otto Herzbruch gehört hatte, über ihre Verheiratung: daß niemand
begriffen habe, warum das reiche, kräftige, schöne Mädchen den
kränklichen, seltsamen, ein wenig kümmerlich scheinenden Mann genommen
habe, was er nun freilich nicht sei, vielmehr erfülle ihn eine ganz
unsägliche Güte, er sei der zarteste Arzt, und sicher beklagten es
Viele, daß er sich an den Tuberkulosebetten seiner Kassenpraxis
infiziert hatte. Doch durch mehrere Jahre hatte sie seine wiederholten
Anträge abgelehnt, schließlich mußte sie wohl doch einmal heiraten, es
war Zeit, das Mitleid mit ihm kam hinzu, und dann hatte sie ihn mit der
Zeit gewiß sehr liebgewonnen.
Warum aber, fragte Irene nun, warum glaubst du, ist ihr Leben so
angefüllt mit hundert guten, fleißigen, wertvollen Dingen, hundert
Dingen, die sie für sich allein, an denen ihr Mann keinen Teil hat! --
Irene nannte den Namen einer bekannten Arztfrau, die ihren Mann zuerst
mit Handreichungen, bei Narkosen, bei Mandeloperationen der Kinder und
dergleichen unterstützt, und die mit der Zeit so viel bei ihm gelernt
habe, daß sie nun selber ihr Examen gemacht und eine Frauenpraxis
ausübe. Keine Frau, sagte sie heftig, die Verstand hat und sich bemüht,
braucht eine Beschäftigung außerm Hause zu suchen, und jeder Mann
braucht und hat gern eine Hülfe, zumal an einer Frau, und zumal wenn sie
klug ist ...
Ich sagte kein Wort, wartete stillschweigend, daß sie selber stutzen und
sich sagen würde, wie sehr sie, _anti domum_, wie man wohl sagen kann,
gesprochen hatte, aber siehe da, mein Herz Irene merkte nicht das
geringste -- ja, wie sehr befangen in sich selber muß sie sein! --
sondern war zu Doras Kindern übergegangen, die in Wahrheit, trotz
Volksspeisungen und Gesang und Frauenverein, ihr tiefes und einziges
Glück seien. --
Nun fallen mir die Augen zu. Ein wenig später kam auch Dora, dann wurde
Irene schläfrig, und ich fuhr heim. Ägidi nahm ich mit in die Stadt,
doch sprachen wir nur über Literatur und dergleichen. Ein Zug in seinem
Gesicht schien mir -- nun was soll das? -- -- -- --«
Die Augen schließend und wieder öffnend, nahm Renate in diesem
Augenblick das kleine, auf seinem schmalen Halse wie eine zarte Blüte
vorgestreckte Antlitz von weißem Gips, über ihr auf seinem Pfeiler im
Winkel, wahr. Verzaubert, als sähe sie es zum ersten Mal, liebenden
Auges, fast schmerzlich geöffneten Mundes, nahm sie, ohne hinzusehn, die
Feder auf und schrieb, ohne hinzusehn, regellos über das Blatt, die
Lippen bewegend, weit offnen Herzens:
»Da aber gehst du wiederum über mir auf, schönes, ewiges weißes Antlitz
des Sonnenkönigs; da meines müde ruhen will, Ech-en-Aton, mein weiser
Freund, zeigst du mir das deine, emporgewendet unermüdlich zu dem
unermüdlichen Gestirn, das nur fortging zu fremden Völkern, nicht
unterging, um zu ruhn. Deine Tempel und deine Stadt, die du zum Dienst
der Sonne errichtest, sind lange, lange in ungestalteten Staub
zerfallen, du aber lebst immer, immer! Unerschöpflich deine unsterbliche
Seele glüht in unendlichen Verwandlungen, immer sehnsuchtsvoller nur,
immer eifriger nur, der einen, unaufhörlichen Flamme des Himmels zu, die
Ewigkeit kostet dein sehnsüchtig immer küssend gewölbter Mund, meine
Augen hängen an ihm, von selber findet die Feder ihren Weg, dein Antlitz
wandelt sich magisch in der tiefen Nacht, atmet nicht schon die samtige
Haut, rötet sie sich nicht unter der Berührung der gelben Strahlen?
Unbeweglich steht dein Auge, steht das Auge deiner Seele, ganz in
Flammen, ganz in Inbrunst, durch Jahrtausend um Jahrtausend,
unverrückbar, unverbrüchlich, selig, seliger, vor dem Ziel.«