Renate stand, den Rücken in eine Fensternische der Halle gelehnt, und
blickte in die gelben Lichtflammen des kleinen Baums auf dem
reichbeladenen Tisch, den sie für Saint-Georges' Bruder aufgebaut hatte.
Saint-Georges saß auf einem Stuhl daneben, ein Buch in der Hand, in dem
er blätterte. Sie schwiegen.
Renate dachte: Gleich werde ich anfangen zu weinen. Die Lichter
verschwammen vor ihren feuchtwerdenden Augen, unsägliche
Kindheitsstunden lösten sich aus dem Geruch von brennendem Wachs, Harz
und Nadeln. Ihre Stimme war heiser, als sie fragte: »Wie feiertest du,
-- wie feierten Sie eigentlich Weihnachten?«
Er sah nachdenklich auf und antwortete: »Gar nicht. Da wir keine Eltern
hatten, hatten wir auch kein Weihnachten.«
»Richtig,« sagte sie, sich ermannend, »es ist ja ein Familienfest.
Wollen Sie nun Ihren Bruder holen?«
Überdem wurden viele Schritte draußen hörbar, es klopfte, Köchin, die
Hausmädchen, Zofe, Diener, Gärtner, Chauffeur kamen verlegen herein,
knicksten und dienerten und wollten sich bedanken. Der Diener hielt eine
kleine Rede, in der er dem Hause »auch wieder frohe Tage wünschte, da
sie es alle so gut gehabt hätten«. Renate gab allen die Hand, dankte
ihnen für ihre Dienste und fragte, ob der junge Herr auch bei ihnen
gewesen sei. Ja, und er hätte sogar Punsch mit ihnen getrunken. Immerhin
schienen sie Alle froh, wieder verschwinden zu können. Eins der
Hausmädchen, verschmitzt, wünschte Renate persönlich beim Händedruck,
daß auch der junge Herr Josef bald wiederkommen möchte. -- Gleich darauf
rollte Saint-Georges seinen Bruder im Stuhl herein, schon hochrot im
Gesicht.
Und nun bekam er Gottfried Kellers sämtliche Werke, die er sich
gewünscht hatte, und Conrad Ferdinand Meyers sämtliche, von denen er
einmal zart wie von etwas unerreichbar Kostbarem gesprochen hatte, und
den schönen Till Eulenspiegel von de Coster, und den ganzen Strindberg,
und den ganzen Jakobsen und die Gedichte von Rilke und die Geschichten
vom lieben Gott und alle Novellen von Storm, o Gott, es schien überhaupt
nicht aufzuhören. Es kam dazu, daß er ganz laut krähte. Aber dann saß er
glühend still neben seinem Tisch und dem eichenen Regal, das diese
Herrlichkeiten enthielt, und versank darin. Renate, vor unsäglicher
Gerührtheit zitternd, wäre Saint-Georges gerne um den Hals gefallen, gab
ihm eine goldene Uhr im Armriemen und stammelte verzagt, er möchte auch
an sie denken. Bei seinem Gelächter fand sie sich wieder, konnte mit
Fassung sein Geschenk, nämlich eine Photographie von sich selber
entgegennehmen, die sie sich ausbedungen hatte, und als es jetzt wieder
klopfte und Bogner mit einer großen Kiste auf der Schulter erschien, in
der Tür stehn blieb und erstaunt sagte: »Guten Abend, Frau von Bernus!«
hatte sie sich so weit wieder, daß sie triumphierend die bloßen Arme
ausstrecken konnte und rufen: »Er hats gleich gesehn, und du hast nichts
gesehn!« (Aber mein Gott, dachte sie, ich verspreche mich bald
fortwährend!)
»Was denn?« fragte Saint-Georges. -- Bogner setzte geschickt seine Kiste
ab wie ein Dienstmann. -- Sie trat vor Saint-Georges, ließ den breiten
Umhang von Blaufuchs von den nackten Schultern gleiten, zeigte ihm die
spitze Schneppe der Taille vorn, strich die grauen Falten ihres
mächtigen Seidenrocks weit auseinander und schüttelte den Kopf, um ihm
die Frisur von Zöpfen zu zeigen, die vorn vor den Ohren in Schleifen
herunterhingen.
Ja, aber er kennte Frau von Bernus doch gar nicht.
Bogner erklärte, es sei ein Porträt von ihr von dem Maler Veit in der
Jahrhundertausstellung gewesen, und Renate sei ihr tatsächlich ein wenig
ähnlich, wenn auch im Entferntesten nicht so süß.
»Und meine Hakennase!« schrie Renate. »Nein, denkt euch, nun muß ich
euch was erzählen. Die Kiste mach ich nachher auf, Bogner, ich darf
doch? Also ich wollte doch Erasmus etwas zu Weihnachten schenken. Da
ging ich in sein Zimmer, um nachzusehn, was er wohl brauchen könnte.
Aber da sahs aus! Ein Wust von Sachen, alle Stühle waren hochauf beladen
mit Stapeln von technischen Zeitschriften, aber dann hab ich eine
merkwürdige Entdeckung gemacht. Über seinem Bett an der Wand hing an
einem eisernen Krampen und Schnüren ein ganz windschiefes Bücherbrett,
drei Stockwerke, und darauf standen die sämtlichen Werke von Jean Paul,
Balzac, Dickens und Dostojewsky, diesen ausgenommen in der Ursprache.
Und auf dem Nachtkasten, offen mit dem Rücken nach oben, lag der Komet
von Jean Paul. Hättet ihr das von ihm gedacht? Nun hab ich ihm ein
festes Gestell machen lassen, und da die Bücher alle grausam
zerfleddert, auch die Ausgaben sehr gewöhnlich waren, hab ich ihm alle
neu gekauft, und schließlich die ganzen Zeitschriften in das große Regal
nach Nummern geordnet, ja, das war eine Arbeit!«
Bogner sagte nachdenklich, den Erasmus kenne keiner, worauf er sich
verabschiedete. In der Tür begegnete ihm der Diener, durch den Erasmus
das gnädige Fräulein und die Herren Saint-Georges bitten ließ, mit ihm
zu speisen. Renate staunte.
Das Speisezimmer war leer, als sie es betraten. Auf Renates Teller lag
ein Strauß samtschwarzer Rosen, darunter ein Lederetui, in dem sie unter
einer Karte mit einem Glückwunsch von Erasmus' Hand eine mehr als
talergroße Scheibe von dunkelbraunem, stumpfem und rauhem Bernstein
fand, die an einer dünnen Goldkette hing, eingefaßt in einen Kranz
kleiner Perlen. Darüber entstand eine kleine Wirrnis in ihr. Welche
Anstrengung der Phantasie für seinen mühseligen Geist! So also
beschäftigte er sich mit ihr?
»Georges,« sagte sie -- denn sie mußte sich herauswinden -- »haben Sie
ihm dabei geholfen?« Er gestand es.
Da sie nun den Schmuck um den Hals hängen wollte, erwies sich die Kette
nicht lang genug, daß die Scheibe auf ihrer Brust aufliegen konnte.
Saint-Georges nahm sie aus ihrer Hand und legte sie um ihr Haar, so daß
die Bernsteinplatte vor ihrer Stirne hing. Sie trat vor den Spiegel. Ja,
sie war ein Wunder an Schönheit. Überdem liefen ihr die Tränen aus den
Augen, sie stürzte aus dem Zimmer, an Erasmus vorüber, ohne ihm mehr als
einen furchtsamen und hastig versüßten Blick zuzuwerfen, die Treppe
hinunter und hielt vor der Tür ihres Onkels inne. Sie öffnete lautlos,
glitt hinein. Im Dunkel waren Kopf und Oberkörper des alten Mannes, hell
genug beleuchtet vom einfallenden Schein der entfernten Straßenlaterne
draußen; so saß er am Fenster; an der Decke über ihm hing der
Schlagschatten des Fensterkreuzes, verzerrt. Als sie die Hand leise auf
seine im Schoß gefalteten Hände legte, blickte er auf und lächelte
gütig, ließ es sich auch gefallen, daß sie seinen Kopf an ihre Brust
legte, aber nach einer Weile merkte sie das Widerstreben seiner
Kopfhaltung, ließ die Hände fallen, trat von ihm fort, zerrte an ihrem
Taschentuch, raffte den Pelzumhang zusammen, faßte und hob ihr Kleid
überm Knie und glitt leise hinaus.
Wie lange Zeit vergangen war, wußte sie nicht, da sie sich am Fenster
der dunklen Halle fand, hinter sich die Stimme des Dieners vorwurfsvoll
vernehmend, es sei doch aber schon lange angerichtet. Auch was sie
gedacht und empfunden in diesen Minuten, suchte sie vergebens in sich,
als sie, wieder im Speisezimmer, verdunkelten Auges auf Erasmus zuging,
der vor seinem Teller stand, ihm die Hände auf die Schultern legte und
ihn zwang, mit den Augen den ihren standzuhalten.
»Ich danke dir auch«, sagte sie heftig atmend. Ihre Brust wogte. Da
merkte sie, daß sie nicht seinetwegen zu ihm gegangen war, sondern um
jemand zu haben, an dessen Schulter sie einmal diesen nie gebeugten Hals
ausruhen könne, und nun erschrak sie: Was tu ich denn! was mach ich aus
ihm? ich werde ihn verrückt machen. Sie glitt hastig mit den Händen an
seinen Armen herunter, drückte ihm die Hände und sagte irgend etwas
Muntres. Später bemerkte sie die ungemeine, fast gewandte Gesprächigkeit
des Erasmus, redete ihn auf ihr Geschenk an und hörte seine beinah
launischen Vorwürfe, daß ihr Erscheinen vorhin ihn nicht zum Danken habe
kommen lassen. Als sie nun ihre Verwunderung über seine schöne
Autorensammlung äußerte, meinte er kurz -- es war deutlich, daß er
sofort alles Verdienst ablehnen wollte --, Josef habe er das zu danken.
Er, Erasmus, sei der Meinung gewesen, daß ein gebildeter Mensch eine
gewisse geistige Nahrung brauche, und habe Josef gefragt, ob es nicht in
jedem Lande ein Dichtergewächs gebe, das so quasi die besten
Möglichkeiten seines Bodens und Klimas in sich entfaltete, so daß man
also mit dreien oder vieren der Art alle gute Nahrung beisammen hätte,
und er habe sich denn auf Rußland, das ein schönes, breites Land sei,
England, Frankreich und Deutschland beschränken wollen, was Josef einen
sehr ordentlichen Gedanken genannt habe, nur schien er gemeint zu haben,
daß Deutschland noch um ein Stück breiter sei als Rußland, und da sei
die Auswahl schwer. »Da ich nun Goethe ablehnte, denn den hatten wir ja
auf der Schule, so nannte er mir Jean Paul.«
Denn den hatten wir auf der Schule, dachte Renate, wie ist das nun
wieder kümmerlich und traurig.
»Also will ich den nehmen, sagte ich«, fuhr Erasmus fort. »Der wird dir
aber zu schaffen machen, sagte Josef.«
Renate, die den Namen seit einer Ewigkeit nicht gehört zu haben glaubte,
staunte noch mehr darüber, daß er sich so leicht hinsagen ließ wie
Hamburg oder Wettrennen.
Erasmus sagte weiter, er könnte ja nur abends vor dem Schlafengehn
zwanzig oder dreißig Seiten lesen, aber er hoffte doch, vor seinem Tode
noch fertig zu werden. -- Welch eine tiefe, dröhnende Stimme er doch
hatte! -- Wer ihm denn der liebste von den Vieren sei, fragte sie, um
noch einen kleinen Schlüssel zu ihm zu erlangen.
»Chuzzlewitt,« sagte er mit grausiger Aussprache, und Renate hörte ihn
wieder »Schang Pol« sagen; Jean Paul freilich, dachte sie, würde sich
noch im Grabe freuen, wenn er sich ausgesprochen hörte, wie er wollte.
--
Unterweil verbesserte sich der Erasmus und nannte Dickens. Der sei so
komisch. -- Er lachte gleich: »Ha ha, ha!« Ja, manchmal nachts im Bette
könnte er sich totlachen über Sam Weller, und wenn Mister Micawber
sagte: ... kurz! -- »Dabei«, setzte er mit einem Anflug von Ehrfurcht
hinzu, »ist der Chuzzlewitt für mich viel grausiger als der ganze
Dostojewsky.« Saint-Georges könne ihm vielleicht sagen warum.
»Weil«, sagte Saint-Georges, »die Menschen des Dostojewsky, wie auch die
Balzacs, sich noch gebärden. Weil sie Leidenschaften haben, die immer
noch den Schein einer wenn auch dämonischen Freiwilligkeit erzeugen, und
weil sie diesen Leidenschaften nachgeben, weil sie sich peitschen lassen
und selber peitschen, sich beugen und zerbrechen, rasen, stammeln,
schluchzen und klagen. Vor allem klagen. Wir sehn dann die Gebärde, aus
der die seelische Glut wie Rauch und Flammen hervorschlägt, und das
empfinden dann Sie wohl wie -- Erleichterung. Bei Dickens aber ist das
Leid, wie soll ich sagen -- krötenhaft; hockt da, funkelt bösäugig, und
es ist ja alles komisch. Drinnen aber hockt die sich quälende Kreatur,
stumm, boshaft, verhärtet. Denken Sie mal an Peckskniff. Ein furchtbarer
Schurke, der sich für einen Engel hält, aufrichtig. Es läßt sich gar
nicht ausdrücken, diese Art, nur Gemeinheiten zu begehn im Schein, in
der Form edelsinniger Taten. So kreuzen sich fortwährend die Gebärden,
die boshafte der inneren Gemeinheit und die sich in die Brust werfende
der scheinbaren Hochherzigkeit.«
»Chuzzlewitt«, sagte Erasmus langsam, mit der Fingerspitze auf dem
leeren Salatteller kreisend, »kommt mir vor, als müsse er sich immer
heimlich die Hände an den Hosen wischen, damit nicht das Gift aus den
Fingerspitzen herunterläuft.«
»Und Raskolnikoff und der Jüngling lecken ihre Fingerspitzen mit
Wollust«, schloß Saint-Georges. Sie schwiegen nun.
Renate hörte die Männer sprechen, ohne etwas zu verstehn. Sie sah den
Erasmus, wie er im Bett lag, das ihr viel zu schmal und kurz für ihn
erschienen war, unter den Bücherreihn an der Wand, das Haar gesträubt um
den schweren Schädel, lesend und laut vor sich hinlachend. An seiner
Statt erschien ihr der Onkel, in seinem dunklen Zimmer, im
Laternenlicht, von Einsamkeit überwölbt dieser wie jener, und hier saßen
sie zusammen, nanntens Gemeinsamkeit. Sie begriff nicht, wie all dies in
einem Hause sein konnte. Nun wurde wieder der Tisch vor ihr sichtbar,
rund, blumengeschmückt, mit silbernen Armleuchtern und stillen
Kerzenflammen; ringsum die Gesichter, Saint-Georges gegenüber, gut,
ernst und still, das rosige Knabenantlitz seines Bruders mit dem spitzen
Kinn, den großen, flachen Augen, und links das überhängende des Erasmus,
mit gesenkten Augenlidern unter der gebuckelten Stirn, und dann sah sie
diese und sich selbst, die ganze, stille Gesellschaft fern drüben im
Spiegel, die Lichter, die Dämmerung umher. Eine tiefe Stimme sagte
etwas, sie schrak auf, da eine Hand von rückwärts an ihr vorüber nach
ihrem Teller griff, der darin fortschwebte; alsbald versank wieder
alles, und ein wenig später sah sie sich im Spiegel drüben aufstehn; sie
hob die Tafel auf. Nachdem sie den Gelähmten selbst ins Rauchzimmer
geschoben hatte, ging sie in die Halle hinunter und machte Licht.
Die flache Kiste war mit Drahtstiften so leicht verschlossen, daß sich
der Deckel mit kleiner Mühe hochbiegen ließ. Sie holte ein Bild in einem
dunkelsilbernen Rahmen heraus, lehnte es gegen den Tisch und sah, daß
sie selber es war: auf einem Grunde von dunklem Rot, im unteren, linken
Viertel des Bildes ihr Gesicht, nach links blickend, im Profil, sehr
zart, vergehend, scheinbar in einer Dämmerung schwebend wie eine
Erscheinung; rechts oben in einer fensterartigen Öffnung war eine ferne
Landschaft, sonnig, ein Birkenweg zwischen Wiesen, bräunlich, rötlich,
und ganz wenig tiefblauer Himmel; die Farben ihrer Augen, ihres Haars,
ihres Mundes, die in dem gemalten Gesicht kaum angedeutet waren,
leuchteten deutlich dort oben.
Ja, dies war doch ein Traum von ihr, von ferne gesehn und geträumt, und
vielleicht, wenn es früher gekommen wäre -- -- ja, was dann? Es waren
doch wohl nur Vorstellungen malerischer Art, die sie ihm erregt hatte.
Seltsam fröstelnd stand sie vor dem Bild. Wie alt bin ich eigentlich?
schoß es plötzlich durch sie hin, aber sie konnte die Zahl nicht finden,
war es achtzehn, neunzehn oder zwanzig? Ungeduldig machte sie sich von
alldem los, legte das Bild in seine Kiste, den Deckel darauf und ging
nach oben.
Durch die offene Tür zum Rauchzimmer fiel Licht in die vordere Hälfte
des Speisezimmers; im hohen Spiegel konnte sie ein Stück des
Ledersessels sehn, in dem Saint-Georges saß, seine Unterschenkel und den
Kopf, den er in die Hand gestützt hatte; den Erasmus hörte sie reden;
Tabaksschwaden zogen in der Luft unter der elektrischen Krone.
Auf einmal brannten vor ihren Augen alle Lichterbäume der Stadt, sie
hörte Gejubel, Klavierspiel und Kinderlieder, dann das wirkliche Getön
ferner Glocken. Und da war der letzte Christabend mit ihrem Vater, mit
bescheidenen alten Männerchen und Weiberchen, Kinderchorgesang im
Schlackerschnee und der väterlichen Stimme, die den Weihnachtstext
auslegte. Da war der erste Weihnachtsabend in diesem Haus, mit einem
Berg glitzernder Geschenke, mit dem Gelächter des Onkels, des Erasmus
Gefräßigkeit in Marzipan und Spekulatius, mit Josefs Eleganz, mit den
Gedanken an Magda und mit Bogners Brief im Kleid auf der Brust. Sie
machte eine unwillkürliche Bewegung nach dem Halse und merkte ihren
Irrtum: Bogners Brief war erst am zweiten Feiertage gekommen. Die
absonderlichen Weihnachtstage, die er beschrieben hatte ... Seltsam, daß
sein Weg doch in diesem Hause begonnen hatte ...
Sie fing an, die Hände auf dem Rücken im Zimmer hin und her zu gehn,
lautlos auf dem Teppich, nur ihr Kleid knisterte und rauschte, wenn sie
sich drehte. Wenn, dachte sie stillstehend, einmal nach mir das
Schicksal die Hand ausstrecken wird, so werde ich erkennen, daß seine
Füße -- vielleicht in dieser Stunde stehn, vielleicht in der
glücklichsten früher. Furchtbar finster war es umher. Wo mochte Sigurd
nun sein? Käme doch Jason! Alle waren fortgegangen. Saint-Georges wußte
jede ihrer Fragen zu beantworten, aber er stand ihr nicht bei. Nicht
bei? Ja, bei was denn? Was quält mich? Wie alt bin ich? Wen erwarte ich?
Was fehlt mir? Tue ich zu wenig? Oh was sagte doch Saint-Georges einmal
von der Sonnenblume? Nein, war es das? Vor ihren Augen brannte wohl kein
Licht, in das sich zu verwandeln ihr Herz sich verzehrte. Wie lebten
denn Andre? Schiffe gingen unter, es gab Hunderte von Toten,
Bergwerkszechen explodierten, und es gab Hunderte Toter, Eisenbahnzüge
stürzten um, -- ja, verlange ich nach solchem Geschehn? Wie leben Andre?
In Armut, in Lastern, in Qual jahraus, jahrein, hülflos verstrickt in
Unrettbarkeit, unerbittlich erniedrigt. Aber -- Frauen hatten doch
Männer und Männer Frauen, auch Kinder; Bogner hatte sein Werk, sie hatte
nichts als sich, und Josefs Stimme sagte grandios, wie am Abschiedstage
vor einem halben Jahr: Was brauchst du eine Seele? Niemand sieht sie.
Und er sagte noch etwas von einer goldenen Bluse, die sie trug. -- Sie
schritt aufgeregter auf und nieder. -- Es ist so still! klagte sie
furchtsam. Lebe ich? träume ich? Weihnachten ist, -- wem schenke ich
was? Wen liebe ich? Alle und keinen. Warum ist niemand da? Oh --
Zärtlichkeit! -- So geriet sie in die Tür zum Nebenzimmer. Erasmus stand
am Schreibtisch und sagte, er habe ihr gerade Gute Nacht sagen wollen;
es sei noch zu arbeiten, die Neujahrsabschlüsse ...
Wiederum war sie vor ihn hingestellt. Ganz laut -- obgleich sie schwieg
-- hörte sie sich sagen: Wie wäre es, Erasmus, wenn du mich heiratetest?
und sah ihn zurücktaumeln. Jetzt war etwas geschehn. Sie stand gerade
und aufrecht, dachte noch: Einen Stoß, -- so! -- einen Stoß habe ich
versetzt! -- und währenddem war nichts geschehn; sie sagte währenddem
irgendwelche freundliche Worte, die nichts galten. Sie fühlte seine
Hand, ließ ihn, tiefer ins Zimmer tretend, an sich vorüber, wandte sich
dann und sagte: »Erasmus ...«
»Ja, -- ist noch etwas?« fragte er stehen bleibend.
Er liebt mich ja viel zu sehr, dachte sie klar, und muß allein bleiben.
»Hab auch Dank für den Abend«, sagte sie und ließ den Kopf sinken. Er
murmelte etwas und ging.
Am Kamin saßen Saint-Georges und sein Bruder, sahn in die Flammen. Da
faßte sie hundert verworrener Fragen in eine zusammen, trat zu dem
Gelähmten und fragte, seinen Kopf fassend, schlicht zu seinem Bruder
hinüber: »Georges, lieber Freund, was fehlt mir?«
»Kinder,« sagte er, ohne sich zu bedenken, »es ist Weihnachten.«
»Ach so, deswegen ... Ja, da kannst du recht haben.«
Schon wieder versprochen! Oh ich will ihm eine Freude machen, dachte sie
mit Heftigkeit, streckte die Hand aus und fragte bestrickend: »Möchtest
du nicht du zu mir sagen?«
Er stand langsam auf, ergriff ihre Hand, küßte sie und sagte
schlechtweg: »Wie du befiehlst.«
Jetzt aber fiel alles von ihr ab, sie stampfte mit dem Fuß auf und
schrie: »Georges!« Aber dann, in plötzlicher Sanftmut zerschmelzend,
legte sie die Hände zusammen, trat dicht vor ihn und flehte: »Georges,
lieber Freund, bitte, was ist mir?«
Er erfaßte ihr linkes Handgelenk, blickte mit tiefer Freundlichkeit in
ihre Augen und sagte langsam und sicher: »Nichts ist dir, Renate, gar
nichts.«
»Ja, ja,« nickte sie seltsam erleichtert, »es ist ein Übergang, nicht
wahr?«
»Jawohl, ein Übergang«, bestätigte er lächelnd. -- Sie seufzte: »Dann
ist es gut. Kommt, dann wollen wir noch etwas Schönes lesen, die Leiden
eines Knaben, von Conrad Ferdinand, nicht?«
Sie nickte dem Gelähmten zu und ging in die Halle hinunter, das Buch zu
holen.