Mein liebes Herz:
Du sollst nun hören, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht
geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurückgekommen; er war nicht zu
erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weißhaarig,
mit weißen Bartsprossen am Kinn, gebückt und schlottrig, und verzog sein
Gesicht zu einem abwesenden Höflichkeitslächeln. Dann ging er an mir
vorüber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengeländer, mir wars,
als wär ich aus Kalk. Ich weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich
wagte, ihm nachzugehn. Er saß in einem Sessel und schien aus dem Fenster
zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, -- ich weiß es
nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu
begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem.
Die Speisen kommen meist unberührt zurück. Milch trank er gern; soviel
er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Köchin ihn einmal aus der
Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch
bemerkte, lasse ich immer eine größere Menge auf seinem Zimmer sein; das
bildet nun, mit etwas weißem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich
ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurück am Fenster stehn sah,
lächelte er noch und grüßte mich, aber auf eine so fremde und
unterwürfige Art, -- mich schaudert noch; aber später verlor er mich
scheinbar aus dem Gedächtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter
ist, geht er in den Garten und fängt an, den Rasenplatz zu umkreisen,
die Hände auf dem Rücken, eine Stunde und länger. Nun laure ich jedesmal
auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhängen. Der
Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz würdig aus, sein Gesicht
ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und
der Bart fängt dicht darunter an. Natürlich habe ich ihn von Doktor Pahl
beobachten lassen; der meinte, er müsse einen Schlaganfall erlitten
haben; ich erzählte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor
seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee,
und was hilft uns das?
Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte
er, wäre sein Vater nicht so geworden.
Ich klage nicht, Magda. Ich weiß nicht, wieviel hiervon mein Verschulden
ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich früher viel zu
wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wäre, hundertmal mehr, daß ich
etwas _hätte_, daß ich leiden müßte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt
und macht nur müde.
Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich groß und
stolz und voll guter Lehren.
Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und
wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelähmte seinen Bruder nicht
entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt
hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest
in sieben Büchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelähmte im Haus.
Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so
viel Arbeit, daß sie viel allein ist: vorläufig trägt sie's mit
Munterkeit. Ulrika gab ein schönes Konzert; sie ist viel in andern
Städten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschüttelnden Jason zu treffen,
ich weiß nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder
Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl übernatürliche Fähigkeiten.
Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch
Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so
nachdrückliches Verbot der Lektüre seines Werkes fand, es sei denn, man
hätte die sämtlichen Philosophen vor ihm gelesen, daß ich -- unter
Saint-Georges' Anleitung -- von vorn angefangen habe.
Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Tränen im Halse, und die
Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.
Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht
drin: »Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und
lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß,
ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals
bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste
gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die
Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden
sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der
Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als
hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von
Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.« Mir zur Strafe hab
ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem,
so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man
ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik
bald komisch erscheinen. -- Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so
fremd wie -- -- ach, was wissen wir voneinander!
Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören,
wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in
dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch
einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das
Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend
der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und
dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch
seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und
vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und
die erschütternde Verzweiflung.
Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese
Zeit der Windstille im Jahr, -- ich vergaß das Wort. Er, gleich
verstehend wie stets -- ja, wenn ich ihn nicht hätte! -- sagte: Wenn der
Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. -- Dann,
sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel
Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein
Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. -- Ja, wer weiß
denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen
unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.
Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich
ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer
Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal
schickte:
Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand
Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt,
Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...
Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es
mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, -- schloß es
nicht so? Genug. Leb innig wohl!