Altenrepen, am 23. Dezember

Mein liebes Herz:

Du sollst nun hören, weshalb ich Dir einen ganzen Monat fast nicht

geschrieben habe. Onkel ist am 2. zurückgekommen; er war nicht zu

erkennen. Im Treppenhaus sah ich einen alten Mann; er war weißhaarig,

mit weißen Bartsprossen am Kinn, gebückt und schlottrig, und verzog sein

Gesicht zu einem abwesenden Höflichkeitslächeln. Dann ging er an mir

vorüber zu seinem Zimmer. Ja, da hing ich am Treppengeländer, mir wars,

als wär ich aus Kalk. Ich weiß nicht, wie lange Zeit verging, bis ich

wagte, ihm nachzugehn. Er saß in einem Sessel und schien aus dem Fenster

zu sehn, antwortete auf nichts. Wie er hergefunden hat, -- ich weiß es

nicht. Ich umschlang ihn und weinte, aber er schien es nicht so recht zu

begreifen; schien nur ungeduldig, mich los zu sein. So ist er seitdem.

Die Speisen kommen meist unberührt zurück. Milch trank er gern; soviel

er bekam, trank er immer aus, und nachdem die Köchin ihn einmal aus der

Speisekammer hat kommen sehn und hinterdrein eine Verminderung der Milch

bemerkte, lasse ich immer eine größere Menge auf seinem Zimmer sein; das

bildet nun, mit etwas weißem Brot, seine Nahrung. Im Anfang, wenn ich

ihn auf meinem Weg zur Kapelle oder zurück am Fenster stehn sah,

lächelte er noch und grüßte mich, aber auf eine so fremde und

unterwürfige Art, -- mich schaudert noch; aber später verlor er mich

scheinbar aus dem Gedächtnis. Jeden Mittag, gleichviel wie das Wetter

ist, geht er in den Garten und fängt an, den Rasenplatz zu umkreisen,

die Hände auf dem Rücken, eine Stunde und länger. Nun laure ich jedesmal

auf seinen Schritt im Treppenhaus, um ihm einen Mantel umzuhängen. Der

Bart ist ihm lang gewachsen, er sieht nun ganz würdig aus, sein Gesicht

ist sonderbar rosig geblieben, die Augen scheinen nun viel dunkler, und

der Bart fängt dicht darunter an. Natürlich habe ich ihn von Doktor Pahl

beobachten lassen; der meinte, er müsse einen Schlaganfall erlitten

haben; ich erzählte ihm alles, von Josef und auch das andre, was er vor

seiner Reise mit mir sprach, und der Doktor sagte etwas von fixer Idee,

und was hilft uns das?

Einmal sprach ich mit Erasmus. Der sagte wenig. Um seinetwillen, sagte

er, wäre sein Vater nicht so geworden.

Ich klage nicht, Magda. Ich weiß nicht, wieviel hiervon mein Verschulden

ist. Ich habe ihn allein reisen lassen, ich habe mich früher viel zu

wenig um ihn gesorgt, o wenn es doch mehr wäre, hundertmal mehr, daß ich

etwas _hätte_, daß ich leiden müßte, leiden! Nun ist alles so unbestimmt

und macht nur müde.

Denkst Du auch wohl an heute vor einem Jahr? Ja, da war ich groß und

stolz und voll guter Lehren.

Wie ich sonst lebe? Das Haus verlasse ich kaum. Saint-Georges kommt, und

wir arbeiten hier zusammen. Damit der Gelähmte seinen Bruder nicht

entbehrt, habe ich ihm ein Zimmer zurechtmachen lassen, und er wohnt

hier. Das ist er recht zufrieden, sitzt behaglich am Fenster und liest

in sieben Büchern auf einmal. Nun hab ich zwei Gelähmte im Haus.

Irene kommt sehr oft, hat Dir auch wohl geschrieben. Ihr Mann hat so

viel Arbeit, daß sie viel allein ist: vorläufig trägt sie's mit

Munterkeit. Ulrika gab ein schönes Konzert; sie ist viel in andern

Städten. Sie behauptet, jedesmal den kopfschüttelnden Jason zu treffen,

ich weiß nicht, wie sie das macht, da ich ihn auch mindestens in jeder

Woche zu sehn bekomme, aber er hat ja wohl übernatürliche Fähigkeiten.

Ich lese viel. Philosophie ist kein Trost, aber haltbar; ich kam durch

Zufall dazu, da ich Schopenhauer aufschlug und in der Vorrede ein so

nachdrückliches Verbot der Lektüre seines Werkes fand, es sei denn, man

hätte die sämtlichen Philosophen vor ihm gelesen, daß ich -- unter

Saint-Georges' Anleitung -- von vorn angefangen habe.

Dies ist ein schlechter Brief. Mir stehn die Tränen im Halse, und die

Feder in der Hand will nach jedem Wort stillstehn.

Eben öffne ich in Gedanken den letzten Brief von Ulrika. Folgendes steht

drin: »Mir fällt gerade ein, wie ich Dich neulich dasitzen sah und

lesen, in Deinem grünen Kleid neben der Schirmlampe, das Buch im Schoß,

ein Bild der Nachdenklichkeit. Jetzt weiß ich, wem ich Dich damals

bewußt verglich; ich dachte, Du seist Pallas Athene, der man das erste

gedruckte Buch in die Hände legte, und sie kann es gleich lesen, die

Allwissende, und freut sich, wie klug die Menschen mit der Zeit geworden

sind. Man kann sich kaum denken, daß Du wirklich liesest, was Du in der

Hand hältst, Du bist so schön, was kannst Du auch lernen, es ist, als

hättest Du alle Weisheit, und Dein Lesen ist nur ein Wiedererkennen von

Dingen, die Du vor tausend Jahren selber erdachtest.« Mir zur Strafe hab

ich das aufgeschrieben. Das denken, das wissen die Menschen von Einem,

so können wir erscheinen, ach, das Mißverhältnis, zwischen dem, was man

ist, und dem, wofür unser nächster Nachbar uns hält, wird mir vor Tragik

bald komisch erscheinen. -- Übrigens ist mir Ulrika eigentlich auch so

fremd wie -- -- ach, was wissen wir voneinander!

Manchmal, weißt Du, ist es so still, daß ich meine, ich müßte es hören,

wenn nur ein Zug in meinem Gesicht sich bewegt. Es ist ja alles in

dieser furchtbaren Stille vor sich gegangen. Alles? Sigurd schrie doch

einmal auf, Erasmus tobte; aber mir scheint, dies war nicht das

Eigentliche. Stillschweigend ging Jason, still Esther, stillschweigend

der Onkel, und in diesem Schweigen vollzog sich das Eigentliche, und

dennoch, dies, was wir nicht lärmen und platzen hörten, es schickt doch

seine gefährlicheren Wellen in den Raum, und diese verschlingen und

vergiften uns schrecklicher und boshafter als die lauten Gefahren und

die erschütternde Verzweiflung.

Nun läuft die Feder. Ich fragte Saint-Georges: Wie nennt man doch diese

Zeit der Windstille im Jahr, -- ich vergaß das Wort. Er, gleich

verstehend wie stets -- ja, wenn ich ihn nicht hätte! -- sagte: Wenn der

Eisvogel, Halkyon, brütet, herrscht Windstille, wie man sagt. -- Dann,

sagte ich, haben wir wohl die halkyonischen Jahre. Der große Eisvogel

Schicksal brütet. Er hoffe, meinte er freundlich, es werde kein

Basiliskenei sein, das man ihm untergeschoben habe. -- Ja, wer weiß

denn, ob nicht alles erst kommt ... Ich bin ja auch vollkommen

unberührt. Eigenes Schicksal blieb aus; ich warte.

Ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten ging schon vor drei Tagen an Dich

ab. Jede mußt Du Dir eingepackt denken in eine Hülle guter, frommer

Wünsche. Sag, sind das nicht Verse von Georg, die er Dir einmal

schickte:

Sie hält ihr Herz nun offen in der Hand

Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,

Dieweil sie weiß: durchstochen und verbrannt,

Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Händen ...

Ich vergaß das Übrige; damals mochte ich es nicht sehr, eben traf es

mich seltsam. Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen, -- schloß es

nicht so? Genug. Leb innig wohl!

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 52 / 124 题