Es waren wohl Wochen vergangen. Georg vermutete so, -- und auch, sehr
krank gewesen zu sein. Nun war da Helenenruh, und irgendwie war alles
gut. Er merkte, daß er sehr allein war, daß er nicht denken konnte, daß
ganze Tage durch ihn hingingen wie Schatten durch Wasser, daß sein Vater
da war -- und nicht mehr da. -- Daß er zittrig umherging, daß es einmal
Nachmittag war, einmal Abend, und daß viele Fenster waren, hinter denen
es regnete.
Plötzlich war Bogner zugegen. Er legte eine Mappe vor ihn hin mit
Radierungen, und Georg konnte sehn, was es war, konnte sich freilich
nicht recht entscheiden, ob diese Dinge da wirklich vor sich gingen oder
nur gezeichnet waren. Es sei ein Zyklus >Hades<, hörte er eine Stimme
mehrmals sagen, und jetzt kam er zu sich, Bogners Gesicht dicht über
sich gewahrend, da er neben ihm stand, um die Blätter umzuwenden. Jetzt
hätte er ihn fragen können, wie er denn hierher komme, mochte das aber
nun nicht mehr, sondern beugte sich tiefer über die Blätter, die ihm
ungeheuerlich erschienen wie manche Dinge im Traum. Da waren die
Danaiden, ein unbeschreibliches Gewimmel von Frauenkörpern, die sich
über drei aneinandergereihte Blätter hin an den Gestaden eines Flusses
bewegten; etliche lagen an der Quelle, blumenflechtend, etliche beugten
sich mit ihren Krügen von bekränzten Flößen, Gruppen und Scharen, und
einzelne Wallerinnen schritten in schöner Bewegung von Hügeln zur vollen
Stromesbreite, alle in einer unwahrscheinlichen Helligkeit, alle nur in
Umrißlinien gehalten, und alle ohne Gesichtszüge, leere Ovale statt der
Antlitze zeigend, grauenhaft seelenlos anzusehn. Da war Tantalos, eine
kaum sichtbare Gestalt in einem schwarzen Geklüft, am Boden ausgestreckt
wie ein Frosch, wo ein Wasser verrann, und hier noch einmal,
emporfliegend wie ein Schatten zu den über ihm fortwirbelnden Zweigen
und Früchten. Sisyphos war da, der Akt eines Athleten, der mit Händen,
Kinn und Schultern zusammengekrümmt den riesigen Würfel bergan trieb;
und hier starrte er vom Hügel dem rutschenden Felsen nach, ein Riese,
hülflos, mit ungeheuerlich nach vorn hängenden Schultern und vergreistem
Antlitz; und da war der zu Tal jagende Block in Qualm und Geröll,
dahinter der Mensch, nachstürmend, mit flatternden Haaren, springend,
schreiend, aufgerissen, sinnlos. Persephoneias Antlitz blickte gerade
aus dem Blatt, bleich und ergraut; durch kerzenschlanke Stämme hinter
ihr, unter wagrecht abgeschnittener Masse schwarzer Wipfel schimmerten
elysische Gefilde und Gestalten. -- Georg gingen die Augen über; Bogner
war nicht mehr da.
Nun kam viel Schlaf. Dann konnte er wieder grade umhergehn und erkennen,
daß es November war. Hin und wieder schlief er, in Decken gewickelt
unter freundlich wärmender Sonne auf der Terrasse. Milch gab es zu
trinken, sehr schöne, in kleinen, kostbaren Schlucken. Stundenlang
hockte sichs angenehm schläfrig an einem Fenster im Klaviersaal, während
es draußen hagelte und stürmte, oder während die Nebel heranwogten und
alles verhüllten.
Dann trat eines Tages Jason al Manach bei ihm ein, setzte sich nach der
Begrüßung -- es war im Klaviersaal --, erhob sich wieder, ging zu
Bogners Gemälde und stand lange darunter. Georg folgte ihm mit den Augen
und wunderte sich, daß er in kleinen Pausen immerfort den Kopf hin und
her bewegte oder schüttelte. Dann sah er ihn einen Stoß Briefe vom
Harmonium nehmen, damit zum Fenster gehn und sie langsam durchsehn;
schließlich behielt er ein Telegramm in Händen und drehte es um; es war
verschlossen. Al Manach öffnete es, schüttelte, schüttelte, schüttelte
den Kopf, las für sich, schnaubte eine Art Lachen und sah Georg an.
»Sie haben seit drei Wochen keine Post gelesen?« fragte er.
Georg bejahte, auf einmal ganz wenig geängstigt. »Ist denn was?« fragte
er.
Jason blickte wieder in das Telegramm und las vor: »New York, 28.
Oktober. Gerettet. Esther verloren. Jason.«
Georg zuckte leicht zusammen, hörte das laute Rauschen des Regens auf
den Steinplatten der Terrasse, besann sich, was die Worte bedeuteten,
sah al Manach ans Fenster treten, hinausblicken, den Kopf schütteln, sah
ihn sich setzen, den Kopf senken, ängstlicher nun jeder Bewegung dieses
Menschen anhangend, und hörte ihn reden.
»Also: Zusammenstoß mit einem Eisberg. Nachts. Ich saß im Café. Die
Rettungsboote kamen meist nicht ins Wasser, zerschellten. Die See war
glatt. Es herrschte eine sogenannte Panik. Ich benahm mich verständig.
Ich suchte Esther. Ich habe sie nicht gefunden. Ich half Leuten in die
Boote. Ich suchte, wie man so im Traume was sucht. Ich sah einen, der
vor Angst ins Wasser sprang. Da wurde ich über Bord geworfen. Ich hatte
eine Schwimmweste an. Ich wurde von einem Boot aufgefischt. Ich sah
etwas, das Sie eine Halluzination nennen werden. Nämlich, ich kenne den
Tod sehr gut. Ich habe ihn seit meiner Kindheit vor mir her gehen sehn,
zuweilen stehn bleiben und mich anschaun und mich vorüberlassen. Auch
unterhielten wir uns oft über das menschliche Leben. In bedeutender
Weise erschien er mir mehrmals, diesmal wars das achte. Wo ich geboren
wurde, stand er dabei, und meine Mutter starb. Als ich acht Jahre alt
war, fiel ich drei Stock hoch herunter und blieb lebendig. Als ich
sechzehn alt war, stand er vor meinem Bett, wo mich die Diphtheritis am
Hals hatte. Als ich vierundzwanzig alt war, stand er zu Füßen des
Bettes, in dem Angelika starb in ihrem Blut. Als ich zweiunddreißig alt
war, sah ich ihn an einem brennenden Eisenbahnzug entlang gehn, und dann
gab er die Genauigkeit auf, und ich sah ihn gleich darauf an einem
Teich, und bei einer Windmühle, und jetzt sah ich ihn mitten im Wasser
stehn, grau und verschleiert wie immer. Ich sah noch etwas. In der Nacht
hoch über mir -- denn so ein Ozeandampfer hat eine schöne Höhe -- war
eine Gesichterreihe überm Bordgeländer, und darin das Gesicht von
Esther, sehr deutlich. Das war still, und die Augen sahen starr nach
einem, der neben mir im Boot saß. Sie warens, Prinz. Da gingen ihre
Augen zur Seite, sie sah wie ich den großen Grauen im Wasser, der den
Arm hob und nickte. Dann lächelte sie. Ich bin gekommen, um Ihnen zu
sagen, daß Esther Sie angesehn hat, als das Schiff unterging. Dies war
sehr feierlich. Sie spielten einen Choral. Ich habe den Tod so großartig
noch nicht erlebt.«
Nachdem er eine Weile aufrecht gestanden hatte, setzte er sich nun
wieder, als müsse er sich da durch zum Aufhören seines Redens nötigen.
Georg fühlte, daß ihm etwas Schmerzliches in Kehle und Augen aufstieg,
daß etwas ihm heiß über die Wange lief, und dachte: Ich glaube, ich
weine. Darüber aber rannten die Gedanken fort ins erste Kapitel von Jean
Pauls Flegeljahren, wo die Erben um den Tisch sitzen und sich in einer
halben Stunde zum Weinen zu bringen suchen, um das Haus zu gewinnen, und
einer erhebt sich feierlich und sagt, grade wie ein Andrer die Tränen in
sich steigen fühlt: Ich glaube, -- ich weine ... Georg fing leise an zu
lachen, wollte das Lachen halten, es gelang ihm nicht, endlich
schluchzte er auf und wurde still.
Tot war die kleine Esther. Schon lange war sie fortgefahren, schon lange
war sie tot. Darum hatte sie ihm so traurig zugenickt aus dem
Eisenbahnfenster. Vom >zur rechten Zeit sterben< hatte sie etwas gesagt.
War das nun eingetroffen? -- Einmal hatte er ihr ein Veilchensträußchen
gekauft; eines war herausgefallen, das hatte sie ihm gegeben, eine
winzig kleine, embryonische, dunkle Blume, die er innen in seinen
Handschuh geschoben hatte. Beim Ausziehn dieses Handschuhs fiel es auf
die Erde, und er hob es in einer leeren Zigarettenschachtel auf, er
hatte soviel Anhänglichkeit an so was. Als er sie nach ein paar Tagen
wieder öffnete, war die Blume schwarz und trocken, aber die Schachtel
war ganz voll von Duft gewesen. So breitet die süßere Seele sich über --
über ... Wie berauschend brauste der Regen! welch ein Getöse! Es ward
dämmrig, es ward dunkel. Jasons bleiches Gesicht war noch dort, aber
nach einiger Zeit verschwand es auch, löste sich auf. --
Ob der rote Baum noch am Wasser stand? -- Ein sterbendes Gesicht an
einem Kreuz, erzählte Esther, das mich ansah. -- Georg fing heftig an zu
weinen. Draußen rauschte das unendliche Wasser. Ganz unten lag die eine
Tote, rotviolett gekleidet; eine Muschel lag vor ihrer Stirn, sie
schlief sich aus. -- Warum so ernst, Esther? -- Georg weinte heftiger
und unaufhaltsam, weinte wieder leiser und verlor Schmerz und sich im
Schlaf.