Abschied

Georg, mit Sigurd aus der Universität herübergekommen, der ihm an diesem

Wochentage eine Stunde lang zwischen zwei Vorlesungen Gesellschaft zu

leisten pflegte, fand sein schönes Zimmer hell im vollen Licht der

Sonne, obgleich sie, noch die Fenster nicht erreichend, nur über den

Herbstgarten sich ausgoß. Aus den Nischen zwischen den Bücherregalen

flammten die mächtigen Farben der Oktoberblumen: gelbe Dahlien und

weinschwarze, schneeweiße Lockenhäupter der Chrysanthemen, violette

Asternsträuße, und stämmige Büschel rotgeflammten und gelben Laubes.

»Sie haben,« fragte Georg schläfrig und etwas verdrossen, da Sigurd,

ohne von alledem etwas zu sehn, seine Mappe in einen Sessel gleiten ließ

und zu den Büchern ging, »Sie haben wohl nie bemerkt, daß das Jahr mit

denselben Farben beginnt und schließt.«

»Davon versteh ich nichts, Georg«, bemerkte er nur, seitwärts den Kopf

tief hinunter beugend, um einen Titel im untersten Fach längs des

Buchrückens zu lesen.

»Nämlich gelb und violett. Gelbe und violette Krokus, Primeln, Veilchen

und Narzissen, und Astern und Sonnenblumen im Herbst.«

»Schön. Wills mir merken«, murmelte Sigurd und schob die Unterlippe vor,

zog plötzlich ein schmales Buch heraus, blies über den Schnitt und

klappte es auf. »Kassner,« sagte er. »Von den Elementen der menschlichen

Größe. Das kenn ich noch nicht. Würden Sie mirs leihen?«

»Gern.« Georg rollte stöhnend einen Sessel über die Teppiche, gab ihm

einen Schwung, daß er vor die offene Gartentür flog, rückte ihn zurecht

und ließ sich hineinfallen. Seine Zigarettendose und Feuerzeug

hervorziehend, murrte er: »Was haben Sie bloß von all den Philosophen!

Von Kassner verstehe ich nicht ein einziges Wort. Sie sollten Verse

lesen. In drei Zeilen von Rilke steckt mehr Wissen von den Dingen als in

-- ich weiß nicht was.« Den ersten, tiefen Zug aus der Zigarette in die

Lungen schlürfend, dehnte er die Brust empor und sprach mit tiefem

Aufatmen:

»Als wäre die Gebärde

einer Mädchenhand

auf einmal nicht wieder vergangen ...

Ja das! Und das von dem Panther:

Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille

und hört im Herzen auf zu sein ...

Und so tausend andre! Merken Sie denn, wie einen da die Seele der Dinge

anhaucht, durch Mark und Bein? Wie sie alle menschlich werden, und in

der Vermenschlichung schon halbgöttlich?«

»Die Seele der Dinge?« hörte er Sigurd hinter sich. »Nun, das ist in

diesem Falle wohl nicht viel mehr als das Empfinden des Dichters von

ihnen.«

»Ich fürchte, Sigurd, unsre ganze Seele ist nichts andres als unser

Empfinden von unserm Leben. Sehen Sie mal ...« Die Lider halb

schließend, blinzelte Georg in die Sonne, »ich meine so: zur Zeit als

der Mensch -- nämlich der, der er anfangs gewesen sein mag -- den

Unterschied zwischen seiner Zeitlichkeit bemerkte und dem, -- was er

damals Ewigkeit nannte; Ewigkeit, nämlich die länger als sein Ablauf

scheinende Dauer seiner Umwelt, bis zu Sternen hinauf, -- da -- nicht

wahr -- hielt er sie für ewig und gab diese Ewigkeit einem Gott oder

mehreren zur Wohnung, wie er selber in der Zeit wohnte. Da stand also

der Mensch -- gleich Zeit -- gegen Gott -- gleich Ewigkeit.«

»Schöne Spekulationen«, hörte er Sigurd kurz hinter sich murmeln.

»Vorher, meinen Sie, stand bloß Mensch gegen Mensch?«

»Vorher«, sagte Georg, »nahm der Mensch den andern Menschen als Teil

seiner Umgebung, -- das heißt, ich meine so: daß Mensch gegen Mensch,

gegen seinesgleichen stehe, das konnte er erst als Schicksal empfinden,

als er seine Einsamkeit und Kleinheit gegenüber der Ewigkeit spürte, so

daß dies Gefühl erst wuchs durch jenes.«

»Die Seele also«, fragte Sigurd, »wäre ein -- eine Wunde des Daseins?«

Georg versetzte: »Ja, sehen Sie, ich dachte folgendermaßen: der Körper

atmet durch Poren, der Geist -- durch Wunden. Die Seele ist eine Wunde;

die Wunde des Geistes. Ich kam auf andre --«

»Freilich,« hörte er Sigurd erwidern, »die Lust am Dasein, jedes

Wollustempfinden ist denkbar, ohne Seele. Erst die feindlichen

Empfindungen, das Bewußtsein ... Sie wissen ja: ein Hund fürchtet sich

beim Gewitter, ohne zu wissen warum ... also: das Bewußtsein

übernatürlicher Mächte, unverständlicher Gewalten und Peinigungen, das

Bewußtsein von allem Schmerzlichen und Zerstörenden, das macht erst den

Menschen.«

»Natürlich! das Feindliche!« sagte Georg. »Die freundlichen Naturmächte

nahm er einfach und unbedenklich hin, erst die feindlichen rüttelten ihn

auf, mit ganz physischen Mitteln: er mußte sich wehren. Lust bringt

nichts hervor, Schmerz macht erfinderisch, Schmerz ist zeugend allein.

Lust zweifelt nicht, Lust will bekanntlich Ewigkeit, das heißt Dauer --

ihr erster Schmerz ist die Ahnung, daß sie enden muß --, Schmerz will

Erkenntnis.« Er verstummte, nicht unerfreut über diese Leistung. --

Dann, da Sigurd still blieb, bog er sich um die Rückenlehne seines

Sessels, entdeckte aber erst nach einer Weile Suchens ganz hinten nur

seinen hohen Kopf zur Rechten der Treppe vor den Büchern; das Übrige

seiner hockenden Gestalt war hinterm Schreibtisch verborgen.

»Hören Sie mir eigentlich zu?« fragte Georg unzufrieden. Da schnellte er

plötzlich zu seiner Länge empor, und Georg mußte lachen, weil er richtig

ein Buch aus der Tiefe heraufgetaucht hatte.

»Ja, jetzt weiß ich, wie Sie's machen«, sagte er. »Sie ziehen in jeder

Bibliothek die Bücher heraus, lesen Titel und Verfasser, dazu einen

Abschnitt auf Seite siebenundvierzig, und dann kennen Sie's.«

Sigurd schmunzelte geringfügig, ohne übrigens so auszusehn, als ob er

gehört hätte, ging zum Schreibtisch und setzte sich davor, worauf Georg

die Beine über die Sessellehne warf, um ihn im Auge zu haben.

»Wovon sprachen Sie denn eben?« fragte Sigurd, sein Buch aufschlagend.

»Von den ersten Menschen«, erwiderte Georg zweideutig.

»Die im Paradiese,« äußerte Sigurd aufblickend, »wenn Sie die meinen,

kannten freilich Gott. Ob sie aber deshalb schon Menschen waren?«

»Gott?« fragte Georg. »Nein. Gott war wohl mehr ihresgleichen. Und sie

wußten doch nichts von Zeit, und daß alles einmal enden könnte.«

»Ach, Georg, Sie glauben ja nicht an Gott. Haben Sie übrigens je

bemerkt, daß jenes Verbot im Garten Eden, wegen des Apfels, nur an Adam

erlassen ist? Neulich fiel mirs auf, als ich zufällig den Text nachlas;

Eva war noch gar nicht erschaffen. Wie sollte sie also nachher

begreifen? Sie mußte sich einfach auf den Mann verlassen, der es ihr

mitteilte, und das gefiel ihr natürlich nicht.«

»Von da an, bis jetzt,« sagte Georg lächelnd, »hat sie sich immer auf

den Mann verlassen sollen, aber sie ist immer dagegen angegangen und hat

ihn immer zum Essen verlockt.«

Sigurd schien zu lesen. Ich habe doch einmal an Gott geglaubt, dachte

Georg angestrengt. An Gott? Ja, an einen einfachen guten Menschengott,

-- wann war das? Und auf einmal war er fort. Ich wurde konfirmiert, --

nein, damals schon, -- aber ich entsinne mich doch genau, was für Kämpfe

ich seinetwegen gehabt habe, und wie wir Jungens uns stritten halbe

Nächte lang -- aber, es kommt mir doch vor, als ob schon alles über ihn

entschieden war, ehe die Kämpfe begannen. Sie waren mehr der Form wegen,

und aus Angst, aber damals fürchtete man sich ja nicht vor der Welt, so

getraute man sich schon, es allein, ohne Gott, mit ihr aufzunehmen. Da

wars um Gott geschehn. Wann aber glaubte ich wirklich an ihn? -- Als ich

noch rot werden konnte, durchfuhrs ihn, und er fühlte, wie ihm das Blut

ins Gesicht stieg. Ich erröte ja noch! dachte er -- nein, nein, dies ist

ein andres Erröten, ich erröte vor mir selber; ich meinte aber das

Erröten vor der Welt, in der Gott war, das Erröten, das von Gott kam,

nicht dies aus mir selber. -- Jetzt klappte Sigurd sein Buch zu, legte

es auf den Tisch und sagte:

»Außerdem, fällt mir ein, steht auch von einer Strafe nichts im Buche.

In der Bibel, mein' ich. Er sagte nur: ihr dürft nicht. Hätte er gleich

zu Anfang gesagt: dann werdet ihr ausgetrieben --«

»Dann«, sagte Georg, »würden sie sich wohl auf den Apfel gestürzt

haben!«

»Wie?« fragte Sigurd zerstreut und sprach weiter: »Er verbot nur, wie

sollten sie das verstehn? Adam sagte es Eva, worauf sie vermutlich

gedacht haben wird: Verboten hat er es zwar, -- aber wenn ichs doch tue?

-- er hat doch gesagt, er wäre ein lieber Gott ... Und Adam dachte: Was

wohl geschehn wird, wenn ... Sehn Sie, er konnte ja nicht anders, er

mußte zweifeln, ihm konnte nichts genügen, ihn hungerte nach Erkenntnis,

nach dem Apfel, nach Schmerz ... Sie sehn, es kommt auf das selbe

hinaus.«

Georg, mitgerissen, sagte nachdenklich: »Und schon kam die Angst -- Gott

hatte noch nichts gesagt! -- sie versteckten sich.« Plötzlich wieder in

seinen eignen Gedanken, sagte er langsam: »Er muß ganz rot geworden

sein, als er aß.«

»Wie meinen Sie?« fragte Sigurd. Georg besann sich; Sigurd, das Gesicht

in den Händen, sah auf den Teppich.

»Das Verstecken«, sagte er, »war eine Dummheit. Schuldgefühl verdammt

von vornherein. Die Frauen, wie Sie schon sagten, glauben an einen

liebenden, verzeihenden Gott -- nämlich deshalb, weil sie ihre Schuld

gern für geringer halten, als sie ist, denn sie können nicht abwägen --,

der Mann an einen gerechten Gott.«

»Nach dem Talmud«, versetzte Georg.

Sigurd schwieg. Nach einer Weile, sich aufrichtend, ohne Georg anzusehn,

bemerkte er, das wären so deutsche Unterhaltungen ...

»Wieso?«

»Der Deutsche redet am liebsten von Dingen, von denen er zwar nichts

versteht, an denen sich aber sehr viel raten läßt, herumraten.«

»In Rußland allerdings«, biß Georg zu, »wird nur von Rußland geredet.

Und wissen Sie,« lachte er, »was das Deutscheste an unserm Gespräch

ist?«

»Nun, sagen Sie's schon.«

Das Telephon zirpte, Georg erhob sich. »Daß wirs hinterher kritisieren;

oder wenigstens feststellen, wovon es gehandelt hat. Nun können wir ja

noch --« Das Telephon zirpte abermals -- »feststellen,« sagte Georg,

indem er hinging, »daß wir festgestellt haben, daß der Deutsche gern

feststellt --« Lächelnd den Hörer abnehmend, über den Tisch gebeugt,

sagte er: »Georg Trassenberg.«

»Grüß Gott, Georg,« hörte er Esthers Stimme, wie es schien ein wenig

matt. »Ist Sigurd da?«

»Grüß Gott, Esther! Ja, er ist hier. Wie gehts Ihnen denn?«

»Danke ...« Das kam zögernd; danach nichts mehr.

»Augenblick, Esther!« Georg reichte den Hörer an Sigurd, der noch am

Tische saß.

»Ja, Esther. -- -- Nein, ich wollte heute erst später kommen. Was ist

denn?« -- -- Georg wanderte langsam bis vor den Pensieroso, Sigurd

weiter hörend in Pausen: »Du sollst kommen? -- Ja, dann fahr doch.«

Georg -- sonderbar härtlich hatte das Letzte geklungen -- wagte es, den

Kopf ein wenig zu drehn, allein Sigurd -- er war aufgestanden -- drehte

sich fort.

»Natürlich mußt du fahren.« Das klang wieder wie immer, kurz angebunden,

-- doch so war er. »Nach Hamburg erst? Ja, natürlich, sie warten ja

darauf. Wie? Sie warten darauf, sag ich. Wann geht denn das Schiff?«

Georg zuckte zusammen. Schiff? -- Er lauschte mit wildem Herzklopfen

plötzlich, doch kam nun endlose Zeit nichts, und er stand, flimmernd

Buntes und Grünes vor den Augen, gemartert von der unhörbaren Stimme in

der Ferne, die alles sagte. Endlich hörte er Sigurds Stimme wieder.

»Ja, dann wirds am besten -- wie? -- am besten wirds übermorgen -- ja,

Fräulein, ich spreche noch!«

Wieder alles still. Also nach Amerika. Fort. Einfach fort. Esther. Das

war unmöglich. -- Georg hörte seinen Namen, dann deutlich Sigurd, der

ihn ans Telephon bat.

»Ja, was ist denn, Esther?«

»Mein Verlobter hat geschrieben, Georg. Er wartet ja schon seit einem,

seit dreiviertel Jahr bald. Und er schreibt von einem Schiff, das ich

benützen soll, -- es fährt Mitte nächster Woche, und --« Georg glaubte,

sie Atem schöpfen zu hören. »Und nun erwarten Verwandte von uns in

Hamburg, daß ich sie erst noch besuche. Also --« Ihre Stimme erlosch,

raffte sich dann wieder auf. »Also werde ich wohl übermorgen fahren.

Dann hab ich noch morgen den ganzen Tag zum Packen und --« Es kam nichts

mehr.

»Ja, Esther, wenns sein muß. Was kann man da machen?« Böse, einen Stich

im Herzen, fuhr er gleisnerisch fort: »Es tut mir nur leid, daß ich Sie

dann nicht zur Bahn werde bringen können. Morgen muß ich fechten, und

das wird ziemlich schlimm werden, ich -- ja, ich kann Ihnen das so nicht

gleich erklären, warum. Dann --« seine Brust zog sich zusammen -- »dann

sehn wir uns wohl gar nicht mehr.«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 39 / 124 题