Esther

Georg, den Kopf mit erhitzenden Binden umwickelt, dampfend von Angst,

Öde und Jammer, saß im tiefsten Sessel dicht vor der Glastür zum Garten

und sah den Regen in massig fallendem Strom durch den dämmernden Abend

niederstürzen, laut rauschend im Blätterwerk der Gebüsche, aus denen

überall weißliche Blüten, zerrissenen Nachtschmetterlingen gleich,

hervortrieben und umhertaumelten. Ein Türgeräusch weckte ihn aus halbem

Schlaf, er hörte Egons Stimme hinter sich und drehte sich langsam um. In

der Kaminecke schwebte, erleuchtet, der grüne Lampenumhang, zwei

Gestalten kamen den Flur herab auf die offene Tür zu, dann erkannte er

Esther und Sigurd und sprang erleichtert auf.

Herr du meines Lebens, wie sie trieften! Das war ja unerhört! -- Sigurd

-- noch über den Stufen oben -- zog mit zwei Fingern den Stoff seiner

Hose vom Bein ab, um zu zeigen, wie er klebte, Esther schwenkte ihren

Hut, daß es spritzte, und schüttelte den Kopf. Da flogen alle Kämme und

Nadeln aus dem Haar, und der schwarze Schopf schlug ihr ums Gesicht;

vorn senkten sich die Bögen des Scheitels, und sie drückte die gewölbten

Hände dagegen, hob das Gesicht und lachte innig, während Georg

erstaunte, denn sie war ja unbeschreiblich kostbar und chinesisch

anzusehen! Diese feinen, halbkreisrunden Brauen unter dem weißen Dreieck

der Stirn -- wie ein marmorner Giebel --, die geschlitzten, glitzernden

Augen, und der Mund, ah, er war erstaunlich süß, denn er hatte einen

Bart, einen entzückenden, verführenden Flaum von Bart über den

Mundwinkeln! Esther hieß sie? Sie war ein wenig klein, Rebekka hätte

besser gepaßt, wie sie dem langen Jakob auf den Zehen den Krug zum Munde

reichte und alle Kamele mit himmlischem Wasser tränkte, -- aber was nun?

Kleider mußten herbeigeschafft werden, dies war ja ein gottvolles

Unwetter!

Georg hob den Deckel der Truhe in der Kaminecke.

»Dies«, sagte er, »ist ein völlig ungetragener Bademantel, dunkelrot mit

handbreiter blauer Kante, der steht Ihnen fabelhaft, Sigurd, ziehen Sie

ihn schleunig an! Und hier, aus diesen Seidenpapierhüllen schält sich --

aha! aha! ein Morgenkleid der Weimarer Werkstätten in ungefährer Form

eines japanischen Kimonos!« Und er machte wollüstig verlockende Augen zu

Esther, welche die Hände zusammenschlug über der breit entfalteten

braungoldenen Seide, bestickt mit schwarzgestielten und kupferfarbenen

Mohnblumen, vom Saum nach oben steigend. Augenblicks öffnete Georg sein

Schlafzimmer, machte Licht, warf das Kleid über sein Bett, schob das

Mädchen hinein und machte die Tür zu. Dann half er Sigurd die klebenden

Hosen vom Leibe, wobei der erzählte, wie sie jählings im Park von dem

Unwetter überrascht und hergeflüchtet seien, natürlich Esthers wegen,

die behauptete, es wäre näher hierher als bis zur elektrischen Bahn, und

das freute Georg über die Maßen. Der blasse Egon half lächelnd bei den

Stiefeln und stürzte davon, um den Tee zu beschleunigen. Esther steckte

den Kopf aus der Tür und rief: »Schuhe! ich habe alles ausgezogen!« Aber

da war nur ein Paar japanischer Holzschuhe in der Truhe mit zwei Zoll

hohen Sohlen, die reichte Georg hinein, und nach einer Weile ging die

Tür auf, und sie kam herein, o wunderbar! auf ganz kleinen, vorsichtigen

Schritten, so daß sich kaum das Kleid bewegte, das sie weit und mächtig

umfloß, die Unterarme vor der Brust gekreuzt, das Haar hochaufgesteckt

und mit einer sehr lieblichen Königinnenhaltung des kleinen Hauptes. Ja,

da stand nun Sigurd und sah wie ein Hoherpriester aus mit seinem langen,

ernsten Gesicht, schweren Augen und dunklem Haarbusch in dem langen

roten Kleid. Egon räumte die Bücher vom niedrigen Tisch, setzte das

Teegeschirr auf, Georg zog die Lampe mit dem grünen Umhang tiefer und

konnte sich nicht satt sehn. Esther drehte sich um und um, und überdem

zirpte das Telephon vom Schreibtisch. Georg nahm den Hörer auf und

vernahm drüben Bennos Stimme, der mit unzählbaren Entschuldigungen

vortrug, Frau Tregiorni, Herr Bogner und Herr Saint-Georges seien schon

den halben Nachmittag bei ihm und säßen nun fest, und nun wollten sie

Tee trinken, -- worauf nach einem unverständlichen Gemurmel Ulrika

Tregiornis Stimme erschien, die Georg beglückwünschte, daß er da sei,

denn Jason al Manach fehle, um Geschichten zu erzählen, und er hätte

sicherlich was vorzulesen. Georg freute sich heftig, bat sie aber, zu

ihm herüberzukommen, da sie etwas Erstaunliches zu sehen bekommen

würden. Das versprach sie gerne.

Unterweil hatte Esther Tee eingeschenkt und saß auf den Knien ihres

Bruders, der in einen Ledersessel versunken war und sie umschlungen

hielt, während sie vorsichtig die dünne Tasse an seine Lippen setzte,

aber er schüttelte heftig den Kopf, es sei viel zu heiß! worauf sie ihm

gut zuredete, und dann trank er wieder einen Schluck, und sie schwätzte

erstaunlich dummes Zeug dazu. Auf dem Flur draußen aber entstand ein

Getöse von schlürfenden Schritten und Stimmen und unmäßiges Gelächter,

und dann flog die Türe auf mit einem heftigen Ruck, und -- ja da standen

sie!

Esther nämlich war entsetzt aufgesprungen und stand nun, mit den Füßen

heimlich ihre halbverlorenen Schuhe angelnd, etwas gekrümmt, die Hände

auf den Knien, mit den Armen ihr Kleid am Leibe festdrückend, lächelnd

und errötend --, ja so stand sie dicht neben dem großen grünen

Lampenumhang ihr zu Häupten. Georg stellte vor, aber darauf hörte

niemand; endlich fragte Ulrika: »Georg, was ist dies? Ein Märchenfisch?«

»Es ist Esther«, sagte er.

»Aus der Bibel?«

»Freilich, freilich!« -- Und da gingen sie Alle herum um Esther und

verneigten sich, sogar Bogner, auch Benno, aber schrecklich verlegen.

Saint-Georges schlug vor, daß sie es vormachen sollte. Was? -- Nun, das

aus den Stücken in Esther, ob sie die Stelle nicht kennten? -- Nein! --

Also mußte Georg eine Bibel herbeischaffen, und er hatte wirklich eine,

eine Kunstbibel, so groß wie der Tod. Saint-Georges schlug auf und las:

»Und am dritten Tage legte sie ihre täglichen Kleider ab und zog ihren

königlichen Schmuck an.

»Und war sehr schön, und rief Gott den Heiland an, der alles siehet, und

nahm zwo Mägde mit sich, und lehnete sich zierlich auf die eine, die

andre aber folgete ihr und trug ihr den Schwanz am Rocke.

»Und ihr Angesicht war sehr schön, lieblich und fröhlich gestalt; aber

ihr Herz war voll Angst und Sorge.

»Und da sie durch alle Türen hinein kam, trat sie gegen den König, da er

saß auf seinem königlichen Stuhl in seinen königlichen Kleidern, die von

Gold und Edelsteinen waren, und war schrecklich anzusehen.

»Da er nun die Augen aufhub, und sahe sie zorniglich an, erblassete die

Königin und sank in eine Ohnmacht und legte das Haupt auf die Magd.«

»Da wandelte Gott dem Könige sein Herz zur Güte ...«

Ja, so wollten sie es machen! »Lieblich und fröhlich gestalt«, sagte

Georg, es paßte alles genau, und er wollte die eine Magd machen, Sigurd

sollte König sein, aber der wollte nicht, denn er wäre nicht schrecklich

anzusehen, was Esther auch fand, aber das tat sie nur, um davon zu

kommen, und sie protestierte auch gegen Georgs Magdtum, und Ulrika fand

wieder, daß sie zu schlecht angezogen sei als eine königliche Magd, aber

Georg hatte schon einen anderen Kimono aus seiner Truhe geschöpft, der

war so blaßgrün wie ein Morgenhimmel und war zu vielen Teilen bedeckt

mit einem Gewimmel von ganz rosa Wölkchen, silbergerandet, echt

japanische Stickerei, also verschwand sie mit ihm und Esther strahlend

im Speisezimmer, um sich anzuziehn, denn von dort wollten sie

hereinkommen, und sie wollte beide Mägde zusammen darstellen.

Unterweil tranken sie ihren Tee, und Benno berichtete nachträglich sehr

errötend, daß er auf dem Wege von seiner Wohnung hierher nirgend die

Kurbeln für das Licht habe finden können, und so seien sie entsetzlich

furchtsam den Korridor herangetappt, denn Ulrika hätte geschworen, es

seien überall Schächte und Wolfsgruben in diesem alten Palais,

Saint-Georges aber hatte versichert -- Benno krümmte sich vor

Schamhaftigkeit und Gelächter --, die Wege zu den Dichtern wären immer

dunkel, und dann hatte er einen Schüttelreim gemacht zum Totlachen, und

Ulrika, die alles durch die offene Tür hörte, lachte schon und schrie:

»Nein, wie dumm! Aber herrlich war er! Sagen Sie ihn, Benno!« Und Benno

brachte wirklich den Schüttelreim heraus, und er hieß:

Ein Dichter bei den Milben saß

Und lernte sie das Silbenmaß.

Herr du meines Lebens! Georg wollte sterben vor Lachen. Er fiel auf

seinen Stuhl am Schreibtisch, spreizte die Beine von sich, hob den

linken Arm hoch und ließ die Hand wie eine Traube auf seinen Kopf

hängen. »Und lernte sie das Silbenmaß!« rief er, »das ist großartig! Das

ist ganz großartig! Das ist sogar keß!«

Im nächsten Augenblick schrie Ulrika: »Fertig! Ist der König auch

fertig?« Flugs wurde der Schreibtisch beiseite geschoben, ein Sessel vor

die Treppe gerollt, der Vorhang vor die Fenster gelassen, -- die große

Mondkugel schwebte milchbleich in Lüften auf und verwandelte den Raum in

eine geheimnisvolle Palastgegend voll feenhafter Dämmerung, Sigurd

setzte sich majestätisch zurecht und rollte die Augen, und da kamen sie

nun herein, Esther wie zuvor, die Stirn süß gesenkt, ängstlich genug,

Stirn und Wangen überflogen von Erröten, hinter ihr Ulrika in fließenden

Himmelsmorgenfarben, weit zurückgelehnt, die Schleppe in ausgestreckten

Händen, die Augenlider tief gesenkt, das dunkelrote Haar in zwei dicken

langen Zöpfen neben den, im grünlichen Licht durchscheinenden zarten

Wangen herabhangend. Ja, das war ein bezaubernder Anblick, die Männer zu

beiden Seiten sanken mit flach zusammengelegten Händen auf die Knie und

sangen nach der schönen Melodie: >Reich mir deine Hand! deine weiße

Hand!< die Worte: »Schenk mir einen Kuß! schenk mir ei--nen Kuß!« Esther

aber sah den König angstvoll an, wankte zierlich und wurde auf das

anmutigste aufgefangen. Dann stand sie wieder, schleuderte aber

plötzlich wider alle Verabredung ihre Holzschuhe links und rechts den

Männern an die Köpfe und stürzte sich, dunkelgoldumwogt und nacktfüßig

in die Arme ihres königlichen Bruders. Georg sagte: »Das ist ein

duftender Abend!«

Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 23 / 124 题