Abb. 7 =Bodendesinfektion mit Schwefelkohlenstoff=]

Dieses Autodafé hat den Herzen der Bewohner und dem Reiz des

Landschaftscharakters tiefe Wunden geschlagen.

Der nunmehr von allen Pflanzen geräumte Herd wurde alsdann teils

durch Überbrausen, teils durch Eingießen von Petroleum in etwa

fünfzig Zentimeter tiefe Löcher desinfiziert. Der später verwendete

Schwefelkohlenstoff wurde mit besonderem Apparat dem Boden eingespritzt

(Abb. 7).

[Illustration: Abb. 8 =Verödete Weinberge in Oberlößnitz=]

Das Petroleum durchdrang leider den Boden nicht gleichmäßig, so

daß man eine leicht vergasende Flüssigkeit, welche alle Erdporen

gleichmäßig durchdrang, erstrebte. Diese schien im Schwefelkohlenstoff

gegeben. Derselbe wirkte aber im Übermaß als Wurzelgift; so daß seine

Verwendung außerordentlich vorsichtig gehandhabt werden mußte. Ein

sicherer Fortschritt in der Reblausbekämpfung lag in dem Bestreben,

die Schwefelkohlenstoffgaben so zu bemessen, daß die ungeheuere

Vermehrung der Reblaus geschwächt wurde, ohne dabei das Gedeihen

des Stockes zu schädigen. Dieses sogenannte »Kulturalverfahren« hat

bei einzelnen Bodenklassen, z. B. in dem Muschelkalkgelände des

Unstrutgebietes guten Erfolg gezeigt. Bei uns in Sachsen wurde ihm

von Anfang an mit Mißtrauen begegnet, um so mehr, als dadurch die vom

Staate gewährte Entschädigung für befallene Stöcke in Wegfall kam.

Ich bin der Überzeugung, daß bei geeigneten Versuchen für sächsische

Verhältnisse ein brauchbares Kulturalverfahren hätte ausgearbeitet

werden können. Die von mir auf Brabschützer Flur, gegenüber der

Lößnitz, mit Erlaubnis des Ministeriums ausgeführten Versuche mit

Schwefelkohlenstoffemulsionen hatten sehr guten Erfolg. Leider

stockten diese Versuche, da im Jahre 1907 von der Reichsregierung

das sächsische Weinbaugebiet als unheilbar verseucht erklärt wurde,

sodaß die sächsische Regierung die kostspieligen Untersuchungs- und

Bekämpfungsarbeiten zum größten Teil einstellte.

[Illustration: Abb. 9 =Erdbeerkulturen auf früheren Reblausherden=]

Trotz sorgfältigster Untersuchung und gründlicher Bekämpfung hatte

alljährlich die Reblauskalamität wie ein glimmendes Feuer weiter um

sich gefressen, so daß nach einem Jahrzehnt die grünen Rebenhänge

verschwanden. Öde, mit Unkraut bestandene Geländewunden starrten

uns entgegen (Abb. 8), denn erst nach einer vier- bis fünfjährigen

Quarantänezeit durften die geräumten Herde wieder bepflanzt werden.

Reben wurden aber auch dann nicht wieder angepflanzt, denn die

geschädigten Besitzer hatten Lust und Mut verloren; die alten Winzer

mit ihren weinbaulichen Erfahrungen starben ab, – und der Weinbau der

Lößnitz schien auf immer begraben zu sein. Erdbeer- und Obstkulturen

(Abb. 9), oft auch Gemüseflächen erhoben sich zwar an Stelle des grünen

Rebenkleides, konnten aber das ursprüngliche, an die schönsten Gegenden

des Rheines erinnernde Landschaftsbild mit seinem Rebenzauber nicht

wieder schaffen. Immer blieben unschöne Ödstellen, die das früher so

liebliche Gelände schändeten.

Erst eine neue Bekämpfungsart unter Verwendung amerikanischer Reben

als Wurzelunterlage sollte der landschaftlichen Schönheit der Lößnitz

wieder aufhelfen.

Überall sieht man schon auf amerikanischer Unterlage veredelte, üppig

gedeihende Neuanlagen, so daß wir hoffen dürfen, allmählich die

frühere Anmut der Lößnitz wieder erstehen zu sehen. Von tüchtigen

Weinbausachverständigen beraten, beginnt auch die Kellerwirtschaft sich

zu heben, so daß bei guten Jahren uns ein trinkbarer Tropfen winkt, ein

Tropfen, viel viel besser als sein Ruf. Möchten dann die Sklavenketten,

mit denen das Ausland uns fesselt, gefallen sein, so daß wir bei

funkelndem heimischen Rebensaft frohen Herzens jubeln können:

Heil dem freien Deutschland, heil unserem Sachsenland!

Fußnoten:

[2] Z. B. Weinstuben von Julius Papperitz, Dresden,

Scheffelstraße.

[3] Frankreich: Champagne. Spanien: Barcelona. Schweiz: Zürich

und Genf. Italien: Lago Maggiore, Calabrien. Österreich:

Steiermark, Niederösterreich, Dalmatien. Ungarn: Tokaier

Lagen. Kroatien 13,5%. Rußland: Kaukasus bei Batum.

Rumänien: 31%. Serbien. Bulgarien. Türkei. Außerdem

Süd-Amerika: Brasilien, Uruguay. Afrika: Kap. Australien.

[4] In den südlichen Ländern wird außer der Wurzelreblaus eine

oberirdische Form: die Blattreblaus in kugeligen Blatt- und

Rankengallen gefunden.

Die Rotalge ~Hildenbrandia rivularis (Liebm.) Bréb.~, ein

ausgestorbenes (?) Naturdenkmal Sachsens

In dem 1922 erschienenen Heft 2 Band IX die Beiträge zur

Naturdenkmalpflege (herausgegeben von der Staatlichen Stelle für

Naturdenkmalpflege in Preußen) berichtet A. v. Lingelsheim über diese

bemerkenswerte Rotalge des Süßwassers, die in Deutschland nur an

wenigen Stellen, so in einigen Bächen des Riesengebirges, im oberen

Rhein, in der Werra und Fulda, im Dieksee in Holstein und nach

einem Bericht von R. Wollny aus dem Jahre 1886 _in einem felsigen

Waldbach bei Niederlößnitz in Sachsen_ vorkommt. Die Alge ist ein

Naturdenkmal von hervorragender Bedeutung; abgesehen von ihrem

örtlich sehr beschränkten Vorkommen, ist sie »die einzig wirklich

rote Süßwasserfloridee«; bei den übrigen herrscht Blaugrün oder

Violettgrün vor. Infolgedessen zeigt das Bett der Gebirgsbäche, wo die

Alge reichlich vorkommt, prachtvoll _bräunlich_ »_blutrote_« Überzüge

der Gerölle oder der anstehenden Felsen. Ferner aber gleicht sie in

Wuchsform, Mikrostruktur und anderen Punkten ihrer nächsten Verwandten,

~Hildenbrandia rosea Kütz~ aus dem Atlantischen Ozean, welche in ganz

ähnlicher Weise rote, krustige Beläge auf Steinen oder Muscheln bildet.

An ~Hildenbrandia~ sehen wir somit sehr deutlich, daß bei ihr der

Übergang in ein ganz anders geartetes Medium jedenfalls habituell nicht

die geringsten umgestaltenden Einflüsse bewirkt hat. Der Geruch der

absterbenden Alge gleicht völlig jenem eigenartig dumpfveilchenartigen

»Seetanggeruch«, wie er den Bewohnern der Meeresküsten bekannt ist.

Unsere Alge selbst ist ferner in den Subtropen (Nordafrika) und Tropen

(Niederländisch Indien, Jamaica, Kongogebiet) vertreten.

Wir haben also in ~Hildenbrandia rivularis~ eine Pflanze vor uns,

deren ganz nahe Verwandtschaft zu Meerespflanzen erwiesen ist, ohne

daß es bisher gelungen wäre, diesen Zusammenhang aufzuklären. Aus

der Beschaffenheit der verschiedenen Standorte hat v. Lingelsheim

festgestellt, daß die Rotalge ihrem gewissen Wärmebedürfnis nach dem

atlantischen Florenbezirk angehört. Sie stellt weniger Ansprüche an die

chemische und optische Reinheit ihres Wohngewässers, vielmehr scheinen

»physische Faktoren, wie festes Substrat zur dauernden Fixierung, eine

gewisse Stärke der Wasserbewegung, sowie eine genügende Durchlüftung

des Wassers« für ihr Leben ausschlaggebend zu sein. Weiter wurde

festgestellt, daß die Alge den Schatten liebt und sich an belichteten

Stellen auf die Unterseite des Gesteins usw. zurückzieht oder wohl

gar abstirbt. Mit Vorliebe bewohnt sie tiefe Gewässer, so kommt sie

im Gardasee noch in neunzig Meter Tiefe vor. Sie siedelt sich auf

Gestein verschiedener Art an, meidet jedoch kalkhaltigen Boden. Ihre

Vermehrung ist noch nicht aufgeklärt, v. Lingelsheim hält es jedoch für

wahrscheinlich, daß sich losgelöste Thallusfäden anderwärts festsetzen

und so der Verbreitung dienen.

Vor einiger Zeit durchsuchte ich das in Frage kommende sächsische

Gebiet nach ~Hildenbrandia rivularis~. Meine Bemühung war erfolglos und

so glaube ich zunächst annehmen zu müssen, _daß dieses Naturdenkmal

bei uns ausgestorben ist_. Ich vermute wohl mit Recht, daß unter dem

felsigen Waldbach der »Lößnitzbach« zu verstehen ist. Da seine Quelle

im Dippelsdorfer Teiche liegt, kommt das Wasser genügend durchwärmt

in die kurze enge Talschlucht, so daß das Wasser den gestellten

Ansprüchen genügen würde. Die einst dicht bewaldete, unwegsame Schlucht

wird auch den von der Alge bevorzugten Schatten gespendet haben. Die

Pflanzenseltenheit wurde im Jahre 1886 festgestellt. Welche Veränderung

ist aber seit dieser Zeit im Lößnitzgrunde vorgegangen! Die Erbauung

der Eisenbahn und der Promenadenwege brachte eine Lichtung des Tales

mit sich. In den letzten Jahren zumal sind die einst bewaldeten

Talhänge beim Kurhaus Friedewald völlig kahlgelegt worden. Auch die

vielfache Bebauung des Tales mag das Aussterben beschleunigt haben.

Beim Kurhaus und bei der Meierei Lößnitzgrund sind Gondelteiche

angelegt worden, die der Lößnitzbach durchfließen muß. Selbst wenn sich

die Alge im Oberlauf des Baches noch einige Zeit gehalten hätte, würde

eine Neubesiedelung des Unterlaufs dadurch unmöglich geworden sein,

da die in die Teiche gelangten Thallusfäden unter der Einwirkung des

Lichtes und der mangelnden Durchlüftung des Wassers sicher zugrunde

gegangen sind. ~Hildenbrandia rivularis~ ist also wahrscheinlich ein

Opfer der in den letzten Jahrzehnten in den Lößnitzgrund getragenen

»Kultur« geworden. Oder sollte die Rotalge doch noch in einem meiner

Nachforschung entgangenen unscheinbaren Bächlein des Gebiets ein

verstecktes Dasein fristen? Wer hilft suchen? Algen sind botanische

Naturdenkmäler, deren Standortgeheimnisse der Öffentlichkeit wohl

unbedenklich preisgegeben werden können; sie fallen Pflanzensammlern

kaum zum Opfer, was man von anderen Gewächsen leider nicht immer

behaupten kann.

v. Lingelsheim vermutet, daß die Rotalge wahrscheinlich auch an anderen

Orten noch hin und wieder vorkommt und ein unbemerktes und unbekanntes

Dasein fristet. Vielleicht hat auch Sachsen noch einen Standort,

nachdem der Lößnitzgrund anscheinend dafür nicht mehr in Frage kommt.

_Klengel._

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 5-6 · 第 72 / 100 题