Kein Mensch ahnte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
den Feind, der, an den Wurzeln der Reben saugend, all dieser
Rebenherrlichkeit und Weinfröhlichkeit ein Ende bereiten sollte. Ein
winziger Schnabelkerf »die Reblaus« war unter der sommerdurchwärmten
Erde an der Arbeit; jahrzehntelang hatte sie sich unbemerkt in das
Wurzelwerk des europäischen Weinstockes, unserer ~Vitis vinifera~
eingenistet.
Sie senkte ihre Stechborsten tief hinein in das weiche Gewebe der
Wurzelspitzen und saugte die Bildungssäfte auf (Abb. 2~f~). Wohl
wehrte sich das Wurzelende und suchte durch Anschwellungen und hakige
Krümmungen (Abb. 2~h~) den Feind zu überwuchern und zu erdrücken;
aber die Vermehrungskraft der Reblaus war zu gewaltig! Die Altläuse
(Abb. 2~d~) legten unbefruchtet, als sogenannte Ammen, mehr denn
vierzig Eier, denen nach zehn Tagen schon Jungläuse (Abb. 2~c~)
entschlüpften, die nach kurzer Saugtätigkeit wiederum unbefruchtet
zur Eiablage fähig waren. Bis zu fünf Generationen wuchsen in einem
Jahre heran, so daß eine einzige Wurzellaus die Stammutter von etwa
dreiundsiebzig Millionen Nachkommen sein konnte. Da eine so ungeheuere
Nachkommenschaft am Geburtsstocke nicht genügend Nahrung fand, mußte
die jugendliche, ziemlich bewegliche Reblaus neue Nahrungsquellen
aufsuchen und dabei unterirdisch einen mühsamen Weg von Rebstock zu
Rebstock zurücklegen. Im sächsischen Weinbau war zur Vermehrung der
Weinstöcke das sogenannte Senkverfahren üblich: von einem Mutterstock
wurden die Reben niedergebogen und in die Erde eingegraben, damit
die Zweigspitzen, über der Erde hervorragend, zu neuen Rebstöcken
heranwuchsen. Hierdurch wurden für die wandernden Jungläuse von Stock
zu Stock bequeme unterirdische Brücken geboten, und wir dürfen in den
meisten Fällen die rasche Verheerung der sächsischen Berge auf dieses
Senkverfahren zurückführen. – Mit jedem Karstschlag, mit jedem vom
Winzerfuße weitergetragenen Erdklümpchen verbreitete sich der tückische
Feind über alle Weingelände der Lößnitz, und bald konnte ein Kundiger
_an dem Gilben des Stockes, an der nachlassenden Wuchskraft der Reben,
an dem jährlich geringer werdenden Ertrag_ herausfühlen, daß dem
Weinbau der Lößnitz, ja dem sächsischen Weinbau, eine Katastrophe
drohte. Im Jahre 1885 wurde durch einen Gärtner der Lößnitz in den
Königlichen Weinbergen daselbst die Reblaus aufgefunden und der
sächsischen Regierung darüber pflichtgemäß Bericht erstattet.
Der damalige Garteninspektor Lämmerhirt, als Vertreter des
Landes-Obstbauvereins wurde mit Feststellung und Untersuchung des
Schädlings betraut, und als die Verseuchung größerer Flächen durch die
Reblaus erwiesen war, wurde der Reichsregierung Mitteilung gemacht.
Dieselbe ordnete für Sachsen als Reichskommissar den Oberförster Koch
aus Trier ab und verfügte die durch die internationale Konferenz der
weinbautreibenden Staaten festgesetzten Bekämpfungsmaßregeln. Es zeigte
sich nun, daß die Ausdehnung der Reblausschädigungen in Sachsen bereits
einen großen Umfang angenommen hatte; zumal die königlichen Weinberge
durften infolge ihres starken Befalles als die Herde der Kalamität
betrachtet werden.
Es erregte schon damals großes Erstaunen, daß die Weinbergsinspektoren
nicht vorher auf den schon lange bekannten furchtbaren Rebfeind
aufmerksam geworden waren. Inwieweit einer oder der andern Behörde,
beziehentlich deren Vertretern, entsprechende Vorhalte zu machen wären,
ist jetzt eine müßige Frage.
Tatsache war, daß die von Oberförster Koch mit zahlreichen Hilfskräften
und kostspieligen Bekämpfungsmitteln (Petroleum, Schwefelkohlenstoff)
organisierte Abwehr des Schädlings kaum genügte, um die verseuchten
Weinkulturflächen rechts der Elbe einigermaßen gründlich zu
untersuchen, geschweige denn zu retten.
Bereits im Jahre 1886 wurde mit dem Kampf gegen den übermächtigen
Schädling begonnen.
Woher aber war der Feind zu uns gekommen? War er schon seit
Jahrhunderten bei uns heimisch? Fast mußte es so scheinen, wenn wir die
Größe der Verheerung ermessen, welche die Reblaus nicht bloß bei uns,
nein auch in allen Weinbau treibenden Gebieten Europas[3] angerichtet
hatte. Nach allem, was wir bis jetzt nachprüfen konnten, ist dieser
Schädling aus Nord-Amerika zu uns gelangt. Im Jahre 1865 wurde in der
Provence die Reblaus zuerst auf dem europäischen Kontinent aufgefunden.
Sie soll von Amerika aus in Englands große Weintreibereien gelangt
und auf diesem Umweg auch in die Freilandkulturen des europäischen
Festlandes gekommen sein. Nachdem sie ihren Vernichtungszug in den
_südlichen_ Ländern Europas begonnen, gelangte sie in den achtziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts auch zu uns nach Deutschland.
Zum Verständnis der zu schildernden Bekämpfungsmaßnahmen diene eine
kurze Betrachtung der Lebensweise unseres Schädlings.
[Illustration: Abb. 2 =Die Vernichterin des Lößnitzer Weinbaues: die
Reblaus= (~Phylloxera vastatrix~) in ihrer Entwicklung]
Im Laufe der bereits erwähnten ungeschlechtlich erzeugten Generationen
traten, vielleicht infolge besonderer Ernährung, mit Flügelstumpfen
begabte Läuse auf, die man auf den schönen Namen »Nymphen« getauft
hat (Abb. 2~a~). Aus dieser schon mit einer Art Taille versehenen
Form entwickelt sich in warmen Sommern eine geflügelte Laus: Die
Reblausfliege (Abb. 2~b~). Diese fliegt bei ruhigem Wetter auf
benachbarte Berge und kann, vom Winde getrieben, Kilometerstrecken
zurücklegen. Sie landet schließlich auf einem Weinblatt und legt dort
wenige Eier von teils runder, teils ovaler Form. Aus diesen erst
schlüpfen die eigentlichen »Geschlechtstiere« (Abb. 2~e~); aus den
kleinen runden die Männchen, aus den größeren ovalen die Weibchen.
Beide entbehren der Saugorgane, sind also bloße Geschlechtsmaschinen,
die nur dem Geschäfte der Begattung obliegen. Das befruchtete Weibchen
legt ein einziges, etwas dickschaligeres dunkles Winterei.
[Illustration: