Wir sind gewöhnt, die Lößnitz stolz das Sächsische Nizza zu nennen
– wir können es mit berechtigtem Stolze! Herrliche Bilder des
sonnigen Südens werden durch dieses eine Wort lebendig; wir sehen den
Blütenreichtum dieses gesegneten Gebietes, seine schier unerschöpfliche
Fruchtbarkeit, seine Weinberge, seine Obstgärten, die jedem, der
sie einmal in vollem Blütenschmucke gesehen hat, unvergeßlich sein
werden. Über diesem glanzvollen Bilde haben wir aber ganz verlernt,
gleichzeitig der bescheideneren Bilder der Dresdner Heide zu
gedenken. Und doch ist die stolze Lößnitz sehr wohl von der Heide
abhängig gewesen – bis in die Gegenwart herein! Daß das vergessen
werden konnte, hat seinen Grund wohl vor allem darin, daß die jetzt
üblichen »Heidekarten« nur um ein weniges westwärts über die Prießnitz
herübergreifen. Die »Grundkarte von Deutschland« dagegen gibt auf Blatt
417, 443 die tatsächlichen Verhältnisse: bis weit nach Westen ist hier
das Gebiet der Dresdner Heide zu erkennen, die »Junge Heide« ist mit
umfaßt! Ein im Dresdner Hauptstaatsarchiv aufbewahrtes Forstzeichenbuch
vom Jahre 1571 umgrenzt durch Nennung der Orte, »so umb die Heyde
gelegen,« deren Gebiet: »Nawendorff, Bieschen, Dracha, Rödebeul,
Serckewitz, Ketzschenbroda, Wansdorff, Reichenberg, Bocksdorff,
Wilschdorff, Renes (Rähnitz), Klotzschen, Lausnitz, Langenbrück« usw.
Mathias Oeder hat, etwa im Jahre 1600, ein entsprechendes Kartenbild
gezeichnet.
Eine Wechselwirkung zwischen der Lößnitz und der Dresdner Heide ist
also wohl ohne weiteres anzunehmen. Einige Streiflichter hierzu!
Bekannt ist, daß die Dresdner Heide eins der Jagdgebiete der
sächsischen Fürsten von jeher gewesen ist. Die Wettiner waren
bemüht, dieses Gebiet immer mehr abzurunden, seinen Wildbestand auf
unvergleichlicher Höhe zu halten. Verzeichnisse der Jagdergebnisse
geben überraschende Einblicke, ebenso Berichte, wie der von 1687, in
dem wir lesen, daß »bey der Hirschfeist 609 Mann ... aus 17 Ämbtern
... aufgewarttet« haben, die 19 Mann des Amtes Moritzburg z. B. »vom
13. Julii bis mit den 1. Sept. zusammen 51 Tage ...« Die Dörfer,
die der Wildbahn angrenzten, waren nicht zu beneiden! Immer und
immer wieder klagen sie über entstandenen Wildschaden und bitten um
Entschädigung. Oft erreichen sie erst nach langer Zeit, oft nicht
einmal ganz ihr Ziel!
Das sind Dinge, die genug bekannt, die aber oft geflissentlich
einseitig scharf beleuchtet worden sind! Haben die Bauern der
Lößnitzdörfer nicht auch um anderes gebeten, als um Ersatz für
erlittenen Wildschaden? Haben sie nicht oft auch Gesuche eingereicht,
sich aus der Heide Holz für ihren Hausbau, für Planken um ihre
Weinberge, Holz für Weinpfähle holen zu dürfen? Haben sie dies nicht
ebenso erhalten, wie die Erlaubnis zum Streurechen, zur Hutung in
der Heide? Aber gleich bringt man den Hinweis auf die bäuerlichen
Gegenleistungen, die bestanden haben in »Sensen- und Sicheltagen zum
Vorwerk Ostra und in Jagddiensten auf Dresdner Heide«. Warum fragt man
nicht danach, was jenen im Winter das mangelnde Stroh hätte ersetzen
können, wenn sie das Laub der Heide nicht gehabt hätten?! Warum weist
man nicht darauf hin, wie unentbehrlich ihrem Vieh vom Frühjahre bis
zum späten Herbste diese Hutung in der Heide gewesen ist?!
Ich habe durch eine starke Linie auf der eingangs erwähnten
»Grundkarte« (s. Abb. 1) all die Gemeinden – ohne Dresden –
umschlossen, die in der Heide von jenen Rechten Gebrauch gemacht haben.
Oft zum Schaden des Waldes, zum Schmerze der Oberförster, die sehr wohl
erkannten, wie schädlich ihrem Walde diese Nutzung war!
Eine Bittschrift vom Jahre 1580 möchte ich hier einfügen – nicht, um
Nörglern Stoff zu bieten! Sie betrifft »die Sieben Dorffschafften
Kaditz, Serckwitz, Radebeull, Trachau, Pischenn, Muckten vnd V̈bigen«,
die, wollten sie ihren Holzbedarf decken, nicht etwa in die nahe Heide,
sondern »in den Tarandischen Waldt« ziehen mußten, während »etzliche
Dorffschafften vber der Elbe In die Dreßdnische Heide« gewiesen wurden!
Noch 1593 ist die Angelegenheit nicht endgültig geregelt, weil »der
her Jegermeister durch den Zeitlichen thot von dieser welt abgefordert
worden«.
[Illustration: Abb. 1 =Grundkarte=]
Geldknappheit ist durchaus keine neuzeitliche Erfindung! Anno
1675 hat ein »Wohlverordtneter Cammer-Juncker, auch Ober Forst u.
Wildtmeister ... vor eingelieferte Hirsch Wildts und andere Heuthe
auch Rehe felle und anders (Wölfe sind mehrfach noch genannt!) noch
496 fl 2 gr an Jägerrechte zu fordern«. Er bittet, wenigstens die
Hälfte ihm zu gewähren – die Forderung betraf die Jahre 1670–1675!!
Treue Dienste müssen aber doch belohnt werden! Ist kein Geld da, dann
eben auf andre Weise! Und so war denn der Kurfürst auf den Gedanken
verfallen, sein Waldgebiet dort zu opfern, wo es der Wildbahn nicht
schädlich war: er verlieh an Stelle vielleicht sehr dringlicher
Gehaltszulagen ein Stück derartigen Heidebodens – als Weinbergsgelände!
Die Karte (Abb. 2) nennt Namen und Stand der Bedachten: Forstleute
und Amtsschreiber, Bürgermeister und Kammerdiener, alle werden fast
gleichmäßig bedacht: zwischen vier und sechs Ackern schwankt die Größe
der »Neuen Weinbergstede«. Die Karte zeigt übrigens auch, wie der
Kurfürst gleichzeitig die Gelegenheit benutzt hat, sein Heidegebiet
abzurunden: »Diesen Feldwinkl treten die Zwantzig Personen von Rädebeil
vnderthenigst ab! Zu ergäntzung dieser heyden ecken!« lesen wir unter
anderem im nordöstlichen Teile der Karte – sie ist umgekehrt orientiert
wie unsere Karten! Seit 1627 hat sie geruht – zum ersten Male wird
sie hier abgedruckt – im Dresdner Hauptstaatsarchiv fand ich sie
(Loc. 38525, Rep. XVIIIᵃ, Dresden 185), eine Zeichnung des Balthasar
Zimmermann, des kursächsischen Markscheiders, des Vetters jenes
berühmteren Mathias Oeder, dessen Heidekarte von 1600 bereits Erwähnung
fand.
[Illustration: Abb. 2 =Karte von Balthasar Zimmermann 1627=]
Zimmermann besaß übrigens auch einen Weinberg in unserem Gebiete –
er hatte ja »dem Hause Sachsen langwierige, treue Dienste« genug
geleistet! »Mit großen vncosten hatte er den Platz gerodet, mit
weinstöcken bestecket vnd eine Mauer von Stein vnd Plancken darumb
geführet. Die Soldaten hatten aber (noch dazu im Winter!) die Plancken
wegkgeholet vnd verbrandt«. In der Nähe befand sich ein Fleck, den
seine Erben 1634 gern gehabt hätten. Des Vaters Haus hatten sie
»schulden halber verkauffen müssen, vnd des Weinberges aus ermangelung
Tüngers konnten sie nicht mechtig werden«. Auf jenem Heideflecke
sollten nun »einbaar Kühe des Sommers über ihre trifft vndt weyde
haben«. Der Fleck lag aber innerhalb »der allgemeinen huttung«, der
er auch verbleiben soll, das Gesuch muß also abgelehnt werden – 1638
haben es die Erben noch einmal versucht. Jener Heidefleck reichte
»bis an die Bohmwiese«, so berichtet der Oberforstmeister Bernstein;
Balzer Zimmermanns Erben schreiben: »bis an die Bahnwiese« – und Oeder?
Auf seiner Karte steht: »Am Baum«. Ob nun die »Bahnwiese« endlich
verschwindet und der »Baumwiese« Platz macht?!
Zimmermanns Karte zeigt noch ein anderes sprachlich so lehrreiches
Beispiel: an der »Meisnischen stras« – der alten! – liegt
»Schneeweisens Bres«, also die Weinpresse des Schneeweiß! In
dem erwähnten Schriftstücke von 1627 wird sie oft zur genaueren
Ortsbestimmung benutzt. Das Gelände muß Hofbedienten zugesagt haben;
sie bewerben sich darum, »damit den Armen Gesellen zu fortstellung
der geringen Heußlichen nahrung vnd beßerer erhaltung der Kleinen
Kinderlein solcher vonn den trotzigen Bauern außgeschlagener vbriger
Platz (er hatte den Serkowitzern zunächst nicht zugesagt!), der doch
sonsten von andernn leuten ausgebeten werden dürffte, gleich andern
Dienern vnd Rentherey Schreiben gnedigst bewilliget vnd Erblich
eingereumt werden möge. Die Zinß vnd Landsteuer wollen sie Jedesmahl
gehorsamblich abstatten ...« Für sie, die Ortsfremden, wird nun auf
einmal jene Presse zur »Weißen Preße im Zippell genant«! Wozu auch
»schneeweiß« – weiß genügt! So mag mancher Name entstanden sein, den
wir uns heute nicht mehr erklären können! –
Streiflichter in Verhältnisse, die jahrhundertelang das Leben der
Bewohner der Lößnitz ganz wesentlich beeinflußt haben!