Nachdem wir einen flüchtigen Blick in die gewölbten Räume des
Erdgeschosses geworfen haben, zur Linken in die sogenannte
Tafelstube, zur Rechten in die Marschall- oder Bacchusstube, die
für das herrschaftliche Gefolge bestimmt waren, steigen wir in dem
helmgekrönten Treppenturme, der, nach der Hofseite zu angebaut, das
Haus nur wenig überragt, die einst mit Geweihen reich ausgestattete,
ziemlich enge Treppe empor und betreten im ersten Stock durch die
niedrige, mit grellen Ornamenten ziemlich auffallend bemalte Türe den
_Festsaal_ (siehe Abbildung 13). Welche Farbenfreudigkeit lacht uns
hier entgegen! Welche Fülle verschiedenartigster Bilder, die in die
Decke und in die Wände dicht nebeneinander eingelassen sind, stürmt von
allen Seiten auf uns ein! In erster Linie wird unsere Aufmerksamkeit
gefesselt durch die Decke, die durch buntbemalte Balken und Leisten
in achtzig quadratmetergroße Felder geteilt ist. Jedes Feld zeigt
eine prächtig in Öl gemalte Vogeldarstellung, lauter brasilianische
Arten. Wie mögen Johann Georg II. und seine Zeitgenossen über diese
bis dahin in Europa ganz unbekannten Vertreter der südamerikanischen
Vogelwelt gestaunt haben! Nicht anders als wir werden sie sich
weidlich über alle die schwierigen Namen, die auszusprechen meist
eine besondere Zungenfertigkeit erfordert, belustigt haben, über den
Guirapotiapirangaiuparaba, den Guiraacangatara und wie sie sonst alle
heißen. Ein holländischer Maler, Albert _Eyckhaut_ aus Amersfoort,
der an der niederländischen Forschungsreise des Grafen Johann Moritz
von Nassau-Siegen 1636 bis 1644 nach Brasilien im Auftrage der
Westindischen Kompagnie teilnahm und 1653 bis 1655 in Dresden als
Hofmaler wirkte, schuf die Bilder nach seinen aus der Neuen Welt
mitgebrachten Skizzen. Von einem der anderen damaligen Hofmaler, etwa
Centurio _Wiebel_ oder Christian _Schiebling_, mag der bildnerische
Schmuck der Wände stammen, der nicht auf der künstlerischen Höhe
der Eyckhautschen Vogelbilder steht, aber doch auch seinem Zwecke
vollauf genügt: erheiternd und unterhaltend zu wirken. In den heute
leeren Rahmen über dem etwa in Schulterhöhe ringsum laufenden Simse
waren fünfzig Fürstenbildnisse eingelassen, die der Hof 1889 bei
der Veräußerung des Grundstücks in eines seiner Schlösser bringen
ließ. Unter dem Simse aber sind die wichtigsten Herrschertugenden
durch Frauengestalten versinnbildlicht: die Güte, die Wachsamkeit,
die Tapferkeit usw. Die übrigen kleineren Bilder, die sich in
buntem Gemisch über die Wände verteilen, predigen in teils ernster,
meistenteils aber drolliger Weise Lebensart und Lebensklugheit.
Christus auf Golgatha ist als »Ziel des Lebens« (~Scopus vitae meae
Christus~) bezeichnet. Eine Landschaft mit Weinberg und Kornfeld
erinnert daran, daß »die Obrigkeit so nötig ist als Wein und Brot«. Ein
Mann, der ein Pferd am Schwanze zieht und dafür mit einem tüchtigen
Huftritte bedacht wird, erhält die gute Lehre »Gehe ja vorsichtig und
behutsam mit denen umb, so große Macht und gewaldt haben«, während ein
weinbekränzter Bacchus auf einer Tonne, der einem auf ihn zuspringendem
Flügelpferde zutrinkt, sagen will »Der Wein zwinget manchem oft mehr
Stärke und Weisheit ein, als er kann und vermag« (siehe die beiden
letztgenannten Bilder auf Abbildung 13 über und unter dem Fenster.
Die auf dem Simse stehenden eingerahmten Blätter aus dem Werke
über den Wettinfestzug von 1889 denke man sich weg. Sie stören den
Gesamteindruck).
[Illustration: