Abb. 20 =Talkenberger Hof, Neu-Coswig=]

Wenn auch mit dem Wackerbarthschen Grundstücke die Zahl der

architektonisch reicheren Weinbergbauten im allgemeinen abschließt, so

treffen wir doch stromabwärts wandernd im Tal und an den Höhen eine

weitere große Zahl reizvoller Gebäude an, die jedes für sich eigenartig

und malerisch in die Landschaft eingebettet sind und doch allenthalben

einheitliches Gepräge zeigen. Als besonders malerische Vertreter

dieser Hausgattung sei hier nur der _Talkenberger Hof_ in Neu-Coswig

(Abb. 20) und ein _Haus in Oberspaar_ (Abb. 22) angeführt. Friedliche

Beschaulichkeit atmet das alte Gemäuer, breite ausdrucksvolle Putz-

und Dachflächen, breit gelagerte Fenster- und Türöffnungen,

Verzicht auf den Ausbau des Daches, das sind die Hauptrezepte des

baulichen Gestaltens. Je mehr wir durch eigene Beobachtung den Gründen

der harmonischen Wirkung solcher Gebäude nachspüren, um so eher

wird es uns gelingen, die verlorene Bautradition in unserem Volke

wiederherzustellen, die innere gefühlsmäßige Erfassung der Bauaufgabe,

das war es, was uns in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen war.

[Illustration: Abb. 21 =Spaargebirge bei Meißen. Deutsche Bosel= (Aus

dem Heimatschutzarchiv)]

[Illustration: Abb. 22 =Weinbergshaus, Oberspaar= (Aus dem

Heimatschutzarchiv)]

Und noch ein Blick auf die Weinbergshäuser des _Meißner Landes_!

Wer kennt nicht diese Zeugen liebenswürdiger Heimatkunst, die zu

fröhlicher Einkehr einladenden Weinschankgüter auf der Bosel und im

Spaargebirge, allen voran die Deutsche und die Römische Bosel, das von

Hagensche Weingut und den Meißner Ratsweinberg mit seinen malerisch

in die Bergfalten gefügten Bauten? (Abb. 21.) Wer erinnert sich nicht

gemütlicher Dämmerstunden beim Schieler und weltverlorener Träumereien

unter dem Blätterdach alter knorriger Baumgestalten? Weitab von Tanztee

und Geschäftsfieber haltet Einkehr an solchen Stätten, und Ihr werdet

den Wiederschein der friedlichen Lebenskultur verklungener Tage in

Euch erleben und den vielgepriesenen Fortschritt der neuen Zeit nur

skeptisch beurteilen. Vom gegenüberliegenden Elbufer grüßen herüber die

Burgen Scharfenberg und Siebeneichen, diese stolzen und ehrwürdigen

Zeugen nationaler Geschichte und deutscher Baukunst und rufen uns

dunkle Sagen und bunte Geschehnisse ins Gedächtnis. Dort fanden in noch

schlimmeren Zeiten als den unseren Vertreter des geistigen Deutschlands

gastfreundliche Aufnahme. Werden der Heimat die Tage innerer Erneuerung

wiederkehren, wird das fratzenhafte Gesicht des heutigen Lebens wieder

edleren Zügen weichen?

[Illustration: Abb. 23 =Batzdorfer Totenhäuschen bei Meißen= (Aus dem

Heimatschutzarchiv)]

Wer ließe sich nicht ergreifen von der eindrucksvollen Sprache uralter

Kultur, wie sie in Abb. 23 zu uns redet? Auch dieses »_Batzdorfer

Lusthaus_« verdankt wohl seine Entstehung der Weinkultur, steht es

doch dicht an Weinbergsfeldern auf dem linksseitigen Elbufer zwischen

Scharfenberg und Siebeneichen, sagenumwoben und geheimnisvoll,

»Totenhäuschen« nennt es auch der Volksmund. Nur seines weltversunkenen

Eindrucks halber so benannt? Oder weiß das graue Gemäuer von

menschlicher Tragik mehr zu raunen als uns überliefert wurde?

[Illustration: Abb. 24 =Crassoscher Weinberg, Meißen= (Aus dem

Heimatschutzarchiv)]

Doch weiter im Zuge der Elbe ins rechtselbige Meißen selbst. Hier

steht nahe der alten Steinbrücke von der Niederung gesehen kühn in

das Blau des Himmels ragend ein kleines Bauwerk von eindrucksvollem

Äußern (Abb. 24). Auf glattem, würfelförmigen Geschoßbau ruhen

reichgeschwungene Renaissancegiebel derben Profils. Zum ehemaligen

_Crassoschen Weinberg_ gehört das Häuschen und wurde um 1600

errichtet, es entbehrt nicht des für Meißen so charakteristischen

reichgeschmückten Portals mit den seitlichen Sitzplätzen.

[Illustration: Abb. 25 =Rittergut Proschwitz, Weinbergshaus= (Aus dem

Heimatschutzarchiv)]

Wer je auf schmuckem Elbschiff von Meißen stromabwärts fuhr, wird

sich bestimmt des reizenden Lusthauses des _Proschwitzer Rittergutes_

erinnern. Märchenhaft grüßt es vom rechten Bergufer herab, stolz in den

Horizont gestellt, traulich mit zeltartiger Mansarde gleich einer Haube

bedeckt und behäbig überwölbt von einem mächtigen Blätterdach: eine

wahre Lust von einem Haus und dekorativ die Landschaft beherrschend wie

selten eins. Unser Bildchen (Abb. 25) zeigt uns das Haus allerdings

vom Berge aus gesehen und ohne den Weinberg, der sich terrassenförmig

zum Elbufer hinabsenkt. Noch ist die Heimat reich an Stimmungswerten,

die oft im Schlichten am stärksten auf uns einwirken und einstürmen.

Daß von Künstlerhand oft versucht worden ist, im Bilde die eigenartige

Stellung des Gebäudchens in der Landschaft zu verwerten, kann nicht

wundernehmen, es sei hier nur an die glückliche Radierung des Meißner

Malers Barth erinnert.

[Illustration: Abb. 26 =Weinbergshaus Seußlitz= (Aus dem

Heimatschutzarchiv)]

Unsere leider allzu beschränkte Bilderreihe beschließt als letzter

Ausklang der Weinbergsherrlichkeit ein Winzerhäuschen, das oberhalb des

prächtigen barocken _Seußlitzer Schlosses_ erbaut wurde (Abb. 26). Wie

bei einem guten Werk der Baukunst schließen sich die immer wiederholten

Horizontalen der malerischen Steinmauern mit dem Rhythmus der sie

durchkreuzenden vertikalen Weinstöcke und der steileinschneidenden

Bergtreppe zu einer wohlabgewogenen Gesamtbildwirkung zusammen, und

fast will es uns scheinen, als ob alle diese Mauerschichtungen zu

nichts anderm ersonnen wurden, als auf den einen stolzen Trumpf auf

Bergeshöhe, das Häuschen mit dem elegant geschwungenen Dach, feinsinnig

vorzubereiten, steht es doch wie ein Ausrufezeichen in den Himmel

gereckt und als wollte es sagen, freut Euch mit mir, noch ist Lust und

Leben, trotz grimmiger Feinde und allen Wehleides, das Euch bedrückt!

Fußnote:

[1] Die inzwischen erfolgte Erneuerung hat leider unseren auf

sie gesetzten Hoffnungen nicht entsprochen.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 5-6 · 第 38 / 100 题