Wenn wir von den Elbhöhen unterhalb Dresdens, etwa vom Standpunkte
des Spitzhauses, ins weite lichte Land hinausblicken und, die
tektonischen Massen der herüber- und hinübergrüßenden stolzen Ufer
abwägend, das Bild des breit und majestätisch dahinziehenden Elbstromes
in uns aufnehmen, werden die zu unseren Füßen sich ausbreitenden
Niederungen gar bald unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Welch ein
unübersehbares Häusermeer! Kauert sich doch von Dresden bis nahe an
Meißen, zwischen Gärten und Alleen eingebettet, ein Häuschen neben
das andere; kleine Giebelfenster blitzen unter roten und dunkelblauen
Dächern auf, in nicht endenwollender Zahl sind menschliche Siedlungen
und Arbeitsstätten zwischen Strom und Berg verstreut.
Vor solcher Übervölkerung der heimatlichen Erde erschrickt man, und
leise mischt sich die ständig mit uns wandelnde Sorge um das Los
unseres gequälten Volkes in die fröhliche Wanderstimmung. Und doch,
wer die trauten heimatlichen Täler und Höhen ins Herz geschlossen
hat, den werden die üppigen Gärten und die von weiter Sicht so simpel
daliegenden und in der Nähe gesehen so kompliziert auf die modernen
Bedürfnisse der Menschen eingestellten Siedlungen auch mit Zuversicht
erfüllen, denn sie versinnbildlichen ihm mit eindringlicher Macht
die unüberwindliche Kraft des Volkes, die auch durch jahrzehntelange
Unterdrückung hindurch zum Lichte strebt. Sind doch all diese Gehöfte
und Werkstätten innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Erdboden
geschossen und haben eine vollkommene Umwertung der Landschaft
hervorgerufen.
Der Wanderer, der gegen Anfang oder um die Mitte des verflossenen
Jahrhunderts die Elbhöhen erstieg, konnte noch landschaftliche
Bildungen von vollendeter Reinheit und Lieblichkeit bewundern, von
denen der heutige Zustand kaum noch einen matten Abglanz widerspiegelt.
Wem ständen, wenn er sich jener Zeiten erinnert, nicht Ludwig
Richtersche Radierungen vor Augen, auf denen die Poesie der Weinkultur
verherrlicht wurde? Sie sind für immer dahin, jene anmutigen Zeiten der
Bergeinsamkeit, die Tage farbenreicher ländlicher Feste, der wandernden
Gesellen und versonnenen Zecher.
Und nur unsre Phantasie kann uns von der Unberührtheit der damaligen
Lößnitzberge eine Vorstellung geben, als dort noch ein weiter
großer Garten Gottes war, umzäunt und durchschnitten von tausend
Steinmäuerchen und Treppchen, die sich bergab und bergauf zwischen
saftigem Weinlaub, knorrigen Nußbäumen und uralten Linden dahinzogen,
als dieses ganze sonnige Berg- und Hügelland samt der vorgelagerten
breiten Talsohle, über und über in Grün getaucht, noch frei war von
städtischen Ansiedlungen, und als dieses ewige Grün nur an ganz wenigen
Stellen und wohlberechnet durchsetzt war von den fröhlichen roten
Ziegeldächern und weißen Mauerflächen der kleinen Winzerhäuschen und
Weingüter. Uns bleibt, wenn wir jene alten schönen Zeiten neuerleben
wollen, nichts übrig, als sehenden Auges umherzuschweifen und den
alten trauten Zeugen einer verklungenen Kultur nachzuforschen. Mit der
Freude des Entdeckers werden wir zwischen Rebstöcken, abgebrochenen
Alleen und verfallenen Mäuerchen diese malerischen Häuschen eins nach
dem anderen auffinden und mit steigendem Entzücken feststellen, welch
große künstlerische Einheit sie umfaßt, wie immer und immer wieder
das trauliche Walmdach wiederkehrt, wie hinsichtlich der Stellung
des Häuschens zur Straße und zum Weinberg und der künstlerischen
Verflechtung von Haus, Garten und Berg überall dieselbe ordnende
Hand tätig gewesen zu sein scheint. Stand doch das Winzerhaus wie
das vornehme Landhaus immer unten im Tal und überließ das sonnige
Berggelände dem Rebstock, der sich bis zum Bergkamm hinaufzog. Dort
aber an höchster Stelle entstanden allerliebste Wachthäuschen, denn zur
Zeit der reifenden Trauben war dort Aufsicht geboten. Welche anmutige
Lösungen fanden unsere Vorfahren hierfür, welche entzückenden Türmchen
und Pavillons krönen allerorts die Weinbergsgrundstücke und erzählen
von der fröhlichen Schaffenslust der Bewohner und von ihrem feinen und
natürlichen Gefühl für bauliche Aufgaben!
Wenden wir uns kurz dem geschichtlichen Ursprung und Werdegang der
Weinbergsbauten in der Lößnitz zu, so ist zunächst festzustellen, daß
aus der Zeit vor 1550 nichts Bemerkenswertes erhalten ist, und daß die
überwiegende Zahl der baulichen Anlagen vom Anfang des achtzehnten bis
zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurde. Da aber die
Rebenkultur in den Elbbergen viel älteren Ursprungs ist, glaubt man
sie doch, auf gewisse Urkunden fußend, bis ins zwölfte Jahrhundert,
also in die Zeit der Neubesiedlung des Landes durch die Deutschen,
zurückverfolgen zu können, so scheint die Geschichte des sächsischen
Weinbaues nun schon dreiviertel Jahrtausend mit der Entwicklung
unserer engeren Heimat verknüpft zu sein. Im frühen Mittelalter, als
Sorben und Deutsche um den fruchtbaren Boden gerungen haben, wurde
der Weinbau von den Klöstern und Kirchenfürsten gefördert, und gewiß
war Meißen auch der Ausgangspunkt dieser wichtigen Kulturerscheinung,
deuten doch gewisse altüberlieferte Orts- und Gebäudebezeichnungen, so
z. B. die der Bischofspresse in Zitzschewig, auf diese Tatsache hin.
Jahrhundertelang war die kleine Rebenstadt das Herz des Landes, bis
sie infolge von dessen politischer Umbildung das Zepter an Dresden
abtreten mußte. Der Weinbau aber hat indessen nicht aufgehört, im
Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle zu spielen, und wir
können annehmen, daß die Rebenkultur im Verlaufe der Jahrhunderte von
ausschlaggebender Bedeutung für die landschaftliche Gestaltung des
Elbgebirges und für sein bauliches Bild gewesen ist.
Von Dresden aus übernahmen dann die weltlichen Fürsten die Fürsorge für
den Weinbau, höfische und städtische Kultur ist es, die von jetzt ab im
Gefolge des Weinbaues in die Berge vordringt. Es sind die reichsten und
schönsten Blätter der sächsischen Kulturgeschichte, die sich uns nun
eröffnen, die Zeit des farbenprächtigen Barockes, jener wundervollen
Stilgebundenheit, die dem gesamten Leben der damaligen Zeit Glanz und
Weihe verlieh. August der Starke und seine schönheitstrunkene Zeit! Die
Strenge des Hofzeremoniells löste ein um so freieres, ungebundeneres
Landleben aus; erschöpft von den gesundheitraubenden Hoffesten und
überdrüssig des Staubes der bewegten Stadt, bestiegen die zierlichen
Perückendamen und höflichen Kavaliere die breiten Staatskutschen, und
hinaus in die weinumrankten Berghäuschen ging die fröhliche Fahrt,
anmutigen Schäferspielen und neuen Intrigen entgegen. Und nun beginnt
ein herzerquickender Wetteifer der baulustigen Stadtherren, immer
schönere Weingüter zu ersinnen, immer lieblichere Gebilde aus Stein
und Dachwerk zwischen malerischen Bergtreppen und schnurgeraden Alleen
hervorzuzaubern. Freilich die Namen der Künstler sind verschollen.
Sei es drum, war doch das ganze schönheitsgierige Jahrhundert
kunstbegabt, war doch jeder ein Meister. Waren auch viele der damals
entstandenen Weinbergshäuser kleineren Umfanges und von bescheidenem
Äußeren, so erscheinen sie uns, die wir der baulichen Verwilderung
der letzten Jahrzehnte müde sind und gierig dem Schatz unserer guten
alten einheimischen Kunst nachforschen, doch alle wie Zeugen aus einer
besseren Zeit, in der anständige künstlerische Durchbildung des Hauses
noch eine selbstverständliche Forderung war.
Als Auftakte der Lößnitzbaukunst sind in erster Linie das launige mit
reicher den Wein verherrlichender Plastik geschmückte Portal im Garten
der Hellerschänke, sodann das an der _Baumwiese_ gelegene Fachwerkhaus
(Abb. 1) zu nennen. Es soll der Gräfin Cosel als Zuflucht gedient haben
und zeigt im Innern noch einige Reste reicherer Raumdurchbildung,
worauf ja schon der prächtige Fachwerkserker, der in unserer Gegend
selten vorkommt, hindeutet. Zu diesen auf die Lößnitz vorbereitenden
Bauwerken gehört aber auch der gut umrissene Gasthof »Pfeifer« in
Wahnsdorf und das alte _Weingut am Wilden Mann_, Döbelner Straße 108
(Abb. 2).
[Illustration: Abb. 1 =Fachwerkhaus an der Baumwiese=