Von Reg.-Baurat Dr. _Paul Goldhardt_

Wenn wir von den Elbhöhen unterhalb Dresdens, etwa vom Standpunkte

des Spitzhauses, ins weite lichte Land hinausblicken und, die

tektonischen Massen der herüber- und hinübergrüßenden stolzen Ufer

abwägend, das Bild des breit und majestätisch dahinziehenden Elbstromes

in uns aufnehmen, werden die zu unseren Füßen sich ausbreitenden

Niederungen gar bald unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Welch ein

unübersehbares Häusermeer! Kauert sich doch von Dresden bis nahe an

Meißen, zwischen Gärten und Alleen eingebettet, ein Häuschen neben

das andere; kleine Giebelfenster blitzen unter roten und dunkelblauen

Dächern auf, in nicht endenwollender Zahl sind menschliche Siedlungen

und Arbeitsstätten zwischen Strom und Berg verstreut.

Vor solcher Übervölkerung der heimatlichen Erde erschrickt man, und

leise mischt sich die ständig mit uns wandelnde Sorge um das Los

unseres gequälten Volkes in die fröhliche Wanderstimmung. Und doch,

wer die trauten heimatlichen Täler und Höhen ins Herz geschlossen

hat, den werden die üppigen Gärten und die von weiter Sicht so simpel

daliegenden und in der Nähe gesehen so kompliziert auf die modernen

Bedürfnisse der Menschen eingestellten Siedlungen auch mit Zuversicht

erfüllen, denn sie versinnbildlichen ihm mit eindringlicher Macht

die unüberwindliche Kraft des Volkes, die auch durch jahrzehntelange

Unterdrückung hindurch zum Lichte strebt. Sind doch all diese Gehöfte

und Werkstätten innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Erdboden

geschossen und haben eine vollkommene Umwertung der Landschaft

hervorgerufen.

Der Wanderer, der gegen Anfang oder um die Mitte des verflossenen

Jahrhunderts die Elbhöhen erstieg, konnte noch landschaftliche

Bildungen von vollendeter Reinheit und Lieblichkeit bewundern, von

denen der heutige Zustand kaum noch einen matten Abglanz widerspiegelt.

Wem ständen, wenn er sich jener Zeiten erinnert, nicht Ludwig

Richtersche Radierungen vor Augen, auf denen die Poesie der Weinkultur

verherrlicht wurde? Sie sind für immer dahin, jene anmutigen Zeiten der

Bergeinsamkeit, die Tage farbenreicher ländlicher Feste, der wandernden

Gesellen und versonnenen Zecher.

Und nur unsre Phantasie kann uns von der Unberührtheit der damaligen

Lößnitzberge eine Vorstellung geben, als dort noch ein weiter

großer Garten Gottes war, umzäunt und durchschnitten von tausend

Steinmäuerchen und Treppchen, die sich bergab und bergauf zwischen

saftigem Weinlaub, knorrigen Nußbäumen und uralten Linden dahinzogen,

als dieses ganze sonnige Berg- und Hügelland samt der vorgelagerten

breiten Talsohle, über und über in Grün getaucht, noch frei war von

städtischen Ansiedlungen, und als dieses ewige Grün nur an ganz wenigen

Stellen und wohlberechnet durchsetzt war von den fröhlichen roten

Ziegeldächern und weißen Mauerflächen der kleinen Winzerhäuschen und

Weingüter. Uns bleibt, wenn wir jene alten schönen Zeiten neuerleben

wollen, nichts übrig, als sehenden Auges umherzuschweifen und den

alten trauten Zeugen einer verklungenen Kultur nachzuforschen. Mit der

Freude des Entdeckers werden wir zwischen Rebstöcken, abgebrochenen

Alleen und verfallenen Mäuerchen diese malerischen Häuschen eins nach

dem anderen auffinden und mit steigendem Entzücken feststellen, welch

große künstlerische Einheit sie umfaßt, wie immer und immer wieder

das trauliche Walmdach wiederkehrt, wie hinsichtlich der Stellung

des Häuschens zur Straße und zum Weinberg und der künstlerischen

Verflechtung von Haus, Garten und Berg überall dieselbe ordnende

Hand tätig gewesen zu sein scheint. Stand doch das Winzerhaus wie

das vornehme Landhaus immer unten im Tal und überließ das sonnige

Berggelände dem Rebstock, der sich bis zum Bergkamm hinaufzog. Dort

aber an höchster Stelle entstanden allerliebste Wachthäuschen, denn zur

Zeit der reifenden Trauben war dort Aufsicht geboten. Welche anmutige

Lösungen fanden unsere Vorfahren hierfür, welche entzückenden Türmchen

und Pavillons krönen allerorts die Weinbergsgrundstücke und erzählen

von der fröhlichen Schaffenslust der Bewohner und von ihrem feinen und

natürlichen Gefühl für bauliche Aufgaben!

Wenden wir uns kurz dem geschichtlichen Ursprung und Werdegang der

Weinbergsbauten in der Lößnitz zu, so ist zunächst festzustellen, daß

aus der Zeit vor 1550 nichts Bemerkenswertes erhalten ist, und daß die

überwiegende Zahl der baulichen Anlagen vom Anfang des achtzehnten bis

zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts errichtet wurde. Da aber die

Rebenkultur in den Elbbergen viel älteren Ursprungs ist, glaubt man

sie doch, auf gewisse Urkunden fußend, bis ins zwölfte Jahrhundert,

also in die Zeit der Neubesiedlung des Landes durch die Deutschen,

zurückverfolgen zu können, so scheint die Geschichte des sächsischen

Weinbaues nun schon dreiviertel Jahrtausend mit der Entwicklung

unserer engeren Heimat verknüpft zu sein. Im frühen Mittelalter, als

Sorben und Deutsche um den fruchtbaren Boden gerungen haben, wurde

der Weinbau von den Klöstern und Kirchenfürsten gefördert, und gewiß

war Meißen auch der Ausgangspunkt dieser wichtigen Kulturerscheinung,

deuten doch gewisse altüberlieferte Orts- und Gebäudebezeichnungen, so

z. B. die der Bischofspresse in Zitzschewig, auf diese Tatsache hin.

Jahrhundertelang war die kleine Rebenstadt das Herz des Landes, bis

sie infolge von dessen politischer Umbildung das Zepter an Dresden

abtreten mußte. Der Weinbau aber hat indessen nicht aufgehört, im

Wirtschaftsleben des Landes eine große Rolle zu spielen, und wir

können annehmen, daß die Rebenkultur im Verlaufe der Jahrhunderte von

ausschlaggebender Bedeutung für die landschaftliche Gestaltung des

Elbgebirges und für sein bauliches Bild gewesen ist.

Von Dresden aus übernahmen dann die weltlichen Fürsten die Fürsorge für

den Weinbau, höfische und städtische Kultur ist es, die von jetzt ab im

Gefolge des Weinbaues in die Berge vordringt. Es sind die reichsten und

schönsten Blätter der sächsischen Kulturgeschichte, die sich uns nun

eröffnen, die Zeit des farbenprächtigen Barockes, jener wundervollen

Stilgebundenheit, die dem gesamten Leben der damaligen Zeit Glanz und

Weihe verlieh. August der Starke und seine schönheitstrunkene Zeit! Die

Strenge des Hofzeremoniells löste ein um so freieres, ungebundeneres

Landleben aus; erschöpft von den gesundheitraubenden Hoffesten und

überdrüssig des Staubes der bewegten Stadt, bestiegen die zierlichen

Perückendamen und höflichen Kavaliere die breiten Staatskutschen, und

hinaus in die weinumrankten Berghäuschen ging die fröhliche Fahrt,

anmutigen Schäferspielen und neuen Intrigen entgegen. Und nun beginnt

ein herzerquickender Wetteifer der baulustigen Stadtherren, immer

schönere Weingüter zu ersinnen, immer lieblichere Gebilde aus Stein

und Dachwerk zwischen malerischen Bergtreppen und schnurgeraden Alleen

hervorzuzaubern. Freilich die Namen der Künstler sind verschollen.

Sei es drum, war doch das ganze schönheitsgierige Jahrhundert

kunstbegabt, war doch jeder ein Meister. Waren auch viele der damals

entstandenen Weinbergshäuser kleineren Umfanges und von bescheidenem

Äußeren, so erscheinen sie uns, die wir der baulichen Verwilderung

der letzten Jahrzehnte müde sind und gierig dem Schatz unserer guten

alten einheimischen Kunst nachforschen, doch alle wie Zeugen aus einer

besseren Zeit, in der anständige künstlerische Durchbildung des Hauses

noch eine selbstverständliche Forderung war.

Als Auftakte der Lößnitzbaukunst sind in erster Linie das launige mit

reicher den Wein verherrlichender Plastik geschmückte Portal im Garten

der Hellerschänke, sodann das an der _Baumwiese_ gelegene Fachwerkhaus

(Abb. 1) zu nennen. Es soll der Gräfin Cosel als Zuflucht gedient haben

und zeigt im Innern noch einige Reste reicherer Raumdurchbildung,

worauf ja schon der prächtige Fachwerkserker, der in unserer Gegend

selten vorkommt, hindeutet. Zu diesen auf die Lößnitz vorbereitenden

Bauwerken gehört aber auch der gut umrissene Gasthof »Pfeifer« in

Wahnsdorf und das alte _Weingut am Wilden Mann_, Döbelner Straße 108

(Abb. 2).

[Illustration: Abb. 1 =Fachwerkhaus an der Baumwiese=

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 5-6 · 第 13 / 100 题