Nichts von dem Allen, was in dieser seligen Stunde, deren Zeuge nur
Gott war, zwischen den Gatten vorging... nichts von den wollustvollen
Thränen und von den selig-wehmuthvollen Freudenergüssen. -- Alexander
hatte Cölestine treu erfunden -- der Nebel des Mißtrauens war
zerrissen -- die Schatten der Zwietracht flohen mit ihm davon -- die
Welt war wieder schön -- die Erde hatte ihr Grün, der Himmel seine
Sonnenpracht...
Alexander erfuhr nun auch noch so manche von jenen Dingen, die zu
allererst den Keim des Argwohns in seine Brust gelegt hatten; er
erfuhr, daß jene Blume, jene Hortensie, die er einst im Schlafgemache
gefunden und welche ihn zuerst so unglücklich machte, die Stelle
eines Amulet vertreten habe. Es war Cölestinen von einer alten Frau
angerathen worden, und so sprach die Wahrsagerin: so lange diese Blume
an dem Busen der jungen Frau ruhen werde, so lange werde sie mit ihrem
Gatten glücklich sein. --
Das hatte sich denn im Laufe der Zeit auch bewährt.
Ferner: die zwei Briefe, die er in ihrem Boudoir gefunden, waren von
niemand Anderem, als ihrem Bruder Edmund, eben so auch die Haarlocke --
und die Ringe....
Auf die Zahlen hatte sie in die Lotterie gesetzt....
Noch blieb jedoch Etwas zu lösen übrig.
Wer war jener geheimnißvolle, finstere Warner gewesen, der sich dem
Grafen überall unsichtbar in den Weg gestellt, an die Fersen gehangen
und so Schreckliches geweissagt hatte, was auch stets, dem Scheine nach
wenigstens, eingetroffen war. So lange dieser Punkt nicht erörtert war
-- konnte Alexander doch noch nicht so ganz vollkommen beruhigt sein.
-- Sodann, wer war jener zweite sonderbare, nicht minder geheimnißvolle
Mensch, der gleich einem Gespenste sich in die Salons der Gräfin und
ihrer Freunde schlich -- man hatte ihn nicht kommen, man hatte ihn
nicht gehen sehen; man hatte nur seine bösen Rufe gehört und seine
unheimliche Gestalt geschaut? -- --
Auch hierüber wollen wir sogleich Auskunft ertheilen.
Dreizehntes Kapitel.
Schluß.
Es war am heutigen Tage unser schöner Freund Althing in den Prater, der
zu dieser Zeit schon seine grünen Sprößlinge aussendete -- spazieren
gegangen, und nachdem er sich, Gott weiß aus welcher Laune, in dessen
entferntesten Garten verloren hatte -- war er auf eine Dame gestoßen,
welche mit einem Buche in der Hand hier auf einem abgebrochenen
Baumstamme saß. Diese Dame schien sehr in ihrer Lektüre vertieft und
wendete keinen Blick ab von derselben; doch unser Adonis ließ sich
dadurch nicht irre machen, sondern setzte sich ohne weiteres neben sie
hin und redete dieselbe an...
Da hob sie zwei Augen empor -- so blau wie der Saphir und ein Gesicht
so schön wie ein junger Morgen; nämlich seiner Meinung nach. Noch nie
glaubte Herr von Althing das gefühlt zu haben, was jetzt in seiner
Brust vorging (wir wissen jedoch, er glaubte stets also!) -- -- und,
wie es seine Art war, er machte hier dem Mädchen ohne weiteres seine
Liebeserklärung....
Und sofort stand sie auf, verließ den Platz, und ging weiter. Er aber
ging nach; und als sie den Weg nach der Stadt einschlug, folgte er ihr
ebenfalls dorthin.
Sie führte ihn auf diese Weise aus einer Straße in die andere, bis sie
zuletzt auf der +Bettlerstiege+ in ein Haus trat, sich jedoch
zuvor noch umsah.
„Richtig!“ lächelte Althing und griff vorsichtig an seinen gefärbten
Schnurbart; „die ist total in mich verschossen! -- Ach! dieser Blick
war zu stark! -- Armes Mädchen -- Du sollst erhört werden.... denn
was ich für Dich empfinde, ist +wahre+ Liebe!... Zum +ersten
Male+ durchdringt dieses höhere Gefühl meine Jünglingsbrust! Ich
sehe -- bei meinem bisherigen Leben kommt nichts heraus -- ich bin
entschlossen, ein neues anzufangen.“
Er trat nun ebenfalls in das Haus -- und da er das Mädchen nach dem
hintersten Winkel desselben gehen sah, ging er auch dahin -- -- doch
fürchtete er hier zu einer gewissen Abtheilung zu gelangen, die einem
Parfümerie-Laden eben nicht ähnlich ist. Statt dessen gelangte er zu
einer hölzernen Treppe und stieg sieben volle Etagen -- wie es stets
sein Geschick wollte -- der Dulcinea nach. Endlich trat er fast mit ihr
zugleich in eine kleine räucherige Stube, welche ihres Gleichen nicht
hatte.... jetzt sah er sich mit dem Mädchen allein.
„Aber was hat das zu bedeuten, mein Herr?“ fragte sie....
„Es hat zu bedeuten, mein Fräulein, daß ich Sie liebe.“
„Und weiter? --“
„Daß ich ohne Sie nicht leben kann.“
„Allein -- --“
„Kurz... da ich jetzt in den besten Jahren bin und es mir auch nebenbei
ernstlich vorgenommen habe -- biete ich Ihnen meine Hand an....“
Bei diesen Worten lief das Mädchen zur Thür hinaus.
Er stand einige Secunden verblüfft auf dem Platze, da vernahm er im
Nebenzimmer zwei Männerstimmen, die sich zu zanken schienen. --
„Ich sage Ihnen, daß ich keinen Tag länger auf den letzten Posten,
welchen Sie mir von der Affaire noch schulden, warte. Wo Sie mich
nicht noch heute bezahlen -- zeige ich die ganze Geschichte durch ein
anonymes Schreiben dem +Grafen von A--x+, so wie dem +Generale
von Randow+ an... die mögen es Ihnen dann entgelten, was durch Ihre
Bemühung dem armen jungen Menschen +Edmund+ Schlimmes widerfahren
ist... Auf Ehre!“
Bei Nennung dieser Namen stutzte Althing und stellte sich näher an die
Wand, um besser zu hören:
„Sie müssen noch kurze Zeit Geduld haben, mein Bester!“ ließ sich die
andere Stimme vernehmen -- und Althing glaubte sie zu erkennen.
„Uebrigens,“ fuhr diese Stimme fort -- „halte ich Sie nicht für den
Thoren, das zu thun, womit Sie so eben drohten, denn was gewinnen
+Sie+ damit? Nichts.“
„Aber Sie, mein Liebster, verlieren doch -- auf Ehre!“
„Aber dann kann ich Sie dafür auch auf’s Zuchthaus bringen -- guter
Lips.“
„Wir sind gegen solche Möglichkeiten sicher gestellt, mein Guter; auf
Ehre!“
„Das wollen wir doch sehen -- hahaha!“
„Ja -- das werden wir auch sehen, hahaha .... ohne daß ich
hinzuzusetzen brauche: -- Auf Ehre!“
Jetzt wurde eine Thür zugeworfen und bald darauf entfernte sich Jemand
unter schallendem Gelächter über die Treppe.
Gleich darauf trat das Mädchen herein; an ihrer Seite aber schritt
jener Sterbliche, welchen wir als unsern wackern Meister Lips bereits
seit lange zu kennen die besondere Ehre haben. --
„Dieser Herr hier will mich zur Frau nehmen!“ sagte sie kurz.
„Ist das wahr?“ fragte Lips eben so kurz den Adonis.
„Gewiß!“ antwortete dieser ein wenig erstaunt.
„Meine Tochter Philomela,“ sagte Lips zu ihm gewendet, „ist ein sehr
gebildetes Mädchen; sie ist eine +Emancipirte+! -- Mit dieser
Erklärung werden Sie genug haben. Sie kann Latein, Französisch,
Griechisch, Slowakisch, Hebräisch, Chaldäisch, Maurisch, Ungrisch,
Böhmisch, Hindostanisch, Malajisch -- und auch Deutsch; ferner ist sie
in der Astronomie, der Chemie, der Physik, der Musik, der Geographie
-- der Skulptur -- in den Militairwissenschaften -- in der Aesthetik
und Botanik -- in der Heraldik und Anatomie -- endlich in allen übrigen
weißen, schwarzen, braunen und gelben Wissenschaften und Künsten
bewandert. Auf Ehrenwort! -- -- Sie sehen, mein Herr, was Sie Alles mit
ihr bekommen! Sie bekommen in diesem Mädchen eine ganze Universität. --
-- +Jedoch was bringen Sie mit, mein Herr?+“
„Ich bin der Herr von Althing -- --“
„Das ist Nebensache, auf Ehre! -- Was +haben+ Sie, frage ich, mein
Lieber?“
„Wohlan -- ich besitze eine Rente von 8000 Gulden Silbergeld -- -- --“
„Ah -- Unterthänigster Diener! -- das läßt sich hören, auf Ehre. --
Also Sie wollen meine Tochter zum Weibe?“
„Ja.“
„Nun gut -- Sie sollen sie haben, jedoch mit der Bedingung, daß Sie
die 8000 Gulden jährlich durch mich erheben lassen. -- Sein Sie jedoch
unbesorgt; Sie sollen Ihr Geld in monatlichen Raten -- bei Heller und
Pfennig von mir ausgezahlt bekommen.... ich will mit dem Ganzen nur
+speculiren+, jedoch zu +meinem Besten+. Ist Ihnen dieser +Contract+
genehm, so machen wir ihn sogleich als +Ehecontract+ in aller
gesetzlichen Form giltig?“
Althing willigte ein. Er war froh, endlich einmal ein Weib gefunden zu
haben, die, wie er sah, es mit ihm ernstlich meinte.
Noch in der nämlichen Stunde wurde das Instrument von einem
Rechtsverständigen aufgesetzt und mit gesetzlicher Kraft versehen. --
* *
*
Und noch an demselben Tage erfuhr +Alexander+ von dem Adonis, welcher
sich deßhalb eigens zu ihn verfügte, Alles das, was wir bereits
wissen; nämlich, daß Lips nur auf Veranlassung des Barons +von Leuben+,
jenes finstern, leidenschaftlichen, abgewiesenen Anbeters Cölestinens,
die Wechselfälschung Edmunds vor Gericht geltend gemacht hatte. --
Ein Zweikampf war die Folge davon. Leuben, tödtlich verwundet, bekannte
mit ersterbenden Lippen, daß er nicht nur Cölestinen, sondern auch
ihrem Manne, ihrem Bruder, ihrem ganzen Hause Rache geschworen --
die er auch, so weit als es irgend seiner menschlichen Kraft möglich
war, vollzogen habe. Damals bei der Trauung habe er nach Alexander
geschossen, jedoch nicht getroffen; darauf habe er Stunde für Stunde
auf das Unglück Beider gesonnen.... es sei ihm auch gelungen, dasselbe
bis zum jetzigen Augenblicke zu nähren; und -- -- jener geheime
+Warner+, jener Unglücksbote Alexanders -- sowie jener mysteriöse,
durch Maskirung unkenntlich gemachte Fremde in dem Salon Cölestinens
sei +er+ gewesen.
Nach dieser Beichte hauchte der Elende seinen Geist aus.
Was Edmunds Schicksal betraf, so gelang es dem Einflusse des Grafen,
sowie wie jenem des Chevaliers, dasselbe zum Guten zu wenden; er wurde
zuletzt noch der Freund seines Schwagers -- und wir sehen ihn in
späterer Zeit sogar eine sehr bemerkenswerthe Staats-Carriere machen.
-- Was die übrigen Personen angeht, welche in dieser Geschichte
auftraten, so wird ihr ferneres Schicksal mit wenigen Zügen angedeutet
werden können.
Das Stiftsfräulein nahm ein schauderhaftes Ende, wie dies edle Herz es
auch verdiente. Bei einer Probe, welche sie mit ihrem neuerfundenen
+Tannenzapfenmehl+ bei sich selbst machte, bekam sie den Magenbrand und
starb unter Convulsionen, wobei sie jedoch stets bei Nero schwur, daß
ihre Erfindung vortrefflich sei und der Menschheit zum Heil gereichen
werde. --
Gräfin von Wollheim strickte ihre Strümpfe für den
Wohlthätigkeitsverein fort und fort. Ihr Gemahl, als er keinen
Gefährten mehr beim Fasse fand, wurde wieder Jäger, jedoch entsagte er
dem geliebten Fasse nicht gänzlich.
Frau von Porgenau lachte ein Mal über einen Witz ihres Mannes so sehr,
daß sie todt auf dem Platze blieb. Er, der berühmte Bonmotist hingegen,
wurde immer berühmter; nur ließ man ihn in keinem Salon mehr zu.
Der Chevalier von Marsan war und blieb auch in der Ferne der Freund
Cölestinens, ihres Gemahls und ihrer Eltern. Seine frühere Leidenschaft
für die Gräfin übertrug er auf zehn Andere. --
Die kleine, schöne Alexandrine wurde von Cölestine an Kindesstatt
angenommen; sie blühte inmitten der glücklichen Gatten, deren einziges
Kind sie nicht lange blieb -- zur edlen Jungfrau heran. --
Ende.
Gedruckt bei +Friedrich Andrä+.
Fußnoten:
[A] Man verzeihe uns diese Clauren’sche Abbrechung. D. Verf.
[B] A. von Sternberg.
[C] Ikarus Flügel.
[D] Geld.