Neben einer Fontaine saßen einige Damen, unter denen die Gräfin von
Wollheim und das Fräulein von Bomben hervorstachen. Man unterhielt sich
hier über das Fest, über den Geber desselben -- und erschöpfte sich in
Conjunkturen wegen der glänzenden Belohnung, die ihm sein König für
einige wichtige Dienste in letzterer Zeit zuertheilt hatte. Unvermerkt
wußte das Stiftsfräulein, welches die schöne Kunst besaß, das Wort
überall an sich zu reißen, das Gespräch auf einen neuen Gegenstand zu
bringen, auf einen ihrer Lieblingsgegenstände.
„Sie haben wohl schon von dem remarkablen Falle gehört, meine Damen --
der sich vor einigen Tagen in der N** Straße zugetragen und welcher
in naher Verbindung mit dem Chevalier von Marsan, besser gesagt in
+direkter Verbindung mit ihm+, steht?“
Es ließen sich nun einige Angaben vernehmen -- die alle von dem
wirklichen Faktum abwichen und auch alle unter einander verschieden
waren.
„Nein, nein!“ versetzte das Stiftsfräulein: „das Alles ist nichts! --
Weit von der Scheibe! wie man zu sagen pflegt. Ich bin über den Punkt
genau unterrichtet und kann Ihnen aus authentischen Quellen Geschöpftes
mittheilen. So hören Sie denn!“ --
„Vor vier Tagen -- doch es war zur Nachtzeit, es war nach Mitternacht
-- hielt die Equipage des Chevaliers, welche aus diesem Hause
abgefahren war, wie gewöhnlich in der N** Straße, und er, nämlich
Herr von Marsan, stieg heraus. Nachdem er seinem Kutscher den Befehl
ertheilt hatte, ihn hier zu erwarten (+wie gewöhnlich!+ muß ich
hinzusetzen), bis er zurückkehren werde, begab er sich zu Fuße auf
Umwegen nach der Wohnung der Gräfin A--x, zu dem Gartenpförtchen (Alles
wie gewöhnlich, meine Damen). -- Hier wartete er einige Augenblicke,
nach welchen sich das Pförtchen öffnete und Cölestine bis über die
Zähne maskirt heraustrat, (wie gewöhnlich). Sie fiel ihm um den Hals
und rief: „Endlich! Endlich! Nach langem Harren und Fürchten....
endlich bist Du da, Geliebter, und ich kann Dich an mein Herz drücken.
-- Böser, böser Mann -- warum hast Du mich eine so ewig lange Zeit in
ängstlicher Ungeduld harren lassen?... Es ist ja beinahe fünf Minuten
später, als Du kommen solltest!“ Hahaha! Hahaha! -- Was sagen Sie
dazu -- meine Damen?“ wandte die Erzählerin sich zu ihrer Umgebung,
fuhr jedoch gleich darauf wieder fort: „Nachdem sie diese schönen
Worte ausgesprochen, die edle Gräfin von A--x, auch dasjenige, was sie
enthielten, richtig gethan hatte (wie gewöhnlich!), hing sie sich an
den Arm des zärtlich Geliebten und schlug mit ihm den Weg nach seinem
Hause, nach diesem Hause hier, ein -- -- (Alles wie gewöhnlich!) Ach,
welcher zauberische Spazierweg Nachts im Mondenschein durch eine
entlegene, höchst romantische Gegend! Welche Worte wurden da, welche
Blicke ausgetauscht -- welche Küsse rauschten durch die heilige Stille
der Nacht -- welche Liebesseufzer -- oder auch Liebesgestöhne.... und
was sonst noch Alles!? -- Denn Sie wissen doch, Gräfin Cölestine ist
eine Candidatin des hohen Frauenvereins.... hahaha!“
„Zur Sache, beste Freundin! zur Sache!“ -- riefen die ungeduldigen
Zuhörerinnen, die anstatt der Floskeln Thatsachen verlangten.
„Nun denn also weiter! -- Die zwei holden Leutchen vergnügten sich drei
Stunden lang im freien Felde zwischen Sträuchern und Bäumen .... der
gute Mond sah anfangs recht gutmüthig schalkhaft in diese Wirthschaft
hinein... zuletzt jedoch mochte es selbst ihm, dem Langmüthigen, zu
toll werden -- und was thut er, der brave alte Kerl? -- Er sendet
leise und klug einen seiner schärfsten Strahlen auf die pittoreske
Gruppe des Liebespaares, so daß diese, trotz der getreuen Büsche und
Blätter, so grell beschienen wird, wie am Tage... Alles das war noch
immer wie gewöhnlich! -- Jetzt jedoch kommt etwas Ungewöhnliches...
Im Augenblicke der vollen Beleuchtung... stürzt ein Mann, der sich
bisher versteckt gehalten, hervor und auf die engverschlungene Gruppe
des Liebespaars... der Mann hat einen Degen -- und will damit die
Verbrecher züchtigen.... Jedoch ist dieser Mann ein Ehrenmann, ein
Biedermann, ein Engel von einem Manne; statt allein auf die Beiden
loszustürzen, wozu er doch das vollkommenste Recht besaß, bietet
er dem Chevalier einen Degen an und will es mit ihm im Zweikampfe
ausmachen. ... Armer Ehrenmann! Armer Biedermann! -- Was geschieht
anstatt dessen? -- -- In dem Augenblick, wo er sich seinem Gegner
nähert und ihm eine von den zwei Waffen, die er selbst mitgebracht
hatte, anbietet -- entreißt die zärtliche Gräfin Cölestine ihm dieselbe
und fällt ihn von hinten mit der Wuth einer Tigerin an.... (Wer hätte
dies Alles der sanftmüthigen Gräfin zugetraut!) .... Nunmehr versieht
sich Herr von Marsan seines Vortheils, ihm kann man so etwas weniger
übel nehmen -- -- stürzt seinerseits auf den armen Mann, welcher
alsbald zu Boden gerissen -- und, (durch wen von Beiden weiß man nicht)
dermaßen zugerichtet wird, daß er aus mehreren Wunden blutet und ein
entsetzliches Wehgeschrei ausstößt...“
„Das ist Alles selbst entsetzlich!“ schauderte der Zirkel, spannte aber
seine Aufmerksamkeit immer schärfer an.
„Bei diesem Ruf entfliehen die Verbrecher, und eilen dem Platze zu, wo
noch die Equipage Marsans steht... aber Wuth und Verzweiflung gaben dem
Verwundeten die Kraft, sich wieder rasch vom Boden aufzuraffen -- und
er folgt den Zweien nach. Das war ein Rennen und ein Laufen! Man hätte
es für eine Jagd halten können -- oder für ein Wettrennen... hahaha! --
Und das Geschrei des Verfolgenden, wie der Verfolgten! -- -- „Elende!
Ihr sollt es mit Eurem Leben büßen!“ „„Allmächtiger Himmel! rette
uns!““ -- u. s. w. -- -- Aber der Himmel und respective die Göttin
Venus weiß die Ihrigen zu beschützen... mit einem Worte: der Rächer
war eben am Wagenschlage angelangt -- als die Equipage mit dem darin
geborgenen Liebespaar pfeilschnell abfuhr... so daß der Arme nur mehr
ein entsetzliches Wuthgeheul ausstoßen konnte.... Venus, Amor, sowie
den ganzen Himmel verfluchend.... und das mit Recht, denn rathen Sie,
meine Freundinnen, wer dieser arme Mann wohl war --?“
„Nun -- es wird doch nicht...?“ hieß es wie aus einem Munde.
„Ja, ja -- -- es war ihr Mann, +Cölestinens Mann+, der arme,
bedauernswürdige, redliche und betrogene Graf +Alexander von
A--x+, einer der edelsten Cavaliere dieser Residenz war es!“
Nach einer Pause voll tiefen Erstaunens -- fragte eine von den Damen:
„So ist er also hier in der Residenz?... So liegt er also irgend wo
krank, verwundet zum Sterben, der edle, gute, unglückliche Graf...“
„Wie Sie sagen, so ist es, meine Beste. Er liegt in einer elenden Hütte
-- denn seine treulose Gemahlin und ihr Haus will er nicht mehr sehen
-- krank, leidend, zum Tode verwundet ... wahrscheinlich wird der
Märtyrer bald seinen Geist ausgehaucht haben....“
„Das Alles scheint mir indessen doch ein wenig unglaublich!“ bemerkte
jetzt Gräfin Wollheim, nachdem sie lange mit einem ziemlich hohen
Grade von Mißbehagen zugehört hatte, ohne sich entschließen zu können,
drein zu reden; endlich war es ihr indessen doch zu bunt geworden: sie
konnte diese Anklagen gegen ihre Freundin Cölestine nicht länger ruhig
mit anhören.... wiewohl es ihr auch anderseits wieder schwer fiel,
gegen das Fräulein von Bomben aufzutreten -- da diese sich ja ebenfalls
ihrer Freundschaft erfreute.
„Reden wir lieber von etwas Anderem!“ bemerkte die brave Gräfin, welche
mit dieser Wendung einen Meisterstreich ausgeführt zu haben glaubte:
„Reden wir von unseren Arbeiten, von unseren Beschäftigungen, wenn es
Ihnen gefällt, meine Damen. Was mich betrifft... so habe ich wieder
eine Jacke und drei Paar Strümpfe von starker Wolle gestrickt....“
„Ah, ah! für den edlen Frauenverein!“ fiel die Stiftsdame ein.... „Wer
weiß,“ lachte sie, „welchem braunen Bauerburschen diese Jacke von einer
der hohen Vorsteherinnen zugedacht werden wird.... haha!“
Bei diesen Worten ging der Chevalier an der Gesellschaft vorüber:
„Meine Damen -- meine Gnädigen,“ sagte er mit einem artigen Lächeln:
„man rüstet sich zum Spiel, zum Tanze. Welchem Vergnügen werden Sie den
Vorzug geben?“
„Natürlich dem erstern -- wenn wir bei dem zweiten nicht blose
Zuschauer bleiben wollen!“ bemerkte das Fräulein.
„Nun denn erlauben Sie, daß ich Ihnen den Arm biete, um Sie nach dem
Spielzimmer zu führen....“
Er begleitete die Gräfin von Wollheim -- die Andern folgten.
„Ich werde dort, wie ich hoffe, die edlen Mitglieder des saubern
Frauenvereins finden!“ murmelte das Fräulein zwischen den Lippen --
denn Zähne, wie wir wissen, hatte sie keine -- dann rief sie mit Zorn
aus: „Beim Domitian, Alarich und Genserich! -- ich werde Ihnen heute
zeigen, mit wem sie’s eigentlich zu thun haben.... Hilf Samiel!“
So wie der Graf Wollheim seine Frau nach dem Spielzimmer gehen sah,
machte auch er sich auf und folgte -- nicht ihr, sondern seinem Stern,
das will sagen: seinem Durst. Er hatte bisher mit zwei oder drei
Herren, die sich für außerordentliche Jäger hielten, gesprochen und
fand -- daß wenn sie auch mit einem Theil der edlen Weidmannskunst
umzugehen verstanden, sie doch im andern keinen Bescheid wußten.... und
dieser zweite Theil schien ihm seit langer Zeit der +erste+ zu sein.
Er fand nämlich, daß, während jene zwei Herren nur immer von Hirschen,
Ebern, dem Anstand, der Fährte, dem Hallali -- Fängern -- Suchern --
Schlingen und Doppelbüchsen redeten -- -- sie der +Humpen+, +Krüge+,
+Flaschen+ und +Fässer+ niemals erwähnten. -- Das schien ihm jedoch
eine sehr miserable Jägerei -- er ärgerte sich dabei im Stillen schier
zu Tode -- jemehr aber sein Aerger wuchs, desto mehr wuchs auch sein
Durst, wie jeder Physiolog oder Patholog Euch haarscharf beweisen
wird. -- -- Er riß sich demnach in einem Augenblicke, wo dies thunlich
war, von dieser schlechten Gesellschaft los -- sagte, er wollte seine
Gemahlin begleiten -- statt dessen begleitete er sich selbst -- in die
Kellnerei. Wir sehen ihn hier noch einige Zeit, darauf verschwindet er
hinter mannigfachem Trinkgeschirre unseren Blicken. --
Der General und die Generalin hatten sich auch zu den Spieltischen
begeben, und so ist denn jetzt beinahe der ganze Kreis unserer
Bekannten auf einem Punkte vereint, gleichsam als hätte das Schicksal
sie mit Willen hier zusammengeführt. -- -- Da saß die Wittwe E--z und
ihr gegenüber Herr von Labers; gleich daneben General Randow, die
Gräfin Wollheim und die Generalin.... ferner mehrere Damen und Herren,
die zur nähern Bekanntschaft der Letzteren gehörten und die wir oft in
ihrem oder ihrer Tochter Salon angetroffen haben. Der Chevalier trat
auf kurze Zeit herein, begab sich jedoch bald wieder in den Salon,
wo getanzt wurde und wo seine Anwesenheit dringend erforderlich war.
Dieser Salon stand mit dem Spielzimmer, von welchem wir hier sprechen,
durch zwei große offene Thüren in Verbindung, und man konnte ihn daher
seiner ganzen Ausdehnung nach von jedem Spieltische aus übersehen....
Dieser Umstand war für das fromme Stiftsfräulein von unberechenbarem
Nutzen -- denn sie auf ihrem Sitze konnte jetzt den ganzen Kreis ihrer
Feindinnen -- Opfer darf man wohl sagen --: sie konnte acht oder
zehn Damen, welche neben einander im Salon saßen, beständig im Auge
behalten; und diese Damen gehörten sämmtlich zum Frauenverein.
In der Brust der seltenen Menschenfreundin kochten in diesem
Augenblick, wie in einem Hexenkessel, Gift, Galle, Rache, Schlangen
und Ottern -- nebst noch andern Species, mit denen man seine Feinde
vertilgt; sie warf zeitweise wahre Belialsblicke hinüber, und wenn
sie dann jene Frauen so sorglos und heiter sah, murmelte sie vor sich
hin: „O auch Babylon war vergnügt und lachte -- bevor der Donner
d’reinschlug... hahaha! Geduld -- Samiel umschleicht Euch schon!...
Hilf Samiel!“
In diesem Augenblicke gab sie einem dicken Kerl, der in der Tracht
eines Verschnittenen steckte -- und einen großen Korb in der Hand hielt
(der Kerl war so eben erst eingetreten und hinter einer Draperie stehen
geblieben, so daß er noch von Niemand bemerkt wurde), einen Wink; er
trat mit seinem Korbe vor und auf ein neues raschgegebenes Zeichen
schritt er in den Salon -- geradewegs auf die Damen des Frauenvereins
zu, denen er, bevor sie noch Zeit hatten, sich von ihrer Ueberraschung
zu erholen, den Korb vor die Füße stellte -- worauf er rasch in’s
dichteste Gedränge verschwand...
Jetzt ertönte ein lautes Geschrei aus dem Korbe -- man öffnete ihn.....
und Alles prallte zurück.
In dem Korbe lagen drei kleine Kinder, deren jedes einen Zettel in der
Hand hielt, wovon der erste so lautete:
„An die Frau Baronin von **!“
Geliebteste! -- Hier sende ich Ihnen Ihren und meinen Sohn zurück,
welchen ich Ihrem Willen gemäß insgeheim bei meiner Mutter erziehen
lassen sollte, nachdem Sie ihn dort geboren hatten, während die
Welt glaubt, Sie seien mittlerweile auf einer Reise nach Venedig
begriffen gewesen. Da Sie meiner Mutter, der armen Frau, das
Kostgeld bereits seit 14 Tagen nicht haben zugehen lassen, sehen
wir uns zu dem gegenwärtigen Schritte gezwungen, falls das kleine
Würmchen nicht Hungers sterben soll.
Ganz der Ihrige
bis in den Tod
+Andreas Tunker+,
Schmiedegeselle in Penzing.
Die andern zwei Zettel, an zwei andere Frauen, welche ebenfalls hier
saßen, gerichtet -- enthielten ähnlichen Text, daher wir es für
überflüssig halten, denselben anzuführen.
Es gab eine entsetzliche Scene! Die Residenz hatte sie bisher noch
nicht erlebt -- -- aber das Unerhörte erneuert sich in unserer Zeit,
besonders wenn es von dieser natürlichen Art ist, wie das gegenwärtige.
Nachdem die betreffenden Frauen gebührend in Ohnmacht gesunken waren,
nachdem man sie und auch die Kinder weggebracht hatte -- nachdem
schließlich die edelste der Stiftsdamen und Menschenbeglückerinnen im
Stillen ein heißes Dankgebet an Samiel oder irgend einen Andern von
seiner Sippschaft gerichtet hatte.... gab sich die übrige Gesellschaft
im Aeußern wieder zur Ruhe.... wie es jedoch im Geheimen bei ihr
bestellt war, davon wird man sich leicht einen Begriff machen.
Der Herr des Hauses war durch den Vorfall auf’s Tödtlichste
verletzt.... er hatte sogleich allen seinen Domestiken den Befehl
ertheilt, dem dicken Ueberbringer des überraschenden Festgeschenkes
nachzusetzen.... von demselben war indessen keine Spur mehr zu
entdecken.
Dieses Intermezzo war kaum zu Ende -- -- als ein zweites, ein anderes,
dem es ebenfalls nicht an Originalität gebrach, begann....
Die nach dem Korridor gehende Thür des Spielzimmers wurde aufgerissen
und zwei Menschen stürzten herein, deren Aussehen und Zustand der
ganzen Gesellschaft einen Schrei entriß...
Ein älterer, großer, starker Mann, der von allen gebräuchlichen
Kleidungsstücken nur die Beinkleider und das Hemde auf dem Leibe hatte
-- welches letztere jedoch sowohl vorne offen und aufgerissen, wie an
dem Arme bis über die Ellbogen hinaufgeschürzt war.... stolperte mit
einem rothen, erhitzten Gesichte, in dem die Augen furchtbar rollten,
herein -- schrie mit einer Stimme, die einem Löwen anzugehören schien
und focht dabei mit den Armen in der Luft umher:
„Ha! --“ rief er: „endlich sind wir da! -- Endlich haben wir den Platz
gefunden! -- Endlich können wir uns produziren....“
Bevor wir jedoch weiter gehen, müssen wir erzählen, wie der Zweite
aussah.
Dieser war ein ganz junger Mensch -- und befand sich in demselben
Zustande, wie sein Begleiter. Sein Gesicht war krankhaft, bleich, und
selbst der Geist, welcher jetzt im Innern der Brust wirkte, vermochte
nicht, ihm eine lebhaftere Röthe zu verleihen; dieses Gesicht nun hatte
auf der einen Wange eine große, weit klaffende Wunde, von welcher, wie
es schien, erst vor Kurzem, und zwar gewaltsamer Weise, der Verband
abgerissen worden war.... auch der rechte Arm war verwundet und es
drang selbst durch das Hemd noch Blut heraus. Im Uebrigen erschien der
Anzug des Jünglings noch paradiesischer wie jener des Alten.... maßen
dieser biedere Jüngling in Socken umher ging und das Beinkleid bis zum
Bauch hatte herabfallen lassen. -- --
Man wird es vielleicht schon errathen haben: wir sehen +Wollheim+
und +Edmund+ im erleuchtetsten Zustande vor uns....
„Oh!“ brüllte der Nimrod: „das war ein schändlicher Streich, welchen
man mir seit so vielen Monaten gespielt hat.... Man hat mir meinen
Freund, Schüler, mein Jüngelchen entzogen.... man hat ihn unten in der
Nähe des Kellers in einer verschlossenen Stube gefangen gehalten....
Beim St. Hubertus! Das ist ein Verbrechen, welches mindestens der
+Waldbrennerei+ gleichkommt und mit dem Spießen sollte bestraft
werden.... Da gehe ich armer verlassener Jägersmann, in meiner Trübsal
-- Stärkung zu suchen in unterirdischen Räumen -- über die Treppe
hinab. -- Ich verfolge meine Fährte in diesem guten Hause hier Schritt
für Schritt und gelange richtig.... vor die Kellerthüre. -- Aber,
Alle Sechzehnender! -- -- sie ist verschlossen.... da fange ich an zu
rütteln -- -- es geht nicht -- -- da rufe ich und schreie nach dem
Kellermeister.... Jetzt plötzlich geht eine andere Thür neben mir
auf.... und wer stürzt mir um den Hals?.... Der Kellermeister aller
Kellermeister! -- Mein Freund, mein Schüler, mein Jüngelchen, mein
Stolz, mein Königshirsch.... kurz Edmund!“
Bei diesen Worten stürzte nun auch er ihm um den Hals und diese beiden
trefflichen Schützen begannen laut heulend zu weinen. --
„Ich wollte blos,“ sagte der Graf: „der Welt und seinen betrübten
Eltern ihn zeigen, ihnen verkünden, daß er lebt -- lebt -- in ihrer
Nähe ist -- und weder bei einem Duell bei Prag fiel, noch sonst wohin
an’s Ende der Welt reis’te.... wie so oft von schändlichen Lügenmäulern
vorgegeben wurde.... Aber,“ schrie der Jäger wild auf wie im Walde:
„das muß untersucht werden! Alle Kreuz- und Quer-Fährten, das muß
untersucht werden! Weßhalb hat man diesen jungen hoffnungsvollen Ritter
und Waidmann in Gefangenschaft gehalten?.... weßhalb hat man diese
Blume der Jünglinge hinter Riegel und Schloß gesteckt?.... denn er
schmachtete da unten in dem dumpfen Loche, wie er sagte, seit mehrern
Monaten. -- Weßhalb also, frag’ ich noch einmal?...“ Hier wurde der
Redner jedoch so schwach, daß er sein Gleichgewicht verlor und auf die
Stiftsdame fiel....
Marsan hatte der Scene mit wüthenden Blicken zugesehen und eben sich
beeilt, mit Hilfe zweier Herrn sich der Trunkenen zu bemeistern,
als, an diesem, an Ereignissen unerschöpflichen, Tage -- ein neues
hereinbrach.
In dem Augenblick, wo Marsan auf Edmund zuschritt, trat eine Person --
von Außen herein und stellte sich rasch zwischen Beide.
+Es war der Graf Alexander von A--x.+
Er sah bleich wie der Tod aus und stützte sich auf einen Stock.
Mit der Hast des Blitzes -- warf er seinen Blick auf den Chevalier
und sodann auf Edmund ... da trug sich ein physiologisches Phänomen
zu, welches unerhört sein mochte. Die bleiche Krankenmiene Alexanders
-- strahlte im Nu von Leben, Kraft und Entzücken.... und seine früher
convulsivisch zuckenden Lippen stießen einen mächtigen Freudenruf aus:
„Großer Gott -- was seh ich! Ist es möglich! -- Nicht Sie, mein
Herr,“ wandte er sich zum Chevalier „sind in jener Nacht von einem
Degen getroffen worden -- sondern +Edmund+ der Bruder meiner
Frau...?.... So hat also er Cölestinen begleitet und nicht Sie....“
Da faltete sich wieder die Stirne Alexanders plötzlich und er sprach
dumpf: „Aber wie dies Alles zusammenhängt, will mir nicht klar
werden... O vielleicht ist das Schreckliche dennoch geschehen.....“
Marsan besann sich einen Augenblick; sodann ergriff er rasch den Grafen
bei der Hand und zog ihn mit sich fort in ein Kabinet. -- --
Hier begann er:
„Da es so weit gekommen ist, daß nichts mehr verschwiegen werden kann
-- da das Schicksal selbst einen Zipfel des Tuches aufhob, womit ein
Geheimniß bedeckt war, welches nur noch kurze Zeit hätte bedeckt
bleiben sollen, da dann vielleicht andere günstige Umstände eingetreten
wären, so erfahren Sie, Herr Graf, zuerst: Ihre Gemahlin ist so
unschuldig wie ein neugebornes Kind. --“
„Aber Beweise! Beweise!“ schrie Alexander, unter dessen Füßen es
brannte -- über dessen Haupte die Welt einzustürzen drohte....
„Hier sind die Beweise. Edmund von Randow, der Bruder Ihrer Gemahlin,
hat sich durch leichtsinnigen Unbedacht und durch böse Gesellschaft
schon frühzeitig in die mißlichsten Umstände gebracht -- seine Finanzen
zerrüttet und Wucherern sich in die Arme geworfen. Anstatt seine
Lebensweise zu ändern -- oder aber sich seinem Vater anzuvertrauen
und von ihm einen größeren Geldzufluß für sich zu erwirken -- schritt
der schlechtberathene junge Mann auf seinem alten Wege fort....
gerieth aus einer Verlegenheit in eine größere.... und wurde zuletzt
mit einem unvergleichlichen Seelenverkäufer, +Lips+ oder wie
dieser Kerl sonst heißt, bekannt; dieser verleitete ihn, um ihn ganz
in seine Hände zu bekommen -- selbst zu schändlichen Streichen!...
zum Verkauf seines Eigenthums! seiner Kostbarkeiten, seiner Möbel....
und so fort! Um diese Zeit traf ich mit Edmund zusammen; -- ich halte
es für meine Pflicht, jetzt ein Bekenntniß abzulegen, welches mir
in diesem Augenblick zu thun möglich ist, da ich noch zeitig genug
von einem Vorhaben abstand, welches mich Ihnen gegenüber schuldig
gemacht hätte: Ich liebte Ihre Gemahlin -- und ich habe es gewagt,
ihr meine Leidenschaft merken zu lassen. -- Ich glaubte Anfangs, von
ihr ermuthigt zu werden (Sie werden ohne Zweifel sich jener Tage in
Ihrem Salon so wie in jenem der Generalin E--z erinnern, Herr Graf!)
-- -- aber ich irrte mich, wie ich später sah: das, was ich für eine
Gewährung meiner Ansprüche hielt, war von Seite Cölestinens nichts
als Artigkeit und jene lebhafte Geselligkeit, soll ich vielleicht
sagen auch ein wenig -- Koketterie gewesen, welche unbeschadet ihrem
Herzen -- ihr eigenthümlich ist. -- -- Herr Graf, wissen Sie, worum es
sich damals im Salon der Generalswittwe E--z besonders handelte?...
Wissen Sie, weshalb bald ich, bald Edmund sich der Gräfin so dringend
näherten? Damals wollte Edmund, in seinem +eigenen Interesse+
um des Himmelswillen -- mit ihr sprechen; er hatte, wie ich später
erfuhr, damals den traurigen Fehltritt begangen, welcher nachher die
Quelle all seines -- so wie des Unglückes Cölestinens und des Ihrigen
gewesen ist. -- Um kurz zu sein: Edmund hatte falsche Papiere auf
+Ihren+ Namen, Herr Graf, gemacht und dieselben mit seinem eigenen
Herzen zugleich in die Geierskralle des Herrn +Lips+ gelegt...
Lips wollte sie an jenem Abende noch Ihnen präsentiren -- oder von
Edmund den dreifachen baaren Betrag haben .... und der unselige
Jüngling wandte sich, da er sich an sonst Niemand wenden zu dürfen
glaubte -- an seine Schwester, die ihm ihren +Schmuck+.... einen
Schmuck, welchen sie von Ihnen erhalten, gab. -- Dies geschah noch in
derselben Nacht, bald nach der Abfahrt von dem Hause der Generalin
E--z; -- -- Edmund hatte mit seiner Schwester eine Zusammenkunft auf
+ihrem Boudoir, nach Mitternacht+.“ -- -- Hier entfuhr den Lippen
Alexanders ein Schrei der Ueberraschung: „Er also war es gewesen!?“
Marsan aber fuhr fort: „Dieses Geschenk jedoch war für ihn nichts mehr
als ein Palliativ gewesen..... der Werth des Schmuckes reichte nicht
aus.. und Lips +prolongirte+ blos das falsche Papier -- -- behielt
es jedoch bei sich. -- Schon nach wenigen Tagen bestand er unerbittlich
auf +Bezahlung+ desselben.... Edmund hatte entweder den Kopf
oder alles Herz, allen Glauben verloren, denn er hätte sich ja leicht
+mir+ anvertrauen können, ja selbst Sie, mein Herr, obwohl Sie ihn
eines falschen Verdachtes wegen, den ich bei Ihnen jetzt vernichtet
zu haben glaube, haßten -- würden den Aermsten gewiß nicht haben
untergehen lassen... Allein dieser Jüngling war bestimmt -- sich und
seine Familie ganz und gar elend zu machen.... er harrte, harrte, bis
irgend ein Gott aus der Luft seinen mächtigen Arm herabneigen werde....
er harrte, oder vielleicht lebte er in einer Art von Wahnsinn fort --
-- bis der tödtliche Streich geschah.... Sein Würger erschien, forderte
das Geld und -- -- da er es nicht erhielt, ging er vor Gericht. -- --“
„Hier ist ein Räthsel, welches ich nicht zu lösen vermag. Weßhalb ging
Lips vor Gericht? Es war einfacher, sich an Sie oder an die Eltern des
jungen Mannes zu wenden.... so konnte er schleunig zu seinem Gelde
gelangen. Was hatte er von der öffentlichen Compromittirung Edmunds? --
-- Oder war hier nicht +persönliche+ Beziehung mit im Spiel? -- --
Doch, ich hoffe, auch auf diesen dunklen Punkt wird noch Licht fallen.“
„Edmund, von dem Schritte seines Gläubigers in Kenntniß gesetzt --
verbarg sich und entdeckte seiner Familie, er sei nach Prag oder an
die Grenze verreis’t. Ach vergebens! Auch für sie war das blos ein
Palliativ. Sie erfuhren das Unglück Ihres Sohnes noch in derselben
Stunde. -- -- Edmunds Aufenthalt in dieser Zeit war Niemand bekannt,
als seiner Schwester ... später auch seiner Mutter. Aber dieses
Versteck war gegen die Nachstellung der Häscher nicht hinlänglich
gesichert.... und in einem Anfall von Verzweiflung warf Cölestine das
Geheimniß in meine Hände.... sie machte mich zu ihrem Vertrauten,
sie beschied mich.... brieflich ... aber das mißglückte durch Ihre
Dazwischenkunft, Herr Graf.... sie beschied mich sodann durch eine
mündliche Botschaft zu sich. -- Ich entsprach mit Begeisterung dem
ehrenden Vertrauen: ich stellte mich in Person bei ihr ein -- -- und
hier wurde zwischen uns festgesetzt, daß Edmund in +meinem+ Hause
ein verborgenes Zimmer bewohnen sollte. -- Alles dieses wurde sofort in
Vollzug gesetzt....“
„Ihr Haß, mein Herr, gegen Edmund, die Schwierigkeit, diesen Haß
anders zu zerstreuen als durch Blosgebung der Schande des Jünglings
-- die unbezwinglich stolze und hartnäckige Weigerung Ihrer Gemahlin,
Ihnen Alles zu enthüllen.... (sie zog diesem Schritte den Tod vor!)
endlich... die Hoffnung, daß nach und nach, wenn auch in späterer
Zeit -- der Sturm doch wieder vorüberziehen werde.... bewirkten, daß
Cölestine den schrecklichsten Verdacht auf ihr Haupt fallen sah -- ohne
etwas thun zu können -- als zu weinen, zu klagen -- zu verzweifeln....
Sie reis’ten von Wien ab, Herr Graf, Sie bewirkten eine eklatante
Trennung -- -- und Cölestine mußte das Alles geschehen lassen, konnte,
ob auch ihr Herz im Todeskampfe zuckte -- Sie nicht einmal mit einer
Hand zurückhalten. -- Allein Edmund, ihr unglücklicher Bruder, war
geborgen; das gab ihrem Herzen einen schwachen -- mattglimmenden Trost.
Sie kennen die zärtliche Liebe der beiden Geschwister: Cölestine wollte
lieber selbst elend sein, als es ihren Bruder sein lassen. --“
„Sie sah ihn jede Nacht. Jede Nacht um zwölf Uhr erwartete er sie an
dem Gartenpförtchen +Ihres+ Hauses und meine Equipage brachte
Beide hierher in +dieses Haus+ -- wo sie auf Edmunds Zimmer
Stunden lang beisammen blieben.... Wie viele Thränen sind da geflossen!
-- --“
„Doch weiter! -- Meiner Mühe gelang es -- Ihren Aufenthalt zu
entdecken, Herr Graf.... ich wollte für die arme Frau Alles thun, was
in meinen Kräften stand, und so war ich der Ueberbringer ihres Briefes
an Sie auf Ihrem Schlosse, mein Herr......“
„Hier endet meine Erzählung. Ich weiß nichts mehr hinzuzufügen. --“
„Es ist genug!“ versetzte der Graf, kaum noch athmend. Er war in einen
Sessel gesunken. -- Diese Ereignisse hatten seine ganze Mannheit
erschüttert.
Die Freude ist oft schrecklicher als der Schmerz, besonders bei jenen
Naturen, denen dieser häufiger, als jene zu Theil wird. --
In diesem Augenblicke fühlte Alexander Jemand in seine Arme stürzen....
er erhob das matte Auge. Es war +Cölestine+, seine Gattin, die vor
ihm auf den Knieen lag! --