Neuntes Kapitel

Eine Woche war vergangen und über dem Schmidtschen Hause lag eine starke

Verstimmung; Korinna grollte mit Marcell, weil er mit ihr grollte (so

wenigstens mußte sie sein Ausbleiben deuten), und die gute Schmolke

wiederum grollte mit Korinna wegen ihres Grollens auf Marcell. »Das tut

nicht gut, Korinna, so sein Glück von sich zu stoßen. Glaube mir, das

Glück wird ärgerlich, wenn man es wegjagt, und kommt dann nicht wieder.

Marcell ist, was man einen Schatz nennt, oder auch ein Juwel, Marcell

ist ganz so wie Schmolke war.« So hieß es jeden Abend. Nur Schmidt

merkte nichts von der über seinem Hause lagernden Wolke, studierte sich

vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und entschied sich, in

einem mit Distelkamp immer heftiger geführten Streite, auf das

Bestimmteste hinsichtlich der einen für Aegisth. Aegisth sei doch

immerhin sieben Jahre lang Klytämnestras Gemahl gewesen, außerdem

naher Anverwandter des Hauses, und wenn er, Schmidt, auch seinerseits

zugeben müsse, daß der Mord Agamemnons einigermaßen gegen seine

Aegisth-Hypothese spreche, so sei doch andererseits nicht zu vergessen,

daß die ganze Mordaffäre mehr oder weniger etwas Internes, so zu sagen

eine reine Familienangelegenheit gewesen sei, wodurch die nach außen

hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungs- und Zermonialfrage nicht

eigentlich berührt werden könne. Distelkamp schwieg und zog sich unter

Lächeln aus der Debatte zurück.

Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte

Laune vor: Helene war unzufrieden mit Otto, Otto mit Helenen, und die

Mama wiederum mit beiden. Am unzufriedensten, wenn auch nur mit sich

selber, war Leopold, und nur der alte Treibel merkte von der ihn

umgebenden Verstimmung herzlich wenig oder wollte nichts davon merken,

erfreute sich vielmehr einer ungewöhnlich guten Laune. Das dem so war,

hatte, wie bei Wilibald Schmidt, darin seinen Grund, daß er all die Zeit

über sein Steckenpferd tummeln und sich einiger schon erzielter Triumphe

rühmen durfte. Vogelsang war nämlich, unmittelbar nach dem zu seinen und

Mr. Nelsons Ehren stattgehabten Diner, in den für Treibel zu erobernden

Wahlkreis abgegangen, und zwar um hier in einer Art Vorkampagne die

Herzen und Nieren der Teupitz-Zossener und ihre mutmaßliche Haltung in

der entscheidenden Stunde zu prüfen. Es muß gesagt werden, daß er, bei

Durchführung dieser seiner Aufgabe, nicht bloß eine bemerkenswerte

Tätigkeit entfaltet, sondern auch beinahe täglich etliche Telegramme

geschickt hatte, darin er über die Resultate seines Wahlfeldzuges, je

nach der Bedeutung der Aktion, länger oder kürzer berichtete. Daß diese

Telegramme mit denen des ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine

verzweifelte Ähnlichkeit hatten, war Treibel nicht entgangen, aber von

diesem, weil er schließlich nur auf das achtete, was ihm persönlich

gefiel, ohne sonderliche Beanstandung hingenommen worden. In einem

dieser Telegramme hieß es: »Alles geht gut. Bitte, Geldanweisung nach

Teupitz hin. Ihr V.« Und dann: »Die Dörfer am Scharmützelsee sind unser.

Gott sei Dank. Überall diese Gesinnung wie am Teupitzsee. Anweisung noch

nicht eingetroffen. Bitte dringend. Ihr V.« ... »Morgen nach Storkow!

Dort muß es sich entscheiden. Anweisung inzwischen empfangen. Aber deckt

nur gerade das schon Verausgabte. Montecuculis Wort über Kriegsführung

gilt auch für Wahlfeldzüge. Bitte weiteres nach Groß-Rietz hin. Ihr V.«

Treibel, in geschmeichelter Eitelkeit, betrachtete hiernach den

Wahlkreis als für ihn gesichert, und in den Becher seiner Freude fiel

eigentlich nur ein Wermutstropfen: er wußte, wie kritisch ablehnend

Jenny zu dieser Sache stand, und sah sich dadurch gezwungen, sein Glück

allein zu genießen. Friedrich, überhaupt sein Vertrauter, war ihm auch

jetzt wieder »unter Larven die einzig fühlende Brust«, ein Zitat, das er

nicht müde wurde sich zu wiederholen. Aber eine gewisse Leere blieb

doch. Auffallend war ihm außerdem, daß die Berliner Zeitungen gar nichts

brachten, und zwar war ihm dies um so auffallender, als von scharfer

Gegnerschaft, allen Vogelsangschen Berichten nach, eigentlich keine Rede

sein konnte. Die Konservativen und Nationalliberalen, und vielleicht

auch ein paar Parlamentarier von Fach, mochten gegen ihn sein, aber

was bedeutete das? Nach einer ungefähren Schätzung, die Vogelsang

angestellt und in einem eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin

adressiert hatte, besaß der ganze Kreis nur sieben Nationalliberale:

drei Oberlehrer, einen Kreisrichter, einen rationalistischen

Superintendenten und zwei studierte Bauerngutsbesitzer, während die

Zahl der Orthodox-Konservativen noch hinter diesem bescheidenen

Häuflein zurückblieb. »Ernst zu nehmende Gegnerschaft vakat.« So

schloß Vogelsangs Brief, und »vakat« war unterstrichen. Das klang

hoffnungsreich genug, ließ aber, inmitten aufrichtiger Freude, doch

einen Rest von Unruhe fortbestehen, und als eine runde Woche seit

Vogelsangs Abreise vergangen war, brach denn auch wirklich der

große Tag an, der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich

einstellenden Ängstlichkeit und Sorge dartun sollte. Nicht unmittelbar,

nicht gleich im ersten Moment, aber die Frist war nur eine nach Minuten

ganz kurz bemessene.

Treibel saß in seinem Zimmer und frühstückte. Jenny hatte sich mit

Kopfweh und einem schweren Traum entschuldigen lassen. Sollte sie wieder

von Vogelsang geträumt haben? Er ahnte nicht, daß dieser Spott sich in

derselben Stunde noch an ihm rächen würde. Friedrich brachte die

Postsachen, unter denen diesmal wenig Karten und Briefe, dafür aber

desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren, einige, so viel sich

äußerlich erkennen ließ, mit merkwürdigen Emblemen und Stadtwappen

ausgerüstet.

All dies (zunächst nur Vermutung) sollte sich, bei schärferem Zusehen,

rasch bestätigen, und als Treibel die Kreuzbänder entfernt und das

weiche Löschpapier über den Tisch hin ausgebreitet hatte, las er mit

einer gewissen heiteren Andacht: »Der Wächter an der wendischen Spree«,

»Wehrlos, ehrlos«, »Alltied Vorupp« und der »Storkower Bote«, -- zwei

davon waren cis-, zwei transspreeanischen Ursprunges. Treibel, sonst ein

Feind alles überstürzten Lesens, weil er von jedem blinden Eifer nur

Unheil erwartete, machte sich diesmal mit bemerkenswerter Raschheit über

die Blätter und überflog die blau angestrichenen Stellen. Leutnant

Vogelsang (so hieß es in jedem in wörtlicher Wiederholung), ein Mann,

der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und der Hydra das Haupt

zertreten, hätte, sich an drei hintereinander folgenden Tagen dem Kreise

vorgestellt, nicht um seiner selbst, sondern um seines politischen

Freundes, des Kommerzienrats Treibel willen, der später den Kreis

besuchen und bei der Gelegenheit die von Leutnant Vogelsang

ausgesprochenen Grundsätze wiederholen werde, was, so viel lasse

sich schon heute sagen, als die wärmste Empfehlung des eigentlichen

Kandidaten anzusehen sei. Denn das Vogelsangsche Programm laufe darauf

hinaus, daß zu viel und namentlich unter zu starker Wahrnehmung

persönlicher Interessen regiert werde, daß also demgemäß alle

kostspieligen Zwischenstufen fallen müßten (was wiederum gleichbedeutend

sei mit Herabsetzung der Steuern), und daß von den gegenwärtigen, zum

Teil unverständlichen Kompliziertheiten nichts übrig bleiben dürfe als

ein freier Fürst und ein freies Volk. Damit seien freilich zwei

Dreh- oder Mittelpunkte gegeben, aber nicht zum Schaden der Sache.

Denn wer die Tiefe des Lebens ergründet oder ihr auch nur nachgespürt

habe, der wisse, daß die Sache mit dem einfachen Mittelpunkt -- er

vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum -- falsch sei, und daß sich

das Leben nicht im Kreise, wohl aber in der Ellipse bewege. Weshalb

zwei Drehpunkte das natürlich Gegebene seien.

»Nicht übel,« sagte Treibel, als er gelesen, »nicht übel. Es hat so was

Logisches; ein bißchen verrückt aber doch logisch. Das einzige, was mich

stutzig macht, ist, daß es alles klingt, als ob es Vogelsang selber

geschrieben hätte. Die zertretene Hydra, die herabgesetzten Steuern, das

gräßliche Wortspiel mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis

und der Ellipse, das alles ist Vogelsang. Und der Einsender an die vier

Spreeblätter ist natürlich wiederum Vogelsang. Ich kenne meinen

Pappenheimer.« Und dabei schob Treibel den »Wächter an der wendischen

Spree« samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter und nahm

eine halbe »Nationalzeitung« zur Hand, die gleichfalls mit den andern

Blättern unter Kreuzband eingegangen war, aber der Handschrift und

ganzen Adresse nach von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein

mußte. Früher war der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der

»Nationalzeitung« gewesen, und es kamen ihm auch jetzt noch tagtäglich

Viertelstunden, in denen er den Wechsel in seiner Lektüre bedauerte.

»Nun laß sehn«, sagte er schließlich und ging, das Blatt aufschlagend,

mit lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter und richtig, da war es:

»Parlamentarische Nachrichten. Aus dem Kreise Teupitz-Zossen.« Als er

den Kopftitel gelesen, unterbrach er sich. »Ich weiß nicht, es klingt so

sonderbar. Und doch auch wieder, wie soll es am Ende anders klingen? Es

ist der natürlichste Anfang von der Welt; also nur vorwärts.«

Und so las er denn weiter: »Seit drei Tagen haben in unserem stillen

und durch politische Kämpfe sonst wenig gestörten Kreise die

Wahlvorbereitungen begonnen und zwar seitens einer Partei, die sich

augenscheinlich vorgesetzt hat, das, was ihr an historischer Kenntnis

und politischer Erfahrung, ja, man darf füglich sagen an gesundem

Menschenverstande fehlt, durch >Fixigkeit< zu ersetzen. Eben diese

Partei, die sonst nichts weiß und kennt, kennt augenscheinlich das

Märchen vom >Swinegel und siner Fru< und scheint gewillt, an dem Tage,

wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat, eine

jede derselben mit dem aus jenem Märchen wohlbekannten Swinegelrufe:

>Ick bin all hier< empfangen zu wollen. Nur so vermögen wir uns dies

überfrühe Zurstellesein zu erklären. Alle Plätze scheinen, wie bei

Theaterpremieren, vom Leutnant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt

werden zu sollen. Aber man wird sich täuschen. Es fehlt dieser Partei

nicht an Stirn, wohl aber an dem, was noch mit dazu gehört; der Kasten

ist da, nicht der Inhalt ...«

»Alle Wetter,« sagte Treibel, »der setzt scharf ein ... Was davon auf

mein Teil kommt, ist mir nicht eben angenehm, aber dem Vogelsang gönn

ich es. Etwas ist in seinem Programm, das blendet, und damit hat er mich

eingefangen. Indessen, je mehr ich mir's ansehe, desto fraglicher

erscheint es mir. Unter diesen Knickstiebeln, die sich einbilden, schon

vor vierzig Jahren die Hydra zertreten zu haben, sind immer etliche

Zirkelquadratur- und Perpetuum mobile-Sucher, immer solche, die das

Unmögliche, das sich in sich Widersprechende zustande bringen wollen.

Vogelsang gehört dazu. Vielleicht ist es auch bloß Geschäft; wenn ich

mir zusammenrechne, was ich in diesen acht Tagen ... Aber ich bin erst

bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen; die zweite Hälfte

wird ihm wohl noch schärfer zu Leibe gehen oder vielleicht auch mir.«

Und Treibel las weiter:

»Es ist kaum möglich, den Herrn, der uns gestern und vorgestern --

seiner in unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen --

zunächst in Markgraf Pieske, dann aber in Storkow und Groß-Rietz

beglückt hat, ernsthaft zu nehmen, und zwar um so weniger, je

ernsthafter das Gesicht ist, das er macht. Er gehört in die Klasse der

Malvoglios, der feierlichen Narren, deren Zahl leider größer ist, als

man gewöhnlich annimmt. Wenn sein Galimathias noch keinen Namen hat, so

könnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen, denn Cabinet,

Churbrandenburg und Cantonale-Freiheit, das sind die drei großen C,

womit dieser Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preußischen

Staat retten will. Eine gewisse Methode läßt sich darin nicht verkennen,

indessen Methode hat auch der Wahnsinn. Leutnant Vogelsangs Sang hat uns

aufs äußerste mißfallen. Alles in seinem Programm ist gemeingefährlich.

Aber was wir am meisten beklagen, ist das, daß er nicht für sich und in

seinem Namen sprach, sondern im Namen eines unserer geachtetsten

Berliner Industriellen, des Kommerzienrats Treibel (Berliner-Blaufabrik,

Köpenicker Str.), von dem wir uns eines Besseren versehen hätten. Ein

neuer Beweis dafür, daß man ein guter Mensch und doch ein schlechter

Musikant sein kann, und desgleichen ein Beweis, wohin der politische

Dilettantismus führt.«

Treibel klappte das Blatt wieder zusammen, schlug mit der Hand darauf

und sagte: »Nun, so viel ist gewiß, in Teupitz-Zossen ist das nicht

geschrieben. Das ist Tells Geschoß. Das kommt aus nächster Nähe. Das ist

von dem nationalliberalen Oberlehrer, der uns neulich bei Buggenhagen

nicht bloß Opposition machte, sondern uns zu verhöhnen suchte. Drang

aber nicht durch. Alles in allem, ich mag ihm nicht unrecht geben, und

jedenfalls gefällt er mir besser als Vogelsang. Außerdem sind sie jetzt

bei der Nationalzeitung halbe Hofpartei, gehen mit den Freikonservativen

zusammen. Es war eine Dummheit von mir, mindestens eine Übereilung, daß

ich abschwenkte. Wenn ich gewartet hätte, könnt' ich jetzt, in viel

besserer Gesellschaft, auf seiten der Regierung stehen. Statt dessen bin

ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen. Ich werde

mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen und zwar für immer; der

Gebrannte scheut das Feuer ... Eigentlich könnt' ich mich noch

beglückwünschen, so mit tausend Mark, oder doch nicht viel mehr,

davongekommen zu sein, wenn nur nicht mein Name genannt wäre. Mein Name.

Das ist fatal ...« Und dabei schlug er das Blatt wieder auf. »Ich will

die Stelle noch einmal lesen: >eines unserer geachtetsten Berliner

Industriellen, des Kommerzienrat Treibel< -- ja, das laß ich mir

gefallen, das klingt gut. Und nun lächerliche Figur von Vogelsangs

Gnaden.«

Und unter diesen Worten stand er auf, um sich draußen im Garten zu

ergehen und in der frischen Luft seinen Ärger nach Möglichkeit los zu

werden.

Es schien aber nicht recht glücken zu sollen, denn im selben Augenblick,

wo er, um den Giebel des Hauses herum, in den Hintergarten einbog, sah

er die Honig, die, wie jeden Morgen, so auch heute wieder das Bologneser

Hündchen um das Bassin führte. Treibel prallte zurück, denn nach einer

Unterhaltung mit dem aufgesteiften Fräulein stand ihm durchaus nicht der

Sinn. Er war aber schon gesehen und begrüßt worden, und da große

Höflichkeit und noch mehr große Herzensgüte zu seinen Tugenden zählte,

so gab er sich einen Ruck und ging guten Muts auf die Honig zu, zu deren

Kenntnissen und Urteilen er übrigens ein aufrichtiges Vertrauen hegte.

»Sehr erfreut, mein liebes Fräulein, Sie mal allein und zu so guter

Stunde zu treffen ... Ich habe seit lange so dies und das auf dem

Herzen, mit dem ich gern herunter möchte ...«

Die Honig errötete, weil sie, trotz des guten Rufes, dessen sich Treibel

erfreute, doch von einem ängstlich süßen Gefühl überrieselt wurde,

dessen äußerste Nichtberechtigung ihr freilich im nächsten Momente schon

in beinah grausamer Weise klar werden sollte.

»... Mich beschäftigt nämlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung,

an der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken

sehe -- ich wähle diesen Schafott-Ausdruck absichtlich -- der mich von

meinem einfacheren Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfüllt.«

Das Bologneser Hündchen, das Czicka hieß, zog in diesem Augenblick an

der Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen, das sich vom

Hof her in den Garten verirrt hatte; die Honig verstand aber keinen Spaß

und gab dem Hündchen einen Klaps. Czicka seinerseits tat einen Blaff und

warf den Kopf hin und her, so daß die seinem Röckchen (eigentlich bloß

eine Leibbinde) dicht aufgenähten Glöckchen in ein Klingen kamen. Dann

aber beruhigte sich das Tierchen wieder und die Promenade um das Bassin

herum begann aufs neue.

»Sehen Sie, Fräulein Honig, so wird auch das Lizzichen erzogen. Immer

an einer Strippe, die die Mutter in Händen hält, und wenn mal ein

Perlhuhn kommt und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen

Klaps, aber einen ganz, ganz kleinen, und der Unterschied ist bloß, daß

Lizzi keinen Blaff tut und nicht den Kopf wirft und natürlich auch kein

Schellengeläut hat, das ins Klingen kommen kann.«

»Lizzichen ist ein Engel,« sagte die Honig, die während einer

sechzehnjährigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt

hatte.

»Glauben Sie das wirklich?«

»Ich glaub' es wirklich, Herr Kommerzienrat, vorausgesetzt, daß wir uns

über >Engel< einigen.«

»Sehr gut, Fräulein Honig, das kommt mir zu paß. Ich wollte nur über

Lizzi mit Ihnen sprechen und höre nun auch noch was über Engel. Im

ganzen genommen ist die Gelegenheit, sich über Engel ein festes Urteil

zu bilden, nicht groß. Nun sagen Sie, was verstehen Sie unter Engel?

Aber kommen Sie mir nicht mit Flügel.«

Die Honig lächelte. »Nein, Herr Kommerzienrat, nichts von Flügel, aber

ich möchte doch sagen dürfen >Unberührtheit vom Irdischen<, das ist ein

Engel.«

»Das läßt sich hören. Unberührtheit vom Irdischen, -- nicht übel. Ja,

noch mehr, ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schön

finden, und wenn Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und

zielbewußt vorsetzen würden, eine richtige kleine Genoveva auszubilden

oder eine kleine keusche Susanna, Pardon, ich kann im Augenblick kein

besseres Beispiel finden, oder wenn alles ganz ernsthaft darauf

hinausliefe, sagen wir für irgend einen Thüringer Landgrafen oder

meinetwegen auch für ein geringeres Geschöpf Gottes einen Abklatsch der

heiligen Elisabeth herzustellen, so hätte ich nichts dagegen. Ich halte

die Lösung solcher Aufgabe für sehr schwierig, aber nicht für unmöglich,

und wie so schön gesagt worden ist und immer noch gesagt wird, solche

Dinge auch bloß gewollt zu haben, ist schon etwas Großes.«

Die Honig nickte, weil sie der eigenen, nach dieser Seite hin liegenden

Anstrengungen gedenken mochte.

»Sie stimmen mir zu,« fuhr Treibel fort. »Nun, das freut mich. Und ich

denke, wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben. Sehen Sie, liebes

Fräulein, ich begreife vollkommen, trotzdem es meinem persönlichen

Geschmack widerspricht, daß eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen

Engel hin erzieht; man kann nie ganz genau wissen, wie diese Dinge

liegen, und wenn es zum Letzten kommt, so ganz zweifelsohne vor seinem

Richter zu stehen, wer sollte sich das nicht wünschen? Ich möchte

beinah' sagen, ich wünsch' es mir selber. Aber, mein liebes Fräulein,

Engel und Engel ist ein Unterschied, und wenn der Engel weiter nichts

ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem

Seifenkonsum berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf

die Weißheit seiner Strümpfe gestellt wird, so erfüllt mich dies mit

einem leisen Grauen. Und wenn es nun gar das eigene Enkelkind ist,

dessen flachsene Haare, Sie werden es auch bemerkt haben, vor lauter

Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen, so wird einem alten Großvater

himmelangst dabei. Könnten Sie sich nicht hinter die Wulsten stecken?

Die Wulsten ist eine verständige Person und bäumt, glaub' ich, innerlich

gegen diese Hamburgereien auf. Ich würde mich freuen, wenn Sie

Gelegenheit nähmen ...«

In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als

zuvor. Treibel, der sich in Auseinandersetzungen derart nicht gern

unterbrochen sah, wollte verdrießlich werden, aber ehe er noch recht

dazu kommen konnte, wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar,

zwei von ihnen ganz gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet.

Es waren die beiden Felgentreus, denen Helene folgte.

»Gott sei Dank, Helene,« sagte Treibel, der sich -- vielleicht weil er

ein schlechtes Gewissen hatte -- zunächst an die Schwiegertochter

wandte, »Gott sei Dank, daß ich dich einmal wiedersehe. Du warst eben

der Gegenstand unseres Gesprächs, oder mehr noch dein liebes Lizzichen,

und Fräulein Honig stellte fest, daß Lizzichen ein Engel sei. Du kannst

dir denken, daß ich nicht widersprochen habe. Wer ist nicht gern der

Großvater eines Engels? Aber, meine Damen, was verschafft mir so früh

diese Ehre? Oder gilt es meiner Frau? Sie hat ihre Migräne. Soll ich sie

rufen lassen ...?«

»O nein, Papa,« sagte Helene mit einer Freundlichkeit, die nicht immer

ihre Sache war. »Wir kommen zu =dir=. Felgentreus haben nämlich vor,

heute nachmittag eine Partie nach Halensee zu machen, aber nur wenn alle

Treibels, von Otto und mir ganz abgesehen, daran teilnehmen.« Die

Felgentreuschen Schwestern bestätigten dies alles durch Schwenken ihrer

Sonnenschirme, während Helene fortfuhr: »Und nicht später als drei. Wir

müssen also versuchen, unserem _lunch_ einen kleinen _dinner_-Charakter

zu geben, oder aber unser _dinner_ bis auf acht Uhr abends

hinauszuschieben. Elfriede und Blanka wollen noch in die Adlerstraße, um

auch Schmidts aufzufordern, zum mindesten Korinna; der Professor kommt

dann vielleicht nach. Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett

mitbringen, darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung ...«

»Und Reserveoffiziere,« ergänzte Blanka, die jüngere Felgentreu ...

»Reserveoffiziere,« wiederholte Treibel ernsthaft. »Ja, meine Damen,

=das= gibt den Ausschlag. Ich glaube nicht, daß ein hierlandes lebender

Familienvater, auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Töchter

versagte, den Mut haben wird, eine Landpartie mit zwei Reserveleutnants

auszuschlagen. Also bestens akzeptiert. Und drei Uhr. Meine Frau wird

zwar verstimmt sein, daß, über ihr Haupt hinweg, endgültige Beschlüsse

gefaßt worden sind, und ich fürchte beinah' ein momentanes Wachsen des

_tic douloureux_. Trotzdem bin ich ihrer sicher. Landpartie mit Quartett

und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung, -- die Freude

darüber bleibt prädominierendes Gefühl. Dem ist keine Migräne gewachsen.

Darf ich Ihnen übrigens meine Melonenbeete zeigen? Oder nehmen wir

lieber einen leichten Imbiß, ganz leicht, ohne jede ernste Gefährdung

des _lunch_?«

Alle drei dankten, die Felgentreus, weil sie sich direkt zu Korinna

begeben wollten, Helene, weil sie Lizzis halber wieder nach Hause müsse.

Die Wulsten sei nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen, von

denen sie nur sagen könne, daß sie »_shocking_« seien. Zum Glück sei

Lizzichen ein so gutes Kind, sonst würde sie sich ernstlicher Sorge

darüber hingeben müssen.

»Lizzichen ist ein Engel, die ganze Mutter,« sagte Treibel und

wechselte, während er das sagte, Blicke mit der Honig, welche die ganze

Zeit über in einer gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte.

Frau Jenny Treibel: Roman aus der Berliner Gesellschaft · 第 14 / 24 题