Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, das wie eine jede Zeit vielerlei
Gesichter zeigen kann und mit der Vorstellung von galanten Romanen und
heiter-schnörkelhaften Porzellanfiguren keineswegs erschöpft ist, wuchs
in Großbritannien eine neue Art von Christentum und christlicher
Betätigung heran, die sich aus einer winzigen Wurzel ziemlich rasch zu
einem großen exotischen Baume auswuchs und welche einem jeden heute
unter dem Namen der evangelischen Heidenmission bekannt ist. Es gibt
auch eine katholische, die jedoch nichts Neues und Seltsames vorstellt,
da von allem Anfang an die römische Kirche sich als ein Weltreich
eingeführt und gebärdet hat, zu dessen Rechten, Pflichten und
selbstverständlichen Arbeiten das Unterwerfen oder Bekehren aller Völker
gehört, das ja denn auch zu allen Zeiten stark betrieben worden ist,
bald auf die heilig-liebreiche Art der irischen Mönche, bald in der
rascheren und unerbittlicheren Weise Karls des Großen. Im schärfsten
Gegensatz hierzu aber hatten sich die verschiedenen protestantischen
Gemeinschaften und Kirchen entwickelt, die sich von der katholischen
Universalkirche eben dadurch am stärksten unterschieden, daß sie
Landeskirchen waren und jede von ihnen dem geistlichen Bedürfnis einer
bestimmten Nation, Rasse und Sprache diente: Hus den Böhmen, Luther den
Deutschen, Wiclif den Engländern.
Wenn nun diese von England ausgehende protestantische Missionsbewegung
also eigentlich dem Wesen der protestantischen Kirchen widersprach und
auf das apostolische Urchristentum zurückgriff, so war allerdings
äußerlich nicht wenig Grund und Anlaß dazu vorhanden. Seit dem
glorreichen Zeitalter der Entdeckungen hatte man allerwärts auf Erden
entdeckt und erobert, und es war das wissenschaftliche Interesse an der
Form entfernter Inseln und Gebirge ebenso wie das seefahrende und
abenteuernde Heldentum überall einem modernen Geiste gewichen, der sich
in den entdeckten exotischen Gegenden nicht mehr für aufregende Taten
und Erlebnisse, für seltsame Tiere und romantische Palmenwälder
interessierte, sondern für Pfeffer und Zucker, für Seide und Felle, für
Reis und Sago, kurz für die Dinge, mit denen der Welthandel Geld
verdient. Darüber war man häufig etwas einseitig und hitzig geworden und
hatte manche Regeln vergessen und verletzt, die im christlichen Europa
Geltung hatten. Man hatte eine Menge von erschrockenen Eingeborenen da
draußen wie Raubzeug verfolgt und niedergeknallt, und der gebildete
christliche Europäer hatte sich in Amerika, Afrika und Indien benommen
wie der in den Hühnerstall eingebrochene Marder. Es war, auch wenn man
die Sache ohne besondere Empfindsamkeit betrachtet, recht scheußlich
hergegangen und recht grob und säuisch geräubert worden, und zu den
Regungen der Scham und Entrüstung im Heimatvolke, deren Folge
schließlich das geordnete und anständige Kolonisieren war, gehörte auch
unsere Missionsbewegung, fußend auf dem durchaus richtigen und schönen
Wunsche, es möchte den armen hilflosen Heiden- und Naturvölkern von
Europa her doch auch etwas anderes, Besseres und Höheres mitgebracht
werden als nur Schießpulver und Branntwein.
Mag man nun über Wesen, Wert, Bedeutung und Erfolg dieser
Heidenmissionen denken wie man will, jedenfalls steht fest, daß sie
gleich jeder anderen wahrhaft religiösen Bewegung aus reinem Herzen und
Willen entsprangen, daß edle und nicht unbedeutende Männer in treuer
Überzeugung und Absicht sie begründet haben und daß bis zum heutigen
Tage viele ebensolche Männer sich in ihren Dienst stellten. Wenn sie
nicht alle Helden und Weise waren, so gab es doch solche unter ihnen,
und wenn einzelne sich vielleicht nicht eben rühmlich bewährten, so wäre
es unbillig, dies dem Ganzen als Schuld anzurechnen.
Jedoch genug der Einleitungen! Es kam in der zweiten Hälfte des
vorvorigen Jahrhunderts in England nicht allzu selten vor, daß
wohlmeinende und wohlwollende Privatleute sich dieses Missionsgedankens
tätig annahmen und Mittel zu seiner Ausführung hergaben. Geordnete
Gesellschaften und Betriebe dieses Behufes aber, wie sie heute blühen,
gab es zu jener Zeit noch nicht, sondern es versuchte eben ein jeder
nach eigenem Vermögen und auf eigenem Wege die gute Sache zu fördern,
und wer damals als Missionar in ferne Länder auszog, der fuhr nicht wie
ein heutiger gleich einem wohladressierten Poststück durch die Meere und
einer geregelten und organisierten Arbeit entgegen, sondern er reiste
mit Gottvertrauen und ohne viele Anleitung geradenwegs in ein
zweifelhaftes Abenteuer hinein.
In den neunziger Jahren entschloß sich ein Londoner Kaufherr, dessen
Bruder in Indien reich geworden und dort ohne Kinder gestorben war, eine
bedeutende Geldsumme für die Ausbreitung des Evangeliums in jenem Lande
zu stiften. Ein Mitglied der mächtigen ostindischen Kompagnie, sowie
mehrere Geistliche wurden als Ratgeber herbeigezogen und ein Plan
ausgearbeitet, nach welchem zunächst drei oder vier junge Männer, mit
einer hinlänglichen Ausrüstung und gutem Reisegeld versehen, als
Missionare ausgesandt werden sollten.
Die Ankündigung dieses Unternehmens zog alsbald einen Schwarm von
abenteuerlustiger Mannheit heran, erfolglose Schauspieler und entlassene
Barbiergehilfen glaubten sich zu der verlockenden Reise berufen, und das
fromme Kollegium hatte alle Mühe, über die Köpfe dieser Zudringlichen
hinweg nach ernsthaften und würdigen Männern zu fahnden. Unter der Hand
suchte man vor allem junge Theologen zu gewinnen, doch war die englische
Geistlichkeit durchweg keineswegs der Heimat müde oder auf anstrengende,
ja gefährliche Unternehmungen erpicht; die Suche zog sich in die Länge,
und der Stifter begann schon ungeduldig zu werden.
Da verlor sich die Kunde von seinen Absichten und Mißerfolgen endlich
auch in ein Bauerndorf in der Gegend von Lancaster und in das dortige
Pfarrhaus, dessen ehrwürdiger Herr seinen Neffen, einen jungen
Bruderssohn namens Robert Aghion, als bescheidenen Amtsgehilfen bei sich
in Kost und Wohnung hatte. Robert Aghion war der Sohn eines
Schiffskapitäns und einer frommen fleißigen Schottin, er hatte den Vater
früh verloren und kaum gekannt und war als ein Knabe von guten Gaben
durch seinen Onkel, der ehemals selbst in Roberts Mutter verliebt
gewesen war, auf Schulen geschickt und ordnungsgemäß auf den Beruf eines
Geistlichen vorbereitet worden, dem er nunmehr so nahe stand als ein
Kandidat mit guten Zeugnissen aber ohne Vermögen es eben konnte.
Einstweilen stand er seinem Oheim und Wohltäter als Vikarius bei und
hatte auf eine eigene Pfarre bei dessen Lebzeiten nicht zu rechnen. Da
nun der Pfarrer Aghion noch ein rüstiger Mann am Ende der Fünfziger war,
sah des Neffen Zukunft nicht allzu glänzend aus. Als ein armer Jüngling,
der nach aller Voraussicht nicht vor dem mittleren Mannesalter auf ein
eigenes Amt und Einkommen zu rechnen hatte, war er für junge Mädchen
kein begehrenswerter Mann, wenigstens nicht für ehrbare, und mit anderen
als solchen war er nie zusammengetroffen.
So war denn sein Gemüt wie sein Schicksal nicht frei von verdunkelnden
Wolken, die jedoch über seinem bescheidenen und harmlosen Wesen mehr wie
bedeutsame Verzierungen denn wie gefährliche Feinde schwebten. Zwar sah
er, als ein gesunder und einfach fühlender Mensch, nicht ein, warum
gerade er, der studiert hatte und den die geistliche Würde umfloß, im
Liebesglück und in der Freiheit zu heiraten hinter jedem jungen Bauern
oder Weber oder Wollenspinner zurückstehen müsse, und wenn er zuweilen
eine festliche Trauung auf der kleinen gebrechlichen Orgel der
Dorfkirche begleitete, war sein Gemüt nicht immer frei von
Unzufriedenheit und Neid. Aber eben seine einfache Natur lehrte ihn, das
Unmögliche aus seinen Gedanken zu verbannen und sich an das zu halten,
was ihm bei seiner Lage und bei seinen Fähigkeiten offen stand, und das
war gar nicht wenig. Als Sohn einer herzlich frommen Mutter hatte er
einen schlichten, bewährten Christensinn und Glauben, welchen als
Prediger zu bekennen ihm eine Freude war. Seine eigentlichen geistigen
Vergnügungen aber fand er im Betrachten der Natur, wofür er ein feines
Auge besaß. Von jener kühnen, revolutionären und konstruktiven
Naturwissenschaft allerdings, die eben zu seiner Zeit und in seinem
Lande emporwuchs und später so vielen Pfarrern das Leben sauer machen
sollte, wußte und ahnte er nichts. Als ein bescheidener frischer Junge
ohne philosophische Bedürfnisse, aber mit tüchtigen Augen und Händen
fand er vielmehr vollkommene Befriedigung im Sehen und Kennen, Sammeln
und Untersuchen der natürlichen Dinge, die sich ihm darboten. Als Knabe
hatte er Blumen gezüchtet und botanisiert, hatte dann eine Weile sich
eifrig mit Steinen und Versteinerungen abgegeben, in welch letztern er
freilich nur schöne und ahnungsvolle Formenspiele der Natur verehrte,
und neuerdings, zumal seit seinem Aufenthalt in der ländlichen Umgebung,
war ihm die vielfarbige Insektenwelt vor allem andern lieb geworden. Das
Allerliebste aber waren ihm die Schmetterlinge, deren glänzende
Verwandlung aus dem Raupen- und Puppenstande ihn immer wieder innig
entzückte und deren köstliche Zeichnung und milder satter Farbenschmelz
ihm ein so reines Vergnügen bereiteten, wie es geringer befähigte
Menschen nur in den genügsameren Jahren der frühen Kindheit erleben
können.
So war der junge Theologe beschaffen, der als erster auf die Kunde von
jener Stiftung hin alsbald aufhorchte und ein Verlangen in seinem
Innersten gleich einem Kompaßzeiger gegen Indien hinweisen fühlte. Seine
Mutter war vor wenigen Jahren gestorben, ein Verlöbnis oder auch nur ein
heimlicher Verspruch mit einem Mädchen bestand nicht, der Oheim wehrte
sich zwar und riet flehentlich ab, war aber schließlich ein aufrechter
Pfarrherr, in dessen Amt und Anwesen sich der Neffe keineswegs
unentbehrlich wußte. Er schrieb nach London, bekam ermunternde Antwort
und das Reisegeld für die Fahrt nach der Hauptstadt zugestellt und fuhr
gleich darauf, nach einem unfrohen Abschied von seinem noch immer
zürnenden und heftig abmahnenden Onkel, mit einer kleinen Bücherkiste
und einem Kleiderbündel getrost nach London, wobei ihm nur leid tat, daß
er seine Herbarien, Versteinerungen und Schmetterlingskästen nicht
mitnehmen konnte.
Ernst und bänglich betrat in der düstern brausenden Altstadt von London
der indische Kandidat das hohe ernste Haus des frommen Kaufherrn, wo ihm
im düsteren Korridor eine gewaltige Wandkarte der östlichen Erdhälfte
und gleich im ersten Zimmer ein großes fleckiges Tigerfell seine Zukunft
vor Augen führte. Beklommen und verwirrt ließ er sich von dem vornehmen
Diener in das Zimmer führen, wo ihn der Hausherr erwartete. Es empfing
ihn ein großer, ernster, schön rasierter Herr mit eisblauen scharfen
Augen und strengen alten Mienen, dem der schüchterne Bewerber jedoch
nach wenigen Reden recht wohl gefiel, so daß er ihn zum Sitzen einlud
und sein Examen mit Vertrauen und Wohlwollen zu Ende führte. Darauf ließ
der Herr sich seine Zeugnisse und seinen schriftlichen Lebenslauf
übergeben und schellte den Diener herbei, der auf eine knappe Anweisung
hin den Theologen stillschweigend hinwegführte und in ein Gastzimmer
brachte, wo unverweilt ein zweiter Diener mit Tee, Wein, Schinken,
Butter und Brot erschien. Mit diesem Imbiß ward der junge Mann allein
gelassen und tat seinem Hunger und Durst Genüge. Dann blieb er beruhigt
in dem schönen blausamtenen Armstuhl sitzen, dachte über seine Lage nach
und musterte mit müßigen Augen das Zimmer, wo er nach kurzem
Umherschauen zwei weitere Entgegenkömmlinge aus dem fernen heißen Lande
entdeckte, nämlich in einer Ecke neben dem Kamin einen ausgestopften
rotbraunen Affen und über ihm aufgehängt an der blauen Seidentapete das
gegerbte Fell einer riesig großen Schlange, deren augenloser Kopf blind
und schlaff herabhing. Das waren Dinge, die er schätzte und die er
sofort aus der Nähe zu betrachten und zu befühlen eilte. War ihm auch
die Vorstellung der lebendigen Boa, die er durch das Zusammenbiegen der
glänzend silbrigen Haut zu einem Rohre zu unterstützen versuchte,
einigermaßen grauenvoll und zuwider, so ward doch seine Neugierde auf
die geheimnisvolle, an Wundern reiche Ferne durch ihren Anblick noch
geschürt. Er dachte sich weder von Schlangen noch von Affen schrecken zu
lassen und malte sich mit Wollust die fabelhaften Blumen, Bäume, Vögel
und Schmetterlinge aus, die in solchen gesegneten Ländern gedeihen
mußten.
Es ging indessen schon gegen Abend, und ein stummer Diener trug eine
angezündete Lampe herein. Vor dem hohen Fenster, das auf eine tote
Hintergasse schaute, stand neblige Dämmerung. Die Stille des vornehmen
Hauses, das ferne schwache Wogen der großen Stadt, die Einsamkeit des
hohen kühlen Zimmers, in dem er sich wie gefangen fühlte, der Mangel an
jeder Beschäftigung und die Ungewißheit seiner romanhaften Lage
verbanden sich mit der zunehmenden Dunkelheit der Londoner Herbstnacht
und stimmten die Seele des jungen Menschen von der Höhe seiner
Hoffnungen immer weiter herab, bis er nach zwei Stunden, die er horchend
und wartend in seinem Lehnstuhl hingebracht hatte, für heute jede
Erwartung aufgab und sich kurzerhand müde in das vortreffliche Gastbett
legte, wo er in kurzem einschlief.
Es weckte ihn, wie ihm schien mitten in der Nacht, ein Diener mit der
Nachricht, der junge Herr werde zum Abendessen erwartet und möge sich
beeilen. Verschlafen kroch Aghion in seine Kleider und taumelte mit
blöden Augen hinter dem Manne her durch Zimmer und Korridore und eine
Treppe hinab bis in das große, grell von Kronleuchtern erhellte
Speisezimmer, wo ihn die in Sammet gekleidete und von Schmuck funkelnde
Hausfrau durch ein Augenglas betrachtete und der Herr ihn zwei
Geistlichen vorstellte, die ihren jungen Bruder gleich während der
Mahlzeit in eine scharfe Prüfung nahmen und vor allem sich über die
Echtheit seiner christlichen Gesinnung zu unterrichten suchten. Der
schlaftrunkene Apostel hatte Mühe, alle Fragen zu verstehen und gar zu
beantworten; aber die Schüchternheit kleidete ihn gut, und die Männer,
die an ganz andere Aspiranten gewöhnt waren, wurden ihm alle
wohlgesinnt. Nach Tische wurden im Nebenzimmer Landkarten vorgelegt, und
Aghion sah zum ersten Male die Gegend, der er Gottes Wort verkündigen
sollte, auf der indischen Karte als einen gelben Fleck südlich von der
Stadt Bombay liegen.
Am folgenden Tage wurde er zu einem ehrwürdigen alten Herrn gebracht,
der des Kaufherrn oberster geistlicher Berater war und seit Jahren
gichtbrüchig in seinem Studierzimmer vergraben lebte. Dieser Greis
fühlte sich sofort von dem harmlosen jungen Menschen angezogen. Er
stellte keine Glaubensfragen an ihn, wußte aber Roberts Sinn und Wesen
rasch zu erkennen, und da er wenig geistlichen Unternehmungsgeist in ihm
wahrnahm, wollte der Junge ihm leid tun, und er stellte ihm die Gefahren
der Seereise und die Schrecken der südlichen Zonen eindringlich vor
Augen; denn es schien ihm sinnlos, daß ein junger frischer Mensch sich
da draußen opfere und zugrunde richte, wenn er nicht durch besondere
Gaben und Neigungen zu einem solchen Dienst bestimmt schien. So legte er
denn dem Kandidaten freundlich die Hand auf die Schulter, sah ihm mit
eindringlicher Güte in die Augen und sagte: „Das alles, was Sie mir
sagen, ist gut und mag richtig sein; aber ich kann noch immer nicht ganz
verstehen, was Sie nun eigentlich nach Indien zieht. Seien Sie offen,
lieber Freund, und sagen Sie mir ohne Hinterhalt: Ist es irgend ein
weltlicher Wunsch und Drang, der Sie treibt, oder ist es lediglich der
innige Wunsch, den armen Heiden unser liebes Evangelium zu bringen?“ Auf
diese Anrede wurde Robert Aghion so rot wie ein ertappter Schwindler. Er
schlug die Augen nieder und schwieg eine Weile, dann aber bekannte er
freimütig, mit jenem frommen Willen sei es ihm zwar völlig ernst, doch
wäre er wohl nie auf den Gedanken gekommen, sich für Indien zu melden
und überhaupt Missionar zu werden, wenn nicht ein Gelüste nach den
herrlichen seltenen Pflanzen und Tieren der tropischen Lande, zumal nach
deren Schmetterlingen, ihn dazu verlockt hätte. Der alte Mann sah wohl,
daß der Jüngling ihm nun sein letztes Geheimnis preisgegeben und nichts
mehr zu bekennen habe. Lächelnd nickte er ihm zu und sagte freundlich:
„Nun, mit dieser Sünde müssen Sie selber fertig werden. Sie sollen nach
Indien fahren, lieber Junge!“ Und alsbald ernst werdend, legte er ihm
beide Hände aufs Haar und segnete ihn feierlich mit den Worten des
biblischen Segens.
Drei Wochen später reiste der junge Missionar, mit Kisten und Koffern
wohl ausgerüstet, auf einem schönen Segelschiff als Passagier hinweg,
sah sein Heimatland im grauen Meer versinken und lernte in der ersten
Woche, noch ehe Spanien erreicht war, die Launen und Gefahren des Meeres
kennen. In jenen Zeiten konnte ein Indienfahrer noch nicht so grün und
unerprobt sein Ziel erreichen wie heute, wo man in Europa seinen
bequemen Dampfer besteigt, sich auf dem Suezkanal um Afrika drückt und
nach kurzer Zeit, verwundert und träg vom vielen Schlafen und Essen, die
indische Küste erblickt. Damals mußten die Segelschiffe sich um das
ungeheure Afrika herum monatelang quälen, von Stürmen gefährdet und von
toten langen Windstillen gelähmt, und es galt zu schwitzen und zu
frieren, zu hungern und des Schlafes zu entbehren, und wer die Reise
siegreich vollendet hatte, der war nun längst kein Mutterkind und
unerprobter Neuling mehr, sondern hatte gelernt, sich einigermaßen auf
den Beinen zu halten und selber zu helfen. So ging es auch dem
Missionar. Er war zwischen England und Indien hundertsechsundfünfzig
Tage unterwegs und stieg in der Hafenstadt Bombay als ein gebräunter und
gemagerter Seefahrer an Land.
Indessen hatte er seine Freude und Neugierde nicht verloren, obwohl sie
stiller geworden war, und wie er schon auf der Reise jeden Strand mit
Forschersinn betreten und jede fremde Palmen- und Koralleninsel mit
ehrfürchtiger Neugierde betrachtet hatte, so betrat er das indische Land
mit begierig offenen, dankbar freudigen Augen und hielt seinen Einzug in
der schönen leuchtenden Stadt mit ungebrochenem Mut.
Zunächst suchte und fand er das Haus, an das er empfohlen war. Es lag
schön in einer stillen vorstädtischen Gasse, von Kokospalmen überragt,
und schaute dem frohen Ankömmling mit breiten Lauben und offenen
Fenstern recht wie eine wünschenswerte indische Heimat entgegen. Im
Eintreten streifte sein Blick den kleinen Vorgarten und fand, obwohl
jetzt eben Wichtigeres zu tun und zu betrachten war, gerade noch Zeit,
einen dunkelbelaubten Strauch mit großen goldgelben Blüten zu bemerken,
der von einer zierlichen Schar weißer Falter auf das fröhlichste
umgaukelt wurde. Dies Bild noch im leicht geblendeten Auge, trat er über
einige flache Stufen in den Schatten der breiten Veranda und durch die
offen stehende Haustüre. Ein dienender Hindu in einem weißen Kleide mit
nackten dunkelbraunen Beinen lief über den kühlen roten Ziegelboden
herbei, machte eine ergebene Verbeugung und begann in singendem Tonfall
hindostanische Worte zu näseln, merkte aber rasch, daß der Fremde ihn
nicht verstehe, und führte ihn mit neuen weichen Verbeugungen und
schlangenhaften Gebärden der Ergebenheit und Einladung tiefer ins Haus
und vor eine Türöffnung, die statt der Tür mit einer lose herabhängenden
Bastmatte verschlossen war. Zur gleichen Zeit ward diese Matte von innen
beiseite gezogen, und es erschien ein großer, hagerer, herrisch
aussehender Mann in weißen Tropenkleidern und mit Strohsandalen an den
nackten Füßen. Er richtete in einer unverständlichen indischen Sprache
eine Reihe von Scheltworten an den Diener, der sich klein machte und der
Wand entlang langsam davonschlich, dann wandte er sich an Aghion und
hieß ihn auf englisch eintreten.
Der Missionar suchte zuerst seine unangemeldete Ankunft zu entschuldigen
und den armen Diener zu rechtfertigen, der nichts verbrochen habe. Aber
der andere winkte ungeduldig ab und sagte: „Mit den Schlingeln von
Dienern werden Sie ja bald umzugehen lernen. Treten Sie ein! Ich erwarte
Sie.“
„Sie sind wohl Mister Bradley?“ fragte der Ankömmling höflich, während
doch bei diesem ersten Schritt in die exotische Wirtschaft und beim
Anblick des Ratgebers, Lehrers und Mitarbeiters eine Fremdheit und Kälte
in ihm aufstieg.
„Ich bin Bradley, gewiß, und Sie sind ja wohl Aghion. Also, Aghion,
kommen Sie nun endlich herein! Haben Sie schon Mittagbrot gehabt?“
Der große knochige Mann nahm alsbald mit aller kurz angebundenen,
herrischen Praxis eines bewährten Überseers und Handelsagenten, welcher
er war, den Lebenslauf seines Gastes in seine braunen, dunkelbehaarten
Hände. Er ließ ihm eine Reismahlzeit mit Hammelfleisch und brennendem
Currypfeffer bringen, er wies ihm ein Zimmer an, zeigte ihm das Haus,
nahm ihm seine Briefe und Aufträge ab, beantwortete seine ersten
neugierigen Fragen und gab ihm die ersten, notwendigsten indischen
Lebensregeln. Er setzte die vier braunen Hindudiener in Bewegung, befahl
und schnauzte in seiner kalten Zornigkeit durch das schallende Haus,
ließ auch einen indischen Schneidermeister kommen, der sofort ein
Dutzend landesüblicher Kleidungen für Aghion machen mußte. Dankbar und
etwas eingeschüchtert nahm der Neuling alles hin, obwohl es seinem Sinne
mehr entsprochen hätte, seinen Einzug in Indien stiller und feierlicher
zu begehen, sich erst einmal ein bißchen heimisch zu machen und sich in
einem freundlichen Gespräch seiner ersten Eindrücke und seiner vielen
starken Reiseerinnerungen zu entladen. Indessen lernt man auf einer
halbjährigen Seereise sich bescheiden und sich in viele Lagen finden,
und als gegen Abend Mister Bradley wegging, um seiner kaufmännischen
Arbeit in der Stadt nachzugehen, atmete der evangelische Jüngling
fröhlich auf und dachte nun allein in stillem Behagen seine Ankunft zu
feiern und das Land Indien zu begrüßen.
Feierlich verließ er, nachdem er darin eine erste flüchtige Ordnung
geschaffen, sein luftiges Zimmer, das weder Tür noch Fenster, sondern
nur leere geräumige Öffnungen in allen Wänden hatte, und ging ins Freie,
einen großrandigen Hut mit langem Sonnenschleier auf dem blonden Kopf
und einen tüchtigen Stock in der Hand. Beim ersten Schritt in den Garten
blickte er mit einem tiefen Atemzug herzlich ringsum und sog mit
witternden Sinnen die Lüfte und Düfte, Lichter und Farben des fremden,
sagenhaften Landes, das er als ein bescheidener Mitarbeiter erobern
helfen sollte und dem er, nach so langer Erwartung und banger Vorfreude,
sich nun willig und offen hinzugeben gesonnen war.
Was er um sich sah und verspürte, gefiel ihm alles wohl und kam ihm wie
eine tausendfältige strahlende Bestätigung vieler Träume und Ahnungen
vor. Dichte hohe Gebüsche standen rund und saftig im heftigen
Sonnenlicht und strotzten von großen, wunderlich starkfarbigen Blumen;
auf säulenschlanken glatten Stämmen ragten in erstaunlicher Höhe die
stillen runden Wipfel der Kokospalmen, eine Fächerpalme stand hinter dem
Hause und hielt ihr sonderbar strenges, gleichmäßiges Riesenrad von
gewaltigen mannslangen Blättern steif in die Lüfte, am Rand des Weges
aber nahm sein naturfreundliches Auge ein kleines lebendiges Wesen wahr,
dem er sich vorsichtig näherte. Es war ein kleines, grünes Chamäleon mit
einem dreieckigen Kopf und boshaften kleinen Augen. Er beugte sich
darüber und fühlte sich wie ein Knabe beglückt, daß er solche Dinge
sehen und die unerschöpflich reiche Natur nun am eigentlichen Quell
ihres Reichtums betrachten durfte.
Eine fremdartige Musik weckte ihn aus seiner andächtigen Versunkenheit.
Aus der flüsternden Stille der tiefen grünen Baum- und Gartenwildnis
brach der rhythmische Lärm metallener Trommeln und Pauken und schneidend
helltöniger Blasinstrumente. Erstaunt lauschte der fromme Naturfreund
hinüber und machte sich, da nichts zu sehen war, neugierig auf den Weg,
die Art und Herkunft dieser barbarisch-festlichen Klänge
auszukundschaften. Immer den Tönen folgend, verließ er den Garten,
dessen Tor weit offen stand, und verfolgte den hübschen grasigen Fahrweg
durch eine freundliche kultivierte Landschaft von Hausgärten,
Palmenpflanzungen und lachend hellgrünen Reisfeldern, bis er, um die
hohe Hecke eines Parks oder Gartens biegend, in eine dörflich anmutende
Gasse von indischen Hütten gelangte. Die kleinen Häuschen waren aus Lehm
oder auch nur aus Bambusgestänge erbaut, die Dächer mit trockenen
Palmblättern gedeckt, in allen Türöffnungen standen und hockten braune
Hindufamilien. Mit Neugierde sah er die Leute an und tat den ersten
Blick in das dörflich bescheidene Leben des fremden Naturvolkes, und vom
ersten Augenblick an gewann er die braunen Menschen lieb, deren schöne
kindliche Augen wie in einer unbewußten und unerlösten tierischen
Traurigkeit blickten. Schöne Frauen schauten aus mächtigen Flechten
langen, tiefschwarzen Haares hervor, still und rehhaft; sie trugen
mitten im Gesicht, sowie an den Hand- und Fußgelenken goldenen Schmuck
und Ringe an den Fußzehen. Kleine Kinder standen vollkommen nackt und
trugen nichts am Leibe als an dünner Bastschnur ein seltsames Amulett
aus Silber oder aus Horn.
Indessen hielt er sich nirgends auf, nicht weil es ihn bedrückt hätte,
sich von den meisten dieser Menschen mit starrender Neugierde beschaut
zu fühlen, sondern weil er sich der eigenen Schaulust heimlich schämte.
Außerdem tönte immer noch die tolle Musik, und nun ganz in der Nähe, und
an der Ecke der nächsten Gasse hatte er gefunden, was er suchte. Da
stand ein unheimlich sonderbares Gebäude von äußerst phantastischer Form
und beängstigender Höhe, ein ungeheures Tor in der Mitte, und indem er
daran empor staunte, fand er die ganze riesengroße Fläche des Bauwerks
aus lauter steinernen Figuren von fabelhaften Tieren, Menschen und
Göttern oder Teufeln zusammengesetzt, die sich zu Hunderten bis an die
ferne schmale Spitze des Tempels hinan türmten, ein Wald und wildes
Geflecht von Leibern, Gliedern und Köpfen. Dieser erschreckende
Steinkoloß, ein großer Hindutempel, leuchtete heftig in den wagrechten
Strahlen der späten Abendsonne und erzählte dem verblüfften Fremdling
deutlich, daß diese tierhaft sanften, halbnackten Menschen eben doch
keineswegs ein paradiesisches Naturvolk waren, sondern seit einigen
tausend Jahren schon Gedanken und Götter, Bildnisse und Religionen
besaßen.
Die schallende Paukenmusik war soeben verstummt, und es kamen aus dem
Tempel viele fromme Indier in weißen und farbigen Gewändern, voran und
vornehm abgetrennt eine kleine feierliche Schar von Brahmanen, hochmütig
in tausendjährig erstarrter Gelehrsamkeit und Würde. Sie schritten an
dem weißen Manne so stolz vorüber wie Edelleute an einem
Handwerksburschen, und weder sie noch die bescheideneren Gestalten, die
ihnen folgten, sahen so aus, als hätten sie die geringste Neigung, sich
von einem zugereisten Fremdling über göttliche und menschliche Dinge des
Rechten belehren zu lassen.
Als der Schwarm verlaufen und der Ort stiller geworden war, näherte sich
Robert Aghion dem Tempel und begann in verlegener Teilnahme das
Figurenwerk der Fassade zu studieren, ließ jedoch bald mit Betrübnis und
Schrecken davon wieder ab; denn die groteske Allegoriensprache dieser
Bildwerke, deren viele bei aller wahnsinnigen Häßlichkeit doch wertvolle
Künstlerarbeit zu sein schienen, verwirrte und ängstigte ihn nicht
minder als der Anblick einiger Szenen von schamloser Obszönität, die er
naiv mitten zwischen dem Göttergewimmel dargestellt fand.
Während er sich abwandte und nach seinem Rückweg ausblickte, erlosch der
Tempel und die Gasse plötzlich; ein kurzes zuckendes Farbenspiel lief
über den Himmel, und rasch brach die südliche Nacht herein. Das
unheimlich schnelle Eindunkeln, obwohl er es längst kannte, überfiel den
jungen Missionar mit einem leichten Schauder. Zugleich mit dem Anbruch
der Dämmerung begann aus allen Bäumen und Gebüschen ringsum ein grelles
Singen und Lärmen von tausend großen Insekten und in der Ferne erhob
sich das Wut- oder Klagegeschrei eines Tieres mit fremden wilden Tönen.
Eilig suchte Aghion seinen Heimweg, fand ihn glücklich wieder und hatte
die kleine Strecke Weges noch nicht völlig zurückgelegt, als schon das
ganze Land in tiefer Nachtfinsternis und der hohe schwarze Himmel voll
von Sternen stand.
Im Hause, wo er nachdenklich und zerstreut ankam und sich dem ersten
erleuchteten Raume näherte, empfing ihn Mister Bradley mit den Worten:
„So, da sind Sie. Sie sollten aber fürs erste so spät am Abend nicht
mehr ausgehen, es ist nicht ohne Gefahr. Übrigens, können Sie gut mit
Schießgewehr umgehen?“
„Mit Schießgewehr? Nein, das habe ich nicht gelernt.“
„Dann lernen Sie es bald ... Wo waren Sie denn heut abend?“
Aghion erzählte voll Eifer. Er fragte begierig, welcherlei Religion
jener Tempel angehöre und welcherlei Götter- oder Götzendienst darin
getrieben werde, was die vielen Figuren bedeuteten und was die seltsame
Musik, ob die schönen stolzen Männer in weißen Kleidern Priester seien
und wie denn ihre Götter hießen. Allein hier erlebte er die erste
Enttäuschung. Von allem, was er da fragte, wollte sein Ratgeber gar
nichts wissen. Er erklärte, daß kein Mensch sich in dem scheußlichen
Wirrwarr und Unflat dieser Götzendienste auskenne, daß die Brahmanen
eine heillose Bande von Ausbeutern und Faulenzern seien und daß
überhaupt diese Indier alle zusammen ein schweinisches Pack von Bettlern
und Unholden wären, mit denen ein anständiger Engländer lieber gar
nichts zu tun habe.
„Aber,“ meinte Aghion zaghaft, „meine Bestimmung ist es doch gerade,
diese verirrten Menschen auf den rechten Weg zu führen! Dazu muß ich sie
kennen und lieben und alles von ihnen wissen ...“
„Sie werden bald mehr von ihnen wissen, als Ihnen lieb sein wird.
Natürlich müssen Sie Hindostani und später vielleicht noch andere von
diesen infamen Niggersprachen lernen. Aber mit der Liebe werden Sie
nicht weit kommen.“
„Oh, die Leute sehen aber doch recht gutartig aus!“
„Finden Sie? Nun, Sie werden ja sehen. Von dem, was Sie mit den Hindus
vorhaben, verstehe ich nichts und will nicht darüber urteilen. Unsere
Aufgabe ist es, diesem gottlosen Pack langsam ein wenig Kultur und einen
schwachen Begriff von Anständigkeit beizubringen; weiter werden wir
vielleicht niemals kommen!“
„Unsere Moral, oder was Sie Anständigkeit heißen, ist aber die Moral
Christi, mein Herr!“
„Sie meinen die Liebe. Ja, sagen Sie nur einmal einem Hindu, daß Sie ihn
lieben. Dann wird er Sie heute anbetteln und Ihnen morgen das Hemd aus
dem Schlafzimmer stehlen!“
„Das ist möglich.“
„Das ist sogar ganz sicher, lieber Herr. Sie haben es hier gewissermaßen
mit Unmündigen zu tun, die noch keine Ahnung von Ehrlichkeit und Recht
haben, nicht mit gutartigen englischen Schulkindern, sondern mit einem
Volk von schlauen braunen Lausbuben, denen jede Schändlichkeit einen
Hauptspaß macht. Sie werden noch an mich denken!“
Aghion verzichtete traurig auf ein weiteres Fragen und nahm sich vor,
nun einmal vor allem fleißig und gehorsam alles zu lernen, was hier zu
lernen wäre, dann aber das zu tun, was ihm recht und klug scheinen
würde. Doch ob nun der strenge Bradley recht hatte oder nicht, schon
seit dem Anblick des ungeheuern Tempels und der unnahbar stolzen
Brahmanen war ihm sein Vorhaben und Amt in diesem Lande unendlich viel
schwieriger erschienen, als er je zuvor gedacht hätte.
Am nächsten Morgen wurden die Kisten ins Haus gebracht, in denen der
Missionar sein Eigentum aus der Heimat mit sich geführt hatte. Sorglich
packte er aus, legte Hemden zu Hemden und Bücher zu Büchern und fand
sich durch manche Gegenstände nachdenklich gestimmt. Es fiel ihm ein
kleiner Kupferstich in schwarzem Rahmen in die Hände, dessen Glas
unterwegs zerbrochen war und der ein Bildnis des Herrn Defoe, des
Verfassers des Robinson Crusoe, darstellte, und das alte, ihm von der
frühen Kindheit an vertraute Gebetbuch seiner Mutter, alsdann aber als
ermunternder Wegweiser in die Zukunft eine Landkarte von Indien, die ihm
sein Oheim geschenkt, und zwei stählerne Netzbügel für den
Schmetterlingsfang, die er sich selber noch in London hatte machen
lassen. Einen von diesen legte er sogleich zum Gebrauch in den nächsten
Tagen beiseite.
Am Abend war seine Habe verteilt und verstaut, der kleine Kupferstich
hing über seinem Bette, und das ganze Zimmer war in saubere Ordnung
gebracht. Die Beine seines Tisches und seiner Bettstatt hatte er, wie es
ihm empfohlen worden war, in kleine irdene Näpfe gestellt und die Näpfe
mit Wasser gefüllt, zum Schutz gegen die Ameisen. Mister Bradley war den
ganzen Tag in Geschäften abwesend, und es war dem jungen Manne
sonderbar, vom ehrfürchtigen Diener durch Zeichen zu den Mahlzeiten
gelockt und dabei bedient zu werden, ohne daß er ein einziges Wort mit
ihm reden konnte.
In der Frühe des folgenden Tages begann Aghions Arbeit. Es erschien und
wurde ihm von Bradley vorgestellt der schöne dunkeläugige Jüngling
Vyardenya, der sein Lehrmeister in der Hindostani-Sprache werden sollte.
Der lächelnde junge Indier sprach nicht übel englisch und hatte die
besten Manieren; nur schreckte er ängstlich zurück, als der arglose
Engländer ihm freundlich die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte, und
vermied auch künftighin jede körperliche Berührung mit dem Weißen, die
ihn verunreinigt haben würde, da er einer hohen Kaste angehörte. Er
wollte sich auch durchaus niemals auf einen Stuhl setzen, den vor ihm
ein Fremder benutzt hatte, sondern brachte jeden Tag zusammengerollt
unterm Arm seine eigene hübsche Bastmatte mit, die er auf dem
Ziegelboden ausbreitete und auf welcher er mit gekreuzten Beinen edel
und aufrecht saß. Sein Schüler, mit dessen Eifer er wohl zufrieden sein
konnte, suchte auch diese Kunst von ihm zu lernen und kauerte während
seiner Lektionen stets auf einer ähnlichen Matte am Boden, obwohl ihm
dabei in der ersten Zeit alle Glieder weh taten, bis er daran gewöhnt
wurde. Fleißig und geduldig lernte er Wort für Wort, mit den
alltäglichen Begrüßungsformeln beginnend, die ihm der Jüngling unermüdet
und lächelnd vorsprach, und stürzte sich jeden Tag mit neuem Mut in den
Kampf mit den indischen Girr- und Gaumenlauten, die ihm zu Anfang als
ein unartikuliertes Röcheln erschienen waren und die er nun alle zu
unterscheiden und nachzuahmen lernte.
So merkwürdig das Hindostani war und so rasch die Vormittagsstunden mit
dem höflichen Sprachlehrer vergingen, welcher sich stets benahm wie ein
Prinz, der aus Not in einem Bürgerhause Unterricht gibt, so waren doch
die Nachmittage und gar die Abende lang genug, um den strebsamen Herrn
Aghion die Einsamkeit fühlen zu lassen, in der er lebte. Sein Wirt, zu
dem er in einem unklaren Verhältnisse stand und der ihm halb als Gönner,
halb als eine Art Vorgesetzter entgegentrat, war wenig zu Hause; er kam
meistens gegen Mittag zu Fuß oder zu Pferde aus der Stadt zurück,
präsidierte als Hausherr beim Essen, zu dem er manchmal einen englischen
Schreiber mitbrachte, und legte sich dann zwei, drei Stunden zum Rauchen
und Schlafen auf die Veranda, um gegen Abend nochmals für einige Stunden
in sein Kontor oder Magazin zu gehen. Zuweilen mußte er für mehrere Tage
verreisen, um Produkte einzukaufen, und sein neuer Hausgenosse hatte
wenig dagegen, da er mit dem besten Willen sich dem rauhen und
wortkargen Geschäftsmann nicht befreunden konnte. Auch gab es manches in
der Lebensführung Mister Bradleys, was dem Missionar nicht gefallen
konnte. Unter anderem kam es zuweilen vor, daß Bradley am Feierabend mit
jenem Schreiber zusammen bis zur Trunkenheit eine Mischung von Wasser,
Rum und Limonadensaft genoß; dazu hatte er in der ersten Zeit den jungen
Geistlichen mehrmals eingeladen, aber stets von ihm eine sanfte Absage
erhalten.
Bei diesen Umständen war Aghions tägliches Leben nicht gerade
kurzweilig. Er hatte versucht, seine ersten schwachen Sprachkenntnisse
anzuwenden, indem er an den langen öden Nachmittagen, wo das hölzerne
Haus ringsum von der stechenden Hitze belagert lag, sich zur
Dienerschaft in die Küche begab und sich mit den Leuten zu unterhalten
suchte. Der mohammedanische Koch zwar gab ihm keine Antwort und war so
hochmütig, daß er ihn gar nicht zu sehen schien, der Wasserträger aber
und der Hausjunge, die beide stundenlang müßig auf ihren Matten hockten
und Betel kauten, hatten nichts dagegen, sich an den angestrengten
Sprechversuchen des Master zu belustigen.
Eines Tages erschien aber Bradley in der Küchentür, als gerade die
beiden Schlingel sich über einige Irrtümer und Wortverwechslungen des
Missionars vor Vergnügen auf die mageren Schenkel klatschten. Bradley
sah der Lustbarkeit mit verbissenen Lippen zu, gab blitzschnell dem Boy
eine Ohrfeige, dem Wasserträger einen Fußtritt und zog den erschrockenen
Aghion stumm mit sich davon. In seinem Zimmer sagte er dann etwas
ärgerlich: „Wie oft muß ich Ihnen noch sagen, daß Sie sich nicht mit den
Leuten einlassen sollen! Sie verderben mir die Burschen,
selbstverständlich in der besten Absicht, und ohnehin geht es nicht an,
daß ein Engländer sich vor diesen braunen Schelmen zum Hanswurst macht!“
Er war wieder davongegangen, noch ehe der beleidigte Aghion sich
rechtfertigen konnte.
Unter Menschen kam der vereinsamte Missionar nur am Sonntag, wo er
regelmäßig zur Kirche ging, auch selbst einmal für den wenig arbeitsamen
englischen Pfarrer die Predigt übernahm. Aber er, der daheim vor den
Bauern und Wollwebern seiner Gegend mit Liebe gepredigt hatte, fand sich
hier vor einer kühlen Gemeinde von reichen Geschäftsleuten, müden,
kränklichen Damen und lebenslustigen jungen Angestellten, fremd und
ernüchtert. Das kalte kaufmännische oder herrisch abenteuerhafte Wesen
dieser Leute, die das reiche Land ausbeuteten und von denen keiner ein
gutes Wort für die Eingeborenen hatte, tat ihm weh und verschob
allmählich alle seine Begriffe, so daß er, der stets für die Hindus
Partei nahm und von den Pflichten der Europäer gegen die eingeborenen
Völker sprach, sich lächerlich und unbeliebt machte und als ein
Schwärmer und naiver Bursche verachtet wurde.
Wenn er nun über dem Betrachten seiner Lage zuweilen recht betrübt wurde
und sich erbarmenswert vorkam, so gab es einen Trost für sein Gemüt, der
niemals ganz versagte. Dann rüstete er sich zu einem Ausflug, hängte die
Botanisierbüchse um und nahm das Netz zur Hand, das er mit einem langen
schlanken Bambusstab versehen hatte. Gerade das, worüber die meisten
anderen Engländer sich bitter zu beklagen pflegten, die glühende
Sonnenhitze und das ganze indische Klima, war ihm lieb und schien ihm
herrlich; denn er hielt sich an Leib und Seele frisch und ließ keine
Erschlaffung aufkommen. Für seine Naturstudien und Liebhabereien
vollends war dieses Land eine unermeßliche Weide, auf Schritt und Tritt
hielten unbekannte Bäume, Blumen, Vögel, Insekten ihn auf, die er mit
der Zeit alle namentlich kennen zu lernen beschloß. Seltsame Eidechsen
und Skorpione, riesengroße dicke Tausendfüßler und anderes Koboldzeug
erschreckte ihn selten mehr, und seit er eine dicke Schlange in der
Badekammer mutig mit dem hölzernen Eimer erschlagen hatte, fühlte er
seine Bangnis vor unheimlicher Tiergefahr immer mehr dahinschwinden.
Als er zum erstenmal mit seinem Netz nach einem großen prächtigen
Schmetterling schlug, als er ihn gefangen sah und mit vorsichtigen
Fingern das stolze strahlende Tier an sich nahm, dessen breite starke
Flügel alabastern glänzten und mit dem duftigsten Farbenflaum behaucht
waren, da schlug ihm das Herz in einer unbändigen Freude, wie er sie
nicht mehr empfunden hatte, seit er als Knabe nach langer, atemloser
Jagd seinen ersten Schwalbenschwanz erbeutet hatte. Fröhlich gewöhnte er
sich an die Unbequemlichkeiten des Dschungels und verzagte nicht, wenn
er im wilden Urwald tief in versteckte Schlammgruben einbrach, von
heulenden Affenherden verhöhnt und von wütenden Ameisenvölkern
überfallen wurde. Nur einmal lag er zitternd und betend hinter einem
ungeheuren Gummibaum auf den Knien, während in der Nähe wie ein Gewitter
und Erdbeben ein Trupp von Elefanten durchs dichte Gehölz brach. Er
gewöhnte sich daran, in seinem luftigen Schlafzimmer frühmorgens vom
rasenden Affengebrüll aus dem nahen Walde geweckt zu werden und bei
Nacht das heulende Schreien der Schakale zu hören. Seine Augen glänzten
hell und wachsam aus dem gemagerten, braun und männlich gewordenen
Gesicht.
Auch in der Stadt und noch lieber in den friedlichen gartenartigen
Außendörfern sah er sich immer besser um, und die Hinduleute gefielen
ihm desto mehr, je mehr er von ihnen sah. Störend und äußerst peinlich
war ihm nur die Sitte der unteren Stände, ihre Frauen mit nacktem
Oberkörper laufen zu lassen. Nackte Frauenhälse und Arme und
Frauenbrüste auf der Gasse zu sehen, daran konnte der Missionar sich
schwer gewöhnen, obgleich es häufig sehr hübsch aussah und obwohl diese
Nacktheit durch die tiefe Bronzefarbe der sonnenharten Haut und durch
die freimütig unbefangene Art, mit der sie von den armen Weiblein
getragen wurde, den Anschein der größten Natürlichkeit gewann.
Nächst dieser Anstößigkeit machte nichts ihm so viel zu schaffen und zu
denken wie die Rätsel, die ihm das geistige Leben dieser Menschen
entgegenhielt. Wohin er blicken mochte, überall war Religion. In London
konnte man gewiß am höchsten kirchlichen Feiertag nicht so viel
Frömmigkeit wahrnehmen wie hier an jedem Werktag und in jeder Gasse;
überall waren Tempel und Bilder, war Gebet und Opfer, waren Umzüge und
Zeremonien, Büßer und Priester zu sehen. Aber wer wollte sich jemals in
diesem wirren Knäuel von Religionen zurechtfinden? Da waren Brahmanen
und Mohammedaner, Feueranbeter und Buddhisten, Diener des Schiwa und des
Krischna, Turbanträger und Gläubige mit glattrasierten Köpfen,
Schlangenanbeter und Diener heiliger Schildkröten. Wo war der Gott, dem
alle diese Verirrten dienten? Wie sah er aus und welcher Kultus von den
vielen war der ältere, heiligere, reinere? Das wußte niemand und
namentlich den Indiern selber war dies vollkommen einerlei; wer von dem
Glauben seiner Väter nicht befriedigt war, der ging zu einem anderen
über oder zog als Büßer dahin, um eine neue Religion zu finden oder gar
zu schaffen. Göttern und Geistern, deren Namen niemand wußte, wurden
Speisen in kleinen Schalen geopfert, und alle diese hundert
Gottesdienste, Tempel und Priesterschaften lebten vergnügt nebeneinander
hin, ohne daß es den Anhängern des einen Glaubens einfiel, die anderen
zu hassen oder totzuschlagen, wie es daheim in den Christenländern Sitte
war. Vieles sogar sah sich hübsch und lieblich an, Flötenmusik und zarte
Blumenopfer, und auf gar vielen frommen Gesichtern wohnte ein Friede und
heiter stiller Glanz, den man in den Gesichtern der Engländer vergeblich
suchte. Schön und heilig schien ihm auch das von den Hindus streng
gehaltene Gebot, kein Tier zu töten, und er schämte sich zuweilen und
suchte Rechtfertigung vor sich selbst, wenn er ohne Erbarmen einige
schöne Schmetterlinge und Käfer umgebracht und auf Nadeln gespießt
hatte. Andererseits waren unter diesen selben Völkern, denen jeder Wurm
als Geschöpf Gottes heilig galt und die sich innig in Gebeten und
Tempeldienst hingaben, Diebstahl und Lüge, falsches Zeugnis und
Vertrauensbruch ganz alltägliche Dinge, über die keine Seele sich
empörte oder nur wunderte. Je mehr es der wohlmeinende Glaubensbote
bedachte, desto mehr schien ihm dieses Volk zum undurchdringlichen
Rätsel zu werden, das jeder Logik und Theorie Hohn sprach. Der Diener,
mit dem er trotz Bradleys Verbot bald wieder Gespräche pflog und der
soeben ein Herz und eine Seele mit ihm zu sein schien, stahl ihm eine
Stunde später ein baumwollenes Hemd, und als er ihn mit liebreichem
Ernst zur Rede stellte, leugnete er zuerst unter Schwüren, gab dann
lächelnd alles zu, zeigte das Hemd her und sagte zutraulich, es habe ja
schon ein kleines Loch und so habe er gedacht, der Master werde es gewiß
nimmer tragen mögen.
Ein anderes Mal setzte ihn der Wasserträger in Erstaunen. Dieser Mann
erhielt seinen Lohn und sein Essen dafür, daß er täglich die Küche und
die beiden Badekammern aus der nächsten Zisterne her mit Wasser
versorgte. Er tat diese Arbeit stets am frühen Morgen und am Abend, den
ganzen übrigen Tag saß er in der Küche oder in der Dienerhütte und kaute
entweder Betel oder ein Stückchen Zuckerrohr. Einmal, da der andere
Diener ausgegangen war, gab ihm Aghion ein Beinkleid zum Ausbürsten, das
von einem Spaziergang her voll von Grassamen hing. Der Mann lachte nur
und steckte die Hände auf den Rücken, und als der Missionar unwillig
wurde und ihm streng befahl, sofort die kleine Arbeit zu tun, folgte er
zwar endlich, tat die Verrichtung aber unter Murren und Tränen, setzte
sich dann trostlos in die Küche und schalt und tobte eine Stunde lang
wie ein Verzweifelter. Mit unendlicher Mühe und nach Überwindung vieler
Mißverständnisse brachte Aghion an den Tag, daß er den Menschen schwer
beleidigt habe durch den Befehl zu einer Arbeit, die nicht zu seinem
Amte gehörte.
Alle diese kleinen Erfahrungen traten, sich allmählich verdichtend, wie
zu einer Glaswand zusammen, die den Missionar von seiner Umgebung
abtrennte und in eine immer peinlichere Einsamkeit verwies. Desto
heftiger, ja mit einer gewissen verzweifelten Gier lag er seinen
Sprachstudien ob, in denen er gute Fortschritte machte und die ihm, wie
er sehnlichst hoffte, dies fremde Volk doch noch erschließen sollten.
Immer häufiger konnte er es nun wagen, Eingeborene auf der Straße
anzureden, er ging ohne Dolmetscher zum Schneider, zum Krämer, zum
Schuhmacher. Manchmal gelang es ihm, mit einfachen Leuten ins Geplauder
zu kommen, etwa indem er einem Handwerker sein Werk, einer Mutter ihren
Säugling freundlich betrachtete und lobte, und aus Worten und Blicken
dieser Heidenmenschen, namentlich aber aus ihrem guten, kindlichen,
seligen Lachen, sprach ihn oft die Seele des fremden Volkes so klar und
brüderlich an, daß für Augenblicke alle Schranken fielen und das Gefühl
der Fremdheit sich verlor.
Schließlich meinte er entdeckt zu haben, daß Kinder und einfache Leute
vom Lande ihm fast immer zugänglich seien, ja daß alle Schwierigkeiten,
alles Mißtrauen und alle Verderbnis der Städter nur von der Berührung
mit den europäischen Schiffs- und Handelsleuten herkomme. Von da an
wagte er sich, häufig zu Pferde, auf Ausflügen immer weiter ins Land
hinein. Er trug kleine Kupfermünzen und manchmal auch Zuckerstücke für
die Kinder in der Tasche, und wenn er weit drinnen im hügeligen Lande
vor einer bäuerlichen Lehmhütte sein Pferd an eine Palme band, und unter
das Schilfdach tretend, grüßte und um einen Trunk Wasser oder Kokosmilch
bat, so ergab sich fast jedesmal eine harmlos freundliche Bekanntschaft
und ein Geplauder, bei dem Männer, Weiber und Kinder über seine noch
mangelhafte Kenntnis der Sprache oft im fröhlichsten Erstaunen hellauf
lachten, was er gar nicht ungerne sah.
Noch machte er keinerlei Versuche, den Leuten bei solchen Anlässen vom
lieben Gott zu erzählen. Es schien ihm das nicht nur nicht eilig,
sondern auch überaus heikel und fast unmöglich zu sein, da er für alle
die geläufigen Ausdrücke des biblischen Glaubens durchaus keine
indischen Worte finden konnte. Außerdem fühlte er kein Recht, sich zum
Lehrer dieser Leute aufzuwerfen und sie zu wichtigen Änderungen in ihrem
Leben aufzufordern, ehe er dieses Leben genau kannte und fähig war, mit
den Hindus einigermaßen auf gleichem Fuße zu leben und zu reden.
Dadurch dehnten seine Studien sich weiter aus. Er suchte Leben, Arbeit
und Erwerb der Eingeborenen kennen zu lernen, er ließ sich Bäume und
Früchte zeigen und benennen, Haustiere und Geräte, er erforschte nach
und nach die Geheimnisse des nassen und des trockenen Reisbaues, der
Gewinnung des Bastes und der Baumwolle, er betrachtete Hausbau und
Töpferei, Strohflechten und Webearbeiten, worin er von der Heimat her
Bescheid wußte. Er sah dem Pflügen schlammiger Reisfelder mit rosenroten
fetten Wasserbüffeln zu, er lernte die Arbeit des gezähmten Elefanten
kennen und sah zahme Affen für ihre Herren die reifen Kokosnüsse von den
hohen Bäumen holen.
Auf einem seiner Ausflüge, in einem friedevollen Tal zwischen hohen
grünen Hügeln, überraschte ihn einst ein wilder Gewitterregen, vor
welchem er in der nächsten Hütte, die er erreichen konnte, einen
Unterstand suchte. Er fand in dem engen Raum zwischen lehmbekleideten
Bambuswänden eine kleine Familie versammelt, die den hereintretenden
Fremdling mit scheuem Erstaunen begrüßte. Die Hausmutter hatte ihr
graues Haar mit Henna feurigrot gefärbt und zeigte, da sie zum Empfang
aufs freundlichste lächelte, einen Mund voll ebenso roter Zähne, die
ihre Leidenschaft für das Betelkauen verrieten. Ihr Mann war ein großer,
ernsthaft blickender Mensch mit langen, noch dunkeln Haaren. Er erhob
sich vom Boden und nahm eine königlich aufrechte Haltung an, tauschte
Begrüßungsworte mit dem Gast und bot ihm alsbald eine frisch geöffnete
Kokosnuß an, von deren süßlichem Safte der Engländer einen Schluck
genoß. Ein kleiner Knabe, der bei seinem Eintritt still in die Ecke
hinter der steinernen Feuerstelle geflohen war, blitzte von dort unter
einem Wald von glänzend schwarzen Haaren hervor mit ängstlich
neugierigen Augen; auf seiner dunkeln Brust schimmerte ein messingenes
Amulett, das seinen einzigen Schmuck und seine einzige Kleidung bildete.
Einige große Bananenbündel schwebten über der Türe zur Nachreife
aufgehängt; in der ganzen Hütte, die all ihr Licht nur durch die offene
Türe erhielt, war keine Armut, wohl aber die äußerste Einfachheit und
eine hübsche, reinliche Ordnung zu bemerken.
Ein leises, aus allerfernsten Kindheitserinnerungen emporduftendes
Heimatgefühl, das den Reisenden so leicht beim Anblick zufriedener
Häuslichkeit übernimmt, ein leises Heimatgefühl, das er in dem Bungalow
des Herrn Bradley niemals gespürt hatte, kam über den Missionar, und es
schien ihm beinahe so, als sei seine Einkehr hier nicht nur die eines
vom Regen überfallenen Wanderers, sondern als wehe ihm, der sich in
trüben Lebenswirrsalen verlaufen, endlich einmal wieder Sinn und Frohmut
eines richtigen, natürlichen, in sich begnügten Lebens entgegen. Auf dem
dichten Schilfblätterdach der Hütte rauschte und trommelte
leidenschaftlich der wilde Regen und hing vor der Türe dick und blank
wie eine Glaswand.
Die Alten unterhielten sich froh und unbefangen mit ihrem ungewöhnlichen
Gaste, und als sie am Ende mit Höflichkeit die natürliche Frage
stellten, was denn seine Ziele und Absichten in diesem Lande seien, kam
er in Verlegenheit und begann von anderem zu reden. Wieder, wie schon
oft, wollte es dem bescheidenen Aghion als eine ungeheuerliche Frechheit
und Überhebung erscheinen, daß er als Abgesandter eines fernen Volkes
hierher gekommen sei mit der Absicht, diesen Menschen ihren Gott und
Glauben zu nehmen und einen anderen dafür aufzunötigen. Immer hatte er
gedacht, diese Scheu würde sich verlieren, sobald er nur die
Hindusprache besser beherrsche; aber heute ward ihm unzweifelhaft klar,
daß dies eine Täuschung gewesen war und daß er, je besser er das braune
Volk verstand, desto weniger Recht und Lust in sich verspürte, herrisch
in das Leben dieses Volkes einzugreifen.
Der Regen ließ nach, und das mit der fetten roten Erde durchsetzte
Wasser in der hügeligen Gasse lief davon, Sonnenstrahlen drangen
zwischen den naß glänzenden Palmenstämmen hervor und spiegelten sich
grell und blendend in den blanken Riesenblättern der Pisangbäume. Der
Missionar bedankte sich bei seinen Wirten und machte Miene, sich zu
verabschieden, da fiel ein Schatten auf den Boden und der kleine Raum
verfinsterte sich. Schnell wandte er sich um und sah durch die Tür eine
Gestalt lautlos auf nackten Sohlen hereintreten, eine junge Frau oder
ein Mädchen, die bei seinem unerwarteten Anblick erschrak und zu dem
Knaben hinter die Feuerstatt floh.
„Heda, sag’ dem Herrn guten Tag!“ rief ihr der Vater zu, und sie trat
schüchtern zwei Schritte vor, kreuzte die Hände vor der Brust und
verneigte sich mehrmals. In ihrem dicken tiefschwarzen Haar schimmerten
Regentropfen; der Engländer legte freundlich und befangen seine Hand
darauf und sprach einen Gruß, und während er das weiche geschmeidige
Haar lebendig in seinen Fingern fühlte, hob sie das Gesicht zu ihm auf
und lächelte freundlich aus dunkeln wunderschönen Augen. Um den Hals
trug sie eine rosenrote Korallenkette und am einen Fußgelenk einen
schweren goldenen Ring, sonst nichts als das dicht unter den Brüsten
gegürtete rotbraune Untergewand. So stand sie in ihrer einfachen
Schönheit vor dem erstaunten Fremden; die schrägen Sonnenstrahlen
spiegelten sich matt in ihrem Haar und auf ihren braunen blanken
Schultern, blitzend funkelten die kleinen spitzen Zähne aus dem jungen
Munde. Robert Aghion sah sie mit Entzücken an und suchte tief in ihre
stillen sanften Augen zu blicken, wurde aber schnell verlegen; der
feuchte Duft ihrer Haare und der Anblick ihrer nackten Schultern und
Brüste verwirrte ihn, so daß er bald vor ihrem unschuldigen Blick die
Augen niederschlug. Er griff in die Tasche und holte eine kleine
stählerne Schere hervor, mit der er sich Nägel und Bart zu schneiden
pflegte und die ihm auch beim Pflanzensammeln diente; die schenkte er
dem schönen Mädchen und wußte wohl, daß dies eine recht kostbare Gabe
sei. Sie nahm das Ding denn auch befangen und in beglücktem Erstaunen an
sich, während die Eltern sich in Dankesworten erschöpften, und als er
nun Abschied nahm und ging, da folgte sie ihm bis unter das Vordach der
Hütte, ergriff seine linke Hand und küßte sie. Die laue, zärtliche
Berührung dieser blumenhaften Lippen rann dem Manne ins Blut, am
liebsten hätte er sie auf den Mund geküßt. Statt dessen nahm er ihre
beiden Hände in seine Rechte, sah ihr in die Augen und sagte: „Wie alt
bist du?“
„Das weiß ich nicht,“ gab sie zur Antwort.
„Und wie heißt du denn?“
„Naissa.“
„Leb’ wohl, Naissa, und vergiß mich nicht!“
„Naissa vergißt ihren Herrn nicht.“
Er ging von dannen und suchte den Heimweg, tief in Gedanken, und als er
spät in der Dunkelheit ankam und in seine Kammer trat, bemerkte er erst
jetzt, daß er heute keinen einzigen Schmetterling oder Käfer, nicht
Blatt noch Blume von seinem Ausflug mitgebracht hatte. Seine Wohnung
aber, das öde Junggesellenhaus mit den herumlungernden Dienern und dem
kühlen mürrischen Herrn Bradley war ihm noch nie so unheimlich und
trostlos erschienen wie in dieser Abendstunde, da er bei seiner kleinen
Öllampe am wackligen Tischlein saß und in der Bibel zu lesen versuchte.
In dieser Nacht, als er nach langer Gedankenunruhe und trotz den
singenden Moskiten endlich den Schlaf gefunden hatte, wurde der
Missionar von sonderbaren Träumen heimgesucht.
Er wandelte in einem dämmernden Palmenhain, wo gelbe Sonnenflecke auf
dem rotbraunen Boden spielten. Papageien riefen aus der Höhe, Affen
turnten tollkühn an den unendlich hohen Baumsäulen, kleine
edelsteinblitzende Kolibrivögel leuchteten kostbar auf, Insekten jeder
Art gaben durch Töne, Farben oder Bewegungen ihre Lebensfreude kund. Der
frohe Missionar spazierte dankbar und beglückt inmitten dieser Pracht;
er rief einen seiltanzenden Affen an, und siehe, das flinke Tier
kletterte gehorsam zur Erde und stellte sich wie ein Diener mit Gebärden
der Ergebenheit vor Aghion auf. Dieser sah ein, daß er in diesem seligen
Bezirk der Kreatur zu gebieten habe, und alsbald berief er die Vögel und
Schmetterlinge um sich, und sie kamen in großen glänzenden Scharen, er
winkte und taktierte mit den Händen, nickte mit dem Kopf, befahl mit
Blicken und Zungenschnalzen, und gefügig ordneten sich alle die
herrlichen Tiere in der goldigen Luft zu schönen schwebenden Reigen und
Festzügen, pfiffen und summten, zirpten und rollten in feinen Chören,
suchten und flohen, verfolgten und haschten einander, beschrieben
feierliche Kreise und schalkhafte Spiralen in der Luft. Es war ein
glänzendes herrliches Ballett und Konzert und ein wiedergefundenes
Paradies, und der Träumer verweilte in dieser harmonischen Zauberwelt,
die ihm gehorchte und zu eigen war, mit einer innig ergriffenen und
beinahe schmerzlichen Lust; denn in all dem Glück war doch schon ein
leises Ahnen oder Wissen enthalten, ein Vorgeschmack von Unverdientheit
und Vergänglichkeit, wie ihn ein frommer Missionar ohnehin bei jeder
Sinnenlust auf der Zunge haben muß.
Dieser ängstliche Vorgeschmack trog denn auch nicht. Noch schwelgte der
entzückte Naturfreund im Anblick einer Affenquadrille und liebkoste
einen ungeheuren blauen Sammetfalter, der sich vertraulich auf seine
linke Hand gesetzt hatte und sich wie ein Täubchen streicheln ließ, aber
schon begannen Schatten der Angst und Auflösung in dem Zauberhain zu
flattern und das Gemüt des Träumers zu umhüllen. Einzelne Vögel schrien
plötzlich grell und angstvoll auf, unruhige Windstöße erbrausten in den
hohen Wipfeln, das frohe warme Sonnenlicht wurde fahl und siech, die
Vögel huschten nach allen Seiten davon, und die schönen großen Falter
ließen sich in wehrlosem Schrecken vom Winde davonführen. Regentropfen
klatschten erregt auf den Baumkronen, ein ferner leiser Donner rollte
langsam austönend über das Himmelsgewölbe.
Da betrat Mister Bradley den Wald. Der letzte bunte Vogel war entflogen.
Hünenhaft groß von Gestalt und finster wie der Geist eines erschlagenen
Königs kam Bradley heran, spuckte verächtlich vor dem Missionar aus und
begann ihm in verletzenden, höhnischen, feindseligen Worten vorzuwerfen,
er sei ein Gauner und Tagedieb, der sich von seinem Londoner Patron für
die Bekehrung der Heiden anstellen und bezahlen lasse, statt dessen aber
nichts tue als müßiggehen, Käfer fangen und spazieren laufen. Und Aghion
mußte in Zerknirschung eingestehen, jener habe recht und er sei all
dieser Versäumnis schuldig.
Es erschien nun jener mächtige reiche Patron aus England, Aghions
Brotgeber, sowie mehrere englische Geistliche, und diese zusammen mit
Bradley trieben und hetzten den Missionar vor sich her durch Busch und
Dorn, bis sie auf eine volkreiche Straße und in jene Vorstadt von Bombay
kamen, wo der turmhohe groteske Hindutempel stand. Hier flutete eine
bunte Menschenmenge aus und ein, nackte Kulis und weißgekleidete stolze
Brahmanen, dem Tempel gegenüber aber war eine christliche Kirche
errichtet, und über ihrem Portal war Gottvater in Stein gebildet, in
Wolken schwebend mit ernstem Vaterauge und fließendem Bart.
Auf die Stufen des Gotteshauses schwang sich der bedrängte Missionar,
winkte mit den Armen und begann den Hinduleuten zu predigen. Mit lauter
Stimme forderte er sie auf, herzuschauen und zu vergleichen, wie anders
der wahre Gott beschaffen sei als ihre armen Fratzengötter mit den
vielen Armen und Rüsseln. Mit ausgestrecktem Finger wies er auf das
verschlungene Figurenwerk der indischen Tempelfassade, und dann wies er
einladend auf das Gottesbild seiner Kirche. Aber wie sehr erschrak er
da, als er seiner eigenen Gebärde folgend wieder emporblickte; denn
Gottvater hatte sich verändert, er hatte drei Köpfe und sechs Arme
bekommen und hatte statt des etwas blöden und machtlosen Ernstes ein
feines, überlegen vergnügtes Lächeln in den Gesichtern, genau wie es die
feineren unter den indischen Götterbildern nicht selten zeigten.
Verzagend sah sich der Prediger nach Bradley, nach dem Patron und der
Geistlichkeit um; sie waren aber alle verschwunden, er stand allein und
kraftlos auf den Stufen der Kirche, und nun verließ ihn auch Gottvater
selbst, denn er winkte mit seinen sechs Armen zu dem Tempel hinüber und
lächelte den Hindugöttern mit göttlicher Heiterkeit zu.
Vollständig verlassen, geschändet und verloren stand Aghion auf seiner
Kirchentreppe. Er schloß die Augen und blieb aufrecht stehen, jede
Hoffnung war in seiner Seele erloschen, und er wartete mit verzweifelter
Ruhe darauf, von den Heiden gesteinigt zu werden. Statt dessen aber
fühlte er sich, nach einer furchtbaren Pause, von einer starken, doch
sanften Hand beiseite geschoben, und als er die Augen aufriß, sah er den
steinernen Gottvater groß und ehrwürdig die Stufen herabschreiten,
während gegenüber die Götterfiguren des Tempels in ganzen Scharen von
ihren Schauplätzen herabstiegen. Sie alle wurden von Gottvater begrüßt,
der sodann in den Hindutempel eintrat und mit freundlicher Gebärde die
Huldigung der weißgekleideten Brahmanen entgegennahm. Die Heidengötter
aber mit ihren Rüsseln, Ringellocken und Schlitzaugen besuchten einmütig
die Kirche, fanden alles gut und hübsch und zogen viele Beter nach sich,
und so entstand ein Umzug der Götter und Menschen zwischen Kirche und
Tempel; Gong und Orgel tönten geschwisterlich ineinander, und stille
dunkle Indier brachten auf nüchternen englisch-christlichen Altären
Lotosblumen dar.
Mitten im festlichen Gedränge aber schritt mit den glatten, glänzend
schwarzen Haaren und den großen kindlichen Augen die schöne Naissa. Sie
kam zwischen vielen anderen Gläubigen vom Tempel herübergegangen, stieg
die Stufen zur Kirche empor und blieb vor dem Missionare stehen. Sie sah
ihm ernst und lieblich in die Augen, nickte ihm zu und bot ihm eine
Lotosblüte hin. Er aber, in überwallendem Entzücken, beugt sich über ihr
klares stilles Gesicht herab, küßt sie auf die Lippen und schließt sie
in seine Arme.
Noch ehe er hatte sehen können, was Naissa dazu sage, erwachte Aghion
aus seinem Traum und fand sich müde und erschrocken in tiefer Dunkelheit
auf seinem Lager hingestreckt. Eine schmerzliche Verwirrung aller
Gefühle und Triebe quälte ihn bis zur Verzweiflung. Der Traum hatte ihm
sein eigenes Selbst unverhüllt gezeigt, seine Schwäche und Verzagtheit,
den Unglauben an seinen Beruf, seine Verliebtheit in die braune Heidin,
seinen unchristlichen Haß gegen Bradley, sein schlechtes Gewissen dem
englischen Brotgeber gegenüber. Es war so, es war alles wahr und nicht
zu ändern.
Eine Weile lag er traurig und bis zu Tränen erregt im Dunkeln. Er
versuchte zu beten und vermochte es nicht, er versuchte sich die Naissa
als Teufelin vorzustellen und seine Neigung als verworfen zu erkennen
und konnte auch das nicht. Am Ende erhob er sich, einer halbbewußten
Regung folgend und noch von den Schatten und Schauern des Traumes
umgeben; er verließ sein Zimmer und suchte Bradleys Stube auf,
ebensosehr im triebhaften Bedürfnis nach Menschenanblick und Trost wie
in der frommen Absicht, sich seiner Abneigung gegen diesen Mann zu
schämen und durch Offenheit ihn sich zum Freunde zu machen.
Leise schlich er auf dünnen Bastsohlen die dunkle Veranda entlang bis
zum Schlafzimmer Bradleys, dessen leichte Tür aus Bambusgestäbe nur bis
zur halben Höhe der Türöffnung reichte und den hohen Raum schwach
erleuchtet zeigte; denn jener pflegte, gleich vielen Europäern in
Indien, die ganze Nacht hindurch ein kleines Öllicht zu brennen.
Behutsam drückte Aghion die dünnen Türflügel nach innen und ging hinein.
Der kleine Öldocht schwelte in einem irdenen Schüsselchen am Boden des
Gemachs und warf schwache, ungeheure Schatten an den kahlen Wänden
aufwärts. Ein brauner Nachtfalter umsurrte das Licht in kleinen Kreisen.
Um die umfangreiche Bettstatt her war der große Moskitoschleier
sorgfältig zusammengezogen. Der Missionar nahm die Lichtschale in die
Hand, trat ans Bett und öffnete den Schleier eine Spanne weit. Eben
wollte er des Schläfers Namen rufen, da sah er mit heftigem Erschrecken,
daß Bradley nicht allein sei. Er lag, vom dünnen, seidenen Nachtkleide
bedeckt, auf dem Rücken, und sein Gesicht mit dem emporgereckten Kinn
sah um nichts zarter oder freundlicher aus als am Tage. Neben ihm aber
lag nackt eine zweite Gestalt, eine Frau mit langen schwarzen Haaren.
Sie lag auf der Seite und wendete dem Missionar das schlafende Gesicht
zu, und er erkannte sie: es war das starke große Mädchen, das jede Woche
die Wäsche abzuholen pflegte.
Ohne den Vorhang wieder zu schließen floh Aghion hinaus und in sein
Zimmer zurück. Er versuchte wieder zu schlafen, doch gelang es ihm
nicht; das Erlebnis des Tages, der seltsame Traum und endlich der
Anblick der nackten Schläferin hatten ihn gewaltig erregt. Zugleich war
seine Abneigung gegen Bradley viel stärker geworden, ja er scheute sich
vor dem Augenblick des Wiedersehens und der Begrüßung beim Frühstück. Am
meisten aber quälte und bedrückte ihn die Frage, ob es nun seine Pflicht
sei, dem Hausgenossen wegen seiner Lebensführung Vorwürfe zu machen und
seine Besserung zu versuchen. Aghions ganze Natur war dagegen, aber sein
Amt schien es von ihm zu fordern, daß er seine Feigheit überwinde und
dem Sünder unerschrocken ins Gewissen rede. Er zündete seine Lampe an
und las, von den singenden Mücken umschwärmt und gepeinigt, stundenlang
im Neuen Testament, ohne doch Sicherheit und Trost zu gewinnen. Beinahe
hätte er ganz Indien fluchen mögen oder doch seiner Neugierde und
Wanderlust, die ihn hieher und in diese Sackgasse geführt hatte. Nie war
ihm die Zukunft so düster erschienen, und nie hatte er sich so wenig zum
Bekenner und Märtyrer geschaffen gefühlt wie in dieser Nacht.
Zum Frühstück kam er mit unterhöhlten Augen und müden Zügen, rührte
unfroh mit dem Löffel im duftenden Tee und schälte in verdrossener
Spielerei lange Zeit an einer Banane herum, bis Herr Bradley erschien.
Dieser grüßte kurz und kühl wie sonst, setzte den Boy und den
Wasserträger durch laute Befehle in Trab, suchte sich mit langwieriger
Umsicht die goldigste Frucht aus dem Bananenbüschel und aß dann rasch
und herrisch, während im sonnigen Hof der Diener sein Pferd vorführte.
„Ich hätte noch etwas mit Ihnen zu besprechen,“ sagte der Missionar, als
der andere eben aufbrechen wollte. Argwöhnisch blickte Bradley auf.
„So? Ich habe sehr wenig Zeit. Muß es gerade jetzt sein?“
„Ja, es ist besser. Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu sagen, daß ich
von dem unerlaubten Umgange weiß, den Sie mit einem Hinduweib haben. Sie
können sich denken, wie peinlich es mir ist ...“
„Peinlich!“ rief Bradley aufspringend und brach in ein zorniges
Gelächter aus. „Herr, Sie sind ein größerer Esel, als ich je gedacht
hätte! Was Sie von mir halten, ist mir natürlich durchaus einerlei, daß
Sie aber in meinem Hause herumschnüffeln und spionieren, finde ich
niederträchtig. Machen wir die Sache kurz! Ich lasse Ihnen Zeit bis
Sonntag. Bis dahin suchen Sie sich freundlichst eine neue Unterkunft in
der Stadt; denn in diesem Hause werde ich Sie keinen Tag länger dulden!“
Aghion hatte eine barsche Abfertigung, nicht aber diese Antwort
erwartet. Doch ließ er sich nicht einschüchtern.
„Es wird mir ein Vergnügen sein,“ sagte er mit guter Haltung, „Sie von
meiner lästigen Einquartierung zu befreien. Guten Morgen, Herr Bradley!“
Er ging weg, und Bradley sah ihm aufmerksam nach, halb betroffen, halb
belustigt. Dann strich er sich den harten Schnurrbart, rümpfte die
Lippen, pfiff seinem Hunde und stieg die Holztreppe zum Hof hinab, um in
die Stadt zu reiten.
Beiden Männern war die kurze gewitterhafte Aussprache und Klärung der
Lage im Herzen willkommen. Aghion allerdings sah sich unerwartet vor
Sorgen und Entschlüsse gestellt, die ihm bis vor einer Stunde noch in
angenehmer Ferne geschwebt hatten. Aber je ernstlicher er seine
Angelegenheiten bedachte und je deutlicher es ihm wurde, daß der Streit
mit Bradley eine Nebensache, die Lösung seines ganzen verworrenen
Zustandes aber nun eine unerbittliche Notwendigkeit geworden sei, desto
klarer und wohler wurde ihm in den Gedanken. Das Leben in diesem Hause,
das Brachliegen seiner Kräfte, ungestillte Begierden und tote Stunden
waren ihm zu einer Qual geworden, die seine einfältige Natur ohnehin
nicht lange mehr ertragen hätte, und so ward es ihm leicht, sich des
Endes einer halben Gefangenschaft zu freuen, komme danach, was da wolle.
Es war noch früh am Morgen, und eine Ecke des Gartens, sein
Lieblingsplatz, lag noch kühl im halben Schatten. Hier hingen die Zweige
verwilderter Gebüsche über einen ganz kleinen, gemauerten Weiher nieder,
der einst als Badestelle angelegt, aber verwahrlost und nun von einem
Völkchen gelber Schildkröten bewohnt war. Hieher trug er seinen
Bambusstuhl, legte sich nieder und sah den schweigsamen Tieren zu,
welche träg und wohlig im lauen grünen Wasser schwammen und still aus
klugen kleinen Augen blickten. Jenseits im Wirtschaftshofe kauerte in
seinem Winkel der unbeschäftigte Stalljunge und sang; sein eintöniges
näselndes Lied klang wie Wellenspiel herüber und zerfloß in der warmen
Luft, und unversehens überfiel nach der schlaflosen erregten Nacht den
Liegenden die Müdigkeit, er schloß die Augen, ließ die Arme sinken und
schlief ein.
Als ein Mückenstich ihn erweckte, sah er mit Beschämung, daß er fast den
ganzen Vormittag verschlafen hatte. Aber er fühlte sich nun frisch und
ungetrübt und ging jetzt ungesäumt daran, seine Gedanken und Wünsche zu
ordnen und die Wirrnis seines Lebens sachte auseinander zu falten. Da
wurde ihm unzweifelhaft klar, was unbewußt seit langem ihn gelähmt und
seine Träume beängstigt hatte, daß nämlich seine Reise nach Indien zwar
durchaus gut und klug gewesen war, daß aber zum Missionar ihm der
richtige innere Beruf und Antrieb fehle. Er war bescheiden genug, darin
eine Niederlage und einen betrübenden Mangel zu sehen; aber zur
Verzweiflung war kein Grund vorhanden. Vielmehr schien ihm jetzt, da er
entschlossen war, sich eine angemessenere Arbeit zu suchen, das reiche
Indien erst recht eine gute Zuflucht und Heimat zu sein. Mochte es
traurig sein, daß alle diese Eingeborenen sich falschen Göttern
verschrieben hatten – sein Beruf war es nicht, das zu ändern. Sein Beruf
war, dieses Land für sich zu erobern und für sich und andere das Beste
daraus zu holen, indem er sein Auge, seine Kenntnisse, seine zur Tat
gewillte Jugend darbrachte und überall bereit stand, wo eine Arbeit für
ihn sich böte.
Noch am Abend desselben Tages wurde er, nach einer Besprechung, die kaum
eine Stunde gedauert hatte, von einem in Bombay wohnhaften Herrn
Sturrock als Sekretär und Aufseher für eine benachbarte Kaffeepflanzung
angestellt. Einen Brief an seinen bisherigen Brotgeber, worin Aghion
sein Tun erklärte und sich zum spätern Ersatz des Empfangenen
verpflichtete, versprach Sturrock nach London zu besorgen. Als der neue
Aufseher in seine Wohnung zurückkehrte, fand er Bradley in Hemdärmeln
allein beim Abendessen sitzen. Er teilte ihm, noch ehe er neben ihm
Platz nahm, das Geschehene mit.
Bradley nickte mit vollem Munde, goß etwas Whisky in sein Trinkwasser
und sagte fast freundlich: „Sitzen Sie und bedienen Sie sich, der Fisch
ist schon kalt. Nun sind wir ja eine Art von Kollegen. Na, ich wünsche
Ihnen Gutes. Kaffee bauen ist leichter als Hindus bekehren, das ist
gewiß, und möglicherweise ist es ebenso wertvoll. Ich hätte Ihnen nicht
soviel Vernunft zugetraut, Aghion!“
Die Pflanzung, die er beziehen sollte, lag zwei Tagereisen weit
landeinwärts, und übermorgen sollte Aghion in Begleitung einer
Kulitruppe dorthin aufbrechen; so blieb ihm zum Besorgen seiner
Angelegenheiten nur ein einziger Tag. Zu Bradleys Verwunderung erbat er
sich für morgen ein Reitpferd, doch enthielt sich jener aller Fragen,
und die beiden Männer saßen, nachdem sie die von tausend Insekten
umflügelte Lampe hatten wegtragen lassen, in dem lauen, schwarzen
indischen Abend einander gegenüber und fühlten sich einander näher als
in all diesen vielen Monaten eines gezwungenen Zusammenlebens.
„Sagen Sie,“ fing Aghion nach einem langen Schweigen an, „Sie haben
sicher von Anfang an nicht an meine Missionspläne geglaubt?“
„O doch,“ gab Bradley ruhig zurück. „Daß es Ihnen damit Ernst war,
konnte ich ja sehen.“
„Aber Sie konnten gewiß auch sehen, wie wenig ich zu dem paßte, was ich
hier tun und vorstellen sollte! Warum haben Sie mir das nie gesagt?“
„Ich war von niemand dazu angestellt. Ich liebe es nicht, wenn mir
jemand in meine Sachen hineinredet; so tue ich das auch bei anderen
nicht. Außerdem habe ich hier in Indien schon die verrücktesten Dinge
unternehmen und gelingen sehen. Das Bekehren war Ihr Beruf, nicht
meiner. Und jetzt haben Sie ganz von selber einige Ihrer Irrtümer
eingesehen! So wird es Ihnen auch noch mit anderen gehen ...“
„Mit welchen zum Beispiel?“
„Zum Beispiel in dem, was Sie heut morgen mir an den Kopf geworfen
haben.“
„Oh, wegen des Mädchens!“
„Gewiß. Sie sind Geistlicher gewesen; trotzdem werden Sie zugeben, daß
ein gesunder Mann nicht jahrelang leben und arbeiten und gesund bleiben
kann, ohne gelegentlich eine Frau bei sich zu haben. Mein Gott, darum
brauchen Sie doch nicht rot zu werden! Nun sehen Sie: als Weißer in
Indien, der sich nicht gleich eine Frau mit aus England herübergebracht
hat, hat man wenig Auswahl. Es gibt keine englischen Mädchen hier. Die
hier geboren werden, die schickt man schon als Kinder nach Europa heim.
Es bleibt nur die Wahl zwischen den Matrosendirnen und den Hindufrauen,
und die sind mir lieber. Was finden Sie daran schlimm?“
„Oh, hier verstehen wir uns nicht, Herr Bradley! Ich finde, wie es die
Bibel und unsere Kirche vorschreibt, jede uneheliche Verbindung schlimm
und unrecht!“
„Wenn man aber nichts anderes haben kann?“
„Warum sollte man nicht können? Wenn ein Mann ein Mädchen wirklich lieb
hat, so soll er es heiraten.“
„Aber doch nicht ein Hindumädchen?“
„Warum nicht?“
„Aghion, Sie sind weitherziger als ich! Ich will mir lieber einen Finger
abbeißen als eine Farbige heiraten, verstehen Sie? Und so werden Sie
später auch einmal denken!“
„O bitte, das hoffe ich nicht. Da wir so weit sind, kann ich es Ihnen ja
sagen: Ich liebe ein Hindumädchen, und es ist meine Absicht, sie zu
meiner Frau zu machen.“
Bradleys Gesicht wurde ernsthaft. „Tun Sie das nicht!“ sagte er fast
bittend.
„Doch, ich werde es tun,“ fuhr Aghion begeistert fort. „Ich werde mich
mit dem Mädchen verloben und sie dann so lange erziehen und
unterrichten, bis sie die christliche Taufe erhalten kann; dann lassen
wir uns in der englischen Kirche trauen.“
„Wie heißt sie denn?“ fragte Bradley nachdenklich.
„Naissa.“
„Und ihr Vater?“
„Das weiß ich nicht.“
„Na, bis zur Taufe hat es ja noch Zeit; überlegen Sie sich das lieber
noch einmal! Natürlich kann sich unsereiner in ein indisches Mädel
verlieben, sie sind oft hübsch genug. Sie sollen auch treu sein und
zahme Frauen abgeben. Aber ich kann sie doch immer nur wie eine Art
Tierchen ansehen, wie lustige Ziegen oder schöne Rehe, nicht wie
meinesgleichen.“
„Ist das nicht ein Vorurteil? Alle Menschen sind Brüder, und die Indier
sind ein altes edles Volk.“
„Ja, das müssen Sie besser wissen, Aghion. Was mich betrifft, ich habe
sehr viel Achtung vor Vorurteilen.“
Er stand auf, sagte Gutenacht und ging in sein Schlafzimmer, in dem er
gestern die hübsche große Wäscheträgerin bei sich gehabt hatte. „Wie
eine Art Tierchen“ hatte er gesagt, und Aghion lehnte sich nachträglich
in Gedanken dagegen auf.
Früh am andern Tage, noch ehe Bradley zum Frühstück gekommen war, ließ
Aghion das Reitpferd vorführen und ritt davon, während noch in den
wirren Baumwipfeln die Affen ihr Morgengeschrei verübten. Und noch stand
die Sonne nicht hoch, als er schon in der Nähe jener Hütte, wo er die
hübsche Naissa kennen gelernt hatte, sein Tier anband und zu Fuß sich
der Behausung näherte. Auf der Türschwelle saß nackt der kleine Sohn und
spielte mit einer jungen Ziege, von der er sich lachend immer wieder vor
die Brust stoßen ließ.
Eben als der Besucher vom Wege abbiegen wollte, um in die Hütte zu
treten, stieg über den kauernden Jungen hinweg vom Innern der Hütte her
ein junges Mädchen, das er sofort als Naissa erkannte. Sie trat auf die
Gasse, einen hohen irdenen Wasserkrug leer in der losen Rechten tragend,
und ging, ohne ihn zu beachten, vor Aghion her, der ihr mit Entzücken
folgte. Bald hatte er sie eingeholt und rief ihr einen Gruß zu. Sie hob
den Kopf, indem sie das Grußwort leise erwiderte, und sah aus den
schönen braungoldenen Augen kühl auf den Mann, als kenne sie ihn nicht,
und als er ihre Hand ergriff, zog sie sie erschrocken zurück und lief
mit beschleunigten Schritten weiter. Er begleitete sie bis zu dem
gemauerten Wasserbehälter, wo das Wasser einer schwachen Quelle dünn und
sparsam über moosig-alte Steine rann; er wollte ihr helfen, den Krug zu
füllen und emporzuziehen, aber sie wehrte ihn schweigend ab und machte
ein trotziges Gesicht. Er war über soviel Sprödigkeit erstaunt und
enttäuscht, und nun suchte er aus seiner Tasche das Geschenk hervor, das
er für sie mitgebracht hatte, und es tat ihm nun doch ein wenig weh, zu
sehen, wie sie alsbald die Abwehr vergaß und nach dem Dinge griff, das
er ihr anbot. Es war eine emaillierte kleine Dose mit hübschen
Blumenbildchen darauf, und die innere Seite des runden Deckels bestand
aus einem kleinen Spiegel. Er zeigte ihr, wie man ihn öffne und gab ihr
das Ding in die Hand.
„Für mich?“ fragte sie mit Kinderaugen.
„Für dich!“ sagte er, und während sie mit der Dose spielte, streichelte
er ihren sammetweichen Arm und ihr langes schwarzes Haar.
Da sie ihm nun Dank sagte und mit unentschlossener Gebärde den vollen
Wasserkrug ergriff, versuchte er, ihr etwas Liebes und Zärtliches zu
sagen, was sie jedoch offenbar nur halb verstand und indem er sich auf
Worte besann und unbeholfen neben ihr stand, schien ihm plötzlich die
Kluft zwischen ihm und ihr ungeheuer, und er dachte mit Trauer, wie
wenig doch vorhanden sei, das ihn mit ihr verbinde, und wie lange, lange
es dauern mochte, bis sie einmal seine Braut und seine Freundin sein,
seine Sprache verstehen, sein Wesen begreifen, seine Gedanken teilen
könnte.
Mittlerweile hatte sie langsam den Rückweg angetreten, und er ging neben
ihr her, der Hütte entgegen. Der Knabe war mit der Ziege in einem
atemlosen Jagdspiel begriffen; sein schwarzbrauner Rücken glänzte
metallisch in der Sonne, und sein geblähter Reisbauch ließ die Beine zu
dünn erscheinen. Mit einem Anflug von Befremdung dachte der Engländer
daran, daß, wenn er Naissa heirate, dieses Naturkind sein Schwager sein
würde. Um sich diesen Vorstellungen zu entziehen, sah er das Mädchen
wieder an. Er betrachtete ihr entzückend feines, großäugiges Gesicht mit
dem kühlen kindlichen Munde und mußte denken, ob es ihm wohl glücken
werde, heute noch von diesen Lippen den ersten Kuß zu erhalten.
Aus diesem lieblichen Gedanken schreckte ihn eine Erscheinung, die
plötzlich aus der Hütte trat und wie ein Spuk vor seinen ungläubigen
Augen stand. Es erschien im Türrahmen, schritt über die Schwelle und
stand vor ihm eine zweite Naissa, ein Spiegelbild der ersten, und das
Spiegelbild lächelte ihm zu und grüßte ihn, griff in ihr Hüftentuch und
zog etwas hervor, das sie triumphierend über ihrem Haupte schwang, das
blank in der Sonne glitzerte und das er nach einer Weile denn auch
erkannte. Es war die kleine Schere, die er kürzlich Naissa geschenkt
hatte, und das Mädchen, dem er heute die Spiegeldose gegeben, in dessen
schöne Augen er geblickt und dessen Arm er gestreichelt hatte, war gar
nicht Naissa, sondern deren Schwester, und wie die beiden Mädchen
nebeneinander standen, noch immer kaum voneinander zu unterscheiden, da
kam sich der verliebte Aghion unsäglich betrogen und irregegangen vor.
Zwei Rehe konnten einander nicht ähnlicher sein, und wenn man ihm in
diesem Augenblick freigestellt hätte, eine von ihnen zu wählen und mit
sich zu nehmen und für immer zu behalten, er hätte nicht gewußt, welche
von beiden es war, die er liebte. Wohl konnte er allmählich erkennen,
daß die wirkliche Naissa die ältere und ein wenig kleinere sei; aber
seine Liebe, deren er vor Augenblicken noch so sicher zu sein gemeint
hatte, war ebenso auseinander gebrochen und zu zwei Hälften zerfallen
wie das Mädchenbild, das sich vor seinen Augen so unerwartet und
unheimlich verdoppelt hatte.
Bradley erfuhr nichts von dieser Begebenheit, er stellte auch keine
Fragen, als zu Mittag Aghion heimkehrte und schweigsam beim Essen saß.
Und am nächsten Morgen, als Aghions Kulis anrückten und seine Kisten und
Säcke aufpackten und wegtrugen und als der Abreisende dem Dableibenden
noch einmal Dank sagte und die Hand hinbot, da faßte Bradley die Hand
kräftig und sagte: „Gute Reise, mein Junge! Es wird später eine Zeit
kommen, wo Sie vor Sehnsucht vergehen werden, statt der süßen
Hinduschnauzen wieder einmal einen ehrlichen ledernen Engländerkopf zu
sehen! Dann kommen Sie zu mir, und dann werden wir über alles Mögliche
einig sein, worüber wir heute noch verschieden denken!“