»Nach zwanzig Jahren Liebesaffären sieht eine Frau wie ein Wrack
aus, nach zwanzig Jahren Ehe wie ein öffentliches Gebäude.«
_Oscar Wilde._
Die Probeehe war einer der Gebräuche der frührömischen Gesellschaft.
Heutzutage hat sie einen revolutionären Beigeschmack und ist so
offenkundig unanwendbar, daß es kaum nötig wäre, sie hier weiter zu
berühren, wenn ihr jüngster und vornehmster Anwalt in der Moderne nicht
George Meredith wäre. Jeder von dieser Seite kommende Vorschlag muß
sorgfältig beachtet werden. Auch ist diese Form der Ehe von dem großen
Philosophen Locke und von Milton in Betracht gezogen worden. -- Vor kaum
drei Jahren warf unser großer Romancier diese Bombe in eine entzückte,
obgleich keinen Beifall zollende Presse, aber da das Gedächtnis
heutzutage sehr kurz ist, dürfte eine kurze Rekapitulation der näheren
Umstände am Platze sein.
Der Anfang der Geschichte war ein Brief an die »Times« von Cloudesly
Brereton, in welchem über die wachsenden Hemmungen der Ehe geklagt und
der Gepflogenheit gemäß die Frau als deren Urheberin angegriffen wurde.
Der Verfasser konstatierte, daß in dem Mittelstand »die Anforderungen
der modernen Frauen die Anziehungskraft der Ehe stetig untergraben.
Mit ihren stets wachsenden Ansprüchen an die Zeit, die Energie und die
Geldmittel ihrer Gatten bilden die modernen Ehefrauen einen sehr
ernstlichen Hemmschuh, und in den unteren Gesellschaftsklassen erschwert
die Ehe direkt die Chancen des Mannes, Arbeit zu finden.« Wie man die
Frauen für diese letztere Ungerechtigkeit verantwortlich machen kann,
war klugerweise nicht gesagt. Es wäre, glaube ich, schwer, die Anklage
zu erhärten.
Das Interessanteste an diesem Dokument war die darauffolgende Diskussion
in »The Daily Mail« und die gelungene Tatsache, daß der Verfasser sich
wenige Wochen nach Erscheinen der Zuschrift verheiratete! Die übliche
Schmähung der Ehe im allgemeinen und der Frauen im besonderen folgte,
bis die verstorbene Mrs. Craigie sich der Diskussion anschloß und jene
besonderen Eigenschaften zarten Verständnisses und wunderbarer Einsicht
in die Frauenseele zur Anwendung brachte, die zu den hervorragendsten
Merkmalen ihres glänzenden Werkes gehören. Es wäre schade, aus einem
solchen Brief bloß zu zitieren, und so gebe ich ihn denn ganz wieder:
»Die Frauen sind da, wo es sich um Gefühle handelt, nicht eigennützig
genug. Sie schlagen sich nicht zu hoch, sondern zu niedrig an. Die gegen
ihre eigene Existenz gerichtete Selbstlosigkeit der modernen Frau
ermöglicht den Eigennutz des modernen Junggesellen. Die Junggesellen
sind nicht alle Weiberfeinde, und die Tatsache, daß ein Mann ledig
bleibt, ist kein Beweis dafür, daß er für die Reize der weiblichen
Gesellschaft unempfänglich ist, oder daß er diese Gesellschaft nicht in
unverbindlichen Beziehungen in ganz gehörigem Maße genießt. Warum soll
der junge Mann des Durchschnitts, der durch Anlagen oder Erziehung
egoistisch ist, schwer arbeiten oder Opfer bringen um einer besonderen
Frau willen, wenn so viele geneigt sind, sein Leben zu teilen, ohne daß
er sich bindet, und noch so viele andere eifrig hinter ihm her sind, um
jede Ritterlichkeit oder Zärtlichkeit, die ihm angeboren sein mag, zu
zerstören? Die modernen Frauen geben den Junggesellen keine Gelegenheit,
sie zu vermissen, und keinen Anlaß, ihrer zu bedürfen. Ihre Hingebung
entbehrt der Selbstzucht, und sie wird eher ein Fluch als ein Segen für
ihren Gegenstand. Warum? Weil die Frauen diese seltsame Macht der
Konzentration und Selbstverleugnung in ihrer Liebe haben. Sie können
sich nicht genug tun, um ihre Liebenswürdigkeit zu beweisen. Und wenn
sie alles getan und sich nicht die Mühe genommen haben, ihre eigene Lage
zu sichern, dann erkennen sie, daß sie durch ein Übermaß an Edelmut und
den Wunsch angenehm zu sein, gefehlt haben. Das ist die den Junggesellen
bezeigte Selbstlosigkeit.«
In einer Antwort auf diesen Brief forderte eine andere
Romanschriftstellerin, Florence Warden, von Mrs. Craigie Auskunft über
die Existenz solcher Frauen, aber sie erzielte keine weitere Erwiderung.
»The Daily Mail« erläuterte dies folgendermaßen: »Hunderttausende
unserer Leser können aus eigener Erfahrung eine Antwort auf diese
bemerkenswerte Behauptung geben, und wir sind nicht im Zweifel über den
Inhalt ihrer Antwort.« Man kann sich vorstellen, daß das mit Hinsicht
auf die Leser an den Frühstückstischen der Villenkolonien geschrieben
wurde; aber die Männer und Frauen, die im Leben stehen, deren Erfahrung
nicht auf die Villenkolonien beschränkt ist, werden die unzweifelhafte
Wahrheit der Behauptungen von Mrs. Craigie anerkennen. Wenn ich auch
zugebe, daß der von ihr beschriebene Stand der Dinge zwischen den
Geschlechtern richtig ist, wage ich ergebenst über die Ursachen dieses
»Übermaßes an Edelmut« anderer Meinung zu sein. Bei den Frauen ist
riesig viel Selbstlosigkeit angesammelt, aber sie wird meiner Meinung
nach nicht in dieser Richtung verausgabt. Das Motiv ist vielmehr der
leidenschaftliche Wunsch nach eigener Freude, Befriedigung ihrer eigenen
Eitelkeit durch den Beifall seitens des männlichen Geschlechts, die oft
auf Kosten ihrer Selbstachtung geht. H. B. Marriott-Watson nimmt
denselben Standpunkt in einem späteren Brief ein: »Die Selbstlosigkeit
erstreckt sich nicht auf die Liebessphäre. Geschlechtsanziehung ist
praktisch unvereinbar mit Altruismus, und der Grad des Verzichts ist dem
Grad der Neigung gerade entgegengesetzt. Diese Ordnung der Dinge hat die
Natur so eingerichtet, und es nützt nichts, sie bannen zu wollen. Eine
Frau mag ihr Leben für den Mann, den sie liebt, dahin geben, aber sie
wird ihn nicht einer Rivalin ausliefern.«
Ein anderer interessanter Brief kam von Helen Mathers, die konstatierte,
daß »alle Frauen heiraten sollten, aber kein Mann« -- da die Vorteile
des Ehestandes ihrer Meinung nach einzig und allein auf seiten der
Frauen seien.
In diesem Augenblick erschien der Beitrag von George Meredith zur
Diskussion in der weniger autoritativen Form eines Interviews, nicht als
Brief oder Artikel, wie nach diesem Zeitabschnitt sehr viele Leute zu
glauben scheinen. Als ich dieses Interview neulich wieder durchlas, war
ich von den besonders altmodischen Vorstellungen George Merediths über
die Frauen betroffen. Wo es sich um die Frauenfrage handelt, da scheint
er um mehrere Jahrzehnte im Rückstand zu sein.
»Das große Übel der Sache«, behauptet er, »ist, daß die Frauen so
unerzogen, so unfertig sind. Die Männer brauchen zu oft eine Sklavin und
denken häufig, daß sie eine bekommen haben; nicht, weil die Frau nicht
oft gescheiter ist als ihr Mann, aber weil sie so unausgesprochen und
nicht genug dazu erzogen ist, ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen
Ausdruck zu verleihen.«
So war es, _bevor_ die Suffragettes aufkamen; aber es ist eine genügend
überraschende Behauptung für das Jahr 1904. Er fährt fort: »Ich frage
mich, ob ein junges, des Lebens äußerst unkundiges Mädchen, das, sagen
wir, mit achtzehn Jahren heiratet, wenig von dem Mann, den sie heiratet,
und noch weniger von irgend einem Mann auf der Welt versteht, dazu
verurteilt werden soll, mit ihm den Rest ihrer Tage zu verbringen. Bald
sympathisiert sie nicht mehr mit ihm, ja, sie hat keine Neigungen
gemeinschaftlich mit ihm, keine wirkliche Gemeinschaft außer einer
physischen. Das Leben ist ihr fast unerträglich, und doch führen es
viele Frauen weiter, aus Gewohnheit oder weil die Anschauungen der Welt
sie terrorisieren.«
Das ist allerdings wahr. Aber Meredith spricht, als wenn es wie zu
unserer Großmütter Zeiten noch die Regel wäre, daß Mädchen unter zwanzig
Jahren heiraten, während es doch jetzt geradezu die Ausnahme ist. Mit
jedem Jahr scheint das Heiratsalter hinauf zu gehen, und errötende
Bräute im Myrtenkranz werden in einem Alter zum Altar geführt, in dem
sie vor fünfzig Jahren alte Jungfern mit Haube und Pulswärmern gewesen
wären. Wenn ein Mädchen verrückt genug ist, gleich nach Verlassen der
Schulstube zu heiraten, dann muß sie auf das enorme Risiko gefaßt sein,
das die Wahl eines Gatten in so unreifen Jahren mit sich bringt.
An anderer Stelle sagt Meredith: »Die Ehe ist so schwer, ihre modernen
Bedingungen so erschwerend, daß man zwei gebildeten Leuten, die sie
eingehen wollen, nichts in den Weg legen sollte . . . Gewiß werden eines
Tages die gegenwärtigen Bedingungen der Ehe geändert werden, sie wird
auf einen bestimmten Termin, sagen wir zehn Jahre -- oder ich brauche
keinen _bestimmten_ Termin zu nennen -- gestattet sein. Der Staat wird
darauf sehen, daß genügend Geld weggelegt wird, um für die Kinder zu
sorgen und sie zu erziehen; vielleicht wird der Staat dieses Kapital
selbst verwalten. Es wird einen höllischen Aufruhr geben, bevor eine
solche Änderung durchgeführt wird; es wird eine große Erschütterung
sein, aber blickt nur zurück und seht, was für Erschütterungen es schon
gegeben hat, und welche Veränderungen dennoch in Ehesachen in der
Vergangenheit Platz gegriffen haben.«
»Die Schwierigkeit liegt darin, das Publikum daran zu gewöhnen, einem
solchen Problem in die Augen zu sehen. Die Engländer brauchen es mehr
denn irgendeine Nation in der Welt, in Disziplin zu leben. Sie wollen
nicht vorwärts schauen, besonders nicht die Regierenden. Und es gehört
Philosophie dazu; und das englische Volk dazu zu kriegen, daß es das
bloße Wort Philosophie in seinen Diskussionen über so ein Thema zuläßt,
ist mehr, als man erhoffen kann. Immer wieder, besonders in der Kritik
Amerika gegenüber, sieht man, wie die Engländer hartnäckig alle neuen
Bestrebungen als Zeichen von Krankhaftigkeit betrachten, und doch sind
sie ein Zeichen von Gesundheit.«
Man sieht, daß Meredith den Termin von zehn Jahren als einen Vorschlag
behandelt. In einem Essay von Stevenson wird einer Dame gesagt: »Nach
zehn Jahren ist einem der Gatte wenigstens ein alter Freund«, und ihre
Antwort war: »Ja, und man möchte, daß er einem nur das und nichts
anderes wäre.« Der Abschnitt von zehn Jahren hat eine besondere
Bedeutung in der Ehe. Nachdem das erste kritische Jahr vorüber ist,
richten sich's die meisten Paare ziemlich behaglich ein, -- bis zum
zehnten Jahre. Der Präsident des Ehegerichtshofes hat dieses Jahr den
gefährlichen Wendepunkt im Eheleben genannt. Ein späterer Brief in der
»Daily Mail«, welcher dem von George Meredith zustimmte und die
gegenwärtige Form der Ehe »eine Verurteilung auf Lebensdauer« nannte,
schlägt einen noch kürzeren Zeitabschnitt vor, z.B. fünf Jahre, da
während dieser Zeit ein Ehepaar Glück oder das Gegenteil gefunden haben
kann, und in letzterem Falle müßte man zu lange auf die Freiheit warten.
Ein Mitarbeiter eines anderen Blattes erwähnte Amerika als ein Beispiel
der in volle Kraft getretenen Zeitehe. »Es erhellt aus der Statistik
eines amerikanischen Bischofs, daß die Bevölkerung der Vereinigten
Staaten schon jetzt unter den von Meredith vorgeschlagenen Bedingungen
lebt. Im Jahre 1903 wurden nicht weniger als 600 000 amerikanische Ehen
geschieden. Das bedeutet eine Scheidung auf je vier Ehen. In manchen
Gegenden war das Verhältnis fast eins zu zwei, und die häufigste Ursache
der Scheidung war das Bedürfnis nach Abwechslung.«
Es scheint mir, daß die Einführung der Probeehe nur allgemeines Elend
und Verwirrung zur Folge haben würde, dem gegenüber die gegenwärtige
Summe ehelichen Unglücks nur ein Tropfen im Meere wäre. Wenn unsere
Ehegesetze abgeändert werden müssen, dann wollen wir hoffen, daß es
nicht in dieser Richtung geschieht, ob zwar es ganz klar ist, daß eine
solche Änderung Tausenden von Männern und Frauen, die aus irgendeinem
Grunde dazu gelangten, ihre Fesseln zu verabscheuen, eine Wohltat wäre.
Ob sie nicht auch die prosaische Zufriedenheit, die unter einigen
Millionen Menschen als Glück gilt, zerstören würde, ist eine zu weit
greifende Frage, um hier mehr als gestreift zu werden.
Das Schicksal jener, die auf Lebensdauer an Mondsüchtige,
Verbrecherische und Trunksüchtige gebunden sind, ist gewiß
erbarmungswürdig; aber eine Erweiterung der Scheidungsgesetze würde
nur die Ausnahmsfälle treffen, ohne das Eheband der Normalen zu
beeinträchtigen. Ich habe getrachtet, im folgenden Kapitel auf einige
der vielen Schwierigkeiten der Probeehe hinzuweisen.