»Das Gespenst der Ehe harrt, entschlossen und furchtbar, an den
Kreuzwegen.«
_R. L. Stevenson._
Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review
angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage:
»Ist die Ehe ein Mißgriff?« Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende,
unversiegbare Quelle für Zeitungsbriefecken und verbrauchte
Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der
niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema
loszulassen und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über »Die
Vollkommenheit der Polygamie« oder eine banale Diskussion über das
Thema: »Sollen die Ehemänner den Tee zu Hause trinken?« ist, es wird
unvermeidlich das gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen
Spalten der Zeitung wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute
interessieren sich immer für die Ehe, entweder vom objektiven oder
subjektiven Standpunkt aus, und das mag mich entschuldigen, wenn ich
noch ein Buch über dieses abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema
wage.
Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall
wird es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu
sagen. Der oberflächlichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der
Mehrheit eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den
Männern besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter
den verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser
Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt?
Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit
in Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit,
die Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt
unaufhörlich jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die
Berichte der Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder
Rechtsanwalt wird aus seinen persönlichen Erlebnissen erzählen, daß die
glücklichen Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige
der größten zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung
gegen die Ehe der Jetztzeit an.
Tolstoi sagt: »Die Beziehungen zwischen den Geschlechten suchen eine
neue Form, die alte zerfällt in Stücke«. In dem handschriftlichen
Nachlaß Ibsens, jenes tiefen Kenners der menschlichen Natur, kommt die
folgende bemerkenswerte Stelle vor: »Das Wort 'freigeborene Menschen'
ist eine retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das
Verhältnis zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das
Zeichen der Sklaverei aufgedrückt.« Vor nicht langer Zeit erregte auch
der größte Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure
Sensation durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen
mit einer Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle.
Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch
nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten
zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß
die Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetzlichen
Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden
müssen.
Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung
gegen diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen
Frage zeigte sich in dem Emporwuchern von »Tendenzromanen«, eine
Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich
erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch
hervorgerufene Erregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine
erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht
zu interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von
Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon
waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser
durch das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf
folgende unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in
Acht und Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld
beherrschte. Der Kultus der Familienliteratur war bald wieder in
vollster Blüte. Dann folgte eine Lawine von unerträglich albernen und
kindischen Zeitschriften, in denen das Wort »Geschlecht« direkt verrufen
und das erstrebte Ideal offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen
Lebens war. Sonderbar, wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten
der Presse verschwand. Die Psychologie war abgetan und die Intriguen
waren an der Tagesordnung. Viele damals wohlbekannte und als feine
Charakterschilderer renommierte Autoren verschwanden von den
Inhaltsverzeichnissen der Zeitschriften und den Verlegerlisten,
während seichte Schriftsteller, die weitschweifige Detektive- und
Abenteurergeschichten erzählen konnten, in die Halme schossen.
Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffentlichen Interesses
nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der
Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande
dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und
herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den Geschlechtern
gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi spricht. Es
bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung ausrichten wird.
Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts. Einige wenige
Frauen mögen zu ihrem unauslöschlichen Kummer angeregt worden sein, in
den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu wandeln. Und eine
Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur jener Tage gelesen
haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige Angst durch ihre
revolutionären Ideen über den Wert des heiligen Ehestandes. Aber welche
von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte sich an die Bergpredigt als
das für das weibliche Herz so unwiderstehliche Trio nahte -- der Ring,
die Ausstattung und das eigene Heim -- ganz zu geschweigen von dem
zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden Gatten? Jedoch sind in
den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der »Frau, die es tat«
verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen. Vor allem ist es
offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die Zeiten sind
schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch mehr
abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu bereiten,
und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu gegenüber
steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen Freuden willen
herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem ist die
wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die Männer
vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller Verhältnisse
oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie lästiger sind
als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die sich
ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei
Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so
erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal
des Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es
liegt etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die
Götter an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des
zwanzigsten Jahrhunderts lachen würden.
Ein anderer Grund, warum sich die Männer um soviel seltener verlieben
als früher, muß zum großen Teil dem Niedergang der Phantasie
zugeschrieben werden, und obgleich die Frauen in der Hauptsache ebenso
sehr zu heiraten trachten wie nur je und es allgemein bekannt ist, daß
sich die modernen jungen Frauen um den modernen jungen Mann übermäßig
bemühen, haben die Beweggründe für dieses Treiben nichts mit den durch
die Zeit geheiligten Liebesmotiven zu schaffen. Die Ehe bringt
Unabhängigkeit und eine gewisse gesellschaftliche Stellung: aus diesen
Gründen begehren die Frauen sie. Marriot Watson hat dies in knapper
Weise ausgedrückt: »Die Frauen wollen _einen_ Mann heiraten, die Männer
heiraten _das_ Weib.« Nichtsdestoweniger sind die Frauen selbst jetzt
mehr geneigt, sich zu verlieben als die Männer, weil sie jene Fähigkeit
der Einbildungskraft besser bewahrt haben, welche möglicherweise auch
den Grund der Enttäuschung und der Unzufriedenheit der Frauen in der Ehe
bildet.
Das Ende von all dem ist, daß die Männer und die Frauen einander
entgegengesetzt geworden zu sein scheinen. Wie sehr sie auch das
Geschöpf ihrer Phantasie lieben, scheint eine Art verhüllten Mißtrauens
zwischen den Geschlechtern im großen und ganzen, aber besonders auf
seiten des Mannes vorzuwalten -- vielleicht, weil der Mann der Frau
nötiger ist, als die Frau dem Mann. Diese Feindseligkeit gegen die Frau
kann man besonders in den Spalten der Tagespresse beobachten. Es vergeht
kaum eine Woche, daß nicht ein Journalist des edleren Geschlechtes
seinen Spott über das untergeordnete Geschlecht, dem seine Mutter
angehört, in spaltenlangen, meisterhaften Schmähungen über diese oder
jene Eigenschaft ergießt. Jedem Artikel folgt eine leidenschaftliche
Korrespondenz, in welcher »ein überdrüssiger Papa«, »ein hoffnungsloser
Ehemann«, »ein eingeschüchterter Bruder« und der unvermeidliche
»Zynikus« dem Verfasser die lebhafteste Zustimmung zollen, während eine
»glückliche Mutter von sieben Töchtern« und ein »Verehrer des schönen
Geschlechts« in verschiedenen Zuschriften seine sofortige Abschaffung
und öffentliche Ungnade verlangen.
Die Liste der Fehler, welche die Männer an den Frauen finden, ist
endlos. Der eine behauptet, daß die Frauen bloß häusliche Maschinen sind
und ungeeignet, einem intelligenten Mann Gefährtin zu sein, da sie sich
nichtüber die ihre Dienstboten und Kinder betreffenden Gespräche erheben
können; ein anderer behauptet, daß sie bloße Blaustrümpfe sind, die nach
einer unerreichbaren Geistigkeit streben; ein dritter, daß sie nur
leichtfertige Puppen ohne Herz und Geist sind, die in der Jagd nach
Vergnügungen ganz aufgehen; und ein vierter, daß sie geschlechtslose,
derbe, schlechtgekleidete männliche Ungeheuer sind.
Nach den Behauptungen der Verfasser der Zeitungszuschriften zu urteilen,
sind die Frauen zugleich abgeschmackt männlich, jämmerlich weiblich,
lächerlich geistig, abstoßend athletisch und aufreizend leichtfertig.
Dem Äußern nach sind sie entweder dürre, hagere, plattfüßige
Laternenpfähle, oder aufgeputzte, verschnürte, geschminkte Puppen. Ihre
Extravaganzen lassen sich nicht wiedergeben. Wenn sie zu jener Klasse
der Gesellschaft gehören, die man gewöhnlich unter Gänsefüßchen anführt,
dann rauchen, trinken, spielen und fluchen sie unaufhörlich. Sie
vernachlässigen ihre Kinder und ihr Haus, sie haben wenig Prinzipien und
noch weniger Vernunft, keine Moral, kein Herz und absolut keinen Sinn
für Humor.
»Aber«, wird der aufmerksame Leser vielleicht ausrufen, »das ist ja
nichts Neues. Seit der erste Mann aus der ersten Klemme dadurch
herauskam, daß er der einzigen verfügbaren Frau die Schuld zuschob,
ist die Frau immer das Lieblingsventil für die Mißlaunigkeit des Mannes
gewesen.« Allerdings kann die Zeit nicht die unendliche Mannigfaltigkeit
der weiblichen Vergehen aufheben, wie sie sich in den Augen des Mannes
spiegeln. Die Tradition hat das Thema geweiht, und die Gewohnheit erhält
es. Und wenn die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallen wird, wird
der letzte lebende Mann darüber murren, daß das Weib in seinem
abscheulichen Eigennutz ihn allein gelassen hat, und der letzte Tote,
der auferstehen soll, wird beim Erwachen darüber fluchen, daß seine Frau
ihn nicht früher geweckt hat!
Aber früher bemängelte der Mann die Fehler der Frau mehr in Form einer
geistreichen Neckerei, so wie man die Seinen manchmal liebevoll
verlacht. Es lag in seinen Schmähartikeln fast immer etwas von guter
Laune, die jetzt fehlt. An ihrer Stelle kann man jetzt Bitterkeit und
eine direkte Animosität bemerken. Die Männer nehmen den Aufstand der
Frauen gegen die von den Männern geschaffenen Bedingungen offenbar
ungnädig hin, und sie revanchieren sich dafür dadurch, daß sie sich weit
seltener verlieben und sich noch mehr sträuben, in den Hafen der Ehe
einzusegeln.
Sie kommen aber doch hinein, wenn auch in anderer Gemütsverfassung.
Furchtsam und zitternd legt der verzagte moderne Liebhaber seinen neuen
Frack an und schreitet zaudernd auf jenen Kampfplatz zu, wo ihn
strahlend und siegreich das entschlossene Wesen erwartet, dessen
Wille ihn soweit gebracht hat. Nein, nicht ihr Wille, sondern der
geheimnisvolle Wille der Natur, der, stetig und in seinen Absichten
unerschütterlich, sich nicht um unseren sexuellen Hader und den
Verlauf unserer kleinlichen Liebeleien und Gehäßigkeiten kümmert. Die
bombardierte, geschmähte, durch viele tausend Angriffe verwundete und
mit den Sünden von Jahrhunderten befleckte Institution der Ehe blüht
weiter, denn, wie Schopenhauer sagt: »Die zukünftige Generation in
ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit ist es, die sich mittelst jenes
Treibens und Mühens ins Dasein drängt.« Der »Wille zum Leben« wird immer
das letzte Wort haben.