»Diese Wendung: das Leben von vorn anfangen, habe ich selten mit so
triftigem Grund gebrauchen hören«, sagte Cajetan, als Hadwiger geendet.
»Und wie wir wissen, kann er mit dem Erfolg zufrieden sein«, fügte
Borsati hinzu, indem er einen langen milden Blick auf Hadwiger heftete.
»Wie kompliziert, wie vielfältig, wie unerschöpflich, wie reich, wie
groß ist doch das menschliche Dasein!« rief Cajetan ergriffen. »Ich
fühle mich in einer Stimmung wie jener Bramarbas auf der Plassenburg.
Man möchte sich manchmal wirklich zum Ertrinken tief hineinstürzen. Aber
man muß schwimmen können, das seh ich wohl ein. Und eine umpanzerte
Seele braucht man«.
»Eine umpanzerte Seele und ein unverschlossenes Herz«, sagte Lamberg
ernst.
Hadwiger sah sie alle mit einem sonderbar glänzenden Blick an, als wolle
er antworten: wißt ihr es denn? habt ihr es denn erfahren, ihr Reichen,
Reichgeborenen, Verwöhnten, ihr, die ihr Zeit gehabt, Zeit und Raum,
Freiheit und Bestimmungsrecht? Borsati erriet seinen Gedanken. »Es gibt
auch eine mittelbare Art zu leben und zu erleben«, meinte er; »obschon
sie nicht so zwingt, zum Entschluß nicht und zur Verwandlung nicht, ist
sie oft doch viel schmerzlicher, -- dem unverschlossenen Herzen nämlich,
das dann so belastet, so verwundet, so zerrissen sich findet, so
zerteilt in die wechselnden Lose, daß es nicht einmal zu einer Tat der
Selbstbewahrung mehr die Kraft hat. Das heißt mit gefesselten Gliedern
dem Moloch überliefert werden.«
»Und ist Ihnen diese Stunde nicht wie ein Märchen?« wendete sich Fürst
Siegmund an Hadwiger, »ist es nicht wunderbar, daß Sie hier, von einer
freundlicheren Natur umgeben, wieder unter Freunden weilen, denen Sie
zum erstenmal von jenen außerordentlichen und weittragenden
Begebenheiten erzählen? Ich täusche mich vielleicht, oder ich kann
meiner Empfindung nicht den rechten Ausdruck verleihen, aber für mich
hat dies etwas von einer Spiegelung, etwas, das sinn- und
bedeutungsvoller ist, als Sie selbst im Augenblick denken. Das Wort ist
nicht immer bloß ein gesagtes Ding, es wird auch bisweilen zum Symbol
der Erkenntnis und Erhöhung.«
»Sie haben Recht, Fürst«, versetzte Cajetan, »und das ist auch weitaus
das Schönste, was man darüber sagen kann.«
»Und das Schönste, was man dafür tun kann«, ließ sich jetzt Franziska
hören, die bis zu diesem Moment ganz verloren vor sich hingeschaut,
»ist, daß wir ihm den goldenen Spiegel geben«.
»Ein Vorschlag, der keinem Widerspruch begegnen wird«, erwiderte Lamberg
lächelnd und quittierte mit einer reizend chevaleresken Geberde die
stumme Zustimmung Cajetans und Borsatis. Hadwiger stand auf, errötend
wie ein Schuljunge. »Bleiben Sie nur sitzen, Heinrich«, fuhr Georg
Vinzenz ermahnend fort, »wir lassen uns einen solchen Anlaß zur
Feierlichkeit nicht entgehen, und Sie müssen warten, bis Ihnen die
Trophäe mit den gebührenden Zeremonien überreicht wird.«
»Vortrefflich«, lachte der Fürst, »da bekommen wir am Ende gar noch eine
Rede zu hören«.
»Wir sind dem Spiegel zu vielem Dank verpflichtet«, fuhr Lamberg fort;
»wer von uns kann ihn von nun ab in die Hand nehmen, ohne eine Fülle von
Gesichten und Gestalten in ihm zu erblicken? Seine Scheibe, wie tief und
wie seltsam! gibt kein Gegenbild des Auges, das hineinschaut. Sie ist
matt. Und doch ist eine Welt in ihr. Frauen und Männer, Tiere, Schiffe
und Häuser, Seefahrer und Landflüchtige, Ritter und Knechte, Bürger und
Bauern, Eroberer und Künstler, Liebende und Verbrecher, Sonderlinge und
Besessene, Verzweifelte und Narren, Prahler und Dulder, der Zufall, der
Traum und das Wunder, alles das ist in ihr. Keiner von uns, die wir dies
Gewebe von Schicksalen gesponnen haben, war bemüht, den Partner zu
übertreffen, ja, nicht einmal von einem Wetteifer war die Rede. Es war
kein Werben, es war ein Verschenken. Und wir sprechen Ihnen, Heinrich,
den Spiegel zu, weil Sie am meisten geschenkt haben, aus Ihrem eigenen
Innern geschenkt. Das wollte ich noch sagen, und damit ist auch mein
Bedürfnis nach Feierlichkeit im Grunde schon befriedigt.«
Cajetan und der Fürst klatschten Beifall, Hadwiger blieb mit gesenktem
Kopf stehen. Lamberg schritt zur Türe und drückte auf den elektrischen
Knopf, um von Emil den Spiegel heraufholen zu lassen. Der Fürst
verabschiedete sich indessen von Franziska. Sie sprachen mit leiser
Stimme. Da der Diener nicht kam, läutete Lamberg noch einmal, und als
auch dies vergeblich war, öffnete er ungehalten die Türe, um zu rufen.
Nun erschien an Emils Statt die Köchin und teilte ihrem Herrn ziemlich
erregt mit, der Affe sei entflohen und Emil verfolge ihn. »Entflohen? es
ist ja Nacht«, erwiderte Lamberg und begann die verwirrte Person
auszuforschen. Es stellte sich heraus, daß Quäcola schon am Nachmittag,
um die Zeit, da der Fürst gekommen, den goldenen Spiegel aus dem
Speisezimmer entwendet hatte und damit verschwunden war. Emil sei sehr
aufgebracht gewesen und habe das Tier im ganzen Haus gesucht, in allen
Zimmern, im Keller, auf dem Dachboden, zwei Stunden lang und ohne eine
Spur von ihm zu finden. Schließlich sei er auf den Balkon
hinausgetreten, und da sei nun Quäcola in einem Winkel ganz
zusammengekauert unterm Efeu gesessen, mit einem Radmantel bedeckt, den
er ebenfalls gestohlen, und den Spiegel in der Pfote. Emil habe
versucht, ihm den Raub zu entreißen, doch der Affe habe ihn bösartig
angeknurrt und sich überhaupt so betragen, daß man sich habe fürchten
müssen. Da habe Emil die Peitsche geholt und habe die widerspenstige
Bestie geschlagen. Quäcola habe wütend gefaucht, sich über das Geländer
geschwungen, sei an dem Baumstamm vor dem Haus hinabgeklettert und gegen
den Wald hinauf gerannt. Und Emil sei nun hinter ihm her.
»Jetzt? in der Finsternis? im Wald?« fragte Lamberg erstaunt. Die
Freunde, Franziska und der Fürst hatten dem Bericht mit Neugier und
Verwunderung gelauscht. Man hielt Rat, was zu tun sei, und Lamberg
meinte, es sei das Beste, wenn er selbst gehe, um den Flüchtling
heimzulocken, dieser idiotische Emil habe nicht so viel Grütze im Kopf,
um ein unschuldiges Tier harmlos zu fassen. Die andern erklärten sich
bereit, ihm beizustehen. Fürst Siegmund äußerte lächelnd sein Bedauern
über den Zwischenfall; er fragte, ob er Leute herüberschicken solle, die
mit Fackeln den Wald absuchen könnten; Lamberg dankte und antwortete, er
hoffe, daß Quäcola den Aufenthalt unter den feuchten Bäumen von selbst
unbehaglich finden und zum Gehorsam zurückkehren werde. Voll
Herzlichkeit drückte der Fürst allen die Hand und ging.
Mit Laternen versehen, machten sich Lamberg und die drei Freunde auf den
Weg. Als sie sich fünfzig Schritte oberhalb der Villa befanden, kam
ihnen Emil aus dem dunkeln Forst entgegen. Er war ohne Hut oder Mütze
und keuchte erschöpft. In der Hand trug er eine Fuhrmannspeitsche, deren
Schnur an den Stiel gebunden war, augenscheinlich zu dem Zweck, um sie
als Lasso benutzen zu können. Lamberg hob die Laterne gegen das Gesicht
des Dieners, und er sah, daß es voller Blut war; Zweige und Buschwerk
hatten ihm die Haut zerrissen. »Sie haben das Tier nicht gefunden?«
fragte Lamberg. Der unglückliche Mensch konnte nicht reden, er zuckte
verzweifelt die Achseln. »Und Sie wissen genau, daß Quäcola den Spiegel
bei sich gehabt hatte, als er entwischte?« Emil nickte. »Das ist es ja
eben«, stammelte er, »das ist ja die Niedertracht; er wollte mich in
Schuld bringen, er wollte mich dem gnädigen Herrn verhaßt machen. Die
Herren müssen das begreifen«, wandte er sich aufgeregt und fast
schreiend an die Freunde, »der Schabernak war auf mich gemünzt, mich
wollte das Vieh verderben ...«
»Bis wohin haben Sie ihn verfolgt?« unterbrach Lamberg mit Unwillen den
sich ausbreitenden Redeschwall.
»Bis an die Trisselwand hinüber«, erwiderte der Diener zaghaft.
»So weit?« rief Cajetan betroffen; »dann ist unsere nächtliche
Unternehmung aussichtslos. Warten wir den morgigen Tag ab.«
Trotzdem Lamberg das Vergebliche der Nachforschung zugab, wollte er noch
einen Gang in den Wald tun. Er rief den Namen Quäcola hundertmal, und
ein sanftes Echo antwortete ihm aus der Einsamkeit des Gebirges. Auch
pfiff er, wie er gewohnt war, wenn er den Affen zur Gesellschaft zu
haben wünschte. Nach einer halben Stunde kehrte er enttäuscht um und
löschte am Waldrand die Laterne, da inzwischen der Mond aufgestiegen
war. Sehr verspätet nahmen die Villenbewohner das Abendessen und es
wurde nur wenig gesprochen. Lamberg war verstimmt, Franziska müde, die
andern überließen sich ihren Betrachtungen. Der Diener hatte sich zu
Bett begeben müssen; bei der Jagd im nassen Wald hatte er sich erkältet,
und ein Fieberfrost schüttelte den armen Affenhasser.
Am andern Morgen, nach weitläufigem Marsch über Waldpfade und
Felsensteige entdeckten die Freunde den Affen. Er lag am Ufer des Sees,
der Unterkörper im Wasser, der braunbehaarte Kopf zerschmettert auf
einem Stein. Die Situation erlaubte keinen Zweifel darüber, daß er sich
oben in den Felsen verirrt und an der überhängenden Wand herabgestürzt
war. Lamberg setzte sich an die Seite des Leichnams und sagte: »Schaut
doch nur sein verzogenes Gesicht an, da ist irgend ein menschlicher
Kummer drinnen und eine menschliche Angst. Bedauernswerter Quäcola! Auch
du hast unter der Dummheit leiden müssen, auch aus dir hat sie einen
Märtyrer gemacht. Deine roten Höschen und dein blauer Frack sehen
närrischer aus als du selber warst; du warst ein Sokrates unter den
Affen, und wer weiß, was für erhabene Regungen deine Schimpansen-Seele
beherbergt hat.«
Borsati und Cajetan lächelten, Hadwiger schüttelte verwundert den Kopf.
Der goldene Spiegel war und blieb verloren. Lamberg ließ die ganze
Gegend durch Scharen von Bauernkindern absuchen, doch ohne Erfolg. Es
mußte angenommen werden, daß während seines Sturzes dem Affen der
Spiegel entglitten und in den See gefallen war, der an dieser Uferstelle
sich zu einer steilen Tiefe senkte. So wurde die schöne Kostbarkeit dem
Bestand menschlicher Schätze für immer geraubt.
Hadwiger und Franziska reisten noch an demselben Abend in die Stadt
zurück, Cajetan und Borsati erst zwei Tage darnach.
Es steht ein kleines Landhaus in einem Garten, der zwischen Weinbergen
sein herbstliches Laub aufflammen läßt. Es ist ein später Nachmittag,
und die Hügel flimmern im nebligen Sonnenlicht. Aus dem Hause tönt eine
leidenschaftlich klagende Mazurka von Chopin; am Gitter lehnen zwei
lauschende Menschen, ein Mann und eine Frau, die einander die Hand
gegeben haben. Und drinnen im halbdunklen Gemach liegt Franziska;
Hadwiger, das Gesicht in die Dämmerung des Raums gewandt, blickt vom
umleuchteten Fenster aus nach ihr hin. Sie muß sterben, die
Liebreizende. Er weiß es. Ihm ist, als hätte sie stets vergeblich auf
ihn gewartet und er vergeblich sie zu erreichen gestrebt. Vorüber, ach
vorüber! Sie aber empfindet die Stunde voll, nicht nur wegen der Musik,
die aus dem Nachbarzimmer klingt, -- es ist, wie wenn ein Namenloser sie
spielte, -- sondern auch wegen der Musik, die harmonisch ihrem Innern
entquillt. Denn es ist ihr bewußt, daß sie ihr Leben in Wahrheit zu Ende
gelebt hat; so bis an den letzten Rand, daß es nur eines leichten
Hinüberbeugens bedarf, und das Herz hört auf zu schlagen gleich einer
Uhr, die nicht mehr tickt, weil die Ewigkeit beginnt. Auch ist ihr
bewußt, daß manche trauern werden, denen sie viel gewesen ist, und
einige weinen werden, die sie geliebt haben.
_Ende_