Als Willenius seine erste Ausstellung im Propyläensaal veranstaltete,
war er dem engen Kreis von Fachgenossen, die in der Stille das Urteil
über einen Künstler prägen, längst kein Unbekannter mehr. Das Publikum
blieb der neuen Größe gegenüber frostig, aber die vom Handwerk gerieten
aus dem Häuschen und in den Künstlerkneipen wurde von nichts anderem
geredet. So hatte noch niemand einen Baum, eine Wiese, die Luft einer
sommerlichen Mittagsstunde, den Schritt eines Säers, die Bewegung eines
Holzhackers gesehen und gemalt. Man wußte nicht, was mehr zu bestaunen
sei, die Leidenschaftlichkeit der Anschauung oder die asketische Strenge
der Technik, die gestaltende Kraft, die alle Erscheinung auf einfachste
Linien zurückführte, oder die Kühnheit, mit der ein hundertfältiges
Spiel des Lichtes und der Reflexe von einem festen, ja starren Kontur
bezwungen wurde.
Jahrelang gehörte Willenius zu den täglichen Stammgästen eines kleinen
Kaffeehauses hinter der Akademie; er hockte meist allein in einem
Winkel, entweder mit dem Skizzenbuch beschäftigt oder stumm vor sich
hinbrütend, wobei er aus einer englischen Pfeife rauchte. Er war ein
langer, magerer Mensch mit bartlosem Gesicht, in welchem ein dünner,
greisenhafter Mund und schwarze, fast glanzlose Augen saßen. In seinen
Manieren war etwas Geschraubtes, und er grüßte die flüchtigsten
Bekannten mit einer feierlichen Grandezza, die halb komisch, halb
rührend war und auf viel erlittenes Elend schließen ließ. Eines Tages
war er verschwunden, und erst geraume Zeit nachher erfuhr man, daß er
sich irgendwo auf dem flachen Land niedergelassen habe. Dort lebte er
mit den Bauern wie ein Bauer. Die Bedürfnisse dieses Mannes waren
primitiv; er rechnete nicht darauf, mit seiner Arbeit mehr Geld zu
verdienen als man unbedingt braucht, um zu vegetieren, schon deswegen
nicht, weil ihm seine Bilder kein Vollendetes waren; sie galten ihm nur
als Merkzeichen auf den Beginn eines ungeheuren Wegs, als Ahnungen,
Versprechungen, Versuche, Fragmente, Visionen.
Er achtete sich nicht; er liebte sich nicht; er war sich selber nichts.
Er war ein Sklave, der Sklave eines Idols, eines Begriffs; eines Dämons,
der den Namen Kunst führt und der seine freien Triebe und Neigungen
verschlang. Harmloser Genuß der Stunde, Atem und Herzschlag ohne die
Tyrannei dieses Molochs war nicht zu denken, nicht einmal ein Traum, der
sich seinem Bann entzog. Ein Impuls von geheimnisvollster
Beschaffenheit, ohne Ruhmsucht, ohne Eitelkeit, ohne Hang nach äußeren
Begünstigungen; eine ununterbrochene Kette von Leiden und Opfern, ein
ununterbrochenes Bereitsein, eine beständige krampfhafte Spannung aller
Nerven, das war die Existenz dieses Menschen.
Willenius malte seine Bilder nicht, er schleuderte sie aus sich heraus.
Leichenblaß stand er vor der Staffelei; die Augen, gierig und angstvoll
aufgerissen, erinnerten an die eines Sterbenden unterm Operationsmesser.
Oft nahm er sich die Zeit nicht, die Farben auf die Palette zu bringen,
sondern ließ sie aus der Tube gleich auf die Leinwand laufen, aus
Furcht, daß die Lebendigkeit der innerlichen Vorstellung sich trüben
könnte, bevor er den Ton getroffen, den er sah und fühlte. Dabei war er
von geradezu fanatischer Ehrlichkeit gegen das Modell. Er hätte es
vielleicht über sich gebracht, in eine Wohnung einzudringen und aus
einem Schrank bares Geld zu stehlen; aber, abgeschreckt durch die
Schwierigkeit der Zeichnung und Komposition, einem Weidenstrunk statt
der vier Krümmungen, die er hatte, nur drei zu geben, das war unmöglich;
und darin lag auch die Wurzel des blutigen Ringens, denn sein Instinkt
sagte ihm, daß in der Kunst das Unscheinbare das Zeugende sei und daß es
ebensowohl das Zerstörende werden müsse, wenn es sich nicht an die
Wahrheit der einmaligen Halluzination gebunden hielt. Entweder stimmte
die Sache, oder sie stimmte nicht; dazwischen gabs nur eines, das
Verworfenste von allem: den Dilettantismus.
Welche unsägliche Qual gewisse aufeinanderplatzende Valeurs von
brennendrot und schmutzigbraun verursacht hatten, die nun so verwegen
als selbstverständlich den tückisch verschleierten Halbtönen der Natur
Einheit und Glaubhaftigkeit verliehen, davon begriffen diejenigen
nichts, die von der Natur im Vorübergehen Kleinbild um Kleinbild
empfingen und denen die sinnlose Zerstückelung als Reichtum erschien.
Die nicht spürten, daß die sogenannte Natur ein Chaos ist, ein
Sammelsurium, ein Wörterbuch, und daß jenes Schauen, welches dem
Ungeformten eine Form abzwingt, der ungeistigen und toten Fülle durch
Abbreviatur und Beseelung Leben schenkt, den Organismus tiefer und
heißer in Anspruch nimmt als eine Liebesumarmung oder die Überwindung
eines Feindes. Ja, Feind und Geliebte war die Natur; Feind und Geliebte
war, was Wirklichkeit hieß, voller Finten und Schliche und Beirrungen,
lügnerisch, schmeichlerisch, verführerisch und letzten Endes
unbesiegbar. Das Auge mußte sich bis ins Innerste der Dinge bohren, und
es durfte nicht die Epidermis beschädigen, während es das Geschäft des
Anatomen betrieb.
Als Willenius dreieinhalb Jahre in jener dörflichen Abgeschiedenheit
gehaust hatte, beschloß er, wieder in die Stadt zu ziehen. Es hatte sich
ein reicher Kunstfreund für seine Produkte interessiert, der Verkauf
einiger Bilder sicherte ein mäßiges Auskommen, und er mietete ein
geräumiges Atelier, wo er eine Anzahl seiner Studien auszuführen
gedachte.
Es war im November. Schon in den ersten Tagen hörte Willenius von einer
Ausstellung im Künstlerverein. Ein neuer Mann, Johannes Nimführ, hatte
dort seine Arbeiten an die Öffentlichkeit gebracht. Man erzählte sich
wunderliche Dinge von ihm; er habe acht Jahre lang auf einer Insel im
Südmeer gelebt und mit den Eingeborenen wie mit seinesgleichen verkehrt;
er sei unzugänglich wie der Dalailama und nähre sich bloß von Brot und
Äpfeln. Einige Leute wollten sich halbtot gelacht haben über die
bengalische Kleckserei, wie sie es nannten, die Kritiker taten
persönlich beleidigt, selbst die von der Zunft schnitten bedenkliche
Gesichter und nur ein paar waghalsige Sonderlinge verkündeten ihre
Begeisterung.
Eines Nachmittags begab sich Willenius hin, um die Bilder anzuschauen.
Erst schritt er langsam von Leinwand zu Leinwand, dann blieb er mit
hängenden Armen stehen, die Fäuste geballt, den Rücken gebeugt, den Kopf
gierig vorgestreckt, die Lippe zitternd.
Es waren Landschaften. Das Meer und ein Fischerboot; südliches Meer, und
am Strand nackte wilde Frauen; Frauen hingelagert auf ein Fell, am Stamm
einer Palme lehnend, zu einem silbernen Fisch sich bückend; Wiese, Fels
und Himmel simpler als ein Kind sie zeichnen würde; alles Leben in der
Farbe; Licht, Bewegung, Umriß, Leib, Seele und Symbol, alles in der
Farbe; keine Wirklichkeit mehr, nur Traum, und alle Wirklichkeit
hineingeschlüpft in den Traum, so daß es ein Spiel schien, die
Wiedergeburt einer Welt ohne Kleinlichkeit, eine Anschauung des
Inner-Innersten, Zusammenfassung des Subtilsten, Stil ohne Manier,
Erhabenheit ohne Finesse, die verwandelte und zur Ruhe gefrorene Natur,
eine majestätische Synthese.
Und wie waren diese Dinge gemacht! Es war, um den Verstand zu verlieren.
Nichts von Absicht auf Komposition und Wirkung, nirgends ein unreiner
Strich, ein Überbleibsel der Hand; keine Aufdringlichkeit der
Gegensätze, kein Schwindel und Notbehelf mit Punktation und Perspektive.
Ja, es war hier ein einzigartiger, und fast erschreckender Verzicht auf
Hintergrund und Raumverhältnis geschehen, so daß der ungewohnte Blick es
lächerlich finden konnte und nur der unschuldige das Bild, schlechthin
das Bild zu erfassen vermochte.
Willenius war wie von Krankheit befallen. Mehrere Nächte hindurch
schlief er nicht. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Bekanntschaft
irgend eines Menschen zu machen; Nimführ zu sehen und zu sprechen war
jetzt sein ungestümstes Verlangen. Die Gelegenheit fand sich bald, da er
täglich die Ausstellung besuchte. Nimführ, von einem jungen Maler auf
Willenius aufmerksam gemacht, stellte sich ihm selbst vor. Er war ein
hünenhaft gebauter Mann, sehnig wie ein Lastträger, mit langem
gelblichem Gesicht, starken hohen Backenknochen und schütterem
Haarwuchs.
Sie gerieten in ein Gespräch, das um halb fünf Uhr nachmittags begann
und um drei Uhr nachts in einer öden Vorstadtgasse endigte. Es war ein
zehnstündiges Einanderbelauern und -aushorchen. Die Sicherheit des
jüngeren Mannes beunruhigte Willenius; sein Urteil über andere Künstler
kam aus den höchsten Regionen, wo nur die Eingeweihten sich durch
Geheimzeichen verstehen. Er kannte Willenius' Arbeiten; daß er sie
schätzte, eröffnete er nur mittelbar, indem er eine berühmte Größe, die
von der Menge bewundert, selbst von Kennern gepriesen wurde, verachtend
daneben aufstellte wie einen Harlekin neben ein Monument. Nichts kam der
überlegenen Ruhe gleich, mit der er seinen eigenen Mißerfolg behandelte.
»Die Menschen sind dem Künstler zu nichts nutze«, sagte er, »Kunst ist
das Einsamste, was es auf Erden gibt, und wo sie verstanden wird, muß
man ihr schon mißtrauen.«
Bald war es so weit, daß die beiden Männer Tag für Tag einander trafen.
Den Silvesterabend verbrachte Nimführ in Willenius' Atelier, und als es
zwölf Uhr schlug, trank er Bruderschaft mit ihm. Ein zweites Atelier war
im selben Hause frei, Nimführ bezog es. Er habe noch zwei Jahre
ausführender Arbeit vor sich, äußerte er, dann wolle er nach Mexiko
reisen. Willenius, vielfach angeregt durch die abendlichen
Unterhaltungen mit dem Freund, malte täglich acht bis neun Stunden.
Nimführ warnte ihn vor einem Mißbrauch seiner Kräfte. »Neue Einflüsse
wollen gären, ehe sie sich in Gestalt umsetzen«, meinte er, »wer zu
schnell verdaut, zehrt ab.«
Willenius horchte auf. Neue Einflüsse? Was sollte das heißen?
Stützbalken an einem baufälligen Haus? Er war empfindlich wie alle in
sich selbst Verstrickten. Seine Liebe zu Nimführ, von Bewunderung und
Ehrfurcht gezeugt und von jener nahrhaften Sachlichkeit getragen, die
bloß unter Bauern und Künstlern existiert, vermischte sich mit Angst und
Abwehr. Freilich war es anspornend, ihn zu beobachten, der so herrisch
frei in seinem Bezirk waltete. Ihm waren Hand und Auge eins; was er
schuf, löste sich souverän vom Material; was er schaute, war sein
Eigentum. Willenius hingegen mußte die Erde erst in Stücke reißen, bevor
sich ihm ein Ganzes gab; sein Schaffen war ein heimlicher Raub; er mußte
die Natur überlisten, beschleichen und verraten, denn sie gewährte ihm
von selber nichts, und vom Auge zur Hand war der Weg so weit wie vom
Paradies zur Hölle.
Nimführ erblickte darin einen Krampf. Voll höchsten Respektes vor dem
Können des Freundes glaubte er helfen zu müssen. »Du richtest dich zu
grund, Menschenskind«, sagte er eines Tages, »du verbeißt dich in die
Leinwand und läßt dich von ihr fortschleppen wie von einem Raubtier.
Schließlich erliegt dir ja die Bestie immer wieder, das ist wahr, aber
so kann man nicht leben, dabei muß man verbluten. Und das macht einen
Kerl von Genie klein, wenn er an den Dingen verblutet, die er schafft.
Füttern sollen uns die Sachen, fett machen sollen sie uns, reicher
machen, unterkriegen müssen wir sie.« Willenius sah den Freund mit
seinen dumpfen Augen von unten herauf an und erwiderte: »Wenn der Hund
zwei Flügel hätte, wär er ein Vogel, immerhin ein wunderlicher Vogel,
aber er könnte fliegen. Über fundamentale Gattungsverschiedenheiten zu
rechten, ist müßig. Laß mich nur laufen, laß mir meinen mühseligen Weg,
und sei du froh, daß du fliegst.«
Es ließ aber Nimführ nicht; er wollte diesen unterirdischen Schmied aus
seiner drangvollen Enge befreien. Sie kamen in Streit über die pastose
Manier, in der eine sonnengrell beschienene Ziegelwand gemalt war; über
den Eigensinn, der sich in der Durchführung eines Wolkenkonturs gefiel;
über das lärmende Nebeneinander von Farbenflecken auf einer
Herbstlandschaft. Nimführ wollte dergleichen bescheidener haben, er
wollte es maßvoller haben, kurzum, er wollte es anders haben. »Siehst
du, Paul«, rief er einmal spät in der Nacht, »das Persönliche ists, das
uns Leuten, wie wir da sind, das Konzept verdirbt. Wir pressen uns jeden
Gegenstand inbrünstig an die Brust, und vor lauter Verliebtheit
vergessen wir die Haltung, die Götterhaltung, ohne die unser bestes
Geschöpf keine bessere Rolle spielt als ein verzogenes Kind.«
Willenius runzelte die Stirn und schwieg. Haß zuckte in seinem Gesicht.
Wer bist du und was wagst du? schien sein niedergeflammter Blick zu
fragen. Stellst du ein Prinzip gegen meine Welt, so stell' ich mich
selbst gegen dein anmaßendes Verdikt. »Hast du dein Bild heute fertig
gemacht?« erkundigte er sich nach einer Weile; »du wolltest es mir noch
zeigen.«
Als Willenius am nächsten Vormittag das Bild sah, überlief ihn ein
Schauder. Es war ein nackter Knabe, an einen Felsblock gekauert, weiter
nichts. Der Knabe war häßlich, der Felsblock häßlich, doch das Ganze war
wie Seele eines Märchens, das enthüllte Geheimnis der Atlantis, ohne
eine Spur des Pinsels hingehaucht. Willenius reichte Nimführ stumm die
Hand. Nimführ lächelte ein bißchen geschmeichelt, und wenn er lächelte,
hatte er Ähnlichkeit mit einer alten Frau. Dieses Lächeln durchbohrte
Willenius wie ein Messer. Ihm war, als wolle Nimführ damit sagen:
überspring die Kluft von einem Stern zum andern, von dir zu mir geht
doch kein Pfad.
So regte sich die brennendste Eifersucht, die je ein Bruderherz zerwühlt
hat; Eifersucht -- Wetteifersucht. Vielleicht ist schon im Mythos von
Kain und Abel etwas von der Sehnsucht und dem Haß, dem Schmerz und der
Liebe enthalten, aus denen sich die Eifersucht zwischen Künstlern nährt,
von jener Qual hauptsächlich, die eher das eigene Ungenügen als das
Verdienst des Andern zerstörend fühlbar macht. Willenius spürte sich
gewachsen, als er begriff, daß er aus dem Kreis des Versuchens und der
Vorbereitung treten müsse, daß er endlich ein Werk schuldig sei, obwohl
er erkannte, daß man, um ein Werk zu geben, schamlos sein müsse,
schamlos und kalt.
Als es Sommer wurde, fing er an. Der Vorwurf war folgender: ein reifes
Kornfeld; ein glutblauer Himmel wie an einem Tag nach Gewittern; hinter
dem in der Fülle schwankenden Getreide zieht sich das weiße Band einer
niedrigen Mauer, und hinter der Mauer schreitet straff eine junge Magd
mit einem Wasserkrug auf dem Haupt. Der Vordergrund wird durch ein Beet
roten Mohns gebildet, das die ganze Breite des Feldes besäumt. Es waren
Gegensätze von überraschender Verwegenheit, ein Fünfklang von Blau,
Gold, Weiß, Braun und Purpur, der von allen unreinen Zwischentönen
befreit war. Wochen und Wochen hindurch stand Willenius täglich von
sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags draußen und entwarf über
dreißig Skizzen. Der Eindruck, den die zunehmende Reife des Korns
hervorrief, übertraf alle Erwartung und ließ frühere Entwürfe immer
wieder verblassen. Wichtig war, den rasch abblühenden Mohn festzuhalten,
der sich nur in einem genau fixierten Frühlicht so sammetartig glänzend
darbot, wie ihn das Bild verlangte. Von der ungeheuern Anstrengung des
Körpers und Geistes erschöpft, wurde Willenius Ende September krank und
mußte für dritthalb Monate jeder Arbeit entsagen. Kaum genesen und nicht
gewarnt durch den Zusammenbruch, stürzte er sich neuerdings in
fieberhafte Tätigkeit. Den Sommer mit Ungeduld erwartend, verbrachte er
den Rest des Frühjahrs mit den Studien zu der weißen Mauer und zu der
tragenden Frau, die sich immer bedeutungsvoller als ein ernstes Zeichen
menschlichen Daseins über der farbenherrlichen Landschaft erhob.
Aber nicht mit Freude erfand, gestaltete Willenius auch hier. Obwohl er
wußte, daß dieses Werk sein Gipfel war, und daß mit wirklichem Können in
äußerster Sammlung und Vertiefung das Innerste geben Meisterschaft und
Vollendung heißen durfte, so verfinsterte ihn doch das Ringen um etwas,
das gleichsam von einem Menschen stammte und nicht von Gott. Ein
mißlungener Strich, ein Quadratmillimeter unbeseelter Fläche beschwor
Anfälle von Melancholie und verzweifelte Skrupel über Endgültigkeit und
Notwendigkeit des Einzelnen und des Ganzen. Daran war er gewöhnt; es
wäre ihm nicht als Verhängnis erschienen. Aber vordem hatte er kein
anderes Tribunal gekannt als sein erbarmungsloses Auge, seinen feurigen
und schmerzhaften Drang, das Höchste zu leisten, was ja schon ein
Imperativ von quälender und rätselhafter Art ist, der alles private
Wesen austilgt, und den Menschen wie eine Magnetnadel unaufhörlich
erschüttert sein und erzittern läßt. Nun war jedoch dieser Freund
gekommen, dieser Feind; was sag ich, Freund, Feind, -- dieser Antipode,
dieser Aneiferer, Anstachler, dieser Unnahbare, Ungenügsame; das
verkörperte böse Gewissen.
Willenius fürchtete Nimführ, dessen Existenz ihn ein Racheakt des
Schicksals gegen die seine dünkte; die Sphäre, in der Nimführ webte,
hatte etwas Mysteriöses für ihn, durch ihre Helligkeit und Ruhe
Verdächtiges. Trotzdem fühlte er sich als subalterner Geist darin, und
wenn er sich nicht eine Kugel durch den Kopf schießen wollte, so mußte
er lieben, bewundern -- und kämpfen.
Was Nimführ betrifft, so wußte er nichts von der Aufgewühltheit des
Freundes. Hätte er darum gewußt, er hätte das Wesen mit einem
Achselzucken, einem verwunderten Sarkasmus abgetan. Ihm war die Kunst
eine gerechte Mutter vieler Kinder. Nebenbuhlerschaft war ihm
unverständlich, wo er sie an andern spürte, konnte er zugeknöpft werden
wie ein Geheimrat. Nur trübe gestimmt fand er sich bisweilen durch den
Umgang mit Willenius; dies schreckte ihn ab, denn sich vor allen
niederschlagenden und verzerrenden Einflüssen zu bewahren, war ein Gebot
des Instinkts bei ihm, der sich selber in der Stille durch das Fegefeuer
unreifer Zustände gerungen hatte.
Eines Nachmittags im Juli rief ihn Willenius in sein Atelier, wo das
nahezu fertige Bild auf der Staffelei stand, gut belichtet und
erstaunlich aus der Farblosigkeit des Raumes hervorbrennend. Nimführ
schaute und schaute; sehr ernst. Zweimal irrte sein Blick zur Seite; er
fing ihn wieder hinter verkniffenen Lidern. »Donnerwetter, das ist eine
Leistung«, sagte er endlich in einem fast bestürzten Ton. Willenius
atmete hoch auf; die Nässe schoß ihm in die Augen; dieses Wort erlöste
ihn.
Abermals betrachtete Nimführ das Bild, trat näher, schritt zurück,
neigte den Kopf, faltete die Stirn, nickte, zog die Lippen auseinander,
lächelte, sagte »Teufel noch einmal«, drückte endlich dem Freund warm
die Hand und ging. Willenius wurde stutzig. Warum geht er fort? dachte
er voll Argwohn.
Am Abend kam Nimführ wie gewöhnlich herüber, stand wieder lange vor dem
Bild, sprach dann über gleichgültige Dinge, plötzlich aber, während er
eine Zigarre anzündete, meinte er obenhin: »Dein Mohn sieht garnicht aus
wie Mohn, sondern wie Blut.« Willenius zuckte zusammen. »So?« sagte er
kurz, »ich dächte doch.« Und als Nimführ schwieg, fuhr er mit rauher
Stimme fort: »Rede nur von der Leber weg; du hast was gegen das Bild,
ich hab's gleich gemerkt.«
Nimführ schüttelte mit einer Miene den Kopf, als ob er sagen wollte:
Schwatzen hat keinen Zweck. So sehr er das Werk als Maler anerkennen
mußte, so sehr ging es ihm in der Wirkung wider das Gefühl. Es war ihm
zu nah und zu momentan, und weil seine Phantasie nicht ins Spiel kommen
konnte, schloß er, daß Willenius keine Phantasie besitze und daß er
diesen Mangel durch übergroße Deutlichkeit und die gierige Preisgebung
aller Kräfte unbewußt verhülle. Er war des prostituierenden Treibens
satt, denn alle und alles um sich her sah er davon angefault. Er war es
satt, die Grenzen des Metiers verwischt zu sehen in diesen aus
Verzweiflung, Wut und Gewaltsamkeit erzeugten Produkten, in denen ganze
Farbenknoten zur Plastik drängten. Er wollte, er konnte sich nicht
erklären, aber Willenius bedurfte der Erklärung nicht, er empfand sie in
seiner frierenden Brust. Er ahnte, was es heißen sollte: der Mohn sähe
aus wie Blut.
Mit großen Schritten ging er unaufhörlich hin und her. Die nach vorn
gebogene Gestalt schwankte auf den langen Beinen, die stumpfen
Brombeeraugen irrten ruhelos hinter den Lidern. Aus geschnürter Kehle
fing er an zu sprechen. Vorwurf war das erste; Trotz, Herausforderung,
Verdächtigung folgten unerbittlich. Nimführ antwortete kühl. Er
appellierte an die Sache und bat um Sachlichkeit. Willenius, der wie
alle schüchternen und verschlossenen Menschen im Zorn jedes Maß und
jeden Halt verlor, schrie: »Ich pfeife auf deine Sachlichkeit. Sachlich
bin ich, wenn ich arbeite. Jetzt fordere ich Rechenschaft von dir als
Person. Ich bin dir im Wege; gestehs, daß ich dir im Wege bin.« Da
versetzte Nimführ mit furchtbarer Gelassenheit: »Wie kannst du mir im
Wege sein, da ich deinen Weg für verderblich halte, verderblicher als
die Wege der Stümper --?«
Willenius griff sich ans Herz. Das Herz stand ihm still. Er sah sich
verloren, zum Schafott verdammt; ein Leben voller Mühsal, Kampf und
Entbehrung wertlos geworden. Die Feuchtigkeit vertrocknete in seinem
Gaumen; unsäglicher Haß lenkte seinen Arm, als er das scharfgeschliffene
Messer packte, das zum Spreiselschnitzen diente, und das auf dem Tische
lag; mit flackernden Blicken, geduckt, eilte er auf Nimführ los. Dieser
wurde kreideweiß. Zuerst wich er zurück, dann umschloß er mit eiserner
Faust das Handgelenk des Rasenden, wand ihm mit der Rechten das Messer
aus den Fingern, schleuderte es in einen Winkel, hierauf ging er und
machte die Türe nicht lauter zu als sonst.
Willenius schlich an die Wand und genau dort, wohin das Messer gefallen
war, kauerte er sich nieder. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein,
und er hockte immer noch da, regungslos wie ein verendendes Tier. Auf
einmal jedoch rangen sich aus dem Tumult seines Innern die gellenden
Worte los: »Zum Malen braucht man keine Ohren«, und blitzschnell hob er
das Messer auf und schnitt sich damit zuerst das rechte, dann das linke
Ohr vom Haupt. Auf die Wundflächen legte er Watte und verband sich dann
mit einem großen roten Tuch. Er setzte eine Mütze auf, verlöschte die
Lampe und begab sich auf die Straße. Bis zum Morgengrauen irrte er
planlos durch die Stadt, dann begab er sich wieder ins Atelier, nahm
Bild, Kasten und Staffelei und machte sich auf den Weg hinaus, wo der
Acker war mit der Mauer und dem Mohnfeld. Er stellte die Leinwand auf
und verglich. Er trat ins reife Korn und schritt langsam im Kreis herum.
Als er zurückkehrte, um zu malen, verlor er die Mütze. Die Sonne, die
schon hochgestiegen war, brannte auf seinen Kopf. Er malte einen
Leichnam in den roten Mohn hinein. Die Augen gingen ihm über; nein,
nicht einen Leichnam, es war der Tod selbst, fahl, bleiern und
phantastisch, der Tod in einem Purpurbett. Mit jedem Pinselstrich
verdarb er das herrliche Bild mehr; er malte die Zerstörung seiner
eigenen Seele, den Wahnsinn, das Ende. Noch einmal leuchtete in seinem
Blick der tiefe und strömende Glanz, der den Künstler bei der Arbeit
bisweilen einem betenden Kind ähnlich macht, dann brach er in ein
weitschallendes Gelächter aus, das einige Landleute herbeilockte. Diese
führten ihn zur Stadt.
Ein paar Tage später besuchte ihn Nimführ in der Anstalt, in die er
gebracht worden war. Welch ein Genie war das, dachte er schmerzlich
versunken, als er in das kaum zu erkennende Antlitz des Freundes
schaute. Willenius lag im Bett und rauchte seine Pfeife. Die Augen
schienen Nimführ zurückzuweisen und nach ihm zu verlangen, sie schienen
ihn zu grüßen wie zwei geheimnisvolle Flammen aus einem umwölkten
Himmel.
»Wissen Sie etwas Näheres über den Anlaß, weshalb er sich so verstümmelt
hat?« fragte der Arzt draußen.
Nimführ blickte zu Boden und erwiderte mit eigentümlicher Bitterkeit:
»Dafür habe ich nur eine einzige Erklärung; er liebte die Kunst mit
einer verbrecherischen Leidenschaft. Er liebte die Kunst und haßte
seinen Körper. Er vergaß, daß man auch leben muß, wenn man schaffen
will, leben, fühlen, träumen und gegen sich selbst barmherzig sein.«
Einen Monat darauf reiste Nimführ übers Meer, nach Ländern, wo es noch
unschuldige Menschen und reine Farben gab.