Der Stationschef

»Den Affen lob ich mir, das ist ein Affe nach meinem Herzen, so einen

Affen möcht ich haben,« sagte Cajetan, indem er sich die Hände rieb,

»der macht einen doch ordentlich gruseln, ist nicht so harmloser

Philister wie gewisse Quäcolas.«

»Die Gorillas gelten ja für so gefährliche Tiere, daß man die Männchen

gar nicht in der Gefangenschaft halten kann,« sagte Hadwiger. »Ich habe

ein einziges Mal ein gefangnes Männchen gesehen; es war dermaßen wild,

daß mich eine Gänsehaut überlief, als ich in seine infernalische Fratze

blickte.«

»Das Geheimnisvollste auf der Welt ist für mich ein Tier«, äußerte sich

Borsati. »Wenn mich ein Hund anschaut, ist mir, als ob sämtliche

Philosophen bloß Schwätzer gewesen wären. Beobachtet doch das Pferd, das

mit einer unergründlich tiefen Geduld seinen Karren zieht; oder die

erhabene Gleichgiltigkeit, mit der eine Katze an euch vorüberschleicht;

oder die Kuh, wie furchtlos verwundert euch das braune Auge mißt! Wart

ihr einmal Zeuge, wie ein Kalb zur Schlachtbank gezerrt wurde? Wenn ich

für das Wort Verzweiflung ein Bild geben sollte, ich könnte kein anderes

wählen als dieses Schauspiel. Während meiner Studienjahre befand sich

auf der psychiatrischen Klinik ein Knabe namens Martin Egger, den ein

wahrhaft indisches Gefühl für Tiere in den Wahnsinn getrieben hatte. Dem

Willen seines Vaters gehorsam, hatte er die Metzgerei erlernen müssen.

So lange er das Fleisch nur auszutragen hatte, ging es leidlich; er

hatte ein angenehmes Betragen, ein frisches, rotbackiges Gesicht,

freundliche blaue Augen, und alle Kunden hatten ihn gern. Als er zum

erstenmal schlachten sollte, vermochte er den Hieb nicht zu führen und

brach in Tränen aus. Er wurde gezüchtigt, entlief von der Lehrstelle und

beschwor den Vater, daß er ihn ein anderes Handwerk treiben lasse;

seinen Lieblingswunsch, studieren zu dürfen, wagte er gar nicht zu

verraten. Aber er mußte zurück, mit Schimpf und Spott nötigte man ihn

ins Schlachthaus, und er wurde gezwungen, ein Kälbchen zu schlagen. Sie

führten ihm den Arm und er schlug zu, ungeachtet ihn das Tier um

Erbarmen flehte, denn er war überzeugt, daß eine Seele in der Kreatur

wohne, und das brechende Auge bezichtigte ihn des Mordes. Da man ihn von

seiner Torheit heilen wollte, ward ihm keine Ruhe vergönnt und Tag für

Tag mußte er nun ausführen, was so zerstörend auf sein Gemüt wirkte. Die

ganze Erde wurde ihm zur Blutbank, er konnte nicht mehr essen und nicht

mehr schlafen, seine Wangen wurden bleich, sein rascher Knabenschritt

hinfällig, er spürte Ekel, wenn er sich selbst berührte, dünkte sich

überall verfolgt von dem vorwurfsvollen Glanz brechender Tieraugen, und

in seiner Bedrängnis wußte er keine andere Hilfe mehr als den

Branntwein. Unter elendem Gesindel saß er nächtelang in den

Schnapsbutiken der Vorstadt, bald kindisch schluchzend, bald trübsinnig

vor sich hinstarrend. Sein Geist blieb für immer umnachtet.«

»Daraus könnte man eine Legende machen«, sagte Georg Vinzenz, »und ich

würde sie 'der junge Hirt' nennen. Wie rein und wie edel zeigt sich

hier die Menschennatur! Vielleicht hätte eine Belehrung, ein befreiendes

Wort genügt, um den Knaben aus seiner Verstrickung zu retten. Wie gering

wir auch sind, wir können immer noch für Geringere zur Vorsehung

werden.«

Borsati schüttelte den Kopf. »Das glaube ich so ohne weiteres nicht«,

erwiderte er. »Wenn der vorgezeichnete Weg uns nicht in die Existenz des

Nebenmenschen führt und uns selbst zu Schicksalsbeteiligten macht,

können wir keinen Einfluß haben. Worte sind Luft.«

»Mir fällt es auf, daß der Knabe studieren wollte«, sagte Cajetan.

»Studieren, das war für ihn doch keine Wirklichkeit, sondern das Symbol

für ein höheres Leben. Ich denke mir in solchen Menschen eine

fantastische Sehnsucht, die in einem Begriff Ruhe findet, dessen

armseligen Sinn sie nicht spüren.«

»Und doch könnte ein Arago oder Newton oder Helmholtz an dem Knaben zu

grunde gegangen sein«, versetzte Hadwiger.

»Möglich; aber keimen denn alle Samenkörner, die auf den Acker geworfen

werden? Die Natur verfährt darin mit einer Willkür, deren Sinn uns nie

enträtselt werden wird. Aus einem leidenschaftlichen Liebesbund läßt sie

eine Krämerseele entstehen, und aus einer Dutzendehe erzeugt sie mitten

unter vierzehn Kindern einen großen Mann. Überall gibt es unentwickelte

und im Ansatz verdorbene Eroberer, Erfinder und Entdecker. Im Dunkel der

Irrungen sammeln sich die Kräfte für den Erwählten. Es wimmelt rings um

uns von Suchenden, die ihr Ziel nicht erreichen. Wer weiß, wie vielen

Tamerlans und Attilas ich täglich begegne. Dieselben Elemente, die den

Helden erhaben machen und das Angesicht der Zeiten durch ihn verwandeln,

wirken bei ihren zwerghaften Ebenbildern niedrig und verbrecherisch.

Erinnert ihr euch an das Eisenbahn-Unglück bei Porto-Clementino? Es

passierte, während ich in Italien war, und wurde auf die Tat eines

bürgerlichen Nero zurückgeführt.«

Da niemand die Begebenheit kannte, begann Cajetan zu erzählen.

Auf einer unbedeutenden Station zwischen Pisa und Rom, an der

Eisenbahnstrecke, die durch die gemiedenen Maremmen führt, lebte ein

gewisser Antonio Varga als Amtsvorstand. Er war durch die vorübergehende

Protektion eines Priors zu diesem Posten gekommen, und als er ihn einmal

innehatte, blieb er dort vergessen. Sein Vater war Türhüter im Vatikan;

nicht einer von den strahlenden Schweizern, sondern ein bescheidenerer

Würdenträger, obschon hinreichend farbig angetan und stattlich zu

betrachten. Wenn der junge Antonio seinen Vater besuchte, ging er voll

Ehrfurcht durch die Hallen, blieb aufgeregt vor den Portalen stehen, um

vornehme Leute an sich vorüberwandeln zu lassen, und einst wurde er

erwischt, als er sich in ein Prunkgemach geschlichen hatte und mit

Entzücken den Möbelstoff eines Sessels betastete. Wenn er vor einem Haus

eine Karosse warten sah, verweilte er, bis der Herr oder die Dame

erschien, und zu allen Tageszeiten trieb er sich in der Nähe der großen

Hotels herum, auch vor den Museen und Kirchen, um die Fremden zu

betrachten, die er mit erfundenen Namen und Titeln belegte, keineswegs

um zu prahlen, denn es gab keinen Menschen, den er jemals eines

vertraulichen Wortes würdigte, sondern um sich in eingebildete

Beziehungen zu einer Welt zu setzen, nach der er das glühendste

Verlangen hegte. Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen

Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso

oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der

Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von

Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll

eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuß seines Eigentums betrogen

wird. Er hatte keinen Freund, an allen Männern stieß ihn die

Genügsamkeit und Ergebenheit ab; keine Geliebte, da ihm die Mädchen aus

dem Volk durch Tracht und Wesen verächtlich waren und er sich in den

verwegensten Träumen gefiel, in denen er nur mit Gräfinnen und

Herzoginnen, und zwar in einer grausamen, kalten und stolzen Weise

verkehrte. Er hatte die Manie, bunte Stoffe, Hutbänder, Photographieen

von Leuten der großen Gesellschaft, ferner Visitenkarten mit erlauchten

Namen, Spitzenreste, Stiche aus Modenblättern und einzelne Handschuhe,

die er vor einem Ballsaal oder einem Bazar aufgelesen, zu sammeln, und

durch diese Schwäche verwandelte er das billige Mietszimmer, das er

bewohnte, in eine Schaubude, einen Triumph der Abgeschmacktheit.

Die Sumpföde der Maremmen, wohin er sich im Alter von dreißig Jahren

versetzt sah, raubte ihm die Möglichkeit, seine bisherigen Neigungen zu

befriedigen, und drängte den ohnehin finstern und reizbaren Mann so

tief in sich selbst zurück, daß er auch in seiner dienstfreien Zeit

verschmähte, die traurige Wüstenei zu verlassen. Er durchstreifte die

menschenleere Gegend, lag stundenlang am Meeresufer und heftete die

Blicke, die voll von unerforschlichen Wünschen und Vorsätzen waren, ins

Weite hinaus. Abends beschäftigte er sich mit seiner seltsamen Sammlung,

breitete die Stücke auf einen Tisch vor sich aus und betrachtete die

nichtigen Gegenstände mit der Freude eines Geizhalses, der vor seinen

Schätzen und Wertpapieren sitzt.

Es verkehrt auf dieser Bahnlinie ein Luxuszug, der eine Verbindung

zwischen Paris und Neapel herstellt und am Morgen nach Süden, am Abend

nach Norden fährt. Eines Tages ereignete es sich, daß ein Streckenwärter

diesem Zug das Haltesignal gab; sein Weib hatte in der Nacht vorher ein

Kind geboren, lag in einem tödlichen Fieber, und da meilenweit im

Umkreis keine ärztliche Hilfe zu haben war und der Posten behütet werden

mußte, so griff er zu dem verzweifelten Mittel, den Zug zum Stehen zu

bringen, weil er hoffte, daß unter den Passagieren ein Arzt sein würde.

Aber das Wagnis war umsonst, die Fahrgäste durften nicht gestört werden,

der Beunruhigung war ohnehin schon zu viel, und es schien ein Glück, daß

der Zugführer eine menschliche Regung verspürte und es dabei bewendet

sein ließ, den Vorfall schriftlich an den Stationschef Varga zu melden,

wobei er den Wächter, dessen Frau nach einigen Stunden starb, am meisten

geschont zu haben wähnte. Dies war ein Irrtum. Antonio Varga raste, und

seiner Darstellung wie seiner Forderung bei der Behörde war es

zuzuschreiben, daß der Unglückliche binnen kurzer Frist von Haus und

Brotstelle gejagt wurde.

Man hatte natürlich angenommen, daß er den Frevel eines

pflichtvergessenen Beamten gestraft wissen wollte. Solches konnte er

glauben machen, aber der geheime und schreckliche Grund seines Wütens

war, daß der Wächter etwas getan, wozu er selbst sich täglich und von

Tag zu Tag unwiderstehlicher versucht fühlte. Der Luxuszug hielt nicht

bei der kleinen Station; zur vorgezeichneten Minute tauchte er fern in

der Ebene auf, die Schienen knatterten, der Boden zitterte, donnernd

fuhr er in einem Luftwirbel daher und vorüber, um alsbald im Dunst der

Ferne zu verschwinden. Erregender war es am Abend; die gleißend hellen

Fenster durchblitzten für die Dauer von fünf Sekunden den einsamen

Perron und ließen die Öllampen in den Laternen doppelt jämmerlich

erscheinen; schwarze Menschenkörper bewegten sich geisterhaft, träg und

schnell zugleich, hinter den Scheiben, und Antonio Varga dachte an

Perlenketten und Geschmeide, die sie trugen, an die rauschenden Gewänder

in ihren Koffern, an ihre hochmütigen Blicke, ihre gepflegten Hände, an

ihre Feste, ihre Liebeleien, ihre Spiele, ihre geschmückten Häuser, und

die Erbitterung über diese glänzende und satte Welt, die so unhemmbar an

ihm vorüberrollte, ihn so durstig stehen ließ, wuchs mit solcher Gewalt,

daß er den Gedanken einer Rache nicht mehr verdrängen konnte. Gepeinigt

von seinem düstern Trieb sagte er sich: kann ich nicht zu euch gelangen,

so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr

vor mir liegen. Eines Abends war der Güterzug aus Genua verspätet

eingetroffen und mußte, um dem Luxuszug die Fahrt freizugeben, auf ein

totes Geleise rangiert werden. Bevor die Verschiebung beendet war, kam

der andere Zug in Sicht. Nun sollte das Haltesignal gestellt werden, und

da die Hilfsbeamten auf dem Bahnkörper beschäftigt waren, eilte Antonio

Varga in das Offizio. Anstatt so schnell zu handeln wie es die Situation

gebot, zögerte er am Apparat. Er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken;

er ward sich dessen bewußt, wie viel Leben und Schicksal an der einzigen

Bewegung seiner Hand hing, und eine nie empfundene aber vorgeahnte Lust

erfüllte ihn. Sein Herz klopfte reiner, sein Blut floß kühler, und als

das unheimlich krachende Getöse der aufeinanderstürzenden Wagen

erschallte, verließ er den Raum, schritt durch die fliehenden und

wehklagenden Bediensteten und stand alsbald mit verschränkten Armen

neben dem ungeheuren Trümmerplatz. Emporprasselnde Flammen beleuchteten

die letzten Zuckungen derselben Menschen, deren Leben er Jahr um Jahr

mit seinem Haß und seiner vergeblichen Begierde verfolgt hatte. Während

er den Anblick genoß wie ein Feldherr die Ruinen einer erstürmten

Festung und drüben beim Stationshaus Arbeiter und Beamte noch wie

gelähmt verharrten, traf eine rührende Stimme sein Ohr. Den Lauten

nachgehend, gewahrte er nach wenigen Schritten ein Mädchen von

außerordentlicher Schönheit, das Gesicht von jener Lieblichkeit des

Schnitts und jener Zartheit der Färbung, wie man es fast nur bei den

Engländerinnen findet; ihr Leib war zwischen Metall- und Holzteilen so

eingepreßt, daß der keuchende Atem mit Blut vermischt aus dem Munde

drang und die schönen Augen bald gebrochen sein mußten. Mit einer Geste

trunkener Angst, in einem holden Wahnsinn des Schmerzes streckte das

Mädchen die Arme aus, als ob es sagen wollte: umfange mich, halte mich,

gib mir, was meine Jugend entbehren mußte; in ihrem Blick war eine Glut,

die die strengen Züge und die adeligen Lippen Lügen strafte und dem Tode

selbst noch ein kurzes Stück Leben abzuringen schien. Antonio Varga

schauderte, und indem er das Haupt der Sterbenden sanft auf seine Kniee

bettete, mehr vermochte er zu ihrer Erleichterung nicht zu tun, ergriff

ihn zum erstenmal in seinem Leben ein Bedürfnis nach dem andern

Menschen, nach Hingabe, eine Ahnung von Liebe. Als das Mädchen tot war,

entzog er sich dem Gewühl der um Hilfe und Rettung bemühten Leute, ging

in seine Stube, verfaßte eine Beichte seiner Untat, ein ziemlich

pedantisches Schriftstück, und nachdem er die Rechnung mit der

Menschheit in gewohnter Sorgfalt aufgestellt hatte, beglich er sie

sogleich und erhängte sich. Das macht die großen Verbrecher am Ende doch

klein, daß sie unter ihren Handlungen zusammenbrechen, nicht bloß, weil

sie das irdische Gericht fürchten, sondern weil ihr Geist zu schwächlich

ist, um das Antlitz einer Wirklichkeit zu ertragen und ihre Seele zu

verkümmert, um einer Verantwortung gewachsen zu sein.

»Ich möchte von einem solchen Scheusal am liebsten nichts hören«, sagte

Franziska; »wie ungerecht geht es doch zu in der Welt! Der arme

Streckenwächter darf nicht den Arzt finden, der ihm sein kleines

häusliches Glück erhalten könnte, und dieser Unhold zaubert durch ein

Werk des Grauens ein Geschöpf an seine Seite, dessen Zärtlichkeit

zwischen Tod und Leben mich beinah weinen macht, weil soviel wahres

Frauentum darin liegt.«

»Und ein tiefer Sinn«, fügte Lamberg hinzu; »Luzifer wird durch den

Engel erlöst.«

»Man erkennt aus alledem, wie verworren angelegt und wie unergründlich

die Charaktere sind, die man in oberflächlichem Sinn als einfache

bezeichnet«, bemerkte Borsati. »Der sogenannte einfache Mensch steht dem

Schicksal am nächsten, ist ihm wie auch den verborgenen Kräften und

Instinkten seiner eigenen Natur am hilflosesten verfallen. Der höher

geartete spielt schon, kombiniert, ist vorbereitet durch Erkenntnis oder

ermüdet durch seine Fähigkeit zum Miterleben. Er sammelt die Erfahrungen

derer, die eingreifen und zermalmt werden.«

»Gerade im kleinen Beamten stecken oft die niedrigsten und

gefährlichsten Leidenschaften«, versetzte Cajetan; »welche Verworfenheit

zeigt sich oft an einem simplen Dorfschullehrer, was für eine berechnete

Tücke an manchem Gerichtsfunktionär auf dem Land! Stellen wir uns vor,

daß der biedere Herr mit dem roten Kopf und den hastigen Augen, der da

im Wirtshaus sitzt und seine Zehnhellerzigarre zerbeißt, weil das bloße

Saugen des Gifts ihm nicht genügt, stellen wir uns vor, daß plötzlich

die soziale Kette, die sich um ihn schlingt, abfiele, seine Machtgelüste

ungehemmt sich betätigen dürften, -- das Land würde rauchen von den

Opfern, die seine Eitelkeit, seine Dummheit, sein Ehrgeiz und sein

Fanatismus fordern würden.«

»Es gibt ein Beispiel von einer derartigen Entfesselung eines gemeinen

Strebers«, sagte Lamberg; »Collot d'Herbois war ein mittelmäßiger

Schauspieler in Lyon. Er wurde in jeder Rolle, die er auf dem Theater

spielte, erbarmungslos ausgezischt. Nun sind ja schlechte Komödianten,

die ausgezischt werden, keine Seltenheit, aber in den meisten Fällen

müssen sie ihre Erbitterung und Enttäuschung ertragen lernen. Mit Collot

d'Herbois aber wollte das Geschick offenbar einmal demonstrieren, was

ein durchgefallener Mime zu tun imstande ist, wenn er für die erlittenen

Niederlagen Rache nehmen darf. Beim Ausbruch der Revolution ging

d'Herbois nach Paris und wurde in den Nationalkonvent gewählt. Sobald es

anging, ließ er sich nach Lyon versetzen, und dort begann er nun sein

Strafgericht. Er brachte sämtliche Kritiker und Zeitungsredakteure aufs

Schafott, verschonte nicht seinen früheren Direktor, seine Kollegen, die

die Gunst der Theaterbesucher erfahren hatten, die einflußreichen

Personen der Gesellschaft, Leute, die ihm irgend einmal durch Wort oder

Blick ihr Mißfallen bezeigt hatten, und mit dem Souffleur und dem

Kassierer des Theaters ließ er am selben Tag einen Freund hinrichten,

der ihm während seiner Bühnenlaufbahn bisweilen Ratschläge erteilt und

nützliche Winke gegeben hatte. Bei den Sitzungen und der Verkündigung

der Verdikte trug er ein majestätisches Benehmen zur Schau, und seine

Tiraden waren ebenso talentlos wie jemals auf der Szene, nur war er

gegen das Ausgezischtwerden vollkommen gesichert.«

»Dem ist einmal in Erfüllung gegangen, wovon sonst Millionen ihre

geheimsten Wünsche nähren«, rief Lamberg lachend.

»So schlecht denkst du von den Schauspielern, Georg?« fragte Franziska

traurig.

»Nein, meine Liebe, überhaupt!« antwortete Lamberg. »Zweifellos ist

jedenfalls, daß ein Mensch, dessen Ehrgeiz größer ist als seine

Begabung, lasterhaft werden muß.«

»Dieser Collot d'Herbois erinnert mich an die Rache eines Invaliden aus

dem deutsch-französischen Krieg, der auch die erhoffte Anerkennung

seiner Verdienste nicht finden konnte«, sagte Borsati. »Bei Mars la Tour

rettete er als gemeiner Soldat eine ganze Batterie, indem er, mehr aus

Angst denn aus Mut, mit einer Kanonenputzstange wie toll um sich hieb

und die Angreifer so lange in Schach hielt, bis Verstärkung kam. Er

wurde schwer verwundet, und da seine Tat die höchste militärische

Belohnung forderte, wurde er für bewiesene Tapferkeit vor dem Feind mit

einer Medaille ausgezeichnet, deren Rang bedingt, daß alle Posten vor

dem Träger salutieren und alle Wachen ins Gewehr treten. Als Krüppel in

die Heimat zurückgekehrt, bewarb er sich um die Stelle eines

Nachtwächters. Wie verständlich, wünschte man nicht einen Nachtwächter,

der nur im Besitz eines einzigen Beines war, und wollte ihm ein minder

anstrengendes, ja sogar würdevolleres und einträglicheres Amt

verschaffen. Aber nein, er hatte den Ehrgeiz, Nachtwächter zu werden,

denn er hatte eine schöne Baßstimme und gefiel sich in dem Gedanken, das

Liedchen von der Zeitlichkeit und Ewigkeit und drohenden Gefahren mit

jeder Glockenstunde melodisch zu Gehör zu bringen. Ärgerlich über die

Verweigerung lag er tagsüber in den Bierhäusern und zog zu allgemeinem

Verdruß acht- bis zehnmal, immer an der Spitze eines unflätig brüllenden

Pöbelhaufens, an der Hauptwache vorbei, wo dann der Posten die Soldaten

ins Gewehr rufen mußte, um dem hochdekorierten Querulanten die

vorschriftsmäßige Ehrung zu erweisen. Die Sache ging durch viele

Instanzen, man konnte sich aber schließlich doch nicht anders helfen,

als daß man dem rebellischen Kriegsmann seinen Willen erfüllte. Und ich

glaube, er tutet und singt noch jetzt allnächtlich zum Vergnügen der

Bürger und zur Zufriedenheit der hohen Behörde.«

Borsatis ruhige Art, die ohne vordringende Ironie war, vermochte den

Zuhörern selbst mit einer so simplen Begebenheit noch ein Lächeln

abzuschmeicheln. Es kam dann die Rede wieder auf die Ehrgeizigen, da

Franziska, als hänge sie nicht nur mit geistiger Teilnahme an dem Thema,

noch einige Fragen stellte. Beim Austausch der Meinungen fiel Hadwigers

Schweigsamkeit mehr auf als am Beginn des Abends, und obwohl er in einer

bescheidenen Haltung schweigsam war, lastete seine Abkehr vom Gespräch

auf den Freunden, und sie hatten nicht so sehr das Gefühl, einen stummen

Kritiker fürchten zu müssen, als das andere, daß er sich die

Bequemlichkeit des Zuhörens gar zu billig verschaffte. Nur Franziska

ahnte in seinem Verhalten achtenswertere Gründe, empfand einen

heimlichen Schmerz mit ihm, eine Sorge, ein schwermütiges Zurückschauen,

ja, böses Gewissen gegenüber der leichten Stunde, und sie faßte den

Vorsatz, ihn so mild wie möglich aus seiner Stille zu treiben,

allerdings nicht mehr heute; heute war sie müd.

Cajetan hatte eine einleuchtende Darstellung vom Wesen des Ehrgeizes

gegeben, denn die menschlichen Eigenschaften waren für sein Auge, was

dem Chemiker ein Präparat unter dem Mikroskop ist. Zum Schluß sprang er

auf, klatschte in die Hände und sagte entzückt, er habe auf einer Reise

in Mexiko, die er vor zwei Jahren von den Staaten aus unternommen, eine

Geschichte gehört, in der ein ehrgeiziger Charakter durch wundervolle

Fügung zur Einsicht in das Trügerische seiner Ziele kommt. Er habe die

Geschichte, die ihm ein sehr gebildeter junger Kreole erzählt, nie

vergessen können, »und wenn es erlaubt ist,« schloß er mit drolliger

Koketterie, »will ich sie morgen an den Mann bringen, -- Verzeihung, auch

an die Frau.«

Lamberg richtete sich auf und sagte langsam und mit Gewicht: »Man lobe

die Geschichte erst, nachdem sie erzählt ist; man lobe sie auch nicht

selbst, sondern lasse sie von andern loben, vorausgesetzt, daß sie es

verdient.«

In bester Laune trennten sich die drei Hotelbewohner von Lamberg und

Franziska, und da es inzwischen zu regnen aufgehört hatte, tauschten sie

unterwegs ihre Ansichten über die Freundin aus. Keinem erschien sie als

die, die sie ehedem gewesen, alle waren mitbedrückt von den Erlebnissen,

welche sie so angsterfüllt verbarg. Mit liebevoller Politik, meinte

Cajetan, müsse dieser Zustand von Scheu und Leiden beseitigt werden, und

es gelte nur, den Augenblick zu finden, in dessen Macht sie Herrin des

Vergangenen werden und neues Vertrauen zu sich selbst gewinnen könne.

Hadwiger entgegnete, daß ihn ihr Aussehen, ihre körperliche Verfassung

bekümmere. Hierzu nickte Borsati und fragte, ob man nicht den Fürsten,

der doch am Ort sei, von ihrer Anwesenheit verständigen solle, da

vielleicht die besondere Art dieses Mannes eine Ermunterung für

Franziska herbeiführen könne, am Ende auch eine willige Rückkehr in eine

ehemals begehrte Welt. Sehr bedächtig antwortete Cajetan, darin müsse

man mit Vorsicht zu Werk gehen. Er habe der Gräfin Seewald seinen Besuch

zugedacht und werde bei dieser Gelegenheit erspähen, welchen Schritt man

wagen und wie weit man gehen dürfe.

Am folgenden Morgen war leidlich gutes Wetter; als Cajetan zur Villa

Lambergs ging, traf er Georg und Franziska, die eben von einem kleinen

Spaziergang aus dem Wald zurückkamen. Franziska war totenbleich und

schleppte sich an Lambergs Arm mühselig dahin. Cajetan stützte sie

gleichfalls, und so gelangten sie bis zum Haus. Quäcola saß vor der

Türe, blätterte mit konfusen und wichtigtuerischen Geberden in einer

Zeitung, und vor ihm lag ein in Fetzen gerissenes Buch. Emil, die Hände

in den Hosentaschen, betrachtete das Tier mit ingrimmigem Mißfallen,

woraus sich aber der Schimpanse nicht im mindesten etwas machte, sondern

fortfuhr, in wüster Geschwindigkeit das Zeitungspapier zu wenden. Ein

mattes Lächeln erschien auf Franziskas Gesicht, und sie sagte: »Wenn das

mit den beiden gut ausgeht, dann haben wir Glück gehabt, Georg.« Kaum

wurde Quäcola ihrer ansichtig, so erhob er sich, verbeugte sich und gab

dem Diener mit einer frech vornehmen Handbewegung zu verstehen, daß er

sich entfernen solle. Emil schüttelte den Kopf, und seine Miene zeigte

den Ausdruck ungeheuchelten Kummers.

Als Franziska sich zu Bett begeben hatte, teilte Cajetan dem Freund mit,

daß er zu Armanspergs gehen wolle und fragte, ob er vor dem Fürsten

erwähnen solle, daß Franziska hier sei. Lamberg bat ihn, es vorläufig zu

unterlassen. Franziska fühle sich in der Schuld des Mannes, sie habe von

einem herrlichen Brief erzählt, den der Fürst vor Monaten an sie

gerichtet, als er durch geheime Sendlinge ihren Aufenthalt erfahren

hatte, und sie sei durch den bloßen Gedanken beunruhigt, daß sie sich

einst doch noch werde stellen müssen, wenn sie in mutigeren Stimmungen

mit einer Zukunft überhaupt rechnen zu dürfen glaubte. Es sei zwischen

den beiden Menschen irgend etwas Undurchschaubares, und ein fremder

Wille könne da nur zerstörend eingreifen.

Eine Stunde später fing es wieder aus endlosen Wolkenmassen zu regnen

an. Grauer, zerfaserter Flaum umschwamm die Häupter und Rücken der

Berge, die harten Wege wurden weich, als seien sie aufgekocht worden,

die talwärts rinnenden Wasser schwollen an, und alles war so klein, so

naß, so dürftig, wie wenn die Natur auf Prunk und Feiertäglichkeit für

immer hätte verzichten wollen, um sich frierend und gleichgiltig den

unfreundlichen Elementen zu überliefern.

Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen · 第 6 / 36 题