Drei junge Leute von besonderer Art lernten auf einem Ball im
Künstlerhaus ein siebzehnjähriges Mädchen kennen, das sehr liebreizend
war, Franziska hieß, die Schauspielkunst studierte und das Leben liebte.
Sie trug ihre Armut wie eine vorläufige Hülle, und die Daseinsstimmung,
in der sie sich befand, wird am besten verglichen mit der morgendlichen
Munterkeit eines kräftigen und entschlossenen Bergsteigers.
Was die jungen Männer betrifft, so waren es Söhne aus reichen und
geehrten Familien, und sie standen in der Reihenfolge der Jahre zwischen
dreiundzwanzig und achtundzwanzig, die der Freundschaft noch angemessen
ist. Eine Aufzählung im Steckbriefstil mag die genauere Bekanntschaft
mit ihnen vorbereiten. Rudolf Borsati war Arzt, mittelgroß von Figur,
ziemlich fett, doch immerhin elegant in der Erscheinung, von Bart und
Haar blond wie türkischer Tabak, von Gemütsart verträglich, schmiegsamen
Geistes und in den Manieren von charaktervoller Liebenswürdigkeit. Die
Klientel brachte ihm nur geringen Verdienst, er selbst war sein
treuester Patient, denn er beobachtete mit aufmerksamer Hypochondrie die
Entstehung und den Wechsel einer großen Zahl von Krankheiten in seinem
eigenen Körper. Georg Vinzenz Lamberg, ein stattlicher, brünetter,
passioniert aussehender Mensch, der im Gang und im Gehaben etwas
Fürstliches hatte, eine rasche, aufsammelnde, entscheidende und
entschiedene Selbstherrlichkeit, war Archäolog ohne Amt, Privatgelehrter
ohne bestimmte Richtung, ein Sonderling mit leidenschaftlichen
Neigungen, der sich zu den Dingen und den Kreaturen in ein Verhältnis
voll Tyrannei und Abwehr begeben hatte. Am meisten auf das Äußere der
Welt und das Tätige des Lebens gerichtet war Cajetan von Prechtl,
deshalb hatte er auch Franziska zuerst für sich gewonnen. Er war
angehender Diplomat, hatte Ehrgeiz, und in seinem altschmalen Gesicht
saßen zwei dumpfglänzende Augen mit dem starken und weithinausschauenden
Blick eines zielgewissen Schützen. Eine fantasievolle Welterfahrung war
ihm eigen, die ebensogut auf einen Dichter wie auf einen künftigen
Staatsmann schließen lassen konnte und durch eine seltsame
Verschwisterung politischer und romantischer Elemente jedenfalls
bemerkenswert war.
Ihm glückte es, dem Direktor eines der ersten Theater für Franziska
Teilnahme einzuflößen. Ihr Debüt war ein Triumph. Die Poesie ihres
Lächelns, ihrer Geberde, ihrer Haltung verlieh der mittelmäßigen Komödie
einen Schein von Tiefsinn und Elan, und selbst diejenigen, die ihre
Schönheit auf Kosten ihrer Begabung lobten, räumten ein, daß hier
persönlicher Zauber wie Genie wirke. Borsati fand sein Gemüt bewegter,
als er dem jüngeren Freund gestehen mochte, aber Cajetans
wechselsüchtiges Herz hatte sich unlängst für eine andere entzündet, und
nachdem sich die Beiden gegeneinander ausgesprochen, gelang es Borsati
bald, Franziskas Gunst zu erwerben. Er erhob sie, indem er sie trug,
und förderte sie, indem er ihr huldigte. Es war ein zartes Verhältnis
und voll Kameraderie, doch konnte es den Lebensdurst des jungen Mädchens
weder befriedigen, noch verringern; ihr war immer, als ob sie viel, als
ob sie alles versäumte, und je mehr sie zur Frau reifte, je ungestümer
fühlte sie sich aufgefordert, dem Ruf ihrer gestaltlosen, aber feurigen
Träume zu folgen.
An einem bestimmten Abend in jeder Woche fanden sich Cajetan und Georg
Vinzenz bei Franziska und Borsati ein, und bei gutem Essen und
vortrefflichen Weinen verplauderten sie oft die halbe Nacht. Eines Tages
brachte Borsati einen fremden jungen Mann zu diesem Symposion mit, einen
Menschen von nicht sehr gepflegtem Äußeren und eckigem Betragen, der
sich Heinrich Hadwiger nannte und Ingenieur war. Von den befremdeten
Gefährten später unter sechs Augen zur Rede gestellt, erklärte Borsati,
daß er Hadwiger schätze, und daß ihn ihre hochmütige Zurückhaltung nur
desto schätzenswerter erscheinen lasse. Seiner Jugend und feindseligen
Widerständen zum Trotz hatte Hadwiger den Auftrag erhalten, eine der
neuen Gebirgsbahnen im Süden des Reichs zu bauen, und sein kühnes
Projekt bildete das Staunen der Kenner. Aus den dürftigen Verhältnissen
eines westfälischen Kohlendorfes stammend, war alles was er besaß und
vorstellte, Errungenschaft eines ungeheuren Fleißes und einer
beispiellosen Willenskraft. Anfänglich der schlecht besoldete Beamte
einer englischen Maschinenfabrik, hatte er sich zu einer heiklen Mission
freiwillig gemeldet und wurde nach Ägypten und nach Brasilien
geschickt, um die damals neuen Dampfpflüge einzuführen, was erst nach
großen Schwierigkeiten und abenteuerlichen Mühsalen gelang. Ein
Brückenbau im Staate Illinois hatte ihn berühmt gemacht, und er zählte
nun zu den Ersten seines Fachs. Soviel wußte man von ihm, doch ohne
Zweifel war in seiner Vergangenheit etwas, was er nicht mitteilen mochte
und was ihn verfolgte, das verriet sein Auge und sein Schweigen.
Bald brauchte Hadwiger inmitten der Freunde nicht nur geduldet zu
werden, er wurde Freund mit ihnen. Freilich war sein Gefühl bisweilen
beengt; ein Mensch, der einmal ums Brot gekämpft hat, trägt Narben im
Gemüt, die im Kreise der Sorglosen heimlich zu bluten beginnen. Seine
schwankende Stimmung ließ auf eine unzufriedene Seele schließen, sein
rascher Haß nötigte zur Vorsicht gegen sein Urteil. Manchmal erregte er
Gelächter, häufiger ein Lächeln. Wie die meisten Emporkömmlinge war er
naiv und selbstgefällig, und er konnte sich in einer so umfassenden
Weise loben, daß den Zuhörern bei allem Respekt das Herz im Leibe
lachte.
Auch Franziska fand ihn spaßhaft, doch ließ sie sich seine wachsende
Verehrung immer lieber gefallen. Er gehörte nach ihrer Meinung nicht zu
den Männern, die man liebt; seine tiefe Anhänglichkeit belohnte sie
durch Vertrauen. Als er des Bahnbaues wegen die Stadt verlassen hatte,
blieb sie im Briefwechsel mit ihm. Cajetan befand sich um diese Zeit bei
der Botschaft in Washington, und Lamberg, dessen Vater unlängst
gestorben war, ging für einige Monate auf Reisen. Inzwischen löste sich
der Bund Franziskas mit Borsati ohne Lärm noch Katastrophe, etwa wie ein
schöner Spaziergang endet, und obwohl sie nach der Rückkunft der andern
Freunde gern und oft an den regelmäßigen Zusammenkünften teilnahm,
führte sie ihr Leben fern von ihnen. Hie und da deutete ein Wort, ein
Ausruf, eine Klage das Ermattende und Verzehrende ihrer Existenz an,
doch bewahrte sie stets die ihr eigentümliche Heiterkeit und
Leichtigkeit. Sie war schön; schön geworden, was mehr besagen will, als
schlechthin schön. Voller Beseelung Auge, Hand und Schritt, voll Reife
und Bewußtsein; Eitelkeit zeigte sie nur im Kleinen und Scherzhaften, im
Ganzen Maß und Haltung, erworbene Würde, natürlichen Adel. Sie war eine
jener Frauen, bei deren Anblick einem Manne das Herz still steht. Sie
hatte etwas von der Wahrheit der Elemente, und etwas vom Glanz und der
rührenden Einsamkeit der großen Kunstwerke. Leben und Erlebnis hatte sie
geläutert und erhoben, so wie sie manche Andere trüben und erniedrigen.
Gleichwohl verschwendete sie sich; zum Genuß vorbestimmt, genoß sie
umsomehr, je mehr ein begierdevolles Sinnenwesen sich ihr unter
verführerischen Formen nahte. Sie bewegte sich in der großen Welt, als
ob sie darin geboren wäre; die Außenseite ihres Daseins war ohne
Geheimnis, man erzählte sich von ihr in allen Salons und Kaffeehäusern;
was sie hinriß, was sie spannte, bezauberte, in Atem hielt, war den
Freunden, insbesondere Borsati und Hadwiger, ein Rätsel und das
Offensichtliche wie das Verborgene gab ihnen Anlaß zu Befürchtungen
aller Art, zumal es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stand. Als
Hadwiger einst sie zur Besinnung bringen wollte, versicherte sie ihm,
daß sie selbst kaum wisse, wovon sie getrieben werde; vielleicht sei es
der Tod; jeder Gedanke an den Tod jage sie wilder ins Leben hinein. Vor
Jahren habe sie auf einer Bauernhochzeit getanzt, während im Dorf die
Häuser zu brennen angefangen; Weiber und Männer seien fortgeeilt, doch
sie habe einem Geiger ein Goldstück hingeworfen, damit er weiter spiele
und mit ihrem Tänzer sich noch herumgeschwungen, bis der Feuerschein
dicht an den Fenstern lohte.
So plauderte sie beim Probieren eines Hutes, und Hadwiger ging von ihr,
weil sie so leer erregt zu ihm sprach wie in der Pause zwischen zwei
Tänzen. Dann rief sie ihn wieder, in der Pause zwischen zwei Tänzen,
schloß schwesterlich ihr Herz auf und nährte sein verschwiegenes
Mitgefühl in ungewollter Grausamkeit.
Eines Tages gab sie die Rolle der Marianne in Goethes Geschwistern.
Lamberg war im Theater, und ihm schien es, als rede sie von der Szene
herab zu ihm allein. Eine gewisse hinschleppende Müdigkeit verwischte
das Liebliche der Figur und verlieh ihr einen unwillkommenen Zug von
Wehmut. Darüber ärgerte sich Lamberg. Nach der Vorstellung erwartete er
Franziska am Bühnenausgang. Ihr schuldbewußtes Lächeln machte seine
Strafpredigt überflüssig. Es war etwas Trauriges an ihr wie an einer
Winterrose, die das offene Fenster scheuen muß. Lamberg führte sie in
sein Haus, bewirtete sie, und seine unerwartete Wärme ergriff Franziska.
Es war eine schöne Sommernacht, sie wandelten im Garten, scherzten und
philosophierten. Schließlich erzählte sie ihm, daß der Fürst Armansperg,
Majoratsherr, Besitzer eines Hundertmillionenvermögens, Herr auf
Günderau, Weilburg und Schloß Gamming, um ihre Hand angehalten habe.
Seine Angehörigen, trostlos über diesen Entschluß, setzten alles daran,
ihn an der Ausführung zu hindern, und sie selbst sei durch deren Ränke
und Intrigen zu unverschuldeten Leiden verurteilt. Lamberg erwähnte, daß
er den Fürsten vom Sehen kenne; eines der Armanspergschen Güter lag
unweit von seinem Landhaus im Gebirge. Er schätze ihn auf sechzig, traue
ihm aber Entschiedenheit genug zu, um einer Familien-Revolution die
Spitze bieten zu können.
Noch einmal vergessen; um Eros willen noch einmal; die unbeschwerte
Seele dem Gott entgegentragen: kurze Stunden. Er mag die Stunden zählen
und sein heitres Antlitz verschleiern, wenn der Morgen dämmert; dann
sende er den Schlaf, und die nüchterne Sonne erfüllte ihn mit Trauer um
so viel Lust, die gewesen ist. »Wer weiß, ob ich dich überhaupt liebe,«
sagte Franziska; »vielleicht wollt' ich mich nur überzeugen, ob ein
wirkliches Menschenherz in dir steckt.« -- »Kann man davon Gewißheit
erlangen?« versetzte er in seiner stets auf Entfernung bedachten Art.
Und sie wieder: »Blut und Atem sind auch schon etwas, wenn man sie
spürt. Verbirg dich nicht so in deiner Kühle, denn du bist nicht so
stark wie du dich stellst.«
Kurz darnach tauchte in den höheren Zirkeln der Gesellschaft ein Mann
auf, der sich Riccardo Troyer nannte, von vielen als ein Däne, von
andern als ein Italiener bezeichnet wurde, und dessen Reichtum durch
eine verschwenderische Lebensführung unbezweifelbar schien. Man rühmte
seine verlockenden Umgangsformen, und der Eindruck seines reckenhaften
Körperbaues werde durch ein Gebrechen kaum verringert, hieß es; er hinke
nämlich, wie Lord Byron, sei aber, wie Lord Byron, dabei ein vollendeter
Reiter, Schwimmer und Fechter. Wem der Hinweis auf ein romantisches
Genie von hundertjähriger Berühmtheit nicht zusagen wollte, dem wurde
versichert, daß Riccardo Troyer an moderner Prägung nichts zu wünschen
übrig lasse, da er durch Börsen- und Minenspekulationen großen Stils zu
seinem Vermögen gekommen sei. Legenden von Ehebrüchen und Entführungen,
denen eine mißtrauenswerte Gewöhnlichkeit anhaftete, wurden behend
verbreitet, von Selbstmorden junger Frauen und Mädchen mittelst Wasser,
Gift, Fenstersturz und Leuchtgas, und die obere Menschheitsregion, die
sich so argwöhnisch gegen einen einheimischen Frack vom vorigen Jahre
verhält, stand geblendet vor diesem ausländischen der letzten Mode, der
von einem Zauberkünstler ohnegleichen getragen wurde; nicht einmal die
Kunde von allerlei verwegenen Geldtransaktionen und Wechselgeschäften
konnte die Glorie des Fremdlings beeinträchtigen.
Zur Zeit, als das Gerücht den Namen Franziskas mit dem des Abenteurers
vorsichtig zu verbinden begann, weilte Lamberg seit Wochen auf dem Land.
Er hatte die Freunde ermuntert, ihn zu besuchen, und Ende August, da der
lästige Schwarm der Sommerfrischler schon verschwunden war, trafen alle
ein. Cajetan war, drei Tage vor den andern, aus Rom gekommen und wohnte
bei Lamberg, Borsati und Hadwiger logierten in einem entzückenden
kleinen Hotel unten am Seeufer, eine Wegviertelstunde von Lambergs Villa
entfernt. Es war an einem Nachmittag, die Freunde saßen teetrinkend im
Gartenhaus unter mächtigen Ahornbäumen, und Cajetan hatte eben erzählt,
daß er bei der Gräfin Seewald, der Schwester des Fürsten Armansperg,
eine Visite gemacht und Franziska dort gesehen und flüchtig gesprochen
habe, als sie selbst den Wiesenweg heraufkam, in ihrer herrlich
aufrechten Haltung, mit dem blauseidenen Überwurf und dem bunten Hut wie
eine wandelnde Blume anzusehn. Sie begrüßte die Freunde, sie nahm Platz,
begehrte Tee zu trinken und plauderte in der lebhaft erregten Art, die
innere Unruhe und Hast verbergen will. »Wie steht es nun? wirst du uns
also verlassen?« fragte Borsati mit zärtlichem Vorwurf. Franziska
erwiderte weich: »Ihr sollt ein Andenken von mir haben.« -- »Wir haben es
immer,« versicherte Borsati galant. Sie ließ den erinnerungsvollen Blick
in seinen Augen ruhen und wiederholte: »Ihr sollt ein Andenken von mir
haben.«
Sie hatte schon Abschied genommen, flüchtiger als die Gelegenheit zu
fordern schien, da kehrte sie noch einmal zurück und sagte: »Wollt ihr
heute übers Jahr wieder hier versammelt sein? Wollt ihr das? Dann
verspreche ich euch, zu kommen.« Die Freunde sahen einander verwundert
an, doch Franziska fuhr fort: »Heut ist der erste September, -- also
übers Jahr am gleichen Tage bin ich wieder hier, und vorher werdet ihr
mich wohl kaum sehen. Halten wir die Verabredung, machen wir's wie die
Brüder im Märchen, sagt ja und ich gehe froher von euch weg.«
»Muß es denn am selben Tag sein?« fragte Cajetan.
»Gewiß, nur dann ist es bindend,« versetzte sie.
Das Versprechen ward von jedem in ihre Hand geleistet und sie ging.
Alle schauten ihr betroffen und teilnahmsvoll nach, wie sie fast
fliegend rasch den umgrünten Pfad hinuntereilte. Sie fuhr am nächsten
Tag in die Stadt zurück, und kaum eine Woche war vergangen, so brachten
alle Zeitungen die Neuigkeit, daß Franziska, die schöne Schauspielerin,
mit Riccardo Troyer verschwunden sei. Die Nachricht verursachte schon
deshalb Bestürzung, weil man die Heirat Franziskas mit dem Fürsten
Armansperg als nahe bevorstehend betrachtet und das Gewagte einer
solchen Verbindung hatte vergessen wollen. Man wußte zu sagen, daß der
Fürst außer sich und nur mit Mühe verhindert worden sei, den Abenteurer
polizeilich verfolgen zu lassen. Er war auf das Ereignis nicht im
mindesten gefaßt gewesen, einzelne Warnungen hatte er verächtlich
aufgenommen, doch von der Stunde ab zog er sich von der Welt zurück und
lebte einsam.
Während alles dies sich abspielte, erhielt Lamberg ein Paket und einen
Brief Franziskas. Der Brief berührte die eingetretene Schicksalswendung
mit keiner Silbe und war so kurz wie er überhaupt nur sein konnte. »Ich
gebe euch, Georg Vinzenz, Heinrich, Rudolf und Cajetan zum Abschied und
zur Erinnerung den goldnen Spiegel der Aphrodite, den mir ein teurer und
nun verstorbener Freund geschenkt hat. Ich hab euch einmal davon
erzählt, schlecht wie mir scheint, sonst wäret ihr gekommen, um das
wunderbare Ding anzuschauen. Der Spiegel soll keinem gehören und jedem,
keiner soll ein Vorrecht darauf haben, weil ihr mir alle gleich wert
seid und es eine frohe Empfindung für mich ist, ihn als ein Sinnbild
meiner Liebe und Dankbarkeit in eurem Besitz zu wissen. Lebt wohl,
vergeßt euer Versprechen nicht und denkt zuweilen an euer Geschöpf, eure
Schwester, eure ewig getreue Franziska.«
Der Spiegel war in der Tat ein ausgezeichnet schönes Stück. Er war um
das Jahr 1820 in den Ruinen eines kretischen Palastes aufgefunden
worden, kam in die berühmte Sammlung Diatopulos und gelangte fünfzig
Jahre später in die Hände des Herzogs von Casale. Im Jahre 1905, nach
dem Tod des Herzogs, wurde, um dessen Schuldenlast zu tilgen, der
Spiegel nebst vielen andern Kunstobjekten zu Paris versteigert, und dort
hatte ihn der unbekannte Verehrer Franziskas erworben.
Die Freunde einigten sich dahin, daß jeder von ihnen den Spiegel für die
Dauer von drei Monaten unter seinem Dach beherbergen sollte. Wären sie
nicht Männer von Geschmack und Geist gewesen, so hätte Franziskas Gabe
leicht Ärgernis stiften können. Keiner hatte Sicherheit; an wen die
Reihe kam, der war zum voraus verstimmt über die Scheinhaftigkeit seines
Rechts. Gemeinhin macht der Besitz die Dinge fremder; hier, wo der
Gewinn schon den Verlust bedingte, hielt Ungewißheit das stets wieder
entgleitende Gut doppelt lebendig. Hätte Franziska das Geschenk einem
unter ihnen zugesprochen, so wäre für die andern keine Beunruhigung
erwachsen, und der Erwählte hätte den Frieden der Gleichgiltigkeit nicht
lange entbehrt. So wurde das Beschenkt- und Beraubtwerden zur gleichviel
bedeutenden Pein.
Franziska blieb wie verschollen. Unter ihren zahlreichen Bekannten
hatte niemand von ihr gehört, und der Urlaub, den sie vom Theater
genommen, war längst überschritten. Es hieß, der Fürst Armansperg habe
über Riccardo Troyer weitläufige Nachforschungen anstellen lassen, die
zu einem bedenklichen Ergebnis geführt hätten. Auch davon wurde es
allgemach still. Im Juli hielt sich Hadwiger einige Zeit in Paris auf
und hörte, daß Troyer während des spanisch-marokkanischen Kriegs als
Agent einer englischen Gewehrfabrik in Madrid tätig gewesen, daß er
Betrügereien verübt und aus dem Land gejagt worden sei. Hadwiger konnte
nicht vergessen; er war nicht fähig, sich ins Unwiderrufliche zu finden.
Er grollte der Fügung, sein Gemüt war verdunkelt, und um der
Gedankenspiele enthoben zu sein, arbeitete er Tag und Nacht.
So ging das kleine und das große Leben weiter. Im Juli bezog Lamberg
seine Villa im Gebirg. Mit einer Köchin, dem Diener Emil und einem Affen
verließ er die Stadt. Den Affen hatte er vor kurzem von einem
holländischen Kaufmann erhalten und war förmlich verliebt in ihn. Es war
ein junger Baam oder Schimpanse, der die Größe eines achtjährigen Knaben
hatte. Durch die Unterhaltungen mit dem sich selbst ernst nehmenden Tier
erlangte er Einblick in die Fülle schönen Humors, von welcher der sich
selbst ernst nehmende Mensch umgeben ist.
In der letzten Woche des August trafen Hadwiger, Borsati und Cajetan
ein. Sie wohnten diesmal alle drei in dem Gasthaus am See, da Cajetan
nicht begünstigt zu sein wünschte und das lieblich barocke Hotelchen
ebensoviele Bequemlichkeiten bot wie Lambergs Junggesellenheim.