Man hat mir erzählt, daß vor Zeiten ein Fischer gewesen sei, der schon
hoch bei Jahren war. Er besaß eine Frau und drei Töchter und war so
arm, daß er nicht einmal seine tägliche Nahrung hatte. Viermal am Tage
warf er gewöhnlich seine Netze aus. Einst, als der Mond leuchtete, ging
er zum Dorfe hinaus bis an das Ufer des Flusses, streifte sein Hemd auf
und watete bis zur Hälfte des Körpers in die Flut; dort warf er sein
Netz aus und wartete, bis es untersank. Dann zog er es zu sich heran
und wollte es langsam zusammenfalten, als er bemerkte, daß es durch
etwas gehemmt wurde. Er zog also mit größerer Kraft, aber es gelang ihm
nicht, es näherzubringen; er ging zurück ans Land, kleidete sich aus
und tauchte in den Fluß hinab und bemühte sich so lange, bis er das
Netz endlich ans Ufer brachte. Da fand er zu seinem großen Erstaunen
einen toten Esel darin, der die Maschen des Netzes entzweigerissen
hatte. Der Fischer war sehr traurig, seufzte und sprach: »Es gibt
nur Hilfe und Macht beim allmächtigen Gott! Es geht doch mit dem
Lebensunterhalt recht wunderlich zu.« Und darauf sprach er folgende
Verse: »O du, der in das Düster der Nacht und der Gefahren hinabtaucht,
mühe dich nicht zu sehr, denn der Lebensunterhalt wird nicht durch
Anstrengung gewonnen. Sieh das Meer und den Fischer darin, der seinen
Lebensunterhalt sucht, während die Sterne sich im Dunkel verstecken!
Bis zur Hälfte des Körpers steigt er hinab in die Wellen, und sein
wachsames Auge wendet er nicht ab von seinem Netze. Und wenn sich ein
Fisch in den feindlichen Maschen gefangen, dann ist er zufrieden mit
seiner Nacht. Denn seinen Fisch kauft ihm einer ab, der die Nacht in
Behagen und Wohlleben, nicht in der Kälte verbracht hat. Gepriesen sei
der Herr; er gibt dem einen und versagt dem andern; der eine fängt die
Fische, und der andere ißt sie auf.«
Als der Fischer diese Worte gesprochen hatte, löste er den Esel aus
seinem Netze, ließ sich auf der Erde nieder und besserte die Maschen
aus. Dann rang er es gehörig aus, watete wieder in den Strom, warf
es aus und wartete, bis es niedersank. Doch als er es wieder an sich
ziehen wollte, spürte er abermals einen starken Widerstand. Er freute
sich sehr, denn er meinte, ein Fisch habe sich gefangen, entkleidete
sich rasch und tauchte unter, um das Netz freizumachen. Mühsam brachte
er es ans Ufer, aber er fand darin nur einen großen Topf mit Schlamm
und Sand. Da weinte er heftig und rief betrübt: »Das ist wahrlich ein
seltsamer Tag; aber ich vertraue auf Gott, der den Himmel erschaffen
hat!« Dann sprach er diese Verse: »Du quälendes Schicksal, laß ab, sei
mitleidig und verschone mich mit deiner Verfolgung! Ich warf mein Netz,
um mir Lebensunterhalt zu suchen; aber jetzt weiß ich, daß er für mich
verloren ist. Das Glück hat sich von mir gewandt, und die Arbeit meiner
Hände ist fruchtlos. So mancher Törichte weilt bei den Gestirnen, und
mancher Weise liegt unten im Staube!«
Er schleuderte den Topf weit fort, rang das Netz wieder aus, rief
den Namen Gottes, warf es zum dritten Male in die Wogen und wartete
geduldig, bis es untersank. Als er es wieder heraufzog, fand er darin
nur Kiesel, Muscheln und mancherlei Unrat. Da verzweifelte der Fischer,
denn er war müde von der Arbeit und vom Unglück; er dachte daran, daß
seine Frau und seine drei Töchter daheim ohne Nahrung blieben, verbarg
den Kopf in den Händen und sprach folgende Verse: »Du kannst deinen
Lebensunterhalt nicht lösen noch binden; Kunst und Bildung können dir
ihn nicht verschaffen. Wahrlich, Glück und Lebensunterhalt sind nur
Bestimmung; in dem einen Lande waltet Üppigkeit, und Mangel in dem
andern. Das Schicksal wechselt; es wirft einen edlen Menschen nieder
und erhöht einen, der wertlos ist. Nimm mich denn hin, o Tod; denn ist
das Leben nicht abscheulich, wenn die Falken erniedrigt und die Gänse
erhöht werden? Es ist nicht wunderbar, wenn du Armut beim Tugendsamen
und Reichtum bei dem Lasterhaften siehst! Im Buche des Schicksals
gleichen wir alle den Vögeln, die umherflattern und bald hier, bald
dort ein Körnchen auflesen. Mancher Vogel fliegt um die Erde nach
Westen und Osten, und ein anderer findet seine Nahrung, ohne den Flügel
zu rühren.«
Der Fischer wandte seine Augen zum Himmel empor; die Röte des Morgens
zog schon herauf, der Tag begann zu glänzen. Da rief er: »Du weißt, o
Herr, daß ich nur viermal am Tage meine Netze werfe; schon dreimal tat
ich es, nun will ich es zum letzten Male versuchen. Erweise mir ein
Wunder, großer Gott, wie du es Moses im Meere erwiesen hast!« Darauf
flickte er wieder die Maschen seines Netzes, warf es in den Strom und
wartete, bis es untersank. Als es hängen blieb und er es herausziehen
wollte, vermochte er es nicht, denn es hatte sich am Grunde festgehakt
und war ganz verwirrt. »Nur beim allmächtigen Gott ist Hilfe und
Schutz!« rief der Fischer, zog die Kleider aus und tauchte hinab.
Viel Arbeit kostete es ihm, bis er das Netz freimachen konnte. Als
er wieder damit ans Ufer kam, entdeckte er darin etwas Schweres; mit
großer Mühe löste er es aus dem Gewirr der Maschen und fand, daß es
eine Messingflasche war, die mit dem Siegel unseres Herrn Salomo
verschlossen war. Der Fischer freute sich des Fundes, denn er dachte
bei sich: ich werde sie beim Kupferschmied verkaufen, sie ist gewiß
zwei Malter Weizen wert. Er schüttelte die Flasche und bemerkte, daß
sie gefüllt war. »Ich will doch sehen, was darin ist,« dachte er, »ich
will sie öffnen und dann erst verkaufen.« Er durchstach darauf das Blei
mit seinem Taschenmesser und mühte sich so lange ab, bis die Flasche
geöffnet war; dann führte er sie an den Mund und schüttelte abermals,
doch es kam nichts heraus, worüber der Fischer sehr erstaunte. Mit
einem Male aber stieg aus der Flasche ein Rauch empor, schwebte und
breitete sich über die Erde und nahm zu, bis er die Fläche des Meeres
bedeckte und an die Wolken des Himmels hinaufstieg. Der Fischer war
in großer Verwunderung, als er dies seltsame Schauspiel erblickte.
Kaum war der letzte Rauch der Flasche entquollen, so verdichtete und
sammelte er sich und wurde zu einem Geiste, dessen Füße auf der Erde
standen, und dessen Haupt hoch bis in die Wolken hineinragte. Sein
Kopf glich einem Brunnenloche, seine Vorderzähne waren wie eiserne
Haken, sein Mund wie eine Höhle, seine Nasenlöcher wie Trompeten, sein
Schlund wie eine Gasse, und seine Augen glichen Laternen. Er war ein
ganz abscheulicher Geist; der Himmel bewahre uns davor! Der Fischer
bebte an allen Gliedern, als er ihn erblickte, und seine Zähne schlugen
aufeinander. Da sprach der Geist: »Salomo, du Prophet Gottes! Verzeihe
mir! Nie mehr will ich dir ungehorsam sein, nie mehr deinen Befehlen
entgegen handeln!«
[Illustration: Der Geist erscheint]
Der Fischer begriff diese Worte nicht und stammelte: »O Geist, was
sagst du da von Salomo, unserm Herrn, dem großen Propheten Gottes? Ist
er doch schon vor achtzehnhundert Jahren gestorben, und wir leben in
viel späteren Tagen. Künde mir, was dir widerfahren ist. Auf welche
Weise bist du in die Flasche hineingeraten?« Als der Geist diese Worte
vernahm, rief er mit lauter Stimme: »Ich bringe dir gute Nachricht!«
Der Fischer freute sich im stillen und dachte: o glückseliger Tag!
Aber der Geist fuhr fort: »Ich bringe dir die Kunde, daß du sogleich
umgebracht werden mußt.« Da erschrak der Fischer und sprach: »Möge dir
Gottes Gnade und Huld ewiglich ferne bleiben, da du so abscheuliche
Botschaft bringst! Warum willst du mich morden; habe ich dich nicht
errettet und aus den Tiefen des Meeres an das warme Licht des Tages
heraufgezogen?« Der Geist aber entgegnete ihm: »Ich will dir eine Bitte
gewähren,« und der Fischer fragte voll Freuden: »Sag mir, um was ich
dich bitten soll.« Und der Geist sprach: »Du kannst dir eine Todesart
wählen, damit du sterben mögest, wie du es dir selbst bestimmt hast.«
Der Fischer zitterte vor Furcht und fragte: »Was habe ich verbrochen,
daß du meine gute Tat so schmählich belohnen willst?« — »Höre meine
Geschichte,« sagte der Geist und erzählte:
»Vernimm! Ich bin einer der abtrünnigen und bösen Geister, denn ich
war dem Propheten Gottes, dem großen Salomo, ungehorsam. Er sandte mir
seinen Minister Asaf, den Sohn des Berachja, der zu mir eilte und
das Urteil an mir vollziehen mußte. Er fesselte mich und warf mich in
Ketten und brachte mich mit Gewalt zu Salomo, dem Propheten Gottes.
Der aber erschrak sehr, als er mich erblickte, denn er fürchtete sich
vor meiner Gestalt, und rief Gott um Hilfe an. Er befahl mir, daß ich
ihm gehorchen solle, aber ich weigerte mich seinen Worten; da ließ er
diese Messingflasche bringen und sperrte mich hinein; dann verschloß
er sie mit einem Bleisiegel, darauf er den Namen des erhabenen Gottes
drückte, und hieß einem Geiste, die Flasche tief hinab in das Meer zu
versenken. Als ich zweihundert Jahre so in den Fluten gelegen hatte,
beschloß ich, dem Reichtum zu verschaffen, der mich in den nächsten
zweihundert Jahren aus meiner Gefangenschaft erlösen würde. Aber
die Jahre gingen hin, und keiner kam und erlöste mich. Und abermals
verflossen zweihundert Jahre, und ich beschloß nunmehr, daß ich meinem
Befreier alle Schätze dieser Erde zur Verfügung stellen wollte; aber
wieder verging die Zeit, und es nahte mir kein Erretter. Und abermals
beschloß ich, daß ich den, der in den folgenden zweihundert Jahren mich
erlösen würde, zum Sultan machen, daß ich selbst sein Diener werden
und ihm täglich drei Wünsche erfüllen wollte. Aber auch dieses Mal
befreite mich niemand. Da ergrimmte ich, tobte und wütete und faßte den
Entschluß, denjenigen umzubringen, der von jetzt an mich erretten
würde. Er sollte des gräßlichsten Todes sterben oder selbst wählen,
wie er verscheiden wollte. Kurz darauf hast du mich in deinem Netze
aufgefischt und ans Land gezogen. Künde mir jetzt, auf welche Weise du
sterben willst.«
Als der Fischer diese Rede des Geistes vernommen hatte, rief er aus:
»Nur Gott gehöre ich an, und nur zu ihm kehre ich zurück! Verflucht
ist mein Schicksal, daß ich dich gerade jetzt erretten mußte! Doch
sei gnädig und erbarme dich meiner, so wird auch Gott Erbarmen mit
dir haben; laß mich am Leben, sonst wird Gott jemanden erwecken, der
auch dich töten soll.« Der Geist aber antwortete: »Vergeblich flehst
du um Gnade; sage mir, wie du sterben willst!« Da wurde der Fischer
sehr traurig, brach in Tränen aus und schluchzte: »O mein Weib! O
meine Kinder! Gott gebe, daß mein Herz stark bleibe um euch!« Und
er bat abermals den Geist, daß er ihm verzeihen möge, weil er ihn
aus dem Meere und aus der Messingflasche erlöst habe. Aber der Geist
beharrte bei seinen Worten und ließ sich nicht durch Bitten erweichen.
»Wahrlich!« rief der Fischer entrüstet, »du willst mir Böses tun,
weil ich gut gegen dich gehandelt habe! Das Sprichwort lügt also
nicht, welches sagt: Es sind ruchlose Menschen, die Gutes mit Bösem
vergelten; wer Gutes tut an einem, der es nicht verdient, dem wird
es wie dem ergehen, der einer Hyäne Obdach gewährt.« Der Geist aber
rief: »Zaudere nicht, denn ich werde dich umbringen, wie ich es dir
versprochen habe.« Der Fischer überlegte eine Weile im stillen und
sagte zu sich selbst: »Ich bin ein Mensch, dieser aber ist nur ein
Geist. Gott gab mir den Verstand, so will ich ihn auch mit meinem
Verstande überlisten.« Und er wandte sich an den Geist und fragte: »Ist
es dein fester Entschluß, daß ich sterben soll?« Und als der Geist
nicht von seinem Willen wich, sagte der Fischer: »Im Namen des höchsten
Gottes, der auf dem Siegel Salomos, des Sohnes Davids, eingedrückt
war, willst du mir die Wahrheit künden, wenn ich dich jetzt um etwas
befrage?« Der Geist erbebte, als er den Namen des gewaltigen Gottes
hörte, und erwiderte: »Frage mich, aber sei kurz!«
Da fragte der Fischer: »So sage mir im Namen des erhabenen Gottes,
ob du in dieser Flasche eingesperrt warst oder nicht.« Und der Geist
antwortete: »Im Namen des erhabenen Gottes, ich war darin eingesperrt.«
Aber der Fischer rief: »Das lügst du, denn diese Flasche ist so klein,
daß ich sie mit meiner Hand umspannen kann! Wie kann diese Flasche dich
fassen, da sie schon durch deine Füße zersprengt würde?« Der Geist
sprach darauf: »Ich schwöre dir, daß ich darin war! Willst du es nicht
glauben?« — »Nein!« entgegnete der Fischer. Da löste sich der Geist
langsam auf, verflüchtigte sich und wurde wieder zu einem Rauche, der
emporschwebte und sich über dem Meere und dem Lande niederließ. Er zog
sich zusammen und verschwand nach und nach in der Messingflasche, bis
nichts mehr von ihm zu sehen war. Da kam eine Stimme aus der Flasche
heraus: »Glaubst du mir nun, du dummer Fischer, daß ich in der Flasche
bin?« Aber der Fischer langte rasch nach dem Blei, mit dem die Flasche
geschlossen war, und drückte es wieder fest auf die Öffnung. Dann rief
er: »Wähle du jetzt, du dummer Geist, wie du sterben willst, und wie
ich dich wieder ins Wasser schleudern soll! Dann werde ich mir hier
eine Hütte bauen und alle Fischer warnen, die hier ihre Netze auswerfen
wollen, und zu ihnen reden: Hier unten liegt ein schlimmer Geist,
der alle umbringen will, die ihn befreien, und sie nur wählen läßt,
auf welche Weise sie sterben möchten.« Als der Geist nun sah, daß er
wieder eingeschlossen war und nicht mehr entweichen konnte, weil ihn
Salomos Siegel daran hinderte, merkte er wohl, daß ihn der Fischer
überlistet hatte. Da bat er inständig und sagte: »Tue das nicht,
guter Fischer, denn ich habe ja nur Scherz mit dir getrieben.« — »Du
erbärmlichster und schändlichster aller Geister,« rief der Fischer
entrüstet, »du lügst!« Und sogleich rollte er die Flasche wieder an
das Meer, während der Geist ihn anflehte: »Nicht doch, nicht doch!«
Aber der Fischer sagte: »Ja doch! ja doch!« und lachte. Der Geist
wurde sehr kleinlaut und traurig und bat ihn demütig: »Tue das nicht
mit mir, guter Fischer.« Der aber antwortete: »Ich werde dich doch
ins Meer werfen! Da magst du abermals achthundert Jahre darin liegen
bleiben, und nie mehr werde ich dich daraus befreien. Denn ich habe
dich heiß und inständig gebeten, mich leben zu lassen, du aber hast
mich nicht erhört und bist treulos gegen mich gewesen; nun werde ich
Gleiches mit Gleichem vergelten.« Der Geist jammerte und sagte: »Öffne
mir, lieber Fischer, denn ich will dir Reichtümer schenken und dir
viel Gutes erweisen. Befreie mich aus diesem Gefängnis! Die Handlungen
der Menschen sollen immer edler sein, als die eines Geistes. Denn
ein Sprichwort sagt: Du sollst Böses mit Gutem vergelten, und nicht
so handeln wie Imama mit Ateka.« »Was ist es mit Imama und Ateka?«
fragte der Fischer. »Jetzt mag ich es dir nicht erzählen, so lange
ich in dieser engen Flasche sitze,« sagte der Geist, »ich will es
dir erzählen, wenn du mich wieder freiläßt.« Der Fischer antwortete:
»Niemals werde ich dich herauslassen; ich habe dich auch vorhin lange
gebeten, und du wolltest mich dennoch umbringen. Nun werfe ich dich
wieder in das Meer, denn du bist ein boshafter Geist und wolltest Gutes
mit Bösem vergelten. Ich werde aber an der Stelle, wo ich die Flasche
ins Wasser geschleudert habe, ein Haus erbauen und darauf schreiben:
Hier unten liegt ein schlimmer Geist; wer ihn heraufzieht, der wird
von ihm umgebracht. Da kannst du noch fünfmal zweihundert Jahre dort
unten bleiben, du erbärmlichster aller Geister!« Da sagte der Geist:
»Ich bitte dich, laß mich noch einmal aus dieser engen Flasche, denn
ich verspreche dir, daß dir kein Leid geschehen soll. Ich werde dich
reich machen und dir viel Gutes erweisen.« Der Fischer sprach: »Schwöre
mir das beim erhabenen Gotte, damit ich dir glauben kann.« Nach diesen
Worten leistete der Geist einen Eid bei dem Namen dessen, der auf
Salomos Siegel stand, und der Fischer öffnete die Flasche wieder und
befreite den Gefangenen. Abermals quoll ein Rauch empor, aus dem sich
die Gestalt des Geistes sammelte; der aber zertrümmerte die Flasche mit
seinen Füßen, schleuderte sie in die Wellen und flog sodann auf das
Meer hinaus. Da befiel den Fischer große Angst, denn er glaubte, daß
der Tod ihm gewiß sei, und er kniete nieder und rief: »Du hast einen
Eid geschworen, darum darfst du nicht treulos sein, sonst wird dich
Gott bestrafen.« Der Geist lachte und antwortete: »Folge mir, Fischer!«
Mutlos erhob sich der Fischer und folgte ihm, denn er glaubte, daß er
nicht mit dem Leben davon kommen werde. Die beiden wanderten durch die
Wüste einen langen Weg bis zu einem Berge; dort lag, zwischen vier
kleine Hügel geschmiegt, ein wundersamer See. Der Geist blieb stehen
und befahl dem Fischer, daß er hier sein Netz auswerfen möge, denn in
dem Wasser schwammen viele bunte Fische, blaue, weiße, gelbe und rote.
Der Fischer machte große Augen über diesen ungewohnten Anblick und tat,
wie der Geist ihm geheißen. Als er das Netz wieder herauszog, lagen
vier Fische darin, ein weißer, ein blauer, ein roter und ein gelber;
und er freute sich sehr. Der Geist aber sagte: »Nun gehe hin zu deinem
Sultan, er wird dich reich machen; doch beachte meine Worte, und wirf
hier dein Netz nie mehr als einmal am Tage aus. Jetzt aber entschuldige
mich, denn ich muß dich verlassen. So lange lag ich in der Tiefe des
Meeres, daß ich jetzt auf der Erde ganz hilflos bin. Allah sei mit
dir!« Nach dieser Rede stampfte der Geist mit dem Fuße, und alsbald
öffnete sich die Erde und verschlang ihn.
Der Fischer wanderte vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück und
verwunderte sich sehr über das, was er mit dem Geiste erlebt hatte.
Er ging in den Palast des Sultans und brachte ihm die vier bunten
Fische. Als der Sultan sie erblickte, sprach er mit heiterm Gesichte
zu seinem Wesir: »Gehe hin und gib sie der geschickten Köchin, welche
uns der König der Griechen geschenkt hat.« Der Wesir tat, wie ihm
befohlen war, und sagte zu dem Mädchen: »Richte die Fische gut zu, denn
sie sind soeben dem Sultan zum Geschenk gemacht worden.« Der Fischer
erhielt vierhundert Dinare zum Geschenk; damit lief er nach Hause und
war so glücklich, daß er oft auf dem Wege strauchelte und fiel, denn
er meinte, es sei alles nur ein Traum. Es war aber kein Traum, sondern
helle Wirklichkeit, denn er war nun reich und konnte seiner Frau und
seinen drei Töchtern alles kaufen, was sie begehrten. — Soviel weiß
ich bis jetzt von dem Fischer zu erzählen.
Was aber die Köchin betrifft, so geschah folgendes: Als sie die Fische
wohl gespalten und gereinigt hatte, setzte sie die Pfanne aufs Feuer,
goß Öl hinein und wartete, bis sie heiß war; darauf legte sie die
vier bunten Fische hinein, buk sie, bis sie auf der rechten Seite gar
waren und drehte sie dann um. Da tat sich plötzlich die Mauer auf, und
aus dem Spalt trat ein schönes Mädchen heraus, das war edel von Wuchs
und ohne Makel, hatte ovale Wangen und mit Kohle bemalte Augen. Sie
trug ein Oberkleid von blauem Atlas, auf welchem ägyptische Blumen
abgebildet waren, an ihrem Arme und an den Ohren blitzten große Perlen
und wundervolle Ringe. In der Hand hielt sie ein indisches Rohr, das
steckte sie in die Pfanne und sagte dazu mit sanfter Stimme: »O Fisch,
gedenkst du deines Versprechens?« Als die Köchin das sah und hörte,
fiel sie vor Entsetzen in Ohnmacht. Das fremde Mädchen aber wiederholte
ihre Frage, und die vier Fische erhoben ihre Köpfe und antworteten
mit heller Stimme: »Ja, ja; wenn du wiederkehrst, so kehren auch wir
wieder; wenn du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst,
so siegen wir und sind zufrieden.« Da stürzte das Mädchen die Pfanne
um und ging durch den Mauerspalt zurück, wie sie vorher genaht war,
und die Wand schloß sich wieder hinter ihr. Als die Köchin aus ihrer
Ohnmacht erwachte, fand sie die Fische ganz verbrannt und verkohlt; da
war sie sehr traurig und jammerte und sprach: »O König, dir ist der
Lanzenschaft bei deinem ersten Kriegszuge zerbrochen« (d. h.: dir ist
gleich zu Anfang ein Mißgeschick begegnet). In diesem Augenblicke trat
der Wesir herein und sagte: »Gib mir deine Fische, denn der Sultan
wartet darauf.« Die Köchin begann zu weinen und erzählte, welches
Unglück sich mit den Fischen zugetragen habe. Der Wesir war sehr
verwundert, schickte heimlich zu dem Fischer und ließ ihn holen. »Du
mußt uns sogleich neue Fische besorgen,« sprach er zu ihm, »aber sie
müssen den ersten gleichen, denn sie gefallen uns sehr.« Da machte
sich der Fischer auf und ging, trotz der Weisung des Geistes, an den
See zwischen den vier Hügeln, warf sein Netz aus und fing vier bunte
Fische von ähnlicher Gestalt; damit kehrte er zurück zu dem Wesir. Der
brachte sie der Köchin und sprach: »Nun backe die Fische in meiner
Gegenwart, denn ich will selbst sehen, was du mir erzählt hast.« Die
Köchin spaltete und salzte die Fische und legte sie in die Pfanne.
Aber als sie gebacken waren, tat sich die Wand wieder auf, und das
Mädchen trat in derselben Kleidung in die Küche; sie trug wieder die
indische Rute in der Hand, langte damit in die Pfanne und sagte mit
sanfttönender Stimme: »O Fisch, gedenkst du deines Versprechens?« Die
Fische reckten abermals die Köpfe empor und erwiderten: »Ja, ja,
wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn du treu bist, so
sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und sind zufrieden.«
Als die Fische das gesagt hatten, stieß das Mädchen die Pfanne um und
verschwand durch den Riß in der Wand, die sich wieder hinter ihr schloß.
[Illustration: Die Pfanne kippt um und der Fisch fällt ins Feuer.]
Der Wesir blickte der Erscheinung fassungslos nach und sprach: »Das
kann ich meinem Sultan unmöglich verbergen.« Er ging zum Könige und
erzählte ihm, welche wunderbare Begebenheit sich mit den vier Fischen
zugetragen hatte. Der Sultan erstaunte gleichfalls und rief: »Das
will ich mit meinen eigenen Augen sehen!« Er sandte sogleich einen
Boten zum Fischer und ließ ihm sagen, er solle noch einmal vier Fische
besorgen, die so schön und bunt wie die ersten wären, aber er möge
sich damit eilen. Der Fischer ging wieder an den See zwischen den vier
Hügeln, warf sein Netz und fing abermals vier Fische, einen blauen,
einen weißen, einen gelben und einen roten, und brachte sie zu dem
Sultan. Der schenkte ihm wieder vierhundert Dinare und ließ ihn streng
bewachen. Dann befahl der Sultan dem Wesir: »Backe du selbst diese
Fische in meiner Gegenwart.« Als er die Fische gespalten und gesalzt
hatte, goß er Öl in den Tiegel, stellte ihn aufs Feuer und warf dann
die Fische hinein. Kaum aber waren sie gebacken, da öffnete sich die
Wand der Küche, und ein schwarzer Sklave trat daraus hervor, als käme
er aus einem Berge. Der König und der Wesir fürchteten sich sehr,
denn er war sehr groß und breit und trug einen grünen Zweig in der
Hand; damit rührte er an die Pfanne und sprach: »O Fisch, gedenkst du
deines Versprechens?« Die Fische reckten abermals die Köpfe empor und
erwiderten: »Ja, ja, wenn du wiederkehrst, kehren wir auch wieder; wenn
du treu bist, so sind auch wir treu; wenn du fliehst, so siegen wir und
sind zufrieden.« Nach diesen Worten stürzte der schwarze Sklave die
Pfanne um und entfernte sich durch die Wand, die sich sogleich wieder
hinter ihm schloß. Die Fische aber waren verbrannt und verkohlt. Den
Sultan ergriff heimliches Grauen, er erschrak und sagte: »Unmöglich
kann ich mich wieder niederlegen, bevor ich dieses Wunder ergründet
habe; sicherlich hat es eine besondere Bewandtnis mit diesen Fischen.«
Sogleich schickte er wieder zu dem Fischer, ließ ihn holen und sprach
zu ihm: »Sage mir, wo du diese Fische gefangen hast!« Der Fischer
antwortete: »Außerhalb der Stadt liegt ein See zwischen vier Hügeln,
dort habe ich sie mit meinem Netze herausgezogen.« Der Sultan wandte
sich an den Wesir und fragte: »Weißt du etwas von diesem See?« Der
aber antwortete: »Schon dreißig Jahre lang gehe ich auf die Jagd,
durchstreife Ebenen und Gebirge, doch diesen See habe ich noch nie
entdeckt.« Der Sultan sagte zu dem Fischer: »Wie weit geht man nach
diesem See?« — »Zwei Stunden,« erwiderte der Fischer.
Der Sultan befahl nun einigen Soldaten, ihn zu Pferde zu begleiten,
und machte sich selbst mit dem Wesir auf die Wanderung. Der Fischer
mußte sie führen; er ging gehorsam voran, im stillen aber fluchte er
auf den Geist. Als sie an den vier Hügeln angelangt waren, erblickten
sie den See und in dem durchsichtigen Gewässer die vielen buntfarbigen,
glänzenden Fische. Der Sultan verwunderte sich sehr und sprach: »Dieser
See liegt doch so nahe bei meiner Hauptstadt, und dennoch habe ich ihn
noch niemals gesehen. Sagt mir, Soldaten, ob einer von euch jemals
diesen Ort gekannt hat!« Aber alle Soldaten erwiderten, auch sie hätten
ihn zum ersten Male erblickt. Da schwur der Sultan und rief: »Beim
allmächtigen Gott, der den Himmel gewölbt hat, nicht eher kehre ich in
die Stadt zurück, bis ich weiß, was dieser See und diese bunten Fische
für ein außerordentliches Geheimnis bergen!« Er ließ die Soldaten
absitzen und die Zelte aufschlagen, denn er wollte hier bis zur Nacht
an dem See verweilen. Dann rief er seinen Wesir, der ein sehr kluger
und erfahrener Mann war, und sprach zu ihm, ohne daß die Soldaten es
hörten: »Vernimm, was ich zu tun beabsichtige! Ich will abseits von den
anderen gehen, um zu erfahren, was dies für Fische sind. Lebe wohl.
Sage aber morgen den Truppen und meinen Beamten, ich sei krank, es
könnte niemand bei mir vorgelassen werden. Wohne so lange in meinem
Zelte; ich aber bleibe drei Tage lang fort, nicht länger.« Der Wesir
erwiderte: »Es soll geschehen, wie du befohlen hast.« Der Sultan
umgürtete sich nun mit seinem Schwerte und machte sich ohne Begleitung
auf den Weg. Er ging jenseits der Berge, bis der Morgen zu dämmern
begann. Als die ersten Strahlen der Sonne aufblitzten, erblickte er
in der Ferne etwas Schwarzes; da freute er sich, denn er dachte:
vielleicht wohnt dort jemand, den ich um Auskunft befragen kann. Er
schritt rüstig zu, und als er nahe kam, sah er, daß es ein Schloß war
aus schwarzem, geschliffenem Marmor und mit eisernen Platten belegt;
er erkannte, daß es unter einem glücklichen Sterne gebaut war. Das
Schloß hatte ein Tor, von dem ein Flügel durch den andern geschlossen
war. Der Sultan trat heran und klopfte leise, aber niemand öffnete
ihm. Er klopfte noch einmal etwas stärker, aber wieder vernahm er
keine Antwort und erblickte keinen Menschen. »Ohne Zweifel ist dieses
Schloß ohne Bewohner,« dachte sich der König, ging furchtlos weiter
und rief: »Hier steht ein hungriger Reisender, der weit gewandert ist.
Bewohner dieses Schlosses, habt ihr etwas für ihn zu essen? Der Herr
aller Sklaven wird euch reichlich dafür belohnen.« Er rief diese Worte
zwei- und dreimal, aber wieder hörte er keine Antwort. Da faßte er Mut
und schritt in das Innere des Schlosses hinein, wandte die Augen nach
rechts und links, aber niemand war zu erblicken. Er sah, daß das
Schloß mit seidenen Teppichen und Stoffen geschmückt war, er sah auch
goldene Vorhänge und schöne Polster. Mitten im Saale war ein großer
Raum, an den noch andere Zimmer mit Nischen und Polstern grenzten. Ein
Springbrunnen plätscherte, der war aus vier goldenen Löwen gebildet,
die aus ihren Rachen helles, kühles Wasser spien. In einem goldenen
Netze sangen viele Vögel gar lieblich durch den Saal; sie waren in
den zarten Maschen gefangen und konnten nicht entweichen. Der König
stand und blickte staunend umher, denn niemand war zu finden, den er
fragen konnte. Er setzte sich müde auf ein Polster an der Seite des
Saales und sann auf Rat, als er plötzlich eine klagende Stimme vernahm,
welche voll Wehmut diese Worte sang: »Unseliges Schicksal, warum kennst
du kein Erbarmen und kein Mitleid? Mein Leben schwebt ja zwischen
Gefahr und Qualen. Warum habt ihr kein Mitleid mit einem Großen seines
Volkes, der im Bunde der Liebe erniedrigt wurde, warum erbarmt ihr euch
nicht des Reichsten unter seinem Volke, der arm geworden ist? Ich war
eifersüchtig auf die Luft, die um euch wehte; aber wo das Schicksal
niederfällt, da verdüstert sich das Gesicht. Was frommt dem Schützen
die Kunst, wenn er seinem Feinde entgegentritt, und die Sehne zerreißt,
wenn er den Pfeil abschleudern will? Und wenn sich ganze Scharen um den
Tapfern häufen, wie könnte er der Macht des Schicksals entweichen?«
[Illustration: Er kam in Sichtweite eines Palastes aus glänzendem
Marmor an.]
Als der König den Gesang und das heftige Schluchzen vernahm, folgte er
dem Klang der Stimme; er sah einen Vorhang an der Türe eines Zimmers
hängen, raffte ihn zur Seite und erblickte einen Jüngling, der auf
einem Throne saß. Er war sehr schön gewachsen, hatte eine leuchtende
Stirn, frische Locken und rote Wangen, auf denen ein Fleckchen wie
Ambra glänzte, gleich wie der Dichter sagt: »Er war von schönem Wuchse,
durch seine Locken und seine Stirn wandelte die Welt in Licht und
Dunkelheit. Verleugnet nicht das braune Fleckchen auf seiner Wange,
denn auch der Anemone ist es verliehen.«
Der König trat heran und grüßte den Jüngling; der war in einen
seidenen Mantel mit goldenen Stickereien gekleidet, und auf seinem
Haupte glänzte eine ägyptische Krone. Er blickte traurig vor sich hin
und hatte Tränen im Auge; er dankte für des Königs Gruß und sprach:
»Wahrlich, es genügt nicht, daß ich nur vor dir aufstehe, denn du
verdienst mehr; darum entschuldige mich.« Der Sultan entgegnete: »Ich
komme als dein Gast zu dir, schöner Jüngling, und will dich über eine
seltsame Angelegenheit um Rat fragen. Sage mir, welche Bewandtnis es
mit dem See an den vier Hügeln und den bunten Fischen hat und mit
diesem einsamen Schlosse, in welchem du allein hausest, ohne Diener und
Gefährten, und mit deinem Kummer.« Als der Jüngling diese freundlichen
Worte vernahm, rannen ihm die Tränen über Wangen und Brust, und er
sprach folgende Verse:
»Wieviel Unglück hat das Schicksal schon bereitet! Das wissen alle, die
von ihm mißhandelt wurden. Magst du auch schlafen — wann schläft das
Auge Gottes? Wer genoß ohn' Unterlaß die Gunst der Zeiten? Wem hat die
Welt ewig gewährt?«
Und wieder weinte der Jüngling und seufzte; der König aber fragte
mitleidig: »Sage mir, warum vergießest du so heiße Tränen, Jüngling?«
Sprach jener: »Wie sollte ich nicht weinen, da ich der Unglücklichste
der Unglücklichen bin?« Er hob den Saum seines Kleides und ließ den
Sultan sehen, daß er halb Mensch und halb ein schwarzer Marmor war.
Da betrübte sich der König sehr über diesen schrecklichen Anblick.
»Du hast meinen eigenen Kummer noch vermehrt,« sprach er zu dem
Jüngling, »ich war gekommen, um über den See und die bunten Fische
Kunde zu vernehmen, nun muß ich auch nach deiner Geschichte fragen,
Unglücklicher. Es gibt kein Heil und keine Gnade außer bei dem höchsten
Gott. Berichte mir, was du weißt.« Der Jüngling antwortete ihm: »Neige
dein Ohr zu mir, und blicke mich an; denn wahrlich! eine wunderbare
Geschichte hat sich mit mir und mit den Fischen zugetragen. Ich würde
sie einem jeden willig erzählen, damit er daraus Mahnung und Belehrung
schöpfen kann. Vernimm also: