Die Ankunft der Herren versammelte nicht jene Menge von Dworowis auf
der Treppe, wie dies wohl ehemals zu geschehen pflegte; ein kleines
zwölfjähriges Mädchen erschien unter der Türe und bald hernach ein
junger Bursche, Peter sehr ähnlich, in grauer Livree mit weißen
Wappenknöpfen; es war der Diener von Paul Petrowitsch. Stillschweigend
öffnete er die Wagentür und schlug das Spritzleder des Tarantaß zurück.
Kirsanoff, gefolgt von seinem Sohne und Bazaroff, durchschritt einen
düstern, schlecht möblierten Saal, in dessen Hintergrund für einen
Augenblick die Gestalt einer jungen Frau sichtbar wurde; dann führte er
seine Gäste in ein nach dem neuesten Geschmack dekoriertes Zimmer.
»Da wären wir nun zu Hause,« sagte Kirsanoff, seine Mütze abnehmend und
seine Haare schüttelnd. »Vor allen Dingen wollen wir zu Nacht speisen
und uns ausruhen.«
»Ich werde einen Bissen nicht verschmähen,« erwiderte Bazaroff,
streckte sich und warf sich auf ein Kanapee.
»Ja ja, geschwind das Abendessen,« fuhr Kirsanoff fort und stampfte,
ohne eigentlich zu wissen warum, mit den Füßen. »Da kommt ja gerade
Prokofitsch.«
Ein magerer Mann in den Sechzigern, mit weißem Haar und braunem
Gesicht, war in das Zimmer getreten. Er trug einen kastanienfarbigen
Frack mit kupfernen Knöpfen und eine rosarote Krawatte. Er küßte Arkad
die Hand, grüßte Bazaroff und stellte sich, die Hände auf dem Rücken,
an der Türe auf.
»Da wäre er nun, Prokofitsch,« redete ihn Nikolaus Petrowitsch an.
»Endlich haben wir ihn wieder. Nun, wie findest du ihn?«
»Ei, im allerbesten Stand,« erwiderte der Greis lächelnd, allein
alsbald nahm er wieder seine ernsthafte Haltung an und zog seine
dichten Augenbrauen zusammen. »Soll ich den Tisch decken?« fragte er
mit wichtiger Miene.
»Ja ja, sei so gut. Aber würde Eugen Wassiliewitsch nicht vielleicht
gerne vorher in sein Zimmer gehen?«
»Nein, ich danke. Sie sind wohl so gütig, diese Art Felleisen und
diesen Fetzen dahin bringen zu lassen?« setzte er hinzu, indem er
seinen Kaban auszog.
»Ganz wohl! Prokofitsch, nimm den Rock des Herrn.« Der alte
Kammerdiener faßte den »Fetzen« mit einigem Staunen an, hob ihn über
seinen Kopf empor und entfernte sich auf den Zehenspitzen. -- »Und du,
Arkad, willst du nicht auf dein Zimmer gehen?«
»Ja, ich möchte mich gern ein wenig säubern,« antwortete Arkad.
Während er jedoch der Tür zuschritt, trat ein Mann von mittlerem
Wuchs in den Salon, der einen englischen Swit von dunkler Farbe, eine
nach der letzten Mode niedrige Krawatte und lackierte Halbstiefel
trug. Es war Paul Petrowitsch. Er schien etwa 45 Jahre alt; seine
sehr kurzgeschnittenen grauen Haare hatten den tiefen Glanz des noch
unbearbeiteten Silbers, die Züge seines klaren, runzellosen Gesichts
von gallichtem Teint waren von großer Regelmäßigkeit und mit äußerster
Feinheit gezeichnet. Man sah wohl, daß er einst sehr schön gewesen
sein mußte, besonders waren seine schwarzen und länglich geschnittenen
feucht glänzenden Augen bemerkenswert. In Pauls elegantem Äußeren hatte
sich noch die jugendliche Harmonie und etwas schwungvoll Aufstrebendes
erhalten, das die Schwere der Erde nicht zu kennen scheint und
gewöhnlich mit dem zwanzigsten Jahre verloren geht. Paul zog seine
wohlgeformte Hand mit langen rosenroten Nägeln aus der Hosentasche,
eine Hand, deren Schönheit noch von schneeweißen, am Handgelenk von
großen Opalen zusammengehaltenen Manschetten erhöht wurde, und bot sie
seinem Neffen dar. Nachdem das europäische ~shake-hands~ vollzogen war,
gab er ihm nach russischer Sitte drei Küsse, das heißt, er berührte
dreimal seine Wange mit seinem parfümierten Schnurrbart und sagte: »Sei
willkommen.«
Sein Bruder stellte ihn auch Bazaroff vor, er neigte sich jedoch kaum
gegen ihn, ohne ihm die Hand zu reichen, steckte sie vielmehr wieder in
seine Hosentasche.
»Ich glaubte schon, ihr kämet heute nicht mehr,« sagte er mit einer
Kopfstimme von angenehmem Klang und zeigte, sich anmutig wiegend und
die Schultern hebend, seine schönen weißen Zähne. »Ist euch unterwegs
etwas zugestoßen?«
»Zugestoßen ist uns nichts,« erwiderte Arkad; »wir haben uns nur Zeit
gelassen. Jetzt haben wir aber Hunger wie die Wölfe. Treibe Prokofitsch
ein wenig, Papa; ich komme sogleich wieder.«
»Wart, ich begleite dich!« rief Bazaroff und stand schnell vom Diwan
auf; damit gingen die beiden jungen Leute hinaus.
»Was ist _das_?« fragte Paul.
»Ein Freund von Arkascha; wie er mir sagt, ein sehr intelligenter
junger Mann.«
»Er bleibt einige Zeit hier?«
»Ja.«
»Der haarbuschige Gesell?«
»Ja, wahrscheinlich.«
Paul trommelte mit seinen Nägeln leicht auf den Tisch.
»Ich finde Arkad ~s'est dégourdi~,« fuhr er fort; »es freut mich sehr,
ihn wiederzusehen.«
Das Abendessen ging in ziemlicher Stille vorüber. Bazaroff namentlich
sprach fast nichts, aß aber um so mehr. Kirsanoff erzählte mehrere
Vorfälle aus seinem Pächterleben, wie er es nannte, setzte seine
Ansichten über die Maßregeln auseinander, die seiner Meinung nach
die Regierung hinsichtlich des Komitees[10], der Deputationen, der
notwendig gewordenen Aushilfe durch Maschinenarbeit usw. ergreifen
sollte. Paul -- der nie zu Nacht speiste -- ging langsam im Zimmer
auf und ab, trank von Zeit zu Zeit ein paar Tropfen Rotwein aus einem
kleinen Glase und warf noch seltener ein Wort oder vielmehr einen
Ausruf, wie: ah! ei! hm! dazwischen.
Arkad erzählte Neuigkeiten von Petersburg, allein er fühlte sich etwas
verlegen, wie dies meistens jungen Leuten begegnet, die, nachdem sie
kaum die Kinderschuhe vertreten haben, wieder an den Ort zurückkommen,
wo man gewöhnt war, sie als Kinder zu betrachten und demgemäß zu
behandeln. Er machte unnötig lange Phrasen, vermied, das Wort Papa
auszusprechen, und ließ sichs sogar einfallen, es durch »Vater« zu
ersetzen, was er dann freilich nur zwischen den Zähnen murmelte; mit
affektierter Gleichgültigkeit schenkte er sich viel mehr Wein ein,
als ihm schmeckte, hielt sich aber für verbunden, ihn zu trinken.
Prokofitsch ließ ihn nicht mehr aus den Augen und bewegte immer die
Lippen, wie wenn er etwas kaute. Fast unmittelbar nach beendigtem
Souper trennte man sich.
»Weißt du auch, daß dein Onkel ein kurioser Kauz ist?« sagte Bazaroff,
der sich auf Arkads Bett gesetzt hatte und eine sehr kurze Pfeife
rauchte. »Diese Eleganz auf dem Lande! Das ist wahrlich seltsam. Und
seine Nägel! die könnte man auf die Ausstellung schicken.«
»Du weißt nicht,« entgegnete Arkad, »daß er der Löwe seiner Zeit war;
ich erzähle dir einmal seine Geschichte. Er war ein bezaubernder Mann,
der allen Weibern den Kopf verrückte.«
»Das ists also! Er lebt noch in der Erinnerung jener schönen Zeit.
Unglücklicherweise gibt es hier aber keine Eroberungen zu machen.
Ich konnte nicht satt werden, ihn zu betrachten; diese komischen
Vatermörder! Man meint, sie seien aus Marmor, und wie glattrasiert sein
Kinn ist! Arkad, weißt du, daß all das höchst lächerlich ist?«
»Ich geb es zu, aber nichtsdestoweniger ist er ein ausgezeichneter
Mensch.«
»Ein echtes Stück Altertum. Dein Vater, das ist ein braver Mann. Er
sollte es bleiben lassen, so gerne Verse zu lesen; er wird wenig von
der Landwirtschaft verstehen, aber ein guter Kerl ist er.«
»Mein Vater ist ein seltener Mensch.«
»Hast du bemerkt, wie verlegen er war; wahrhaftig ganz schüchtern.«
Arkad erhob den Kopf, um zu zeigen, daß er es wenigstens nicht sei.
»Es ist ein komisches Volk, diese grauköpfigen Romantiker. Sie geben
ihrem ganzen Nervensystem eine derartige Entwicklung, daß das
Gleichgewicht darüber verloren geht. Laß uns jetzt aber zu Bett gehen.
Ich habe in meinem Zimmer zwar eine englische Wascheinrichtung, aber
die Türe schließt nicht. Doch über so etwas setzt man sich hinweg; das
englische Lavoir bleibt immer ein Fortschritt.«
Bazaroff entfernte sich und Arkad fühlte sich von großem Wohlbehagen
ergriffen. Es ist ein süßes Ding, unter dem väterlichen Dach zu
schlafen, in dem wohlbekannten alten Bett, unter einer Decke, die
befreundete Hände, vielleicht die der guten Amme, genäht haben,
diese zärtlichen und unermüdlichen Hände, die das Kind auferzogen.
Arkad gedachte wieder seiner Yegorowna und wünschte ihr die ewige
Glückseligkeit; zum Beten brachte ers nicht einmal für sich selbst.
Beide Freunde schliefen bald ein; nicht ebenso einige andere Bewohner
des Hauses. Kirsanoff hatte die Rückkehr seines Sohnes sehr aufgeregt.
Er legte sich zwar nieder, löschte das Licht aber nicht; den Kopf
auf die Hand gestützt, hing er noch lange seinen Gedanken nach.
Sein Bruder blieb, in einem breiten Lehnstuhl hingestreckt, vor
einem im Kamin brennenden schwachen Steinkohlenfeuer bis gegen 1 Uhr
nach Mitternacht sitzen. Er hatte sich nicht ausgekleidet, nur die
lackierten Halbstiefel hatte er mit roten chinesischen Pantoffeln ohne
Absätze vertauscht. Er hielt die letzte Nummer von »Galignani« in der
Hand, las aber nicht. Seine Augen waren auf den Kamin gerichtet, auf
dem eine bläuliche Flamme hin und her schwankte ... Gott weiß, was
er dachte; aber es war nicht die Vergangenheit allein, in der seine
Träumereien umherirrten; der Ausdruck düsterer Versunkenheit lag auf
ihm, was nicht der Fall ist, wenn man sich bloß Erinnerungen hingibt.
Im Hintergrund eines kleinen Zimmerchens auf der Rückseite des Hauses
saß, in eine blaue Duschagreika[11] gekleidet, mit einem weißen Tuch
über dem schwarzen Haar, eine junge Frau namens Fenitschka, die, obwohl
fast vor Schlaf umsinkend, Ohr und Augen auf eine halbgeöffnete Türe
gerichtet hielt, durch die man ein kleines Bett gewahrte mit einem
schlafenden Kinde darin; man hörte sein gleichmäßiges ruhiges Atmen.