99. GERETTET.

"Rasch, Ernst, kleide dich an, und komme sogleich herunter!"

"Was ist geschehen, Vater?"

"Geschwind, mein Junge! Der Ohio ist über Nacht gestiegen, das Dorf

ist unter Wasser, und wir müssen unser Haus verlassen."

Mit einem Satz war Ernst aus dem Bette und fuhr wie der Blitz in

seine Kleider. Dann lief er die Treppe hinunter in die Wohnstube.

Hier stand das Wasser schon über zwei Fuß hoch. Auf einem Tische am

Fenster war der Vater mit den Seinen. Die Mutter hielt die kleine

Rosa an der Hand und trug das Jüngste, ein herziges Büblein, auf dem

Arme. Sie hatte Tränen im Auge, der Vater aber sprach ihr Mut zu.

Endlich kam ein Mann in einem Kahn, alle stiegen hinein, und durch

dieselben Straßen, durch welche gestern noch Leute gegangen und Wagen

gefahren waren, ruderten sie jetzt im Rachen dem Lande zu. Nachdem

sie eine hochgelegene Stelle erreicht hatten, stiegen sie aus. Der

Bootsmann ging mit dem Vater, der Mutter und den zwei Kleinen den

Hügel hinauf nach einem Hause. Dort wollten sie ein Unterkommen

suchen.

"Du kannst dableiben und auf meinen Kahn achtgeben," sagte der

Bootsmann zu Ernst. Das war dem Knaben gerade recht. Jetzt erst

schaute er sich um. Welch ein Anblick! Nach dem Flusse zu sah man nur

Wasser. So weit das Auge reichte, schien alles ein großer See zu

sein. Drüben am anderen Ufer, ganz in der Ferne guckten die Wipfel

der Bäume und die Schornsteine aus der Flut empor. Ganz in der Nähe

stand das Bretterhaus der alten Frau Werner, welche sehr arm war und

von guten Leuten unterstützt wurde. Schon hatte das Wasser den

zweiten Stock erreicht und stieg immer höher und höher.

[Illustration]

Während Ernst das Häuschen der Frau Werner betrachtete, kam es ihm

vor, als rufe jemand um Hilfe. Richtig, jetzt öffnete die alte Frau

einen Laden und schaute heraus. Als sie ringsum nichts als Wasser

erblickte, klagte und jammerte sie laut und rang die Hände.

Ernst sah alles und dachte nach, was er wohl tun könne. Ja, so ging

es! Er wollte rasch den Hügel hinauflaufen und den Vater und den

Bootsmann rufen. Aber siehe da! Die Flut trieb einen mächtigen

Baumstamm gerade auf das Häuschen zu. Wenn er gegen dasselbe stieß,

löste es sich gewiß los, schwamm in der Strömung fort, und dann wäre

die alte Frau verloren.

Da sprang Ernst in den Kahn, stieß vom Ufer und steuerte nach dem

Häuschen. Frau Werner stieg aus dem Fenster in den Rachen, und der

Knabe ruderte, so rasch er konnte, an das Ufer zurück. Als er sich

demselben näherte, kam sein Vater gerade wieder vom Hügel herab.

"Hurra, wir sind gerettet!" rief Ernst, als der Kahn ans Land stieß.

Mit Tränen des Dankes im Auge drückte die alte Frau dem Knaben die

Hände. Der Vater aber schloß ihn an seine Brust und sprach: "Das war

wie ein braver Mann gehandelt, mein Sohn!"

Hin und Her: Ein Buch für die Kinder · 第 105 / 106 题